Mütter unter sich

„Nackt unter Wölfen“ hätte der Artikel auch heißen können. Oder „Mit Platzwunde im Haifischbecken“.

Wer in den letzten Wochen etwas anderes zu tun hatte, als alle Blogs und Facebookbeiträge zum Thema „Mütter“ zu lesen, für den fasse ich noch mal kurz zusammen: Mütter, die einen Kaiserschnitt hatten, haben nicht selbst geboren. Mütter mit Wunschkaiserschnitt sind Egoisten. Mütter, die nicht stillen, sind Egoisten. Mütter, die ihre Kinder zu Hause erziehen, sind zu faul zum arbeiten. Mütter, die ihre Kinder in die Kita bringen, sind karrieregeile Egoisten.

Zu jedem Punkt gibt es eine ganze Allianz von Müttern, die ihre Meinung ungefragt in die Welt posaunen und ihre Lebensmaxime als alleingültige proklamieren. Mit welchem Recht? Keine Ahnung, die Mütterrolle scheint für manche Frau leider die einzige Möglichkeit, sich persönlich zu profilieren. Ich finde das sehr bedauerlich. Für alle Beteiligten! Ich bin ja ein ganz großer Verfechter der „Die Welt ist groß und bunt“-Theorie und dass wir uns alle verbrüdern und verschwestern sollten. Und gemeinsam für eine neue Frauenbewegung kämpfen. Und Gehältergerechtigkeit! Und friedliche Koexistenz! Und faltenfreie Haut für alle!

Aber erst ab morgen.

Denn, um es vorweg zu nehmen: Ich bin keinen Deut besser! Zwar tangieren mich die oben genannten Themen schlichtweg überhaupt nicht (dafür habe ich nur ein müdes Lächeln übrig), aber ich habe natürlich auch meine „Feindbilder“ an der Mütterfront. Und heute darf ich noch mal vom Leder ziehen.

Die Tofu-Mutti
„Natürlich“ ist die Devise der Tofu-Mutti. Geboren wird im Geburtshaus oder zu Hause auf dem Juteteppich. Jeglichen medizinischen Eingriff in die „natürliche“ Geburt wertet sie als persönliches Versagen. Das Kind der Tofu-Mutti wird gestillt, bis es alt genug ist zu vermelden: „Du Mutti, ich hätte eigentlich lieber ein Bier!“ und schläft im Familienbett bis zu seinem Auszug mit zweiundzwanzig. Die Tofu-Mutti erkennt man an der natürlichen Achsel- und Beinbehaarung, den Jutesandalen (im Winter mit Schafwollsocken darin), einem meist verhärmten Aussehen (fehlendes tierisches Eiweiß?!) und dem unverwechselbaren Duft von Dinkelpups. Meist einher geht mit dieser Attitüde die Konjunktiv-Erziehung: „Friedrich, würdest du bitte aufhören, den Jungen zu schlagen? Du möchtest doch bestimmt auch nicht, dass man dich schlägt?“, auch ist sie eine Verfechterin der frühkindlichen Involvierung in komplexe Grundlagendiskussionen. Mit Eintritt der Kinder in die Sozialisierungsanstalten (wenn sie nicht gleich zu Hause unterrichtet) engagiert sie sich sehr zum Leidwesen aller anderen Eltern als Klassensprecher, Elternberater etc. und schreibt ellenlange eMails, um das Schulsystem und die Essensversorgung zu reformieren. Am liebsten würde sie alle Unterrichtsstunden hospitieren um dem Lehrer im Anschluss konstruktiv Feedback zu geben. Die Tofu-Mutti hält mir gerne ungefragt Vorträge über vegane Kleinkindernährung und dass ich mit meiner getönten Tagescreme aus dem Chemielabor das Grundwasser verpeste und mit dem Plastikspielzeug meine Kinder vergifte…
Ich möchte ihr mit Mettwurstbrötchen den Mund stopfen und sie in einen Schönheitssalon zwangseinweisen lassen!

Die Cakepop-Prinzessin
…ist immer im letzten modischen Chic gekleidet und ihr steht es selbstverständlich besser als den Models in den Hochglanzmagazinen. Ihr Teint ist ebenmäßig, nie verirrte sich eine Pore oder Falte darin (Aber anstatt schwesterlich die Telefonnummer des Facharbeiters rauszurücken und einen Gruppenrabatt auszuhandeln, behauptet sie selbstverständlich, das käme nur vom Schlaf und vier Litern Quellwasser pro Tag!). Seidigweiß glänzende Zähnchen blitzen aus dem ewig lächelnden, perfekt in angesagtem Himbeer bemalten Mündchen. Sie trägt immer eine stylische Frisur und nicht nur Haare, wie ich. Selbstverständlich ist sie groß. Ihre Beine enden dort, wo mein Hals beginnt. Sie sieht auf mich herab und sagt Sachen wie: „Du bist so…klein! Wie süüüüß!“ (ich überlege oft, ihr in die Knie zu beißen). Am perfekten Body mit dem perfekten BMI baumelt immer die angesagte Handtasche der Saison. Sie betreibt natürlich einen Blog mit achtzigtausend Abonnenten, die sie in jedem Beitrag mit „Hallöle ihr Süßen!“ persönlich begrüßt. Und dort kredenzt sie herzallerliebste Backrezepte in einer herzallerliebsten extra für sie designten Küchenschürze und dekoriert sogar mit ihren eigenen, herzallerliebsten, perfekt lackierten Fingerchen die Zuckerkügelchen einzeln auf den herzallerliebsten Cakepops. Und dabei lächelt sie fröhlich! Außerdem gibt es wegen der hohen Nachfrage viiiiele professionelle Fotos von ihr… im Sonnenuntergang, im Sonnenaufgang, im herbstlichen Blätterwald. Mal versonnen-mädchenhaft lächelnd, mal Lebensfreude ausstrahlend mit ausgebreiteten Armen. DAS wollen die Leser sehen!
Und weil so ein Kind als modisches Accessoire heutzutage dazugehört, hat sie natürlich auch eines. Ein ganz besonders hübsches selbstverständlich! Und hochbegabt!
Das Cakepop-Prinzessinnen-Verhalten im sozialen Umfeld kann ich in zwei Kategorien unterteilen: Entweder „würde“ sie sich ja sehr gern an Diesem oder Jenem beteiligen, ist da aber auf einem Event in Hamburg, dann jettet sie noch mit dem Til (dem Schweiger) nach Berlin und ja, nächste Woche ist da ein Shooting für ihr Kochbuch… Leider! Die andere Variante ist nicht weniger ätzend: Sie macht das alles in Personalunion! Und winkt mit dem manikürten Händchen nonchalant ab und behauptet, das hätte doch alles ÜBERHAUPT keine Arbeit gemacht. Bevor sich eine Normalo-Mutti aus der Schlafanzughose geschält hat, ist die Cakepop-Prinzessin schon mit der Frühschicht fertig und hat für alle Kinderlein Tütchen gebastelt mit neckischen Obstschnitzereien, die sie in der Kita dann an die Haken hängt, damit die anderen Kinderlein auch mal sowas Nettes zu essen bekommen wie ihr süßes, süßes Cakepop-Prinzessinnen-Kind. Die gucken nämlich immer ganz traurig, wenn der Legolas-Phinneas seine Obstschnitzereien und Kuchen in Form seines Namens morgens auspackt… Und das hat sie doch so gern gemacht! Und das hat ÜBERHAUPT keine Arbeit gemacht! Und zum Geburtstag vom Legolas-Phinneas sind alle Kinderlein eingeladen in die Barbie-und-Ken-Villa der Cakepop-Prinzessin und der Justin (der Bieber) kommt vielleicht auch und die einhundert Kinderlein bekommen dann alle eine zwölf Kilo schwere Give-away-Tüte geschenkt mit den Backbüchern der Prinzessin (mit Autogramm) und vielen schönen Fotos. Von ihr. Das Kind ist aber wahrscheinlich auch irgendwo mit drauf. Im Sonnenaufgang, im Sonnenuntergang, im herbstlichen Blätterwald…
Ich wünsche ihr einen ekligen Ausschlag an den Hals! Und Herpes. Und dass, wenn sie abends in ihren Spiegel schaut und diesen befragt: „Spieglein, Spieglein an der Wand. Wer ist die Schönste im ganzen Land?“, dieser ehrlich antwortet: „Ihr, Prinzessin, seid die Schönste hier. Aber die Rike hinter den sächsischen Bergen, die Königin der drei Zwerge, die ist tausendmal sympathischer als ihr!“. Ätsch Bätsch!

Aber ab morgen wird alles anders! Dann gehe ich auf die Straße und kämpfe für eine neue Frauenbewegung. Mit der Tofu-Mutti und der Cakepop-Prinzessin (wenn die Zeit hat).

6 Kommentare zu “Mütter unter sich

  1. Yeeehaaaa =D „Die gucken nämlich immer ganz traurig, wenn der Legolas-Phinneas seine Obstschnitzereien und Kuchen in Form seines Namens morgens auspackt… Und das hat sie doch so gern gemacht! Und das hat ÜBERHAUPT keine Arbeit gemacht!“

  2. HAHAHA!!! Das Drehbuch für meine Mutterrolle ist zwar gerade noch in der Mache, aber ich bin gespannt auf den Alltag. Und es gibt vermutlich auch in diesem Stadium schon die Dinkel- und die Barbie-Schwangere. Und so’ne Zottel-Mädchen wie mich, die sich mit löchrigem T-Shirt und Schoko-Waffelröllchen im Bett rumwälzen…

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