Der Elternzeitpraktikant

Dass ich mich hier so rar mache, war nicht beabsichtigt. Die Umstände haben sich geändert. Meine persönliche Situation. Ich habe seit letzter Woche einen Praktikanten und der generiert sehr viel Arbeit und bindet alle freistehenden Ressourcen meinerseits.

Der Beste hat nämlich Erziehungsurlaub und wir müssen da jetzt durch. Ich wusste, dieser Tag würde kommen. Irgendwann. Nicht so schnell allerdings.

Ich versuchte kurzzeitig, ihm glaubhaft zu machen, dass „Erziehungsurlaub“ bedeuten würde, dass Väter an die gestiegene Komplexität der von ihnen erwarteten Leistungen und Kompetenzen ranerzogen werden sollen. Erfolglos.

Er freut sich schon seit Anbeginn der Einnistung des kindlichen Eies auf diese zwei Monate. Nichts kann ihm das versauen! Und was er für Pläne schmiedet! Und was wir alles unternehmen! Und wie toll das für uns zwei werden wird! Oder uns drei. Oder vier. Ganz toll wird das! Zwei Monate frei! Menschenskinder!

Meinen Einwurf, dass „frei“ es ja eigentlich nicht treffen würde, überhört er geflissentlich. Auch hat er mal wieder den Jackpot geknackt, denn da ich ja auch noch daheim bin, sieht das alles aus wie ein langer Sommerurlaub für ihn. Oder, um es aus meiner Warte zu beschreiben: wie ein nicht enden wollendes Wochenende (Ich bemerkte mal unter Freundinnen, dass ich die fünf Wochentage bräuchte, um mich von den Anstrengungen des Wochenendes zu erholen und erntete erstaunlicherweise verständnisvolles Nicken. Geht außer mir also noch zwei anderen so.).

Der Baby-Blondino ist jetzt zehn Monate bei uns und ich bin total verknallt wie am ersten Tag. Ich cruise glücklich in meinem Babyversum und liebe die Tage mit dem Hosenscheißer. Morgens, wenn die beiden großen Jungs das Haus verlassen haben, hauen wir uns noch mal ins Bett und gucken uns verliebt an, kuscheln, schlafen vielleicht noch mal und haben´s ansonsten schön. Termine versuche ich mir tageweise versetzt zu legen, damit so was wie Hektik gar nicht an uns ran kommt. Wenn ich am Rechner sitze, dann hockt der neben mir, kaut auf einem Kuli oder einer Wäscheklammer, guckt interessiert und gibt kluge Kommentare, wenn er gefragt wird: “Da! Da!“ (Genau, er spricht russisch. Das war nicht beabsichtigt, er ist einfach so hochtalentiert. Er spricht auch schwedisch. Alles, was er in die Hände nimmt, wird mit einem freundlichen „Hej!“ begrüßt. Deutsch spricht er im Übrigen nicht. Wir werden schwedisch lernen müssen und russisch kann ich übersetzten. Aber das nur am Rande. Zugegeben, ein längerer Rand, aber wer hier öfter mitliest weiß ja bereits, der heiße Brei ist meine Wohlfühlzone.). Wo war ich? Ach so, ja, also alles voller Geigen. Zumindest montags bis freitags. Am Wochenende habe ich manchmal das Gefühl, als ob wir eine achtköpfige Familie wären oder die Hottentotten bei uns eingefallen sind. Gebrülle, Gelärme, Gerenne, Hektik, Gezanke, Dreck und Unordnung. Nasse Sportklamotten vom Joggen, nasse Sportklamotten vom Radfahren, nasse Sportklamotten vom Squash, dazwischen nasse Sportklamotten, die schon gewaschen waren. Aber wer weiß das schon so genau. Ständig muss ich irgendwem der Brut irgendwas zu essen machen und komme gefühlt erst am Montagmorgen wieder aus der Küche raus.

Und das wird jetzt zwei Monate so sein. Denn justament fällt die Elternzeit des Besten in die Sommerferienzeit vom Kind Nummer eins! Jippieh! All inclusive für mich! Wer zum Henker hat das denn bestellt?

Am ersten Tag des Erziehungsurlaubs sprang der Beste hochmotiviert halb sieben aus dem Bett, um dem Großen das Frühstück zu richten und ließ mich bis um sieben weiterschlummern (Dann brauchte das Baby eine neue Windel!). Bereits am zweiten Tag blieb er liegen und stellte sich tot, ich hatte also wieder Frühschicht. Als das Kind Nummer eins mich halb acht fragte, ob es den Papa wecken dürfte, sagte ich fatalerweise ohne Nachzudenken: “Ja!“. Großer Fehler. Ein verschlafener, zerknautschter Ehemann steckte seinen missmutig dreinblickenden Kopf ins Kinderzimmer und schnauzte: „Und warum genau soll ich jetzt eigentlich aufstehen?!“.

Beim sich deshalb eher als gedacht notwendig erweisenden Mitarbeitergespräch zeigte er sich reumütig, aber wenig selbstkritisch: „Ich muss mich erst an die neue Situation approximieren!“. Aha.

Er kommentierte dann auch jeden seiner Handgriffe lobheischend und erwartete wohlwollende Bemerkungen über seine Leistungen im Kinderzimmer, denn noch niemals hatte ein Baby jemals einen derartig grünen, dünnen Riesenschiss gemacht und noch niemals hatte ein Vater auf der ganzen Welt und im Universum derartig versiert irgendeinen Hosenscheißer davon befreit!

Genau dreißig Minuten. Dann überlegte er wohl, dass die Praktikantenrolle nichts für ihn sei und es mal Zeit würde, dass mir hier jemand sagt, wie man das alles am besten macht. Und wer könnte das besser als er? Eben.

So stand er dann auch mit verschränkten Armen breitbeinig vor mir und konstatierte: „Schleppst du den etwa den ganzen Tag rum? Das ist ja kein Wunder, dass du immer Rückenschmerzen hast! Das wird jetzt anders! Der bleibt jetzt hier sitzen! Wird Zeit, dass der lernt, sich alleine zu beschäftigen!“. Auch das Baby bekam sein Fett weg. Beim Füttern: „Baby, jetzt ist aber Schluss! Hör auf mit den Armen zu fuchteln! Sofort! Du verschmierst den ganzen Brei! Rike, komm her! Ich brauche noch zwölf Zewa-Tücher! Dein Sohn ist überhaupt nicht kooperativ! Wie kann man ein kleines Baby innerhalb so kurzer Zeit derart verziehen! Den kann man nicht füttern! Baby, sitz still oder du bekommst gar nichts! Rike, komm zurück! Ich brauche einen Schnaps! Und tupf´ mir die Stirn ab!“.

Oder so ähnlich.

Abends, ich bin völlig fertig, mäandert der an mich ran und fragt allen Ernstes: „Und? Hab ich dir heute nicht schön geholfen?“.

Bestimmt ist er eine große Hilfe, ich muss mich wahrscheinlich auch erst an die neue Situation approximieren…Sind ja nur ZWEI MONATE!

 

 

 

15 Kommentare zu “Der Elternzeitpraktikant

  1. Wuahaha, da hast du ja echt den Sommer-Jackpot geknackt! Hab mich weggeworfen vor Lachen, wie immer herrlich geschrieben! Und so wahr, so wahr…
    Lg, MamaOTR

  2. Ich weine. Nein, ich weine nicht. Ich schluchze. Heiße Freudentränen. Ich heule also irritierend laut vor Vergnügen und fächerte erst mit einer Hand, dann mit zwei Händen wenig sauerstoffangereicherte Büroluft (Macht ma einer das Fenster…??) in Richtung meines vor brüllendem Gelächter weit geöffneten Mundes und dann, weil zwei mittelgroße Hände nicht ausreichten, mit einem roten Ordner (Lag hier so.).
    Gut, dass ich es schreiben kann, denn Atmen klappt noch immer nur sehr bedingt:
    Du. bist. der. K n a l l e r !

  3. Pingback: “Der Elternzeitpraktikant” | Das zweite Kind sind Zwillinge

  4. Komme grad von Mara rüber und muss mich meinen Vorrednerinnen vollst anschließen: Hier exakt das Gleiche in Grün, nur dass der Herr immer noch (die Kinder sind 4 und 6) für jeden Handgriff überschwänglichst gelobt werden und dann bitteschön die nächsten vier Wochen in Ruhe gelassen werden möchte! 😉 Hab sehr gelacht, der Text ist göttlich, Danke! 😀

  5. HERRlisch!!!! 😀
    Ich gestehe auch ab und zu unter ganz engen Freundinnen, das ich mich spätestens Samstag-Nachmittag auf den Montag-Morgen freue!!! Und weil ich mir die Väter-Eltern-Zeit GENAUSO vorstelle, *flüster* …. habe ich meinen Göttergatten NIE gefragt ob er das machen möchte! *doppelzwinker*
    Ich würde sagen …. Du musst da dringend mal raus! Mach doch ein paar „wichtige“ Termine außer Haus! Und wenn Dir keine „Wirklich“ wichtigen Termine einfallen, dann kommst Du zu mir zum Kaffee! *lock* Wir wohnen im Süden der Stadt! *rüberwink* Und mein Mann geht eh davon aus das ich den ganzen Tag mit anderen Müttern Kaffee trinke! *augenroll*

    • Ein unerschöpflicher Quell an Blogthemen…Der pensionierte Mann wird Kia-Fahrer und trägt beigefarbene Hosen mit Bügelfalte und exaltierte Hobbies wie Kronkorkensammeln und Laubsägearbeiten zur Schau. Kinder, das wird schön! Hauptsache, ihr seid dann auch alle noch da 🙂

  6. Hihi, sehr toll. Das kenn ich von unseren Wochenenden auch 🙂 Ich habs mir einfach gemacht … er hat einfach NACH MIR Elternzeit genommen. So hab ich das ganze Chaos einfach nicht mitbekommen. Aber so schlimm wie bei Euch wars bei uns (glaub ich) nicht. Er hat sogar weiter fein selbst Brei gekocht für den Kleinen. Und das nenn ich mal echt ne Leistungen für jemand, der in nem Fastfood-Haushalt groß geworden ist!
    Aber ich hab auch oft das Gefühl, dass ich zusammen mit dem Kleinen viel entspannter bin, wenn wir zu zweit sind, als wenn er nicht noch mit seinen anderen Erziehungsmethoden (siehe Rumtragen und Rumfuchtelnn beim Essen … a la das geht so nicht, das wird jetzt alles anders) dazwischengrätscht und Unruhe und Chaos in die ganze Sache bringt.

  7. Pingback: Die Bewerbung – Nieselpriem

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