Schneeweißchen und Rosenrot

Zehn Jahre lang nannte mich jeder Henrike. Dann kam meine Schwester und konnte den Namen nicht aussprechen. „Hairije“. Danach hieß ich Rike.

Seit dem Tag ihrer Geburt hat sie eine Stelle in meinem Fühlen und Bewusstsein eingenommen, die nie durch irgendeinen anderen Menschen besetzt werden kann. Wohl auch, und das unterscheidet uns von anderen Schwestern, weil unser beider Schicksale durch eine tragische und besondere Situation für immer miteinander verwoben sein werden.
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Ich erinnere mich noch ganz genau an unsere erste Begegnung, wie sie da in der Besucherritze des Elternbettes lag. Olivfarbene Haut, schwarze Augen, schwarzes Haar, das wie ein Hahnenkamm in der Mitte des Köpfchens nach oben gebürstet war. So fremd, so wunderschön! Es war Liebe auf den ersten Blick. In diesem Moment besetzte sie die Position des Lieblingsmenschen in meinem Kinderherz, vollkommen, ohne Vorankündigung.

Der zehnte Geburtstag meiner Schwester war der einzige, an dem ich nicht bei ihr war. Ich hatte mich in ein Abenteuer gestürzt und war an diesem Tag fünfhundert Kilometer entfernt von ihr. Doch schon zehn Wochen danach webte das Schicksal ein Netz um uns, das unser beider Leben für immer beeinflussen würde.

Deutschland wurde Fußballweltmeister und die Menschen tanzten auf den Straßen. Auch auf denen der kleinen Stadt in der Nähe von Bonn, wo ich mich damals aufhielt. Und sie tanzten und feierten auch dann noch, als ich auf der Polizeiwache saß und versuchte zu verstehen, was der Beamte mir mit sichtlichem Unbehagen versuchte zu erklären. Es hätte einen Verkehrsunfall gegeben, die Familie war auf den Weg in den Sommerurlaub an der Ostsee. Ich rief in dem Krankenhaus an, Vater am Unfallort verstorben, Mutter in Lebensgefahr und das Kind, also das Kind sei seit vielen Stunden im OP. Man könne nicht mehr sagen. Der Rest des Tages ist verschwommen in meiner Erinnerung.

Ich sehe sie noch immer vor mir. Ein kleines Mädchen in einem großen Bett. Doch diesmal ist es ein Krankenhausbett. Ihr zertrümmertes Bein ist an Seile gebunden, ihr dicker geflochtener Zopf umrahmt das geschwollene Gesicht, das ihr aufgrund des Brillenhämatoms das Aussehen eines frisch geschlüpften Vögelchens verleiht.

Sie liegt im Koma und ich sitze neben ihr. Setze eine Puppe an ihr Bein. Irgendwo finde ich einen Bleistift, ich zeichne sie. Schreibe einen Zettel, schreibe, ich bin hier! Ich bin hier bei dir! Alles wird gut! Lege den Zettel jedesmal an ihr Bein, wenn ich den Raum verlasse. Einmal, als ich wiederkomme, hat sie die Augen offen und den Zettel in der Hand. Sie sagte später, sie habe gewusst, ich sei da.

Ich hatte keinen Plan und schon gar keinen Plan B. Auf einmal gab es nur sie und mich. Und ich war verantwortlich.

Ich brach meine kleinen Zelte im goldenen Westen ab und zog in die elterliche Wohnung zurück. Schlief im Bett meiner Eltern, das nie wieder würde das Bett meiner Eltern sein. Ich lief im Krankenhaus auf und ab, beerdigte unseren Vater, kämpfte um das Erziehungsrecht für meine Schwester und wusste bei alledem nicht, wie man sowas macht.

Meine Familie befand sich in Schockstarre und auch die Freunde meiner Eltern, die mir immer Hilfe angeboten haben, konnten nur bedingt helfen. Ich war jetzt verantwortlich.

Das Zopf-Mädchen mit den Krücken und ich wohnten nun zusammen in der elterlichen Wohnung. In den Möbeln unserer eigenen, gemeinsamen Kindheit. Ich kann mich an die Momente der Normalität nicht erinnern. Sicher, ich habe die Miete irgendwie bezahlt und im Herbst eine Winterjacke gekauft. Aber ich sehe mich nicht kochen, oder im Advent Plätzchen backen. Hm, vermutlich waren wir oft bei Mc Donalds…

Ich ging mit ihr morgens zur Schule, trug den Ranzen, sie stakte tapfer auf ihren Krücken neben mir her. Sie ging in ihre Klasse, ich zog mir eine Kittelschürze über. In den Pausen wartete ich vor ihrer Tür um den Ranzen in ein anderes Zimmer zu tragen und sie zu geleiten. Während der Unterrichtsstunden putzte ich das Schulhaus und mittags schaufelte ich den Kindern Kartoffelbrei auf Plastikteller. Ich war zwanzig Jahre alt und Putzfrau. Aber das spielte damals keine Rolle, Hauptsache, ich konnte in der Nähe meiner Schwester sein.

Ich hatte keinen Plan. Ich machte einfach. Und ich machte vieles falsch, rückblickend. Aber in einer Situation, in der einfach nichts „richtig“ ist, wie kann das auch anders sein? Wir waren doch noch Kinder, beide. Aber ich war verantwortlich! Und so lange sie bei mir war, habe ich gewusst, es ist das einzige, das ich wollte.

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Die Zeit heilt überhaupt nicht, und schon gar nicht alle Wunden! Aber nach langer Zeit kam auch unsere Mutter wieder nach Hause.

Und so wurden dann aus Pflegekindschwester und Pflegemutterschwester wieder „normale“ Geschwister.

Nein, natürlich nicht.

Die folgenden Jahre waren für uns beide und unser Verhältnis die härtesten. Auf einmal war ich nicht mehr zuständig! Und das Zopfmädchen musste sich während ihrer Pubertät nicht nur von unserer Mutter lösen sondern auch von mir.

Hatte sie mich einfach immer und stets mit ihren großen Augen hoffnungsvoll von unten angesehen („Die Rike wird das schon machen, die passt auf mich auf.“), so blickte sie nun immer öfter geringschätzig auf mich herab, körperlich mir längst schon entwachsen. Sie schnaubte, egal, was ich sagte. Rollte mit den Augen, schoss giftige Pfeile und jeder traf mich – Zack! – mitten in die Brust. Egal, was ich sagte oder tat, nichts erreichte sie. War das nur die Pubertät oder fühlte sie sich von mir verlassen? Ich weiß es nicht. Ich jedenfalls fühlte mich damals sehr verlassen, entwurzelt und zutiefst gekränkt. Weil noch immer mit ihr stärker verbunden als mit jedem anderen Menschen.

Die Zeit, sie heilt vielleicht nicht, aber streut Grassamen aus.

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… Und auf der Wiese, die auf unserer Beziehung gewachsen ist, blühen mittlerweile Blumen. Wir sind erwachsen, wir haben überlebt.

Sie ist mir nicht nur optisch ungleich. Groß, klein. Dunkel, hell. Besonnen, analytisch im Gegenzug zu unkonventionell und sprunghaft. Zwei unterschiedliche Blumen aus demselben Garten. Wären wir nicht miteinander verwandt, so bezweifle ich, dass unsere Andersartigkeit uns je zu Freunden gemacht hätte.

So aber sind wir viel mehr. Sie ist mein größter Fan und zugleich schärfster Kritiker. Aber vor allem ist sie eines der ganz großen Geschenken des Lebens an mich.

Und zwar mit allen Facetten.

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Für Tati ❤