Das war die Blogparade „Der Tag meiner Geburt“

Ganz egal, welche Haltung jeder Einzelne von uns zu diesem bestimmten Sonntag im Mai hat, so kommt doch keiner daran vorbei, gerade an diesem Tag an den einen Menschen zu denken, mit dem unser eigenes Leben unweigerlich verknüpft ist. Und zwar vom ersten Tag an. Vom #TagmeinerGeburt.

Anlässlich des diesjährigen Muttertages wollte ich eure Geburtsgeschichten lesen und es sind spannende Berichte zusammengekommen. Ich danke euch allen, dass ihr mitgemacht habt und eure Geschichte mit uns teilt!

Sehr berührt hat mich der Bericht von needless to say. Eine Geschichte über ein Wunder, ein Kind, dass eigentlich nicht hätte kommen sollen und doch freudig erwartet wurde. Über mutige Eltern, die schon damals mehr ihren eigenen Instinkten als den Ärzten Glauben schenkten. Einem Kind, das schlussendlich in einer Einkaufstasche nach Hause getragen wurde. In sein neues Leben.

Bei essential unfairness brachte eine tapfere Mutter ihr Kind in einer Teeküche des Krankenhauses zur Welt, weil nebenan renoviert wurde. Inklusive Besuche der Handwerker. Exklusive des Vaters, der sich von den Strapazen daheim vor dem Fernseher ausruhen musste.

Bei Wunschkind² hat eine etwas störrische und bockige junge Mutter, die eigentlich keine Kinder bekommen konnte, eine langwierige Nierenbeckenentzündung nach vierzig Wochen entbunden und als dieses Überraschungskind dann noch nicht mal ein Junge war, weigerte sie sich anfangs vehement, das Kind auch nur anzusehen. Bei einem Bierchen und einer Zigarette mit dem Arzt konnte die Frischentbundene doch noch überredet werden, wenigstens mal einen Blick auf das Töchterchen zu werfen (vermutlich war es dann Liebe auf den ersten Blick). Im Übrigen bekam die Unfruchtbare noch drei weitere Kinder… Ich mochte diese Mutter sehr beim Lesen!

Bei parentsdont brachte eine junge Schwesternschülerin ihr erstes Kind im Krankenhaus zur Welt, in dem sie auch arbeitete. Das wirklich Ergreifende an dieser Geschichte ist aber eher die Tatsache, dass sie sich von allen anderen abhebt durch den Umstand, dass der Vater schon damals eine größere Rolle spielte als bei anderen Familien, wo die werdende und Mutter oft mit der Kinderkriegerei und auch dem Versorgen allein beschäftigt war. Sehr lesenswert mit Schmunzelgarantie!

Miriam von TheMama schreibt einen sehr warmherzigen und dankbaren Text und in diesem ist auch ein Schriftwechsel zwischen ihr und ihrer Mutter abgebildet, der zeigt, dass sie ein sehr herzliches Verhältnis haben. Und es spiegelt wider, dass selbst unter den damaligen Bedingungen (alle vier Stunden bekam man das Baby zum Stillen, nachts nie, strikte Besuchszeiten) die Mutter der Ansicht ist, früher sei alles noch schlimmer gewesen! Und hauptsache, die Kinder waren gesund!

Dass Ultraschall, CTG und engmaschige Geburtsüberwachung ein Segen der Neuzeit sind und durch die dadurch gegebene Möglichkeit frühzeitig eingreifen und helfen zu können vermutlich viel Kummer erspart werden kann, ist in der Geschichte um die überraschende und traurige Zwillingsgeburt von Nadine P. nachzulesen.

Kinder werden immer geboren. Selbst unter widrigsten Umständen. Das liegt in der Natur der Sache. Und ist das Normalste und Natürlichste der Welt. Und trotzdem immer wieder ein kleines Wunder. Und dieser Moment, in dem beide geboren werden, das Kind und die Mutter, die vorher diese Rolle möglicherweise noch gar nicht innehatte, werden beide verbunden bis an das Ende ihrer Tage. Die Nabelschnur wird nur physisch zerschnitten. Sie bleibt ein Leben lang fühlbar bestehen.

Karl-Haende

“Ein Grundrecht auf Wissen”

Ich habe heute einen Artikel von Ulrike Baureithel beim Freitag gelesen, der in einer Passage einen Wissensträger zitierte mit dem Ausspruch, Paare hätten ein Grundrecht auf Wissen. Und zwar im Zusammenhang mit immer spezifischeren Tests in der Pränataldiagnostik. Es ging in diesem in seiner Vollumfänglichkeit wirklich lesenswerten Artikel nur absatzweise um die Pränataldiagnostik, aber mich beschäftigt gerade dieser Aspekt besonders.

Vorweg: Ich möchte den Fortschritt der Wissenschaft nicht schmähen oder gar verpönen, und doch frage ich mich: Sollte nicht bei aller Forschung und bei allem Bestreben nach Klarheit, Begreifen und Wissen die Frage im Fokus stehen: Wem nützt es? Und welche Tests auf welche erblich bedingten Krankheiten brauchen wir denn wirklich? Wenn es bald vorgeburtlich nachweisbar wäre, dass eine erhöhte Eintrittswahrscheinlichkeit für Mukoviszidose besteht oder Leukämie, sollte das transparent gemacht werden? Und dann? Dem Kind das Leben verwehren um ihm eine möglicherweise eintretende Krankheit zu ersparen?

Und ich frage mich zusätzlich: Was kann denn wirklich zweifelsfrei bewiesen werden? Bei diesen Testverfahren werden Parameter ausgelesen und mit allen dem heutigen Stand der Wissenschaft zur Verfügung stehenden Erkenntnissen abgeglichen. Und daraus dann ein Befund ausgelesen.

Sollte im Rahmen einer vorgeburtlichen Untersuchung ein positiver Befund auf eine tiefgreifende Erkrankung nachgewiesen werden, haben die werdenden Eltern schlussendlich die Entscheidung zu treffen, wie sie mit dieser Nachricht umgehen. Wer einmal in diesen Schuhen steckte, wird das nie wieder vergessen. Die Ohnmacht, die Hilflosigkeit und auch das Alleingelassenwerden. Denn:

„Die heute übliche humangenetische Beratung klammert Aspekte wie die Ausprägung einer Behinderung oder die Lebenswirklichkeit von Menschen mit Behinderung ohnehin aus, das ist noch immer nicht Teil der medizinischen Ausbildung.“

Ich würde mir wünschen, dass daran gearbeitet wird. Dass das Wissen um genetische Veränderungen und deren Nachweis nur die eine Seite einer Medaille ist. Solange die Medinzin als einzige Option, die das „Wissen“ mit sich bringt, den Schwangerschaftsabbruch anzubieten hat, bezweifle ich, dass dieser Forschungsschwerpunkt einen humanitären Nutzen hat.

„Denn im Falle eines Befundes kann sich an den Test keine Therapie anschließen, die Schwangerschaft wird meist mit einem Abbruch beendet.“

Die Situation, vor der die Eltern dann stehen, ist in ihrer Schrecklichkeit kaum zu überbieten. Reden wir ja in den allermeisten Fällen von einer fortgeschrittenen Schwangerschaft mit Kindsbewegungen, einer Wiege daheim im Wohnzimmer, Hoffnungen und Plänen. Die Option, die die Ärzte anbieten, wird „medizinisch indizierter Spätabort“ genannt. Etwas anderes kann die Medizin nicht leisten. Nachweisen, dass das Kind möglicherweise eine schwerwiegende Behinderung hat und anbieten, die Schwangerschaft zu unterbrechen. Zu beenden. Entscheiden müssen das die Eltern. Und sie sind es auch, die mit dieser Entscheidung leben müssen. Für den Rest ihres Lebens.

Möglicherweise. Das ist das Schlüsselwort. Denn kein Mediziner wird sich dazu hinreißen lassen, eine „garantierte“ Diagnose zu stellen. Es sind nur Tests. Und die haben eine Fehlerquote.

Ich kenne ein Paar, das nach einem unauffälligen Screening ein Mädchen mit einer Trisomie 21 bekam.

Und ich kenne eine Frau, bei der im sechsten Schwangerschaftsmonat eine frisch durchlaufene Rötelninfektion festgestellt wurde. Der jungen Frau wurde dringend zu einem Abbruch geraten. Das Kind sei im günstigsten Fall blind oder taubstumm, im ungünstigsten Fall blind, taubstumm und geistig behindert. Sie konnte sich nicht durchringen und forderte weitere Tests. Es wurde durch die Bauchdecke der Mutter vom Kind Blut abgenommen und auch beim Fötus der erhöhte Rötelntiter festgestellt. Dieser invasive Eingriff setzte schlussendlich Wehen in Gang. Mariechen, so nannte die junge Frau ihr Kind, kam in der achtundzwanzigsten Woche tot zur Welt. Die Autopsie ergab „Keine Anzeichen auf Röteln-Embryopathie oder Röteln-Fetopathie“. Keine.

Als ich mit dreiundvierzig schwanger wurde, war mir persönlich klar, ich kann so eine Entscheidung niemals treffen. Ich will nicht nur nicht, ich kann es nicht. Keine Tests! Beim Ultraschall war das Stupsnäschen und ein verkürzter Oberschenkel Thema. Manchmal ist ein Stupsnäschen aber einfach nur ein Stupsnäschen und ein kurzes Bein ein kurzes Bein… Wir haben zwei gesunde Kinder.

Mariechen wäre im März diesen Jahres dreiundzwanzig Jahre alt. Ihre Mutter hat nie aufgehört, an sie zu denken.

 

Alle Zitate sind dem Artikel von Ulrike Baureithel „Sicherheit ist längst nicht alles“, erschienen am 23.02.2015 bei „Der Freitag“, entnommen.

Mein schrägstes Urlaubserlebnis – Walgesänge im Brandenburgischen

Mama on the rocks ruft zur Blogparade zu diesem Thema und ich folge gern!

Um vorzugreifen: Immer, wenn wir alle zusammen in Urlaub fahren, wird das unser schrägster Urlaub. Es liegt an uns, eindeutig. Insofern taugt der letzte Sommerurlaub genauso gut wie jeder andere als Beispiel:

Sommer 2013. Die globale Erwärmung macht ihrem Ruf alle Ehre. Es werden Temperaturen an der 40°C-Marke gemessen. Und ich bin hochschwanger. Gut, das waren andere auch. Um möglichst viele Mitleidspunkte zu ergattern hatte ich mir zwei Zehen gebrochen und musste sechs Wochen meinen Walkörper samt Klumpfuß mittels Krücken in der Gegend rumwuchten.

Der Beste meinte, Schwangerschaft und Klumpfuß hin oder her, das Kind Nummer 1 hat Ferien und wir sollten ans Wasser. Nicht weit weg, wegen der eventuell eher einsetzenden Niederkunft, schwangerschafts- und klumpfußkompatibel.

Auf ins Brandenburgische! Senftenberger See. Surfen und Baden für die Jungs, Zusehen für mich. Gesagt, gebucht. Drei Wochen.

Mitteilung: Alle Ferienhäuser mit gehobenem Standard sind ausgebucht, alle Ferienhäuser mit mittlerem Standard sind ausgebucht, alle Ferienhäuser mit Minimalstandard sind…sie wissen schon… Aber wir haben noch ein Häuschen für sie gefunden! Toll, oder?!

Na warten wir´s ab…

Blick auf den Lageplan und Suchspiel: Suche das am weitesten von allen regelmäßig zu frequentierenden Punkten (See, Restaurants, Einkaufsmöglichkeiten, Kino etc.) gelegene Häuschen. Richtig! Unser.

Verzweifelte Vorahnung machte sich in mir breit. Ich ließ aus diesem Grund nichts unversucht, um meine Teilnahme an dem sommerlichen Familienevent zu vermeiden. Zwecklos. Es wurde ein Rollstuhl geordert bei einem brandenburgischen Rehaladen und meine Jungs versicherten, sie würden mich in der Gegend rumfahren. Egal, wohin ich wöllte! Und das macht uns nichts aus! Also mir schon, aber ich wurde nicht gehört.

Ich musste mit.

Der Ferienpark am Senftenberger See ist wirklich schön. Ohne Frage. Und im Sommer sehr gut besucht. Wir erfuhren, dass es noch ein paar wenige Häuser gab, die noch nicht saniert/abgerissen waren und also dem DDR-Standard entsprachen und eigentlich nicht mehr belegt würden. Eigentlich! Für uns hat man eine Ausnahme gemacht.

Leute! Also es gibt wohl (N)ostalgiker, die auf so´n Scheiß stehen. Ich steh aber auf fünf Sterne Plus und Kellner.

Das „Häuschen“ entpuppte sich als Pappbungalow, stilecht im Chic der späten Siebziger eingerichtet. Ich dachte sofort an Pionierferienlager und Fahnenappell. Der Geruch nach Klostein und Polyesterschweiß erschlug mich bereits beim ersten Eintreten (Und nach zweieinhalb Wochen immer noch, ich hab ihn selbst jetzt noch in der Nase!).

Die Bruchbude maß circa drei Quadratmeter, in denen ein Aufenthaltsraum mit Küche, zwei Schlafräume und ein Klo untergebracht waren. Abgeranzte Möbel und Plasteblumen auf dem Resopaltisch inklusive. Das gerahmte Konterfei von Erich Mielke und die DDR-Fahne hatte man abgenommen, ansonsten: Willkommen zu ihrer Zeitreise!

Ich wollte SOFORT wieder heim! Diesen Fluchtreflex verbalisierte ich in den kommenden Tagen quasi ständig: Als Befehl, als Bitte, als Flehen. Vergeblich.

In das olle Klo passten nur Teile von mir, die Tür konnte ich nicht schließen, Dusche war einen Kilometer weit entfernt und nicht aus eigener Muskelkraft erreichbar. Wie alles andere auch. Überall wurden der Klumpfuß und ich hingerollt. Entwürdigend! Tagsüber saß ich dann bei 38°C am Senftenberger Strand und sah den Leuten beim Baden zu. Dann wurde ich wieder weggerollt.

Nachts kam das Grauen. Also nicht in Form meines Mannes, diese Möglichkeit gab der Pappkarton nicht her (Am ersten Abend wälzte der Beste auf seiner Holzliege ein Stück in die Mitte um mir auf meiner Holzliege einen Gutenachtkuss zu geben, da tönte es vom Kind Nummer 1 von gegenüber der Pappwand: „UNTERSTEHT euch! Ich kann euch hören!“). Nein, es kamen Myriaden von Mücken, Schnaken, Bremsen und alle stürzten sich auf mich. Außerdem kühlte es in „Honeckers Rache“ (so taufte ich das Pappmonstrum) nachts auf unglaublich 35°C ab. Das war´s.

Schlaflos in Senftenberg. Jeden Abend.

Den Besten stört gar nichts. Der Weltenbummler schläft in indischen Zügen genauso gut wie in einem Biwak in sechstausend Metern Höhe. Rumdrehen, schlafen. Nicht ich. Jeden Abend das gleiche Spektakel: Pünktlich um Mitternacht saß ich mit meinem massigen Walkörper nackt auf einem Stuhl in der schwülen Dunkelheit, ein nasses Badetuch um meine Schultern und heulte müde und verzweifelt: „Huhuhuhuhuhu! Huhuhuhuhu!“. Walgesänge in Brandenburg.

Morgens drohte ich als erstes entweder mit Scheidung und dann damit, zu packen und mir ein Taxi gen Heimat zu rufen. Oder umgekehrt!

Ich zog alle Register. Ich simulierte Wehentätigkeit und zwang den Besten, mit mir kilometerweit durch die Pampa in ein Kreiskrankenhaus zu fahren, wo man mich als Simulant sofort per Erstblick entlarvte und dann für Stunden parkte. Ich bekam keinen Brandenburger, durfte aber zuhören, wie es klingt, wenn andere Leute Brandenburger bekommen. Und der Beste auch.

Er wollte trotzdem bleiben.

Ich schrieb verzweifelte SMS an Freunde und Verwandte: „Ihr müsst uns unbedingt besuchen! Es ist so schöööön hier!“, und kaum fuhren die lieben Freunde vor, flüsterte ich verschwörerisch wie ein Anstaltspatient: „Ihr müsst mich unbedingt mitnehmen nach Hause! Ich werde hier gegen meinen Willen festgehalten!“.

Ich musste trotzdem bleiben.

Tagsüber wurde ich mit Unmengen an Torte, Eis und chinesischem Essen versöhnlich gestimmt und so gewann ich unter der brütenden Sonne manchmal meinen Humor zurück und sang aus meinem Rollstuhl Rainald Grebes Brandenburg-Song in eigener Textfassung: „In Brandenburg, in Brandenburg, da habe ich einst meinen Mann erwurgt!“.

Wir haben es überlebt (der Beste nur knapp), wir sind immer noch nicht geschieden und zur Entbindung von Kind Nummer 2 haben wir es auch über die Landesgrenze nach Sachsen geschafft.

Die schönste Zeit des Jahres?! Hau mir bloß ab mit Sommerurlaub!

Und irgendwie beginne ich beim Lesen meines Textes zu begreifen, was der Beste meint, als er verkündete: „Das war´s mit Kinderkriegen! Noch so eine Schwangerschaft halte ich nicht aus!“. 🙂

 

 

Let´s talk about…

Achtung: Sie betreten den „Women only“-Bereich!

Sollten sie keine Frau sein, wird ihnen dringend von der Lektüre dieses Artikels abgeraten. Sie möchten das nicht lesen, bitte glauben sie mir! Wenn sie nicht auf mich hören, werden sie sich in zehn Minuten weinend die Augen mit Seife auswaschen und wünschen, sie könnten die Bilder in ihrem Kopf vergessen. Auch für schwache weibliche Nerven ist dieser Artikel nicht geeignet. Besonders wenn sie der Meinung sind, irgendwann in den nächsten Jahren mal ein Kind bekommen zu wollen und trotzdem Freude an ihrem Körper zu haben.

Für alle anderen: Ich muss jetzt mal was loswerden.

Während einer Schwangerschaft verändert sich der weibliche Körper quasi täglich. Das ist gewollt und wird mit viel „Oh!“ und „Ah!“ und Tamtam begrüßt, untersucht und hinterfragt. Und es gibt eine freundliche Gynäkologin, die immer wieder sagt: „Das ist alles normal! “ und eine behutsame Vorsorgehebamme, die auch tröstet: „Das ist alles normal!“ und den Geburtsvorbereitungskurs, wo alle (die Hebamme und die anderen werdenden Muttis) verkünden: „Bei mir ist das auch so! Das ist alles normal!“.

Dann kommt das Kinderlein.

In den folgenden Wochen ist auch immer noch ein freundliches Helferlein in Gestalt einer Nachsorgehebamme zur Stelle um der frisch gebackenen Mutti Mut zuzusprechen und zu erklären: „Das ist alles normal!“. Vollkommen unnötig, denn jede frischgebackene Mutti ist sich völlig im Klaren, dass ihr geschundener Körper im hormonellen Overload und nur mit eingeschränkter Nutzbarkeit seinen Dienst tut.

Ein paar Monate später sieht das anders aus. Über körperliche Gebrechlichkeiten wird in Mit-Mutti-Kreisen der damenhafte und bescheuerte Mantel des Schweigens gelegt. Aus irgendeinem Grund wird mir damit suggeriert, nu is aber mal wieder gut. Wir waren schwanger, wir haben geboren, gestillt, abgestillt, unsere innere Mitte und unseren Beckenboden wiedergefunden und jetzt geht’s scharf ab wie eh und je!

Aha. Na, bei mir nicht! Und Mädels, mal ehrlich: Ich rede mir doch nicht ein, dass ich ein Einzelfall wäre. Blödsinn. Das ist ein Frauending. Unangenehme und peinliche körperliche Details besprechen wir offensichtlich nicht.

Wäre ich ein Mann, würde ich sagen: „Schatz, guck mal, ich hab da was.“, und wenn Schatz geguckt hätte und konstatiert: „Ja, das sind Hämorrhoiden und das ist harmlos.“ würde ich sagen: „Ach so.“ und einfach weitermachen mit dem, was ich so machen würde, wäre ich ein Mann: Am Fahrrad rumschrauben, „Legend of Zelda“ spielen, mir ein Bier aufmachen…

Ich bin aber eine Frau. Ich kann niemanden fragen! Ich konsultiere also Doktor Google, notiere mir alle erwähnten Therapien inklusive Naturheilmittel. Eruiere bei Stiftung Warentest diverse Salben, kaufe für mehrere Hundert Euro Mittelchen im Reformhaus und der Apotheke. Schäme mich abgrundtief. Verfluche mein unzulängliches Bindegewebe. Schwöre, niemals, niemals wieder irgendwem meinen nackten Arsch zu zeigen. Schäme mich weitere fünf Stunden. Betrauere den Umstand, dass „a tergo“ in Zukunft etwas sein wird, was nur noch andere machen. Sitze unbequem und bedauere und schäme mich weiter…

Natürlich rufe ich keine Freundin an! Auch in keinem anderen Fall. Stellt euch doch mal vor, wir säßen bei Cocktails in gemütlicher Runde und ich würde fragen: „Sagt mal, wer von euch pieselt sich eigentlich noch voll beim nach-dem-Bus-rennen?“. Keine ruft da: „Ich! Ich!“. Wahrscheinlich würdet ihr alle beschließen, dass ich ab jetzt nichts mehr in eurer Cocktailrunde verloren hätte.

Ich kann keinen BH tragen, der nicht Still- oder Sport-BH ist, weil mir die Hälfte der Brust dann entweder in der Achselhöhle quetscht oder beim Bücken vorne rausflutscht und wie ein lustiger Punchingball am Brustbein hängt. Sehr komisch.

Und ich habe immer PMS. Pre-menstruell, post-menstruell. Ich befinde mich acht Monate nach Geburt und zwei Monate nach Abstillen noch immer im hormonellen Ausnahmezustand. Immer! Täglich, ständig. Das ist nicht schön, auch nicht für meine Umwelt. Ist das normal? Geht das wieder weg? Ich hoffe.

Meine Schwangerschaftsdemenz ist via Stilldemenz übergangslos einer Altersdemenz gewichen. Anders ist meine andauernde Vergesslichkeit nicht mehr zu erklären. Aber das hat auch Vorteile. So habe ich vergessen, warum man überhaupt Sex haben sollte/möchte/freiwillig darum bettelt und was sonst so Menschen anstellen. Der totale Lustverlust ist normal (hab ich gelesen) und reversibel. Geht also wieder weg. Deshalb immer schön weiter probieren, vielleicht ist ja heute (Tadaaa!) die Lust wieder da. Oder vielleicht morgen. Falls ich es nicht vergessen habe bis dahin …

Nur bei mir so?! Glaub ich nicht. Geht ihr alle zu einer heimlichen Selbsthilfegruppe, von der ich nichts weiß? Wer tröstet euch denn jetzt, wo keine Hebamme mehr in Sicht ist, die verkündet: „Alles normal!“?

Ich weiß von einer Freundin, dass ihr Brustbehaarung wuchs. Fette schwarze Haare auf dem Dekolletee. Nicht, dass sie es mir erzählt hätte…ich habe es gesehen! Und als ich es mitfühlend ansprach: hochrotes Gesicht und Themenwechsel. Eine andere Freundin hatte kreisrunden Haarausfall. Heute hat sie wieder dichtes Haar, war „Alles normal! Geht wieder weg!“. Darüber sprechen wollte keine.

Ich wünschte trotzdem, man könnte darüber reden.

Zehn Monate und ein Hormoncocktail, der unter das Betäubungsmittelgesetz fallen würde (sollte jemand auf die Idee kommen, das synthetisch herzustellen), waren nötig, um dieses krassen Veränderungen herbeizuführen. Und mindestens genauso lange dauert es auch, um sich irgendwie wieder zurückzuverwandeln.

Vor ein paar Tagen habe ich ein Foto gefunden, das ich nicht kannte. Der Beste hat es auf seinem Rechner. Aufgenommen einen Tag nach der Geburt vom Karlchen. Auf dem Bild liege ich fast nackt auf dem Krankenhausbett. Sehe aus wie ein angeschossener Wal. Oder als hätte mich ein Bus angefahren. Zerzauste Haare, verquollene Schweineäuglein, Augenringe bis zum blassen Kinn. Geschwollene Beine in Thrombosestrümpfen. Der massige Körper von blauen Adern durchzogen, ein ehemaliger Babybauch hängt leer und traurig irgendwie seitlich runter. Ich versuche auf dem Foto unter sichtbaren Schmerzen zu stillen, während ich offensichtlich fotografiert wurde…

Ich bekam kurz Schnappatmung! Wie kann der mich in SO EINER Lage fotografieren! Wie das aussieht! Um Gottes Willen! Ich lösche das sofort!

Dann überkam mich herzerweichendes Mitleid. Mit meinem armen, alten, geschundenen Körper. Dreißig Kilo Gewichtszunahme, Wasser in allen Gelenken. Und dann wieder so eine Endlosgeburt und wieder ein Kind mit Dickschädel… Und alles fast klaglos mitgemacht hat er. Und funktioniert immer noch. Naja, mit kleinen Einschränkungen, aber die Grundfunktionalitäten sind abrufbar. Und ich, wie danke ich es? Indem ich meckernd feststelle, dass ich nicht mehr die Performance einer frischen fünfundzwanzigjährigen Kinderlosen habe. Ungezogen ist das von mir! Und undankbar.

Ab heute werde ich mich regelmäßig bedanken. Mit Schaumbädern, Eincremen, Massagen, gutem Essen. Und Sport natürlich. Vor allem Beckenbodengymnastik, so dämlich ich die auch finde…Und mich schön und wundervoll fühlen. Und dankbar. Jawohl.

Und wenn du irgendwelche dubiosen Veränderungen mitmachen musst, immer dran denken: Alles normal, geht wieder weg. Guck dir dein Baby an, das ist unnormal süß und geht nie wieder weg! Das war´s doch wert, was macht da schon ein bisschen Pipi im Schlüpfer ;). Und Kopf hoch, auch wenn die Brust aus´m BH rutscht!

Nachtrag: Wie konnte ich das vergessen (Ja, wie wohl…)! Mein „Best of Beckenbodengymnastik“ muss unbedingt noch rein in den Artikel. Kennt Ihr die „Aprikosenübung“? Ja, nein, vielleicht?! Also, ihr liegt mit zehn anderen Muttis auf Matten rum und eine freundliche Hebamme sagt euch folgendes: „Schliest die Augen und stellt euch vor, ihr habt eine Aprikose in eurer Vagina (Ziemlich realistisch, kennt ja auch jede von uns!). Jetzt massiert diese Aprikose mit eurer Vagina. Untersucht sie. Dreht sie. Könnt ihr die Härchen spüren an der Haut der Aprikose? Versucht daran zu zupfen…“. Da bleibt kein Auge trocken! Ich schwöre, genauso ist es abgelaufen bei meinem Rückbildungskurs! Beckenbodengymnastik ist lustig. Wer´s nachmachen will, die Aprikose bitte nur VORSTELLEN 🙂

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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Warum ich nur noch Fastfood esse

Warum ich nur noch Fastfood esse

Bei mir ist seit Monaten Schnellimbiss angesagt.

Bedeutet: Morgens Banane im Gehen. Zehn Minuten später die nächste Banane, weil ich vergessen habe, wo ich die angebissene von eben hingelegt habe. Banane beim Spazieren am Morgen. Mittags die Reste vom Babybrei. Nachmittags die Reste vom angebissenen, vertrockneten Schulbrot des Kronsohnes. Eventuell noch eine Packung Kekse im Gehen. Abends, wenn wir alle zusammen am Tisch sitzen und die einzige gemeinsame Mahlzeit des Tages zu uns nehmen, gibt’s was Anständiges zu essen. Also für alle anderen. Ich sitze derweilen neben dem Babybett und singe zum zwölften Mal „LaLeLu“. Wenn ich fertig bin, ist das Abendessen vorüber.

In jeder Schwangerschaft habe ich dreißig Kilo zugenommen. Manchmal habe ich zwischen den Fress-Attacken meinen Körper glücklich grölen gehört: „Das gibt’s nur einmal, das kommt nie wieder! Das ist zu schön, um wahr zu sein!“. Kuchen, Torten, Häagen Dasz im 500l-Eimer, Milchreis in Familienpackungsgröße. Und alles am besten auf der Couch. Hinterher noch 300g Milka Vollnuss (wegen der gesunden Nüsse).

Mütter sollen gesund essen. Wegen dem Stillauftrag, der Nachtschichten und der körperlichen Belastung. Nur wie? Und wann? Und wie soll ich mir einarmig was Gesundes zubereiten? Oder einarmig den Babynator beruhigen, der sich in Restaurationen jedweder Art unwohl fühlt, während ich mit der anderen Hand einarmig versuche, einen gesunden, vitaminreichen Döner in den dafür vom Hersteller vorgesehen Körperöffnungsschlitz zu schieben. Klappt nicht.

Ich erwäge manchmal, mir selbst ab und zu eine Glukoselösung intravenös zu verabreichen, habe allerdings Angst vor Spritzen…

Essen auf Rädern wäre auch eine Variante! Da könnte ich mich schon mal an Seniorenportionen mit farb-und geschmacksfreiem Brei rantasten. Aber davor schrecke ich (noch) zurück.

Die Schwangerschaftspfunde purzeln rasant, ich verzehre mich quasi von innen. Mittlerweile sehe ich einem Shar Pei nicht ganz unähnlich (im Übrigen auch im angezogenen Zustand: Dann eben das Gesicht eines Faltenhundes mit einem Stoffüberwurf über dem runzeligen Körper).

Nachts (also wenn ich mal schlafe) träume ich vom Essen und denke manchmal an den Ausspruch meiner Mutter: „Essen ist der Sex des Alters.“. Stimmt. Wenn ich wählen müsste: Ein Wochenende mit Brad Pitt und Joaquin Phoenix nackig im Whirlpool oder eingeschlossen in einer Mc Donalds-Filiale mit einem persönlichem Burgerbrater…ganz einfache Entscheidung!

Ich geh jetzt Pastinakenbrei aufwärmen für das Baby und mich. Na dann, Prost Mahlzeit!