Let´s talk about…

Achtung: Sie betreten den „Women only“-Bereich!

Sollten sie keine Frau sein, wird ihnen dringend von der Lektüre dieses Artikels abgeraten. Sie möchten das nicht lesen, bitte glauben sie mir! Wenn sie nicht auf mich hören, werden sie sich in zehn Minuten weinend die Augen mit Seife auswaschen und wünschen, sie könnten die Bilder in ihrem Kopf vergessen. Auch für schwache weibliche Nerven ist dieser Artikel nicht geeignet. Besonders wenn sie der Meinung sind, irgendwann in den nächsten Jahren mal ein Kind bekommen zu wollen und trotzdem Freude an ihrem Körper zu haben.

Für alle anderen: Ich muss jetzt mal was loswerden.

Während einer Schwangerschaft verändert sich der weibliche Körper quasi täglich. Das ist gewollt und wird mit viel „Oh!“ und „Ah!“ und Tamtam begrüßt, untersucht und hinterfragt. Und es gibt eine freundliche Gynäkologin, die immer wieder sagt: „Das ist alles normal! “ und eine behutsame Vorsorgehebamme, die auch tröstet: „Das ist alles normal!“ und den Geburtsvorbereitungskurs, wo alle (die Hebamme und die anderen werdenden Muttis) verkünden: „Bei mir ist das auch so! Das ist alles normal!“.

Dann kommt das Kinderlein.

In den folgenden Wochen ist auch immer noch ein freundliches Helferlein in Gestalt einer Nachsorgehebamme zur Stelle um der frisch gebackenen Mutti Mut zuzusprechen und zu erklären: „Das ist alles normal!“. Vollkommen unnötig, denn jede frischgebackene Mutti ist sich völlig im Klaren, dass ihr geschundener Körper im hormonellen Overload und nur mit eingeschränkter Nutzbarkeit seinen Dienst tut.

Ein paar Monate später sieht das anders aus. Über körperliche Gebrechlichkeiten wird in Mit-Mutti-Kreisen der damenhafte und bescheuerte Mantel des Schweigens gelegt. Aus irgendeinem Grund wird mir damit suggeriert, nu is aber mal wieder gut. Wir waren schwanger, wir haben geboren, gestillt, abgestillt, unsere innere Mitte und unseren Beckenboden wiedergefunden und jetzt geht’s scharf ab wie eh und je!

Aha. Na, bei mir nicht! Und Mädels, mal ehrlich: Ich rede mir doch nicht ein, dass ich ein Einzelfall wäre. Blödsinn. Das ist ein Frauending. Unangenehme und peinliche körperliche Details besprechen wir offensichtlich nicht.

Wäre ich ein Mann, würde ich sagen: „Schatz, guck mal, ich hab da was.“, und wenn Schatz geguckt hätte und konstatiert: „Ja, das sind Hämorrhoiden und das ist harmlos.“ würde ich sagen: „Ach so.“ und einfach weitermachen mit dem, was ich so machen würde, wäre ich ein Mann: Am Fahrrad rumschrauben, „Legend of Zelda“ spielen, mir ein Bier aufmachen…

Ich bin aber eine Frau. Ich kann niemanden fragen! Ich konsultiere also Doktor Google, notiere mir alle erwähnten Therapien inklusive Naturheilmittel. Eruiere bei Stiftung Warentest diverse Salben, kaufe für mehrere Hundert Euro Mittelchen im Reformhaus und der Apotheke. Schäme mich abgrundtief. Verfluche mein unzulängliches Bindegewebe. Schwöre, niemals, niemals wieder irgendwem meinen nackten Arsch zu zeigen. Schäme mich weitere fünf Stunden. Betrauere den Umstand, dass „a tergo“ in Zukunft etwas sein wird, was nur noch andere machen. Sitze unbequem und bedauere und schäme mich weiter…

Natürlich rufe ich keine Freundin an! Auch in keinem anderen Fall. Stellt euch doch mal vor, wir säßen bei Cocktails in gemütlicher Runde und ich würde fragen: „Sagt mal, wer von euch pieselt sich eigentlich noch voll beim nach-dem-Bus-rennen?“. Keine ruft da: „Ich! Ich!“. Wahrscheinlich würdet ihr alle beschließen, dass ich ab jetzt nichts mehr in eurer Cocktailrunde verloren hätte.

Ich kann keinen BH tragen, der nicht Still- oder Sport-BH ist, weil mir die Hälfte der Brust dann entweder in der Achselhöhle quetscht oder beim Bücken vorne rausflutscht und wie ein lustiger Punchingball am Brustbein hängt. Sehr komisch.

Und ich habe immer PMS. Pre-menstruell, post-menstruell. Ich befinde mich acht Monate nach Geburt und zwei Monate nach Abstillen noch immer im hormonellen Ausnahmezustand. Immer! Täglich, ständig. Das ist nicht schön, auch nicht für meine Umwelt. Ist das normal? Geht das wieder weg? Ich hoffe.

Meine Schwangerschaftsdemenz ist via Stilldemenz übergangslos einer Altersdemenz gewichen. Anders ist meine andauernde Vergesslichkeit nicht mehr zu erklären. Aber das hat auch Vorteile. So habe ich vergessen, warum man überhaupt Sex haben sollte/möchte/freiwillig darum bettelt und was sonst so Menschen anstellen. Der totale Lustverlust ist normal (hab ich gelesen) und reversibel. Geht also wieder weg. Deshalb immer schön weiter probieren, vielleicht ist ja heute (Tadaaa!) die Lust wieder da. Oder vielleicht morgen. Falls ich es nicht vergessen habe bis dahin …

Nur bei mir so?! Glaub ich nicht. Geht ihr alle zu einer heimlichen Selbsthilfegruppe, von der ich nichts weiß? Wer tröstet euch denn jetzt, wo keine Hebamme mehr in Sicht ist, die verkündet: „Alles normal!“?

Ich weiß von einer Freundin, dass ihr Brustbehaarung wuchs. Fette schwarze Haare auf dem Dekolletee. Nicht, dass sie es mir erzählt hätte…ich habe es gesehen! Und als ich es mitfühlend ansprach: hochrotes Gesicht und Themenwechsel. Eine andere Freundin hatte kreisrunden Haarausfall. Heute hat sie wieder dichtes Haar, war „Alles normal! Geht wieder weg!“. Darüber sprechen wollte keine.

Ich wünschte trotzdem, man könnte darüber reden.

Zehn Monate und ein Hormoncocktail, der unter das Betäubungsmittelgesetz fallen würde (sollte jemand auf die Idee kommen, das synthetisch herzustellen), waren nötig, um dieses krassen Veränderungen herbeizuführen. Und mindestens genauso lange dauert es auch, um sich irgendwie wieder zurückzuverwandeln.

Vor ein paar Tagen habe ich ein Foto gefunden, das ich nicht kannte. Der Beste hat es auf seinem Rechner. Aufgenommen einen Tag nach der Geburt vom Karlchen. Auf dem Bild liege ich fast nackt auf dem Krankenhausbett. Sehe aus wie ein angeschossener Wal. Oder als hätte mich ein Bus angefahren. Zerzauste Haare, verquollene Schweineäuglein, Augenringe bis zum blassen Kinn. Geschwollene Beine in Thrombosestrümpfen. Der massige Körper von blauen Adern durchzogen, ein ehemaliger Babybauch hängt leer und traurig irgendwie seitlich runter. Ich versuche auf dem Foto unter sichtbaren Schmerzen zu stillen, während ich offensichtlich fotografiert wurde…

Ich bekam kurz Schnappatmung! Wie kann der mich in SO EINER Lage fotografieren! Wie das aussieht! Um Gottes Willen! Ich lösche das sofort!

Dann überkam mich herzerweichendes Mitleid. Mit meinem armen, alten, geschundenen Körper. Dreißig Kilo Gewichtszunahme, Wasser in allen Gelenken. Und dann wieder so eine Endlosgeburt und wieder ein Kind mit Dickschädel… Und alles fast klaglos mitgemacht hat er. Und funktioniert immer noch. Naja, mit kleinen Einschränkungen, aber die Grundfunktionalitäten sind abrufbar. Und ich, wie danke ich es? Indem ich meckernd feststelle, dass ich nicht mehr die Performance einer frischen fünfundzwanzigjährigen Kinderlosen habe. Ungezogen ist das von mir! Und undankbar.

Ab heute werde ich mich regelmäßig bedanken. Mit Schaumbädern, Eincremen, Massagen, gutem Essen. Und Sport natürlich. Vor allem Beckenbodengymnastik, so dämlich ich die auch finde…Und mich schön und wundervoll fühlen. Und dankbar. Jawohl.

Und wenn du irgendwelche dubiosen Veränderungen mitmachen musst, immer dran denken: Alles normal, geht wieder weg. Guck dir dein Baby an, das ist unnormal süß und geht nie wieder weg! Das war´s doch wert, was macht da schon ein bisschen Pipi im Schlüpfer ;). Und Kopf hoch, auch wenn die Brust aus´m BH rutscht!

 

 

Nachtrag: Wie konnte ich das vergessen (Ja, wie wohl…)! Mein „Best of Beckenbodengymnastik“ muss unbedingt noch rein in den Artikel. Kennt Ihr die „Aprikosenübung“? Ja, nein, vielleicht?! Also, ihr liegt mit zehn anderen Muttis auf Matten rum und eine freundliche Hebamme sagt euch folgendes: „Schliest die Augen und stellt euch vor, ihr habt eine Aprikose in eurer Vagina (Ziemlich realistisch, kennt ja auch jede von uns!). Jetzt massiert diese Aprikose mit eurer Vagina. Untersucht sie. Dreht sie. Könnt ihr die Härchen spüren an der Haut der Aprikose? Versucht daran zu zupfen…“. Da bleibt kein Auge trocken! Ich schwöre, genauso ist es abgelaufen bei meinem Rückbildungskurs! Beckenbodengymnastik ist lustig. Wer´s nachmachen will, die Aprikose bitte nur VORSTELLEN 🙂

8 Kommentare zu “Let´s talk about…

  1. Also wenn Du mal jemanden zum offen Reden brauchst … ich hab da keine Hemmungen. Ich komm „voms Dorf“. Da hat man schon andere Sachen gesehen/gehört 😉 Und bei nem Gläschen Wein kommts dann auch ganz frei von der Leber weg 😀

  2. Alles gut! Liebe Andrea, vielen Dank! Ich wollte nicht hilflos wirken oder verzweifelt 😉 Mich verblüffte nur der für uns Frauen eher untypische schweigsame Umgang mit derlei Unerfreulichkeiten… deshalb der Post! Aber mit eener voms Dorf geh ich gerne auch ohne Grund mal aus!

  3. Es tut gut, das zu lesen, denn tatsächlich liegen zuviel Schweigemäntel auf sowas rum … Und wenn man dann doch wie hier ein solchen Thema zu Gesicht bekommt, dann weiß man (ich), dass man tatsächlich nicht allein ist! Mein Kind liebt übrigens Trampolin springen. Ich würde so gerne mitmachen. Nein, ich werde natürlich vom Kind dazu gezwungen. Mit ein wenig Phantasie ist klar, welche überwindbare Hürde der Beckenboden ist … :-/

  4. Liebe AnneLiese, danke für deine Offenheit und nein, du bist nicht alleine! Und wir sind auch nicht nur zu zweit 😉 Wird Zeit, dass das Geschäme aufhört (wofür denn auch?!) und PLatz macht für Tipps zur Abhilfe. Finde ich. Wenn du noch einen gebrauchen kannst: die Beckenbodengymnastik hilft wirklich. Immer an der Kasse anspannen und „Fahrstuhl fahren“, wenn du sonst noch zehn Minuten am Tag erübrigen kannst, dann ist das hier nicht schlecht http://www.inkontinex.ch/german/beckenboden.htm. Geht alles wieder weg!!! Versprochen! Und wenn Sport nicht hilft, kann das operiert werden, das macht die Gyn. Sei umarmt meine Schwester im Geiste und lass dich mal wieder hier blicken. Ich würde mich jedenfalls sehr freuen! Sonnige Grüße, Rike

  5. Oh man, ich habe gerade Tränen gelacht, oder geweint weil ich das alles kenne 🙂 Sehr lustig geschrieben. Die Aprikose war bei uns ein Olivenkern … Liebe Grüße Nina

  6. ähm, also ich musst jetzt grad bei der Aprikosenübung so lachen, das….

    dafür ist mein Beckenboden auch ein paar Jahre nach der Geburt nichtt gemacht. (nein-danke-ich-will-keine-Übungen-Tips-ich-weiss-schon-wie-was-warum)

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