Das katalogisierte Kind

Kaum ist so ein kleiner Mensch auf der Welt, wird er vermessen und bewertet. Skalen und Kurven werden befüllt um die Erfüllung von Standards zu dokumentieren. Das kennt die Mutti schon, denn der Vermessungswahn beginnt mit Einnistung des Eies und beschränkt sich zwar die ersten Monate noch auf den Wirtskörper, aber dann!

Im Internet und bei allen U-Untersuchungen kann die fleißige und um Standarderfüllung bemühte Mutti sich informieren, was das Kind denn wann so zu können/ zu erbringen/ auszuscheiden/ essen und trinken können sollte. Freundlicherweise immer mit dem Hinweis versehen, dass es sich um eine „Richtlinie“ handelt. Na danke schön. Genau so geht Verunsicherung!

Gott sei Dank steckte das Internet noch in den Kinderschuhen, als ich (mehr Hubschrauber-Armada als simple Helicopter-Mom) mit dem Erstlingswerk losstolperte. Damals gab es zwei oder drei Foren mit relativ harmlosen Themen. Ansonsten ebay und Schlecker online für mich. Sonst gab´s nicht viel zu gucken. Zum Glück! Ich kann nur mutmaßen, aber wäre ich heute eine Erstgebärende, ich hätte in jedem Verunsicherungsforum einen Premiumaccount, wäre Superuser bei allen Medizin-Online-Portalen und würde beim Kinderarzt zweimal wöchentlich reindonnern mit den Worten: „Lassen sie mich durch! Ich bin…Patient!“

Jetzt kann ich mich entspannt zurücklehnen.

Das Kind Nummer zwei ist acht Monate alt und hat keinen Zahn im Mund. Sitzt nicht, krabbelt nicht und brabbelt nicht. Er ist ein „Rumlieger“. Er liegt rum und die Laute, die aus seinem Mund kommen, erinnern mich an die Töne, die Wolfsjunge oder kleine Hunde so von sich geben (Ich gucke manchmal Tiersendungen…). Laut Babykatalog sollte er sich an Möbeln hochziehen, Luftküsschen verteilen, krabbeln und Laute nachahmen (Um Rückfragen vorzubeugen: Nein, wir haben keinen Wolf. Auch keinen Hund aktuell). Der Kinderarzt befragte mich beim letzten großen „U“, ob der Babylino schon flüstern würde. Im Ernst! Flüstern! Wo soll er denn DAS herhaben?! Bei uns flüstert niemand. Wir sind eine Familie von Lautsprechern und der Kleinste von allen soll flüstern können? Wozu das denn, dann hört ihn ja niemand! Auch alles andere nicht nach Baby-DIN: Brei findet er blöd, Fruchtzwerge würden aber gehen. Da lässt er sich herab. Ansonsten gerne stündlich eine Milchflasche. Und rumtragen! Und wenn du nicht machst, was ich will, dann soll mich der Uwe abholen. Wo ist der eigentlich?! „UWÄÄÄÄH! UWÄÄÄÄÄH!“.

Nichts davon beunruhigt mich. Da ich mittlerweile langjährige Erfahrung mit einer Sonderedition von Kind habe, einer Spezialanfertigung quasi, einem Liebhaberstück, wirft mich das Fehlen der zu erwartetenden Kernkompetenzen im jeweiligen Lebensabschnitt überhaupt nicht aus der Bahn.

Das Kind Nummer eins saß mit sechs Monaten. Und saß wo es saß. Mit sieben Monaten fing er an zu sprechen: „Papa!“, „Autu!“, „Bemmi!“ (Damit war unser Hund gemeint, der eigentlich Benni hieß). Das war´s. Immer wenn ich „M-A-M-A!“ zu ihm sagte, guckte der mich an, als wöllte er sagen: ´Hältst du mich für Plemplem?! Ich weiß doch, dass du das bist, aber wozu sollte ich nach dir rufen? Du stehst doch direkt vor mir!`. Er krabbelte nicht, er lief nicht. Er saß und quatschte. Mit einem Jahr erkletterte er sein Bobbycar und ging vom Sitzen quasi direkt in die automatisierte Fortbewegung über. Mit dem Ding cruiste er von A nach B und möglicherweise würde er heute noch nicht laufen, hätten wir ihm das Teil nicht mit fast zwei Jahren weggenommen. Er verbat sich auch jedwede Einmischung in sein Ausscheidungsverhalten und die staatliche Erziehungsanstalt prophezeite mir bereits, sie würden keinen Dreijährigen nehmen, der in die Windel macht. Kurz vorm dritten Geburtstag erklimmte das Kind dann den Thron im Badezimmer ohne Umwege über Topf und Kinderbrille. Und ohne Probleme.

Momentan bin ich wie Teflon. Mich stören noch nicht mal die Angebermuttis, die ungefragt ausspeichern: „Meins kann schon das und das!“, „XYZ schäft von dannunddann bis dannunddann!“, „Und mein unglaublicher ABC macht schon diesunddas.“. Das langweilt mich. Wenn mich dieses Geschwurbel nicht so müde machen würde, würde ich antworten: „Wisch dir den Geifer ab, Mutti, und setz dich. Du musst jetzt ganz stark sein. ALLE können das irgendwann! Wirklich! Dein Dingsbums ist nichts Besonderes. Oder kennst du einen Zehnjährigen, der in die Windel macht, einen Schnuller trägt oder am Daumen lutscht und mit dem Bobbycar in der Gegend rumfährt? Na also. Und niemand überreicht dir einen Blumentopp und kürt dich zur Mutti des Jahres. Also erzähl mir was Lustiges oder halt die Klappe!“. Sag ich aber nicht, ich gähne nur laut und herzhaft.

Ich kenne mich aus mit Standards. Weil das Kindchen Nummer eins da noch nie reinpasste. Konnte keinen Ball kicken und keinen Purzelbaum, aber vierstrophige Lieder nach einmaligem Hören auswendig. Das interessierte aber nicht, ich sollte gefälligst den Purzelbaum üben mit dem! Und so weiter und so fort. Jedes Jahr was anderes, was er nicht konnte. Wir erfüllten einfach nie den Kompetenzkatalog. Na und? Ich bin noch nie in einem Vorstellungsgespräch gefragt worden, wann ich denn sauber gewesen sei („Wissen sie, wir nehmen nur Mitarbeiter, die unter einem Jahr trocken waren!“). Und als es darum ging, das bestmögliche Männchen zu Fortpflanzungszwecken zu suchen, habe ich als Auswahlkriterium weder „war kein Daumenlutscher“ noch „lief mit zehn Monaten“ auf der Liste gehabt.

Pfeif auf Standard, es lebe die Spezialausführung. Und wenn das Kind Nummer zwei seinen ersten Geburtstag feiert, werde ich ihm ein Bobbycar hinstellen. Der wird schon wissen, was er damit machen soll.

5 Kommentare zu “Das katalogisierte Kind

  1. Wir haben letzte Woche feierlich das Nuckelfläschchen entsorgt, bis vor drei Monaten musste das noch jeden Abend mit ins Bett. Eigentlich ja nix besonderes, bis auf die Tatsache, dass der Fläschchennuckler mittlerweile 7 Jahre alt ist und sowohl Zahnarzt als auch Kinderarzt seit ca. 4 Jahren gebetsmühlenartig wiederholen wie unverantwortlich wir Eltern uns verhalten, wenn wir ihm das Fläschchen nicht endlich gewaltsam entreißen. Zum Glück ist er K2 und wir haben gelernt, dass alles zu seiner Zeit passiert und es dann, wenn es passt von ganz alleine kommt. Gelassenheit und bei sich selber bleiben hilft enorm, auch wenn es manchmal schwierig ist. Und wie wir alle wissen hat es beim Blondino ja neulich auch gut geklappt mit der Sprachförderung 😂
    In diesem Sinne mal wieder ein dickes Dankeschön für deine tollen, ehrlichen und gelassenen Texte 😘

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