Metamorphose abgeschlossen

Ich renne schon mein ganzes Leben. Langsam gehen, gar schlendern, kann ich einfach nicht. Ich hektike mich so schon Jahrzehnte ab. „Mensch, renne doch ni so!“, hörte ich jedesmal, wenn der Beste mit mir mal Sonntags irgendwo lustwandeln wollte. Ich hetzte durch liebliche Auen, sprintete durch Museen, raste durch Wälder. Immer Tempo! Nichts deutete darauf hin, dass dieser Zustand irgendwie zu ändern wäre.

Selbst mit Kugelbauch und dreißig Kilo Übergewicht hetzte ich.

Ich spurtete später einsam mit der Plagenkarre in dunklen Frühmorgenstunden durchs beschauliche Viertel, damit das Lerchenkind die Eulen meiner Familie nicht weckt. Immer, als hätte ich dringend einem Termin nachzujagen. Tempo, Tempo!

Ich hatte auch keinerlei Interesse an diversen Muttifeatures. Ausfahrten zu zweit zum Zwecke des Erfahrungsaustausches oder dergleichen, wie öde! Als ich dem Wochenbett entstiegen bin und mir zum ersten Mal die Laufschuhe an die geschwollenen Füße stülpte um am Elbestrand zu metern, kamen mir zwei Muttis entgegen, versonnen lächelnd in ein angeregtes Gespräch vertieft: „Meine Winifred hat gestern blabla.“, „Und stell dir vor, meine Soraya-Sophie hat blubblubblub.“. Wie unendlich öde! Ich könnte mir vorstellen, dass ein abfälliger Gesichtsausdruck mein keuchendes Äußeres entstellte, als ich sie überholte. Nichts und niemand hätte darauf gewettet, dass ich eine von ihnen werden würde. Oder Schlimmeres.

Und wenn ich mich erinnere, wie ahnungslos ich noch vor einigen Monaten auf das sabbernde und anbetungswürdige Produkt meiner Lenden herabsah und schier verzweifeln wollte ob unserer offensichtlichen Kommunikationsprobleme.

Es hat gedauert. Ewig quasi. Aber nun bin ich vollständig metamorphiert. Da haben wir den Salat.

Meine wichtigsten Wochentermine sind die Krabbelgruppentreffen. Und eine gängige Frage zum Aufwärmen ist immer gern: „Und, was kochst du heute Mittag?“. Aus meinem Mund! Ich kann problemlos alle Wawawa´s und Füffüffüff´s übersetzen und erkenne an diffizilen Sprachnuancen – ach was, minimalen Einfärbungen- ob es sich bei „Wawa“ nun gerade um ein Flugzeug, einen Vogel oder etwa einen Hund handelt.

Leider muss ich gestehen, dass aufgrund eingeschränkter Speicherkapazität für die neue Fremdsprache eine altbekannte gelöscht werden musste: Ich kann überhaupt kein denglisches Projektlersprech mehr. Nichts. Is weg! Alles! Außerdem kann ich jetzt nur noch langsam. Wirklich wahr. Und ich bin mittagschlafabhängig. So richtig.

Zu allem Übel bin ich auch noch von der Schwangerschaftsdemenz übergangslos via Stilldemenz in die Altersdemenz geschlittert. Heute erst schaute ich interessiert in unseren Wochenkalender und da stand mit der bärtigen Schrift im Montag: „20:00 Uhr, Weihn.-Markt mit Silke“. Es hat wirklich einige Minuten gedauert, ehe eine Fehlermeldung bei mir ankam und weitere Minuten, bis ich realisierte, dass ich mir den Dezember 2014 ansah. Warum, das weiß ich allerdings immer noch nicht.

Und das alles quasi fünf-vor-Berufsrückkehr! Was soll nur aus mir werden?

Rentner. Das ist die einzige Stellenbeschreibung, die zu meinen neugewonnenen Fähigkeiten passt. Einen passenden beigebraunen Stoffbeutel zum Rumschlenkern habe ich ja schon.

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32 Kommentare zu “Metamorphose abgeschlossen

  1. Du bist also mutti-iert!
    Mittagsschlaf halte ich übrigens für die wichtigste Tageszeit und die einzige Rechtfertigung, um Kurze vor dem Viereckigen zu parken.

  2. Ich lach mich tot, vielen Dank für diese unterhaltsame Abendlektüre! Das mit den Fehlermeldungen kenn ich! Und Schwangerschafts- u. Stilldemenz sowieso. Ich ahne Schreckliches. Werde ich die Demenz je wieder los…? 😉

  3. Ich kann dieses Gelabere und zusammen Rumgeschlendere auch nicht ab. Bin froh, dass mein Geflügel aus dem Alter der Eltern-Zwangskommunikation entwächst. Davon ab könnte es ruhig noch etwas klein bleiben.

    Das mit dem Kopp, meine Liebe, ist von außen betrachtet nicht so schlimm. Lese ich deine Texte, bist du voll da! 🙂

    • Ich schütze viertelverstandenes Halbwissen vor. In der Elternunterhaltungsbranche kam ich bislang ungeschoren davon. Aber da draußen… die Welt ist grausam, wenn man sich von zwölfe bis mittags nüscht mehr merken kann!

    • Ach Du Herzelmalerin… Du machst das extra, dass Du so nette Sachen sagst. Damit alle noch doller verknallt sind ich Dich! Am verknalltesten bin aber ich ❤ meine bbf (wie gings weiter? vergessen… scheiße…)

  4. Waaaaas? Was lese ich da???? Berufsrückkehr???? Neeeiiiin, bitte nicht! 😉 oder nur wenn deine Schreibliebe so und genau so erhalten bleibt. Ich finde dich als Bloggerin viel hinreißender als die Kollegin mit Hang zum Erbsen-zählen. Außerdem hast du ja selbst bemerkt, dass dir das gesamte Projekt-Sülz-Vokabular abhanden gekommen ist. Das wieder auszubauen, braucht Jaaaahre! Denk nochmal drüber nach 😁

    • Ja! Ich würde gern auch noch zehn Jahre hier so weiterleben ohne anständigen Bürojob. Aber der Druck! Der unglaubliche Druck… Und dieser Mann hier, der behauptet, ich müsste. Ach doof das alles…
      btw, Erbsenzähler werde ich nicht mehr!

  5. Pingback: Das Bloggen der Anderen (32) | Familienbetrieb

  6. Die gute Nachricht ist: Der Kopp für Projektdenglisch und alles andere kommt wieder, wenn man erstmal damit anfängt. Ist wie Fahrrad fahren.

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