Kulturtipp – die Nachlese

Da ich ausdrücklich um eine Rezension des angepriesenen Abends gebeten wurde und zwar auch für Geld, Essen, Ruhm und Ehre schreiben würde, aber vor allem aus Überzeugung und ein gewisses Problem mit dem Nichtbedienen von Erwartungen anderer mir gegenüber habe, kommt hier in ein paar ausschweifende Zeilen gepresst meine subjektive, überzogene und von unbegreiflicher Sympathie und frenetischem Fan-Eifer eingefärbte Sicht auf den vorgestrigen Abend (Die Deutschlehrer unter euch weinen wahrscheinlich schon nach dem Lesen des ersten Satzes.).

„Die Tim Herzberger Show – Scheitern durch Niveau“.

Fiebernd vor Aufregung und aufgrund des grippalen Infektes, der die dezimierte Familie anheimgefallen war, warf ich mich in Schale, den Wagen an und bretterte mit roter Nase wie Rudolf das Rentier und Triefaugen wie Genscher direkt auf den roten Teppich. Im Eingang lungerte eine Person, die sich bei näherem Betrachten als meine Freundin und Ersatzehemann-Begleitung für den Abend herausstellte. Vermutlich kampierte die Gute schon seit einer Woche dort aus Angst, ich würde nicht kommen, und sie müsste sich um Restkarten kloppen.IMG_1585

Constanze Rick und das Filmteam hatte ich leider verpasst. Auch der enorme Ansturm aus Berlin, der mit dem Berliner Linienbus angereist war, war bereits aufgelöst. Wie ich hörte, hatten die Verkehrsbetriebe extra eine Sonderfahrt eingerichtet, um die ins kulturelle Hinterland abgeschlagenen Hauptstädter auch mal in den Genuss einer wahren Show, einer Varieté, dieser exklusiven Wohnzimmervorstellung, grandiosen Soiree kommen zu lassen.

Auf dem roten Teppich wurden die ganz großen Roben zur Schau gestellt: H&M, Pimpkie und wie sie alle heißen. Im Blitzlichtgewitter von Handies drehten sich die Schönen und Reichen. Und auch die Armen und Hässlichen wurden eingelassen.

Die Show bot wie vermutet einige Überraschungen.

Zum einen war da der 187-jährige Großvater von Jopi Heesters als Westernzauberer gebucht, in den sich meine Begleitung spontan verliebte. Das war reizend. Mit dem schwankenden Gang des greisen Mannes, der zittrigen Hand, die vermutlich schon dem Reichskanzler Bismarck einen Klaps auf den Po gegeben hatte und einer Berliner Schnauze ohne Alter zauberte er vierzig Flaschen Martini aus einer Pappröhre. Dann setzte er sich hinter das Publikum und machte ein Nickerchen.

Das Publikum bestand zu einem Teil aus Freikartenbesitzern (das kommt davon, wenn man im Radio Werbung macht), die ich sofort enttarnte und die sich leider als vollkommen humorlos entpuppten und die einstudierten „OOOOOOH!“s und „AAAAAAH!“s einfach nicht brachten! Mich brachte das auf die Palme. Ich Oh-te und Ah-te weiter, bis sich die Leute vor mir dauernd umdrehten. Gepflegtes Publikum bei gepflegten Getränken… Aber so ist das wahrscheinlich auch den ersten Fans der Beatles ergangen, die die Pilzköpfe beim verwässerten Bier im Pub gehört haben. Ich glaube, ich weiß, wie die sich fühlten, als sie dann das erste Mal im Stadion standen…

Zurück zum Programm. Die Überraschung des Abends war für mich ohne Zweifel Signore Carleone als „Siggi Schwoartzzzzzzzzz“. Was für eine Performance! Leute! Allen Anwesenden war am Ende klar, wer wem den „Moonwalk“ geklaut hatte und bei der für Siggi Schwartz so typischen Bewegung (Griff in den Schritt und Becken gekippt) war ich ab dem zweiten Mal so angefixt, dass ich fast beherzt meiner Nachbarin in den Schritt gegriffen hätte. Um mich von meinem Begehren abzulenken habe ich mich aufs Feuerzeugschwenken beschränkt und trage heute stolz eine Brandverletzung als Zeichen meiner Ehrerbietung. Ob alle anderen auch Feuerzeuge geschwenkt haben? Bitte, ich möchte nicht darüber reden. Verdient hätte er es! Rosen hätte man nach ihm werfen sollen, Telefonnummern, Geld. Auf blanken Brüsten gehörte dieser unglaubliche Künstler aus dem Saal getragen!

Herr Specht hielt allen Erwartungen nicht nur stand sondern brillierte auf einem Niveau, so weit oben, also darüber müsste eigentlich die NASA berichten. Und vor allem provozierte er (Endlich!) eine Situation, bei der mich das Publikum entschädigte. In einem seiner Evergreens besingt er den erotischen Stress mit seinen ganzen Frauen. Im Traum wohl, aber man glaubt´s ihm sofort! Jedenfalls singt, tanzt und turnt er verschiedene weibliche Gäste an und endet mit einer akrobatischen Höchstleistung, indem er sich quasi auf eine ältere Dame vor mir hockt und fellatio-erbittende Bewegungen macht während der gesungenen Ode an ihre Fleischwurst. Oder so ähnlich. Offensichtlich waren Inge und Achim (so nenne ich jetzt mal das Ehepaar vor mir) Freikarteninhaber und vollkommen ahnungslos in dieses Spektakel geraten. Sobald der in Lust entbrannte Jogginghosen tragende Künstler von der Inge runtergeklettert war, steckte er ihr eine Autogrammkarte zu mit dem Hinweis auf seine Telefonnummer. Was dann geschah, könnte besser in keinem Skript stehen! „Inge, wir gehen!“, ertönte Achims Stimme, und während Inge noch die Autogrammkarte zaghaft an die faltige Brust drückte, verließen sie mitten in der Show den Saal!

DAS WAR LUSTIG! Leider wurde das außer der letzten Reihe (wo ich saß) von niemandem bemerkt. Schade eigentlich.

Ein Poetry Slammer namens Herr Jurisch, der just und zufällig auch in der Reihe vor mir saß und total spontan aufgefordert wurde, was zum Besten zu geben, ist unbedingt erwähnenswert. Sein Text „Ich habe einen Traum“ wird wohl heute zu recht unter den Anwesenden der am meisten eingegebene Begriff bei Google sein.

Tim Herzberger, als Moderator quasi Gebärmutter, Ziehmutter und Adoptivvater der Show in Personalunion verstand seinen Part aufs Allerfeinste und selbst als er der quiekenden und sich mit einem Handtuch bedeckenden Steffi („Ein Applaus für die Steffi aus dem Publikum!“) permanent in die Frisur spuckte, war das ästhetisch, von hohem künstlerischen Wert und außerdem habe ich noch nie, nie, niemals einen Mann gesehen, der in geringelten Pantalons derart anbetungswürdig aussieht. Verbalakrobatisch auf Maxi Gnauck-Niveau (Die war Turnerin, das weiß ich selber. Aber wer kennt schon Akrobaten!), die fabulierende, trillernde, schillernde, bestangezogenste Person des Abends, eine Kathi Witt ohne Eis und Jutta Müller.

Darf ich vorstellen: Tim Herzberger, die Ohren- und Augenweide für alle Fälle!

Es gab noch ein paar weitere Darbietungen, aber kein Schwein kann sich ein derart langes Bühnenprogramm merken! Und ich hatte Fieber.

Auch das Scheitern im Namen der Show wurde gekonnt inszeniert. Und zwar in Form einer Dame, die „zufällig“ im Publikum saß und auf die rote Besetzungscouch durfte, wo sie unnatürlich dauerlächelnd über Fakeprofile bei Facebook vom Leder zog und zwei Sätze später entblöste, sie melde sich gern aus Jux bei Fremdgehportalen an. Mit einem ge-fake-ten, scharfen Blondinenfoto. Weil, das ist so lustig! Und weil das alleine vielleicht noch nicht gereicht hätte, um allen Anwesenden die Bedeutung des Auftrittes, die moralische Verwerflichkeit, das Bigotte, Verlogene, Mediengeile vor Augen zu führen, brachte sie auch noch die eMail eines Verehrers von so einem Portal mit und las diese laut vor (die Datenschutzbeauftragten im Publikum machten sich Notizen). Zum Abschluss sang sie noch ein musikalisch unscheinbares, leicht zu vergessendes Liedchen in Teilplayback.

Die Leute klatschten höflich (gepflegtes Publikum), aber ich bin nicht sicher, ob der tiefere Sinn der Darbietung allen bewusst war. Scheitern durch Niveau. Oder durch das Fehlen ebendieses.

Obwohl ich trotzdem ein wenig auf die wunderbare Judith Reimann gehofft hatte, der bei der Wohnzimmershow vor zwei Jahren mein Herz zugeflogen war. Vermutlich war die gerade in der Carnegie Hall gebucht.

Auch Roberto Blanco und Karl Moik waren nicht anwesend. Zumindest nicht als Akteure. Dafür wurde in der Bratwurstpause gemunkelt, die Nachbarin des Fußpflegers der Kanzlerin sei da. Und auch diese Dings, die sich gerade von dem Bums getrennt hat. „Jaaaaa, sicher! Ich hab die an den schielenden Möpsen erkannt!“. „Ach, die armen Hunde…“. Und der Till der Schweiger und der Justin der Bieber, auch die konnten leider nicht kommen, aber ich glaube, für die wurde gestreamt. Zumindest tratschte entsprechend das gepflegte Publikum in der Bratwurstpause. Vielleicht war es auch nur das, was ich mit meinem Fieberkopf verstanden habe. Wollt ihr hier die Wahrheit hören oder ´ne gute Story?! Selber hingehen für ersteres.

Fazit: Ich war verzückt! Mal wieder.

Generell bin ich nach der Vorstellung am 03.Oktober der Meinung, die drei Hauptakteure der Show könnten zukünftig ALLE Gäste selber spielen. Herr Specht würde selbst seinem ollen Dedoronbeutel einen Charakter verleihen oder eine Hämmorhoidensalbe bühnentauglich in Shakespeare-eskes Licht rücken und Signore Carleone ist absolut reif für die großen Frauenrollen! Das spart Gagen und ist als Qualitätssicherungsmaßnahme nicht zu verachten.

Alles, was die drei Sexidole (siehe Titelbild) ausbaldowern, ist in meinen Kunstbanausenaugen ein Griff ins ins Gleitgel und prinzipiell nur niveauvollen Kennern zu empfehlen. Ich bin aus diesem Grund auch für gecastetes Publikum. Das geht doch nicht, dass die da sitzen wie mit eem Stock im Arsch! Die „Rocky Horror“-Show hat doch auch irgendwann angefangen, dem Publikum zu sagen, was hier gefälligst erwartet wird! Das wäre ein Anfang. Also, so´ne Schnarchnasen wie aus´m Politbüro gehören da nicht hin. Da kann man doch was machen: Die erste Reihe trägt Damenschlüpfer auf dem Kopf, die zweite Reihe… weiß ich jetzt auch nicht.

Vielleicht fehlt auch nichts, sonders ist etwas zu viel: Meine Meinung zum Beispiel. Nun ja, man wird ja noch als zahlender Gast Hinweise zur Vervollkommnung des eigenen Kulturgenusses machen dürfen.

Und der Tortellini Alfredo, Rolfonso Reichelino, der berühmte Zauberer, der hätte wirklich die Pullen Martini ins Publikum geben können! Mein Freund, „Martin I.“.

Am Ende riss der unglaubliche Michael Specht doch noch alle von den Sitzen und mimte mit der Aufschrift „Zuchtbulle“ auf dem durchtrainierten Körper einen Schlagerstarrockergangsterrappersuperstarentertainer. Hier eine kurze Kostprobe. Gut sichtbar: Der Dame vor mir hat beinahe die Frisur gebebt! Das vom Schnupfen eingelullte Stimmchen im Vordergrund gehört mir. Und nein, ich wurde noch nicht für den Backgroundchor entdeckt. Ich bin nur ein Konsument. Aber ganz sicher auch das nächste mal wieder dabei. Letzte Reihe, außen.

 

 

7 Kommentare zu “Kulturtipp – die Nachlese

  1. Vielen Dank, liebe Rike, für diese furiose Rezension, die der Ankündigung mehr als ebenbürtig war. Ich hätte den Abend kaum mehr genießen können, wäre ich live dabei gewesen. Und sollten die Herren jemals einen Auftritt vor dem verwöhnten Hauptstadtpublikum darbieten, bin ich auf jeden Fall dabei. LG, Christian

  2. Pingback: Happy Birthday! | Nieselpriem

  3. Pingback: Kulturtipp – Mixtape mit Philipp Richter – Nieselpriem

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s