Über Kreisläufe und Kreisläufer

Sport frei!

Ich renne mittlerweile fast täglich, das brauche ich für meinen inneren Frieden. Und zum Wachwerden. Und zum Nichtdurchdrehen in der Pandemie.

Seit wir vor fast fünf Jahren nach Blasewitz gezogen sind, laufe ich meine Runden im Waldpark.

Laufstrecke um den Dresdner Waldpark; 2km

Früher, als wir noch in Pieschen wohnten, lief ich an der Elbe entlang. Manchmal in Richtung Stadt, auf die weltberühmte Canalettosicht zu, meistens allerdings in die andere Richtung, wie auch oft schon hier fotodokumentiert wurde. Ich lief damals nicht täglich, dafür aber länger und weiter. Ich kam mehr „rum“ damals. Früher war eben alles besser.

Jetzt laufe ich im Waldpark im Kreis, eigentlich in einer Ovalform, immer drum herum um den Park. Dem Mann ist das zu langweilig, der läuft auf dem Elberadweg (den finde ich doof wegen den ganzen Spaziergängern und gefährlich wegen den Rennradrasern), ich laufe lieber im Kreis, im Wald.

Nun tue ich das nicht alleine, nur in den ganz frühen Morgenstunden vielleicht. Nein, es laufen und walken jede Menge andere Menschen mit mir in Runden á zwei Kilometer. Manche von ihnen sehe ich regelmäßig, andere nur zu bestimmten Zeiten im Jahr. Es ist wie ein Kreislauf bei den Kreisläufern.

Da gibt es die Neujahrsläufer, die pünktlich zum zweiten Januar beginnen ihre guten Vorsätze umzusetzen. Und komm, also zwei Kilometer, das schafft ja wohl jeder! Im Mai sind die dann wieder verschwunden und werden abgelöst durch die Sommerfigurläufer, die meinen, jetzt könnte und müsste man und auf, los gehts! Der Sommer naht! Im Sommer, wenn die Temperaturen zwischen dreißig und vierzig Grad angekommen sind, sind diese du-hast-ja-ein-Ziel-vor-den-Augen-Läufer wieder verschwunden. Ob sie ihr Ziel erreicht haben, ist nicht überliefert. Dann gibt es da noch schnatternde Grüppchen von walkenden Frauen, denen vor allem der gesellige Aspekt das Zusammenseins wichtig erscheint, ein paar Rentner, denen ich regelmäßig begegne und die mit Stöcken oder energisch schwingenden Armen den sportlichen Aspekt ihres Unterfangens unterstreichen. Nicht nötig, denn sie sind an ihrer bunten Polyesterkleidung als ernstzunehmende Sportler von weitem erkennbar.

Nach der ersten Runde begegne ich der Hälfte von ihnen schon nicht mehr, nach der zweiten Runde sind sie spätestens alle verschwunden. Länger als drei Runden läuft kaum jemand im Waldpark, dann lernt man wieder neue Leute kennen unterwegs. Die echten Langstreckenläufer laufen alle auf dem Elberadweg, oder daneben.

Nun ist es so, dass ich es gewohnt bin, dass man sich grüßt unter Sportlern. Früher in Pieschen hob man lässig einen Unterarm mitsamt der Hand, begegnete man als joggende Person einer ebensolchen. Der Mann berichtet, das sei auch übliches Vorgehen auf dem Elberadweg! Allein, die Waldparkrunners scheinen das nicht zu wissen. Da ich mich aber irgendwie nicht umgewöhnen kann, kommt es nahezu täglich zu der peinlichen Situation, dass ich wildfremde schwitzende Menschen im Park grüße. Ich kann nicht anders! Wahrscheinlich wird vor mir mittlerweile ebenso gewarnt wie vor dem seltsamen kleinen Mann, der mit zerzausten Haaren und abgeranzten Sachen durch den Waldpark sportgeht (oder etwas ähnliches), und dabei ganz wild mit den Armen rudert – ich zumindest habe etwas Angst vor ihm.

In den „Statuten zum freundlichen Miteinander“ steht geschrieben, begegnet man als Sport treibende Person einer anderen Person bei der Ausübung der gleichen oder einer artverwandten Ertüchtigung, so bietet sich eine der folgenden Grußformeln an:

„Morgen!“

„Moin!“

„Tach!“

„Hallo!“

„Servus!“

„Gruezi!“

„Grüß Gott!“

„Gutes Tempo!“

„Gutes Wetter heute!“

„Hast du meinen Hund gesehen?“

„Läufst du schon oder walkst du noch?“

„Soll ich den Taschendefibrillator rausholen?“

Und während eines Überholvorgangs bietet sich ein motivierender Gruß an, in etwa so:

„Ziiiiieh!“

„Was machst du, wenn du nicht mehr weiter kannst? Weiiiiiter!“

„Schnell! Da hinten gibts was umsonst!“

Nein, diese Statuten gibts natürlich (noch) nicht, das hab ich mir gerade ausgedacht! Suche auf diesem Weg eine Person mit Drucker, Laminiergerät und Tagesfreizeit, die diese Statuten in Sichthöhe im Waldpark aufhängt.

Und ansonsten: Wenn euch demnächst eine wildfremde Frau im Waldpark grüßt, keine Angst, die tut nix! Das bin nur ich. Ich kann einfach nicht anders.

„Tach!“.

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