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Ich weiß gar nicht, wann ich aufgehört habe, den Monatsgeburtstag des Blondinos zu feiern. Möglicherweise irgendwann im letzten Jahr. Davor war jeder dritte eines Monats ein kleiner Feiertag, zumindest für mich.

Eigentlich ist das schade, denn (Eine Mark ins Phrasenschwein: Sie werden ja so schnell groß!) jeder Monat ist einzigartig und bringt etwas unvergleichliches, nie dagewesenes, kurz: etwas ganz Neues als Geschenk. Klar verändern sich die Kinder ihr ganzes Leben und sie lernen dazu, bilden ihre Persönlichkeit aus und lassen uns als Eltern staunen und bewundern (und manchmal verzweifeln), aber geht es jemals schneller und deutlicher als in den ersten Jahren?

Ich bin vollkommen dem Zauber erlegen, meinem Kleinchen zuzusehen und zu hören, und nichts ängstigt mich mehr als die Flüchtigkeit jedes einzelnen Moments. Deshalb: Herzlichen Glückwunsch zum einundvierzigsten Monatsgeburtstag, mein Liebchen, mein Kleinstes!

Noch immer watschelst du auf Schritt und Tritt hinter mir her wie ein Entenjunges und ich versuche, nicht genervt zu reagieren, kenne ich doch um den bittersüßen Schmerz um die flügge werdenden Vögelchen, die ihre pickligen Flügel spreizen und schnatternd meinen, allein in die Welt stolpern zu können. Bloß nicht in Mamas Windschatten! Und die bleibt mit traurig hängenden Flügeln zurück. Mit faltigen Flügeln und vergrämtem Ausdruck um den Schnabel… sehe ich jeden Morgen im Spiegel.

Bleib noch ein bisschen bei mir, du kleiner Mini-Erpel. Einundvierzig Monate, noch einmal so viele, und du bist schon ein Schulkind! Und dann noch zweimal zwinkern, und du willst ausziehen in irgendeine WG und ich muss dich betteln, damit du dich mal sonntags blicken lässt. Und deine Wäsche willst du dann auch alleine waschen und wir wissen ja, wie das ausgeht! Und ich soll nicht dauernd anrufen und whatsap´s schreiben, aber du rufst ja nie zurück! Und dabei mache mir doch nur Sorgen!

Halt! Die Fantasie möge bitte den Galopp stoppen und ihr geflügeltes Pferd zügeln, danke.

Hier und Jetzt. Ich versuche also,  die flüchtigen Momente, das fragile Glück des Augenblicks (Jetzt wird sie prosaisch, rette sich, wer kann!) zu konservieren. Hier. Und jetzt. Dafür ist so ein Blöggel ideal, kann ich wärmstens empfehlen. Und wenn mir die ganze Chose abstürzt, druckt das dann einer von euch aus für mich und dann kann ich das nachlesen, wenn ich alt und grau bin. Also noch älter und, ach, ihr wisst schon.

Einundvierzig. Kommunikation ist das Wort, das ich als Überbegriff für diesen einundvierzigsten Monat nehmen könnte. „Guten Morgen, mein Mami-Schatz! Darf ich dir ein Küsschen geben?“, wer wird nicht gern so geweckt. Unnachahmlich auch, wenn er mit Piepsstimme den Papa verabschiedet mit den Worten: „Machs gut, mein Großer!“. Hauptsächlich aber schmunzeln wir momentan über seine zauberhaften Buchstabendreher und ich bin geneigt, diese ins Familienvokabular zu übernehmen.

Trostbrot mit Pullunder

Trostbrot mit Pullunder

Morgens isst er gern ein Trostbrot mit Pullundermarmelade. Abends ein Brot mit Lederwurst. Und wenn die Apfelschulle alle ist, weiß er schon genau, wo es Nachschub gibt: In der Abschleppkammer! Und Anziehen geht auch schon alleine, insbesondere beim Räusperschluß darf ich nicht mehr helfen.

Manchmal muss ich aber intervenieren. Im Moment ist er ganz schrecklich verliebt in die fünfjährige Louisa, genannt Lulu. Jeden Tag fragt er mich, ob heute die Lullull kommt. Ich weiß nicht, ob „Lullull“ ein allgemeinverständlicher Begriff ist, aber hier ist es ein Kinderwort für Urin. Er nennt seine Freundin quasi Pipi! Ich also: „Nein, so heißt sie nicht. Süßilein, sag mal Luuuuuuisa!“, „Lullullulluiiiiiisa!“. Hoffnungslos.

Und gestern Abend: „Was wollen wir lesen?“. „Fliro Flunkerfisch!“.  „Flori Flunkerfisch meinst du? „Floo-ho-ri Flinkerfusch!“.

Und folgende Gesprächssequenz hört man bei uns Eltern andauernd: „Hach, ist der nicht süß? Mein Gott, ist der süß!“, „Ja, der ist wirklich süß.“. „Ja, oder? Den haben wir gemacht, kannst du dir das vorstellen?! Unglaublich, wie süß der ist!“.

 

Edit: Er ist wirklich sehr süß.  Echt jetzt. Ohne Übertreibung! Ich bin ja kein Flinkerfusch. Obwohl…

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Neujahr

Neues Jahr, alter Scheiß. Und ich verschreibe mich jetzt bestimmt noch drei Monate lang mit der Jahreszahl! Orrrrr…

Das mit dem Neujahr ist mir ja suspekt. Ich habe niemals Vorsätze (auch oder hauptsächlich, weil ich so furchtbar inkonsequent bin) und schon der laut gesellschaftlicher Konventionen vorgesehene Start in die neue Zeitrechnung missfällt mir. Knallen (doof), lange wachbleiben (schwierig), Raketen (umweltschädliche Geldzumfensterrausschmeißerei), Hut offm Kopp (albern).

Zusammenfassend kann man sagen, bin ich also die Brot-statt-Böller-ich-geh-um-zehn-ins-Bett-Fraktion. Aber dieses Jahr, also vergangenes, hab ich mir einen Papphut aufgesetzt und an der Elbe Raketen in die Luft schießen lassen. Man muss ja auch mal mitmachen, sonst gilt man schnell als vertrocknete, runzlige, schmallippige, bärbeißerische, hobelschlunzige Spaßbremse.

Und das Blondchen hat sich so dolle gefreut, wollt ihr mal hören?

Erster Januar und um sieben war er direkt wieder in seinem Rhythmus und hellwach. Die verpeilte Grundstimmung, die sich instant in mir ausbreitete, hab ich noch immer am Hacken. Das hat man nun davon, wenn man sich einmal die Nacht um die Ohren schlägt!

Am zweiten Januar stand ich morgens halb neun mit dem Hosenscheißer vor der dunklen Kita und langsam dämmerte mir irgendwas mit „Schließtag“. Mist. Arbeiten mit Kind, wisst ihr alle: Klappt suuuuper! Super klappte dann auch das mit dem Autoaufschließen. Batterie des Schlüssels alle, es tat sich nix. Es schneite um uns herum und da stand ich nun, Kindergartenkind links, Kindergartenrucksack rechts und voll verpeilt. Handy, Portmonnaie, alles im verschlossenen Auto.

Wir stapften dann zur nächstgelegenen Autowerkstatt und bescherten dem Mechaniker Vorort seinen Moment des Tages. Mindestens:

Ich erklärte, dass mein Schlüssel Saft bräuchte oder ich einen Mann mit Dietrich, der mein Auto aufmachen tun müsste sollen. Er glotzte mich daraufhin so grenzdebil an, wie mein Ansinnen offensichtlich war. Vermutlich glaubte er sich in einer Folge von „Verstehen sie Spaß?“. Er konnte ja nicht ahnen, dass ich „Neujahr“ habe und tatsächlich so verpeilt bin, wie es den ganz und gar offensichtlichen Anschein hatte. Sehr langsam und bemüht ernst klärte er mich darüber auf, dass „Schlüssel“ bedeuten würde, es gäbe auch ein Schloss! Reinstecken, umdrehen.

Das hatte ich ja noch nie gehört! Stur und verpeilt erklärte ich ihm, ich würde das Auto wirklich und ausschließlich schon immer mittels Knopfdruck öffnen! Und mein Auto hätte gar keinen Schlitz! Also das wüsste ich ja wohl!

Der Autofachmann behielt einen Schluck Restruhe und schickte mich mit dem Kindergartenkind wieder raus in den Schnee. Ich sollte gucken, ob mein Auto wirklich keinen Schlitz hätte und wenn ich tatsächlich und wirklich ein Auto ohne Schlitz haben sollte, dann, und nur dann, also dann dürfte ich wiederkommen und er würde sich ein Bärenfell über die Schultern werfen und mit mir zum schlitzlosen Auto kommen!

Ich bin nicht wieder zurückgegangen zur Werkstatt. Ich bin nach Hause gefahren. Im Auto. Und ich möchte nicht mehr darüber sprechen! Nein, wirklich nicht…

Den Tag darauf hatte ich noch immer Neujahr. Morgens ging es noch, außer dass ich nicht in die Hufe kam, mein Frühstück zu Hause vergessen habe und das Kind erst nach seiner Frühstückszeit abgeliefert. Das kann man unter Startschwierigkeiten verbuchen! Ich habe dann im Büro gerammelt, weil ich mittags schon wieder wegmusste – dringendster Termin! Den Termin habe ich dann um eine Viertelstunde gerissen und stand schnaufend, abgekämpft und hungrig (weil keine Zeit zum Essen und Leberwurstsemmel zu Hause vergessen) im Friseursalon meines Vertrauens, mich ausschweifend und mit fuchtelnden Armen entschuldigend, dass ich zu spät komme.

Aber was war das? Warum guckten die denn so seltsam?

Wie, morgen! Ich bin doch heute bestellt! Heute ist doch der vierte! Nein? Nicht? Ach Mist! Scheiß Neujahr…

Damit ich ab sofort meine Verpeiltheit in den Griff bekomme, besorge ich mir schnellstmöglich einen Kalender. Und guckt mal hier, was ich bei Theblogbook gefunden habe:

Kostenlos, zum Ausdrucken. Handgezeichnet und wunderschön! Ich gehe jetzt dickes Papier für den Drucker besorgen.

Und heute ist der vierte, oder? Da hab ich dann gleich noch einen Termin. Glaub ich zumindest. Nur, was war noch gleich am vierten?!

 

Tschüss!

Aber nur für den Rest des Jahres! 🙂img_4272

Wir ziehen übermorgen um und ich schreibe, während ich zwischen Kisten sitze und mein Geklacker widerhallt an den leeren Wänden.

Wir ziehen nämlich ins Weiße Haus. Wusstet ihr nicht? Ist aber so. Als ich dem Blondchen erklärte, dass wir alle Sachen einpacken um sie in einem großen Haus wieder auszupacken, sagte er: „Das ist ein blaues Haus!“, ich verneinte. „Das ist ein grünes Haus!“. Wieder falsch.  Als wir dann vor dem Haus standen, stellte er verblüfft fest: „Es ist das weiße Haus.“. Deshalb.

Und weil ich nicht weiß, wann wir denn im weißen Haus wohnen werden, also so richtig mit Schreibtisch und Internet und allem, was sonst überlebensnotwendig ist, verabschiede ich mich schon mal von euch. Wer wissen will, wie das so weitergeht mit dem Kistenchaos und ob Frau Nieselpriem wirklich einen Tag nach dem Umzug einen Weihnachtsbaum aufstellt, besucht mich am besten bei Instagram.

Habt wunderbare, besinnliche Feiertage voller „Mätschik“ und auf Wiedersehen! Auf Wiederlesen! Ich komme auf jeden Fall wieder, ihr auch?

Ich freu mich auf euch. Bis bald.

Eure Rike

Schneeweißchen und Rosenrot

Zehn Jahre lang nannte mich jeder Henrike. Dann kam meine Schwester und konnte den Namen nicht aussprechen. „Hairije“. Danach hieß ich Rike.

Seit dem Tag ihrer Geburt hat sie eine Stelle in meinem Fühlen und Bewusstsein eingenommen, die nie durch irgendeinen anderen Menschen besetzt werden kann. Wohl auch, und das unterscheidet uns von anderen Schwestern, weil unser beider Schicksale durch eine tragische und besondere Situation für immer miteinander verwoben sein werden.
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Ich erinnere mich noch ganz genau an unsere erste Begegnung, wie sie da in der Besucherritze des Elternbettes lag. Olivfarbene Haut, schwarze Augen, schwarzes Haar, das wie ein Hahnenkamm in der Mitte des Köpfchens nach oben gebürstet war. So fremd, so wunderschön! Es war Liebe auf den ersten Blick. In diesem Moment besetzte sie die Position des Lieblingsmenschen in meinem Kinderherz, vollkommen, ohne Vorankündigung.

Der zehnte Geburtstag meiner Schwester war der einzige, an dem ich nicht bei ihr war. Ich hatte mich in ein Abenteuer gestürzt und war an diesem Tag fünfhundert Kilometer entfernt von ihr. Doch schon zehn Wochen danach webte das Schicksal ein Netz um uns, das unser beider Leben für immer beeinflussen würde.

Deutschland wurde Fußballweltmeister und die Menschen tanzten auf den Straßen. Auch auf denen der kleinen Stadt in der Nähe von Bonn, wo ich mich damals aufhielt. Und sie tanzten und feierten auch dann noch, als ich auf der Polizeiwache saß und versuchte zu verstehen, was der Beamte mir mit sichtlichem Unbehagen versuchte zu erklären. Es hätte einen Verkehrsunfall gegeben, die Familie war auf den Weg in den Sommerurlaub an der Ostsee. Ich rief in dem Krankenhaus an, Vater am Unfallort verstorben, Mutter in Lebensgefahr und das Kind, also das Kind sei seit vielen Stunden im OP. Man könne nicht mehr sagen. Der Rest des Tages ist verschwommen in meiner Erinnerung.

Ich sehe sie noch immer vor mir. Ein kleines Mädchen in einem großen Bett. Doch diesmal ist es ein Krankenhausbett. Ihr zertrümmertes Bein ist an Seile gebunden, ihr dicker geflochtener Zopf umrahmt das geschwollene Gesicht, das ihr aufgrund des Brillenhämatoms das Aussehen eines frisch geschlüpften Vögelchens verleiht.

Sie liegt im Koma und ich sitze neben ihr. Setze eine Puppe an ihr Bein. Irgendwo finde ich einen Bleistift, ich zeichne sie. Schreibe einen Zettel, schreibe, ich bin hier! Ich bin hier bei dir! Alles wird gut! Lege den Zettel jedesmal an ihr Bein, wenn ich den Raum verlasse. Einmal, als ich wiederkomme, hat sie die Augen offen und den Zettel in der Hand. Sie sagte später, sie habe gewusst, ich sei da.

Ich hatte keinen Plan und schon gar keinen Plan B. Auf einmal gab es nur sie und mich. Und ich war verantwortlich.

Ich brach meine kleinen Zelte im goldenen Westen ab und zog in die elterliche Wohnung zurück. Schlief im Bett meiner Eltern, das nie wieder würde das Bett meiner Eltern sein. Ich lief im Krankenhaus auf und ab, beerdigte unseren Vater, kämpfte um das Erziehungsrecht für meine Schwester und wusste bei alledem nicht, wie man sowas macht.

Meine Familie befand sich in Schockstarre und auch die Freunde meiner Eltern, die mir immer Hilfe angeboten haben, konnten nur bedingt helfen. Ich war jetzt verantwortlich.

Das Zopf-Mädchen mit den Krücken und ich wohnten nun zusammen in der elterlichen Wohnung. In den Möbeln unserer eigenen, gemeinsamen Kindheit. Ich kann mich an die Momente der Normalität nicht erinnern. Sicher, ich habe die Miete irgendwie bezahlt und im Herbst eine Winterjacke gekauft. Aber ich sehe mich nicht kochen, oder im Advent Plätzchen backen. Hm, vermutlich waren wir oft bei Mc Donalds…

Ich ging mit ihr morgens zur Schule, trug den Ranzen, sie stakte tapfer auf ihren Krücken neben mir her. Sie ging in ihre Klasse, ich zog mir eine Kittelschürze über. In den Pausen wartete ich vor ihrer Tür um den Ranzen in ein anderes Zimmer zu tragen und sie zu geleiten. Während der Unterrichtsstunden putzte ich das Schulhaus und mittags schaufelte ich den Kindern Kartoffelbrei auf Plastikteller. Ich war zwanzig Jahre alt und Putzfrau. Aber das spielte damals keine Rolle, Hauptsache, ich konnte in der Nähe meiner Schwester sein.

Ich hatte keinen Plan. Ich machte einfach. Und ich machte vieles falsch, rückblickend. Aber in einer Situation, in der einfach nichts „richtig“ ist, wie kann das auch anders sein? Wir waren doch noch Kinder, beide. Aber ich war verantwortlich! Und so lange sie bei mir war, habe ich gewusst, es ist das einzige, das ich wollte.

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Die Zeit heilt überhaupt nicht, und schon gar nicht alle Wunden! Aber nach langer Zeit kam auch unsere Mutter wieder nach Hause.

Und so wurden dann aus Pflegekindschwester und Pflegemutterschwester wieder „normale“ Geschwister.

Nein, natürlich nicht.

Die folgenden Jahre waren für uns beide und unser Verhältnis die härtesten. Auf einmal war ich nicht mehr zuständig! Und das Zopfmädchen musste sich während ihrer Pubertät nicht nur von unserer Mutter lösen sondern auch von mir.

Hatte sie mich einfach immer und stets mit ihren großen Augen hoffnungsvoll von unten angesehen („Die Rike wird das schon machen, die passt auf mich auf.“), so blickte sie nun immer öfter geringschätzig auf mich herab, körperlich mir längst schon entwachsen. Sie schnaubte, egal, was ich sagte. Rollte mit den Augen, schoss giftige Pfeile und jeder traf mich – Zack! – mitten in die Brust. Egal, was ich sagte oder tat, nichts erreichte sie. War das nur die Pubertät oder fühlte sie sich von mir verlassen? Ich weiß es nicht. Ich jedenfalls fühlte mich damals sehr verlassen, entwurzelt und zutiefst gekränkt. Weil noch immer mit ihr stärker verbunden als mit jedem anderen Menschen.

Die Zeit, sie heilt vielleicht nicht, aber streut Grassamen aus.

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… Und auf der Wiese, die auf unserer Beziehung gewachsen ist, blühen mittlerweile Blumen. Wir sind erwachsen, wir haben überlebt.

Sie ist mir nicht nur optisch ungleich. Groß, klein. Dunkel, hell. Besonnen, analytisch im Gegenzug zu unkonventionell und sprunghaft. Zwei unterschiedliche Blumen aus demselben Garten. Wären wir nicht miteinander verwandt, so bezweifle ich, dass unsere Andersartigkeit uns je zu Freunden gemacht hätte.

So aber sind wir viel mehr. Sie ist mein größter Fan und zugleich schärfster Kritiker. Aber vor allem ist sie eines der ganz großen Geschenken des Lebens an mich.

Und zwar mit allen Facetten.

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Für Tati ❤

Mutterherzgeschwurbel

Gestern wurden dem Burschi die vier Weißheitszähne entfernt. Das war nötig, weil die ihm später große Probleme bereitet hätten. Es sind noch kleine Kugeln, haben sie mir gesagt. Das ist nicht weiter schlimm, sagten sie. Wir schneiden das Zahnfleisch auf und holen die kleinen Kügelchen raus, bevor sie große Beißerchen sind und ihrem Jungen Probleme machen, haben sie gesagt.

Anderthalb Stunden wurde an meinem Schlaks herumgeschnitten und gehobelt. Anderthalb Stunden, in denen ich flatternd im Wartezimmer saß, zum Aushalten verdonnert.

Dann kam eine Schwester im OP-Kittel und holte mich. Das Kind saß mit roten Augen und fetten Backen auf dem Zahnarztstuhl und mich überkam eine Welle an Gefühlen. Ich grabschte nach der Kinderhand und quetschte sie, während die Ärztin mir erzählte, was sie gemacht hätte und wie tapfer der Junge gewesen sei. Ich war überhaupt nicht tapfer und kaute und schluckte allenfalls tapfer an meinen Tränen.

Tapfer war er auch seitdem. Er litt leise, schaute mich waidwund an aus seinen Rehaugen und lag einfach nur.

Ich wuselte wie eine Bekloppte in der Wohnung hin und her, suchte Zeug, schleppte es von A nach B, kochte sinnloserweise Sachen vor, pürierte diese, googelte Pflegehinweise nach Zahn-OPs, bettelte die Nachbarin, Arnikaglobuli aus der Apotheke zu holen, weil ich den Jungen nicht alleine lassen wollte, reichte feuchte Waschlappen, trockene Waschlappen, Kamillentee auf dem Löffel, aufgelöste Schmerztabletten auf dem Löffel und nachts ließ ich alle Türen offen, das Licht an und horchte in die Dunkelheit.

Schlich auf Socken zum Kinderzimmer und besah mir das im Sitzen schlafende Kind, mit Backen dick wie Sandy, das Eichhörnchen. Mein Junges! Angeditscht und beschädigt.

Dann lag ich in meinem Bett, starrte an die Decke und heiße Tränen liefen mir in die Ohren. In diesem Moment dachte ich an all die Situationen, in denen ich Angst und Sorge um dieses Kind haben musste. All die sorgenvollen Momente aus sechzehneinhalb Jahren, komprimiert in einem Klumpen, der mein Herz verstopfte und krampfen ließ.

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vor sechzehn Jahren

Er war nicht mal ein Jahr. Ich sehe ihn ohnmächtig werden und erbrechen auf der Schulter des Bärtigen, mitten in der Kinderarztpraxis, nach fünf Tagen Fieber ohne Besserung. Rauf, runter, rauf, runter. Ohnmacht. Höre den Kinderarzt: „Es gibt leider eine Form der Leukämie, die sich in solchen Fieberverläufen manifestiert. Ich entnehme dem Kind jetzt Blut aus dem Kopf, wir wickeln ihn in eine Decke, damit er nicht strampelt… geht leider nicht anders… noch zu klein…“. Das entsetzliche Gellen meines Kindes fährt mir durch Mark und Bein. Zwei Tage ohne Schlaf und mit entsetzlicher Angst später Entwarnung. Zum Glück.

Ein paar Jahre später. Ich sehe ihn auf einer OP-Liege wegfahren, „Tschüss Mami!“, flüsternd, kaum sechs Jahre alt. Höre den Oberarzt erzählen, Blinddarmdurchbruch, Sepsis, Glück gehabt. Warum? Warum? Wir waren doch schon im Krankenhaus! Ich sehe mich toben, sie hätten ihn fast verloren! Mein Baby! Wieso habt ihr das nicht gesehen?! Er hat noch mal Glück gehabt, ein Vorschulkind mit Bauchschmerzen ist der Albtraum eines jeden Chirurgen, höre ich den Arzt sagen…

Später. Der völlig aufgelöster Vater eines Schulkameraden am Telefon, sie müssen kommen, etwas Schreckliches ist passiert! Ihr Junge ist verunglückt, schwere Stahlplatte, Kopf, Keller, ich weiß nicht, wie das passieren konnte! Ich sehe den Dreikäsehoch mit einem blutdurchtränkten Handtuch um den Kopf. „Tut gar nicht weh, Mami!“. Er hat einen Schutzengel, sagt die Chirurgin beim Nähen. Die fette Narbe blitzt noch heute nach jedem Friseurbesuch auf seinem hübschen Kopf. Ich will sie noch immer streicheln und küssen…

Ich sehe mich in einem großen Krankenhaus zur Besuchszeit. Das Kind winkt am Fenster, für Monate getrennt. Höre alles, was die Ärztin mir zu sagen hat und verstehe gar nichts. Autismusspektrumstörung, Asperger Syndrom. Ich lerne mein Kind kennen, endlich. Nach so vielen Jahren. Und heuleheuleheule.

Ungezählte Anrufe wegen Quälereien aufgrund seiner Andersartigkeit. Geschlagen, Nase blutig, Sachen weg, Kind weg, Schulangst…

All meine Gefühle, im Zeitraffer der Erinnerung, überwältigen mich und ich denke mir, dass es nichts, wirklich rein gar nichts gibt, was annähernd dem Gefühl gleicht, das eine Mutter befällt, die Angst um ihr Junges hat. Kein Gefühl für Hunger, Durst noch Müdigkeit. All ihr Sein ausgerichtet auf das Fortpflänzchen. Den Rest der Welt ausgeblendet, Tunnelblick.

Ich sehe eine andere Mutter vor mir, deren Kleinstes schon nierentransplantiert werden musste vor seinem dritten Geburtstag. Ein goldiger, fröhlicher Junge, der eines jeden Herz gewinnt, der ihm begegnet. Wie stark muss diese Mutter sein? Eine andere Mutter, die ich kenne, hat ihre beiden Kinder nacheinander an die Leukämie verloren. Mit Anfang zwanzig. Sie überlebt sie schon seit zwanzig Jahren. Ich habe nicht die geringste Vorstellung, wie das gehen kann.

Was wird noch kommen? Niemand weiß es. Da ist nur Hoffen und Wünschen, keine Spur von Wissen. Und das ist auch gut so.

Ich denke, nichts in meinem ganzen Leben habe ich so mit Wünschen und Hoffnungen bedacht wie meine Kinder. Vermutlich geht das allen Müttern so. Ich habe sie als Babies bestaunt, ihre ersten Schritte mit Herzeleid bewundert und sehe sie wachsen. Und frage mich bei alledem, was wohl aus ihnen wird. Wie sie aussehen werden, wenn sie groß sind. Wohin ihre Reise sie tragen wird. Ob sie Freundschaften schließen werden, Familien gründen. Wünsche ihnen, dass die Liebe sie findet und wenig Schmerz dabeihat im Gepäck.

Und ich denke mir dabei, dass es gut ist, dass da nur Hoffen und Wünschen ist und kein Wissen. Dass niemand von uns weiß, welche Prüfungen das Leben unseren Kindern und uns vorbehält. Dass wir das Hier und Jetzt genießen können, uns aufreiben, ärgern, lieben. Aber stets im Bewusstsein, egal, was passiert, wir werden in jeder noch so unvorstellbaren Situation das Beste für unsere Kinder sein. Von der deren erster bis zu unserer letzten Minute. ❤

 

So, mein triefendes Mutterherz und ich gehen jetzt Waschlappen wechseln. Küsst eure Kinder und wenn gerade alles gut ist, geniesst es. Und falls nicht, ihr schafft das!

Mütterherzenspower, dagegen kackt selbst Chuck Norris ab. Chakka, Baby!

 

 

 

Adventskalender und andere Schokoladenkrisen

Nächste Woche ist es soweit. Und sie werden sehnsüchtig erwartet. Die Adventskalender!

Und ich bin froh, wenn ich die dann endlich aufstellen kann und sie nicht mehr meinen Kleiderschrank verstopfen. Dass ich die Adventskalender bis zum ersten Dezember verstecke, ist leider nicht optional und ja, ich wäre auch froh, wenn es anders wäre…img_41371

Man könnte meinen, in dieser Familie herrscht Schokoladen- oder gar generelles Süßkramverbot, so wie die Jungs sich gebährden. Dem ist mitnichten so! Hier gibt es immer eine differenzierte Auswahl an mengenmäßig einem Großhandel Ehre gebietend Zuckerzeug. Immer! Schon, weil ich das Zittern bekomme, wenn nicht wenigstens dreihundert Gramm Milka Vollnuss irgendwo gebunkert sind. Für den Notfall.

Ich muss das Zeug auch bunkern, weil die anderen mir alles wegfressen. Heute erst wollte ich zwei Tafeln Kinderschokolade aus der Bevorratung holen. Dort lag ein Fünferpack, dessen war ich sicher. Es lagen auch noch fünf Verpackungen darin, in jeder ein einzelner Riegel.

Wutschnaubend habe ich damit vor dem pubertären Übeltätergesicht herumgefuchtelt und wisst ihr, was der zu seinem Fehlverhalten zu sagen hatte? „Die waren da, also habe ich sie gegessen!“. Aha.

Ich sag nur: Der ganze Vater! Der verkündete mir auch mal, ihm sei furchtbar übel und ich sei schuld. Weswegen, fragt ihr? Na, das ist doch ganz klar: Weil ich immer die Schokolade im Dreihundertgrammformat kaufe und er dann deshalb immer viel zu viel davon isst! Und ich wüsste doch, das verträgt er gar nicht gut! Mea culpa. Sinnlos zu erwähnen, dass ich die Schokolade eigentlich kaufe, weil ich (!) zum Zeitpunkt der Kaufentscheidung Appetit darauf habe und mich wider besseren Wissens oft Tage später auf ein Stückchen freue.

Zu spät. Alles, was irgendwo an Allgemeinplätzen gelagert wird, wird gnadenlos weggefressen! In Mengen, da wird mir schon beim Gedanken daran übel.

Unnötig zu erwähnen, dass die Adventskalenderei gerade recht kommt. Endlich mal wieder Schokolade! Und unnötig zu erwähnen, dass ich drei Kalender kaufen muss (ja, kaufen, dazu gleich mehr), ich habe ja auch drei bedürftige Kinder.

In einem der vergangenen Jahre habe ich mal für das bärtige meiner Kinder einen indiviuellen Adventskalender „gebastelt“. Es war eine Schale, die ich jeden Tag für ihn mit Kleinigkeiten bestückt habe. Teebeutelchen mit Botschaften, kleine Liebesbriefe, Traubenzucker, sowas eben. Wühlt der jedesmal in dieser liebevoll bestückten Schale, wirft alles raus und sagt: „Und wo ist die Schokolade?“.

Ich kaufe. Ich bin ein Käufer. Hier werden drei mal vierundzwanzig Portionen braunes Zeug, bestehend aus Zucker, Kakao, Milchpulver und Fett erwartet und eingefordert. So ist das bei Nieselpriems!

Ich erinnere mich an das erste Kitajahr des Großkindes. Am ersten Dezember kam ich nachmittags in die Kindereinrichtung und wurde wutschnaubend von der alten Genossin Kindergärtnerin erwartet: „Siiiie! Also siiiiie!“ (Ihr mächtiger Busen bebte und ihr behaartes Kinn zitterte; und ich hatte Angst), „Iiiihr Kind! Also iiihr Kind hat!“ (sie schnappte und schnaufte um Luft bemüht), „Ihr Kind hat einfach den Gruppenadventskalender leergegessen! Alles! Leer!“.

Liegt offensichtlich in der Familie…

Und der Kleinste, also bei dem ist auch Hopfen und Malz verloren! Ich hatte dem mal eine kleine Tüte Gummibärchen in eine seiner winzigen Mülltonnen geladen, damit er damit das Müllauto bestücken könnte. Und natürlich auch, um zwischendurch zu naschen. Dann waren die alle. Da dachte ich, ok, dann beladen wir eben das Müllauto mit Kastanien! Es war Frühherbst und die waren zuhauf vorhanden, weil wir von überall welche mitbrachten. Und ja, sie schienen ihm auch geschmeckt zu haben…

Aber was rege ich mich auf. Könnt ihr euch erinnern (irgendwo habe ich schon mal darüber gebloggt), mich sprach mal die Mutter einer Schulfreundin an und sagte: „Ach Rike, wenn ich dich sehe, muss ich immer daran denken, wie du ständig bei uns vor der Tür standest und gesagt hast, Frau Bleul, ham sie was Süßes für mich? Ich nehm auch´n Zuckerwürfel! Und, ist die Gabi da zum Spielen?“.

Sag ich doch, liegt alles in der Familie!