Quo vadis, Nieselpriemchen?

Alles muss anders werden! Immer.

Leben ist Veränderung und höher, schneller, weiter ist der Marschauftrag des Lebens. So wird es mir manchmal suggeriert. Und für einen Blogger übersetzt: Größer! Die Worte „Wachstum“ und „Ruhm“ stehen auf der Zielflagge.

Als ich anfing mit Bloggen, dachte ich mir: ´Hach, es wäre schön, wenn das fünfzig Leute lesen und mögen würden…´. Dann lasen mich irgendwann fünfhundert Leute und ich dachte, dass es der absolute Hammer wäre, wenn irgendwo in einer Zeitung mal was stünde von mir. Als das dann eintrat, war ich gar nicht so glücklich, wie ich annahm sein zu müssen, weil parallel bekannt wurde, dass große Verlagshäuser ihre festangestellten Schreiberlinge, die lange Germanistik oder Journalismus studiert hatten, kündigten und vergleichsweise billig Bloggercontent einkauften. Ich hatte immer irgendwelche „Ziele“, die sich dann bei Erreichen als, hm…, fade beigeschmacklich entpuppten. Ich hinterfragte mich permanent, was ich denn eigentlich will. Und konnte keine Antwort finden! Außer dem Aspekt der Psychohygiene und nun ja, dazu braucht man eigentlich nicht wirklich dieses Internet.

Viele Blogger, die ich kenne, träumen davon, vom „Schreiben“ zu leben. Doch die wenigsten schaffen es! Denn selbst erfolgreiche Blogger leben ja nicht wirklich vom Schreiben, sondern weil sie hochdiszipliniert an Kooperationen und Werbeauftrgägen arbeiten, ihre Seite optimieren, ihren Auftritt, suchmaschinenoptimiert schreiben, sämtliche social media Kanäle unterschiedlich bespielen und dergleichen mehr. Ich unterstelle, dass ein professioneller Blogger locker sechs Stunden am Tag für sein Business tätig ist. Und die wenigste Zeit ist tatsächlich Redaktionsarbeit! Davon bekommt der Leser in der Regel nichts mit und so wirkt das alles fluffig, weich und easy peasy. Mit Bloggen reich werden, super ganz einfach! Also von außen betrachtet.

Das ist nicht mein Ding. Zu unberechenbar, zu viele Abhängigkeiten. Abgesehen davon, ob ich überhaupt das Zeug dazu mitbringen würde.

Ich fing an zu zweifeln an diesem Blogdings. Also meinem. Mir fielen in den letzten Wochen und Monaten immer mehr Dinge rund ums Bloggen ein, die ich nicht will. Und parallel habe ich mir eingeredet, zu wissen, was Leser denn so suchten. Ich meine, Leute! Echt ey, der erfolgreichste Blogartikel hier ist ein dünngeistiger Schriebs über ein Fußbad mit Mundwasser! Ich krieg schon Herpes, wenn ich mir überlege, wie ihr das jetzt wieder anklickt! Und apropos anklicken: Wenn ich die Statistik angucke, wird mir übel. Ich habe das ja schon mal verbloggt. Notfalls noch mal hier klicken, dann wisst ihr was ich meine.

So, und jetzt bitte mal aufhören mit der Rumklickerei, ich will euch doch was erzählen. Also, ich dachte, Leser sind eine unberechenbare Menge an seltsam interessierten Menschen und elternblogaffine Leser prinzipiell nur interessiert an Gewinnspielen und happy content und weichgezeichnete Glamour-Fotos oder wollen wenigstens regelmäßige Einblicke in Kochtopf und Kinderzimmer. Und nichts von dem kann oder will ich bedienen!

Bin ich überhaupt ein Blogger? Ich hasse Produkttests (so, jetzt isses raus). Ich will keine Gewinnspiele machen und bin zu undiszipliniert, um mich an sowas wie einen Redaktionsplan zu halten und die großen Bloggertermine wie 12 von 12 oder Freitagslieblinge oder Wochenende in Bildern  regelmäßig zu bedienen. Ich mag das, aber ich will nicht unbedingt immer zu diesen Terminen was schreiben und manchmal will ich gar nicht, dass irgendwer reinguckt bei Nieselpriems! Und ich will auch nicht Handbücher lesen um Google-optimiert zu schreiben! Ich will gar nicht, dass dreitausend Leute hier vorbeistolpern, um einen Grill zu gewinnen. Oder ein Duschbad. Und dann wieder gehen. Geht weg! Hier gibt es nichts zu sehen!

All das wurde mir klar und dachte, es ist wäre Zeit, das Blöggel auf den Internetfriedhof zu tragen. Denn ist es nicht das, was Blogger wollen? Mehr Reichweite? Mehr Kooperationen? Mehr Ruhm?

Nachdem ich also nur noch gesehen habe, was ich alles nicht will, kamt ihr. Mit euren Kommentaren, eMails, sogar persönlich auf mich zu. Und mir wurde klar, ihr seid gar keine unberechenbare Masse!

Ihr habt geschrieben, ich würde euch berühren. Durch meine Worte, meine Geschichten. Durch dieses schmale Unterhaltungsprogramm hier, gänzlich ohne Gewinnspiele! Zehntausend Menschen haben diesen Beitrag in den ersten zwei Tagen gelesen und ich weiß nicht mehr, wie viele mir geschrieben haben. Durch eure Zuschriften und euer Feedback erst ist mir klar geworden, was ich will. Nicht nur, was ich nicht will!

Ich möchte Leserbindung. Ich will nicht zehntausend Leser binden, ich wünschte mir, einige würden mich begleiten. Aber dafür länger und nachhaltiger! Ich will mit euch alt werden. Unsere Themen werden wachsen und sich verändern wie unsere Kinder und ich will auch mehr Teil eurer Welt sein und wissen, was da los ist. In eurer Welt.

Und ich frage mich: In einer Zeit, die immer distanzierter wird und wo es Benimmregeln für den optimalen Körperabstand während eines Gespräches gibt und das Internet zur räumlichen Distanzierung beiträgt, kann es da selbst die Lücke schließen, dieses Internet?

aus: „Wunder wirken Wunder“ von Eckart von Hirschhausen

Ich möchte Menschen berühren. Das ist, was ich will. Dass ich das mit meinen Worten schaffen könnte, hätte ich nicht gedacht. Dass das auf diesem Weg hier möglich ist, auch nicht. Ihr aber habt behauptet, ich könnte das und nun habt ihr den Salat!

Ich mache mir seitdem Gedanken, wie weit ich gehen will und wie weit ich gehen kann. Und wo der Weg ist (ich kann keine Karten lesen und verfahre mich auch mit Navi). Und noch habe ich keinen Plan, aber langsam den Hauch einer Ahnung.

Aber eines ist trotzdem klar: Nein, ich höre nicht auf, hier Blödsinn zu verzapfen (das wäre wider meine Natur) und es gibt noch so viele Geschichten zu erzählen (und die Jungs sorgen täglich für Nachschub). Ich erwäge nur neue Möglichkeiten zusätzlich- Vielleicht wird das jetzt ein „Komplementär-Blog“, quasi Quatsch mit Soße! Und was die Soße vielleicht sein könnte, das schreibe ich euch morgen…

 

 

Blogfamilia 2017

Wenn ihr das hier lest, sitze ich im Bus nach Berlin. Am Freitag findet zum dritten Mal die Blogfamilia statt, die größte Elternbloggermesse Deutschlands. 

Ich bin zum dritten Mal dabei und doch ist es diesmal anders. Die vergangenen beiden Jahre war ich Gast, in diesem Jahr bin ich Teil von dem „Bums“.

Die Blogfamilia wurde immer größer und aus diesem Grund hat sich Anfang des Jahres ein Verein gegründet, zu dessen Gründungsmitgliedern ich zähle, und der in diesem Jahr die Messe gemeinsam veranstaltet.

Als ich gefragt wurde, ob ich mitmachen wöllte, war ich gerührt und geehrt, steht Blogfamilia doch für mich für die Bloggerfamilie, als Teil dessen ich mich sehe. Und auch für eine Art Institution für Familienblogger und die Themen von Familie im allgemeinen. Das Sichtbarmachen derselben ist ein großes Ziel der Blogfamilia und ich bin gespannt auf die Sessions und Vorträge. Und am meisten auf „meine“ Leutchens. So viele sehe ich nur einmal im Jahr, sehe ich nur auf der Blogfamilia, es ist tatsächlich ein bisschen wie zu einem Familienfest zu fahren!

Es wird für mich anders sein in diesem Jahr, ich werde viel weniger Zeit haben zum Quatschen und auch nicht jeden Vortrag hören können und dennoch finde ich es großartig, im „Staff“-Team dabei zu sein und so meinen Beitrag zu leisten, dass alle Besucher an diesem Tag genauso begeistert und emotional angeregt nach Hause gehen, wie ich in den vergangenen Jahren. Ich lebe einfach den Gedanken dahinter und träume großartige Träume, davon, was entstehen könnte, wenn man die energy der schreibenden Eltern kanalisieren würde! Und ich träume davon, dass wir uns wirklich als Gemeinschaft, als Familie sehen. Und zwar als eine gute, in der man sich zuhört und unterstützt. Und sich unterstützt fühlt.

Hier hab ich noch mal was rausgekramt, was ich im vergangenen Jahr im Nachgang verbloggt hatte.

Ihr könnt die Blogfamilia 2017  via Instagram verfolgen. Oder auf Twitter. Und wenn ihr selbst als Besucher vorort seid und wir uns bisher noch nicht persönlich kennengelernt haben, sagt „Hallo Nieselpriemchen!“ oder drückt mir hemmungslos einen feuchten Schmatz auf die runzlige Stirn, je nach Temperament. Ich freu mich, kannste glauben!

Berlin, isch gomme! 🙂

 

Die Glücksbürste

Ich fahre mit den Nachkommen zur samstäglichen Lebensmitelbeschaffungsquelle. Von hinten singt das Kleinste glücklich mit seiner Tweety-Stimme:

„Hip, Schulter, niesenos, niesenos. Hip, Schulter, niesenos, niesenos. Aishe isst Bananentoast. Hip, Schulter, niesenos, niesenos!“

Der Großsohn schreibt gerade seine Prüfungen und die Vorprüfungen sind prima gelaufen. Auch stellt er sich passabel an und der Muttihimmel hängt voller Geigen deshalb. Auf dem Rückweg vom Kaufmannsladen nutze ich entsprechend die Gunst der Stunde und dass er nicht abhauen kann aus dem fahrenden Auto, um ein Qualitätsgespräch zu führen:

„Was hast du denn für Pläne für die Ferien? Wollen wir mal für zwei Tage nach Berlin fahren uns was angucken?“. Nein. „Vielleicht ist auch in Köln eine Daddel Convention, willst du da hin? Ich fahr mit dir!“. Nein.

Mist. So ein junger Mensch braucht doch Pläne und Ziele! Das musikalische Glückskind stimmt nun ein anderes Volkslied an und wünscht uns eine glückliche Bürste:

„Häbbi Bürste tu juu, häbbi Bürste tu juu…“

Ich zum Nicht-Sänger: „Aber sage doch mal, auf irgendwas musst du doch Bock haben! Du kannst doch nicht sechs Wochen in der Bude sitzen, pennen und Animes gucken!“. „Wenn ich die Prüfungen geschafft habe, werde ich mir richtig einen durchziehen. Darauf hab ich Bock!“.

Häh?! Was hat der gerade gesagt?! Was will der durchziehen? Doch nicht DAS, oder?! Ohweiohwei, bei der heiligen Christiane F. und allen Kindern vom Bahnhof Zoo, ich muss doch jetzt nicht dieses Sex-and-Drugs-and-Rock´n Roll-Gespräch führen, oder? Wieso? Der ist doch erst siebzehn! Ich dachte, ich habe noch massig Zeit! So etwa zehn Jahre, oder länger. Verdammt! Doch dann…

„Hach, Kinder, guckt mal! Hier ist schon unsere Straße. Da vorn steht unser Haus. Wirklich schade, aber die Fahrt ist zu Ende. Wir sind da!“.

via giphy

Und von hinten trällert es:

„Geeenau! Ausstieg in Fahrtrichtung links!“

Ich und Ihr, ein fettes Wir

Ich und Ihr, ein fettes Wir

Ihr macht mich fertig. Und glücklich! Ihr habt mich so mit Liebe und Zuspruch und warmen Worten überhäuft, ich kann gar nicht mehr alle Kommentare kommentieren, so viele sind es… Seid gewiss, ich freue mich über jedes einzelne Wort so so sehr!

Ihr habt mich die Definition von „social media“ verstehen lassen und dass das WWW ausgesprochen „Wow! Wow! Wow!“ heißt. Danke Euch allen. Ihr seid das größte Geschenk dieses komischen Internets. Und das Schönste.

No Filter!

Ich bin´s .Ich bin die, die hier schreibt. Schrub, schriebte. Früher sogar regelmäßig.

(Pustet die Spinnweben vom Blöggel herunter)

Als ich anfing, diese Internetseite mit Worten zu füllen, hing mein mittelaltes Leben voller Geigen und Mobiles und auf dem Herd kochte ein Pastinakenbrei, bio selbstverständlich. Die Nächte waren kurz, die Tage voller Liebe und Küsse auf ein duftendes Kinderköpfchen. Ich bin die, die dachte, so bliebe es nun für immer.

„Und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende und über allem war Glitzer und Heititei und …“

Tat es nicht. Die Elternzeit ging vorüber und mit ihr begann, ja, was denn?! Das Leben? Der Ernst? Na, jedenfalls ein anderer Abschnitt. Das Kind kam in die Kita, die Mutter ins Büro und … halt! Nein, so war es nicht. Hätte sein sollen und die Mutti des Blondinos gäbe dann womöglich ernstgemeinte Karrieretipps für Frauen mit Nachwuchs im Nacken. Tut sie nicht.

„Was sind sie von Beruf?“, „Ich mache seit anderthalb Jahren eine Weiterbildung im Pflegesektor!“

Wir sind dauerkrank. Es dauert jetzt schon so lange, dass kein Mensch in unserer Familie eigentlich mehr weiß, wann wir denn mal alle gesund waren. Der Blondino fing sich jeden scheißverdammten Virus dieser Welt ein, bekam Lungenentzündungen, Asthma, bakterielle Superinfektionen und stinknormale Infekte. Von sieben Tagen einer Woche war er durchschnittlich drei Tage krank. Ungefähr. Seit anderthalb Jahren. Und davon bekam er Saulaune. Das kann ich gut verstehen! Der Bärtige hat aus lauter Mitgefühl buchstäblich jede Krankheitswelle mitgemacht, die hier so durchrollte und bekam davon aus lauter Solidarität auch Saulaune. Krankenhäuser an allen Feiertagen, sogar im Urlaub.

Ich bin die, die beruflich abgehängt ist und täglich neue Pflege-Skills dazulernt. Ich bin die, die niemals im Büro ist und dennoch ständig zu tun hat. Die, die ein permanent schlechtes Gewissen hat. Gegenüber den Kollegen, gegenüber der Familie. Die, der der Rücken wehtut. Und die Hüfte, das Knie, das Kiefergelenk. Die, die auch Saulaune hat. Aus Solidarität vermutlich.

Ich bin die, die einst sagte, ein „zu groß“ gäbe es nicht bei Immobilien und nun in einem Haus mit siebenundzwanzig dreckigen Fenstern sitzt, in dem die Schritte nachhallen.

„Rosen sind rot, Veilchen sind blau. Das Leben ist schön, ich weiß es genau.“. „Schnauze! Es gibt hier Leute, die versuchen, gepflegt durchzudrehen!“

Ich bin die, die sich anhören muss, sie wäre doch jetzt drei Wochen auf Kur gewesen und demnach tiefenentspannt, als sei die bloße Anwesenheit mit siebzig anderen Müttern und hundert Kindern in einem hellhörigen Bunker am Meer ein Garant für Nervenheilung und Tiefenentspannung.

Ich will doch nur Ruhe. Und Langeweile. Ich bin die, die niemals allein ist und niemals allein. Die, die auf Dienstreise fährt und sich auf´s Ausschlafen freut, dann jedoch schlaflos in einem fremden Bett liegt und die ihren vermisst.

Ich bin die mit den seltsamen Söhnen. Die, die gefragt wird, ob sie das blonde Kleinkind denn mal hat testen lassen, sein Benehmen sei so… äh… besonders und weil doch der große Sohn… man wisse ja Bescheid. Ich bin die, die immer gesagt hat, es sei vollkommen egal, wenn der Kleine auch Autist sei oder was auch immer und an keiner Stelle mehr gelogen hat als bei diesem Satz. Es ist nicht egal, nicht wegen mir. Wegen ihm! Und weil ich weiß, wie lang und schwer der Weg für das Großkind war. Allein bis hierhin. Weil ich wollte, will, für beide Kinder, dass das Leben eine bunte Aufschnittplatte ist und keine Challenge mit unklarem Endboss.

Ich bin die, deren Mann sagt, irgendwas stimme nicht mit unserer Genetik, Chemie. Also, wenn wir nur „solche“ Kinder bekommen und die trotzdem denkt, mit uns ist alles in Ordnung. Unsere Kinder sind kein Fehler, wir sind kein Fehler! Ich bin die, die regelmäßig die Nerven verliert, aber niemals verzweifelt.

„Suchanzeige: In den vergangenen Wochen habe ich meine Nerven verloren. Möglicherweise auch meinen Humor. Der ehrliche Finder wird gebeten, sie umgehend abzugeben. Wirklich, glauben sie mir,eine Zweitverwertung ist ausgeschlossen!“

Ich bin die, die nicht mehr weiß, wann sie mal bei der Kosmetik war und in den letzten Wochen nicht mal Zeit für den Fisör hatte. Die, die sich aus diesem Grund die Haare selbst gefärbt hat und nun mit fleckigem, karottenroten Haaransatz rumläuft. Die, die so aussieht, wie sie sich fühlt. Die, die beim Frisörbesuch des schreienden Sohnes hinter dem Stuhl steht und hilflos mit brennendem Gesicht versucht, das Kind zu beruhigen, das gellend schreit, „GEHWEG!GEHWEG! GEHWEG! GEH WEG DU PLÖTE FRAU!“, während alle Damen im Frisörsalon die Luft einziehen.

Ich bin die, über die die Muttis auf dem Spielplatz tuscheln, weil der Sohn es nicht erträgt, dass da andere Kinder spielen und schubst, schreit und randaliert. Ich bin die, die sich schämt. Die, die nicht mehr auf Spielplätze geht.

Ich bin die, die manchmal die Kinderwunschfrage mit: „Kinderwunsch? Eins weniger wäre ganz schön!“, beantwortet und deren Löwenmutterherz „You are beautiful, no matter what they say“ singt und das jeden abgrundtief und mit brennendem Herzen hasst, der jemals versuchen wird, ihren Kindern etwas anderes einzureden. Bis zum beschissenen allerletzten Tag ihres Lebens!

Ich bin die mit der dünnen Haut und dem dicken Schädel.

Ich bin die, die manchmal wehmütig ihre alte Blogbeiträge liest, in denen sie witzig, liebevoll, lebenslustig und manchmal sogar eloquent ihr Leben parodierte. Blogbeiträge, an denen sie manchmal stundenlang schrieb, um die Sätze auszufeilen. Ich bin die mit dem Blog, auf dem nichts mehr los ist. Ich starre auf die sterbenden Zugriffszahlen, traurig. Ich bin die, die nicht mehr weiß, was sie schreiben soll. Die, die durchhängt.

Ich bin die, deren Mann sagt, hör auf zu jammern und die nicht hört. Tut sie nie.

Ich bin die, die sich erinnert, was sie sich als junges Mädchen, junge Frau, gewünscht hat für ihr Leben. Hochtrabende Dinge! Einen lieben Mann, ein schönes Haus, Kinder und keine Geldsorgen. Ich bin die, der das Geld stets durch die Finger rinnt und die dennoch reich ist. Reich an Liebe.

Ich bin die, die sich erinnert.

Und ich bin die, die hier schreibt. Vielleicht nicht mehr so regelmäßig, aber es nicht mehr zu tun, ist keine Option. Das ist doch das Leben!  Bullerbü besteht zu neunzig Prozent aus Geduld und Kompromissen. Zehn Prozent sind Liebe und hemmungsloser Sex. Wer mir was anderes einreden will, schwindelt! (Hoffe ich.)

Rosen sind rot, Veilchen sind blau. Familie ist das Superste, ich weiß es genau!

 

 

 

 

 

Schwangere Seniorinnen oder: Mein Bauch gehört mir!

Frage: Wie nennt man den Uterus einer älteren Frau? A) Gebärmutter B) Gebäroma C) Eine Frau über fünfundvierzig hat keinen Uterus und keine Vagina! Eine alte Frau hat keinen Sex und auf gar keinen Fall involviert sie sich in den Fortpflanzungsprozess außerhalb der ihr angedachten Rolle als Großmutter mit praktischem Kurzhaarschnitt und in geschlechtslose beige Polyestergewänder gehüllt. Frag das Internet!

Caroline Beil ist schwanger. Das könnte mir egal sein, ist es mir generell auch. Ich finde das so interessant, wie eben jemand eine derartige Meldung spannend findet, wenn er den betreffenden Menschen (so wie ich in Frau Beils Fall) gar nicht kennt.

Aber Caroline Beil ist fünfzig und schwanger und da wird es interessant! Also nicht auf eine gute Art, weil zum Beispiel herausgefunden wurde, dass der Verzehr von zwei Litern Schokoladeneis pro Tag die Fertilität (also Fruchtbarkeit) unterstützt.

Nein! Interessant auf eine erschreckend gruselige Art wurde es, weil die werdende Mutter sich einem Shitstorm ausgesetzt sieht, ihre Schwangerschaft betreffend. Während George Clooney, Sigmar Gabriel und wie die neuen Väterhelden im öffentlichen Raum auch heißen mögen, Fan-Zuspruch und Klicks erhalten, wird Caroline (die im übrigen jünger als die beiden genannten ist) als „Mumie“ beschimpft und das Ungeborene bereits bedauert.

Was ist so anders zwischen George Clooney mit seiner Amal und Caroline Beil mit ihrem neuen Freund? Genau genommen gar nicht so viel! Beide Paare haben einen Altersabstand von circa sechszehn Jahren und beide Paare bekommen Nachwuchs 2017. Und bei beiden Partnerschaften ist ein Elternteil in den Dreißigern und eines über fünfzig. Und dennoch bekommt das eine Paar Herzchen und Zuspruch und Likes und das andere die Hasstiraden.

Mir kriecht das Entsetzen den Nacken hoch, wenn ich bedenke, dass der Großteil der Kommentatoren weiblich sein soll. Echt jetzt, Mädels? Ungläubiges Staunen, Unverständnis. Einer Zwanzigjährigen sehe ich all das nach. Auch einer Dreißigjährigen. Die wissen nichts über die Gefühlswelt einer Fünfzigjährigen. Und das ist ok! Aber Beschimpfungen gehen gar nicht. Und wisst ihr warum? Weil es noch gar nicht so lange her ist, dass Frauen mit dem Slogan „Mein Bauch gehört mir!“ auf der Straße demonstrierten, um jedem Mädchen und jeder Frau das Recht auf freie Entscheidung einzuberaumen. Das Recht, sich gegen ein Kind entscheiden zu dürfen! Das Recht, eine ungewollte Schwangerschaft straffrei abbrechen zu dürfen. Die entsprechende Gesetzesänderung gilt nach wie vor als Meilenstein in der Geschichte der Frauenrechte. Und beinhaltet dieses Recht auf freie Entscheidung nicht auch das Recht, sich frei „für“ ein Kind zu entscheiden? In meiner Wahrnehmung schon!

Ich habe es schon mal an anderer Stelle (hier) geschrieben: Von jeher bekamen Frauen ihre Kinder bis zum Eintritt in die Wechseljahre. Nur das uralte Hebammenwissen und später die moderne Medizin haben dafür gesorgt, dass alte Mütter für eine Zeit aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwunden sind. Und ja, die Wahrscheinlichkeit einer intakten Schwangerschaft nimmt mit dem Alter der Mutter mehr und mehr ab. Aber generell funktioniert es unter Umständen! Und selbst wenn – wie in Carolines Fall – der Onkel Doktor nachhilft, was ist daran derart verwerflich, dass sich Leute verbal entgleisen und die werdende Mutter attackieren und beschimpfen? Und im Anschluss auf George Clooneys Instagram-Account ein Herz dalassen?!

Wann ist man alt? Wie lange jung?

Ich weiß es nicht. Ich bin in der Mitte meines Lebens und ich verstehe nicht, was an diesem „Jungsein“ überhaupt so toll sein soll. Ich will nicht noch mal jung sein! Ich führe jetzt das Leben, das ich mir als ganz junge Frau immer gewünscht habe! Alle Möglichkeiten liegen dir zu Füßen, alle Türen offen, wenn du jung bist? Am Arsch! Jetzt habe ich alle Möglichkeiten und trete jede Tür auf, durch die ich hindurch will! Jetzt ist die beste Zeit meines Lebens! Und ja, es fühlt sich toll an, noch mal ein kleines Kind zu haben. Jetzt. Und ich bin eine tolle Mutter, jetzt, mit siebenundvierzig!

Willkommen bei Nieselpriem, ihrem geriatrischen Befruchtungsblog! Wer versehentlich hierher gelangt ist, bekommt an der Kasse sein Geld zurück.

Ja, ich bin eine alte Rollator-Mutti und das ist genau mein Ding. Ich bin #teamcaroline. Das muss nicht für jede(n) passen, für mich passt es. Und ich hätte nicht mit zwanzig die Mutter abgegeben, die ich jetzt sein kann! Mit zwanzig hätte ich selber noch einen Erziehungsberechtigten gebraucht… andere sind da anders und haben andere Entscheidungen getroffen. Auch prima!

Dieses Analysedingsbums in der Blogsoftware hat mir mal ausgespuckt, dass der durchschnittliche Nieselpriem-Leser zwischen dreißig und fünfunddreißig Jahren alt ist und weiblich (Ich weiß, es lesen auch ein paar Männer hier. Torti, Nils, ich winke!). Wenn ich mich also mal ganz weit aus dem Fenster der Realität lehne, bedeutet das wohl, dass sich hier Frauen angesprochen fühlen von meinen Worten, die gut und gern fünfzehn Jahre jünger sind als ich. Bedeutet das vielleicht weiter, dass die „alte“ Frau, die hier schreibt,  mit ihren Meinungen und Ansichten gar nicht so weit weg ist von denen der „jungen“ Frau, die das liest. Dass uns optisch zehn bis fünfzehn Jahre trennen, aber im Fühlen möglicherweise kaum etwas. In dem, was uns als Mütter umtreibt.

Ich könnte jetzt noch mit dem demografischen Wandel um mich werfen, damit, dass wir immer älter werden und dass Frauen aus Gründen (und auch die füllten wieder Seiten des Internets) oft bis weit in ihre Dreißiger knietief in der Karrierearbeit stecken und deshalb immer später Kinder gebären, all das ist richtig, führt jetzt aber zu weit.

Ich denke, in den kommenden Jahrzehnten wird die Zahl der über Vierzigjährigen Gebärenden immer mehr zunehmen und vielleicht auch die der über Fünfzigjährigen. Ich bin dafür, dass wir nicht nur die Errungenschaft der freien Entscheidung gegen ein Kind in jedem Alter feiern sollten, sondern auch die freie Entscheidung für ein Kind in jedem Alter! Auch das ist Frauenrecht. Mein Bauch gehört mir, in jeder meiner Entscheidungen. Und dir deiner. Das gilt im übrigen auch für Meinungen. Jeder darf seine eigene haben und jeder einzelne löffelt die Suppe seiner Entscheidungen für sich aus.

Nachtrag: Spontan hatte ich überlegt, Caroline unseren Hartan zu spenden, der steht ja noch bei uns in der Garage. Ich habe mich aber dagegen entschieden, ich bin ja noch nicht mal fünfzig! Und falls noch einmal ein faltiges Ei meine runzligen Eileiter passieren sollte, setze ich mich hin und schreibe ein Buch. Mögliche Arbeitstitel wären: „Stillend durch die Wechseljahre“, oder: „Elternzeit statt Altersteilzeit – Eine Chance für Senioren“. Bleiben sie gespannt. Und vor allem: Entspannt!

Und jetzt entschuldigt mich, ich muss die Bauchfotos von Caroline Beil herzeln gehen, aus Solidarität.

Kulturtipp – Mixtape mit Philipp Richter

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Es gibt ja Leute, die stehen auf Mister Big oder Bradley Cooper oder den brettharten Pitt.

Ich bin da anders, ich stehe auf Philipp Richter! Also eigentlich auf sein Alter Ego Tim Herzbergeraber da die beste Show der Welt leider so selten aufgeführt wird, gucke ich mir halt aus schierer Verzweiflung einfach alles an, was der lustige, wandelbare Philipp sonst noch auf seine langen Beine stellt.

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Und jetzt also Musike. „Mixtape“ nennt er das kleine, feine Programm, das er zusammen mit den „Funky Beats“ und Elena Maria Pia Lorenzon (sieht aus wie Amy Winehouse, klingt so ähnlich wie Amy Winehouse, hat aber mehr Vornamen) auf den kurzen Brettern der Kleinen Bühne im Boulevardtheater Dresden gibt. Die großen Hits der Achtziger und Neunziger live auf der Bühne. Lohnt sich das? Nu klar.

„Pampelmuse“, die kleine Bühne im Boulevardtheater bietet Platz für etwa einhundert Leute und ist somit ein intimer, passender Rahmen für eine Show, die sich insofern von beliebigen Achtziger-Neunziger-Musik-Liveshows abhebt, als dass zum Einen Philipp Richter mitmacht und diese Show so gestaltet, wie eben nur Philipp das kann und zum Anderen ist dieses private Ambiente ein würdiger Rahmen für die vielen Anekdoten und Geschichten, mit denen die einzelnen Songs anmoderiert werden. Vom Mischen der Kassetten für die erste große Liebe über Entscheidungen zu Körperpiercings (Lenny Kravitz´Schuld), Trennungen, Herzschmerz. I want to get away, I want to fly away. Und alle im Kleinen Saal breiten die Arme aus und grölen mit.

So werden die Träume, Sehnsüchte und das Lebensgefühl einer ganzen Epoche komprimiert und fühlbar noch einmal aus den Erinnerungskisten der einzelnen Besucher geholt. Knocking on Heavens Door und der Saal brüllt mit ausgestreckten Armen im Chor:

„Nag-nag-nagging on Häwens Do-hoor!“

Ob er mit verrauchter, trauriger Whiskystimme (Gänsehaut!) Rio Reiser mimt oder mit unschuldiger Bubi-Attitüde Quit playin´games with my heart singt, Philipp Richter beweist, dass er außer in den komischen Rollen die Bühne auch mit Gesang rocken kann und selbst wenn mein ganz persönlicher Soundtrack dieser Zeit anders klang, so erlebe doch auch ich eine Art Flashback.

Getragen durch die Töne aus dieser Zeit reise ich in den drei Stunden, während sich Philipp, Elena und die Band ihr Herzblut aus der Seele spielen, zurück. Höre in meinem Kopf andere Songs, fühle Liebeskummer, von dem ich annahm, ihn unmöglich überleben zu können. Ich denke an sehnsuchtsschwangere Jugendjahre, die begleitet wurden durch The Cure, Depeche Mode, U2, the art of noise, Kate Rush, Annie Lennox, The Cranberries. Später sogar die frühen Werke von Rosenstolz und immer wieder schrammel-schramm-Gitarren. Bass, Bass, ich brauche Bass.

Es funktioniert. Die Stimmung ist großartig, mitreißend. Schon vor der Pause habe ich wie alle anderen die Arme oben und belüfte die Achselhöhlen. In der Pause kamen sogar noch ein paar schick angezogene ältere Damen gucken, wer denn da im Theater solchen Krawall veranstaltet. Außerdem ist die Schlange am Klo doch so lang! Da kann man doch auch mal die im Kleinen Saal ansteuern. Und überhaupt, was ist da los hinter dem goldenen Vorhang…

„Gerda, komm da raus, hier sind wir falsch! Das ist hier das Mixdäb mit dem Philipp Rischtor. Mir müssen links rum! Guggema, nur junge Leute mit Battrie-Zickretten und Stühle haben die auch nicht. Komm Gerda, ich brauch noch ein Rotkäppchen. Es bimmelt gleich wieder!“

Nach der Pause Roxette, Philipp Poisel, Guns´n Roses und die Fantas. Das bärtige Hiphop-Kind, das ich geheiratet habe und das mich vor zwanzig Jahren schon zu den Bong-schnorchelnden Klängen von Wu Tang Clan im Trabi flachgelegt hat, spendet frenetisch Applaus dafür.

Linda Perry und die four non Blondes durften natürlich nicht fehlen, also setzte sich Philipp Haare und einen Hut auf und so klang das dann:

Hach, es war schön!

Im Anschluss an jede „Mixtape“-Show legt Philipp zusammen mit Franz Lenski, einem der drei Companeros aus der Tim-Herzberger-Show zum Schwof im Foyer auf. Wer noch kann, der kann noch. Tanzen, hüpfen, mitgrölen.

Karten für die Veranstaltung im Dresdner Boulevardtheater gibt es hier. Es sind auch Auftritte in Chemnitz und anderswo geplant. Gebt doch der Show bei Facebook ein Like und lasst Euch informieren, wann es sich lohnt, den Babysitter zu buchen. Und wenn der Philipp wieder den Tim Herzberger gibt, kommt ihr alle mit mir hin, in Ordnung?

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