Ansichten einer Kindergärtnerin

In der aktuellen „Brigitte MOM“ ist ein Interview mit einer Kita-Leiterin abgedruckt. Ich habe mich sehr über den Artikel gefreut. Gerade, weil ein ehrlicher Austausch darüber, wie die andere Seite verschiedene Dinge sieht, im Alltag so nicht möglich ist. Irgendjemand ist ja immer in seiner „Rolle“.

Nach dem Lesen des Artikels saß ich mit Herzklopfen da.

Ich habe den allergrößten Respekt vor der erzieherischen Tätigkeit, sei es in einer Krippe, als Kindergärtner, Horterzieher oder Tagesmutti. Und bin der Meinung, wer diesen psychisch und physisch anstrengenden Beruf erwählt folgt einer Berufung. Aber ich bin auch der Ansicht, dass den beruflichen Betreuern durch die permanente Konfrontation mit vielen Eltern und vielen Kindern auf Dauer der Blick auf die Individualität jedes Einzelnen verloren geht. Eine „Betriebsblindheit“ entsteht. Meiner Erfahrung nach ist das Verhältnis zwischen Mutter und Erzieherin ein völlig anderes, wenn die Erzieherin selbst auch kleine Kinder hat und nicht längst erwachsene. Mir hat die Erzieherin meines Sohnes in der Grundschule einmal erzählt, seit ihr eigener Sohn die Schule besuchen würde und sie ständig antraben müsste, weil er sich nicht regelkonform verhält, sähe sie die Kinder in ihrer Klasse mit ganz anderen Augen.

In Zeiten, wo Mütter ständig mit dem Vergleichs- und Optimierungswahn konfrontiert werden, von dem wir uns doch ALLE so gern befreien würden, auch noch von professionelle Seite zu hören, dass „normale“ Kinder mit zweieinhalb trocken sind, nicht mit vier Jahren im Buggy sitzen und ihre Hausschuhe selbst anziehen können in der Früh…ja, dann ist Hilflosigkeit und/oder Wut auf Elternseite vorprogrammiert. Denn wir wissen doch alle, wie selten sich Kinder um genormtes Verhalten scheren. Ich erinnere mich an die mehrmals getätigte Aussage: „Wenn ihr Sohn nicht BALD trocken ist, darf er NICHT in den Kindergarten und muss bei den Krippenkindern bleiben!“ Und wer kennt denn nicht die Situation, vor einem trödelnden Kind zu stehen und zu überlegen, ob man die Telefonkonferenz um acht dann im Auto führen will oder schnell das Kind ruckizucki selber umzieht um es noch ins Büro zu schaffen.

Stichwort große Kinder im Buggy. Oft musste ich mir anhören, er sei mit fast vier zu alt um kutschiert zu werden. „Normal“ war es, dass die Kinder im Autositz angeschnallt vor der Kita abgeliefert wurden! Wo da der Unterschied sei, konnte mir die Erzieherin nicht sagen, zumal ich argumentierte, dass mein Kind wenigstens morgens schon zehn Minuten an der frischen Luft gewesen sei. Das Buggyfahren am Morgen hatte den Reiz, dass wir sowohl anhalten konnten um eine Katze zu bestaunen, ich aber die Entscheidung treffen konnte, wann und in welchem Tempo wir uns wieder auf den Weg machen. Und am Nachmittag sind wir zu Fuß nach hause gebummelt… Aber das wurde nicht gern gesehen und ich durfte dann auch den Buggy nicht mehr in der Garage der Kita abstellen, die sei für die Kinderkrippenwägen. Als ich dann später wie alle anderen auch mein Kind im Auto zur entsprechenden Einrichtung fuhr, verhielt ich mich genormt und es gab keine Beanstandung meines elterlichen Verhaltens.

Geschluckt habe ich beim Lesen der Bemerkung, dass die Kindergärtnerin das Zuspätkommen der Eltern als „Respektlosigkeit“ ansieht. Ich unterstelle einmal, dass die Muttis nicht vom Frisör kommen sondern von der Arbeit. Vielleicht vom anderen Ende der Stadt oder sogar aus einer anderen Stadt, einen außerplanmäßigen Stau oder ein Kundentelefonat nicht verhindern konnten und deshalb ihr Kind zu spät abholen. Ich habe jahrelang aus demselben Grund die Kita-Nummer stets im Kurzwahlspeicher gehabt und mehrfach zehn bis fünfzehn Minuten nach Schließzeit mit hängenden Armen und schweren Herzens mein „Bummelkind“ abholen müssen. Respektlos gegenüber der Erzieherin habe ich mich nie gefühlt und hatte wohl auch Glück, dass keine Erzieherin das jemals so gesehen hat (oder zumindest nicht ausgesprochen). Die fühlte Zerrissenheit von berufstätigen Müttern ist regelmäßig Gesprächsthema und gerade in solchen doch sehr unangenehmen Situationen geradezu greifbar! Dahinter ist keine Respektlosigkeit oder Vorsatz zu sehen, auch glaube ich nicht, dass eine Mutter die Zeit „vergisst“ und deshalb zu spät kommt. Oft genug sind die Trennungen am Morgen so schmerzhaft und hallen bis in den Mittag nach, sodass man es kaum erwarten kann, den kleinen Menschen endlich wieder an die Brust drücken zu können.

Die Kindergärtnerin ärgert sich weiter über das Verhalten bestimmter Eltern, die durch seltsame Methoden für ihr Kind einen persönlichen Vorteil generieren wollen. Ja, die gibt es und auch die anderen Eltern ärgern sich darüber! Aber trotzdem, ist das nicht auch verständlich? Wir bekommen immer weniger Kinder und somit haben diese wenigen Kinder einen ganz anderen Stellenwert in unserem Leben. Wir vertrauen der Kindergärtnerin morgens das Liebste an, das wir haben um im schlechtesten Fall von allen mit zerrissenem Gefühl („Muss ich denn wirklich so viel/ so lange/ überhaupt arbeiten?!“) unserem Tagwerk nachzugehen. Möchte ich dann nicht unbedingt und mit allen (wie auch immer) Mitteln sicherstellen, dass mein größter Schatz bestmöglich umsorgt wird bis ich das wieder selber tun kann? Und wird nicht derartig manipulatives Verhalten noch befeuert, indem Eltern schon in der Antrags- und Vergabephase zum Kitaplatz genötigt werden, durch Kuchenbacken, regelmäßige Besuche/ eMails („Schöne Grüße von Emilia! Sie würde sich seeeehr freuen, ab Mai auch ein Kindergartenkind zu sein in ihrer schönen Kita!“) , Präsenz zu jedweder Aktion (Säuberung der Außenanlagen, Streichen irgendwelcher Gerätschaften, etc.) ihre unbedingte Einsatzsatzbereitschaft und somit ihre Tauglichkeit für den Kitaplatz zu signalisieren?

Sollten nicht beide Seiten versuchen, sich respektvoll auf Augenhöhe zu begegnen und mehr Verständnis für die jeweils andere Situation aufzubringen?

Ich für meinen Teil werde das auf jeden Fall versuchen und der Artikel hat mir sehr geholfen die Sichtweise auf der anderen Seite besser zu verstehen. Ich wünsche mir für die Kitazeit des Kleinsten, dass wir einen Erzieher oder eine Erzieherin haben, die nachfragt bevor sie urteilt und sich auch in einer Beratungsrolle sieht. Denn auch eine erfahrene Mutter kann oft genug einen Rat gebrauchen und auch dankbar annehmen. Genauso wie Verständnis und Respekt. Das brauchen wir alle!

 

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7 Kommentare zu “Ansichten einer Kindergärtnerin

  1. Meine liebe Xeniana, meine treueste Leserin und Immer-Likerin 😀 Herzlichen Dank für Deine Unterstützung! Ich freue mich immer wie Bolle, wenn ich dein Icon unter einem Beitrag sehe! Sonnige Grüße, Rike

  2. Recht hast Du. Und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll, dass Du ein Vierjährigenbuggyverbot bekommen hast. Was für eine Unverschämtheit!
    Wenn das gegeneinander aufrechnen und besserwissen endlich aufhören würde, wie schön wäre das? Wenn der Grundsatz gelten würde „solange es meiner Familie nicht weh tut, sollen die anderen ihre Familie doch führen und in Ruhe vor sich hinscheitern, wie wir alle“ wäre vieles einfacher.
    Ein 4jähriger im
    Kindergarten hat jetzt eine GPS Uhr. Damit kann ihn die Mutter auf den Meter genau orten. Im
    Kindergarten trägt er sie nicht, nur am Strand und auf Kinderfesten/Märkten/beim spielen/Fußgängerzone etc. Er war schonmal eine Stunde weg, weil er einfach loslatschte.die Suche war die Hölle. Du glaubst nicht was die Mutter sich anhören muss…schlimm. Dabei tut es keinem weh.

    Ich glaub ich schreib‘ da mal drüber. Grundrechte von Kindern und Familien…Buggyverbot…ich glaub ich spinne…
    Danke Für Dein Statement, sehr wertvoll und gut!
    Beste Grüße
    Nina

  3. Liebe Nina, „verboten“ hat natürlich niemand den Buggy, allerdings immer wieder thematisiert und uns morgendlich begrüßt mit“ Na, wurde der kleine Prinz heute wieder mit der Kutsche vorgefahren?“ bis ich mir derartige Äußerungen mit Dringlichkeit verbeten habe. Ich möchte auch nicht gegen die Erzieher schießen, sondern anregen, dass wir uns einander mit unseren Anforderungen und Wünschen nähern! Zumal diese mehrjährige Beziehung doch eine emotionale ist.
    Und ja: Schreib mal wieder, Nina! Bitte 🙂
    Sonnige Grüße
    Rike

  4. Auch eine Erzieherin hat eigene Kinder, die sie vom Kiga abholen muss. Kommen die Eltern aus ihrer Einrichtung zu spät, kommt die Erzieherin auch zu spät ihr Kind abzuholen.
    Es ist jeden Tag eine andere Mutter, Oma, ein anderer Vater der aus einem anderen Grund sein Kind zu spät abholt. Und doch ist es jeden Tag die gleiche Erzieherin die wartet bis sie den Kindergarten abschließen kann.
    Es ist die gleiche Erzieherin die jeden Tag „sinnlose“ Überstunden machen muss. Die sie jeden Tag vor ihren eigenen Kindern und ihrer eigenen Familie entschuldigen und jeden Monat bei ihrem Träger immer wieder rechtfertigen muss. Es gibt auch Träger, die diese Art der Überstunden nicht anerkennen. Da wartet die Erzieherin dann in ihrer Freizeit auf dich und die anderen Eltern, jeden Tag.
    Ich bin Erzieherin, ich bin Mutter. Ich bin jeden Tag die Letzte, denn ich schließe ab. Und jeden Tag kommt eine andere Mama zwischen 5 und oft auch 15 min und mehr zu spät. Mein Kind wartet dann in seiner Kita auf mich und mit ihm seine Erzieherin. Den Musikkurs für mein Kind habe ich aufgegeben. Wir kamen zu oft erst an, wenn der Kurs zu Ende war.

  5. Liebe Annabell,
    damit, dass eine Diskussion eröffnet wird, wo beide Seiten ihre Meinung äußern, ist hoffentlich ein Schritt in Richtung „Partnerschaft“ und weg von einer Dienstleistungsmentalität gemacht. Wo jeder sagen kann: DAS erwarte ich von unserer Partnerschaft und DAS wünsche ich mir von explizit dir. Eine Erweiterung der Kita-Öffnungszeiten wird wahrscheinlich das Bummeleiproblem nur zeitlich verlagern (und da sind dann von Trägerseite andere Konzepte erforderlich, die auch dich und deine Kolleginnen schützen). Aber dadurch, dass du deine persönlichen Befindlichkeiten zu diesem Thema mit mir geteilt hast, ist zumindest in MEINEM Bewusstsein etwas bewegt worden. Wenn ich auch in der Vergangenheit nie fahrlässig oder vermeidbar zu spät war. Allerdings hätten sich eventuell andere Abholpersonen finden können, das stimmt sicher und ich werde das in Zukunft beherzigen. Danke dafür! Grundsätzlich sollte dringend über Erwartungen gesprochen werden! Von beiden Seiten! Auch in Bezug auf das Erlernen von Kompetenzen. Es ist von einer Erzieherin auf der Pinnwand angesprochen worden und ich kenne selbst einen Fall im Freundeskreis: Der Junge ist bei der Vorschuluntersuchung aufgefallen, weil er den Stift nicht korrekt hält und keine Schere benutzen kann. Danach gab es eine hässliche Aussprache im Kindergarten, wo beide Seiten der Ansicht waren, das Beibringen solcher Fähigkeiten läge im Kompetenzbereich der jeweils anderen Seite („Er ist acht Stunden am Tag bei ihnen! Wann soll ICH ihm nach der Arbeit denn noch Schneiden beibringen?!“). Der Junge bekommt jetzt Ergotherapiestunden um vor der Einschulung die Stifthaltung und das Benutzen der Schere zu erlernen. Ernsthaft! Und ich schreibe das bemüht wertungsfrei…

    Ich hoffe jedenfalls sehr, die genannten Probleme sind Einzelfälle und dass du deinen (tollen!) Beruf an den meisten Tagen geniessen kannst. Und ich hoffe, du liest diesen Kommentar.

    Herzliche Grüße,
    Rike

  6. Liebe Rieke, ich haben deinen Kommentar gelesen und mich gefreut, dass du beide Seiten sehen kannst. Und ja, eine offene Kommunikation zwischen Eltern und Team ist eine zwingende Grundvoraussetzung. Die Eltern vertrauen uns ihr „Heiligstes“ an. Natürlich wollen sie es sehr gut versorgt, umsorgt und gefördert sehen. Das geht mir mit meinen eigenen Kinder genauso.
    Ist doch verständlich. Wir sind Eltern und lieben unsere Kinder.
    Herzliche Grüsse Annabell

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