Partykultur im Wandel

Heute morgen wurde ein lustiges Liedchen in meine Timeline gespült und ich habe vor Lachen meinen Soja-Latte über das Tablet gesprüht!

(Bitte Geduld, ab 2:40 geht das Liedchen los)

Ja, in diesem Alter bin ich auch. Bei Instagram habe ich unter „gespeicherte Links“ ungefähr vierzehnhundert Rezeptvideos. Und zwölfhundert Kuchenrezepte als Posts. Und Anleitungen für Aufstriche, Salate und  selbstverständlich Dessertrezepte. Bei Pinterest sieht das ähnlich aus. Ja, schuldig!

Und früher, also früher, da war viel mehr. Von allem! Also allem außer Dips und Guacamole. Früher kaufte man einen Kasten dunkel, einen Kasten hell, zwei Pullen Rotwein (Sangria; ja, Sangria ging als Rotwein durch) und ein Kilo Chips – ready to party! Und überall wurde geraucht. Das Schlafzimmer war nicht verschlossen, als müsste man einen geheimen Darkroom, gekachelt und mit Abfluss in der Mitte vor den neugierigen Blicken verstecken. Nein, da lagen dann auch Leute rum und rauchten und redeten, denn genug Stühle hatte niemand den ich kannte. Manchmal brachte sogar jemand eine Schüssel Kartoffelsalat mit, wo dann allerdings bestimmt Zwiebel fehlte, aber das wurde leergefressen unter frenetischem Jubel. Kein Mensch machte sich über die Lautstärke des Gelächters oder der Musik Sorgen, außer, die Nachbarn hatten sich noch nicht beschwert…

Und noch früher basierte das Partykonzept auf dem magischen Wort „sturmfrei“. Hatte jemand in meiner Clique sturmfrei – also die Eltern waren ohne den hauseigenen Pubertäter verreist und das passierte weit öfter als heute üblich – dann gingen wir dort hin! Und wie. Es war auch üblich, dass nur jemand jemanden kannte und wusste, derjenige hatte „sturmfrei“ und machte ne Fete und wir alle gingen hin! Wenn ich das in meinen heutigen Kontext übertragen würde, wäre das folgende Situation: Ich habe vor Wochen ein Doodle rumgeschickt an einen auserwählten Adressatenkreis wegen der Terminfindung, danach Listen angefertigt um das kulinarische Konzept des Abends zu spezifizieren. Dann drei Tage in der Küche zugebracht, mindestens, und nun ertönt aus den Boxen Loungemusik, da klingelt es an der Tür, zehn mir völlig unbekannte Menschen schieben mich beiseite und treten herein mit den Worten: „Hier steigt heute ne Party?! Wo ist das Bier!“. So wäre das.

Gruselig, oder? Früher war das aber völlig normal! Also in meinem Dunstkreis (vielleicht gehörte ich aber auch einer Horde Vandalen an, das kann ich rückblickend nicht mehr sagen). Ich erinnere mich an Sommerferien, die ich nahezu vollständig in der elterlichen Wohnung eines Freundes zubrachte, zusammen mit einer größeren Menge anderer Jugendlicher. Die meisten pennten auch dort. Einer sogar im Gitterbettchen des kleinen Bruders vom sturmfreien Freund, das fand sogar ich schräg. Weder war das Schlafzimmer der Eltern tabu, noch die Kosmetiksammlung der Mutter. Dem Rosettenmeerschwein wurde bereits in der ersten Woche ein Irokesenhaarschnitt verpasst, dieser mit Schulmalfarben bunt angemalt und der armen Meersau Ketten um den Meerschweinnacken gehängt. Wenn nichts zu essen im Haus war, lagen wir auf der Lauer, bis der LKW vom VEB Backwaren um die Ecke bog um einen riesigen Sack mit Semmeln im Hof vor dem Konsum abzustellen. Dann flitzten wir hinunter und klauten Semmeln, so viele wir tragen konnten und wieder waren ein paar Tage gerettet (Ich denke, auch das Meerschwein bekam was ab davon). Einmal kletterte ein Freund in ebendieser Wohnung unterm Dach außen rum von Fenstersims zu Fenstersims, weil sich zwei der Freunde in einem Zimmer verschanzt hatten und die Neugierde über die geheimen Tätigkeiten größer war als die Höhenangst. Und größer als die Vernunft sowieso.

Heute würde dieser Jugendliche mit Tatütata abgeholt werden und zur Beobachtung und zum Test auf Substanzmissbrauch in einer Klinik untergebracht werden. Dabei waren die einzigen Substanzen, die in uns gurgelten, schlichtweg unsere übersprudelnden Hormone!

Ich hatte niemals „sturmfrei“. Meine Eltern hatten wohl ausreichend Fantasie um sich vorzustellen, was dann passieren würde. Vielleicht auch, weil sie selbst eine ausufernde Partykultur pflegten. Ihre Kostümparties waren berüchtigt! Da wurden lauthals Rülps- und Furzwettbewerbe ausgerichtet und überhaupt wurde niemals Rücksicht auf uns Kinder genommen. Ich sehe mich andauernd mit meiner kleinen Schwester an der Hand im Flur stehen wie zwei kleine Nachtgespenster und mich über den Krach beschweren, wir könnten nicht schlafen bei dem Lärm!

So war das damals, bevor Guacamole in unser aller Leben zog.

Und heute? Heute bin ich die Elterngeneration, deren Fantasie überschwabbert beim Gedanken, das Fortpflänzchen alleine in der Bude zu lassen. Aber da besteht gar keine Gefahr! Die sind ja alle so anständig! Keiner raucht, die ganz Verwegenen dampfen vielleicht. Gekifft wird nur nach „safer use“-Regeln (die mir mein Sohn erklärt hat), sexuelles Ziel sind nicht die größte Menge an Erfahrungen sondern stabile Beziehungen. Mit achtzehn. Mein Sohn ist erwachsener als ich mit Mitte dreißig war, das kann ich getrost hier hinschreiben. Und guck, die beiden Männer in dem Video sind durch meine Brille betrachtet, auch super jung, reden aber wie Leute in meinem Alter, also alte Leute. Woran liegts? An der Guacamole?!

Trotz allem will ich mal festhalten, dass ich urst froh bin, dass ich ohne Check meiner Haus- und Haftpflichtversicherung und ohne alle Zimmer abzuschließen das Haus verlassen kann mit dem Bubi drin, wenn ihr mich allerdings fragt, ob ich heute noch mal achtzehn sein wöllte:

Wäh?! Wofür denn?

😀

 

 

 

 

 

Irgendwas ist immer

„Irgendwas ist immer“, sagt der Kollege neulich und ich bin an meine Oma erinnert, die diese Aussage stets mit den Worten: „Unter jedem Dach ein Ach“, umschrieb.

Ja, irgendwas ist immer. Und überall. Jeder noch so hell erstrahlende Mond hat eine dunkle Seite. Manchmal erahnt man dies, manchmal sieht man sie, die dunkle Seite, und manche Monde scheinen gar keine Schattenseite zu haben. Scheinbar.

Mit den Fotos von fremden Bloggerfamilien ist das auch so. Wenn man die betrachtet, erhascht man einen winzigen Ausschnitt aus dem Leben, sieht dampfende Suppenschüsseln, lachende Kindergesichter, blühende Gärten und bunte Glückseligkeit. Schön ist das. Ich mag das sehr! Das ist wie ein Spaziergang in der Adventszeit, wenn ich kaum den Blick abwenden kann von den bunten Fenstern, in denen manchmal die Lichter des Weihnachtsbaumes zu erkennen sind und aus denen wohlige Gerüche von Gänsebraten und Plätzchen strömen.

Dennoch. Ich weiß nichts von den Menschen, die hinter diesen schönen Fenstern mit den Wohlgerüchen leben. Allenfalls habe ich eine Fantasie dazu, meine sie müssten bestimmt glücklich sein, diese Menschen. Mit so schönen Fenstern!

Bei Instagram gibt es den Hashtag #fürmehrrealitätaufinstagram, und ich benutze den selbst, nur glaube ich, dass er den Sinn, den er suggeriert, ad absurdum führt. Denn zumeist steht er unter Fotos, die sehr bemüht tun, das „Heile-Welt-Bild“ zu unterwandern und dennoch genau diese heile Welt abbilden. Irgendwie. Wenn ich als kinderloser Mensch mit Kinderwunsch müde zerzauste Mütter sehe mit Kindern an der Zitze und darunter „#fürmehrrealitätaufinstagram“ lese, macht das was ganz anderes mit mir, als wenn ich mich vor meinem wütend brüllenden Kleinkind auf dem Klo verstecke und einen Moment lang bei Instagram rumwische und ebendieses Foto sehe.Um den Kontext zu beschreiben, braucht es Worte, ehrliche. Ein Bild, ein Foto, spiegelt stets nur die Fantasie des Betrachters. Das heißt nicht, dass sie nicht „wahr“ wären, diese schönen Bilder. Das heißt, dass sie nur einen Bruchteil des Ganzen abbilden. Nicht mehr.Möglicherweise habe ich das ganze Wochenende über den Umstand nachgedacht, dass ich jetzt wieder arbeiten gehe, nach einer sehr langen Zeit, in der ich krank war. Und wie das so ist. Dass ich mich furchtbar schäme, auch wenn ich weiß (!), dass das weder nötig noch angebracht ist. Dass ich mich schäme, als sei an mir etwas Widerwärtiges, Obszönes, das für jedermann offensichtlich ist, weswegen ich mich eigentlich verstecken will. Oder weglaufen.Furchtbare Versagensängste plagen mich, ich kann das nicht, ich habe alles vergessen, ich bin so unnütz, mein Kopf surrt, mein Herz flattert panisch wie ein Vogel, den man an den Füßen festhält.Ich vermeide den direkten Blickkontakt aus Angst, mein Gegenüber könnte in meinen Augen die liegengebliebenen Reste der unbeschreiblichen Verzweiflung, des Siechtums sehen, die mich monatelang im Klammergriff hielten. Als sei ein Image meiner Dämonen sichtbar, wie ein schlieriger Film auf einem Fenster. Wenn man nur genau hinsieht…Von all dem wissen meine Kollegen nicht. Ich bin aufgeregt, hektisch, lache zu laut und schnattere. Naak, naak, naak. Und weiche dem direkten Blick aus. Ich versuche, „normal“ zu wirken. Mehr nicht.All dies ist so anstrengend, dass ich nach einem lächerlich kurzen Moment auf Arbeit – in einem freundlichen vertrauten Umfeld – nach Hause fahre und zwei Stunden schlafen muss. Weil ich völlig erschöpft bin. Wovon? Ich weiß es nicht.Diese Erschöpfung war eines der ersten Zeichen, damals, im letzten Jahr. Und sie wird als eines der letzten Symptomen wieder verschwinden. Zusammen mit den kognitiven Einschränkungen. Ich kann mir nichts merken, habe alltägliche Dinge vergessen, bsss bsss, irgendwelche Zellen oder Synapsen sind in meinem Kopf durchgeschmort und müssen erst wieder neu wachsen.Ich hoffe zumindest, dass sie das tun!

Inständig.Meine Gedanken sind wie eine Horde Affen, die kreischend in meinem Kopf umherspringen, bis mir schwindlig wird. Das ist die größte Angst von allen, dass das nicht wieder gut wird! Alles wird gut. Am Ende. Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht blabla. Aber stimmt das denn? Oder ist am Ende nicht nur noch mehr Dunkelheit? Wird das Licht einfach immer weniger? So wie der Sand in einer Sanduhr?Ich kann den Sand rieseln hören, manchmal, und dann in diesen Momenten, glaube ich hören zu können, dass nur noch ein paar wenige Körner in dem Glas sind. Das sind die Momente der Erschöpfung, in denen meine Muskeln zittern und ich ein Flimmern vor den Augen habe und denke, das war´s. Das wird nie wieder gut. Oder?!Diese Gedanken denke ich, während diese Fotos entstehen. Nicht ausschließlich, nein, aber die Affen… ihr wisst schon…„Irgendwas ist immer“. Überall. Und unter jedem Dach wohnt ein Ach. Wirklich.Und während wir uns Sorgen wegen dem Job machen, der Kinder oder der Kredite, rühren wir Waffelteig zusammen oder bauen ein Trampolin auf. Während wir Liebeskummer haben oder uns um ein krankes Familienmitglied sorgen, kochen wir Marmelade oder fegen Laub.
Oder wir versuchen, die Schönheit, die in jedem Augenblick wohnt, festzuhalten. In Fotos oder Worten. Trotz allem, trotz dem ganzen Mist, der außerdem noch da ist und den wir der Umwelt nicht zumuten wollen. Oder nicht können.Guck doch mal, dieses Licht! Ist das nicht wundervoll? Wie eine zärtliche Umarmung. Diese Farben, so viel Schönheit überall…

Und dann.Geschenke, wo man sie nicht vermutet.

Und wo ist jetzt die Moral von der Geschicht´? Ganz einfach: Ein Foto ist nur ein Foto und wenn du irgendwo auf einer Parkbank jemanden mit hängendem Kopf findest, geh nicht vorbei!

 

Fümf

„Ich weiß nämlich schon, wie Sechs geht!“, informiert der holde Blondschopf seit vier Wochen alle Leute, und hat mit dieser Ankündigung sofort die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Erwachsenen. „So!“.

Denn nach dem Geburtstag ist schließlich vor dem Geburtstag!

Am Nationalfeiertag ist er einundsechzig Monate bei uns, das Süßilein. Fünf Jahre, die rasanter kaum vergehen konnten.

Und Leute, ganz ehrlich, ich bin so froh, dass ich mit dem Bloggen angefangen habe, als der bei uns einzog. So kann ich immer mal nachlesen, wie das so war, als der noch ein brabbelnder „Rumlieger“ war. Und nun, wenn ich in meinen eigenen alten Gedanken stöbere (oft mit Seufzern verbunden), erfüllt sich der Sinn dieses Blöggels. Tatsächlich war das der Ursprungsgedanke, dass ich irgendwie die vierte Dimension erreiche, neben Fotos und Videos auch Gefühle konservieren kann, die mit der jeweiligen Zeitspanne verbunden sind. Dieser Blog ist eine digitale Liebeserklärung an meine Kinder und bevor es noch schnulziger wird, als es jetzt schon ist, komme ich mal zur Sachebene zurück.

Der fünfte Geburtstag nämlich.

„Mama, wie lange noch schlafen, bis ich fümf bin?“, „Mit Mittagschlaf oder nur Nachtschlaf?“, waren die letzten Monate die Fragen, von denen mir täglich die Ohren bluteten.

Dann war es soweit.

Da saßen wir dann an diesem Geburtstagsmorgen zusammen auf der Couch und das Kind sah mich mit diesem besonderen Blick an und sprach: „Jetzt bin ich fümf. Und ich werde niiiiie wieder vier sein!“. Ich antwortete: „Ich weiß, mein Schatz. Und ich nie wieder dreißig.“, und dann haben wir zwei Philosophen schweigend Kaffee bzw. Kakao getrunken.

Der Kindergeburtstag war das große Ding! Also im Vorfeld, und nur für das Kind. Denn wir zwei Alten haben genug. Nach gefühlt sechzehn ausgerichteten Geburtstagsfeiern in Kinos, In- und Outdoorspielplätzen, Soccerhallen, Kletterparks und Zelten (ganz ganz schlimm) bekommen wir zwei aschfahle Gesichtszüge, wenn das Wort „Kindergeburtstag“ fällt.

Das beste überhaupt waren rückwirkend immer die Kindergeburtstage bei Mc Donalds, also früher. Wisst ihr noch? Da gab es diesen Partyraum, den man für einen schmalen Taler komplett verwüsten konnte. Für fünf Euro konnte man eine Torte bestellen und ganz früher wurde sogar ein bedauernswerter Mc Donalds-Mitarbeiter abgestellt, der Becherwerfen mit den Kindern spielen musste. Mann, war das schön! Das Bällebad komplett entleeren und Burgerweitwurf!

Also sicher nicht für die Angestellten, aber für uns war das sehr schön. Später noch unkte der Bärtige, das Konzept wurde nur wegen uns verworfen, da die Mitarbeiter immer in Tränen ausbrachen, wenn sie nur unterjährig unsereiner zu Gesicht bekamen… ich weiß es nicht. Auf den Fotos sieht das immer alles gesittet aus. Hier ein Beweis.

2003 – Kindergeburtstag bei Mc Donalds

Im Hintergrund der Bärtige mit einer Videokamera (Liebe Kinder, das benutzte man damals, es gab noch keine Fotohandies. Nein, ehrlich nicht.), und rechts im Bild der Mitarbeiter beim Aufbau des alljährlichen Becherwerfenspiels. Ich mochte das immer sehr und möchte hiermit mein Bedauern zum Ausdruck bringen, dass die frühkindliche Fixierung auf Pressfleisch und Plastikspielzeug nicht mehr unterstützt wird. (Hat irgendjemand Interesse, diesbezüglich eine Petition zu unterstützen?)

Zurück in 2018. Wir mussten uns also mal wieder Gedanken machen. Wer in die Suchmaschine „Kindergeburtstag in Dresden“ eingibt, bekommt eine unübersichtliche Anzahl von Treffern. Nicht alles ist für Fünfjährige geeignet und manches (Inddoorspielplätze zum Beispiel) nach schmerzvoller Erfahrung nicht für den Nachwuchs der Nieselpriemfamilie.

Schlussendlich haben wir im Waldseilpark Bühlau mit dem Jubilar und seinen „fümf“ Freunden gefeiert und das war toll! Wir haben die „kleine“ Schatzsuche gebucht und waren eine gute Stunde mit den Hosenscheißern im Gelände unterwegs. Danach gab es Preise und im Anschluss konnten sie noch nach Herzenslust auf dem Kinderparcours klettern. Das alles war im Vergleich lächerlich preiswert, die Veranstalter waren supernett und man hatte uns sogar einen überdachten Picknickplatz reserviert, wo wir unser mitgebrachtes Futter aufbauen konnten.

 

Der Hit war im übrigen die stinknormale Rutsche, die dort im Gelände steht (Oh Gott! Eine Rutsche! Ich habe noch niemals so eine Rutsche gesehen! Hier kann ich ja rutschen!), sie waren kaum dort wegzukriegen. Versteh einer Kinder…

Am Ende, zur Abholzeit, heulten drei von fünf Kindern herzzerreißend, und ich sah mich genötigt, zur Begrüßung die altbekannte Elterngrußformel an Kindergeburtstagen auszurufen: „Es ist nicht so, wie es aussieht! Bis eben hatten wir alle sehr viel Spaß!“.

Der Bärtige sagte abends zu mir, das sei endgültig der allerletzte Kindergeburtstag gewesen, den wir gemacht haben. Und ich sagte, ja. Also so wie das schon seit Jahren abläuft. Immerhin haben wir ja dreihundertfünfundsechzig Tage Zeit zur Akklimation. Und so lange hält kein Kindergeburtstagstrauma an. Ich kenne uns da schon ziemlich gut 🙂 .

Und nun ist er fünf. Ein Meter neun hoch, siebzehn Kilo schwer und noch immer weizenblond. Und süß. Ja. Aber es gibt Dinge, die sich verändert haben. Bis vor Kurzem dachte ich ja oft noch wehmütig, es wäre doch schön gewesen, wenn das späte Wunder aus Drillingen oder wenigstens Zwillingen bestanden hätte. Oder wenn ich im Jahr darauf (Huch, wie konnte das bloß passieren?!) noch einmal verwundert gewesen wäre. Damit ist Schluss! Denn die Wunderlinge werden alle irgendwann fünf sein und ich nie wieder dreißig, das hatten wir ja eben schon…

Der Süße raubt mir meinen letzten Nerv und ist die Liebe meines Lebens. Oder zumindest eine von dreien (falls der Mann hier mitliest). Des Kindes Wutausbrüche sind nicht von dieser Welt. „DU PLÖTE SCHEIßMAMA!“, „HAU AB DU PLÖTE SCHEIßE!“, untermalt mit Spucken, Mundfürzen und um-sich-Schlagen und es hilft kein in-den-Arm-nehmen, nur in-acht-nehmen, bis der Spuk vorbei ist. Er schmeißt Zeug, haut, brüllt und rennt wie ferngesteuert in der Gegend rum, wenn ihn der Hafer sticht. Im Durchschnitt zehn Minuten täglich und nein, ich gewöhne mich nicht daran.

Ach, Gegend. Er rennt auch weg. Also nicht zu Hause, da läuft er wie ein Entenjunges hinter mir her, auf Schritt und Tritt, aber draußen ist er fort. Aber nur, wenn es irgendwohin geht, worauf er Bock hat. Ansonsten wird sich erst mal längs geworfen und gebrüllt aus der Horizontalen, er wölle getragen oder in der Kutsche gefahren werden, denn laufen gänge in gar keinem Fall. Geht es aber irgendwohin, wo es ihm gefällt, ist er fort.

Zum Beispiel habe ich ihn mal im Kaufland gesucht, lange, mit professioneller Unterstützung. Er lag dann im Regal mit den Hochlehnerauflagen. Zwischendrin. Und ruhte sich aus. Ich gehe ab jetzt nur noch zu Aldi, da gibt es kaum Verstecke.

Aber durch das Kleinchen komme ich auch zu unerwartetem Wissen. Neulich zum Beispiel ging er – der selbsternannte Toiletteninspekteur – wie selbstverständlich seiner Oma hinterher, nur um sofort darauf angerast zu kommen und zu berichten: „Mami, Mami, weißt du was?! Die Oma hat Haare an ihrem Puller! So dick!“, und zeigt mit den Ärmchen einen Abstand von circa vierzig Zentimeter. Dank des Kindes weiß ich also nun, dass meine Schwiegermutter ihre Rente ganz offensichtlich mit dem Schmuggeln von Perücken aufbessert. Danke Kind!

Und heute morgen, dann endlich, kam sie wieder, die Frage aller Fragen: „Mami, wie lange noch schlafen, bis ich sechs bin? Mittagschlaf auch, oder nur Nachtschlaf?“.

 

 

Der Sound meines Lebens

Ich sitze mit dem Bubi gebeugt über meine beachtliche (und eingestaubte) CD-Sammlung und komme mir vor wie eine Omi, die ihrem Enkel alte Schelllackplatten mit den greatest hits von Marika Röck andrehen will.

Kein Mensch hört heute noch CDs, noch nicht mal ich! Internetradio in der Küche und im Auto, Streaming hier und Download da, wozu sich also irgendne Scheibe reinstecken? In ein Scheibenreinsteckgerät? CD-Player, pffff, haben die jungen Leute nicht mehr. Die haben nur winzige Telefone, aus denen die ganze Musik der weiten Welt in ihre riesigen Kopfhörer gelangt.

Es wird also Zeit, dass ich dem jungen Mann ein musikalisches Vermächtnis hinterlasse! In Scheibenform. Irgendwie muss der ja auch mal was anderes hören als seinen seltsamen Dubstep.

Ich versuche ihm zu erklären, wie toll sich das anfühlt, auf das neues Album eines Künstlers zu warten und sich dann mit den zusammengesparten Kröten die eingeschweißte CD im Laden zu holen. Meins! Er guckt mich höflich-verständnislos an.

Kurz schweife ich sogar ab und erzähle, wie damals zu DDR-Zeiten manch ein privilegierter Jugendlicher die Hit-Parade bei DT64 auf seinem SKR700-Kassettenrecorder aufnahm und die Kassetten zu horrenden Preisen verscherbelte, aber da stieg er aus. Kassettenrecorder? DDR? Ich sah es an seinem Blick, die Omi mit den Schelllackplatten musste ein paar Jahre vorspringen. Wobei, Leute, ich habe Knutschen gelernt bei der Schuldisco, zu Klängen von Spandau Balett und wisst ihr was? Es gibt keine Schuldiscos mehr! Ist das zu fassen?! Nein! Was soll nur aus der Jugend werden?

Egal. Wer hat meinen roten Faden? Ach hier, danke.

Ich sortiere dem Jungspund ohne Schuldisco-.Erfahrung meine Queen-CDs aus. Blur, Green Day, The Cranberries, Björk. Den Soundtrack zu Trainspotting, er kennt nicht nur keinen der Künstler, er kennt nicht mal den Film! Clockwork Orange, ebenso unbekannt, Musik und Film (Oh Gott, ich habe kulturell komplett versagt!). Depeche Mode kennt er, aber die CDs nehme ich mit ins Grab, Finger weg! Rosenstolz? Ein wenig schäme ich mich, aber nur heimlich, denn als die noch neu und unverbraucht waren, fand ich die echt großartig und das waren sie auch. Wir reden hier über die Neunziger Jahre, als die noch in Kneipen spielten.

Irgendwann war der Rock dann abgerockt oder ich zumindest. Ich tat mich jemandem zusammen, der Marusha geil fand und regelmäßig zur Love Parade fuhr. Damals. Musikalisch waren der Mann und ich noch niemals kompatibel. Ich meine, Techno?! Ich habe keine Techno-CDs in meiner Kiste, die ich dem Kind zur Abschreckung geben könnte.

Hier, diesen Stapel fasst du nicht an! Das ist mein Heiligtum. Eminem. Mein Gott, das war damals echt bewusstseinserweiternd für mich, seine Songs zu hören. Echt jetzt. Ich besitze, oder besaß jedes Buch, das über ihn geschrieben wurde, jedes Album (selbstverständlich), kann in „8 Mile“ als Universalkomparse eingesetzt werden und als Eminem 2003 sein einziges Konzert in Deutschland gab, hatte ich eine Karte! Ich hatte eine Konzertkarte! Dann bekam ich einen folgenschweren Brief (damals wurden noch Briefe geschrieben) mit einem Termin für ein Vorstellungsgespräch und ich habe zum ersten Mal wie ein blöder erwachsener Mensch gehandelt. Meine Freundin Sandra fuhr ohne mich nach Hamburg und rief mich aus dem Stadion an (Handies gab es schon), „KANNST DU IHN HÖREN? KANNST DU IHN HÖREN?!“. Ich hörte ihn nicht, es klang, als hörte ich zu, wie Wasser in eine Badewanne läuft. Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich geheult habe…

All das erzähle ich meinem Sohn.

Der sich offenbar entsetzlich langweilt und mittlerweile die Fanta-CDs durchforstet.

Ich weiß nicht, irgendwie stirbt doch ein Stück Kultur gerade, denke ich und höre etwas splitternd zerschellen. Vielleicht war das aber nur die alberne alte Glasglocke unter der ich gehockt habe mit meinem altmodischen Musikgeschmack. Klirr!

Hm.

Schade.

Ja klar, ich fand das auch olle peinlich, wie meine Eltern Sting gefeiert haben oder Joe Cocker, nachdem sogar eine Wiese in Dresden benannt wurde, als der darauf ein Konzert gegeben hat. Im Leben hätte ich nicht die gleiche Musik wie die gehört! Aber irgendwie ist das voll bitter, jetzt da auf diese CDs zu schauen, die die Untermalung meiner letzten dreißig Jahre waren und sich klarzumachen, das ist alte-Leute-Musik! Time to face the truth.

Eminem ist fünfundvierzig, Dave Gahan sechsundfünfzig, Prince ist tot, du lieber Gott, und wäre jetzt sechzig. Und Jamiroquai, der Berufsjugendliche, ist auch schon neunundvierzig! Das kann doch alles gar nicht wahr sein. Das einzige, auf das ich mich jetzt noch freuen kann ist, dass ich nur noch ein paar Jahre warten muss und dann wird der Soundtrack im Altersheim bestimmt von The Cure gespielt. Tschakka, bis den Enkeln die Ohren bluten!

Und zum Abschluss singt jetzt nur für mich der alte Mann, mit dem ich sofort und ohne Zahnbürste und Wechselschlübbor durchgebrannt wäre, hätte ich mich nicht für das solide Leben und den sicheren Job (den ich im übrigen noch immer habe, also eigentlich beides sogar) entschieden. Damals, 2003.

 

Von kackenden Dinosauriern, alten Freunden und einer bärtigen Frau – Wochenende in Bildern #wib

Samstag Morgen kurz vor fünf werde ich durch wiederkehrendes Fiepen wach – der Rauchmelders im Schlafzimmer zeigt mittels eines durchdringenden Tones an, dass er bitteschön die Batterie gewechselt haben möchte. Jetzt!

Pah, ich bin Mutter. Und müde. Bis der nicht lernt, „Mamaaaa!“ zu rufen, hat er Pech. Ich schlafe also weiter, trotz penetrantem Piepton. Mir wurscht, ich kann immer und überall schlafen. Schlafen ist quasi meine Kernkompete… „Mamaaaaa!“, gegen sechs.

Das Foto zeigt gut, wie verschwommen ganz offensichtlich mein Blick war. Scheiße, es ist noch nicht mal hell draußen!

Auf dem Frühstückstisch hockt ein Dino aus ner Juniortüte und guckt mich dämlich an. Ich denke mir so, Moment, wie guckt der denn?! Und dann fällt es mir auf. Der guckt wie ich, wenn der Kleinste mal wieder unbedingt mit aufs Klo will irgendwo in einem öffentlichen Gebäude, dann aber alles langweilig findet, die Tür öffnet, entschwindet und ich zum einen noch nicht fertig bin und zum anderen mit meinen kurzen Ärmchen nicht an die Türverriegelung komme. Genauso guckt der! Ich kenne das.

Aha. Ein kackender Dino also. Ich glaube, die Burgerbratkette, die solches Spielzeug in ihren Juniormenüs versteckt, muss Kinder wirklich hassen! Abgrundtief.

Dinos sind gerade Thema. Ich muss mir immer Geschichten ausdenken zu den Dinos. Vor allem das Bild von einem T-Rex, der soeben einen kleineren (irgendnen blauen) Dino beißt und dessen Blut spritzt, hat es dem Kinde angetan. „Warum beißt der den? Will der den fressen? Ist das Blut? Warum ist das Blut? Wo ist mein Blut? Hab ich auch Blut? Beißt der Dino mich auch? Was machst du dann, wenn der Dino mich beißt?“. Wenn ich alles wiederkehrend beruhigend beantwortet habe, erklärt das Kleinchen meist, das sei ja auch gar nicht schlimm, dass der eine Dino den anderen Dino fräße. Schließlich käme der andere Dino ja wieder hinten raus. Als Dinokacke!

Kackdino, Dinokacke, alles noch vor dem Frühstück.

Später dann überlasse ich die Nachkommen dem ursächlich für ihr Vorhandensein Verantwortlichen und verdufte! Ich bin zum Brunch eingeladen. Ein fünfzigster Geburtstag.

Noch vor kurzem war ich erst auf dem fünfzigsten Geburtstag meiner Schwiegermutter und habe dort mit meinem Mann getanzt. Waren nur alte Leute außer uns dort… Moment, au Backe! Das war vor zwanzig Jahren!

Jetzt gehöre ich also zu den alten Leuten, denke ich mir so, als ich in der Wachbergschänke eintreffe. Fünfunddreißig Jahre kenne ich den Kerl, der dort im Anzug mit Brokatseide neben einer Tafel steht und aussieht wie ein englischer Landlord. Mein Herz ist ganz komisch, ich sehe ihn vor mir mit Robert-Smith-Gedenkfrisur und schüchtern und schlaksig und uns beide in selber genähten Klamotten aus schwarz eingefärbten Bettlaken von Omas Aussteuer, mit fetten Metallketten um Hüfte und alle Gelenke. Ich sehe uns rauchend nächtelang philosophieren über das Leben im allgemeinen und das zwischenmenschliche im besonderen. Die Hintergrundmusik gern von Anne Clark, Cure oder The art of noise beigesteuert. Wir waren niemals ein Liebespaar und dennoch stünde er definitiv auf der „wichtige Männer in meinem Leben“-Liste, wenn ich denn eine „wichtige Männer in meinem Leben“-Liste hätte.

Und jetzt das hier. Gediegen. Er im Anzug, ich mit Perlenohrringen. Das ist wirklich, wirklich seltsam. Und wieder einmal denke ich, Altern ist nur äußerlich. Ich erkenne in dem englischen Landlord mit dem distinguierten Auftreten noch immer den Jungen von einst und wie ich dort stehe und wir uns lächelnd betrachten, denke ich, er sieht auch das pummelige Mädchen mit den mit Kernseife toupierten Haaren und dem maladen Selbstbewusstsein.

Die alte Scheune von der Wachbergschänke zu Dresden Wachhwitz (oder Pappritz?) – die Feierlocation des Samstags

Auf´m Teller: Saltimbocca von der Hähnchenbrust mit Grillgemüse, Caprese und ein Semmelknödel mit Soße. Hinterher rote Grütze mit Vanillesauce. Drumherum sehr lustige Unterhaltung und viel Gelächter mit den anderen alten Menschen.

Ich finde diese Bank soooo schön! Und außerdem kann ich dem Drang, mich darauf auszustrecken und hemmungslos zu schnarchen kaum widerstehen…

Abends dann wie stets bei Nieselpriems Offlinespieleabend. Der Mann ist dran mit aussuchen und mal wieder gewinnen die Würfel.

Also eigentlich gewinne ich, und zwar zwei von drei Spielen (erst Phase 10 und danach Kniffel) und natürlich habe ich meinen Mann beglückwünscht zu seiner tollen Wahl, die Ehefrau betreffend. Das sei ja sonnenklar, von wegen Glück im Dings und Pech im Bums oder so. Er hat mich seltsam angesehen, keine Ahnung, wo der noch überall erfolgreich ist… ich war dann müde. Gute Nacht!

Sonntag Morgen fotografiere ich die Küchenwanddeko…

…und die Blumenvase. Ich habe ehrlich keine Ahnung warum! Menschen machen einfach seltsame Sachen, wenn sie müde sind.

Ach so, deshalb. Dieses Geschirr muss weichen. Kann ich damit jemandem eine Freude machen? Am besten bitte einem Jemand aus Dresden, wegen dem Abholen.

Das Gute daran, dass der Blondino und ich nun schon seit Jahren das Morningteam hier machen ist, dass mittlerweile klar ist: Nicht ansprechen! Jeder macht seins! Bis die Kaffeetasse von Muttern leer ist! Das klappt. Das Kind hämmert auf der Janosch-App rum und ich…

… schwelge im Kindergartenalbum, das wir uns übers Wochenende ausgeliehen haben.

Danach sitzen wir im Auto und hören zwanzig Mal die bärtige Frau. Die olle Ritter-Rost-CD gehörte schon dem Bubi und ich weiß noch, wie furchtbar den immer grauste vor der bärtigen Frau. Dann saß der Mann abends oft bei ihm am Bett und erklärte, auch er hoffe, es gäbe keine bärtigen Frauen. Denn er würde sich ganz genauso fürchten!

Nun also das furchtlose Kleinchen, das sich zerkugelt, wenn ich meine Stimme verstelle und mitsinge, Grimassend ziehend.

Ach so, und im Auto sitzen müssen wir, weil das Kind als selbsternannter Inschinör das Musikabspielgerät zerstört hat.

Danach hängen wir im Garten rum.

Für mich wird gekocht.

Was gibts denn? „Fisch mit Zucker und Eichelpilze!“. Ah ja. Hmm.

Danach kocht der Baby Chef de Cuisine Eierkuchen, die hierzulande Plinsen heißen. Ich versuche mich im Wenden mittels Pfannenflip, aber der Mann, der das filmen sollte, fand: „Naaa, dös war nix!“. Also kein Filmchen davon.

Davor auf´m Teller: Tomatensuppe mit Reis und Käsewürfeln.

Nachmittags wieder Rumhängen im Garten. Ich weiß, spektakuläres Wochenendprogramm.

Ich bin ja immer froh, wenn in dem dunklen Waldgarten irgendwas wäschst. Also irgendwas außer Efeu und wildem Wein. Siehe da, Prunkwinden oder Wicken oder wie auch immer, diese Rankdinger jedenfalls wachsen fleißig und ich habe schon Samen für nächstes Jahr ernten können.

My Kryptonite. Schnecken hasse ich wie die Pest. Das Kind sammelt auch sehr gern leere Häuser aus den Beeten, es gibt viele leere Schneckenhäuser bei uns. Und viele volle! Jemand, der kackende Dinosaurier als Merchandise kreiert, wird sicher im nächsten Leben als Schnecke sein Dasein fristen müssen. Karma!

Was haben Schnecken und die Frau Nieselpriem gemeinsam? Nein, „Flutschig untenrum“ ist komplett falsch, also sage mal! Beide lieben Basilikum, das ist die korrekte Antwort. Wobei so eine Schneckenfamilie einen Basilikumbusch mit Strunk und Stiel wegschnabbert, bis wirklich übererdig rein gar nichts an den Basilikum erinnert! Ich muss immer wieder nachpflanzen, wobei ich feststelle, an diesen Trog gehen sie nicht. Womöglich wegen dem Liebstöckel darin? Vielleicht mögen Schnecken keinen Maggi-Geruch?! Weiß das jemand oder bin ich jetzt Erfinder oder was?

So, noch irgendwelche Grünzeugbilder, alte Menschen fotografieren ja gerne Blumen.

Und während die fleißigen Familienblogger ihre „Wochenende in Bilder“ verbloggt haben und bei Susanne verlinkt, die diese Posts sammelt, hatte unsere Heldin leider beide Hände voll zu tun. Und die Augen auch, es lief nämlich „Nice guys“.

Integrationsstatus

„Und was ist eigentlich mit Paul?!“,

fragte neulich eine Leserin.

Ja, Paul. Das elfte Schuljahr unseres Sohnes neigt sich dem Ende und wie vor einem Jahr angekündigt, ist es nun wirklich Zeit, sich zu verabschieden von unserem besonderen Integrationshelfer.

Sechs Jahre war Paul nun schlussendlich bei uns, eine kleine Ewigkeit. Für ihn sind die Koffer gepackt, er zieht nach Hamburg um dort in einer WG zu wohnen und ein neues soziales Projekt anzunehmen. Wir werden uns wiedersehen, so wie man Freunde wiedertrifft, die die Stadt verlassen haben. Unsere Erziehungspartnerschaft aber endet (und diesmal endgültig) mit dem scheidenden Schuljahr.

Ich denke oft, wie viel Glück wir hatten mit Paul, dem unkonventionellen Kindergärtner, der nicht mal Sozialpädagogik studiert hatte, aber in all den Jahren einfach intuitiv „das Richtige“ machte. Der sich unter den Lehrern als Kollege etablierte und unter den Schülern als cooler Typ, der immer mit dabei war und den man besser zum Freund hatte.

Was wird sich ändern? Wir werden auch im nächsten Jahr Schulintegrationshilfe haben. Die Genehmigung ist quasi bereits erteilt (für Interessierte: Zu beantragen sind derartige Leistungen beim jeweils zuständigen Jugendamt, ASD – „Abteilung Soziale Dienste“). Unser Bubi besucht aktuell die elfte Klasse eines beruflichen Gymnasiums und wird laut Plan nach Klasse dreizehn sein Abitur machen. In Klasse zwölf jetzt wird das Kurssystem eingeführt und der Klassenverband, wie ihn der Junge bis dato kannte, aufgelöst. Das birgt ganz sicher noch einige Hürden und Herausforderungen. Aus diesem Grund bin ich froh, dass wir noch ein weiteres Jahr die Hilfe genehmigt bekommen.

Was macht so ein Integrationshelfer denn eigentlich, fragt sich womöglich manch ein lesender Mensch hier. Ich denke, ein guter guckt immer, wo und an welchen Stellen das Kind im Schulalltag Unterstützung braucht. Das können von Klient zu Klient ganz unterschiedliche Arbeitsbereiche sein, denke ich. Genauso, wie diese Arbeitsbereiche sich verändern mit höherer Klassenstufe und Alter des Schülers. Unser Paul hat den Bubi im Unterricht begleitet für zwanzig Stunden pro Woche und Probleme nachbereitet. Außerdem war er mit den Lehrern im Gespräch, besonders natürlich mit denjenigen, wo unser Junge im Unterricht Probleme bekam aufgrund des Unterrichtes. Das sind Fächer, in denen Analysefähigkeiten im sozialen Bereich, Meinungsbildung und Austausch, Diskussion erforderlich waren. Ethik, Gemeinschaftskunde, auch Geschichte zum Beispiel. Bei „klaren“ Fächern wie Mathe oder Chemie gab es niemals Probleme. Allenfalls bei der Methode zur Lösungsfindung…

Bei all den Themen hat Paul gecoacht, interveniert und moderiert. Es gab regelmäßig Auswertungsgespräche zwischen den beiden, Wochenziele und grafische Erfolgsmessungen. Einmal wöchentlich ein Wochenreport mit uns Eltern.

Die beiden waren ein gutes Team und wenn ich sehe, wohin wir gekommen sind und mit welchem Ergebnis, kann ich sagen: Und ein erfogreiches!

Jetzt wird jemand neues kommen. Wir haben ein bisschen kämpfen müssen, aber nun schlussendlich jemanden erfahrenes von der Autismusambulanz Dresden zugesagt bekommen. Es werden deutlich weniger Stunden geleistet werden können und ganz sicher arbeiten diese Sozialpädagogen anders als unser Paul, aber wir haben beschlossen, dass wir genau das gut finden werden! Denn zum Einen kommt da noch mal jemand zu uns, der einen anderen, unverstellten Blick auf uns, auf unseren Jungen, hat und dadurch andere Aspekte oder Entwicklungspotentiale sieht und zum anderen hat ja Integrationshilfe den Anspruch, dass sie irgendwann obsolet ist, sich erfüllt hat. Ich gehe im Moment davon aus, dass Ziel sein wird, diese auszuschleichen im kommenden Jahr. Wir werden sehen. Und ich werde es euch erzählen!

Wir haben noch ein sehr positives Erlebnis gehabt im vergangenen Schuljahr, Integration betreffend. Und zwar galt es, das zweite Schülerpraktikum zu absolvieren und Vorgabe war für die Schüler der Informatikklasse, es musste ein IT-Unternehmen sein! Nun gibt es glücklicherweise im Dresdner Umfeld jede Menge IT-Buden, ich sah da kein Problem für die paar Kinder. Oha.

Es hagelte bei allen jede Menge Absagen, am Ende musste die Schule selber ein Schülerpraktikum für zwei Wochen inhaltlich organisieren, um doch einigen Schülern überhaupt eine praxisnahe Wissenserprobung zu ermöglichen.

Unser Sohn hatte sich bei drei großen Firmen beworben. Zwei sagten ab, eine bot ihm einen Platz: die SAP. Und die haben mich echt überrascht!

Nach anfänglichen Schwierigkeiten beim onboarding (im Vorfeld zu absolvierende Online-Kurse zum Datenschutz, Firmenpolicy etc., alles auf Englisch) fiel mir siedend heiß ein, der Junge hatte zwar bei Schwerbehinderung die Checkbox mit dem „Ja“ angekreuzt, aber was ist mit Paul?! Dürfte der mitgehen?

Ich rief die Personalabteilung an. Ja, natürlich und herzlich willkommen auch für den Paul! Und sie freuten sich sehr auf unseren Bubi und seien gespannt überhaupt auf die zwei Wochen mit den jungen Leuten. Und was es denn bitte brauchen würde, damit sich unser Sohn wohl fühlen würde und wo es nach meiner Meinung nach Probleme geben könnte. Und wo sie – die SAP – gegensteuern könnten im Vorfeld?! Kann er mit einem anderen Schüler ein Laptop teilen oder wäre das schwierig, weil zu nahe Zusammenarbeit? Wie ist das mit offenem Arbeiten, Gruppenarbeit, Vorstellungsrunden, freiem Sprechen?

Wow.

Die Frau vom Personal schickte mir dann den geplanten Ablauf für die zwei Wochen und wir telefonierten im Anschluss ein weiteres Mal. Wir vereinbarten darin, dass alles so bleiben sollte wie geplant von der SAP und dass in schwierigen Situationen ad hoc reagiert werden sollte. Und dass der Paul dann da gern als Ansprechpartner fungieren sollte.

Das Praktikum lief an und unser Junge kam Abends begeistert nach Hause und überraschte uns mit so Stilblüten wie, er könne auch das Abi gleich abbrechen und bei der SAP anfangen, die würden auch ausbilden und wie cool sei das denn überhaupt dort. Und Mama, ich bin noch nicht mal der einzige Autist! Und weißt du Mama, ich wollte eigentlich zu Google zum arbeiten (Aha, nein, das wusste sie nicht), aber vielleicht gehe ich auch zur SAP! (Hm, okay.)

Die Personalerin rief mich im Laufe der Praktikumszeit an um mir zu sagen, dass sie den Bubi kennengelernt habe und dass alles sehr gut aussähe und ob ich Fragen oder Wünsche hätte, die möglicherweise der Junge an mich herangetragen hätte. Im Anschluss danach ein weiters Mal, um mir Feedback zu geben nach Rücksprache mit den Praktikumsbetreuern. Es sähe alles sehr vielversprechend aus und sie würden sich sehr freuen, unseren Bubi später einmal wieder begrüßen zu dürfen, als Azubi, Student oder Mitarbeiter.

Wow. Schon wieder. Ich meine – Hallo! – das war „nur“ ein Schülerpraktikum, aber so kann´s gehen! Mit ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl, ein bisschen mehr Bereitschaft zur Dynamik, ein kleines bisschen mehr Blick auf den Menschen und: „Du bist ok, wie du bist. Wie geht es dir aktuell? Was brauchst du, um dich hier wohlzufühlen?“.  Das war echt ein tolles Erlebnis. Für den Jungen, weil er sich jetzt wirklich freut auf sein Arbeitsleben und motiviert unbedingt Informatik studieren will und meint, das wäre dann immer und überall bestimmt so cool wie bei SAP, und für uns als Eltern, weil wir wirklich sehen, dass sich in Bezug auf Integration in den letzten Jahren einigen getan hat. Nicht überall, noch lange nicht genug, aber dennoch spürbar! Das ist gut.

Und sonst so?

Ich treffe mich in dieser Woche noch mit einer mir bis jetzt völlig unbekannten Mutter eines relativ neu diagnostizierten Asperger-Sohnes um dort ein wenig Angst vor der Zukunft zu nehmen, Verunsicherung zu zerstreuen und ein paar „best practises“ im Behördenumgang zu teilen. Ebenso den Kontakt zur Elternselbsthilfegruppe und wenn´s gut mit uns beiden läuft, ein Stück Kuchen. Denn auch das ist Integration, sind Integrationsbestrebungen. Dass man die Tür aufmacht. Dass man „Willkommen!“ sagt. Und meint. Aber das wisst ihr ja. 🙂

To be continued.

 

 

Achtzehn

Der Kronsohn, unser Erstlingswerk, wird in drei Wochen achtzehn. Also ist er dann sowas wie erwachsen, auf dem Papier zumindest.

Ich meine, es war klar, dass dieser Tag irgendwann kommen würde. Genauso, wie immer klar war, someday baby, we´ll be old, oh baby. Und trotzdem guck ich in den Spiegel und denke, ach du Scheiße, wann ist das passiert? Warum? Und: Jetzt schon? So ist das auch mit dem Bubi.

Wie, der ist jetzt erwachsen?!

Komisch.

Wir Alten fragen uns zum Beispiel aktuell, wie wir ihm das seit seiner Geburt angesparte Geld auf dem Sparbuch nun schenken sollen. Ein Diskussionsgegenstand, der regelrecht skurril erscheint, haben wir doch ganze achtzehn Jahre jeden Monat auf das Kinderkonto überwiesen, für später. Nun ist es da, dieses „später“. Was heißt das, wie geht man jetzt damit um? Niemand hat uns vorgewarnt, wie verhält man sich denn entsprechend? Anders? So wie vorher? Was ist mit Rechten? Pflichten? Dürfen wir überhaupt noch Vorschriften machen? In seine Angelegenheiten reinreden, weil wir alt und weise sind und sowieso alles besser wissen?

Niemand bereitet einen darauf vor.

Ich habe noch den Duft seines verschwitzten Kinderkopfes (nach warmem Apfelkuchen) in meiner Nase und wie er eine „Fitzschnute“ zog als Baby, wenn ihm etwas nicht passte. Nichts davon erinnert beim Anblick des langbeinigen Kerls mit den (aktuell) blauen Haaren und der tiefen Bassstimme an dieses kleine Kind.

Wir haben noch Glück. Meine Freundin muss sich im Sommer von ihrem Sohn verabschieden, da dieser (obwohl eine Woche jünger als unser eigener) für ein Jahr nach Amerika geht. Unser Sohn zieht nur von der ersten Etage in den Keller in seine neue „Souterrain-Wohnung“. Also lediglich ein Abschied vom Kinderzimmer.

Wir Eltern gehen unterschiedlich mit der Gesamtsituation um. Während ein Elternteil gefühlsduselig die neue Bleibe hübsch machen möchte (Lichterketten, Schwarzlichlampe, Poster), schnauzt das andere Elternteil, das sei völlig übertrieben und dem Sohn gefalle das gar nicht. Und: Immer musst du was einkaufen! Kaufen, kaufen, kaufen! Da wo unser Geld herkommt, gibts ja unbegrenzt Nachschub, nicht wahr? Und wenn es dann nach drei Wochen nicht mehr gefällt, fliegt es einfach auf den Müll! Nein, sage ich. Also das andere Elternteil.

Ich bin ja mal gespannt, wie das Zeugnis aussieht dieses Jahr, sagt das eine Elternteil. Was soll schon sein, das andere. Zwei Komma fünf im Durchschnitt wird es, hat er mir gesagt. Was?! Zwei Komma fünf?! Dann brennt die Luft. Der ist so stinkenfaul, immer nur zocken hat der im Kopf! Nichts hat er gemacht für die Schule in diesem Jahr! Ja, aber sieh es doch mal anders, sagt das andere Elternteil, er hat also mit Null Lerneinsatz die elfte mit zwei Komma fünf geschafft! Da ist jede Menge Luft nach oben! Ganz genau, sagt das der andere. Jede Menge Luft. Er nutzt seine Potentiale nicht, er hat null Biss! Dieses strunzfaule Rumgedahle, lalala, scheiß doch drauf, wird schon irgendwie, das kotzt mich sowas von an, sagt das eine Elternteil aufgebracht. Mann, du redest uns hier echt Probleme herzu, wo überhaupt keine sind, interveniert das andere Elternteil beim Kisten von oben nach unten tragen. Du meckerst immer nur an dem rum! Der steht jeden Morgen auf und geht in die Schule mit gutem Ergebnis, er säuft nicht, nimmt keine Drogen und wenn er auch nur fünf Minuten später nach Hause kommt als vereinbart, schreibt er mir ne SMS! Ich weiß nicht, was du immer willst von dem?!

Ich will, dass der mal ein ordentlicher Kerl wird! Mir wäre lieber, er würde sich mal besoffen prügeln und die Nächte um die Ohren hauen! Ach so, jetzt verstehe ich, sagt das andere Elternteil. DAS ist es also. Weil er „anders“ ist und anders als du sowieso schon mal. Ja, genau, das ist es! Der ist kein bisschen wie ich! Wie soll ich mich da identifizieren? Weißt du, wie gemein du bist, sagt das eine Elternteil, der joggt mit dir, er stemmt Hanteln, er blickt noch immer zu dir auf, alles nur, um dir nachzueifern und du merkst es nicht mal. Und außerdem, ich will ehrlich gesagt nicht, dass der so wird wie du warst! Den Eltern den Mercedes geklaut und ohne Führerschein besoffen zur Disco über die Dörfer gebrettert! Gekifft, geprügelt! Ach, komm, das gehört doch zum Erwachsenwerden dazu, beschönigt das so angeprangerte Elternteil, und ehrlich gesagt würde mir genau das gefallen! Mir aber nicht, widerspricht das andere Elternteil.

Du würdest ihn ja am liebsten noch an die Zitze legen, höhnt der eine, das war schon immer das Problem! Du hast ihn von Anfang an zu sehr verhätschelt! Und du hast von Anfang an ein völlig übersteigertes Anspruchsdenken an den Jungen gehabt! Ich weiß gar nicht, was mit dir los ist. Warum kannst du den Jungen nicht einfach so annehmen, wie der ist. Weil der kein bisschen wie ich ist!, sagt das andere Elternteil. Weil der sein Leben einfach verdaddelt! Weil der keine Ziele hat! Ach, hör doch auf, nölt das andere. Du hattest mit achtzehn nur das Ziel, ne geile Zeit zu haben! Du warst nicht auf der Penne, du warst auf der Baustelle. Penne und Ziele, das kam alles später, du hast es nur vergessen. Niemand von uns hat auf dem geraden Weg sein Abi gemacht und studiert, bei dem Jungen aber sieht es so aus, als würde genau das passieren. Du aber maulst, er wäre faul und nicht fokussiert.

Mit zwei Komma fünf studiert der gar nichts! Ich sage dir was, wenn der in der zwölften noch zwei Komma fünf hat und ich den nicht mal ne halbe Stunde am Tag pauken sehe, nehme ich den von der Schule! Ja, da guckste! Ich zahle doch nicht das Scheiß Schulgeld für den, wenn der sich nicht mal am Riemen reißt und mir zeigt, dass er das wirklich will!

Du solltest dich hier mal reden hören, sagt das andere Elternteil. Dann sagt sie nichts mehr.

Sie würde ihn gern in den Arm nehmen und ihm sagen, dass er alles, alles richtig gemacht hat, in all den Jahren. Dass er ein toller Vater war und ist. Dass alles gut wird und dieser junge Mann, sein Sohn, seinen Weg gehen wird. Dass sie beide erleben werden, wie er Sonntags mit ihren Enkeln zum Essen kommt. Dass sie beide Gespräche führen werden, erwachsene Gespräche auf Augenhöhe, er und sein Sohn. Dass sie es sehen kann! Sie möchte ihm so gern sagen, dass sie froh ist, dass er in all den Jahren ihr Partner war. In den sorgenvollen Zeiten, in denen sie auf das Kind herabgesehen haben, hielten beide es an der Hand, der eine an der linken, der andere an der rechten. Wie froh sie über diesen Umstand ist. Und dass er stets wissend genickt hat, wenn ihr das Herz weh tat um diesen Jungen. Dass es okay ist, wie es ist. Dass er nachlassen kann, darf. Das möchte sie ihm gerne sagen.

Und während sie darüber nachdenkt und diese Zeilen schreibt, kommt das Blondchen in seinem Superman-Schlafanzug aus seinem Zimmer, legt den Kopf auf ihren Schoß und sagt, er wölle niemals fünf werden! Er wolle für immer klein bleiben und sie denkt: Ach, mein Herz. Es ist, als sei es vorgestern gewesen, als ein Kind mit dunklen Haaren genau dasselbe gesagt hat, mit dem Kopf in ihrem Schoß.

 

 

 

Schatz, danke, dass du mich gefunden hast, damals. Und danke für diese Kinder! Das ist, was sie dir sagen will. ❤