Nach wem kommt der denn?

„Ach, der sieht ja genauso aus wie dein Mann!“

„Der ganze Vater!“

Ich kann es nicht mehr hören. Seit Jahren schon verfolgen mich diese Sätze. Ich weiß nicht, mit welcher kollektiven Blindheit die alle geschlagen sind, denn Fakt ist: Sie kommen beide nach mir, die Kinder. Vollkommen zweifelsfrei! Ich verstehe schon, vermutlich wollen die Leute alle nett sein zu meinem Mann, denn das muss schon hart sein: Zwei Kinder zu haben, die so überhaupt nicht nach ihm kommen. Ich versuche immer mal wieder, dem Mann die Augen gegenüber der Wahrheit zu öffnen, nämlich, dass die Kinder wirklich nur und ausschliesslich und für alle sichtbar mir ähnlich sind, aber ich ernte stets schallendes Gelächter! Weil niemand außer mir dies sehen würde…

Bei dem Großen ist es besonders schlimm. Ständig behaupten irgendwelche Menschen, er sähe aus wie der Beste. Dabei sieht doch ein Blinder mit Krückstock, dass der nach meinem Opa Herbert kommt! Also um die Augen. Die Form des Kinns, die Öhrchen, die Wölbung der Fingernägel, sieht alles aus wie bei mir. Oder wie bei meiner Schwester, meiner Tante, meinem Vater… Und überhaupt ist keinerlei Barthaar an ihm. Auch die überaus prägnante Anlage zur Rückenbehaarung, die der Beste mitbringt, hat sich nicht durchgesetzt. Der Rücken des Kindes ist glatt und schön und… sieht aus wie meiner! Na, also. Außerdem ist er langgliedrig und schlank wie die Menschen in meiner Familie. Die Familie des Angeheirateten besteht aus einer Ansammlung von netten, sympathischen Hobbits. Alle so Ritter-Sport-formatig. Ein einziger Mensch in der gesamten Linie des Mannes hat die magische Wachstumsgrenze von 1,60m geknackt (und den habe ich geheiratet). Das Kind ist jetzt bereits 1,60m hoch. Ganz klar die mütterlichen Gene (Also die aus meiner Familie, nicht direkt meine, ich habe selbstlos alle Zentimeter über 1,57m dem Rest der Familie zur gleichmäßigen Verteilung überlassen.). Wenn ich nett sein möchte und mir viel Mühe gebe, dann kann ich Ähnlichkeiten zwischen den beiden großen Jungs erkennen. Zumindest beim o-beinigen Cowboy-Gang. Wenn ich hinter ihnen laufe, sehen die aus wie zwei Lone Rangers, denen jemand das Pferd zwischen den Schenkeln weggeschossen hat. Aber das wars schon an Gemeinsamkeiten. Glaub ich.

Als das Baby geboren wurde, dachte selbst ich kurz, ein Schluck väterlichen Erbguts hätte sich nun durchgesetzt. Denn das Kind schien hellblond zu sein. Nun ist der einzige naturblonde Mensch in der gesamten Mischpoke meine Schwiegermutter. Aber nein, bereits nach wenigen Tagen schimmerte ein deutlicher Rotstich auf des Kindes Kopf. Ganz klar: Der kommt nach meiner Oma Charlotte! Wobei das ganze Konzept des Babys noch Überraschungen birgt. Denn eigentlich sah er (bis auf das beschriebene güldene Haupthaar) aus wie eine Kreuzung aus Yoda und Benjamin Button. Also nicht in der ausgewachsenen Brad-Pitt-Version, sondern eher wie der kleine Benjamin Button. Ein mürrisch dreinblickender, faltiger Mini-Opa. Aber wir kennen ja alle den Film und wissen, was da später rausgekommen ist. Und ich bete zu Gott, dass der allgemeine Konsens darüber, was bei Männern als attraktiv gilt, noch einige Jahre so bestehen bleibt. Denn dann isser wenigstens hübsch. Das wird er brauchen können. Denn viel mehr kann er nicht, das ist jetzt schon abzusehen. Eigentlich kann er gar nichts. Das macht aber nichts. Der wird später eine schlauchbootlippige Schauspielerin heiraten  und viele Kinder adoptieren.

Was das Temperament der Kinder angeht, da besteht allerdings bei niemandem der Hauch eines Zweifels, dass sie beide nach ihrer Mutter schlagen. Theatralisches Geheul, dramatisches Sich-an-den-Haaren-reißen und Auf-den-Boden-schmeißen können wir alle drei. Der Beste hat diesbezüglich keinerlei Begabung.

„Das hatter von dir!“. Wenn dieser Satz aus dem Mund meines Mannes kommt, geht es garantiert um die beneidenswerte Fähigkeit der Fantasie. Warum gerade diese Eigenschaft so scheinbar neidlos meinem Genpool zugeordnet wird, weiß ich nicht. Aber es stimmt: Das Großkind und ich, wir können nicht nur die großen Dramen, nein, auch hemmungslose Übertreibungen liegen uns im Blut. Wenn jemand schnöder Fakten bedarf, fragt er am besten keinen von uns. Oder halbiert im Kopf unsere Aussage, pustet den Flitter runter und dann kommt er möglicherweise in Faktennähe. Möglicherweise.

Wenn ich mit dem Besten mal wieder streite, wem irgendjemand nun ähnlich sieht (der ist da echt hartnäckig auf seinen Standpunkt erpicht), dann holt er gern eine hornalte Episode vor (Gähn!): Die Besitzerin eines Getränkehandels in Wohnungsnähe hatte mal vor Jahren ein Paket entgegengenommen für mich. Als ich das Abends abholen wollte, verkündete sie, sie hätte das bereits meinem Mann mitgegeben. Auf meine verdutzte Frage hin, woher sie denn bitte wüsste, wer mein Mann sei, antwortete sie: „Na, ich habe sie doch schon mit ihrem Sohn gesehen. Und da kam heute ein Mann rein, der sah aus wie ihr Sohn. Nur größer. Und da habe ich dem das Paket gegeben.“ (Ich hoffe, alle DHL-Boten lernen daraus, dass ein Getränkemarkt der denkbar schlechteste Ablieferungsort für Pakete ist!).

Vermutlich werden noch die nächsten zwanzig Jahre alle Leute behaupten, die Jungs sähen aus wie ihr Vater. Aber ihr und ich, wir wissen es besser, nach wem die zwei wirklich kommen. Nach mir. Und Brad Pitt.

Und das stimmt, ohne Übertreibung!