Familie Seltsam

Als der Beste und ich noch jung und faltenfrei waren und das anbetungswürdige Produkt unserer Lenden noch ein Kleines, hatten wir immer eine volle Hütte. Eigentlich saßen bei uns zu jeder beliebigen Mahlzeit mindestens noch ein, zwei Menschen mehr am Tisch. Wir fuhren mit Freunden zusammen in Urlaub, feierten alle erdenklichen Feiertage mit der Familie und dann noch mal (schließlich sollen Feiertage ja Spaß machen) noch mal mit unseren Freunden.

Diese Zeiten sind vorbei. Wir sind einsam. Irgendwie.

Wann sind wir so seltsam geworden, frage ich den bärtigen Mann. Und der schaut mich an und sagt das, was auch ich empfinde: Er würde ja gern sagen, es hätte nicht mit IHM zu tun, aber leider hat alles immer mit IHM zu tun.

Ich weiß nicht, wann es anfing. Vielleicht mit den ersten gut gemeinten Erziehungsratschlägen vor vielen Jahren. Mit Freunden, die versuchten, uns zu erklären, wie wir doch am besten mit diesem Jungen umgehen sollten. Ist ja nur gut gemeint! Mit den Stichen in der Herzgegend, die sowas bei mir auslöste, dem rasendem Puls. Vielleicht auch mit den immer seltsamer werdenden Feiern und Zusammentreffen mit anderen Familien, bei denen wir zwei Alten niemals locker und entspannt waren. Immer in Hab-acht-Stellung. Immer ein Auge auf dem Jungen, um deeskalierend einwirken zu können. Und immer war es irgendwann nötig. Möglicherweise liegt es auch daran, dass die Einladungen über die Jahre weniger wurden, die Abstände zwischen den Treffen mit den lieben Freunden immer größer… Ob es an dem Jungen mit dem auffälligen Verhalten lag oder an seinen Eltern mit dem mittlerweile ebenfalls seltsamen Verhalten, wer weiß das schon. Manchmal „passierte“ auch gar nichts, aber angespannt nervös sind wir Eltern trotzdem immer gewesen. Was willste da machen…

Viele Jahre versuchte das Kind, in Kontakt zu kommen. Freunde zu finden. Er hat sich mittlerweile die meiste Zeit abgefunden, dass das nicht funktioniert. Und ist auf uns Eltern fokussiert. Und wir? Ja, wir auf ihn. Immer noch. „Mir müssen ihn doch vor Verletzungen schützen!“, sagt der Beste, und ich würde gern erwidern, dass er das irgendwann selbst schaffen können muss, wir ihn ja nicht sein Leben lang beschützen können! Aber ich kann das nicht aussprechen. Der Drang, mein Junges zu beschützen, ist nach wie vor so übermächtig, das einer anderen Teenie- Mutter erklären zu wollen, fällt mir schwer. Nein, es ist nahezu unmöglich.

Stell dir doch mal folgendes vor: „Du stinkst aus dem Mund! Du musst dir mal die Zähne putzen!“. Wenn sowas ein Vierjähriger zu deiner Freundin sagt, ist es ehrlich, direkt und vielleicht vorlaut. Nicht bei einem Vierzehnjährigen. Das geht gar nicht! Und wenn du dann verlegen stammeln würdest, er meine es ja gar nicht so, dann kommt garantiert: „Aber natürlich meine ich das so!“.

Und so vereinsame ich auch in meinen eigenen Kontakten. Der Beste und ich haben eine Handvoll Freunde. Bei mir sind es bis auf eine einzige Ausnahme Frauen, die ich schon jahrelang kenne. Die mein Kind schon jahrelang kennen. Und selbst die treffe ich lieber allein. Es fällt mir immer schwerer, jemandem die Tür zu öffnen zu dieser Familie.

Ich habe einen Kloß im Hals, während ich das schreibe.

Der Junge selbst hat vermutlich die wenigsten Sorgen damit. Er mag nur einen Handvoll Menschen, die wenigsten davon wissen etwas von ihrem „Glück“. Auch das Auswahlverfahren dazu liegt für mich komplett im Dunkel. Nein, ICH habe das Problem. ICH fürchte mich vor dem Verhalten anderer Leute zu dem Kind. Oder mir gegenüber. „Meinst du, der ist so geworden, weil du so hektisch bist? Und wäre es für den Jungen möglicherweise leichter, wenn du anders wärest?“. Eine liebe, kluge Frau. Eine wirklich Nette, und dann fragt sie mich sowas! Das Schlimme daran ist ja, dass ich mich das wirklich oft frage. Kann ich irgendwas dafür? Liegt es an mir? Das ist furchtbar, die Antworten weiß ich. Und trotzdem quäle ich mich mit diesen Fragen.

Ich will gar nicht mehr darüber reden. Mit den Freundinnen nicht, was soll ich mit einem besorgten Blick! Mit dem Besten nicht. Selten. Wir verschweigen uns manchmal schon gegenseitig üble Situationen, um den anderen nicht auch noch aufzuregen. Wir sehen doch die Sorge im Gesicht des anderen. Auch Wut, Angst. An manchen Tagen.

Und dann gibt es diese Abende.b3

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Ich gehe selten aus. Auch zu diesen Treffen eher sporadisch. Aber dann komme ich in die Kneipe, mein Blick sucht nach dem längsten Tisch. Mal sind es fünf Frauen, die da sitzen, mal zwanzig Leute. Auch Paare. Viele Gesichter kenne ich nicht. „Hallo, ich bin Henrike!“. Und kaum sitze ich, ist es wieder da: Dieses Gefühl, zugehörig zu sein. Verstanden. Egal, was ich erzähle, ein Nicken von links und ein Nicken von rechts. Kennen wir, ist bei uns auch so. Erzählt eine andere, nicke ich. Ja! Genauso ist es auch bei uns! Dazu gibt’s Informationen, Hilfestellung von anderen, Einladungen zu Informationsveranstaltungen. Interessante Vorträge. Peter, Joel, Mini, Tim. Hier bekommen die Kinder Namen, hier sind die Geschichten plastisch. Und niemand wundert sich! Hier darf man sogar lachen über die schrulligen Eigenheiten des Nachwuchses.b2

Als ich gestern nach Hause fuhr, dachte ich, wie stärkend doch so ein Abend ist. Wie unendlich tröstlich. Und wie dankbar ich bin, dass sich jemand die Mühe macht, diese Abende zu organisieren. Den Verein am Leben zu halten. Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Zusätzlich zum eigenen Leben mit den ganz eigenen fremden, vertrauten Problemen mit einem besonderen Kind. Dass es Menschen gibt, die trotz der ganzen Ablehnung, die wir alle kennen, noch mit offenen Armen und Herzen auf Fremde zugehen. Und soviel geben.

 

Für Teresa, Annett, Barbara. Die Gespräche mit Euch sind wie heiße Schokolade für mein Herz. Und für alle Menschen, die sich aktiv in Selbsthilfegruppen engagieren und somit anderen Menschen Hilfe anbieten.

Danke dafür ❤

 

Du willst mehr Infos zum Autismus eV? Hier entlang: http://w3.autismus.de/pages/startseite.php

13 Kommentare zu “Familie Seltsam

    • Ich wünsche dir oder euch, dass die Gesellschaft Inklusion ernst nimmt, heißt für mich soviel das die anderen sich anpassen sollten in diesem Fall. Dein Sohn verhält sich ja sicher nicht mit Absicht so und die Geradlinigkeit könnte ja auch ganz erfrischend sein…Liebe Grüße Xeniana

  1. Oh ja, diese Abende sind jedesmal eine Kraftquelle. Ich habe jetzt auch feuchte Augen beim Lesen bekommen. Ich kenne diese Gefühle so gut, dieses „Draußen-Stehen“, diese vielen kleinen Verletzungen, weil gut gemeint eben viel zu oft das Gegenteil von gut gemacht ist.

    Und dann gibt es diese ganz besondere Runde. Wo man nichts erklären muss sondern einfach verstanden wird.

    Danke für deinen Text!

  2. Finde ich klasse, solche Gruppen.
    Liebe Rike, ich verstehe jeden deiner Sätze, kann alles total nachvollziehen, besonders die Sorgen um die Zukunft, dass anders sein wehtun kann, dass man mehr Kraft und Energie als die Mitmütter braucht, dass man manchmal hadert mit sich und der Welt – schließlich lebst du tagtäglich mit deinen Gefühlen.
    Und die Schuldfrage geht ja gar nicht. Wir sind ja auch nicht Schuld, wenn unsere Kinder sich ein Bein brechen oder Scharlach bekommen.
    Für mich hat anders sein niemals nie was mit schlechter sein zu tun – meistens sogar das Gegenteil.
    Drück dich Frau Seltsam!

  3. Ich durfte mal ein Asperger Kind betreuen. Nur kurz im Rahmen einer seltsamen Einrichtung…ähm, lassen wir das: ich fand ihn toll. Ich weiß nicht, ob er mich mochte, aber er hat mit mir gesprochen. Anders als alle anderen. Direkt.
    Als ich seine Diagnose las, staunte ich.
    Also im Vergleich mit den anderen Kindern dort war er wie ein Stern. Die anderen wie Wolken.

    Will sagen: auf der Welt gibts mehr Leute, mit denen ich nicht klar komme, als Leute gibt, mit denen ich klar komme. Ich bin (fast) dran gewöhnt.

    Such die Sterne.

  4. Liebe Henrike, es ist Sonntagmorgen und die Lütte will einfach nur auf meinem Arm schlafen. Nirgendwo sonst. Also hatte ich genau noch einen Arm inkl Hand frei, um deinen Blog zu lesen. Und Familie Seltsam finde ich alles andere als seltsam. Solange unsere Kinder Kinder sind, dürfen sie gerade heraus, schonungslos ehrlich und sogar frech sein. Solange sie Kinder sind, finden wir das witzig. Jetzt ist der Große kein Kind mehr, nur fehlt im das Angepasste, das Gefühl oder das Wissen was man wem wie sagen kann und darf. Auch wenn’s schwer fällt und euch etwas einsam macht, ihr habt ein Kind was immer direkt und offen zu euch sein wird. Ist das nicht mehr wert als Verhaltensnormen? Und dann habt ihr ja noch den anderen, den kleinen, der mal aussehen wird wie Brad Pitt. Manches guckt sich weg, wenn man weg guckt 😉
    Übrigens: ich mag deinen pullover. Der liegt bei mir auch im Schrank, seit was weiß ich wie viel Jahren, und den hole ich heute raus und ziehe ihn an. Zur Feier des Sonntages, weil die Sonne scheint und weil, wenn zwei das Gleiche tun, es sich weniger seltsam anfühlt.

  5. Hallo Henrike, danke – mir tut es stets gut, Deine Texte zu lesen. Meist fühlt es sich an, als würde ich mit etwas Abstand auf meinen eigenen Alltag schauen. Und dann kann ich´s viel lockerer sehen. Sehr nahe gegangen ist mir der Text zu Familie Seltsam, denn wir sind auch so eine „Familie Seltsam“ aus dem gleichen Grund mit ähnlichen Auswirkungen, Sorgen und Freuden und sogar (fast) im gleichen Stadtteil. Zum Elternstammtisch habe ich mich bisher noch nicht gewagt, nach Deiner Beschreibung überlege ich aber, doch mal hinzugehen. Jetzt wünsche ich Dir und Deiner Familie ein frohes Weihnachtsfest: fieberfrei mit trockenen Nasen und ohne Überraschungen!
    Geli

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