Fototermin

Die besten Kollegen der Welt hatten uns zur Geburt des Babys einen Gutschein für ein Shooting geschenkt. Das war sehr nett! Und irgendwie haben wir es heute geschafft, vollständig dort aufzuschlagen. Um uns in Szene setzen zu lassen. Für die Nachwelt.

(Vorab: Bitte keine Fotoshooting-Geschenke mehr für uns!)

Drei Stunden vor dem verabredeten Termin lief ich heiß: Klamotten rauslegen für die Jungs („Ihr tragt Schwarz mit Jeans! Rollkragenpulli, jawohl! Der Babynator Hemd und Pullunder. Weil ich es SAGE! Darum. Nein, du kommst nicht mit aufs Foto in dem verwaschenen Shirt von der Java-Messe!“). Dem Kind die Haare gelen. Noch mal neu machen. Die Frisierversuche des Mannes überwachen. Das Ozonloch vergrößern durch übermäßigen Gebrauch von Haarspray auf allen Köpfen. Mich im Bad einschliessen und den zentnerschweren Korb mit den abgelaufenen Foundations und Concealern, Eyeshadows, Linern, Pinseln, Quasten… herunterwuchten. Staub abpusten. Loslegen.

Als ich dreißig Minuten später das Bad verließ, lungerte der Baby-Boy im Flur herum und überlegte bei meinem Anblick kurz, ob er losheulen sollte. Vermutlich glaubte er, mir sei etwas zugestoßen.

Die verkleidete Familie zog los.

Die motivierte Fotografin begrüßte uns überschwenglich und ich dachte das erste mal: Was für ein Scheißjob! Sie würde mir im Laufe der nächsten neunzig Minuten noch mehrmals leid tun. Konnte ich aber noch nicht ahnen. „Darf ich „Du“ sagen?“, wollte sie wissen. Wir bejahten. Dann tat sie mir bereits wieder leid. Denn sie konnte sich unsere Namen nicht merken. Ich wurde Enrike. Macht nichts. (Kleiner Exkurs: Mein Vorname ist offensichtlich selten vertreten und bietet viel Spielraum für künstlerische Namensgestaltung. So hieß ich schon Henriette, Hendrikje, Enrico und Henrik. Besonders bei behördlichem Schriftverkehr braucht es oft gehörig Überzeugungskraft, klarzustellen, dass ich nicht „Herr“ sondern „Frau“ bin. Auch habe ich mir angewöhnt, auf einfach alles zu hören, was so ähnlich wie mein Vorname klingt. Eigentlich ist es sogar so schlimm, dass ich mich immer angesprochen fühle, wenn sich wirklich niemand sonst angesprochen fühlt. Meine Therapeutin arbeitet mit mir daran.).

„Ich möchte, dass ihr eure Schuhe und Socken auszieht! Das wirkt kuschliger auf den Fotos.“. „Waaas?! Nee! ich geh hier nicht barfuß!“ vermeldete der Beste. Ich beschwichtigte ihn flüsternd. „Hast du das etwa gewusst? Das fängt ja heiter an!“ maulte er weiter, während er sich kopfschüttelnd und knurrend aus seinen Fußschützern schälte.

Wir schlurften mit Fusseln zwischen den Zehen in den präparierten Nebenraum. Flötend tanzte die Fotografin um uns herum und schleppte allerlei Gerätschaften von links nach rechts und hin und her. Wir lungerten mit unseren nackschen Füßen so rum einstweilen.

Dann begann sie mit der Choreografie, oder wie man das so nennt.

Erstes Familienbild. „Hast du Rückenprobleme?“, wurde der mitgebrachte Mann gefragt, was er entrüstet verneinte. „Gut, dann leg dich hier hin. Auf den Bauch bitte. Nein, die Beine dortlang. Weiter links bitte.“. Ächzend und knurrend wälzte sich der Beste zu unseren Füßen in die geforderte Position. Ich grinste schon nach innen, konnte ich mir doch lebhaft vorstellen, wie scheiß-bescheuert er das alles jetzt schon fand. „So, Enrike, du legst dich jetzt bäuchlings auf deinen Mann! Genau, richtig abstützen auf ihm! Kind, du legst dich jetzt auf deine Mutter! Mann, du nimmst das Baby und hältst es so in deinem Arm. geht das auch ein bischen unverkrampfter? Ja, genau. So ist es schön.“.

Also für uns war gar nichts schön. Von unten hieß es: „Hilfe, mir ist heiß. Meine Brille ist beschlagen! Mach dich doch nicht so schwer! Scheiße, mir läuft der Schweiß in die Augen! Wie lange soll ich denn hier noch so liegen!“. Von oben bohrte mir das Kind seine spitzen Ellenbogen in die Schulterblätter und hampelte auf mir herum. Das Baby wollte partout nicht unverkrampft im Arm der Bremer Stadtmusikanten sitzen. Wir ächzten und lächelten total unentspannt  vor uns hin, während die arme Fotografin versuchte, mittels Handpuppen ein Lächeln auf des Babys Gesicht zu zaubern. Vergeblich. Dann reichte es! Wir lösten selbständig die Formation auf. Offener Mund des Erstaunens bei der Fachfrau. „Wir sind nicht so die Stapel-Familie.“, versuchte ich mich in einer Erklärung, „Eher so die lässigen Rumlungerer. Einer hier, einer dort und der dritte im Nachbarraum.“. Sie lachte nicht. Arme Frau, was für ein Scheißjob zum Samstag.

Als nächstes waren die Kinder ohne uns dran. Der Große verwechselte Lächeln mit Zähne zeigen und der Kleine guckte völlig entgeistert auf die vor ihm mit Handpuppen rumhampelnde Fotografin. Die mir schon wieder leid tat! Also machte ich mit beim Animationsballett. Ich schwenkte Plüschtiere und rief mit viel zu hoher Stimme alberne Koseworte. Lustig für die Akteure wurde es erst, als eine verrostete Mülltonne zum Einsatz kam. Ich nölte zwar erst nach innen („Och nö, voll das Anne Geddes-Klischee!“), aber das Baby rockte die Tonne und hatte Spaß! Er lächelte sogar, falls er denn mal sein Köpfchen aus der Tonne reckte. Und es wurden Fotos gemacht. Na, Gott sei Dank!

Dann wir Alten. Aus einem mir nicht bekannten Grund wollte der Beste ein Foto mit mir alleine. Das fehlinterpretierte die Fotografin und arrangierte uns zu einem romantisch verschlungenen Liebespaar. Er haucht ihr zärtlich einen Kuss auf die faltige Stirn, während sie versonnen träumerisch zu Boden blickt. Total authentisch!

Dann alle zusammen im Stehen. Wir schlurften zur Wand und wurden in Position gestellt. „Enrike, den Kopf mehr zur Seite. Das Kinn nach vorn. Die Schulter runter! Das linke Auge nach rechts. Das rechte Auge nach links bitte! Entspannt lächeln. Nein! Das Baby bitte höher halten! Und die Schulter runter! Kopf neigen, Kinn nach vorn unten! So ist es schön!“. Meine Bandscheiben vibrierten, während ich das Baby zwanzig Zentimeter in die Höhe hob, meinen Kopf um hundertachtzig Grad drehte, nach links und rechts lächelte, die Schultern hängen ließ, die Brust hob und lässig verkrampft posierte.

Wir durften uns dann auch wieder die Strümpfe anziehen.

In einer Woche sehen wir uns wieder zur Präsentation der Fotos und Auswahl. Ich denke, das wird sehr lustig.

 

Erkenntnisgewinn: Die härtesten Jobs der Welt haben Fotograf und Fotomodell.

 

 

Jetlag

Alles beim Alten mit dem Alten. Er ist wieder da. Seit einer Woche, um genau zu sein.

Und seitdem haben wir Jetlag.

Alles begann mit gewohnt euphorischem Chaos. Flüge wurden verpasst, Küsse geküsst, vier Tonnen „Spezialwäsche“ flach atmend durch mich gewaschen, der Andendreck aus den Bergstiefeln geklopft, Geschenke ausgepackt.

„Was soll ich dir mitbringen?“, fragte der Beste vor einigen Wochen und ich höre mich deutlich antworten: „Ein Armband wäre schön! Und es muss wirklich nichts Folkloristisches sein! Ehrlich. Gold, Bronze oder Platin reicht.“. Nun sehe ich aus wie Wolfgang Petri. Jute. Bunt. Anscheinend war ich wohl doch zu subtil. Na, wenigstens ist mir warm um die Handgelenke.

Dann wurde noch der eingeschmuggelte südamerikanische Darmvirus in die Familie eingeführt: „Virus, Familie. Familie, Virus!“. Freut mich überhaupt nicht, dich kennenzulernen! Namentlich ist er uns noch nicht bekannt, das Labor züchtet noch ein paar Tage an nicht näher zu benennenden Proben meines Ehemannes herum. Dieser regiert einstweilen vom Klo aus die Welt.

Anstrengend ist dieser Familien-Jetlag: Hier leben jetzt vier Personen mit vier Tagesrhythmen. Oder wenigstens drei. Ferien und Resturlaub tun ihr übriges.

Wenn ich morgens aufstehe, wird es mit Glück bald hell. Die Familien-Lerchen versuchen sich ruhig zu verhalten, was bedeutet, die eine Lerche trägt die andere Lerche die ganze Zeit herum und stopft das Lerchenmäulchen mit Küssen und Keksen, damit kein Laut herausdringt. Und im ersten fahlen Licht des jungen Morgens schlurft dann die eine Lerche mit der anderen Lerche draußen in der Gegend herum. Gegen halb zehn werden unter großen Anstrengungen die Eulen der Familie geweckt, Frühstück steht auf dem Tisch. Um elf haben sie es dann meistens geschafft zu frühstücken, da stehe ich dann schon wieder am Herd und koche Mittagessen. „Waaaas?! Schon WIEDER essen? Wir haben doch eben erst gefrühstückt!“. „Irrtum, Schatz! Du. Ich habe bereits vor fünf Stunden gefrühstückt. Und das Baby will irgendwas Warmes. Oder auch nicht. Aber von mir wird erwartet, dass ich es wenigstens anbiete!“. Ich koche also und das Baby isst für gewöhnlich nichts. Dafür ich dann die kleinkindgerecht zermöllerte Nahrung.

Kaum habe ich die Küche wieder gesäubert, Auftritt Kind Nummer 1. Steht da und verkündet: „Hunger!“. „Ja, mein Kind. Der Hunger ist eine unangenehme körperliche Empfindung, die Menschen und Tiere dazu veranlasst, Nahrung aufzunehmen. Auch als Familienname ist Hunger weiter verbreitet als du vielleicht annimmst. Dein lieber Vater hieß mit Mädchennamen so. Wobei ich in seinem testosteronstrotzenden Fall gar nicht genau weiß, ob `Mädchenname`der zutreffende Begriff ist.“. Währendessen hole ich wieder die Töpfe hervor und bereite dem Kind was zu essen.

Eine Stunde später, ich bin bereits auf Käsekuchen, Buttercremetorte und Kekse konditioniert, Auftritt des Ehemanns: Er schlendert in die Küche, eine Hand meist leger auf die Magengegend gelegt, schaut unschuldig interessiert auf Tisch und Arbeitsflächen. Öffnet vielleicht als Ablenkungsmanöver den Kühlschrank, um dann freundlichst zu fragen: „Schatz, haben wir was zu essen?“. „Selbstverständlich! Mehrere Sorten Reis, Mehl, Zucker, Kartoffeln, Milchprodukte, Gemüse und sogar solch exorbitante Sachen wie Quinoa und Lavendelsalz.“. Unnötig zu erwähnen, dass ich diejenige bin, die das „irgendwas zu essen“ dann zubereitet.

So geht das weiter. Wenn der erste bereits wieder zum Nachtschlaf sich herniederlegt, wird der letzte endgültig wach. Und ich werde als zweites müde, stehe ich doch auch als erstes auf. „Bist du schon wieder müde?“, „Ich möchte mal wissen, wovon du schon wieder müde bist!“, „Andere Leute machen abends noch was zusammen, ich kann dir beim schlafen zugucken.“ und so weiter. Höre ich jeden Abend. Und fühle mich wie ein Spielverderber.

Jetzt noch die Zeitumstellung. Ich glotze grenzdebil auf alle Uhren und peile mal wieder nicht, welche denn nun die richtige Zeit anzeigt! Bin ich nun 5:50 Uhr aufgestanden oder 4:50 Uhr?

Heute Morgen um acht stand Wolfgang Petri alleine mit einem Baby im Tragesack vorm dunklen Bäckerladen, der doch eigentlich halb acht öffnet. Verdammt, wie spät ist es denn nun?!

Scheiß Jetlag.

 

 

 

Es war einmal ein Möbelhaus…

…da gingen die Rentner ein und aus.

An der Peripherie der gemütlichen Elbestadt steht ein ganz bestimmtes Möbelhaus. Ein Gruselhaus!

Namentlich war mir die Bude schon seit Jahren geläufig, ist es doch so, dass es sich als quasi unmöglich gestaltet, mit meiner Mutter „einfach mal so“ ein Treffen auszumachen. Was die Rentner heutzutage für einen Stress haben, da machste dir kein Bild von! Und wenn ich so mit ihr am Telefon den Terminkalender durchforste, kommt ganz sicher: „Nein, an dem Tag kann ich nicht. Da gehen wir mit Rettichs zu Möbel-Dings. Und an diesem bin ich bei der Kosmetik. Nein nein, da geht es auch nicht, da sind wir mit Haubenreissers bei Möbel-Dings.“. Immer dieses Möbel-Dings! Und wenn man sich doch mal trifft, wird kurz nach der Begrüßung erzählt, dass man bei Möbel-Dings war Schweinshaxe essen. Für zwei fuffzig! Mit Klößen!

Irgendwann besprach mich die beste Schwester von allen, ich müsste dort unbedingt mal hin. Die hätten einen Depot-Shop eröffnet und werben mit Schnäppchen für Neukunden. Da die weitverbreitete Dekosucht und der damit einhergehende zwanghafte Hamsterkauf von Stehrums und Rumhängern mich in ihren Fängen haben musste ich dort also wirklich hin. Außerdem will das Wohnambiente auch andauernd entsprechend umdekoriert werden: Frühling allgemein, Ostern, Sommer, Erntedank, Herbst allgemein, Halloween, Advent, Neujahr. Um wirklich nur die absolut nötigsten Termine zu nennen. Und auch wenn ich quasi im Eingangsbereich des Schwedenshops wohne, kann man mich durchaus mit dem Begriff „Schnäppchen“ auch mal zwanzig Kilometer an die gegenüberliegende Seite der Stadt locken.

Schon auf dem Parkplatz kriegte ich Blutdruck. Weißkappen, die im ersten Gang mit röhrendem Motor die vierte Parklücke erfolglos testen. Ist auch schwierig, so einen Zwergen-Koreaner mittig in einer winzigen, zwanzig Quadratmeter kleinen Parkbuchse zu platzieren!

Mit hochroter Rübe und geschwollener Halsader enterte ich irgendwann das Möbel-Dings. Volksmusik bereits im Eingangsbereich. Augen zu und durch. Ab zum Counter, Neukunde werden. Es dauerte. Das Personal hat sich der Geschwindigkeit der Zielgruppe angepasst. Zu zweit schafften sie es innerhalb einer Zeitspanne, in der ich einen Bügelkorb Wäsche bezwungen hätte, meine Daten in das System zu übertragen. Atmen.

Ab in den Depot-Shop und mir den Wagen zugeknallt. Immer um die Weißkappen drumrum, die dort schon schnatternd die Gänge verstopften, ohne wirklich Kaufinteresse an dem Dekokram zu zeigen.

Mich überkam ein Hüngerchen und zugegebenermaßen auch die morbide Neugier auf das von meinen alten Leuten so regelmäßig frequentierte Restaurant. Auf dem Weg dorthin konnte ich einen Blick auf das Sortiment der Möbelbude werfen. Gelsenkirchener Barock meets Pflegeheimfeatures. Eine Couch, an Hässlichkeit kaum zu überbieten, für schlappe 8.999,00€. Es fehlte nur noch das Schild: „Das Beste für ihre letzten zehn, zwölf Nickerchen!“. Und überall fröhliche Senioren ins Gespräch mit dem Personal vertieft. Wahrscheinlich kennen die Stammrentner auch die Dienstpläne aller Angestellten. Mich schauderte.

Im Restaurant sah es aus wie auf einer Seniorenkreuzfahrt. Beim Eintreten hob ich den Altersdurchschnitt um mindestens zwanzig Jahre. Fröhlich schnatternde Weißkappen in Einheitskluft und die Damen auch in identischer Frisur mit gewohnt schaurigem Parfum. Das Essen sah ansprechend aus, aber die alten Leutchens jenseits jedes Effizienzgedankens und –bestrebens ließen mich kaum an die Theke ran! Es war zum Schubsen! „Na na, junges Frollein! Nicht so schieben!“. Ich hätte das Coregatabs-Model am liebsten an seinem faltigen Hals gepackt und zwischen den Schweinshaxen zum Schweigen gebracht. Aber das „junge Frollein“ stimmte mich wohl milde. Und dann an der Kasse fummelten sie alle zig Coupons aus den Handtaschen, was den Andrang im Restaurant erklärte: Gratissaft, Umsonstkaffee, Haxe für zwei fuffzig und so weiter. Das erklärte so ziemlich alles.

Nach dem Lunch im Seniorenheim ich wieder runter zum Counter. Wie ich denn an so Coupons käme? Also, die bekommen sie, wenn sie als Kunde bei uns registriert sind. Bin ich. Na, dann schicken wir ihnen die auch zu. Ich bin aber jetzt und heute hier! Da kann ich leider nichts machen.

Aha.

Nun gut, ich hatte sowieso nicht vor, noch mal wieder zu kommen. Nicht mal für´ne Gratishaxe!

Aber es erstaunte mich dennoch, dass ich auch in den folgenden Monaten keine Einladung zum Umsonstkaffee bekam. Keinen Gratiscoupon. Kein nichts.

Und da ich über Tagesfreizeit verfügte und das Baby damals noch ein in Vollzeit rumliegendes Baby war, schrieb ich einen Brief an das Möbel-Dings. Mit der Bitte, das Marketingkonzept zu überdenken. Auch Mütter mit Kleinkindern und generell Leute, die nach 1940 geboren wurden, sind doch als Käuferzielgruppe auch nicht zu verachten. Und würden auch nach 18:00 Uhr noch einkaufen und Haxe essen kommen, wenn die Rentner bereits mit hochgelegten Beinen auf der Seniorencouch sitzen und die Hitparade der Volksmusik im Fernsehen anschauen. Und wieso schicken sie mir eigentlich keine Coupons zu?! Werden „junge Frolleins“ bei ihnen nur in Begleitung ihrer greisen Erziehungsberechtigten als Kunden wahrgenommen?

Ich bekam keine Antwort. Was auch daran liegen könnte, dass ich diesen Brief nie abgeschickt habe. Der Beste hatte sich nämlich königlich amüsiert auf meine Kosten und mir zu verstehen gegeben: Die anderen Frolleins und du, ihr habt Blaugelb. Lass doch den Inkontinenzschlübber tragenden Alten das Möbel-Dings und die Haxen!

Monate zogen ins Land.

Ihr ahnt nicht, was ich heute in der Post fand!

Foto-2

Es gibt zwei denkbare Möglichkeiten: Möbel-Dings hat sein Marketingkonzept überdacht oder ich bin jetzt amtlich alt und es wird Zeit für die seniorentaugliche Kurzhaarfrisur und Mode aus dem Schwab-Katalog.

Wochenende

Wochenende

Wer sich schon immer fragte, was ich so an einem gewöhnlichen Wochenende erlebe, dem sei gesagt: Spektakuläres!

Gestern war ich mit Gretel und den vielen Kindern, die zu uns gehören, in Moritzburg. Warum man dort unbedingt mal hinfahren sollte, könnt ihr bei Gretel nachlesen. Die heißen Waffeln, Gummitiere und den Wildschweinschinken, den man neben dem zauberhaften Leuchtturm zum Sofortverzehr käuflich erwerben kann hat sie unterschlagen, deshalb halte ich diesen zusätzlichen Hinweis für hier erwähnenswert.

War das jetzt ein Bloggertreffen? Nein, ein Freundinnenausflug. Zwei Freundinnen, die sich durchs Bloggen gefunden haben. Viel besser.

Und wo ist jetzt die Geschichte? Ach so, die Geschichte. Aschenputtel hat ihren Schuh verloren auf der Teppe des Schlosses in Moritzburg. Ja, ehrlich! Soll ich jetzt noch die Geschichte vom Aschenputtel erzählen?! Nein? Okay. Dann bleibts einfach bei dem Ausflugstipp.

Einmal…

…mache ich jetzt mit. Mit der Verweigerung, an Blogger-Awards teilzunehmen, kommt man nicht weit. Musste ich feststellen. Und je öfter ich eine Absage schreibe, umso spielverderberisch fühle ich mich. Deshalb, und weil ich mittlerweile von vier ganz reizenden Kollegen auf eine wirklich liebenswürdige Art eingeladen wurde, will ich einmal mitmachen. index Ich wurde nominiert von: Christian, http://www.familienbetrieb.info/, Vivi, http://hexhex.blogspot.de/, A-Lu, http://grossekoepfe.blogspot.de/ und Minusch von http://minulinu.wordpress.com/

Ich danke Euch Vieren recht herzlich und gemäß der Aufgabenstellung soll ich nun sieben Fakten über mich verraten. Da ich mich aber hier auf´s Geschichtenerzählen beschränke, werde ich versuchen, eine Geschichte zu basteln aus sieben Fakten. Ich hoffe, Euch damit nicht zu enttäuschen.

IMG_1610 IMG_1609

Fakt 1) Ich wollte Slawistik studieren. Galt als Sprachtalent. Etwas anderes konnte ich nicht.

Fakt 2) Ich durfte kein Abitur machen, was 1986 hieß, ich wurde nicht auf die „Erweiterte Oberschule (EOS)“ deligiert (offiziell wegen der Mathe-drei, inoffiziell galt meine Familie als nicht besonders linientreu, aber das behaupteten ja hinterher viele…).

Fakt 3) Ich erlernte einen technischen Beruf (Elektronikfacharbeiter). Von Elektronik habe ich soviel Ahnung wie von Teilchenmaterie. Deshalb lernte ich auch später noch Informatikkauffrau. Denn von Informatik habe ich genauso viel Ahnung.

Fakt 4) Am 9.11.1989 fiel die Mauer.

Fakt 5) Ich hätte nun das Abitur nachholen können und studieren. Theoretisch. Leider hatte das Leben andere Pläne mit mir.

Fakt 6) Ich habe viele Jahre unter dem angeblichen „Makel“ gelitten, kein Abiturzeignis als Intelligenznachweis vorlegen zu können.

Fakt 7) Jetzt nicht mehr. Aus mir ist trotzdem was geworden 🙂

IMG_1611

Ich müsste nun auch noch jemanden nominieren, aber ich denke, jeder durfte schon, jeder hatte schon. Wenn irgendwer vergessen wurde, dann bitte schön! Du bist dran!

Ein Topf Suppe

Ich war krank. So richtig. Mit allem. Die Kinder haben sich aus dem mütterlichen Symptomenkatalog jeweils ein paar Gebrechen rausgepickt und so laborierten und kränkelten wir ein paar Tage vor uns hin.

Und wie ich mit hohlem Magen und verrotztem Fieberkopf vom Bett zur Couch und von dort zum Spielteppich ins Kinderzimmer wanke, mache ich mir Gedanken. Über die jüngsten Begebenheiten in der „Netzfamilie“. Über den Beitrag einer fremden Frau mit Folgen. Über meinen eigenen Beitrag mit Folgen. Über meine Reaktion auf all dies. Meine zwiespältige Meinung zu verschiedenen Dingen, die die Frauenwelt umtreiben. Den Umgang untereinander. Meine eigene Diskussionskultur. Diese Wucht, mit der wir bereit sind, auf die neben uns einzuhacken, nur weil sie unsere Sicht nicht teilt. Und wieder einmal komme ich zu dem Schluss, so lange wie wir das nicht untereinander hinbekommen, brauchen wir nicht aufs Patriarchat zu schimpfen. Solange Gleichberechtigung und friedliche Koexistenz nicht unter uns Frauen herrschen, ist es mühselig, sie woanders etablieren zu wollen.

Und dann klingelts, und mit den Worten: „So, hier kommt euer Abendbrot! Gute Besserung!“ marschiert meine Nachbarin Beate an mir vorbei in die Küche und stellt einen Topf mit Suppe auf dem Tisch ab.IMG_1601

Manchmal kann es so einfach sein. Ich habe auch nette männliche Nachbarn, ganz ohne Frage. Aber ich bezweifle, dass einer der Herren auf die Idee käme, mir eine Suppe zu kochen. Fürsorglich miteinander umzugehen, das liegt uns im Blut. Wir können das. Dieses nach-links-und-rechts-Schauen. Das ist eine Stärke und das stärkt auch unser Umfeld.

Und jede von uns kommt mit einem anderen Rucksack daher. Das soziale Umfeld, die Kinderstube, die Gesellschaft, die sie geprägt hat und nicht zuletzt das erlebte berufliche Umfeld. Da kann man tagelang ausdiskutieren, um auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, oder einfach mal sagen, ja, so ist das. Ich mit meiner Proletariats-Kindheit im gesetzlich geregelten Gleichberechtigungsstaat habe selbstverständlich andere Wurzeln und Normenkonstrukte als eine Frau, die in einer gutbürgerlichen hanseatischen Mittelstandsfamilie aufgewachsen ist. Und doch leben wir beide 2014 in demselben Land und eint uns der Nenner: Frau. Und eventuell auch: Mutter.

Und ich denke auch an einen anderen Topf Suppe.

Eigentlich an viele. In meiner Abteilung gab es so ziemlich genau zwei Jahre lang die Tradition der „Suppenrunde“: Einmal pro Woche, oder einmal im Monat (je nach Auftragslage) brachte eine von uns Kolleginnen einen großen Topf Suppe mit und wir trafen uns zum Mittagessen. Wir waren ein Häufchen, das unterschiedlicher nicht sein konnte. Von Mitte zwanzig bis Mitte fünfzig, unterschiedliche Lebensstrukturen, verschiedene Arbeitsumfelder, Gehaltsstufen und Lebenshaltungen. Auf den ersten Blick einte uns nur die Zugehörigkeit zu dieser Firma. Und dass wir Frauen waren. Männlichen Kollegen konnten wir zwar immer zum Mitessen überreden, leider aber nie zum Kochen.

Diese Treffen waren etwas Wundervolles und zu der wärmenden Suppe gab es stets wärmende Gespräche und oft auch ganz unerwartete Ansichten. Das war sehr befruchtend. Später habe ich mit Freude festgestellt, dass ab und zu in der großen Firma auch in einer anderen Teeküche auf einmal eine Heizplatte stand mit einem Topf Suppe darauf.

IMG_1607

Aus unseren vielen Suppenrezepten haben wir irgendwann ein Kochbuch drucken lassen. Einfach für uns und als Geschenk. Ich blättere heute noch sehr gern darin.

Und ich möchte – ganz entgegen meiner Gewohnheit – jetzt hier mit einem meiner vielen Lieblingsrezepte aus diesem kleinen Büchlein beschließen und hoffe, das wärmt euch beim Nachkochen und Essen.

Diese Suppe hat Christine gekocht, die eine wunderbar kluge und lebensfrohe Frau und geschätzte Kollegin ist, und drei schulpflichtige Kinder alleine großzieht.

Linsensuppe Sabaudia

200g Linsen über Nacht einweichen lassen.

½ Sellerieknolle, 1 Stängel Sellerie und 6 Knoblauchzehen putzen und zerkleinern.

152g durchwachsener Speck in Würfeln und das Gemüse zu den Linsen geben und alles in dem Einweichwasser 50 Minuten kochen.

Nach etwa 30 Minuten Kochzeit 450g geschälte Tomaten mitsamt dem Saft dazugeben.

Alles mit Salz, Pfeffer, gekörnter Brühe abschmecken.

200g Nudeln nach Wahl kochen und in der Suppe erwärmen.

 

In herzlicher Erinnerung an die Damen der Suppenrunde: Beatrix, Kathrin, Beate, Kerstin, Christine, Melanie, Regine, Juliane und Susan.

Und für meine Nachbarinnen Beate und Manja, für die ich bald mal wieder eine Suppe kochen werde.

Kulturtipp – die Nachlese

Kulturtipp – die Nachlese

Da ich ausdrücklich um eine Rezension des angepriesenen Abends gebeten wurde und zwar auch für Geld, Essen, Ruhm und Ehre schreiben würde, aber vor allem aus Überzeugung und ein gewisses Problem mit dem Nichtbedienen von Erwartungen anderer mir gegenüber habe, kommt hier in ein paar ausschweifende Zeilen gepresst meine subjektive, überzogene und von unbegreiflicher Sympathie und frenetischem Fan-Eifer eingefärbte Sicht auf den vorgestrigen Abend (Die Deutschlehrer unter euch weinen wahrscheinlich schon nach dem Lesen des ersten Satzes.).

„Die Tim Herzberger Show – Scheitern durch Niveau“.

Fiebernd vor Aufregung und aufgrund des grippalen Infektes, der die dezimierte Familie anheimgefallen war, warf ich mich in Schale, den Wagen an und bretterte mit roter Nase wie Rudolf das Rentier und Triefaugen wie Genscher direkt auf den roten Teppich. Im Eingang lungerte eine Person, die sich bei näherem Betrachten als meine Freundin und Ersatzehemann-Begleitung für den Abend herausstellte. Vermutlich kampierte die Gute schon seit einer Woche dort aus Angst, ich würde nicht kommen, und sie müsste sich um Restkarten kloppen.IMG_1585

Constanze Rick und das Filmteam hatte ich leider verpasst. Auch der enorme Ansturm aus Berlin, der mit dem Berliner Linienbus angereist war, war bereits aufgelöst. Wie ich hörte, hatten die Verkehrsbetriebe extra eine Sonderfahrt eingerichtet, um die ins kulturelle Hinterland abgeschlagenen Hauptstädter auch mal in den Genuss einer wahren Show, einer Varieté, dieser exklusiven Wohnzimmervorstellung, grandiosen Soiree kommen zu lassen.

Auf dem roten Teppich wurden die ganz großen Roben zur Schau gestellt: H&M, Pimpkie und wie sie alle heißen. Im Blitzlichtgewitter von Handies drehten sich die Schönen und Reichen. Und auch die Armen und Hässlichen wurden eingelassen.

Die Show bot wie vermutet einige Überraschungen.

Zum einen war da der 187-jährige Großvater von Jopi Heesters als Westernzauberer gebucht, in den sich meine Begleitung spontan verliebte. Das war reizend. Mit dem schwankenden Gang des greisen Mannes, der zittrigen Hand, die vermutlich schon dem Reichskanzler Bismarck einen Klaps auf den Po gegeben hatte und einer Berliner Schnauze ohne Alter zauberte er vierzig Flaschen Martini aus einer Pappröhre. Dann setzte er sich hinter das Publikum und machte ein Nickerchen.

Das Publikum bestand zu einem Teil aus Freikartenbesitzern (das kommt davon, wenn man im Radio Werbung macht), die ich sofort enttarnte und die sich leider als vollkommen humorlos entpuppten und die einstudierten „OOOOOOH!“s und „AAAAAAH!“s einfach nicht brachten! Mich brachte das auf die Palme. Ich Oh-te und Ah-te weiter, bis sich die Leute vor mir dauernd umdrehten. Gepflegtes Publikum bei gepflegten Getränken… Aber so ist das wahrscheinlich auch den ersten Fans der Beatles ergangen, die die Pilzköpfe beim verwässerten Bier im Pub gehört haben. Ich glaube, ich weiß, wie die sich fühlten, als sie dann das erste Mal im Stadion standen…

Zurück zum Programm. Die Überraschung des Abends war für mich ohne Zweifel Signore Carleone als „Siggi Schwoartzzzzzzzzz“. Was für eine Performance! Leute! Allen Anwesenden war am Ende klar, wer wem den „Moonwalk“ geklaut hatte und bei der für Siggi Schwartz so typischen Bewegung (Griff in den Schritt und Becken gekippt) war ich ab dem zweiten Mal so angefixt, dass ich fast beherzt meiner Nachbarin in den Schritt gegriffen hätte. Um mich von meinem Begehren abzulenken habe ich mich aufs Feuerzeugschwenken beschränkt und trage heute stolz eine Brandverletzung als Zeichen meiner Ehrerbietung. Ob alle anderen auch Feuerzeuge geschwenkt haben? Bitte, ich möchte nicht darüber reden. Verdient hätte er es! Rosen hätte man nach ihm werfen sollen, Telefonnummern, Geld. Auf blanken Brüsten gehörte dieser unglaubliche Künstler aus dem Saal getragen!

Herr Specht hielt allen Erwartungen nicht nur stand sondern brillierte auf einem Niveau, so weit oben, also darüber müsste eigentlich die NASA berichten. Und vor allem provozierte er (Endlich!) eine Situation, bei der mich das Publikum entschädigte. In einem seiner Evergreens besingt er den erotischen Stress mit seinen ganzen Frauen. Im Traum wohl, aber man glaubt´s ihm sofort! Jedenfalls singt, tanzt und turnt er verschiedene weibliche Gäste an und endet mit einer akrobatischen Höchstleistung, indem er sich quasi auf eine ältere Dame vor mir hockt und fellatio-erbittende Bewegungen macht während der gesungenen Ode an ihre Fleischwurst. Oder so ähnlich. Offensichtlich waren Inge und Achim (so nenne ich jetzt mal das Ehepaar vor mir) Freikarteninhaber und vollkommen ahnungslos in dieses Spektakel geraten. Sobald der in Lust entbrannte Jogginghosen tragende Künstler von der Inge runtergeklettert war, steckte er ihr eine Autogrammkarte zu mit dem Hinweis auf seine Telefonnummer. Was dann geschah, könnte besser in keinem Skript stehen! „Inge, wir gehen!“, ertönte Achims Stimme, und während Inge noch die Autogrammkarte zaghaft an die faltige Brust drückte, verließen sie mitten in der Show den Saal!

DAS WAR LUSTIG! Leider wurde das außer der letzten Reihe (wo ich saß) von niemandem bemerkt. Schade eigentlich.

Ein Poetry Slammer namens Herr Jurisch, der just und zufällig auch in der Reihe vor mir saß und total spontan aufgefordert wurde, was zum Besten zu geben, ist unbedingt erwähnenswert. Sein Text „Ich habe einen Traum“ wird wohl heute zu recht unter den Anwesenden der am meisten eingegebene Begriff bei Google sein.

Tim Herzberger, als Moderator quasi Gebärmutter, Ziehmutter und Adoptivvater der Show in Personalunion verstand seinen Part aufs Allerfeinste und selbst als er der quiekenden und sich mit einem Handtuch bedeckenden Steffi („Ein Applaus für die Steffi aus dem Publikum!“) permanent in die Frisur spuckte, war das ästhetisch, von hohem künstlerischen Wert und außerdem habe ich noch nie, nie, niemals einen Mann gesehen, der in geringelten Pantalons derart anbetungswürdig aussieht. Verbalakrobatisch auf Maxi Gnauck-Niveau (Die war Turnerin, das weiß ich selber. Aber wer kennt schon Akrobaten!), die fabulierende, trillernde, schillernde, bestangezogenste Person des Abends, eine Kathi Witt ohne Eis und Jutta Müller.

Darf ich vorstellen: Tim Herzberger, die Ohren- und Augenweide für alle Fälle!

Es gab noch ein paar weitere Darbietungen, aber kein Schwein kann sich ein derart langes Bühnenprogramm merken! Und ich hatte Fieber.

Auch das Scheitern im Namen der Show wurde gekonnt inszeniert. Und zwar in Form einer Dame, die „zufällig“ im Publikum saß und auf die rote Besetzungscouch durfte, wo sie unnatürlich dauerlächelnd über Fakeprofile bei Facebook vom Leder zog und zwei Sätze später entblöste, sie melde sich gern aus Jux bei Fremdgehportalen an. Mit einem ge-fake-ten, scharfen Blondinenfoto. Weil, das ist so lustig! Und weil das alleine vielleicht noch nicht gereicht hätte, um allen Anwesenden die Bedeutung des Auftrittes, die moralische Verwerflichkeit, das Bigotte, Verlogene, Mediengeile vor Augen zu führen, brachte sie auch noch die eMail eines Verehrers von so einem Portal mit und las diese laut vor (die Datenschutzbeauftragten im Publikum machten sich Notizen). Zum Abschluss sang sie noch ein musikalisch unscheinbares, leicht zu vergessendes Liedchen in Teilplayback.

Die Leute klatschten höflich (gepflegtes Publikum), aber ich bin nicht sicher, ob der tiefere Sinn der Darbietung allen bewusst war. Scheitern durch Niveau. Oder durch das Fehlen ebendieses.

Obwohl ich trotzdem ein wenig auf die wunderbare Judith Reimann gehofft hatte, der bei der Wohnzimmershow vor zwei Jahren mein Herz zugeflogen war. Vermutlich war die gerade in der Carnegie Hall gebucht.

Auch Roberto Blanco und Karl Moik waren nicht anwesend. Zumindest nicht als Akteure. Dafür wurde in der Bratwurstpause gemunkelt, die Nachbarin des Fußpflegers der Kanzlerin sei da. Und auch diese Dings, die sich gerade von dem Bums getrennt hat. „Jaaaaa, sicher! Ich hab die an den schielenden Möpsen erkannt!“. „Ach, die armen Hunde…“. Und der Till der Schweiger und der Justin der Bieber, auch die konnten leider nicht kommen, aber ich glaube, für die wurde gestreamt. Zumindest tratschte entsprechend das gepflegte Publikum in der Bratwurstpause. Vielleicht war es auch nur das, was ich mit meinem Fieberkopf verstanden habe. Wollt ihr hier die Wahrheit hören oder ´ne gute Story?! Selber hingehen für ersteres.

Fazit: Ich war verzückt! Mal wieder.

Generell bin ich nach der Vorstellung am 03.Oktober der Meinung, die drei Hauptakteure der Show könnten zukünftig ALLE Gäste selber spielen. Herr Specht würde selbst seinem ollen Dedoronbeutel einen Charakter verleihen oder eine Hämmorhoidensalbe bühnentauglich in Shakespeare-eskes Licht rücken und Signore Carleone ist absolut reif für die großen Frauenrollen! Das spart Gagen und ist als Qualitätssicherungsmaßnahme nicht zu verachten.

Alles, was die drei Sexidole (siehe Titelbild) ausbaldowern, ist in meinen Kunstbanausenaugen ein Griff ins ins Gleitgel und prinzipiell nur niveauvollen Kennern zu empfehlen. Ich bin aus diesem Grund auch für gecastetes Publikum. Das geht doch nicht, dass die da sitzen wie mit eem Stock im Arsch! Die „Rocky Horror“-Show hat doch auch irgendwann angefangen, dem Publikum zu sagen, was hier gefälligst erwartet wird! Das wäre ein Anfang. Also, so´ne Schnarchnasen wie aus´m Politbüro gehören da nicht hin. Da kann man doch was machen: Die erste Reihe trägt Damenschlüpfer auf dem Kopf, die zweite Reihe… weiß ich jetzt auch nicht.

Vielleicht fehlt auch nichts, sonders ist etwas zu viel: Meine Meinung zum Beispiel. Nun ja, man wird ja noch als zahlender Gast Hinweise zur Vervollkommnung des eigenen Kulturgenusses machen dürfen.

Und der Tortellini Alfredo, Rolfonso Reichelino, der berühmte Zauberer, der hätte wirklich die Pullen Martini ins Publikum geben können! Mein Freund, „Martin I.“.

Am Ende riss der unglaubliche Michael Specht doch noch alle von den Sitzen und mimte mit der Aufschrift „Zuchtbulle“ auf dem durchtrainierten Körper einen Schlagerstarrockergangsterrappersuperstarentertainer. Hier eine kurze Kostprobe. Gut sichtbar: Der Dame vor mir hat beinahe die Frisur gebebt! Das vom Schnupfen eingelullte Stimmchen im Vordergrund gehört mir. Und nein, ich wurde noch nicht für den Backgroundchor entdeckt. Ich bin nur ein Konsument. Aber ganz sicher auch das nächste mal wieder dabei. Letzte Reihe, außen.

 

 

Es nervt!

Wenn ich dieser Tage in den Blogs, die ich so gerne lese, umherstöbere oder das Facebook öffne, werde ich bombardiert mit Buzzwords wie „Vereinbarkeit“. Oder „Pink Stinks“. Große Sache!

Das ist jetzt in Mode, jede (sorry, ich lasse das „r“ da mal raus und hoffe, es wird mir nicht gleich Sexismus unterstellt) die was auf sich hält, springt auf den Zug auf und hat zum Thema eine Blogparade, eine Umfrage oder dergleichen laufen.

Es gibt ja immer mal wieder Themen, die als Trend eine Weile das bloggende Volk umtreiben, und nun diese „Vereinbarkeit“. Und „Pink stinks“. Zum Beispiel.

Ich bin gelangweilt, mit Hang zum Genervtsein.

Fangen wir hinten an: Pinke Klamotten für Mädchen, geschlechtsspezifische Süßigkeiten, die ganze Gentrifizierung ist eine Marketingkampagne. Und ja, irgendwer kauft offensichtlich den Scheiß. Genauso, wie es Leute gibt, die die anderen Abscheulichkeiten kaufen, die die große, bunte Marktwirtschaft für uns Verbraucher bereithält. Warum regt ihr euch so auf? Niemand muss das kaufen, das ist nur ein Angebot! Von der Nachfrage bestimmt. Es gibt auch grüne, graue, beige Klamotten ohne Aufdruck und Pipapo. Könnt ihr kaufen. Oder selber filzen, häkeln, nähen. Aber ja, es gibt das auch zu kaufen. Genauso wie achtundzwanzig Sorten Olivenöl. So viele Sorten Oliven gibt’s nicht mal! Jeder darf sich aussuchen, was zu ihm passt. Nach seiner Facon.

Aber diesen Wirbel verstehe ich nicht! Was soll da passieren? Negative Kindesbeeinflussung? Also, echt. Ich hätte als DDR-Kind für einen rosa Samtpullover den Weihnachtsmann an die Stasi verpfiffen und hatte emanzipatorisch vollkommen einwandfreie weibliche Vorbilder!

Vor allem frage ich mich: Welches Ziel verfolgt eure ganze Aufregung? Einfach mal wieder aufregen? Gibt’s sonst keine Aufreger in euerm Leben? Dann beglückwünsche ich euch recht herzlich! Wünschenswert wäre natürlich, ihr könntet diesen Zustand auch genießen und würdet nicht pausenlos Probleme herbeireden. Viel Wind machen. War ja auch zu windstill die letzten Tage.

Ebenso wie diese „Vereinbarkeitsdebatte“. Ich denke, ich habe genug gelesen, um mich auch hier zu fragen: Was soll das? Worauf wollt ihr denn hinaus? Was soll rauskommen bei dieser Diskussion? Werdet ihr euch dann abends zu euerm Mann auf die Couch setzen und verkünden: „Also, pass auf. Ich habe das in der Blogparade und mit meiner Twitter-TL durchgehechelt und die sagen auch… also ab morgen läufts hier anders!“.

Am Ende klärt das doch jede für sich und mit dem Männchen an ihrer Seite. Und gemäß den vorliegenden beruflichen Rahmenbedingungen. Oder? Denn schon, wenn man sich als Paar näherkommt, klopft man doch die Vorstellungen von einer Paarbeziehung ab. Will ich, dass wir alles gemeinsam machen oder bin ich mehr für Spezialisierung. Will ich mich lieber um die großen K´s kümmern, während ER sich um die Steuererklärung, Reparaturen, Spinnen und alles zur Mobilität der Familie Gehörende müht. Das klärt man frühzeitig. Und wenn es aus einem Grund nicht mehr passt, klärt man erneut. Unter vier Augen. Und justiert notfalls nach, wenn die Familie sich vergrößert und die Rahmenbedingungen sich ändern.

Warum wird das in die Öffentlichkeit gezerrt? Wo soll der Nutzen sein? Außer, dass ihr euch gegenseitig kirre macht?

Ja, und wenn ihr frühzeitig nach dem Kinderkriegen wieder arbeiten wollt, dann könnt ihr das! Klärt das mit dem Mann, der zu eurer Familie gehört. Besprecht das. Bleibt halt er zu Hause. Oder ihr beide. Oder ihr kümmert euch um eine Betreuung für den Nachwuchs. Kita plus Tagesmutti plus Au pair plus Oma plus Nachbarin. Was weiß denn ich. Geht alles. Könnt ihr doch machen! Oder nicht? Was wollt ihr denn? Na gut, dreimal pro Jahr Urlaub ist dann nicht drin. Was soll dieses Gewirbel? Ich sehe das Ziel nicht. Wollt ihr eine Absolution, dass das alles richtig und gut ist, wie ihr das macht? Seid ihr so unsicher?

Meine alte Hebamme hat mal zu mir gesagt: ´Um als Mutter glücklich zu sein, kümmere dich zu allererst um dich. Dann um deine Beziehung. Und dann um deine Kinder.`Klingt grausam. Aber nur auf den ersten Blick. Aber ich höre hier auch nur unzufriedene Frauen und Mütter lamentieren, wenn ich eure modernen Diskussionen verfolge. Daran wäre zu arbeiten. Das gehört zu hinterfragt. Wem drückt denn wo und warum der Schuh.

Jetzt kommt bestimmt: „Ja, aber…!“. Ja, aber, was? Ihr seid erwachsen, trefft eure Entscheidungen und lebt damit. Und am besten korrelieren die auch mit den Bedürfnissen eurer Familie, denn hier lebt ja nicht jeder für sich auf einer Insel. Und hört auf, euch über rosa Eier aufzuregen!

Hand hoch, wer von euch hat denn Erfahrung mit Ganztagesbetreuung über Jahre! Die gute Nachricht: Kinder überleben alles. Die sind hart im Nehmen. Wir haben ja schließlich alle unsere Kindheit überlebt. Ich habs gehasst! Kita von früh bis spät, Ferienlager… Aber genauso findet sich an jeder Ecke ein DDR-Kind, was das super fand! Jedes Kind ist verschieden. Jede Mutter auch.

Macht doch, was für euch gut ist und klärt das in der Familie. Dort gehört diese Diskussion hin.

Und wenn ihr dann noch Energie habt, engagiert euch für flächendeckende Kinderbetreuung und Ganztagsschulen. Und die anderen zig Themen, bei der der gewählten Politik mal nachgeholfen werden muss. Bei der Priorisierung. Wenn es euch stört, werdet aktiv und sichtbar. Nicht nur als im Internet nölender Haufen (das tat weh, ich weiß).

Momentan fehlt mir ehrlich der Sinn dieser ganzen Unternehmungen und auch der Unterhaltungswert hat Grenzen.

Ja, ich weiß, hier wird vermutlich niemand „gefällt mir“ klicken, aber ich wollte mir mal Luft verschaffen und das habe ich.

Draußen scheint die Sonne, es ist der Tag der Deutschen Einheit. Ich bin ein freier, glücklicher und zufriedener Mensch. Die Supermärkte sind voller Zeug und alles könnte ich mir kaufen. Pinkfarbenes Olivenöl, wenn´s denn sein muss. Ein Leben im Überfluss! Und ich darf den Beruf ausüben, der mir Spaß macht! Und nicht zuletzt: Ich darf hier schreiben, was ich will. Das muss euch nicht gefallen. Aber ich darf es. Meinungsfreiheit ist ein großes Glück. Dafür bin ich besonders an diesem Tag dankbar.

Ich wünsche euch allen einen wunderschönen, und vor allem entspannten, Feiertag.

Brief an einen Reisenden

Der Beste ist mal wieder mit dem Rucksack losgezogen. Warum? Nun, wer hier neu ist, sollte für´s Verständnis erstmal DIESEN Artikel lesen…

In zwei Tagen ist unser Hochzeitstag. Ausnahmsweise hab ich in diesem Jahr dran gedacht, aber du bist gar nicht da! Deshalb schreibe ich dir, sonst heißt es wieder, ich hätte es sowieso vergessen. Es ist komisch hier ohne dich. Ich meine nicht, dass ich dich direkt vermisse. Es ist nur seltsam, zu wissen, dass du mehrere Tausend Kilometer entfernt bist.

Wenn ich dein Fahrrad in der Garage sehe am Nachmittag, macht mein Herz (das dumme Organ) einen Hopser und ich denke, schön, du bist früher zu Hause! Ich habe jetzt die Kinderwagenregenplane darübergestülpt, damit ich mich nicht jeden Tag aufs Neue freue. Deine Schuhe vor der Türe haben denselben Effekt. Ich habe einfach mehrere Paare von mir draufgeschüttet. Jetzt sieht man auch den hässlichen Fußabtreter nicht mehr. Und mit zwei Kopfkissen und zwei Decken quer im Bett zu schlafen ist einfach nur Klasse!

Es geht uns gut. Ich habe mir allerdings irgendwas Allergisches eingefangen. Mir tränen die Augen und die Nase ist auch betroffen. Am Schlimmsten ist es, wenn Tierbabies im Fernsehen sind oder ein Brief im Briefkasten mit deinem Namen drauf. Komischer später Heuschnupfen. Aber ansonsten ist alles super!

Die Kinder machen mir große Freude. Abwechselnd. Sie scheinen sich abgesprochen zu haben. Und so sorgt immer einer von ihnen für meine Unterhaltung.

In den ersten Tagen war der Kleinste dran. Er schläft nicht mehr tagsüber. Aber müde ist er trotzdem und ningelt stundenlang, stößt sich die Rübe, klemmt sich die Finger ein, purzelt irgendwo runter. Und heult. Will nichts essen außer Butterkeksen und wenn ich ihm EINEN und nicht zwei in die Wurstfinger drücke, ist das auch ein Grund, in Geheul auszubrechen. Stecke ich ihn dann irgendwann mit rotgeweinten müden Augen in sein Bettchen, dreht er richtig auf! Nicht dieses mämämämä-ich-bin-gar-nicht-müde-aber-wenn-ich-schon-hier-drin-liege-dann-mach-ich-eben-ein-Nickerchen-Jammern. Nein, ohrenbetäubendes Gebrüll! Uwäääääääääääääääääääh! Mit gegen den Schrank schlagen, an den Gitterstäben rütteln. Bis zur Heiserkeit. Ich gehe dann immer rein und erkläre ruhig und bestimmt, dass ich nicht der Uwe bin und es nicht mag, wenn man mich anschreit. Er brüllt einfach weiter! Das wird dann stets durch halbstündliche Aktionen meinerseits unterbrochen, in denen ich ihn rumtrage (der Flur hat schon eine stumpfe Laufbahn auf dem Parkett), in der Plagenkarre rumfahre oder Butterkekse reiche. So kriege ich den Tag rum, ohne groß nachzudenken, dass du mir eigentlich doch ein bisschen fehlst.

Wie gesagt, sie sorgen gut für meine Ablenkung. Als Belohnung sorge ich gut für ihr Wohl und lasse uns regelmäßig bekochen von Fachkräften mit Sonnenblende, die wahlweise „Willkommen bei Mc Donalds, was kann ich für sie tun?“ und „Herzlich Willkommen bei Burger King, ihre Bestellung bitte!“ zu mir sagen. Wobei erstere mir mittlerweile deutlich lieber sind, da ich jedesmal den Versuch starte: „Ich will mal ne Stunde Ruhe. Bitte nehmen sie die Kinder und machense irgendwas mit denen!“. „Haha! Witzig.“. „Na, hörn sie mal! Sie haben gefragt!“. Bislang habe ich immer nur Essen UND die Kinder nach Hause geschafft. Ich versuche es weiter.

Am ersten Abend habe ich mir zur Feier des Tages einen Mädelsabend gegönnt. Mir alleine. Mit Pizza Hawaii, Ben&Jerry´s, Toblerone, Enzympeeling, Heilerdemaske, Q10-Serum, Hand-und Fußcreme und dem Film „Schadenfreundinnen“. Halt. Irgendwas hab ich vergessen. Ach so! Das Kind Nummer eins war auch dabei. Uneingeladen. Aber mit einer angetrockneten Heilerdemaske auf dem Gesicht lässt es sich schlecht argumentieren. Ungefähr so sprechen vermutlich frisch ge-Botox-te. Ich habe es wirklich versucht! Allein, er ging nicht. Kann nicht schlafen, habe Trennungsschmerz und Mama! Ich MUSS Frauenfilme schauen! Woher soll ich sonst wissen, wie die denken und was die so wollen! Das ist wichtig für mich! Und so hockte ich neben dem dauerquatschenden Pubertäter mit bröckelnder Maske auf dem Gesicht und hörte nur die Hälfte der Dialoge, weil von rechts noch einmal alles erklärt und interpretiert wurde, was da vor uns passierte…

Fernsehen werde ich wohl nicht mehr. Ich gehe jetzt immer zu seiner Zeit mit ihm ins Bett und stelle mich schlafend, wenn er zum dritten mal flüsternd in der Tür steht: „Mama! MAMA! MAAAAAMAAAA! Schläfst du schon?“. Meistens schlafe ich dann wirklich schon.

Ich erlebe wirklich spektakuläre Tage! Da kannst du mit deinem Titicaca-See und dem Machu Picchu einpacken!

Halt! Wir haben wirklich was Lustiges erlebt. Das Baby müffelte und ich beschloss, ihn zu Wasser zu lassen, bevor sich die Obstfliegen draufstürzen. Und, du kennst ihn ja, er hampelte aufgeregt vor der Wanne herum, während ich ihn versuchte festzuhalten und mit der anderen Hand seine Klamotten und die Windel abzupfte und -rupfte. Komisch, dachte ich, ne Bremsspur in der Windel… wo ist die Wurst? Muss wohl rausgekullert sein. Und wie ich so suche, türmt der Babynator, krabbelt in einem Affenzahn weg und sich sehe noch hinten an seinem Ärschel die Kackwurst baumeln! Ich also ruhig und souverän hysterisch quiekend hinter dem her! Eine Hand an dem Nackedei und eine Hand immer unter der wippenden Wurst, um deren unkontrollierten Fall zu verhindern. Durch den ganzen Flur! Hatten wir einen Spaß!

Dein Sohn fand das eklig. Nicht der mit der Wurst. Der andere. Und ich weiß, du willst auch nie irgendwas Fäkalisches hören! Aber wer in Peru sitzt und Meerschweinchen isst, der sollte ganz still sein. Weißt du noch, unser alter Hund? Der hatte so ´ne fette schwarze Warze am Kinn. Ich fand die eklig, aber du hast gesagt, der arme alte Hund kann doch nichts dafür! Und ihn immer gekrault unterm Kinn. An der fetten schwarzen Warze. Die eines Tages abfiel, mit einem ´Plong!`auf dem Fußboden landete und sich als vollgefressene Zecke entpuppte. Das muss man sich mal vorstellen: Du hast wochenlang einer Zecke den Bauch gekrault. DAS ist eklig!

Die Leute hier nehmen alle sehr Anteil an unserer aktuell gespaltenen Familiensituation. Wir haben vor ein paar Tagen einen deiner Studienkollegen getroffen. Diesen Dings… Senior senior Head of de ganze Welt… du weißt schon. Fragt der mich, wie´s dir geht und ich erzähle, du bist in Peru. Er so: „Aha. Warum?“. Ich stammel irgendwas von: „Kultur? Und Gebirge?“. Da sagt der: „Ach, er ist gar nicht beruflich dort, sondern freiwillig?!“. Das toppt fast noch den hier von einer Bekannten: „Muss sich dein Mann schon wieder von seiner Familie erholen?“. 🙂

Ach Schatz, erhol dich schön von deiner Familie. Und ich wünsche dir ganz viele Abenteuer und heul nicht in deinen Schlafsack, wir vermissen dich nämlich überhaupt nicht.

Außer unsere tiefsinnigen Gespräche, die fehlen mir. Wie das kurz vor deiner Abreise: „Wie du wieder Auto fährst!“, „Wieso? Ich fahr doch schön!“, „Also wirklich! Es geht echt schöner!“, „Du gehst mir vielleicht off´n Sack! Wächst in Peru eigentlich Pfeffer? Weil, dann kannste gleich da bleiben!“, „Ach, du laberst doch bloß! Und dann heulst du jeden Abend in mein Kissen, weil du mich so vermisst. Huhuhuhu. Komm zurück. Huhuhuhu!“, „Freundchen! Du kannst gleich bei deiner Mutter einziehen! Und ich kenne auch jemanden, der dir sofort beim Packen helfen wird! Mich!“.

Ja, das fehlt mir. Du fehlst mir, mei Dieschor (Sächsisch ist echt sexy, oder?)! Aber nur noch zehn mal Mc Donalds und zehn mal Burger King, und schon bist du wieder da! Unser familiärer Cholesterinspiegel wird dich blenden am Flughafen.

Und das nächste Mal nimmst du gefälligst die Kinder mit, damit das klar ist!

mein Gastbeitrag

Was war zuerst? Henne oder Ei? Auf diese philosophische Frage gibt es keine „richtige“ Antwort. Für mich ist der Anfang alles Lebendigen mütterlich, also: Henne!

So stand am Anfang dieses Blogs, der Idee zu diesem Experiment, auch eine Mutter. Frau Mutter, um genau zu sein. Ninas Seite war die erste in diesem Format, die ich gelesen habe. Und ich habe alles gelesen! Und irgendwann kommentiert. Ninas Worte und Gedanken haben bei mir etwas angetriggert, das nicht mehr aufzuhalten war. Das offensichtlich „raus“ wollte! Und eines Tages las ich einen Kommentar von ihr, in welchem sie schrieb, sie freue sich immer über meine witzigen Kommentare…

Ich schrieb ihr eine eMail. Dass es mir in den Fingern jucke… dass ich überlege… Und sie hat mir geantwortet, konstruktives Feedback zu dem gesendeten Probeartikel gegeben. Mir Mut gemacht.

Das ist nicht mal ein Jahr her. Und als sie mich jetzt fragte, ob ich Lust hätte, einen Gastartikel für ihren Blog zu schreiben, was soll ich sagen? Ich fühlte mich geehrt! So pathetisch das auch klingen mag.

Ja, und nun war ich zu Gast. Und was dabei rausgekommen ist, könnt ihr hier nachlesen.

Nina, herzlichen Dank für die Gastfreundschaft und die Einladung. Es hat mir großen Spaß gemacht!

 

 

 

Elternsprech

Ich bin ja ein großer Freund von „Managersprech“ und „Bullshitbingo“. Also früher. Die größte Perle in meiner Erinnerung hat ein ehemaliger Kollege abgeliefert in einem Meeting: „Das müssen wir mehr visible machen, warum die Sub-IDs nicht geclosed worden!“. Jaja, lang ist´s her.

Jetzt erfreue ich mich an den Wortschätzchen meiner Muttikolleginnen und sammle fleißig. Zum Beispiel sowas hier:

Facebookfoto von Mutter mit Kind und darunter: „Wir vermissen unseren Papi!“. (Aha. Na sowas, ihr seid also Geschwister?)

„Wir zahnen!“ (Okay, in deinem Alter eher ungewöhnlich, oder?)

Für mehr habe ich auf die Schnelle keine Zeit, wir machen jetzt nämlich „Mam mam“! Mahlzeit.

Bekenntnisse und Erkenntnisse

Ich habe heute Abend etwas gemacht, das ich schon seit Monaten nicht mehr getan habe: Ich habe die Duschkabine entkalkt! Ich weiß, dass es Monate sein müssen, denn ich musste erst ewig die Dampfente suchen, die zu diesem Zweck zum Einsatz kommt (Es putzt sich nicht wirklich besser damit, aber der Spaßfaktor ist erheblich höher.). Bin auf einen Stuhl gestiegen, habe in einem hohen Schrank drei Kisten mit Stoffen (Ach, hier sind die!) beiseite geräumt, eine Schuhputzkiste gefunden (benutzt niemand bei uns, aber wir besitzen offensichtlich Schuhputzzeug) und irgendwo ganz hinten stand die gelbe Ente. Ich war schon versucht, den Besten zu fragen, wo die sei. Na, das wäre ein Spaß geworden! Als ob der das wüsste!

Das Gute an einer Tätigkeit, wenn sie nur in größtmöglichen Abständen durchgeführt wird, sind der Ergebnisfaktor und der Erkenntnisgewinn. Offensichtlich kann eine Duschkabine auch von außen verkalken. Wie? Warum? Überhaupt finde ich erstaunlich, dass niemanden in diesem Haushalt das Milchglasscheibendesign unserer Duschkabine gestört hat in letzter Zeit. Mich am wenigsten. Und das mir, wo doch die einzige Putzhilfe, die jemals bei mir zum Probeputzen kam, ihren Dienst nicht antreten durfte, weil sie mir nicht gründlich genug gearbeitet hat. Das mir, wo ich doch andauernd zu hören bekomme, bei mir wäre es soooooo sauber und ordentlich! Wie ich das nur machen würde! Ich meine, das sind hier neun Räume (inklusiver zweier Nasszellen und dem Flur, aber der ist echt groß, der zählt jetzt mit) und zwei Balkone, die als Außenwohnzimmer ja auch was hermachen müssen!

Also gut, das war alles „vorher“. Bevor Baby, bevor Blog, bevor ich als Vollzeithausfrau und Zweifachmutter hier das Regime übernahm. Jetzt habe ich keine Zeit mehr zum Putzen! Jetzt werden die Geburtstage im Garten oder im Hof gefeiert. Nicht, damit niemand was dreckig macht in der Bude, sondern damit sich niemand bei uns dreckige Füße holt! Die Hausfrau in diesem Haushalt ist ein Schwein. Aber ein glückliches!

Das Arbeitszimmer ist das Grauen. Die Schreibtische sind schwarz, aber das weiß ich nur, weil ich es weiß. Nicht, dass man das sehen würde. Oftmals grabe ich auch erst die Tastatur auf meinem Platz frei und während ich jetzt hier tippe, liegen meine beiden Unterarme entspannt auf je einem Stapel Papier. Vermutlich irgendwas zum Abheften oder zum Überweisen. Aber genau weiß ich das nicht. Ich müsste nachschauen und dazu habe ich auch keine Zeit. Ich schreibe lieber. Ich mag ja die Homestory-Fotos von berühmten Bloggerinnen. Da sieht man dann einen stylischen Schreibtisch mit einem Eames Chair davor (ein Fell drüber eventuell, in der angesagten Farbe der Saison; wenn gerade keine Felle angesagt sind und nicht mal Fake fur, dann eben ein „Plaid“). Auf dem Schreibtisch stehen hochdekorativ nette „Steh-rum´s“. Meistens liegt auch noch neben der Tastatur ein Tablet. Die berühmte Bloggerin entscheidet sich wahrscheinlich manchmal mitten im Schreibprozess, mit welchem Medium sie arbeiten will. Blumen sind auch gerngesehene Gäste. Oder ein Kaktus. Bei mir ist dafür kein Platz neben dem Wäscheklammernkorb, einem kaputten Telefon (Wahrscheinlich braucht es nur mal neue Batterien, aber wer hat schon dafür Zeit!) und mehreren externen Gedächtnissen. Das sind so A5-Notizbücher, in die ich alles aufschreibe. Theoretisch. Adressen, Mitschriften vom Elternabend, meine Passwörter. Aber die Bücher verlege ich auch andauernd. Deshalb sind es ja so viele. Ich beginne regelmäßig ein neues, finde dann ein altes wieder, da steht aber auch noch Zeug drin, was wichtig ist und so geht das immer weiter. Ich bin eine Schreibtischschlampe (zweimal „sch“, ganz recht). Schachteln voller Zettel, Stifte, die nicht schreiben und vom Kind getöpferte Schalen mit Büroklammern, Holzstücken (weil ich die vielleicht mal brauchen könnte) und Schlüsseln, von denen niemand weiß, zu welchem Schloss sie gehören könnten, runden meine Schreibtischkultur ab. Von einem Beweisfoto sehe ich (wie auch im Fall der Duschkabine) aus Rücksichtnahme euch gegenüber ab.

Aber das macht überhaupt nichts! Seltsamerweise fühle ich mich in dem Schmuddelchaos aktuell sogar pudelwohl, was mich zu der Erkenntnis bringt, dass zum Einen der Mensch an sich ziemlich anpassungsfähig zu sein scheint (da mich Unordnung und Dreck normalerweise stören) und zum anderen bildet man offenbar neue Features aus, wenn Speicherplatz frei wird dafür. Zum Beispiel bin ich jetzt in der Lage, das Baby anzuziehen, während es sich unermüdlich wie eine Schraube dreht. Ich kann windeln, während der zu Windelnde schnurstracks die Flucht ergreift beziehungsweise dabei einen Stuhl erklimmt. Oder mir währenddessen an den Haaren zieht und die Ohrringe aus den Ohren polkt. All diese Fähigkeiten hätte ich wahrscheinlich nie ausgebildet, wenn mein Gehirn mit Putzabläufen beschäftigt gewesen wäre. Was für ein Verlust!

Auch unsere Familienmägen haben in den letzten Monaten eine erstaunliche Metamorphose mitgemacht. Von Haute Cuisine und „Das Auge isst mit!“ zu „Döner macht schöner!“ und: „Seit wann braucht ein Auge was zu essen?!“

Heute waren wir im Japanischen Palais und haben die sehenswerte Ausstellung „Planet 3.0“ angeschaut und dann spazieren an der Elbe. Für eine Stunde riss der Himmel auf. Kein Regen, ein fast-Frühlings-Lüftchen! Hand in Hand am Elbestrand. Und als der Hunger sich meldete, war ein Dönerstand in Sicht. Perfekt! Wenn ich stattdessen geputzt hätte, säßen wir jetzt in einer sauberen Wohnung, die nicht nach Döner riechen würde. Aber woher würdet ihr dann wissen, dass der Palaisgarten heute unter Wasser war?! Siehste.

 blog1blog2blog3

Ich verstehe, dass ihr nach dem Lesen dieser Zeilen wahrscheinlich nicht mehr bei mir duschen wollt. Und wenn ihr mich mal besuchen kommt, dann zieht vielleicht nicht eure beste Hose an und geht zu Hause noch mal aufs Klo. 😉

Zeit

Arbeitszeit, Freizeit, Lebenszeit, Urlaubszeit, Teilzeit, Erziehungszeit.

Ein Tag hat vierundzwanzig Stunden. Ein Leben hundert Jahre. Oder achtzig. Manchmal auch nur vierzig Jahre.

Keiner hat mehr Zeit. Alle haben Stress. Dieses Wort wird in meinen Ohren mittlerweile so inflationär benutzt, und dabei leider auch oft im richtigen Kontext, da wird einem schwummerig.

Ich mache mir meine Gedanken, zum Beispiel, wenn ich mal wieder einen Artikel wie diesen hier lese. Besonders die Kommentare interessieren mich, bilden sie doch – anders als der Ursprungsartikel eines oder zwei Autoren – eine ganze Bandbreite an Meinungen ab. Ich habe auch oft das Gefühl, dass gerade Frauen heute mehr denn je zerrissen sind. Und ja, es wurde schon alles an Argumenten und Gründen ins Licht gezerrt. Von allen Seiten beleuchtet, durchdiskutiert. Und nicht zu vergessen, die Alleinerziehenden! Die haben keine Wahl! Die Geringverdiener! Die haben auch keine Wahl! Stimmt alles. Und auch nicht.

Weil ich der Meinung bin, dass die wenigsten Menschen in diesem Land wirklich wissen, wie es ist, keine Wahl zu haben. Nicht wählen zu dürfen, wo sie leben oder welchen Bildungsweg sie einschlagen wollen. Mit wem sie leben wollen und als was.

Viele von uns sind mit einer Gewissheit und in einem Luxus aufgewachsen, der uns in unserer Entwicklung das Gefühl gegeben hat: Du kannst alles werden, was du willst! Nur leider erweckt die allgemeine Diskussion oft den Anschein, dass manche Menschen der Meinung sind, damit sei „alles auf einmal“ gemeint. Gut, auch diese Möglichkeit besteht im Grunde. Du kannst alles sein und alles haben. Wenn du hart genug dafür arbeitest und bereit bist, den Preis dafür zu zahlen!

Ich spreche jetzt hier bewusst nicht über die in manchen Gebieten unzureichende Kinderbetreuungsmöglichkeit. Nicht über die Familien, die an der (deutschen) Armutsgrenze leben trotz zweier Vollzeitarbeiter. Nicht von geschlechtsspezifischer Gehälterungerechtigkeit. Es gibt gehörig was zu tun. Ohne Zweifel. Wobei auch der Armutsbegriff ziemlich weitgefasst wird, was jeder weiß, der sich ein bisschen in der Welt umgesehen hat. Aber es ist richtig, der Maßstab sind die Gesellschaft und das Sozialgefüge, in dem wir leben und daran wird gemessen. Und da ist einiges in Schieflage. Alles richtig.

Die einen haben Zeit, aber kein Geld. Die anderen Stress und keine Zeit, das Geld zu genießen. Die ersten schauen auf das schöne Auto, das Businesskostümchen, die Einladungen zum Lunch, la dolce Vita. Die anderen sehen neidisch auf Stunden voller Ruhe und Nichtstun. Beides ist wahr. Und beides falsch. Und viele haben Stress und trotzdem kein Geld. Und nicht das Gefühl, eine Wahl zu haben.

Traurig, oder?

Wenn ich mich so durch die Berichte und Kommentare lese, habe ich das Gefühl, alle hetzen durch ihr Leben. Und die Kinder auch gleich mit.

Wir wollen Kinder und Karriere. Oder wenigstens Kinder und gut leben. Oder: Mütter sein und trotzdem wertvoll. Anerkannt. Anders ausgedrückt, Scheiße! Wer oder was ist das denn, was uns das Leben so schwer macht? Wem können wir dafür die Schuld in die Schuhe schieben? Und wie kommt man da raus? Warum hadern viele so mit ihrer Rolle, ihrer Doppel- und Dreifachbelastung? Weil sie keine Wahl haben? Weil sie „mehr“ wollen? Alles, und zwar alles auf einmal?

Ja, das war plakativ und ironisch gemeint. Echt jetzt. Und die Teilzeitlüge, in der viele Mütter beruflich stecken, kenne ich auch (vom Hörensagen). Zwanzig Stunden Arbeitszeit, aber ein Projekt ist ein Projekt. Und da fällt die Arbeit an, die anfällt! Kein Unternehmen würde dann pro Projekt zwei Mütter einstellen! Nein, die Halbzeitmutti presst die Arbeit irgendwie in ihren Halbzeitjob. Und hängt Überstunden dran im Homeoffice. Was wiederum von der Halbzeitstelle als Mutti abgeht…

Kämpfen wäre eine Möglichkeit. Sich politisch zu engagieren um Dinge zu ändern. Oder es wenigstens zu versuchen! Einen Fußabdruck zu hinterlassen. Nach dem Meckern zu fragen: „Okay, was kann ICH konkret tun, um verschiedene Dinge zu ändern? Und, falls ich das nicht will oder kann, sollte ich dann vielleicht meine eigene Lebenseinstellung überdenken?“. Unzufriedenheit als permanenter Lebensinhalt ist Stress.

Aussteigen ist auch immer eine Option. Muss man nur wollen! Ich hatte neulich ein sehr inspirierendes Gespräch mit einer Bloggerkollegin. Jahrelang für einen Großkonzern um die Welt gejettet, Bombengehalt. Ja! So kann man leben! Aber alles hat seinen Preis. Wie sagte sie: ´I´ve been there. I´ve seen that…`. Heute, schrieb sie, gönne sie sich den allergrößten Luxus für sich und ihren Partner: Zeit. „Arbeiten“ geht sie nicht mehr, sie verdient Geld mit Dingen, die sie gern macht.

Simone von kiKo hat den oben benannten Artikel bei Facebook gepostet und nach Meinungen gefragt. Da kamen auch einige. Und dann fragte sie sinngemäß: Wenn der ganze Druck von außen nicht wäre, was würdest DU wollen?

Das greife ich mal so auf. Diese Frage lohnt es sich zu stellen, immer mal wieder. Was würdest DU wollen? Wie sähe dein Leben aus, wenn es keinen Druck von außen gäbe, keinen Vergleichswahn. Keine finanziellen Sorgen. Kein… irgendwas. Wenn Du ein Maler wärest und Dein Leben malen könntest. So, wie es schön wäre für Dich. Wie sähe das aus?

Unter Umständen ist das entstehende Bild schon für sich eine Überraschung. Oder ein konkretes Ziel, auf das es sich hinzuarbeiten lohnt. Denn, wir haben immer eine Wahl.

Ein Tag hat vierundzwanzig Stunden und ein Leben hundert Jahre. Oder achtzig, manchmal nur vierzig. Und möglicherweise gibt es weder für das Eine noch für das Andere einen zweiten Versuch.

Basteltherapie für Regensonntage

Basteltherapie für Regensonntage

Es regnet Bindfäden. Und wird einfach nicht hell! Dieser Sonntag verdient seinen Namen nicht.

Mir ist heute eine alte Zeitung aus den frühen Achtzigern in die Hände  gefallen. „Guter Rat“, die Haushaltstipps- und Bastelzeitung der DDR. Ich bin keine Bastelmutti, aber quick ´n dirty bekomme selbst ich hin!

Ein Puppenhaus aus einem Schuhkarton zu basteln, ist eine Supersache an so einem Regentag. Selbst die Kleinsten können Stofffitzelchen mit Klebestift als Gardinen an die Fenster pappen. Und das Haus bemalen. Dann haben die Kastanienfiguren, die bei euch vielleicht schon auf der Fensterbank liegen, ein schönes neues Zuhause. Es könnte auch eine Fillypferd-Ranch werden oder eine Autowerkstatt. Ein Raumschiff…

Dann noch einen warmen Tee oder eine heiße Schokolade und ein paar Butterplätzchen. Ach, der Regentag ist ruckzuck rum! Und morgen scheint wieder die Sonne.

gr3

gr2

gr1


“Ich lache auch wenn´s regnet. Denn wenn ich nicht lache, regnet es ja trotzdem!” Heinz Ehrhardt

Worte

Bücher. Ich liebe Bücher. Nie käme ich auf die Idee, mir ein elektronisches Dingsbums zuzulegen, um meinen Hunger nach dem geschriebenen Wort zu tilgen.

Als kleines Schulmädchen lag ich stets am Vorgeburtstagsabend mit klopfendem Herz´l im Bett und wartete sehnsüchtig, bis ich die Schritte meiner Mutter hörte. Die hatte die fabelhafte Angewohnheit, nachts meinen Geburtstagstisch im Kinderzimmer herzurichten. Wenn sie annahm, ich schliefe. Ich atmete also flach und stellte mich schlafend, bis sie den Raum wieder verließ. Meist lagen auf so einem Geburtstagstisch ein Pullover, etwas Süßes und zwei, drei Bücher. Das war das Größte! Im Schein meiner Nachttischlampe trug ich die Schätze in mein Bett und erfreute mich am Knacken der Seiten, des Duftes, der Kühle des Papieres. Meist schrieb ich sofort mit meiner Kleinmädchenschrift meine Initialen oder meinen Namen hinein, damit mir die niemand mehr wegnähme. Henrike, Klasse 4c.

Ich wuchs mit Benno Pluhdra´s Geschichten auf. „Insel der Schwäne“, „Reise nach Sundevit“. Oder Büchern mit dem sagenhaften Titel: „Pfeiff auf ´ne Perücke!“ oder „Schwester Tina“, in denen standhafte Thälmann-Pioniere und blauhemdentragende FDJler Abenteuer vollbrachten. Manchmal wurde sich auch an der Hand gehalten. Uuuuh!

Ich las alles. Einfach alles. Ich las mich durch den Bücherfundus meiner Eltern, vollkommen gleich, ob ich verstand, was ich da las. Es faszinierte mich. Worte, schön formulierte Sätze, Gefühle auf Papier gebannt. Ich las und las und las. Später kaufte ich mir im „Kniga“, dem internationalen Buchladen der Stadt, Gorki´s „Die Mutter“ auf Russisch und las das, bevor es viele Jahre später im Deutschunterricht Pflichtstoff wurde. Ich hätte vermutlich auch Bedienungsanleitungen enthusiastisch gelesen. Ich verschlang alles, was ich an Geschriebenem in die Finger bekam. Einmal im Freibad war es ein frivoles Heftchen meiner Eltern namens „Magazin“, was neben nackten, behaarten Frauenkörpern auch Geschichten enthielt und ich las auch die. Überliefert ist, dass ich (wissbegierig, laut und für alle hörbar) fragte: „Mutti, was ist ein Orgaaaaasmuuuus?!“.

Mir musste man als Kind keinen Stubenarrest erteilen, ich war ein Stubenhocker. Ich las und las nur.

Dann kam das Tagebuchschreiben in Mode. Nun war es aber so, dass in meinem Leben rein gar nichts passierte, was sich aufzuschreiben gelohnt hätte (Später passierte zwar allerhand, da hatte ich aber längst keine Zeit mehr zum Schreiben!). Also dachte ich mir Geschichten aus. Eigentlich war es ein Fortsetzungsroman, in der Ich-Form geschrieben. Er handelte von einem Mädchen. Und einem Jungen namens Jost. Der hatte ein Moped und sah aus wie Limahl (Liebe Kinder, das war im letzten Jahrhundert ein Sänger, der nicht besonders gut singen konnte und eine Frisur wie Wolfgang Petri hatte. Nur blond.). Und ich ersann unglaubliche Geschichten um die beiden und manchmal hielten sie sich sogar an den Händen. Uuuuh! Und so schrieb ich Schulheft um Schulheft voll. Fantasierte mich mit diesen Geschichten raus aus meinem Plattenbaukinderzimmer in eine mir scheinbar schönere Welt. Bis, ja, bis meine Mutter diese Hefte fand. Erbost, die Hände in den Hüften, schimpfte sie mit mir! Was für einen Unsinn ich da schreiben würde! Das sei doch alles gelogen! Was das solle und überhaupt hätte ich viel zu viel Fantasie und das würde noch ein schlimmes Ende mit mir nehmen! Und warte, bis ich dem Vati erzähle, was du hier nachmittags in deinem Zimmer machst! Ich schämte mich schrecklich. Und schrieb nie wieder.

Ich beschränkte mich auf´s Lesen. Und wurde groß und Mauern fielen. Und da gab es auf einmal noch mehr Bücher! Bücher über Bücher! Ich konnte nicht mehr alles lesen, versuchte es aber dennoch.

Bibliotheken mag ich nicht. Ich brauche dieses Gefühl, das Knacken, den Geruch. Ihr wisst schon. Meine Hand ist die erste, die über diese wundervolle Seite streift. Dabei ging es mir nie ums Besitzen. Später habe ich jedes Jahr einen Wäschekorb voller Bücher neben die Mülltonne gestellt zum Mitnehmen für andere. Ganz einfach, weil ich nicht mehr wusste, wohin mit all den Büchern!

Der Beste hatte es in unserem gemeinsamen Leben oft schwer. Wenn ich las, dann las ich. Ich unterhielt mich nicht, ich las. Ich las beim Kochen, beim Kacken, wenn andere Leute schliefen… Wenn ich ein Buch in die Hand nahm, wusste er, die nächsten ein bis zwei Tage braucht er mich nicht ansprechen. Ich lese.

Worte finde ich immer noch höchst faszinierend. Geschriebene wohlbemerkt. Gesprochene sind selten höchst faszinierend.

Und ich selbst? Nun, das ist auch so ´ne Sache. Ich rede sehr schnell, sehr laut, sehr viel. Mit fuchtelnden Händen, zappelnden Beinen. Sprunghaft und hektisch. Dem längere Zeit zuzuhören ist nur wenigen Menschen möglich, ohne irgendwann mit Tinnitus und blutenden Ohren um Einhalt zu bitten. Auch ergeht es mir oft so, dass ich aus lauter Befürchtung, nicht richtig verstanden zu werden, alles mehrmals in unterschiedlichen Farbschattierungen erzähle (Das Kind hatte schon immer eine überbordende Fantasie!).

Eine kluge Frau, die mir sehr viel bedeutet, sagte mal zu mir: „Menschen wie sie gehören auf die Bühne! Suchen sie sich ihre Bühne!“. Meine Fantasie galoppierte sofort auf dem geflügelten Pferd von dannen und ich sah mich kurzzeitig vor meinem inneren Auge in der nach Inkontinenz und Eintopf riechenden Cafeteria eines Seniorenheims vor an Rollstühle gefesseltem und fluchtunfähigem Publikum „Sa-heiiin oderrrr ni-hicht sa-heiiin!“ skandieren (Aufgrund eines mir völlig unpassenderweise zugehörigen Lampenfiebers ging dieser Kelch an den Bewohnern des Pieschner Seniorenheims bislang vorüber.).

Und nun sind wir hier. Es gibt keinen Vorhang und nur ein kleines, aber feines Publikum.

Wenn meine Finger über die Tastatur huschen, fallen die ganzen überflüssigen Worte, die ich sonst tagsüber an meine Umwelt absondere, von mir ab. Strukturiere ich mich. Lasse ich „Dampf“ ab. Entspanne ich mich. Rege ich mich auf, ab. Und manchmal blicke ich dann auf diese Sätze, die zwar auf keiner duftenden, gebundenen Seite stehen, und ich mag das, was ich dort sehe (Immerhin kommt kein imaginärer Freund namens Jost vor!).

Ach, ich finde, jeder Mensch braucht seine Bühne. Und ich wünsche euch, dass auch ihr eure gefunden habt!

 

Also: Vorhang frei! Welcome to the show 🙂

Meine Blumen für…

Meine Blumen für…

Diese Blumen sind für das Schneewittchen. Ja, das aus dem Märchen. Sie lebt inkognito unter den Mama Bloggern. Ihr wisst schon, schwarzes Haar, wunderschön. Aber dass sie es wirklich ist, beweisen andere Dinge: Zum einen wohnt sie hinter irgendwelchen Bergen auf dem „Mount Washmore“ und sie muss sieben Zwerge um sich haben, die ihr bei all dem helfen, was sie so nebenbei zu den drei Kinderlein und dem bisschen Haushalt so hinbekommt. Familienfreundlich ist der bescheidene Name dieses wunderbaren Blogs, und San der AKA-Name vom Schneewittchen. Von ihren Deko-Ideen klauen vermutlich sämtliche Interiorzeitschriften. Sie bäckt nicht nur, sie kreiert Kuchenträume! Kindergeburtstagseinladungen, Bastelideen, nähen, die Welt verbessern… all das und noch viel mehr. Wie? Ich habe keine Ahnung! Die sieben Zwerge als Haushalthilfen wäre mein Tipp. Und dabei, ach, wie nett. So hinreißend herzlich, dass einem warm vorm Bildschirm wird! Und irgendwann schreibt bestimmt ein Germanistikstudent über die San-ige Schreibweise seine Diplomarbeit. So einzigartig ist die!

San, Du San of my life, dass ich einmal Blumen zum Abschied verschenken würde, hätte ich nie gedacht. Es fällt mir schwer und ich fühle mich schwermütig. Und doch, unbedingt wollte ich das hier jetzt noch machen. Und ich hoffe, Deine Seite bleibt noch ein bischen online, damit wir alle noch ein wenig in den Genuss Deiner wundervollen San-igen Sachen kommen (Alles gelöscht?! Sache ma, Frollein, bei dir piepts wo oder was?! Wo issen das Gelumpe hinne? Das kannste ni machn! Ni in äscht jetze! Nu is aber ma gudd. Mache das wieder herzu, aber dalli! …Bitte!).

Ich werde Dich sehr vermissen und wünsche Dir ein Leben voller Liebe, Zwerge, schimmliger Prinzen und Torte! Und Gelächter! Und besuch mich doch ab und an. Machs gut, liebe San ❤ und hab vielen Dank für tausend Stunden feinster Unterhaltung.

PS. Es gibt immer einen Weg zurück, die Tür ist nur angelehnt 😉

 

Sanddorngelee

Sanddorngelee

Was für eine Freude!Foto 1

Ich habe Sanddornsträucher entdeckt. Mitten in der Großstadt. Versteckt an einem geheimen Ort, dessen geografische Lage ich unter Folter niemals verraten würde. Mein Sanddorn! Bin ich doch eher versehentlich im bergigen Hügelland verortet und fühle mich dem Meer und allem, was dazugehört so unendlich näher. Heißen Sanddornsaft mit Honig an einem verschneiten, arschkalten Tag neben der Seebrücke in Kühlungsborn in einem knutschigen Café trinken… Ja, so kann Winter sein.

Mit derlei romantischen Gefühlen beladen mache ich mich mit der Mutti-Handtasche, kratzresistenter Outdoorbekleidung, Bergziegenverfolgungsstiefeln, einer Rosenschere und Gartenhandschuhen auf ins Gestrüpp. Ach, ich sehe mich schon auf dem Pieschner Adventsmarkt mit Liebe handgerührtes Sanddorngelee von dem Hellerberg einem geheimen Ort in Dresden verkaufen…

…Immer schön abducken, wenn ein Mensch mit Hund vorbeikommt. Nicht, dass der mich sieht, sich fragt, was die Frau da wohl treibt, nachsieht und mir dann den schönen Sanddorn wegmopst! Mein Sanddorn! Ich frage mich, wieso den noch niemand gefunden hat und warum die Leute so achtlos an den Geschenken der Natur vorübergehen. Diese Ignoranten! Schauen auf ihr Smartphone und schlurfen an Hagebutten, wilder Möhre, Hundsrose und allen anderen Herbstschönheiten einfach so vorbei… Ich knipse weiter an den Küstengewächsen herum, die einen so vertrauten Duft verströmen. Mein Herz wird weit. Es fehlen nur noch die Möwen und das Rauschen der Brandung.

sd

rechts: Abfall nach erstem Verarbeitungsschritt

Nach einer Stunde wuchte ich einen Ikea-Beutel voller beerenbeladener Äste auf die Plagenkarre und schiebe die heimwärts. Als Sanddorn-Neuling habe ich selbstverständlich das Internet im Vorfeld befragt nach der optimalsten aller Weiterverarbeitungsmethoden. Ich kenne mich jetzt aus! Zuerst die Äste beschneiden, bis nur noch möglichst wenige Blätter dran sind. Das dauert… ich sitze eine weitere Stunde und schnibbele und knipse an den stachligen Dingern rum. Frage mich zwischendurch, ob nicht die Hälfte gereicht hätte… Am Ende hat sich der Umfang gedrittelt: zwei Drittel Abfall, ein Drittel Äste mit Beeren. Die packe ich mitsamt einer ökologisch unvertretbaren Plastiktüte in den Frost.

Zwei Tage später wird das gefrostete Gelumpe zum Zwecke der Weiterverarbeitung wieder rausgeholt. Das Internet sagt: „Die Zweige einzeln in einen Stoffbeutel tun und diesen gegen eine Wand oder einen harten Untergrund schlagen. Dabei fallen die gefrorenen Beeren von den Ästen und lassen sich dann leicht aus dem Beutel sammeln.“. Mach ich. Matscht und hinterlässt Flecke auf dem Boden, dem Beutel, mir. Die Beeren hängen noch dran.

Ich atme tief durch. Es liegt an mir. Ganz klar. Aber ich hocke inmitten dem Gelumpe und habe keine Wahl. Wegschmeißen kommt nicht infrage. Ich setze mich. Setzen ist immer gut. Dann beginne ich händisch die Beeren von den Ästen zu polken. Autsch! Handschuhe kann ich jetzt nicht mehr tragen, damit zermatsche ich alles noch mehr. Also vorsichtig. Aua! Blödes Arschloch! Ich fummle und fummle Beere für Beere ab. Langsam bekomme ich eine Idee davon, warum Sandornprodukte so hochpreisig verkauft werden. Es ist ein Schund. Der Weg ist das Ziel… ich versuche mich zu konzentrieren und die Situation als etwas Angenehmes und Verheißungsvolles anzusehen. Autsch! Arschloch! Meine Hände spüre ich nicht mehr. Nach einer weiteren Stunde ist der Boden eines Topfes mit Beeren bedeckt, neben mir türmt sich ein übervoller Eimer mit struppigem Abfall. Wenn das so weitergeht, sitze ich im Mondenschein noch fluchend zwischen Sanddornarschlochscheißästen… Weitermachen! Aufgeben ist keine Option!

Nach einer weiteren Stunde bin ich fertig, besaftet von oben bis unter, zerstochen und hocke völlig erledigt zwischen einem Riesenberg von beinahe beerenlosen Dornenästen und einem mittelgroßen Topf, halbvoll gefüllt mit Sandornbeeren. Ermattet schleppe ich mich zur nächsten Station auf dem Weg zum selbstgerührten Sandorngelee (an der Länge des Textes ist jetzt schon zu erkennen: Es dauert!). Abspülen, Blätter rauspulen, abspülen, vertrocknete Beeren aussortieren, abspülen, wieder von vorn. Der Inhalt des Topfes schrumpft immer mehr.

Ich bin mittlerweile für keinerlei Ansprache von außen mehr empfänglich. Mit müdem Blick und zerstochenen Händen koche ich die Sandornscheiße, und rühre. Zerquetsche. Für agressionsabbauende Kraftakte fehlt mir jede Energie. Dann schmeiße ich das elendige Gelumpe in die „flotte Lotte“. Es scheppert und das vorsintflutliche Küchengerät zerfällt in seine Einzelteile. Saft spritzt und saut die Teile der Küche ein, die bis dato noch sauber waren. Bei mir macht das schon lange nichts mehr, ich habe von Kopf bis Fuß eine gleichmäßige Orangefärbung.

Der Beste baut das Küchengerätearschloch wieder zusammen, begleitet von allerlei Witzen auf meine Kosten. Ich erwidere müde, ich würde ihm die „flotte Lotte“ über die Rübe ziehen. Im Schlaf. Falls ich jemals wieder die Energie für solche Aktionen würde aufbringen können.

Abmessen. Hysterisch auflachen beim Feststellen, dass aus einem vollen Ikea-Sack eine lächerliche Saftausbeute von 1,5Litern rauskommt!

Egal.

Mir ist alles egal.

Gelierzucker reinschmeißen, rühren, in Gläser abfüllen. Natürlich ist ein Glas undicht. Gelee quillt raus. Scheißegal! Arschloch! Blödes Tourrettegemüse!

Beim Putzen der Küche (eine weitere halbe Stunde) schwöre ich, niemals wieder in meinem ganzen Leben, never ever werde ich Sandornscheißarschlochgelee kochen! Das zusammenfabrizierte, verklebte Produkt verhöhnt mich derweil von der Arbeitsplatte aus.Foto 4

Also. Was habe ich gelernt? Sandornprodukte kauft man an der Ostsee, im Bioladen, auf dem Markt oder gar nicht. Teuer? Nein, die sind spottbillig! Meine Ausbeute sind fünfeinhalb Gläser. Wenn ich mir selbst einen Stundenlohn von zehn Euro gezahlt hätte, würde eines dieser Gläser zehn Euro kosten.

Sanddorn ist gesund, enthält viel Vitamin C und so. Äpfel aber auch…

 

Netz-Fundstück

Mir war heute langweilig. Sehr. So sehr, dass ich unter anderem meine eigene (!) Facebook-Seite gelesen habe. Und da habe ich doch offensichtlich 2012 einen Post verfasst, der mich heute in schallendes Gelächter ausbrechen ließ! Dann wurde ich ernst und stellte fest: Manche Dinge ändern sich, wie Hosengrößen und die Mode. Manche Verhaltensmuster leider nie.

Also, hier ist es, mein Facebook-Fundstückchen:

Henrike… hat frei und die Sonne scheint. Zeit und die beste Gelegenheit, sich ein neues Beinkleid zuzulegen. Beim Klamottendealer meines Vertrauens verliebe ich mich sofort in eine Fornarina-Jeans, die dort nur auf mich gewartet hat! Und das Dilemma nimmt seinen Lauf…
Ich möchte es einmal erleben, dass ich in einer Umkleide stehe, eine Jeans in Gr.29 anprobiere, mit den Worten: „Huch! Ist die groß!“ die Kabine verlasse, souverän die Gr.28 kaufe und fröhlich den Laden verlasse. Fehlanzeige! Stattdessen quäle ich mich in Gr.27, verfluche meinen Hüftspeck, gelobe, ab jetzt nur noch Möhrchen zu naschen und 100 Situps pro Tag zu absolvieren, wenn ich nur in diese Hose komme! Ich hab noch nichts gegessen, also bekomme ich sie zu, flach atmen und minimale Bewegungen sind auch möglich. Na, geht doch. Okay, sitzen kann ich in der Hose nicht. Auch beim Versuch, mich ohne fremde Hilfe aus dem Teil zu schälen, brech ich bald in der Kabine zusammen. Die Sache ist aussichtslos…
Vor lauter Frust kaufe ich fünf Oberteile und eine Tasche, die mir gar nicht gefällt. Kurz vorm Verlassen des Ladens dreh ich mich rum, reiß die blöde Jeans aus dem Fach und knall sie dem Verkäuferlein auf die Theke mit den Worten: „Und die kommt DOCH mit!“.
Muss ich mir Sorgen machen?

 

Ein Wunder bitte!

Wie lange habe ich auf dich gewartet. Wie viele Wochen, Monate, Jahre.

Als ich deinen Bruder bekam, glaubte ich mit der Arroganz und Unsterblichkeit meiner Jugend noch an die Großfamilie, von der ich immer geträumt hatte. Es war schwierig, die gesundheitliche Prognose eher schlecht als optimal, aber he! Da war er ja! Auch Ärzte irren schliesslich manchmal.

Er wurde so schnell groß.

Wie oft habe ich mir später alte VHS-Kassetten angeschaut, das Baby bestaunt, das er einmal gewesen ist. Wie er da goldig und süß mit seinem Windelpopo durchs Bild stolperte. Und ich, eine lächelnde, jüngere Version meiner selbst. Und ich fragte meinen Mann: Haben wir damals gewusst, wie scheißglücklich wir waren? Wie oft saß ich da, mit einem Kloß im Hals, und wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen. Diese Momente noch einmal erleben. Aufsaugen. Festhalten. Mir bewusst machen, wie flüchtig sie doch sind! Meinem jüngeren Ich die banalen Sorgen ausreden, die mich damals ablenkten zu sehen, was ich da hatte! Nie wieder würde ich das Kind aus meinen Bett wegschicken, wenn es schlaftrunken sein verschwitztes, nach Apfelessig duftendes Köpfchen an mich kuscheln wöllte. Wie kurz, gemessen an einem Menschenleben, war die Zeit, in der er mir so nah war? Wann habe ich das letzte Mal die Hand meines Kindes halten dürfen? Ich wünschte, ich könnte mich daran erinnern und mich davon verabschieden. Eine kleine, weiche Hand in meiner. Ein winziger Mensch, der neben mir geht und zu mir hochschaut. Ach, könnte ich das doch noch einmal erleben!

Wie oft lag ich nachts wach, feilschte mit dem Schicksal und der Vorsehung, die Hände auf meinen Unterleib gepresst. Ich zündete in jeder Kirche eine Kerze an, hoffte. Und wartete. Vergebens.

Mit ihrer Vorgeschichte… Die Mediziner waren deutlich. Die letztmögliche Chance riss ich an mich! Wenigstens versuchen wollte ich es! Wir schauen mal… sagte der Arzt. Und viele Stunden später als es für diese kleine Routineoperation üblich war, erwachte ich und blickte in sein sorgenvolles Gesicht. Also, ich muss ihnen sagen… mit so einem schweren Befund hatten wir hier nicht gerechnet… Ich kann ihnen nicht vorschreiben, was sie tun sollten, aber dringend abraten von einer künstlichen Befruchtung… bei ihrer Prognose…sie haben doch schon ein Kind…genießen sie das… das grenzt doch schon an ein Wunder… Mir fiel die alte Frau mit den Kreuzen ein aus dem Monty-Python-Film und ich meinte sie kreischen zu hören: Jeder nur ein Wunder! Ich aber wollte ein zweites. Ich sehnte mich so sehr danach!

Also keine künstliche Befruchtung. Die letztmögliche Option ungenutzt vorüberziehen lassen…

Ich war mittlerweile einundvierzig Jahre alt und hatte mich in meinem Leben schon von vielem verabschieden müssen. Von Menschen, Gewohnheiten, Träumen. Mich von dir zu verabschieden war ein bisschen wie sterben.

Was sollte ich mit der zweiten Hälfte meines Lebens anfangen? Sah ich mich doch immer nur in einem Haus voller Kinder. Reisen, Sprachen, Hobbies. Ja…hm. Das Leben genießen. Worthülsen. Sinnentleert für mich.

Es war schwer für mich, dich loszulassen. Ich hasste die Babybauchangeber auf der Straße, die Kinderwagenschieber. Wussten die, was für ein Glück sie da hatten? Mein Glück! Mein Herz krampfte bei jeder Ankündigung: Schwanger! Im Freundeskreis. Ich heuchelte Freude und konnte mich doch nicht freuen.

Die Zeit heilt alles. Irgendwann…

Und irgendwann habe ich nur noch selten an dich gedacht. Versucht, mein Leben zu genießen und das lebendige Wunder, das ich schon hatte. Die Momente, die jetzt waren, bewusst zu erleben. Mit Freude und Liebe zu füllen.

Und dann kamst du. Einfach so. Und hingst wie Chuck Norris an der Eiger-Nordwand meiner zerklüfteten Gebärmutter und keiner weiß, wie du da hinkamst. Wir wollen verhalten optimistisch sein, sagte meine Ärztin und schien jeden Monat aufs Neue überrascht, dass du noch da warst. Mein Kämpferkind! Du warst gekommen um zu bleiben. Ein Wunder! Ein zweites.

Und jetzt bist du ein Jahr bei uns. Du Wundervoller. Du schenkst mir Wunder! Durch dich weiß ich wieder, wie schön sich rieselnder Sand zwischen den Fingern anfühlt. Und die Oberfläche eines Gänseblümchenblattes. Die Perspektive auf die Welt aus achtzig Zentimetern Höhe. Und deine Hand in meiner… weich und klein und fordernd. Dein klopfendes Herzchen an meiner Brust.

Ich werde jeden Moment mit dir bewusst erleben, nichts ist selbstverständlich. Nichts banal. Ich freue mich so sehr über dich! Jeden Tag. Mama, das schönste Wort der Welt. Und nun aus deinem Mund…

Happy Birthday, mein Kleinster, mein Liebchen! Wie schön, dass du geboren bist, wir haben dich so sehr vermisst!

Just for me

Es gibt die Geschichte von der alten Frau, die morgens stets eine Handvoll Bohnen in ihre rechte Schürzentasche gleiten lässt und während die Stunden des Tages verstreichen, wandert bei jedem wundervollen, schönen Moment eine Bohne von der rechten in die linke Schürzentasche. Abends wenn die Frau in ihrer Stube am großen Tisch sitzt, holt sie alle Bohnen aus der linken Schürzentasche hervor und legt sie auf den Tisch vor sich. Und bei jeder Bohne, die sie in der Hand hält, erinnert sie sich an die damit verbundene Situation und ein Lächeln zaubert sich auf ihr Gesicht. Und wenn es abends nur eine einzige Bohne ist, die sie aus ihrer linken Schürzentasche holt, dann war der Tag ein glücklicher Tag.

„Just for me moments oder Jetzt bin ich mal dran sind Sammlungen, in denen Frauen von ihren Momenten ganz für sich berichten“, schreibt die Autorin des Blogs Frische Brise, die ich hier gern zitieren möchte.

Diese Aktion ist toll! Weil sie die Schönheit eines Momentes festhält. Sie sichtbar macht. Die Bohnen der alten Frau werden hier durch die Kamera ersetzt. Der Effekt ist derselbe. Es wird Achtsamkeit und Bewusstsein erzeugt. Anstatt  „Ich bin sowas von erledigt!“, „Das war ein stressiger Tag!“, zeigt ein Foto möglicherweise einen ganz anderen Blick auf ebendiesen Tag.

Versuchts doch mal. Denn jeden Morgen ist Welturaufführung!

every-single-day-you-make-a-choice

Quelle: iquote pictures

Kulturtipp

Kulturtipp

Neulich: “Du, Schatz, ich muss dir sagen, ich bin zu unserem Hochzeitstag in Peru! Und kann auch deshalb nicht mit dir zu Tim Herzberger gehen.“. „Und, was ist schlimmer?“. „Naja, Hochzeitstag ham wir jedes Jahr…“ (Alles klar, ich bin immer noch mit dem richtigen Männchen verheiratet.).Foto-4

Denn, Leute, knotet eure Schlüpfergummis! ICH HABE KARTEN! Für die Show aller Shows, das kulturelle Highlight des Jahres. Das Lachmuskelensemble für alle, die gern im Keller lachen. Und auf dem Dachboden: „Tim Herzberger: Scheitern durch Niveau“. Nur am 3. Und 4. Oktober in Dresden (den Rest des Jahres vermutlich in Hollywood , Paris oder Kleinerkmannsdorf).

Sollte ich jemals vor Kameras gefragt werden, was das wichtigste Ereignis in meinem Leben war, so würde ich antworten: die Wiedervereinigung und der 7.Juli 2012 (Jaja, die Kinder, die Hochzeit, das waren auch wichtige Momente…). An diesem Tag ergatterte ich aufgrund von Gründen einen Stehplatz im proppevollen „Sternpalast“, der berühmtesten und allerschönsten WG der Stadt. Dort konnte ich mit achtundzwölfzigtausend anderen von Lachkrämpfen gepeinigten Menschen einen Abend erleben, der mein Leben veränderte! Glaubte ich bis dahin, mein Humor sei seltsam, wusste ich im Nachhinein: das stimmt.

Verzaubert im Taumel eines „Kessel Buntes“ aus Weltstars und Chansonetten, die die Bühnen dieser Welt für einen Abend sausen ließen, nur um uns glücklich zu machen! Dazu ein Gastgeber wie eine Mischung aus Frank Schöbel und Chris Doerk. Nur noch anderserer. Herzschmerz, Gesänge und allerallerunterirdischste Alltagskomik. All das öffnete einem Rudel glückseliger Menschen die Herzen an diesem Abend, ließ Freudentränen fließen und Schlübbor fliegen! Wildfremde lagen sich in den Armen und wollten Kinder zeugen, die alle Tim heißen sollten. Oder Michael…

Michael wie Michael Specht. Die menschgewordene Offenbarung aller Liebenden und Suchenden. Der Geheimagent unter den kulturellen Geheimtipps. Die sächsische Antwort auf Telly Savallas… oder irgendwas anderes. Ein Mann, dessen Äußeres so unbeschreiblich ist, dass der Naturschutzbund jüngst erklärte: „Der Specht ist der Vogel des Jahres 2014!“ (Das stimmt, das könnt ihr nachlesen.).

Und endlich, endlich sind sie wieder da!

Niemand weiß, was an diesem Abend im Oktober passieren wird. Auch nicht die NSA. Oprah Winfrey würde weinen vor Glück, so eine Gästeliste zu haben! Vermutlich werden wir einen Laienschauspieler kennenlernen, der wegen seiner Rolle als Leiche in einem Polizeiruf schon mal für die goldene Himbeere nominiert war. Und einen Glasbläser, der Glas bläst. Oder ganz andere Leute! Es wird auf jeden Fall überraschend.

Und ich habe zwei Karten! Handgeschrieben und auf allerfeinstem Büttenpapier ausgedruckt. Ja-haaa! Ich kann mich quer über zwei Stühle fläzen und jedem entgegenrufen: „Ich habe zwei Plätze! Da staunste, was?!“.

Ihr seid leider nicht dabei. Denn es gibt bestimmt keine Karten mehr! Vielleicht habt ihr auf dem Schwarzmarkt Glück, wenn ihr euer eigenes Gewicht in Goldunzen und verschwitzten Achselshirts mitbringt. Oder ihr bestecht einen Lichttechniker mit einem Schmortopf voller Rouladen, dann bekommt ihr vielleicht noch einen Stehplatz zwischen den Rollifahrern.

Aber ich will mich auch nicht mit drei anderen Groupies um das verschwitzte Unterhemd von Michael Specht kloppen müssen! Also fahrt doch mit meinem Besten nach Peru am 3. Oktober. Oder guckt die Wiedervereinigungsfeier im Fernsehen. Ist bestimmt auch ein guter Tag, um sich mit seinem Partner gegenseitig die Fußnägel zu schneiden.

Aber die Wiedervereinigungsfeier wird vermutlich wiederholt und ganz bestimmt im nächsten Jahr wieder neu aufgelegt. Also schmeißt euch ins Getümmel und rauft um die letzten Karten! Es lohnt sich.

Mein Senf

Als ich diesen Artikel zur Kita-Lunchbox las, bekam ich Schnappatmung. In einem Land, dessen Wort für zweites Frühstück klingt wie „Süssli“ oder „Genüssli“ Eltern vorzuschreiben, was als Kindesernährung durchgeht und was nicht… also da fehlen mir die Worte. Nun, da ich sie wiedergefunden habe, will ich unbedingt meinen Senf dazugeben:

Seit Jahren nerven mich die Luxusdebatten und die teilweise abstrusen Ausmaße um gesunde Ernährung des Menschen an sich und die artgerechte Haltung des Nachwuchses im Besonderen. Nichts ist mehr natürlich, dabei sind doch alle so sehr bemüht, „natürliche“ Ernährung und Lebenshaltung anzupreisen! In einer Familie, die Braten mit viel Soße und Klößen liebt eine Sonderkost für die Kinderernährung einzuführen um Standards zu genügen, halte ich für bigott. Und suggeriert doch dem Kind nur: Ums Essen wird viel Brimborium gemacht. Aufmerksamkeit erzeugt. Und ich bekomme eine Extrawurst gebraten!

Essen sollte Genuss sein, Nahrung für Leib und Seele.

Seit drei, vier Generationen muss in diesem Landstrich der Welt kein Mensch Hunger leiden und um sein Leben fürchten. Und was tut der satte, luxusverwöhnte Mensch? Schafft künstlich neue Probleme. Kann er machen. Jeder, wie er will. Ich will vor allem meine Ruhe. Borstig werde ich, wenn jemand daherkommt und irgendeine Meinung als allgemein gültige proklamiert! Ich habe mir nicht umsonst eine Lungenentzündung auf einer Montagsdemo geholt, damit ich endlich denken darf, was ich will! Und seien wir mal ehrlich, alle zehn Jahre haben wir einen neuen „aktuellen Stand des Irrtums“: Babies schlafen auf Lammfell/ Um Gottes Willen, kein Lammfell! Bauchlage/ Auf gar keinen Fall Bauchlage! Fleisch ist gesund/ Fleisch ist ungesund. Und, um noch richtig einen draufzusetzen: Vor sechzig Jahren warst du als Gastgeber laut Knigge quasi verpflichtet, die Rauchmarken der Gäste zu eruieren und im Vorfeld zu besorgen. Ebenso wie die beliebtesten Verdauungsschnäpse. Und heute? Nun, das wissen wir ja. Alles schlecht! Alles ganz, ganz schlimm. Ein Wunder, dass das die Leute irgendwie überlebt haben.

Verbote schaffen Anreize.

Neulich erzählte mir eine Freundin von einem artgerecht fernsehfrei erzogenem Nachbarsmädchen, was täglich die Freundinnenwohnung frequentiert, um ferngesteuert zur Glotze zu wandeln. Dort steht sie dann verzaubert mit offenem Mund und starrt wie paralysiert auf die bewegten Bilder.

Ich kenne auch ein Mädchen, nennen wir es mal Henrike. Die war verrückt nach Süßem. In dem Familienhaushalt gab es Süßigkeiten nur zu den Feiertagen. Dieses Mädchen neigte nämlich zur Verfettung, hatte schlechte Gene (glaubte ihrer Mutter). Unsere Henrike löffelte die Zuckerdosen leer. Alle. Untersuchte Backpflaumen und Abführ-Früchtewürfel auf ihre Tauglichkeit als Süßigkeit. Das komplette Taschengeld des Kindes ging für Süßigkeiten drauf (Das war an sich für das rechenschwache Kind ein Drama: Zwei Mark pro Woche. Eine Tafel Blockschokolade kostete zwei Mark achtzig… ein Stück Schokosahnetorte zwei Mark zehn.). Neulich traf unsere Protagonistin die Frau X. Frau X-ens Tochter und Henrike waren als Schulmädchen befreundet. Und was sagt da Frau X? „Ach Henrike, wenn ich dich sehe, muss ich sofort daran denken, wie du immer bei uns vor der Tür standest: ´Hallo Frau X, hamse was Süßes für mich? Ich nehm ooch´n Zuckerwürfel. Und, is de Gabi zu Hause?`“.

Kindheit, das ist süßer Kakao. Den es abends bei Pittiplatsch gibt, mit dem ich, der Beste und alle DDR-Kinder aufwuchsen. Oder Astrid Lindgrens Lotta, die sich nach ihren Abenteuern auf den Abend-„Kaukau“ von Tante Berg freut. Puddingsuppe mit Zwieback, wenn man Halsweh hat. Süßer Pfefferminztee nach Rodelnachmittagen. Knusprige Kekse.

Alles in Maßen. Na klar. Aber immer mit dem GMV, dem gesunden Menschenverstand betrachtet. Kindern zu zeigen, woher das Essen kommt und dass wir Glück haben, in so reichem Überfluss zu leben, ist wichtig. Und Genuss und Maßhaltung vorzuleben.

Wie bei allem anderen. Kinder lernen in erster Linie durch Nachahmung. Glaube ich. Und ich werde einen Teufel tun, Dinkelpuffer mit Sojasoße und Sellerierohkost zum Sonntag hinzustellen, nur weil hier Kinder mitessen. Schmeckt mir nicht! Ein Topf Suppe und ein frisches Brot auf dem Tisch, die Familie drumherum, das ist ein schönes Bild für mich. Und nicht vier Leute mit vier verschiedenen Tellern und einen Affentanz für den bemitleidenswerten Koch.

Heute gibt’s Plinsen mit Apfelmus (aus Äpfeln). Und vorher Tomatensuppe. Die ist aus Gemüse, nicht aus der Dose. Klingt für mich nach gesunder Ernährung.

Mahlzeit!

Strandgut des Lebens

Strandgut des Lebens

Meine Großeltern waren ihrer Zeit voraus. Heute würde man sagen, sie seien Upcycler und Zweitverwerter gewesen. Nichts durfte umkommen, nichts wurde achtlos weggeworfen. Aufgrund der harten, entbehrungsreichen Nachkriegsjahre oder einfach einer anderen, altmodischen Sicht auf den Wert der Dinge… ich weiß es nicht. Aus den alten, gestreiften Nachthemden vom Uropa („Gute Baumwolle!“) wurden Sommerkleider für die Enkelmädchen genäht. Strickpullover wurden mühsam aufgedrießelt, die Wolle nach Farben sortiert und zusammen mit getrockneten Orangenschalen (gegen die Motten) in Kisten, Säcken und Tüten verstaut. Um dann irgendwann in Form von Kinderpullovern, Socken, Häkeldecken, Kissenbezügen, Teppichen zu neuem Leben zu erwachen. Das Wegwerfen von Plastikbehältnissen fiel meiner Oma nicht ein. Was für eine Verschwendung! In den Milchbeuteln der DDR wurde nach dem Auswaschen alles mögliche verpackt und Quarkbehälter konnten auch nicht weggeworfen werden. Die waren super Anzuchttöpfe und überhaupt: da kann man doch was reintun!

Mein Opa fuhr nachmittags mit seinem Fahrrad gern durch die Gegend. Der Chariot war noch nicht erfunden, also hat er sich einen Handwagen namens „Rollfix“ (so hieß der wirklich) an sein Fahrrad gebunden und ging damit auf Beutezug. Bei den Mülltonnen.

(Randnotiz: Liebe Kinder, die Mülltrennung ist jünger als die Tante Rike und früher schmissen die Leute einfach alles in eine große Tonne mit Schwingdeckel. Echt wahr, diese Umweltsäue! Aber es gab ja meinen Opa… )

Dort zwischen Kartoffelschalen und Kaffeesatz fand mein Opa Schätze. Etwa kaputte Toaster oder Fahrradreifen. Das barg er alles, unter vollstem Körpereinsatz. Und schaffte das in seinen Garten. Aus den Teilen wurden neue Sachen gebastelt oder sie wurden zu späteren, nicht näher benannten Zwecken zwischen- bzw. endgelagert. Meine Mutter schämte sich sehr, wenn die Nachbarn sagten: „Dein Schwiegervater ist heute wieder in den Mülltonnen rumgekrochen!“. Ich glaube aber, er wurde nur missverstanden, der Opa.

Warum ich euch das alles erzähle? Nun, ich versuche, eine positive Grundstimmung zu verbreiten. Denn es ist Zeit für eine Offenbarung: Das ist erblich! Ja, ich bin betroffen. Ich kann nichts dafür.

Steine, Muscheln, Sand werden ja von vielen nach Hause getragen. Von den Stränden dieser Welt. So fing das bei mir auch an. Seit ich den ersten Hühnergott im Kieshaufen bei Hornbach fand, ist allerdings keine Kiesumrandung irgendeines Hauses vor meinem Adlerauge und suchendem Blick sicher. Im Rindenmulch fand ich schon allerschönste Holzstücke mit Astlöchern, die man auffädeln kann. Oder so hinlegen, als Deko zwischen Blumentöpfe. Oder als Geschenkanhänger verwenden, mit Silberstift beschriftet. Ich brauche das alles! Gehe ich in den Wald, komme ich stets mit schmutzigen Fingern und vollen Jackentaschen wieder raus.

War das Scherbensammeln im Garten zunächst nützlich aufgrund der Verletzungsgefahr, sammle ich mittlerweile die blau-weißen Scherben in ein separates Eimerchen, was keiner anfassen darf! Was ich damit will? Vielleicht ein Mosaik machen. Oder das Bad fliesen, genug zusammen hab ich mittlerweile. Sammelte ich zunächste nur unser Grundstück ab, so dehne ich mittlerweile meine Scherbensuchaktion auf die komplette Gartensiedlung aus (zur Erinnerung, der Garten liegt auf einer alten Müllhalde). Vollkommen selbstlos! Und es gibt Tage, an denen weiß ich, was ich denke, wenn ich höre, was ich sage. Zum Beispiel zu meiner Nachbarin: „Du Moni, wenn Du beim Buddeln blau-weiße Scherben findest, schmeiß mir die über den Zaun!“. Hä?! Ernsthaft? Doch, leider, das ist wahr. Und nein, Moni schmeißt mir keine Scherben über den Zaun. Bis jetzt.

Foto-3

Fundstück und Fundstückchen

Alles, was weiß und keramisch oder aus Porzellan ist, muss ich sowieso mitnehmen. Alte Relais, Flaschendeckel, Zuckerdosen, Eierbecher. Brauch ich alles. Passt zu jeder Deko irgendwie dazu. Und wenn ich behutsam den Dreck von den Dingen wasche, denke ich darüber nach, durch wieviele Hände das „Ding“ wohl gegangen ist und wie lange es jetzt wohl schon auf mich gewartet hat.

Foto 1-4

keramische Dingsbumse

Antiquitätenläden, Flohmärkte und sagar Versandhändler, die sich auf „alte“ Sachen spezialisiert haben, boomen. „Aus alt mach neu“ war schon in den Siebzigern der DDR eine Parole, wenn auch damals aus Verknappungsgründen. Ich mag alte Möbel, alte Stoffe, altes Geschirr. Ich bin auch nicht mehr neu, vielleicht ist es das. Ich gehe an keinem Trödelladen vorbei und selten verlasse ich den mit leeren Händen. Und doch, das ist was anderes. Dort hat jemand vorsortiert und die Dinge bewertet, ihren Verkaufspreis ermittelt und drangeklatscht: „Zu verkaufen!“.

Herzklopfen erfüllt mich, wenn die Dinge mich finden. Ein altes Schaukelpferd, neben den Wertstoffhof gestellt. Ein Weinballon, der Deckel einer Bonbonniere auf dem Glascontainer. Ein trauriger Stuhl (mal wieder), irgendwo am Wegesrand. Ich kann da nicht vorbeifahren! Mit wenigen Handgriffen und etwas Liebe (und manchmal Holzleim) bekommt dieses Strandgut des Lebens bei mir eine zweite Chance.

Foto 3-3

Das wird nicht von allen gern gesehen. Besonders nicht von meiner Familie. Wenn das Auto mit mir am Steuer automatisch vor einem Glascontainer abbremst, kommt sofort Geschrei: „Wehe! Untersteh dich!“ (der Beste), „Muddor! Na-heiiin!“ (das Kind Nummer eins), „Hedate! Hedate!“ (der Kleinste macht auch schon mit).

Aber bevor ihr mir das Messie-Team von RTL2 auf den Leib hetzt, gebe ich Entwarnung: Quarkbecher kann ich gut wegschmeißen und auch ansonsten fallen mir Trennungen nicht schwer, wie der Beste neulich feststellen durfte:

„Was ist das schon wieder?! Das schmeiß ich weg, das steht nur rum!“, „Ich schmeiß dich gleich weg, mein Lieber! Du stehst auch bloß rum!“

Meine Blumen für…

Meine Blumen für…

Wenn mich heute eine Freundin oder Nachbarin anspräche und sagen würde: „Du, ich finde das alles toll mit der Muttibloggerei und so vielschichtig! Und die vielen interessanten Frauen! Aber ehrlich, ich weiß gar nicht, wann ich das alles lesen soll?!“, dann würde ich vermutlich nicken. Geht mir mittlerweile genauso. Und ich würde ihr sagen, die ganze Welt der Elternblogs ist wie eine bunte Aufschnittplatte. Es ist für jeden was dabei. Und das Angebot ist groß! Ich habs nicht so mit Tipps, aber wenn Du nur einem einzigen Blog folgen möchtest, einem, der dich aufbaut, wenn du an deiner Kompetenz zweifelst, einem, der dir Mut macht, dich zum Schmunzeln bringt und dir zeigt: geht doch nicht nur dir so. Und das alles auf eine herzens-warme, lebenserfahrene, kluge und sehr eloquente Art, dann bist du bei Mama on the rocks richtig. Authentische Geschichten, die niemals belehren. Immer eine kleine Weisheit transportieren und dich nach dem Lesen mit einem guten Gefühl wieder in deinen Tag entlassen. Ein Mamablog „par exellence“.

Ich bin mir sicher, die Freundin würde sich bald für diesen Lesetipp bei mir bedanken.

Séverine, ich danke Dir mit diesen Blumen persönlich für viele Stunden vorzüglicher Unterhaltung, Dein ehrliches Interesse und Deine herzlichen Kommentare. Und ich wünsche Dir, dass Du niemals auf Eis liegst, sondern immer auf Rosen!

Nimm Platz!

Nimm Platz!

Könnt ihr euch noch an den räudigen Stuhl vom Trödelmarkt erinnern? Nun, dieser Stuhl hat eine unangenehme Eigenschaft: Er neigt zur Cliquenbildung. Binnen kürzester Zeit scharte er noch zwei wurmstichige Halunken um sich, sodass ich in die Bredouille kam. Der Beste drohte regelmäßig damit, ein hübsches Feuerchen zu entfachen. Ich war im Zugzwang! Zur mitternachtsblauen Wand fehlte noch die passende Bestuhlung im Gartenhäuschen und Ikea hatte in der Fundgrube 2x mitternachtsblauen Bezugsstoff… Ich sah die Zeichen!

Foto 2-1Wer bislang achtlos an alten Holzstühlen vorüberging in der Annahme, das Aufhübschen sei viel zu kompliziert, dem sei gesagt: mitnichten! Wenn der Stuhl nicht vom Holzwurm durchlöchert ist , ist er zu retten. Und wenn ich das kann, kann das jeder und ich fische hier nicht nach Komplimenten, sondern in ganz trüben Handwerksgewässern (alle, die wirklich etwas von Polsterei verstehen, bitte Augen zuhalten und ganz schnell woanders hinklicken…).

Du brauchst:

  • Schaumstoffplatten (Baumarkt, bei den Heimtextilien)
  • Bezugsstoff (zB. von hier)
  • Holzleim zum evt. Verkleben lockerer Stellen
  • Stoffschere, Hammer, Tacker
  • Tapezierstifte (das sind Nägel)
  • Packdecke (Baumarkt)
  • doppelseitiges Teppichklebeband

Foto 4-2Als erstes Sitz entfernen. Die meisten sind mit Gurten oder Federn im Unterbau bestückt. Gurte kann man selber spannen, wenn die kaputt sind. Wenn die Federung kaputt ist, bist du ein Glückspilz! Du kannst die Federn ausbauen und als Rankhilfen für Pflanzen einsetzen oder sonstwas dekoratives damit anstellen. Den Unterbau haust du in dem Fall weg und lässt dir im Baumarkt ein Brett mit den passenden Maßen zuschneiden.

Dann musst du den Sitz vom alten Bezug und Polstermaterial befreien. Das ist die einzige Arbeit, die zeitaufwändig ist und keinen Spaß macht.

Danach Bezugsstoff zurechtschneiden und evt. die Schaumstoffplatte in Form schneiden. Diese darf ruhig einen halben Zentimeter über den Holzrahmen ragen, sonst merkt man später das Holz am Ärschel. Aus der Packdecke einen Streifen schneiden, der so lang ist, das du den Schaumstoff einschlagen kannst.Foto 3-1

Jetzt wird ein Türmchen gebaut (von unten nach oben): Bezugsstoff, in Packdecke eingeschlagener Schaumstoff, Sitzrahmen. Die Außenkante des Stuhlrahmens (keine Ahnung, wie die reguläre Bezeichnung ist) mit Teppichklebeband umranden. Alles schön zurechtlegen und dann den Bezugsstoff auf dem Klebeband justieren (gegenüberliegende Seiten). Der unschlagbare Vorteil: Du kannst es jetzt drehen und gucken, ob alles sitzt, nicht etwa das Muster verrutscht ist oder ähnliches. Falls doch, lässt sich der Stoff noch vorsichtig lösen und du kannst korrigieren. Ist alles zu deiner Zufriedenheit, schwing den Tacker!

Bei den Ecken wirst du einen Tod sterben müssen. Egal, ob du zieharmonikaartig Fältchen für Fältchen festnagelst oder wie ich einfach die Ecke nach innen einschlägst und ruckizucki festnagelst, das kannst du dir aussuchen.

Foto 1-1Foto 1-2

Den Stuhl (oder die Stühle) hast du eventuell nachgeleimt, angeschmirgelt und gestrichen. Oder (wenn das Holz schön ist) zB. mit Arbeitsplattenöl abgerieben und poliert.

Dann kommt jetzt das Schönste: Zusammensetzen!

Foto 1-3

 

Auf zumindest einem meiner neuen, alten Stühle kann man sitzen, wie das Sitzmodel beweist:Foto 2-4

 

 

 

 

 

 

Ich sage euch, wenn man einmal anfängt mit Stühlen rumzuexperimentieren, ist man schnell angefixt! Die Beine lassen sich austauschen, ein andersgestaltetes viertes Stuhlbein kann ganz apart aussehen, stylish wie von Designerhand! Auch Experimente mit Polsterstiften sind zu empfehlen. Das sind die Schmucknägel, die sichtbar im Polster sind… fangt einfach mal an!

Oder schreibt mir, ich hole euch die ollen Stühle eurer Oma vom Dachboden 😉 Aber nix dem Besten sagen, der flippt aus!

Ordnung

Ordnung

Sonntag morgen, kurz nach Sonnenaufgang.

Ich bin allein zu hause und putze heimlich das Kinderzimmer des Kronsohnes. Diese Aussage bedarf sicherlich einer Erklärung: Das Kind Nummer 1 ist ein sehr ordentlicher Mensch. Prinzipiell und nach den Maßstäben eines Teenagers sowieso. Bereits als Fünfjähriger faltete er abends sorgfältig seine Sachen, bevor er sie in den Schmutzwäschekorb legte. Ordnung ist für Menschen mit einer Autismusspektrumstörung das A und O. Dinge haben einen Platz, Abläufe sind definiert. Essen gibt es immer zu einer bestimmten Zeit. Das ist immens wichtig. In einer Welt, in der du nicht „verstehst“, warum dieses oder jenes passiert, sondern immer wieder „lernen“ musst, dass etwas so oder so funktioniert und Menschen dieses oder jenes meinen, wenn sie so oder so gucken bzw. etwas sagen, was aber etwas ganz anderes bedeutet, dann wird deutlich, dass Ordnung der Dinge einen ganz wichtigen Stellenwert einnimmt. Quasi als Gerüst einer volatilen, sich permanent verändernden Umwelt. Und Veränderungen sind schlecht! Die Unflexibilität, sich daran anzupassen, ist sprichwörtlich autistisch. Dinge, die zum ersten Mal erlebt werden, werden in ihrem Ablauf als „Ordnung“ eingestuft. Die Enttäuschung im Gesicht meines Kindes, was seine Lieblingssuppe mit den Worten „Die schmeckt aber gar nicht!“ zurückschiebt und meine erfolglosen Bemühungen, ihm zu erklären, dass eine Suppe jedes mal in Nuancen anders schmeckt weil es einfach unmöglich ist, exakt immer das gleiche Geschmackserlebnis zusammenzukochen. Darauf gibt es nur eine mögliche Antwort seinerseits: „Und warum?“. Ja, warum.

Foto 4

Eigentlich ist die autistische Denkweise leicht zu verstehen: Es gibt nur die Zustände 1 und 0, true und false. Wie bei einem Computer. Und den nehmen wir ja auch als logisch wahr. Insofern, und weil das Kind mit seinen Besonderheiten nun schon eine Weile bei uns wohnt, kann ich mich dem anpassen.

Dazu gehört, dass ich verstehe, dass ihn der Staub in seinem Zimmer zwar stören mag, aber die Vorstellung, dass ich im Zusammenhang mit dem Staubwischen seine Dinge verschiebe, verrücke, ihren Platz verändere und somit seine Ordnung, das versetzt ihn in eine Stresssituation. Deshalb mache ich das stets während seiner Abwesenheit und in dem Bemühen, alles wieder so hinzustellen und zu legen, wie es war. Was natürlich nicht klappt! Denn ähnlich wie ein Computer bemerkt er Abweichungen, die ich so nie sehen würde! Ein Zettelblock verkehrtherum zum Beispiel.

Aber auch er lernt, dass kleine Veränderungen und Abweichungen nicht zwangsläufig bedeuten, dass die Welt einstürzt.

In kleinen Schritten.

Er bewohnt nach wie vor ein „Kinderzimmer“. Auf die Ankündigung, ein cooles Jugendzimmer daraus zu machen, kam prompt: „Auf keinen Fall!“. So schläft er in seinem Hochbett, ein Foto aus Kindertagen mit einem Nachbarskind steht seit Jahren unberührt auf einem Regalbrett, ebenso eine Flöte, die er gar nicht benutzt. Aber das gehört eben zur Ordnung.Foto 2

Seltsam mag in diesem Zusammenhang anmuten, dass er kein Strukturempfinden hat für notwendige Dinge „von außen“. So gibt es Plakate und Zettel, auf denen steht, was Morgens, Nachmittags, Abends, Sonntags… gemacht werden muss. Der Tagesablauf wird durch piepende Timer bestimmt. Und immer wieder nachkontrollieren. Auch die Schrittfolge mancher Handlungen werden oft nicht eingehalten. Das ist, wie wenn du jemanden beobachtest, der sich die Zähne mit Wasser putzt und im Nachhinein Zahncreme auf die Bürste macht und diese in den Becher stellt. Aber das ist eben so. Dieses Kind, dieser junge Mann, ist eben so. Erklären, zeigen, erklären. Und irgendwann ist der Ablauf als Ordnung abgespeichert. Vielleicht.

Das kann einen frustrieren. Tuts auch. Aber manchmal bringt das ungeahnte Denkanstöße. Was, wenn das, was wir „Gesunde“ als Ordnung kennen, ein Chaos ist? Keiner logischen Ordnung entspricht? Ist das denkbar? Wenn Autisten wie Computer ticken, dann ist ihr Verhalten möglicherweise das Logischere?

Oftmals zumindest ist seine Sicht auf die Welt erfrischend gesünder und manchmal auch belustigend. Physik fällt aus? Statt dessen gibts Bio in der ersten Stunde? Er steht auf und verlässt den Raum. In seinem Plan steht Physik, er hat jetzt kein Bio…

Foto 1

Und in einem Gespräch über Selbständigkeit versuchte ich ihn zu überzeugen, er müsse lernen, die Waschmaschine zu bedienen. Er meinte, er hätte später eine Freundin, die das könnte. Ich erklärte ihm, Frauen wöllten aber nicht als Hausmädchen gesehen werden sondern auf Händen getragen werden. Darauf er: „Das kann ich! Ich bin stark! Ich trag sie zur Waschmaschine.“

 

Guten Morgen Pieschen!

Guten Morgen Pieschen!

Ich nehme Euch mit auf meinen Morgenlauf. Nur noch schnell die Schuhe anziehen…

Das Wannenbad

Neulich kursierte in den sozialen Netzwerken ein Foto, welches zwei junge russische Männer zeigt, die ihr Wohnzimmer mit Plastikfolie ausgekleidet und mit Wasser gefüllt hatten, um genüsslich ein Bad zu nehmen. Der Vorgang des Wassereinfüllens und auch der Rückbau des Badebeckens wurden nicht dokumentiert, aber ich habe da so meine Vorstellung. Denn sie sind bei weitem nicht die ersten mit dieser Idee…

Wir schreiben die letzten Jahre der DDR und ich lebe in der sowietischen Besatzungszone. Nein Kinder, das ist nicht weit weg. Das ist genau hier! Und zwar sogar in Dresden. Ich hatte ein kleine Wohnung im Russenviertel dieser Stadt. Das Viertel hieß aus praktischen Gründen so, nicht, weil da nur Russen wohnten. Es wohnten auch Armenier, Kirgisen, Letten und vermutlich auch Menschen aus Aserbaidschan dort. Richtigerweise hätte das Viertel „Wohnareal für hochrangige Mitglieder der rotarmistischen Befreiungsarmee“ heißen müssen, aber das wäre als Name viel zu lang gewesen.

Rund um das Waldschlösschenareal in Dresden waren Kasernen, in denen die Soldaten in Doppelstockbetten und mit strengen Schließzeiten hausten. Die Offiziere durften ab einem gewissen Grad (ab achthundert Gramm Orden und Bronzeketten auf der Uniform) ihre Gattinnen nachholen und wohnten dann in Häusern rund um die Kasernen. Ein paar Dresdner wohnten auch dort. Zu erkennen waren die deutschen Wohnungen daran, dass an den Fenstern möglicherweise ein Blumenkasten hing mit Begonien und/oder eine Gardine. An allen anderen Fenstern gab es die gängige, wärmeisolierende Vollfensterverkleidung mit Zeitungspapier. Dort wohnten die Mitglieder der Roten Armee.

Die blieben eigentlich immer unter sich. Ich bin mir nicht sicher, aber wahrscheinlich war den Besatzern der Umgang mit den Besetzten, Besatzerten, von Besatzern Besetzten…mit uns untersagt. Trotzdem war es hilfreich, wenn man als junges Ding im Dunkeln durch das Viertel ging, schnell rennen zu können oder zumindest fluchen wie ein russischer Droschkenkutscher. Sonst konnte es durchaus passieren, dass einem die Deutsch-Sowietische Freundschaft und der Bruderkuss näher gehen konnten, als einem lieb war.

Ich wohnte in einer kleinen, arschkalten Wohnung. Ohne Bad, mit Außenklo auf der Treppe (Die Miete kostete 23,-Mark, falls das irgendwen interessiert. Für die Geschichte hat das allerdings keinerlei Relevanz.). Die bauliche Substanz war desolat, wie im Altbau der DDR üblich. Die Mieter renovierten und reparierten selber und wer das nicht konnte, arrangierte sich mit dem Zustand.

In meinem Schlafzimmer waren die Wände feucht. Irgendwo gab es ein Leck. Dach kaputt, Dachrinne. Ich wusste es nicht. Regelmäßig floss mir das Wasser in Rinnsälen die Wände herab. Ich wischte, stellte Eimerchen auf. Ich bat sogar mal einen Freund auf´s Dach zu steigen, was er auch tat. Aber außer seinem Wagemut hatte er nichts weiter einzubringen, sodass dies auch nicht zielführend war.

Eines Tages floss das Wasser wieder fröhlich meine Wände herab, als mir auffiel, dass von draußen der schönste Sonnenschein durch meine staubigen Fenster schien. Nun bin ich nicht von der hellsten Sorte, aber irgendwie wankte die kaputte-Dachrinne-Theorie in diesem Moment sogar bei mir.

Über mir wohnte ein Rotarmist mit Gattin. Ich läutete. Er öffnete. Ich erklärte mein Problem. Er erklärte seinen Unwillen, deutsch mit mir zu sprechen. Ich wiederholte mein Klärungsbedürfnis auf russisch, was ihn wohl an seine ihn verpflichtende russische Gastfreundschaft erinnerte und er bat mich hinein.

„Schöner Wohnen“ war bei den Leuten kein Thema. Die Dame ging nie ohne roten Nagellack, Goldschmuck, Goldzähnen, onduliertem Haar und Pelz aus dem Haus. Aber wohnte in einer gänzlich leeren Wohnung mit zwei Hockern und einem Tisch. Irgendwo wird es wohl auch ein Bett gegeben haben, aber ich weiß wirklich nicht wo. Denn der Raum, der über meinem Schalfzimmer lag (ihr erinnert euch: die Nasszelle wider Willen), wäre zwar dafür prädestiniert gewesen, aber war ebenso leer. Bis auf eine Zinkwanne.

In dem Raum stand nichts außer einer alten Zinkwanne. Der Offizier erklärte mir stolz, er habe das Badezimmer selbst eingebaut! Und demonstrierte mir die Funktionalität auch sehr gern. Die Wanne wurde per Eimer mit heißem Wasser aus der Küche befüllt und die Gattin konnte sich zum Bade niederlassen. War dieser Vorgang beendet und das Wasser kalt, entstieg die Gattin und der kräftige Rotarmist kippte die Wanne einfach aus. Ins Zimmer. Er hatte in einer Ecke des Raumes irgendein Stück Rohr durch die Wand gebastelt und mit der Dachrinne verbunden (glaubte er), sodass sich eine Art Abfluss ergab. Toll, nicht?

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie die Geschichte weiterging.

Entweder haben wir zusammen „sto gramm“ getrunken, Irina und ich haben Pelmeni- und Quarkkeulchenrezepte getauscht und ich wurde ab jetzt immer zum Baden eingeladen, während Sergej auf der Balalaika für uns spielte und traurige russische Lieder sang. Oder sie haben mich einfach zur Tür rausgeschoben und alles blieb so wie es war. Bis ich irgendwann auszog.

Ersteres würde mir besser gefallen.

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

Hat Dir dieser Beitrag gefallen? Dann lade mich doch gern auf einen virtuellen Kaffee ein als Dankeschön.

€2,00

Verzeihung, sprechen sie Babyisch?

Der Babylino ist nächste Woche elf Monate bei uns. Es klappt auch alles soweit ganz gut.

Vom Status einer „Rumkugel“ hat er sich zu einem „Stehrum“ entwickelt. Wankend wie ein Matrose mit dreiacht auf dem Turm steht er breitbeinig rum und rüttelt an den Gitterstäben seines Lebens. Gern gefolgt mit „Neineineineineineinein!“-Rufen, besonders, wenn es sich um die Gitterstäbe des Kinderbettchens handelt. Ich sehe das mit Wohlwollen, Ja-Sager gibts schon genug.

Trotzdem mache ich mir langsam ein wenig Sorgen. Wir haben augenscheinlich ein Kommunikationsproblem!

Die ersten Monate der nonverbalen Kommunikation verliefen problemlos. Hände an den Ohren=müde, planloses Rumsaugen=Hunger. Das war einfach. Mittlerweile sind wir zur mündlichen Kommunikation übergegangen und das klappt nicht. Beide Parteien verstehen immer nur ´Bahnhof ´.

Das Baby sperrt sich zum Beispiel mit Vorliebe in irgendwelchen Zimmern ein. Rummmms! Eine Tür knallt, das Baby ist drinnen. Ich draußen. Er patscht von innen gegen die Tür und will möglicherweise, dass ich reinkomme. Ich klopfe von außen und habe eigentlich denselben Wunsch, aber denkst du, ich krieg dem begreiflich gemacht, dass er wegkriechen muss von der Tür? So stehe ich dämlich davor und rede mit Engelszungen vernünftig auf das Türbrett ein. Mehrmals täglich. Auf seinen Namen hört das Kind nicht, auf „NEIIIIN!“ dreht er träge sein hübsches Köpfchen in meine Richtung und lutscht weiter am Kaminbesteck…

„Der kommt nach dir. Besonders helle brennt das Licht bei dem nicht!“, konstatiert der Beste.

Wobei wir uns ja wirklich Mühe geben, alle beide. Das Baby spricht seit einigen Tagen eindringlich immer wieder auf mich ein: „Hedate! Hedate!“. Ich habe keine Ahnung, was das bedeutet. Google hat auch nur den unbrauchbaren Hinweis auf einen türkischen Energielieferanten gebracht und ich bezweifle stark, dass das Baby mich auf Ungereimtheiten im Energiesektor hinweisen will.

Wenn man Babies im Rudel beobachtet, merkt man schnell, dass die sich untereinander sehr wohl verstehen. Das ganze sabbernde Gequietsche hat schon Kommunikationszweck. Nur mir erschliesst der sich leider nicht! Jetzt könnte ich mich entspannt zurücklehnen und denken: Typisches Erwachsenenproblem, aber! Vor einigen Tagen im Fleischbällchenrestaurant beobachtete ich eine Mutter, die ein Kind ähnlichen Alters fütterte. Das Kind reckte missmutig die Faust in die Höhe und verlangte nölend: „Mgölp!“, daraufhin erklärte die Mutter ruhig und besonnen: „Den Fruchtzwerg gibts erst, wenn du das Gemüse aufgegessen hast!“. Ich war sprachlos! Das war, wie wenn Steffi, die Frau aus unserem Navi, im Ausland vollkommen emotionslos ansagt: „In einhundertfünfzig Metern rechts abbiegen auf die Ulitza Djejnasswabaschdenia.“, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

Also bemühe ich mich. Noch mehr.

Heute Nachmittag klettert der Stehrum auf meinen Schoß, schaut mich eindringlich an und verkündet mal wieder: „Hedate! Hedate!“. Ich schaue  eindringlich zurück und erwidere: „Hedate! Hedate!“. Daraufhin quietscht er erfreut los, patscht mir ins Gesicht und quäkt: „Hedda! Hedda!“.

Wir haben uns so eine Weile unterhalten. Ich glaube, es war ein gutes Gespräch. Ich habe allerdings keine Ahnung, worüber…

 

 

Der Preis ist heiß…

Ich wurde nominiert. Für den „Liebster Award“. Das ist kein Oscar der Bloggerbranche (auch keine goldene Himbeere), sondern die Aktion will junge, unbekannte Blogs bekannter machen. Indem man eine Reihe Fragen über sich beantwortet, sollen neue Leser neugierig werden auf den Neuankömmling, den Jungspund in der Welt der Schreiberlinge. Und dieser ins Rampenlicht Geschubste wiederum nominiert dann weitere junge Blogs, um diese bekannter zu machen.

Das weiß ich seit gestern. Ich habe mich belesen. Nachdem ich mich gefreut habe, dass mich jemand nominiert hat und somit bekannter machen möchte. Klingt wie ne gute Sache. Aber so einfach ist das nicht.

Ich bekam eine Reihe seriöser Fragen gestellt: „Wer bist du? Schreib ein wenig über dich!“. Hm, ich schreib seit Monaten ein wenig über mich…was soll denn da nun hin?! „Welches ist dein Lieblingsbuch?“, „Welchen Traum möchtest du dir unbedingt erfüllen?“, „Was ist deine beste Eigenschaft?“ und so weiter. Auf den ersten Blick einfache Fragen, leicht zu beantworten. Aber ich fühle mich wie in einem Schuhladen mit exklusiven Schuhen und dezenter Loungemusik. Überall hochhackige, hochwertige Damenschuhe. Hübsch anzusehen. Und ich höre mich fragen: „Haben sie nichts flacheres?“.

Versteht mich nicht falsch, aber wen interessiert, wie ich meinen Kaffee trinke und ist die Information, welches Buch auf meinem Nachttisch liegt (und: Hat sie überhaupt einen?) Ambrosia für die Leserschaft? Ich brauch vielleicht wirklich was flacheres… „Was bringt deine Amygdala zum Bitzeln?“, „Zu mir oder zu dir?“, „Warum ist die Banane krumm?“, zum Beispiel.

Als ich mir die Liste der Mitnominierten angesehen habe, wusste ich endgültig: Ich war im falschen Schuhladen. Alles seriöse Blogs zu einem ernsten Thema, welches mich zwar betrifft, aber dem ich mich nur in homöopathischen Dosen widmen werde. Warum? Weil das Leben schön ist und die Erde eine bunte Scheibe! Und deshalb fühle ich mich unwohl auf der Bühne mit den hochhackigen Schuhen zwischen den seriösen Aufklärungs- und Informationsblogs.

Die Schuhe sind schön, aber sie passen mir nicht. Und als Dankesrede fällt mir auch spontan nur der Inder aus der Bierwerbung ein: „Ich möchte diesen Teppich nicht kaufen!“.

Diesen nicht und keinen anderen…Ich freue mich wie ein Schnitzel über jede(s) Empfehlung, Erwähnung, Facebook-like und jeden noch so gearteten Kommentar. Im Ernst jetzt! Und über echtes Interesse. Aber nicht über depersonalisierte Fragelisten.

 

 

 

 

 

 

 

Das ist doch alles Scheiße hier!

Das ist doch alles Scheiße hier!

Foto 2-23Pieschen ist dreckig. Foto 3-20

Überall Kacke. Ich nehme an, hauptsächlich von Hunden. Aber mit der Kacke ist das so eine Sache, mittlerweile sehe ich die gar nicht mehr. Die guckt sich irgendwie weg. Ich stelle mir vor, das ist, wie wenn der Beste behauptet, ich hätte keine Falten oder sagt: „Bauch? Du hast keinen Bauch. Ich seh nur Brüste!“. Die negativen Dinge verblassen bei dem Anblick von etwas Herzerwärmendem. Ich persönlich mag auch am liebsten Menschen, die auf den achten oder zwölften Blick schön sind und durch ihr Wesen immer schöner werden, je länger man sie kennt. Pieschen ist nichts für Touristen. Eher was für Liebhaber. Aber je länger ich bleibe, umso lieber habe ich das Viertel! Foto 3-12Während ich routiniert in Schlangenlinien den Fußweg-Parcours passiere, fällt mir auf, dass wir die vermutlich meisten Künstler-Ateliers in Dresden haben, im Umkreis von zweihundert Metern drei Thai-Massagesalons (manchmal mit echt thailändisch aussehenden Vietnamesinnen), wunderschöne Spielplätze, eine alte Streuobstwiese an der Bibliothek, einen Hafen. Ja, sogar einen Yachthafen hat Pieschen! Die schönste Fahrradbrücke Foto 2-27Dresdens. Eine türkische Bäckerei gegenüber eines

portugiesischen Lebensmittelladens, nachbarschaftlich zu einem französischen Feinkostgeschäft. Das allerbeste Puppentheater der Stadt, unzählige Kitas. Beim allerbesten Fleischer der Stadt gibts auch Bio-Gemüse und an Fasching selbstgebackene Pfannkuchen mit Pflaumenmusfüllung… und einmal im Jahr den allerbesten Gänsebraten mit schlesischen Klößen. Wir haben einen Gemeinschaftsgarten, eine Tanzschule. Wenn ich mit einer Handarbeit nicht weiterkomme, gehe ich (wenn es sich um was Wollenes handelt) auf die Oschatzer Straße und frage um Rat. Aktuell gibts dort Strick- und Nähkurse für Ferienkinder. Ist es was Genähtes, dann hilft man mir im schönsten Stoffladen der Stadt (Emily´s Nähstübchen) weiter. Exklusive Kinderklamotten gibts ebenso wie einen Herrenmaßschneider. Foto 5-7Vier Second-Hand-Läden fußläufig, leider (aktuell) kein Foto 3-21Schwimmbad (mehr), aber dafür eine Ayurveda-Praxis und einen Buchladen, in dem es nur drei Preise gibt: 0,50€, 1,00€, 1,50€. Und das sogar auf Neuware! Das allerbeste Eis der Stadt gibts auch in Pieschen (und den bestimmt originellsten Eisverkäufer der Welt gibts gratis dazu). Das beste Brauhaus der Stadt befindet sich…in Pieschen! Im Winter gibts beim Elbcenter am blauen Eiswagen dicke heiße Waffeln am Stiel, die soooo lecker sind, dass ich mir über die Wintersaison ein Waffelpolster anfresse. Egal, was ich brauche oder wohin ich will, alles ist fußläufig erreichbar und für Faule notfalls mit der Straßenbahn. Der Elberadweg ist einen

Text an einer Pieschner Haustür; unbekannter Autor

Text an einer Pieschner Haustür; unbekannter Autor

Steinwurf entfernt, ebenso die S-Bahn, die Autobahn, der Elbepark.

Manch einer sieht hier überall nur Kacke. Ich seh einen bunten Stadtteil mit ganz viel ❤ …und Hundekacke. Und ich passe hier super hin!Foto 4-7

 

Meine Blumen für…

Meine Blumen für…

Die Autorin hat ein Faible für „botanische Installationen“. Deshalb habe ich mir Mühe gegeben und heute Morgen beim Spaziergang Pieschner Wegesrandschönheiten zusammengetragen und drapiert. Ich hoffe, es gefällt.

„Für die Familie leben“ tun wir alle, aber Gretel bei living4family schreibt darüber mit einer Leichtigkeit und so vollkommen unaufgeregt, dass mir nach dem Lesen immer das Gefühl bleibt: Hach, das Leben ist schön! Und in dieser Familie noch ein bisschen schöner! Dazu die wunderschönen Fotos der weltschönsten Stadt und Tipps für Vorbeireisende, die selbst manch Einheimischer nicht kennt (ähem). Die Weihnachtsseiten klicke ich beinahe täglich an, so schön sind die! Merkt ihr was? Kein Satz ohne „schön“! Unmöglich, diesen Blog anders zu beschreiben. Und die Deko… schmelz (das war ein Versuch, ohne „schön“ auszukommen). Die Gartenbilder…SO kann das also aussehen?! Noch dazu ertappe ich mich pausenlos beim Nicken, wenn sie etwa über die Bauprojekte in Flutgebieten schreibt oder das Schließen eines bestimmten Marktes betrauert, aber das ist bestimmt der Lokalpatriotismus in mir. Auch für Nicht-Dresdner Schöngeister zu empfehlen. Unbedingt! Ganz besonders nett finde ich, dass sie manchmal die Artikel beschließt mit einem sorgfältig ausgewählten Zitat oder Gedicht. Deshalb adaptiere ich diesmal diese Geste und bediene mich bei Herrn Ringelnatz:

Kleines Gedichtchen,

ziehe denn hinaus!

Mach ein lustiges Gesichtchen.

Merke dir aber mein Haus.

 

Geh ganz langsam und bescheiden

Zu ihr hin, klopf an die Tür.

Sag, ich möchte sie so leiden,

doch ich könnte nichts dafür!

 

Antwort, nein, bedarf es keiner.

Sprich nur einfach überzeugt.

Dann verbeug dich, wie ein kleiner

Bote schüchtern sich verbeugt.


 

Der Baustellenreport

Der Baustellenreport

Es gibt so Tage, die sind ein Arschloch. Ich behaupte ja oft, das seien gebrauchte Tage, die hatte schon mal jemand und hat die zurückgegeben, weil er auch voll unzufrieden war damit…

Der heutige Tag begann wie so oft vollkommen harmlos im Anschluss an eine heiße und schlaflose Nacht (leider nicht im wünschenswerten Sinne).

Wir orderten wie neuerdings immer morgens beim Baumarkt unseres Vertrauens die benötigten „täglichen Dinge des Bedarfs“ in Höhe eines kleinen Monatsgehaltes und steuerten die gärtnerische Baustelle an. Mittlerweile fühlt sich diese Routine an wie ein alltäglicher Arbeitsweg. Zu einem unliebsamen Job (wie Steinbruch oder Schienen legen bei der Deutschen Bahn).

Streichen des Wohnzimmers stand heute an. Wobei, eigentlich waren nur noch zwei Wände übrig, den Rest hatte der Beste bereits geweißt. Für diese zwei Wände hatte ich „Mitternachtsblau“ vorgesehen und rannte mir Hörner an den Türen (versuchter Wortwitz; soll Gegenteil darstellen von: offene Türen einrennen). „In der Bude isses finster wie im Bärenarsch! Und du willst die Wände dunkelblau streichen! Solln wir alle mit der Grubenlampe dort drin rumfunzeln, oder was?!“, „Wer von uns hat denn zwanzig Kilo Wohnzeitschriften konsumiert zur Farbgestaltung kleiner Räume? Da sieht man´s wieder: Keine Ahnung hast du! Durch die dunklen Wände an der Tür fokussiert sich das Auge auf die Lichtquelle! Dadurch wirkt der Raum heller. Ach, sei still und mach einfach!“, „DAS kannst du vergessen! Das streichst du schön selber. ICH war für Weißen. Dann wären wir im Übrigen bereits durch und könnten heute den Bodenbelag verlegen. Aber nein! Mitternachtsblau! Ausgerechnet!“.

Ich wünschte ihm viel Spaß mit dem schwer zahnenden Kind auf der Baustelle und nahm mir vor, souverän die Wände zu rocken. Wie schwer kann das sein!?

„Du musst aber erst noch das Abrollsieb sauber machen, das habe ich gestern nicht mehr geschafft.“, „Ich nehme an, du hast es in einen Eimer mit Wasser geschmissen?!“, „Äh, nein! Ich hab das nicht mehr geschafft!“.

Ein mit weißer Farbe eingetrocknetes Sieb. Na toll. Ich schrubbte die ersten zehn Minuten in der Küche an dem Ding rum. Dann war die Spüle eingesaut. Ich wechselte laut fluchend ins Badezimmer und weichte das Sieb dort im Waschbecken ein. Schrubbte. Winzige Partikel lösten sich in gemächlicher Trägheit. Ich fluchte lauter und schrubbte schneller. Dann war das Waschbecken im Bad auch versaut. Duschwanne. Abbrausen, schrubben (Der Beste hatte sich unters Dach verzogen mit dem Baby. Mittagsschlaf. Der hat echt die härtesten Jobs!). Nachdem ich auch die Duschwanne ordentlich eingesaut hatte, habe ich gefühlte Stunden mit einem kleinen Küchenmesser die Farbreste aus den Waben rausgekratzt. Zwischenzeitlich kam mir kurz in den Sinn, dass ich in der vergangenen Zeit problemlos ein neues Sieb im Baumarkt hätte holen können, ja, sogar ein Sieb schnitzen aus einem Holzbrett wäre zeitlich drin gewesen! Ich machte weiter. Nichts sollte mein mitternachtsblaues Farbergebnis trüben. Als Motivation fluchte ich lautstark. Das war alles SEINE Schuld!

Irgendwann hatte ich wunde Finger und ein halbwegs farbfreies Sieb.

Dann stellte ich fest, dass ich überhaupt keine Malerklamotten für mich mitgenommen hatte. Dafür konnte der Beste theoretisch nichts, aber aus rein praktischen Gründen bekam er auch dafür die Schuld in Abwesenheit zugesprochen. Ich fand einen Schwangerschafts-Bikini, den ich mit ein paar Knoten an verschiedenen Stellen halbwegs passend machte und ein Paar alte „Wilde Kerle“-Badelatschen vom Kind Nummer eins. Jetzt sah ich so aus, wie ich mich fühlte!

bau1

Im Baumarkt hatte sich morgens schon ein mittelgroßer Streit ergeben, weil ich darauf bestand, für mein Farbprojekt das allerbeste, teuerste Abklebeband haben zu müssen. „Aber wir haben doch noch das Tesa-Band!“. „Nein! Das ist nicht gut genug! Ich muss das grüne haben! Das aus der Werbung! Dann läuft auch nichts darunter.“. Für den Preis einer Packung hätte der berühmte Verpackungskünstler, dieser Dingsbums, unser Gartenhäuschen komplett mit noname-Abklebeband verpacken können. Das nur am Rande und rein spekulativ.

Ich begann abzukleben. Aber an Tagen wie diesem… Die Scheiße hielt nicht! Ich meine, gar nicht! Zehn Zentimeter geklebt, nächsten Streifen abreißen, wuschschsch…, erster Streifen wieder unten. Jetzt langsam bekam ich richtig Laune! Runter von der Leiter und lesen. Vielleicht muss man das überkandidelte Scheißklebeband anfeuchten. Nein. Vielleicht ist es nicht für Rauhputz geeignet. Nein, steht nichts da. Ich wieder hoch. Irgendwie muss ich doch das grüne Scheißzeug an die Wand kriegen! Reiben, reiben, reiben. Drücken, walzen. Wuschschsch…da lag´s wieder unten.bau2

Einatmen, ausatmen.

Aus dem Schuppen das Tesa-Abklebeband holen. Auf die Leiter. Abkleben. Hält. Na sowas! Geht doch! Meine Laune besserte sich für zwei Minuten. Dann war das Tesa-Band alle.

Als mir klar wurde, dass ich jetzt auf jeden Fall in den Baumarkt müsste um neues zu besorgen und sich die Erinnerung an die vermaledeite Abputzerei des Scheiß-Abrollsiebes in mein Gedächtnis schob, hätte ich am liebsten vor Wut den Farbeimer umgeschmissen! Jetzt würde ich den Weg antreten müssen, zu dessen Vermeidung ich eine stundenlange, hirnrissige und waschbeckenversauende Tätigkeit in Kauf genommen hatte! Und dort würden mich die Abrollsiebe nur so anlachen! Blütenrein.

Egal. Es nütze ja nichts. Der Beste machte noch immer, was er so macht. Nämlich Mittagschlaf .

Auf dem Parkplatz vorm Baumarkt versuchte ich so elegant wie möglich, rückwärts neben der Currywurst-Bude einzuparken, als eine Weißkappe fuchtelnd in meinem Heckfenster auftauchte. Ich denke noch: ´Nanu, was will der Opi denn?`, da erklärte er auch schon, ich würde gerade einen Pfeiler umfahren. Ich sah keinen Pfeiler, aber das bedeutet ja auch nichts, wenn man wie ich kaum mit der Nase an die Unterkante des Fahrerfensters reicht! Das ist alles SEINE Schuld! Warum muss ich mit so einem scheißgroßen Auto rumfahren, wo doch so ein Autoscooter viel besser geeignet wäre in Größe und Rundumschutz! Oder?!

(Übrigens: Ich habe verstohlen geguckt, die Anhängerkupplung hat gegen den Pfeiler gewonnen.)

Lautes Gelächter an der Currywurstbude und so originelle Kommentare wie „Typisch Frau am Steuer! Haha!“. Ich wollte schon kontern, besann mich aber, dass jemand, der in meinem Alter am helllichten Tag mit „Wilde Kerle“-Badelatschen rumläuft, sich ansonsten in der Öffentlichkeit besser unauffällig verhält.

Ich bekam das Klebeband, fuhr unfallfrei in den Garten und schmiss die ganze Scheiße dem Besten vor die Füße! Und dann hab ich dem aber mal gesagt, was Sache ist! Und wie schwer ich es hatte, während er schlafen durfte (den Pfeiler habe ich unterschlagen). Und dass es jetzt aber reichen würde! Und überhaupt! Er könne jetzt gefälligst auch mal was machen! Und damit Du es weißt: Ich hatte einen Scheißtag! Und ich fluche, so lange und so laut ich will! Und ja, die Nachbarn können das ruhig hören!

Ich bin dann mit dem Baby entspannt zu Ikea gefahren. Nach diesem Tag musste ich mich erst mal belohnen. Und außerdem brauchte ich noch Stoff um die Stühle zu beziehen. Und neue Grünpflanzen. Und Kissenhüllen. Und…

Jetzt sitze ich entspannt am Rechner und schreibe… und ganz langsam fällt der Stress dieses harten Arbeitstages von mir ab.

Der Beste? Na, der ist nicht da. Der streicht das Wohnzimmer natürlich! Aber wie schwer kann das schon sein?! So´n bisschen Farbe an die Wand schmieren…

Der Traum vom Garten, Teil 2

Wir haben uns das so schön vorgestellt. Wie wir abends auf der Terrasse sitzen, ein isotonisches Kaltgetränk in den Händen und mit hochgelegten Beinen dem Sonnenuntergang zuschauen und dem Igel, der schnuffelnd durch die Wiese tappert auf der Suche nach heruntergefallenen Stachelbeeren…

Ha!

Vorm isotonischen Kaltgetränk steht der Schweiß. Schund, Plackerei, Gewuchte, Gestöhne, Steine, Dreck und Unkrautberge. Seit Wochen, ach was, Monaten, schuften wir an dem Gartengrundstück rum und legen eine Baustelle nach der anderen frei. Und es wird immer schlimmer! Der Beste hat die Möbel zerhackt (im Haus), da der Opa den Wohnzimmeranbau um die riesige, wunderschöne Eckcouch im Stil des Gelsenkirchner Barocks einfach drum herum gebaut hatte. Sie passte nicht durch die Tür! Bevor ihr fragt, auch nicht durch die Fenster, die meisten sind mit Bauschaum zugeklebt und lassen sich nicht öffnen. Warum? Ach, hört doch auf! Ich weiß es nicht! Aus demselben Grund, warum unter der Decke Stromkabel in den Raum hängen und eine Steckdose angebracht wurde (unter der Zimmerdecke). Damit geht die Deckenbeleuchtung an. Also, falls das jetzt unverständlich war: Wenn es dunkel wird, hole ich einen Stuhl, steige drauf, nehme eines der drei Kabel und stecke es in die Steckdose oben an der Decke. Dann geht das Licht im Wohnzimmer an. Hat jetzt wirklich noch jemand Fragen bezüglich der Fenster?! Wie bitte? Wofür die anderen zwei Kabel sind? Für die Terrassenbeleuchtung natürlich (Was für eine dumme Frage!). Und ja, es gibt nur EINE funktionierende Steckdose, entweder Licht im Wohnzimmer oder auf der Terrasse, ist doch klar!

Draußen ist es nicht besser. In den letzten zwanzig Jahren wurde immer wieder neu hinzugepflanzt, ursprünglich sah man das Häuschen nicht vom Gartentor aus. Wir haben das alles weggerissen, rausgebuddelt und Container damit befüllt. Viele. Sehr, sehr viele. Wirklich enorm viele! Es ist damit nicht getan. Ich hocke ständig im entweder verschlammten oder furztrockenem Boden und grabe Wüstlinge oder Unkraut aus. Manchmal ziehe ich an Wurzeln und reiße damit meterlange Gräben, weil die Arschlöcher den kompletten Garten durchdrungen haben. Umgeben von hunderten Nacktschnecken. Und Scherben. Der Garten liegt nämlich auf einer ehemaligen Mülldeponie, und ständig drücken sich Scherben und Glasstücke durch den Boden. Und Wurzelgemüse sollte man nicht anbauen, wegen der eventuellen Kontamination des Bodens. Das habe ich erfahren, nachdem ich ackerweise Karotten, Kartoffeln und Pastinaken angepflanzt habe… Macht ja nichts!

Außerdem habe ich Köttel auf der Arbeitsfläche in der Küche gefunden. Ich versuchte mir tapfer einzureden, das sei ein Igel gewesen. Ein Spezialigel, mit Kletterfüßen. Gibt es doch alles! Aber auch Löcher haben wir entdeckt, kinderfaustgroße. Und die heimlichen Besetzer wehren sich jetzt. Fressen die Sträucher von unten an, buddeln Haufen.

Hat der Beste sich im Frühjahr noch damit zufrieden gegeben, kiloweise Ameisengift zu verstreuen und zu gießen, so legt er jetzt an allen Stellen im Garten Fraßköder aus. Ich kann kaum noch schlafen, weil ich in Angst lebe, das Baby könnte sich daran bedienen. Der Beste ist beratungsresistent. Sein Sohn wäre doch nicht blöde und als Alternative könnte er noch Sprengsätze legen oder mit Gas rumexperimentieren, um die Viecher auszurotten. Dabei glänzen seine Augen.

Ich glaube, wir drehen langsam durch, der Beste und ich.

Der ganze Garten ist von Fässern unterhöhlt. Ursprünglich sollte mit dem aufgefangenen Regenwasser der Nutzwasserbedarf geregelt werden. Nur: die Fässer sind nicht miteinander verbunden! Und niemand weiß genau, wo überall welche sind! Ich albträume, der Boden sackt zusammen und reißt das Baby oder mich in die Tiefe. Jämmerlich ersaufend wird mein kurzes Leben enden. Oder das von meinen armen unschuldigen Kindern. Außerdem stehen noch diverse Wasserfässer halb eingebuddelt entlang der Grundstückseinfriedung. Ja, die haben einen Deckel. Und Kindersicherung (einen kleinen Stein obendrauf). Ich habe den Besten angefleht, er möge die Fässer zuschütten, der lebensbedrohlichen Situation ein Ende bereiten! Nein. Das ginge nicht. Die müsste man ausbuddeln und das kriegt keiner hin. Ich habe in den drastischsten Farben geschildert, wie ich mir das vorstelle: Ich stehe vor einem Wasserfass (was mir bis zum Knie geht), willens, eine Gießkanne einzutauchen um die Tomätchen zu wässern. Dann wird mir blümerant, ich lege einen Handrücken an die Stirn und taumele seufzend ich in die Tiefe. Das kann passieren! Sollen seine Kinder etwa mutterlos aufwachsen? Und wie will er mich wieder aus dem Fass rauskriegen?

Der Mann, der mich geheiratet hat winkte nur ab und meinte, ich sei viel zu melodramatisch.

Heute ist eine Nacktschnecke rotzfrech über die Terrasse geschlendert. Die schleimigen Arschlöcher sind überall. Ameisen, Wühlmäuse, und jetzt das. Unter jedem Blatt klebt eine, zwischen den Tomatenpflanzen, meine Aubergine haben sie angeschlabbert! Gibt es was Widerlicheres? Bäh. Iiih. Meine Schwester hatte vor ein paar Jahren einen Nacktschneckenbefall an der Terrassentür, Hunderte oder Tausende schleimten die Glastür nach oben und versuchten wohl das Haus zu entern. Kommt das jetzt auch auf mich zu? Ich fürchte schon, dass mich bald eine aus der Kaffeedose anglubscht oder im Babybett sitzt. Pfui.

Der Beste sagt, es gäbe eine spezielle Entenart, die der natürliche Feind der Nacktschnecken sei. Ich werde das googlen.

Also zusammenfassend ist zu vermelden, dass ich in panischer Angst lebe, das Baby könnte durch Nagergift, Glasscherben, Ertrinken oder Schneckenbefall Schaden nehmen und der Beste hat einen irren Blick. Der Garten sieht aus wie Dresden ´45, aber ansonsten geht’s uns gut.

Vermutlich steige ich demnächst ganz groß in die Entenzucht ein.

Oder ich sprenge die ganze Scheiße in die Luft! Ich muss den Besten mal fragen, wie das geht mit dem Gas und so…

 

Mommy Wars

Ja, ich jetzt auch.

Ich glaube mittlerweile, es kann gar nicht genug geschrieben oder diskutiert werden über dieses Thema, wobei ich gern „Mommy Wars“ gegen „Bitchiness“ im Allgemeinen austauschen würde als Diskussionsgrundlage. Aber die Mütterkriege sind natürlich ein wesentlicher Bestandteil dieses unleidlichen Phänomens…

Solange Missgunst und Neid unter den Frauen herrschen, hat Emanzipation keine Chance! Da brauchen wir nicht auf die Männer zeigen, nein, das schaffen wir alles ganz alleine! Wir demontieren uns gegenseitig, schmieden Ränke, denunzieren, neiden. Und bremsen damit nicht nur die Frau aus, die das Objekt unseres Neides ist, sondern auch uns selbst. Während unser eigener Kopf mit den negativen Gedanken um diese andere Frau beschäftigt ist, kann nichts Gutes und Großes darin wachsen. Keine Idee zum Beispiel, die uns beruflich nach vorn bringen könnte. Und in der Zwischenzeit werden wir spazierend von Männern auf der Karriereleiter überholt. Und wer dann kreischt: „Na wenigstens hat DIE den Job nicht bekommen!“ hat leider gar nichts verstanden (Hier geht’s zu einem lesenswerten Artikel in der taz.).

Wenn Frauen Mütter werden, nimmt diese Rivalität eine neue Dimension an. Äußerlichkeiten sind nach wie vor Neidtrigger (Gewicht, Hausgröße, PKW-Größe, Hautbeschaffenheit, Haarlänge, Klamottenarsenal, Schuhschrankgröße, Gewicht des Geldbeutels, usw.), aber dazu gesellen sich dann noch andere, hochemotionale Faktoren. Und das macht das Ganze zu einer explosiven Mischung.

Nimm eine selbstbewusste, in sich ruhende, erfolgreiche Frau, die mit beiden Beinen fest im Leben steht und sag etwas Negatives über ihre Schwangerschaft/ Geburtsentscheidung/ Stillentscheidung/ Betreuungsentscheidung/ Kindererziehung/ ihre Kinder. BUMMMMMM!

Es knallt! Sowas trifft einfach Jede. Mitten in die Brust. Und das ist vorhersehbar.

Und ich frage mich einmal mehr, warum? Warum ist das immer wieder Thema? Ich glaube nicht, dass „wir“ so sind. Ich weiß, dass Gruppenzugehörigkeitsgefühl und Empathie Gefühle sind, die gerade wir Frauen immens brauchen und auch suchen. Und die zu geben uns leicht fällt!

Aber offensichtlich gibt’s da auch Unsicherheiten, gefühlte Unzulänglichkeiten, unbewältigte Irgendwas-se, die uns unser Leben schwer machen und uns dazu bringen, anderen Frauen das Leben schwer zu machen. Und sei es nur, indem wir behaupten, so wie wir das machen, sei es richtig! Und nur so! Wessen Selbstwertgefühl braucht denn da so laute Unterstützung?

Mich macht das traurig. Und wütend. Ich bin auch nicht frei davon! Aber ich versuche jeden Tag in die Welt zu spazieren, innerlich eine Sonnenblume schwenkend, und Spuren von Liebe zu hinterlassen. Echt jetzt.

Und ich bin froh, dass das so oft thematisiert wird. Das bedeutet, es ist Energie in dem Thema! Und je öfter eine Botschaft hinausposaunt wird, umso eher wird sie verinnerlichte Wahrheit. Es gibt eine Facebookseite „End the Mommy Wars“, Bücher zu diesem Thema und die Mama Crowd! Ich freue mich riesig auf das Konzept, das Wachsen und Werden dieser Community.

Und ich hab da auch noch so ein Träumchen… Und manchmal denke ich, das ist gar kein Traum. Manchmal fühlt es sich genauso an!

Ich wünschte, alle Mommy Bloggers würden als gutes Beispiel voran gehen. So auftreten, dass sie als gefühlte Gemeinschaft wahrgenommen werden! Irgendwie steht ja auch jede von uns im Rampenlicht, wenn man so will. Gut, bei der einen ist es vielleicht nur eine Taschenlampe, aber darum geht es gar nicht. Es geht darum, dass Inhalte durch jede von uns vermittelt werden. Und das lesen eben zwei bis zwanzigtausend Frauen! Und ich denke, dass dadurch auch eine Verantwortung übernommen werden sollte. Von jeder Einzelnen von uns.

Bedingungslos respektvoller Umgang untereinander im „inner circle“ wäre ein Anfang.

Das bedeutet ganz praktisch nichts Unschaffbares, sondern für mich Selbstverständlichkeiten. Dass man niemandem folgt, um „ihn im Auge zu behalten“, ohne je irgendwas zu liken, kommentieren oder zu teilen. Großzügig sein! Gute Artikel gehören gelobt und geteilt. Sich nicht nur nicht an einem Shitstorm zu beteiligen, sondern mit Wortmeldung Partei zu ergreifen, wenn ein anderer Mommy Blogger angegriffen wird. Und Sätze wie „Das geht mich nichts an!“ gehören da nicht hin. In einer Gemeinschaft geht das eben jeden was an. Respekt und Fürsorge für einander sind nun mal unabdingbar. Keine Themen von anderen klauen. Verlinkungen sind das Mindeste. Ich meine nicht die Themen, die uns alle betreffen. Da ist es klar, die kommen überall vor und wenn viele über Probleme beim Stillen/ Einschlafen etc. schreiben schafft das Gemeinsamkeiten. Das finde ich schön und das ist auch tröstlich. Aber wenn ich von einer Bloggerin höre, sie plant eine gut recherchierte Story über Geranienzucht und lese dann zwei Tage später irgendwo anders: Zehn ultimative Tipps für ihre Geranienzucht. Erstens: Gießen sie mit Wasser. Zweitens: Topfen sie die Geranien in Erde. Dann fühle ich mich vereiert! Sich auf Kosten andere profilieren zu wollen ist pfui! Das kommt leider vor, ich wünschte, dann käme von irgendwoher eine gelbe Karte hoch  Sich für andere neidlos freuen können. Jemand hat einen Print-Artikel publiziert? Toll! Herzlichen Glückwunsch! Jede Zweite hier träumt von einer Karriere als Kolumnistin bei DINGS oder BUMS. Wie viele sind wir? Tausend? Träume zu haben ist überlebenswichtig und dafür zu kämpfen zeugt von Mut und Willensstärke. Aber Fairness und Respekt gegenüber einer Erfolgreicheren zeugt von Herzensstärke. Ich wünsche mir Großzügigkeit und Herzensstärke untereinander. Und ein gelebtes Gemeinschaftsgefühl.

Und „da draußen“ einen respektvollen und neidlosen Umgang pflegen. Die Mutti dort drüben hat drei Kleidergrößen weniger als du? Na und, dafür hängt ihr der Arsch in Falten über der Kniekehle! Geh hin und gib ihr einen Kaffee aus, die hat ein schweres Los. Ihr versteht schon: „Unter jedem Dach wohnt ein Ach.“. Und Kinderkotze stinkt auf einem Armani-Blazer genauso wie auf einer Polyesterjacke vom Kik.

Wenn nicht nur jede zweite darüber schreibt, sondern auch so lebt, dann wird die Generation unserer Kinder sagen: „Hä? Mommy Wars? Was soll denn das sein?“.

Und Level zwei wird dann: Gegenseitiges Unterstützen. Wir sind viele. Wir können was bewegen. Wenn wir aufhören, uns gegenseitig das Leben schwer zumachen. Dann ist Energie frei um für unsere Themen zu kämpfen. Gemeinsam.

 

Simone von KiKo und Anna von Berlinmittemom haben zu diesem Thema auch schon geschrieben. Wahrscheinlich noch viele mehr. Du auch? Bitte teile den Link zu deinem Beitrag über die Kommentarfunktion. Danke!

Der Elternzeitpraktikant

Dass ich mich hier so rar mache, war nicht beabsichtigt. Die Umstände haben sich geändert. Meine persönliche Situation. Ich habe seit letzter Woche einen Praktikanten und der generiert sehr viel Arbeit und bindet alle freistehenden Ressourcen meinerseits.

Der Beste hat nämlich Erziehungsurlaub und wir müssen da jetzt durch. Ich wusste, dieser Tag würde kommen. Irgendwann. Nicht so schnell allerdings.

Ich versuchte kurzzeitig, ihm glaubhaft zu machen, dass „Erziehungsurlaub“ bedeuten würde, dass Väter an die gestiegene Komplexität der von ihnen erwarteten Leistungen und Kompetenzen ranerzogen werden sollen. Erfolglos.

Er freut sich schon seit Anbeginn der Einnistung des kindlichen Eies auf diese zwei Monate. Nichts kann ihm das versauen! Und was er für Pläne schmiedet! Und was wir alles unternehmen! Und wie toll das für uns zwei werden wird! Oder uns drei. Oder vier. Ganz toll wird das! Zwei Monate frei! Menschenskinder!

Meinen Einwurf, dass „frei“ es ja eigentlich nicht treffen würde, überhört er geflissentlich. Auch hat er mal wieder den Jackpot geknackt, denn da ich ja auch noch daheim bin, sieht das alles aus wie ein langer Sommerurlaub für ihn. Oder, um es aus meiner Warte zu beschreiben: wie ein nicht enden wollendes Wochenende (Ich bemerkte mal unter Freundinnen, dass ich die fünf Wochentage bräuchte, um mich von den Anstrengungen des Wochenendes zu erholen und erntete erstaunlicherweise verständnisvolles Nicken. Geht außer mir also noch zwei anderen so.).

Der Baby-Blondino ist jetzt zehn Monate bei uns und ich bin total verknallt wie am ersten Tag. Ich cruise glücklich in meinem Babyversum und liebe die Tage mit dem Hosenscheißer. Morgens, wenn die beiden großen Jungs das Haus verlassen haben, hauen wir uns noch mal ins Bett und gucken uns verliebt an, kuscheln, schlafen vielleicht noch mal und haben´s ansonsten schön. Termine versuche ich mir tageweise versetzt zu legen, damit so was wie Hektik gar nicht an uns ran kommt. Wenn ich am Rechner sitze, dann hockt der neben mir, kaut auf einem Kuli oder einer Wäscheklammer, guckt interessiert und gibt kluge Kommentare, wenn er gefragt wird: “Da! Da!“ (Genau, er spricht russisch. Das war nicht beabsichtigt, er ist einfach so hochtalentiert. Er spricht auch schwedisch. Alles, was er in die Hände nimmt, wird mit einem freundlichen „Hej!“ begrüßt. Deutsch spricht er im Übrigen nicht. Wir werden schwedisch lernen müssen und russisch kann ich übersetzten. Aber das nur am Rande. Zugegeben, ein längerer Rand, aber wer hier öfter mitliest weiß ja bereits, der heiße Brei ist meine Wohlfühlzone.). Wo war ich? Ach so, ja, also alles voller Geigen. Zumindest montags bis freitags. Am Wochenende habe ich manchmal das Gefühl, als ob wir eine achtköpfige Familie wären oder die Hottentotten bei uns eingefallen sind. Gebrülle, Gelärme, Gerenne, Hektik, Gezanke, Dreck und Unordnung. Nasse Sportklamotten vom Joggen, nasse Sportklamotten vom Radfahren, nasse Sportklamotten vom Squash, dazwischen nasse Sportklamotten, die schon gewaschen waren. Aber wer weiß das schon so genau. Ständig muss ich irgendwem der Brut irgendwas zu essen machen und komme gefühlt erst am Montagmorgen wieder aus der Küche raus.

Und das wird jetzt zwei Monate so sein. Denn justament fällt die Elternzeit des Besten in die Sommerferienzeit vom Kind Nummer eins! Jippieh! All inclusive für mich! Wer zum Henker hat das denn bestellt?

Am ersten Tag des Erziehungsurlaubs sprang der Beste hochmotiviert halb sieben aus dem Bett, um dem Großen das Frühstück zu richten und ließ mich bis um sieben weiterschlummern (Dann brauchte das Baby eine neue Windel!). Bereits am zweiten Tag blieb er liegen und stellte sich tot, ich hatte also wieder Frühschicht. Als das Kind Nummer eins mich halb acht fragte, ob es den Papa wecken dürfte, sagte ich fatalerweise ohne Nachzudenken: “Ja!“. Großer Fehler. Ein verschlafener, zerknautschter Ehemann steckte seinen missmutig dreinblickenden Kopf ins Kinderzimmer und schnauzte: „Und warum genau soll ich jetzt eigentlich aufstehen?!“.

Beim sich deshalb eher als gedacht notwendig erweisenden Mitarbeitergespräch zeigte er sich reumütig, aber wenig selbstkritisch: „Ich muss mich erst an die neue Situation approximieren!“. Aha.

Er kommentierte dann auch jeden seiner Handgriffe lobheischend und erwartete wohlwollende Bemerkungen über seine Leistungen im Kinderzimmer, denn noch niemals hatte ein Baby jemals einen derartig grünen, dünnen Riesenschiss gemacht und noch niemals hatte ein Vater auf der ganzen Welt und im Universum derartig versiert irgendeinen Hosenscheißer davon befreit!

Genau dreißig Minuten. Dann überlegte er wohl, dass die Praktikantenrolle nichts für ihn sei und es mal Zeit würde, dass mir hier jemand sagt, wie man das alles am besten macht. Und wer könnte das besser als er? Eben.

So stand er dann auch mit verschränkten Armen breitbeinig vor mir und konstatierte: „Schleppst du den etwa den ganzen Tag rum? Das ist ja kein Wunder, dass du immer Rückenschmerzen hast! Das wird jetzt anders! Der bleibt jetzt hier sitzen! Wird Zeit, dass der lernt, sich alleine zu beschäftigen!“. Auch das Baby bekam sein Fett weg. Beim Füttern: „Baby, jetzt ist aber Schluss! Hör auf mit den Armen zu fuchteln! Sofort! Du verschmierst den ganzen Brei! Rike, komm her! Ich brauche noch zwölf Zewa-Tücher! Dein Sohn ist überhaupt nicht kooperativ! Wie kann man ein kleines Baby innerhalb so kurzer Zeit derart verziehen! Den kann man nicht füttern! Baby, sitz still oder du bekommst gar nichts! Rike, komm zurück! Ich brauche einen Schnaps! Und tupf´ mir die Stirn ab!“.

Oder so ähnlich.

Abends, ich bin völlig fertig, mäandert der an mich ran und fragt allen Ernstes: „Und? Hab ich dir heute nicht schön geholfen?“.

Bestimmt ist er eine große Hilfe, ich muss mich wahrscheinlich auch erst an die neue Situation approximieren…Sind ja nur ZWEI MONATE!

 

 

 

Eine erotische Kurzgeschichte

Es waren einmal zwei Königskinder, die konnten nicht zueinander finden. Zwar lebten sie im gleichen Königreich, ja, manchmal befanden sie sich sogar zur selben Zeit im gleichen Schloss…aber es war kompliziert! Immer hatte die Prinzessin mindestens einen kleinen Wächter an ihrer Seite.

Eines Tages begab sich aber folgende glücksverheißende Situation:

„Du Schatz, sag mal, sehe ich das richtig: Kind Nummer eins ist nicht da, Kind Nummer zwei schläft, du und ich sind wach?!“

„Hm.“

„Hey! Ho! Hose runter, Bumsnudel raus, geht los! Lass uns in die Kissen springen!“

„Nee Frollein, so bestimmt nicht!“

„Ach komm, ich hab sogar was vorbereitet.“

„Du hast doch nicht etwa eine Kerze im Schlafzimmer angezündet?“

„Spinnst du? Ich habe die Bügelwäsche vom Bett geräumt!“

„Du bist echt so romantisch wie eine abgelaufene Parkuhr.“

„Schatz, das hast du lieb gesagt! Wo willst du hin?“

„Ins Bad, mich frisch machen.“

„Mensch, mach hinne! Das wird doch keine Hochzeitsnacht! Hopp hopp! Wir haben noch vier Minuten, wenns gut läuft! Drei, zwei…“

…Etwas später:

„Oh.“

„Ah.“

„Oh.“

„Ah.“

„Uwäääääääh! Uwäääääääh!“

„Was?! Was ist los?!“

„Ich war das nicht. Das Baby heult. Lass mich mal los, ich muss zu dem.“

„Nein, nein, mach weiter! Der hört gleich wieder auf!“

„Hört er nicht!“

„Doch!“

„Uwäääääääh! Uwäääääääääääääh!“

„Scheiße!“

„Scheiße.“

Und wenn sie nicht gestorben sind, so schläft die Prinzessin weiterhin jeden Abend tief und fest, egal, wie dolle der Prinz an ihr rüttelt und tagsüber wird sie von den kleinen Wächtern bewacht. Und der Prinz legt die Bügelwäsche zusammen.

Gute Nacht!

Der Konzept-Supermarkt

Ich würde ja so gern im Bioladen einkaufen, beim Demeter-Bäcker und das artgerecht gezogene Gemüse den Häschen auf dem Bio-Hof unter den Schnuten wegklauen…

Ich wohne aber in Dresden-Pieschen. Ich müsste den Stadtteil verlassen und längere Anfahrtswege in Kauf nehmen, um derlei raffinierte Lebensmittelverkaufsstellen anzusteuern. Und dazu bin ich zu faul. Meistens.

Als Frischzugezogene hatte ich allerlei Probleme mit der Lebensmittelbeschaffung, war ich doch eine zweistöckige Kaufhalle (der Alt-Ossi geht auch nach fünfundzwanzig Jahren noch in die „Kaufhalle“) gewöhnt und mehrere Bioläden und Reformhäuser buhlten um meinen Geldbeutel. Dort drüben. Auf der anderen Seite der Elbe.

Wir wohnen jetzt in direkter Nähe zu einem Supermarkt, der in Pieschen mit einer Dichte von zwei pro Quadratkilometer quasi die Marktherrschaft an sich gerissen hat. Für Ortsunkundige wirkt das Ambiente etwas befremdlich, ist der Markt doch morgens, mittags und abends belagert von Menschen. Nein, sie stehen nicht in einer Schlage, das fände ich ja noch plausibel (Kaufhalle-Schlange-normal. Kennen wir ja von früher!). Diese Menschen sitzen und stehen mit Erfrischungsgetränken in der Hand ohne erkennbaren Grund vor dem Markteingang. Ich habe mich mit (ebenfalls zugezogenen) Freunden unterhalten, die in Sichtnähe zum Markt Nummer zwei wohnen: Jap, auch da das gleiche Bild.

Das brachte mich zu der Erkenntnis: Das gehört zum Konzept! Diese Leute müssen Mitarbeiter sein. Niemand steht doch freiwillig einfach so den ganzen Tag vor einem Supermarkt. Ihr etwa?

Ich sehe vor meinem inneren Auge die Stellenausschreibung:

„Wir suchen für die Neueröffnung unseres Marktes in Dresden-Pieschen zehn Außendienstmitarbeiter (Vollzeit) im Bereich Rumlungern Kundenakquise. Bevorzugt Bewerber mit Hund!“

Ich muss sagen, ich habe mich mittlerweile an den Konzept-Supermarkt gewöhnt. Und nicht nur das, der Unterhaltungswert des Einkaufserlebnisses übersteigt eine nachmittägliche real-life-Doku-Soap im Privatfernsehen um Längen!

Heute hatten zwei Rastafaris Dienst vor dem Markt. Beide barfuß, tanzten sie nach einer Musik, die nur sie hören konnten. Einer hatte eine Gitarre über den Rücken geschnallt, aber die Musikdarbietung hatte ich offensichtlich verpasst (ich muss mir merken, das nächste Mal nach dem Veranstaltungskalender zu fragen). Der andere hatte dafür sehr schöne und viele Taubenfedern in seinem Haarturban. Sie lachten fröhlich und tanzten zur Unterhaltung der Besucher. Außerdem waren noch mehrere Außendienstmitarbeiter da, die vermutlich Doppelschichten geschoben hatten und sehr müde wirkten. Ich vermisste etwas die bärtige Frau mit der „natural wet-look“-Frisur, vor der sich mein Sohn schrecklich fürchtet, aber die hatte wohl frei.

Neben der Schwingtür verlangte ein Plakat nach meiner Aufmerksamkeit. „Wir suchen dich!“, darunter eine fröhlich lächelnde junge Frau, die ein monströses Reinigungsfahrzeug vor sich herschiebt und (durch ein T-Shirt mit dem Marktlogo zu erkennen) auch irgendwann mal zum Team der Kaufhalle gehört zu haben schien. Mich machte das traurig. Wo ist sie? Und wie lange wird sie schon vermisst?

Beim Eintreten durch die Schwingtür und dem Blick auf den Boden wird mir klar: Schon länger… Bitte melde dich!

Im Markt selber das übliche Durcheinander in den viel zu engen Gängen. Ein fröhliches „Hallo alle miteinander!“ auf den Lippen stürzte ich mich mit meinem Kinderwagen ins Gedränge. Verkehrsregeln werden hier prinzipiell missachtet, wer von rechts kommt kommt von rechts und hälts Maul oder wir sehn uns draußen, mein Freund! Akkustisch erinnert es an eine wilde Party in einem Getränkemarkt. Gelächter, Gegröle, Geräusche von aneinanderstoßenden Glasflaschen. Auf dem Fließband an der Kasse schepperts in einer Tour! Ich knalle selbstverständlich und mit Schmackes auch mein Sonnenblumenöl und meine Essigflasche auf das Band, um meine Zugehörigkeit durch Flaschenklappern zu demonstrieren. Bin vollständig assimiliert!

Olfaktorisch und haptisch wird auch einiges geboten. Während man sich auf dem Weg zur einzigen geöffneten Kasse durch den gesamten Laden schlängelt, wird geschoben, gedrückt, hin- und hergeschubst, ausgedünstet und zwangsweise eingeatmet, was das Zeug hält. Das Schlangestehen in meinem Konzept-Supermarkt kann glatt als Angstexpositionstraining für Sozialphobiker durchgehen.

Auch Kontaktanbahnung ist Bestandteil des Konzeptes. Nähe zum Kunden wird nicht nur beim in-der-Schlage-Stehen großgeschrieben. Auch wird gern untereinander das Gespräch gesucht: „Machen Gopp zu, du bleeder Arsch!“, „Isch gomme glei rüber! Bass bloß off, du Vochel!“.

Aufpassen muss auch ich. Heute grabschte in der Schlange eine schwielige Hand mit Nageldesign im Grunge-Look in den Kinderwagen und mit den Worten: „Nu, du bist or ä sießer, gleener Scheißer!“ wollte jemand mein Baby anfummeln! Da habe ich interveniert:

„Don´t touch, sonst Klatsch!“

Hat er verstanden. War wahrscheinlich ein Mitarbeiter des supermarkteigenen Kinderanimationsclubs. Und wir wissen ja, die übertreiben manchmal ein wenig…

Die schönste Zeit des Jahres

Wir sind nicht urlaubskompatibel, der Beste und ich. Der eine schreit „Meer!“, der andere „Berge!“ (oder allenfalls „Mehr Berge!“). Und diese Affinitäten sind bei uns auch noch extrem ausgeprägt.

Egal wo wir sind, wenn irgendwo am Horizont ein Hügel sichtbar ist, am besten noch mit einer schneebedeckten oder qualmenden Kuppe: „Oh! Das ist aber schön! Da will ich hin!“ (Er). Ein Maulwurfhügel im Garten und er steigt ganz sicher drauf: „Erstbegehung!“.

Mich zieht´s zum Wasser. Ich bin meersüchtig. Ich kenne zwar ein paar Weltmeere (vom Strand aus), aber mein Lieblingsmeerchen ist ganz klar die Ostsee. Wenn ich denn mal da bin, stolpere ich glückstaumelnd an den Strand wie ein Wüstenwanderer in eine Oase, schmeiße mich in den Sand, streichle den wundervollen Untergrund, starre grenzdebil aufs Wasser…und tauche ein in Transzendenz! Ich brauche nichts, ich denke nichts, ich atme, ich bin, ich bin vollkommen seelig… Bis ein Schatten meinen Blick verdunkelt: „Hier isses langweilig! Kein Berg! Nicht mal´n Hügel! Und was is´n das für Zeug in dem Ikea-Beutel?! Steine?! Vierzig Kilo Steine? Oh nein, sag mir nicht, das willst du mitnehmen! Unser Zuhause sieht jetzt schon aus wie Stonehenge!“.

Urlaubsfoto von ihr

Urlaubsfoto von ihr

Ich habe im Gegenzug für ein paar Steine vom Strand ungezählte Urlaube in den Bergen hinter mich gebracht, adrenalinbesoffen und stinkend vor Angstschweiß an mindestens fünfzig Zentimeter hohen Abgründen entlanggehangelt, hysterisch schreiend, der Arschlochvater solle gefälligst das Kind mit seinem Gürtel sichern und in abrissreifen Bruchbuden („Sie haben eine wahnsinnstolle Sicht auf die Berge!“) mit einem verbeulten Topf ohne Henkel und einem rostigen Wok Essen gekocht. Ich habe mich zwölftausendmal verlaufen mit dem Bergsüchtigen, der behauptet, er könne Karten lesen. Oder „aus Versehen“ das Navi vergessen hat mitzunehmen um den Challenge-Charakter des Ausfluges zu erhöhen. Bin mit Wurstschnitten im Rucksack durch Wälder, Gebirge und Steinshaufen gekraxelt um den wundervollen, anbetungswürdigen Mann, den ich geheiratet habe, glücklich zu machen. „Wenn ich hier jemals lebend aus diesem gottverfluchten, verfickten Scheißwald rauskomme lass ich mich scheiden! An der nächsten Wegkreuzung!“.

Wir verreisen jetzt getrennt. Nicht immer, aber öfter.

Alle zwei Jahre packt der Beste seinen Rucksack und seine Kumpels und dann stapfen die durch irgendwelche Dschungel am anderen Ende der Welt. Steigen auf Vulkane oder Gletscher, schlafen in Zelten auf Bergen oder in finstren Gegenden, reisen und speisen wie die Einheimischen und wechseln drehen nur alle paar Tage ihre „Schlübber“ auf links.

dirk2

Urlaubsfoto von ihm

Und ich finde das wundervoll! Wenn er nach ein paar Wochen im Nirgendwo und genug Bohnensuppe intus, um meine überragenden Kochkünste wieder schätzen zu können, heimkommt…dann habe ich Herzklopfen! Muffensausen wie eine Siebzehnjährige!

Zum Flughafen schaffe ich einen Schreibtischtäter mit zarten Händen und empfindlicher Haut und ein paar Wochen später spuckt mir der Flughafen einen braungebrannten, vollbärtigen Weltbezwinger aus mit Pranken zum Bärentöten und einem Blick, der sagt, dass er das auf der Stelle tun würde, sollte jetzt ein Bär auftauchen und sich zwischen ihn und mich und den heißesten Kuss der Welt stellen! Und wenn wir irgendwann aufgehört haben zu knutschen, zeigt er mir Bilder und Videos und seine Begeisterung schwappt rüber zu mir und mein Stolz auf ihn rüber zu ihm…und so geht das hin und her. Das ist wie eine Frischekur für unsere Ehe. Während der Trennungszeit schreiben wir uns Liebesbriefe (Na gut! Mails!) und sehnen uns nach einander. Ich mag Vermissen! Zumal das Sehnen mit dem Vergessen der Macken des anderen einhergeht. Je länger er weg ist, umso toller und Superman-mäßiger wird er.

Es gibt allerdings Stimmen im Umfeld, die offen sagen, sie fänden das indiskutabel! Der Mann hat Familie! Und Verantwortung! Wie kann der seine Frau mit den Kindern wochenlang alleine lassen um seinen Spaß zu haben (Und wie kannst du als Frau derartige Faxen unterstützen?! Wenn das nun alle machen wöllten!).

Richtig. Er hat Verantwortung! Und zwar in erster Linie für sich und sein Wohlbefinden. Genau wie ich. Uns gefällt die Idee einer Partnerschaft, in der Individualbedürfnisse nicht hinter dem Kollektivbedürfnis zurückstecken müssen. Ich kann das machen, WEIL ich mit dir zusammen bin und du meine Träume unterstützt. Auch wenn es nicht deine Träume sind. Träume haben wir alle und auf vielen Sinnspruchkarten steht gern auch der Wunsch nach …Mut, sie zu verwirklichen… Ist es nicht schön, wenn man nicht nur den Mut dazu hat, sondern auch jemanden an der Seite, der einen nicht bremst sondern bestärkt? Wenn man dadurch lernt, dass Träume keine Schäume sondern Pläne in einer Grobkonzeptionsphase sind? Und dass dieser Mensch auch stark genug ist zu sagen, ich brauche dich, aber in erster Linie möchte ich, dass du glücklich bist! Tu, was dafür nötig ist und sag mir, wie ich dich unterstützen kann.

Und er träumt nun mal von Semeru, Krakatau, Nanga Parbat und Machu Picchu (Gesundheit!). Ich will da nicht hin! Aber warum sollte er das dann lassen?! Im Gegenzug nimmt er Urlaubstage und fährt babysittend mehrmals täglich durch die Stadt um mir das Kind zum Stillen zu bringen, weil ich mir zum Beispiel in den Kopf setze, im Wochenbett noch eine Ausbildung mit unklarer Zukunftsperspektive beginnen zu müssen. Und zwar selbstverständlich!

Ich träume ganz bestimmt bald wieder von der Ostsee. Und von Steinen. Einem Ikea-Beutel voller Strandgut. Da muss er dann durch. Immerhin könnte es durchaus schlimmer kommen: Ich könnte ja schließlich auch von einem Trantra-Seminar auf Goa träumen oder ein Sonnenstudio eröffnen wollen oder eine Agentur für männliche Nacktputzer. Oder mit ihm einen Walzerkurs belegen wollen…

Und ihr, macht mit euren Träumen was ihr wollt! Und habt die schönste Zeit des Jahres. Am besten jetzt.

Call me Tigermom!

Call me Tigermom!

Als Kind im Nieselpriemhaushalt zu leben, ist echt beschissen. Zumindest wenn du knapp vierzehn bist. Als Baby mag´s gehen, da kannst du noch machen, was du willst, aber später… das reinste Bootcamp!

Unser Kind Nummer eins hat es schwer mit uns. Rigide Regeln, wohin du schaust. Prinzipiell findet das Kind ja Regeln gut und braucht die auch ganz dringend, aber die von uns aufgestellten sind echt zu heavy…

Computer- /Fernsehzeit ist auf siebzig Minuten am Tag begrenzt, am Wochenende zweimal eine Stunde mit langer Pause. Wir Bootcamp-Verwalter halten uns da (gelockert) an die vom Bundesministerium für Gesundheit erstellten Richtlinien. Es dürfen nur Spiele und Sendungen konsumiert werden, die FSK 12 sind. Heute in zwei Wochen dann Spiele mit FSK 14. Keinen Tag eher, denn dann isser ja noch nicht vierzehn! Hausaufgaben und Pflichten müssen vorher erledigt sein. Voll ätzend, oder? Alle in der Klasse sind so lange am Rechner, wie sie wollen, kein anderes Kind hat in diesem, seinem Alter so strikte Lernzeiten und ALLE spielen Spiele ab sechzehn oder sogar achtzehn und gucken Splatterfilme!

Das höre ich regelmäßig. Mir egal, dem Besten sowieso. Wir sind nicht die Eltern von „alle“. Ausnahmen funktionieren bei unserem Großen leider nicht, trotzdem gibt es die. Na klar schauen wir auch mal einen Film zusammen, gehen ins Kino oder es ist gerade Fußball-WM. Dann stellt niemand die Eieruhr, um auf die begrenzte Mediennutzungszeit hinzuweisen. Ansonsten: Siehe oben.

Außerdem hat er voll wenig Taschengeld, darf nur drei Liter Limo und eine Tüte Chips pro Woche zu sich nehmen. Habt ihr sowas schon mal gehört?

Tja, ich finde, er findet kein Maß, also bekommt er eines vorgegeben. Punkt. Zu allem Genannten muss ich sagen: Es ist auch für mich hart. Ehrlich! Genöle, Gemaule, Gemotze den ganzen Tag. Wenn ich ihn machen ließe wie er wöllte, Mann, das wäre eine Ruhe hier! Alle paar Stunden käme er mal aus seiner Höhle um zu pinkeln oder Nachschub an Limo und Chips zu besorgen, aber ansonsten bekäme ich nicht viel von ihm zu sehen. Aber das geht nicht. Ich weiß, es gibt Kinder, die sich irgendwann selbst regulieren, sich Hobbies und Freunde suchen (und auch finden), das ist leider nicht zu erwarten in unserem Fall. Ergo nichts mit Selbstverwaltung des Jugendlichen. Er muss sich verwalten und reglementieren lassen. Und ich muss das Genöle weiterhin aushalten.

Aber der Knaller kommt jetzt:

Das Kind wird zum Sport gezwungen! Insgesamt hat er an durchschnittlich drei Tagen circa sechs Stunden Sport zusammen. Ohne Schulsport, zu dem zwingen ihn ja andere Mächte, das lassen wir jetzt mal außen vor.

Montags Gerätetraining, da geht er noch relativ gern hin („Mann, ich hab keen Bock auf den Scheiß!“ und latscht trotzdem los). Muss er auch, hat Skoliose und jeden Tag einen sauschweren Schulrucksack. Also hatte er die Wahl zwischen Rückentraining und Trolley… Er hat sich entschieden.

Während der Wintersaison spielen die Jungs sonntags Squash, da geht er auch beinahe freiwillig mit („Orrr, MÜSSEN wir wieder Squash spielen?! Wie öde!“).

Samstags wird bei uns gelaufen. Wir laufen alle und irgendeinen Sport zusammen zu machen finden wir altmodischen Spießer irgendwie dufte. Das wochenendliche in-der-Gegend-Rumgerenne erzeugt schon mehr Protest („So eine Scheiße! Ich mach das nicht! Könnter vergessen! Immer zwingt ihr mich! Joggen ist soooo assi! Nö! Ich mach das nicht! Werdet ihr ja sehen!“). Er läuft. Natürlich.

Am Schlimmsten aber ist für das Kind, dass wir ihn seit nunmehr sechs Jahren zwingen, freitags zu Karate zu gehen. Wir gucken oft zu, wir motivieren, wir loben. Wurscht. Jeden (!) Freitag bildet er eine Krankheit aus um das Training zu vermeiden und motzt: „Ich HASSSSSE Karate! Schon IMMER! Ihr könnt mich dort nicht gegen meinen Willen hinschicken! Püh! Ich gehe nicht dort hin!“. Hat er auch schon mehrmals durchgezogen. Das kam raus, als der Beste das Kind mal vom Training abholen wollte und feststellen musste, es war gar nicht dort! Was für eine Aufregung! Im Nachhinein stellte sich heraus, der Junge hatte sich einfach (und das schon mehrmals) in der Städtischen Bibliothek versteckt und gelesen, bis es Zeit war, wieder den Heimweg anzutreten. Fortan hatte er einen Fahrdienst.

Natürlich hätte man (wir) in diesem Moment nach einer Alternative suchen können, zusammen mit dem Kind. Von ihm selber kommt da leider nichts und außer Computerspielen gibt’s ja auch keine Hobbies! Auf Musikinstrument hat er noch weniger Bock. Der Karateverein ist (aus Elternsicht) das Beste, was ihm passieren konnte. Tolle kinderliebe Trainer, die mit Herzblut und Konsequenz unbezahlt unsere Gören schinden und nicht nur Gummibärchen verteilen und „Du bist toll!“-Plaketten, sondern auch mal Arschtritte als Motivationshilfe. Es wurde nicht diskutiert.

Ich habe gegoogelt.

Kinder zum Sport zu zwingen ist nicht gesellschaftlich akzeptiert. Das macht man nicht. Aber es gibt außer uns wohl noch so fiese Eltern, denn Google spuckt unzählige Treffer aus von Foreneinträgen a la „Können mich meine Eltern zum Handball zwingen?“ et cetera. Überall der gleiche Antwortsound: Nein. Können sie nicht. Sollten sie nicht. Und gute Eltern machen sowas auch nicht! Die suchen nach Alternativen oder akzeptieren die Wünsche des Jugendlichen.

Manchmal (besonders nach Konsum derartiger Forumslektüre) werde ich schwach und gehe mit dem Besten ins Gespräch. Tun wir das Richtige?

Ich habe als Kind Sport geliebt und zwar genau zwei Sportarten: Rhythmische Sportgymnastik und Geräteturnen. Erst das eine, dann das andere. Passt auch thematisch irgendwie. Ich war kreuzunglücklich, als irgendwann klar wurde, mein Talent reicht einfach nicht, um im DDR-Kader irgendeine Rolle zu spielen. Aber trotzdem: Mich musste niemand zum Training zwingen und es ist noch nicht mal jemand zugucken gekommen um mich zu loben! War damals eben so. Jeder machte halt irgendeinen Sport.

Obwohl, irgendeinen… Der Beste hat etwa dreißig Sportarten probiert, wobei ich da nur rate, ich bekomme unmöglich alle zusammen. Und genau das macht er jetzt als Konterargument geltend! Er habe gar keine Liebe für eine Sportart entwickeln können, weil er beim kleinsten Missfallen problemlos die Mannschaft, die Sportart oder den Verein wechseln konnte. Und es gab natürlich auch keine Erfolge! Wo sollten die auch herkommen?

Hm. Da ist was dran.

Und dann guck ich auf das motzende Sport-ist-blöd-Kind. Samstags nach dem Laufen ist er tiefenentspannt für mehrere Stunden. Er läuft für sein Alter eine Superzeit und hat sogar schon an Läufen teilgenommen (Was ihm nichts bedeutet.). Wenn die im Schulsport „Langstrecke“ laufen, ist er der Beste (Das bedeutet ihm was!). Wenn er vom Karatetraining kommt, sagt er immer, es sei schön gewesen. Oder toll. Oder scheißanstrengend. Wichtig ist: Er wirkt zufrieden! Immer. Er ist sogar ziemlich gut, aber das bedeutet ihm (natürlich) nichts. Wir zwingen ihn nicht an Wettkämpfen teilzunehmen, aber zum Training. Jede Woche erneut.

Dieses Wochenende war mal wieder „Tribünenwochenende“, das heißt: Gürtelprüfungen. Alle zwei Jahre etwa bei uns.

Und diese Woche war irgendetwas anders: Der Junge hatte Lampenfieber! Schon Tage vorher.

Es war super, er war super. Mir ist das Herzel übergelaufen! Dieses Unruhebündel dort unten zu sehen, wie er hochkonzentriert, ruhig, kraftvoll und wunderschön seine Leistung abgeliefert hat. Belohnung: Ein „A“ (entspricht einer Schul-Eins) und der grüne Gürtel.

Eins dieser Kinder wird zum Training gezwungen :)

Eines dieser Kinder wird zum Training gezwungen 🙂

Im Auto dann: „Spätestens wenn ich achtzehn bin, habe ich den schwarzen Gürtel. Und dann mach ich weiter. Ich will auch einen Meistergrad erreichen!“. Aus dem Mund meines Kindes.

Vor lauter Vorfreude lockerte ich schon das Korsett. Brauche ich ihn jetzt etwa nicht mehr zu zwingen? Und würde der Rest dann auch unkompliziert laufen? Irgendwann?

Heute Abend fragte er dann allerdings , ob er denn zur Feier des Tages ein Spiel ab achtzehn spielen dürfte? Ich hatte mich wohl zu früh gefreut und die harten Bandagen abgelegt. Aber ganz ehrlich, wenn Erziehungsarbeit Spaß machen würde, würde es Erziehungsspaß heißen.

Also, alle Mann wieder in den Ring! Es geht weiter!

 

 

 

 

 

 

Meine Blumen für…

Meine Blumen für…

Gäbe es eine Eltern-Innung, wäre der Betreiber dieser Website nicht nur Handwerksmeister sondern auch demokratisch gewähltes Vorstandsmitglied und ich könnte ihm heute zu seiner erfolgreichen Wiederwahl diese selbstgepflückten Blumen überreichen! Schon beim Betreten des Familienbetriebes wird klar, hier lenkt nichts das flashanimationsverwöhnte Auge vom schwarzen Text auf weißem Grund ab. Hier wird niemand zuckergußartig a la „Hallöle ihr Süßen <3“ begrüßt und nirgends findet man herzchenverzierte Bildchen von herzallerliebsten Cupcakes oder Lippenstiftempfehlungen (zum Glück!)! Hier gehts um Wissenstransfer! Informationsvermittlung! Die erfolgreiche Führung eines Familienbetriebes ist schliesslich kein Ponyschlecken und wir sind nicht zum Spaß hier, sonst könnten wir uns die Mühe mit der Elternbloggerei gleich sparen und uns alle beim Frauentausch anmelden! Für eine kleine Gruppe an intellektuell Gereiften sind die anspruchsvollen Texte trotzdem geeignet. Solltest du 1. dich in der Gründungsphase eines Familienbetriebes befinden oder 2. bereits Mutter und/oder Vater sein oder 3. festgestellt haben, dass du Mutter und/oder Vater hast oder 4. möglicherweise einmal im Bus neben einer Person gesessen haben könntest, auf die einer der genannten Punkte zutrifft: Hinsurfen, lesen, lernen, lachen! Kontraindiziert bei chronischer Humorlosigkeit und therapieresistenter Affinität für Klickibunti-Websites.

Mein schrägstes Urlaubserlebnis – Walgesänge im Brandenburgischen

Mama on the rocks ruft zur Blogparade zu diesem Thema und ich folge gern!

Um vorzugreifen: Immer, wenn wir alle zusammen in Urlaub fahren, wird das unser schrägster Urlaub. Es liegt an uns, eindeutig. Insofern taugt der letzte Sommerurlaub genauso gut wie jeder andere als Beispiel:

Sommer 2013. Die globale Erwärmung macht ihrem Ruf alle Ehre. Es werden Temperaturen an der 40°C-Marke gemessen. Und ich bin hochschwanger. Gut, das waren andere auch. Um möglichst viele Mitleidspunkte zu ergattern hatte ich mir zwei Zehen gebrochen und musste sechs Wochen meinen Walkörper samt Klumpfuß mittels Krücken in der Gegend rumwuchten.

Der Beste meinte, Schwangerschaft und Klumpfuß hin oder her, das Kind Nummer 1 hat Ferien und wir sollten ans Wasser. Nicht weit weg, wegen der eventuell eher einsetzenden Niederkunft, schwangerschafts- und klumpfußkompatibel.

Auf ins Brandenburgische! Senftenberger See. Surfen und Baden für die Jungs, Zusehen für mich. Gesagt, gebucht. Drei Wochen.

Mitteilung: Alle Ferienhäuser mit gehobenem Standard sind ausgebucht, alle Ferienhäuser mit mittlerem Standard sind ausgebucht, alle Ferienhäuser mit Minimalstandard sind…sie wissen schon… Aber wir haben noch ein Häuschen für sie gefunden! Toll, oder?!

Na warten wir´s ab…

Blick auf den Lageplan und Suchspiel: Suche das am weitesten von allen regelmäßig zu frequentierenden Punkten (See, Restaurants, Einkaufsmöglichkeiten, Kino etc.) gelegene Häuschen. Richtig! Unser.

Verzweifelte Vorahnung machte sich in mir breit. Ich ließ aus diesem Grund nichts unversucht, um meine Teilnahme an dem sommerlichen Familienevent zu vermeiden. Zwecklos. Es wurde ein Rollstuhl geordert bei einem brandenburgischen Rehaladen und meine Jungs versicherten, sie würden mich in der Gegend rumfahren. Egal, wohin ich wöllte! Und das macht uns nichts aus! Also mir schon, aber ich wurde nicht gehört.

Ich musste mit.

Der Ferienpark am Senftenberger See ist wirklich schön. Ohne Frage. Und im Sommer sehr gut besucht. Wir erfuhren, dass es noch ein paar wenige Häuser gab, die noch nicht saniert/abgerissen waren und also dem DDR-Standard entsprachen und eigentlich nicht mehr belegt würden. Eigentlich! Für uns hat man eine Ausnahme gemacht.

Leute! Also es gibt wohl (N)ostalgiker, die auf so´n Scheiß stehen. Ich steh aber auf fünf Sterne Plus und Kellner.

Das „Häuschen“ entpuppte sich als Pappbungalow, stilecht im Chic der späten Siebziger eingerichtet. Ich dachte sofort an Pionierferienlager und Fahnenappell. Der Geruch nach Klostein und Polyesterschweiß erschlug mich bereits beim ersten Eintreten (Und nach zweieinhalb Wochen immer noch, ich hab ihn selbst jetzt noch in der Nase!).

Die Bruchbude maß circa drei Quadratmeter, in denen ein Aufenthaltsraum mit Küche, zwei Schlafräume und ein Klo untergebracht waren. Abgeranzte Möbel und Plasteblumen auf dem Resopaltisch inklusive. Das gerahmte Konterfei von Erich Mielke und die DDR-Fahne hatte man abgenommen, ansonsten: Willkommen zu ihrer Zeitreise!

Ich wollte SOFORT wieder heim! Diesen Fluchtreflex verbalisierte ich in den kommenden Tagen quasi ständig: Als Befehl, als Bitte, als Flehen. Vergeblich.

In das olle Klo passten nur Teile von mir, die Tür konnte ich nicht schließen, Dusche war einen Kilometer weit entfernt und nicht aus eigener Muskelkraft erreichbar. Wie alles andere auch. Überall wurden der Klumpfuß und ich hingerollt. Entwürdigend! Tagsüber saß ich dann bei 38°C am Senftenberger Strand und sah den Leuten beim Baden zu. Dann wurde ich wieder weggerollt.

Nachts kam das Grauen. Also nicht in Form meines Mannes, diese Möglichkeit gab der Pappkarton nicht her (Am ersten Abend wälzte der Beste auf seiner Holzliege ein Stück in die Mitte um mir auf meiner Holzliege einen Gutenachtkuss zu geben, da tönte es vom Kind Nummer 1 von gegenüber der Pappwand: „UNTERSTEHT euch! Ich kann euch hören!“). Nein, es kamen Myriaden von Mücken, Schnaken, Bremsen und alle stürzten sich auf mich. Außerdem kühlte es in „Honeckers Rache“ (so taufte ich das Pappmonstrum) nachts auf unglaublich 35°C ab. Das war´s.

Schlaflos in Senftenberg. Jeden Abend.

Den Besten stört gar nichts. Der Weltenbummler schläft in indischen Zügen genauso gut wie in einem Biwak in sechstausend Metern Höhe. Rumdrehen, schlafen. Nicht ich. Jeden Abend das gleiche Spektakel: Pünktlich um Mitternacht saß ich mit meinem massigen Walkörper nackt auf einem Stuhl in der schwülen Dunkelheit, ein nasses Badetuch um meine Schultern und heulte müde und verzweifelt: „Huhuhuhuhuhu! Huhuhuhuhu!“. Walgesänge in Brandenburg.

Morgens drohte ich als erstes entweder mit Scheidung und dann damit, zu packen und mir ein Taxi gen Heimat zu rufen. Oder umgekehrt!

Ich zog alle Register. Ich simulierte Wehentätigkeit und zwang den Besten, mit mir kilometerweit durch die Pampa in ein Kreiskrankenhaus zu fahren, wo man mich als Simulant sofort per Erstblick entlarvte und dann für Stunden parkte. Ich bekam keinen Brandenburger, durfte aber zuhören, wie es klingt, wenn andere Leute Brandenburger bekommen. Und der Beste auch.

Er wollte trotzdem bleiben.

Ich schrieb verzweifelte SMS an Freunde und Verwandte: „Ihr müsst uns unbedingt besuchen! Es ist so schöööön hier!“, und kaum fuhren die lieben Freunde vor, flüsterte ich verschwörerisch wie ein Anstaltspatient: „Ihr müsst mich unbedingt mitnehmen nach Hause! Ich werde hier gegen meinen Willen festgehalten!“.

Ich musste trotzdem bleiben.

Tagsüber wurde ich mit Unmengen an Torte, Eis und chinesischem Essen versöhnlich gestimmt und so gewann ich unter der brütenden Sonne manchmal meinen Humor zurück und sang aus meinem Rollstuhl Rainald Grebes Brandenburg-Song in eigener Textfassung: „In Brandenburg, in Brandenburg, da habe ich einst meinen Mann erwurgt!“.

Wir haben es überlebt (der Beste nur knapp), wir sind immer noch nicht geschieden und zur Entbindung von Kind Nummer 2 haben wir es auch über die Landesgrenze nach Sachsen geschafft.

Die schönste Zeit des Jahres?! Hau mir bloß ab mit Sommerurlaub!

Und irgendwie beginne ich beim Lesen meines Textes zu begreifen, was der Beste meint, als er verkündete: „Das war´s mit Kinderkriegen! Noch so eine Schwangerschaft halte ich nicht aus!“. 🙂

 

 

Normalnull

Seit Tagen schiebe ich Formularzeugs auf meinem Schreibtisch hin und her. Immer liegt es mir irgendwie im Weg und brüllt „FRIENDLY REMINDER!!!“.

Ich tu mich schwer, aber ich tu jetzt. Zumindest darüber reden, warum es so schwer ist, das Gelumpe auszufüllen.

Unser Großer ist ein „besonderes“ Kind, immer schon. Bereits seit Eintritt in die Sozialisierungsanstalten wurde sein Verhalten thematisiert: Spielt nicht mit anderen oder weist andere permanent auf „falsches“ Spielen hin, will alles in einer bestimmten Ordnung haben und ausführen, kann sich nicht an Regeln und Anweisungen halten. Wir haben uns zu diesem Zeitpunkt keine Sorgen gemacht. Das „Problem“ hatten nur die anderen.

Er wuchs heran. Zu hause hatten wir ein wildes, aber fröhliches Kind. Probleme zeigten sich immer, wenn Vergleichsoperatoren anwesend waren. Andere Kinder, andere Eltern. Dann war offensichtlich, hm, der ist nicht wie die. Er stand immer bei den Erwachsenen und wollte sich mitunterhalten. Ein kleiner Junge, der mit großen Kulleraugen altklug in einer eloquenten Altherrensprache auftritt, amüsiert vielleicht noch, aber das ändert sich, wenn der Kulleräugige größer wird. Ein Zwölfjähriger, der nicht nur gegenüber allen Kindern, sondern auch allen anwesenden Erwachsenen alles besser zu wissen scheint, nervt nur noch.

Schulpsychologische Begutachtung bereits in der Grundschule, Psychologenkonsultationen, Sozialkompetenztrainings…wir haben alles gemacht. „Sie müssen ihm klaren Grenzen aufzeigen!“, „Ihr Junge verweigert Regeln! Sie müssen als Eltern dort konsequenter sein!“. Haben wir, waren wir, versuchten wir.

Er wurde größer und älter und die Umwelt nahm immer mehr Abstand von ihm. Für uns war er und ist er aber nach wie vor unser lieber, fröhlicher Junge, an dem einfach NICHTS auszusetzen ist. Klar haben wir unsere Reibereien und die nehmen auch mit dem Alter immer mehr zu. Aber meine Grundhaltung ist eine zutiefst subjektive! Und das macht alles umso schwerer. Alles, das heißt, zu sehen, was dort wirklich ist. Ich sehe doch ein anderes Bild von meinem Kind als alle anderen! Und weil er mein erstes ist, ist er auch mein „Normalnull“. Ich kann ja nicht vergleichen und sagen: „Hm, also bei dem und dem war das aber anders!“.

Mittlerweile ist die Diagnose klar: Autismusspektrumstörung (Asperger Syndrom) und ADHS. Manches ist durch die Diagnose leichter, manches schwerer.

Es gibt an ihm Besonderheiten, mit denen gebe ich gerne an. Darf ich?

Es war unglaublich, ihm zuzusehen, wie er Lego baute. Also nicht so spielerisch wie bei anderen Kindern, das hat ihn nie gereizt. Angefixt war er immer nur von einem GROßEN Karton, zugeschweißt. Am besten für Jugendliche, extrakompliziert. Dann blieb mir der Mund offen! Ein Blick auf die Bauanleitung (die oftmals so dick wie ein Lustiges Taschenbuch war) und dann hat er das Lego-Bagger-Irgendwas aus dem Kopf zusammengebaut. In einem Affenzahn! Mit Mechanik/Hydraulik, was auch immer dabei war. Er liebte das. Und ich das Zusehen.

Als er eine Zeit lang in einer Klinik war, kam er samstags alleine vom Bahnhof mit der Straßenbahn. Die haben da so ein Straßenbahn-Fernsehen. In den sechs Minuten, die die Bahn brauchte bis zu uns, hat er die Nachrichten in dem Straßenbahn-Fernseher gelesen und mir dann daheim wortwörtlich wiedergegeben. Spart die Tageszeitung! Gedichte, Lieder, einmal gelesen/gehört kann er auswendig. Das langweilt manchmal, weil er zu Filmnacherzählungen neigt, die dauern manchmal länger als der Spielfilm selber, weil JEDES Detail erwähnt werden muss. Gähn!

Nur. Aber. Es nützt ihm im Alltag nichts. Er ist klug. Mit Attest klug. IQ irgendwas zwischen Null und Einstein. Physik, Mathe langweilen ihn entsetzlich. Einserschüler mit Langeweile. Aber. Der Praxistransfer ist quasi unmöglich! Gespeichertes abrufbereites Wissen ohne Anwendungsbezug.

Für alltägliche Verrichtungen braucht er S-T-U-N-D-E-N. Schleifen binden: Ein Hasenohr, zweites Hasenohr. Länge der Hasenohren vergleichen. Noch mal neu machen, weil ein Hasenohr kürzer ist. Also ein Hasenohr, zwei Hasenohren. Überkreuzen, Schlaufe binden. Fest ziehen. Richtig fest. Ruckeln, ob´s auch richtig fest ist. Vergleichen, ob beide Schlaufen gleich lang sind. Eventuell noch mal von vorn… (Du, das fetzt, wenn du morgens los musst!).

Strukturen sind das A und O und werden leider auch da gesehen, wo gar keine sind („Wir essen Samstag IMMER Nudeln!“). Mein most wanted: Er lümmelt gelangweilt abends neben mir auf der Couch und ich sage, er möge doch schon duschen gehen, wenn ihm so langweilig ist. „Nein, ich gehe immer 20:10 Uhr duschen, jetzt ist es erst acht Minuten nach acht!“. Die Liste ist unendlich erweiterbar…

Mit Gleichaltrigen kommt er mittlerweile gar nicht mehr zu Rande, Freundschaften sind nicht möglich und ich verstehe da auch schmerzenden Herzens die ablehnenden Kinder. Schulalltag auf einer Regelschule ist nur möglich, weil wir Hilfe vom Jugendamt bekommen haben (Frau B., wenn sie das lesen: Ich liebe sie für alles, was sie für uns tun!) in Form eines Schulintegrationshelfers, der ihn begleitet und unterstützt.

Worauf ich aber eigentlich hinauswill: Dass manche seiner Verhaltensweisen skurril sind, war mir schon immer klar. Aber das ist mein Kind und mein erstes, mein Liebstes, meine gelebte Normalität. Ich nehme vieles gar nicht mehr als absurd oder speziell wahr, weil ich mich in den vierzehn Jahren des Zusammenlebens einfach den Besonderheiten und Bedürfnissen angepasst habe.

(Was war denn nun mit den Papieren, von denen sie am Anfang geschrieben hat?! Immer dieses Rumgeschwurbel! Nie kommt die off´n Punkt!)

Schwerbehindertenausweis beantragen. Hab ich gemacht. Widerspruch einlegen gegen Bescheid. Habe ich gemacht. Neuen Grad der Behinderung einklagen. Erledigt. Immer noch nicht optimal, wobei optimal bedeutet: vergleichsweise ähnlich. Also muss ich wieder neu schreiben. Pflegestufe beantragen („Machen sie das, das steht ihrem Sohn zu!“). Da kommt nächste Woche irgendwer, um uns zu begutachten! Das wird was werden… Und ich muss im Vorfeld ein Pflegetagebuch schreiben…ich kann das nicht. Das ist doch gar nicht messbar! Und für die behinderte Behindertenstelle wieder ein Pamphlet aufsetzen und schreiben, was er alles NICHT kann und warum ihm dies und das auch noch zusteht…ich will das nicht. Ich bin doch nicht wegen Betteln vorbestraft! Mir ist das soooo unangenehm! Und ich sehe doch auch vieles gar nicht mehr an ihm als behindert an. Und ich WILL das auch eigentlich gar nicht sehen. Ich bin seine Mami, ich will weiterträumen, dass sich das alles irgendwie verwächst und alles gut wird! Und wenn mir detaillgetreu die Unzulänglichkeiten meines Kindes und seine niedergeschriebene offensichtliche Lebensunfähigkeit an die Mutterbrust springen, dann liege ich heute Nacht wieder wach mit angstklopfendem Herz!

Aber ich muss. Weil es nicht um mich geht und auch nicht um meine Gefühle und Ängste. Er kann ja nicht für sich selber kämpfen, deshalb muss ich das soziale Netz und den doppelten Boden so dicht und sicher spinnen für ihn, wie es eben möglich ist. Ich habe zwar vor, ewig zu leben, aber irgendwann muss ich das Kind ja auch loslassen. Und er soll weich fallen, wenn er schon fallen muss…

Deshalb setze ich jetzt den Helm auf, schnalle mir die Knieschützer um und stürze mich in die Schlacht mit den Behörden.

Und ich werde dieses Scheißtagebuch führen und irgendwie dem Kind erklären können, was dieser Mensch da nächste Woche von uns will bei der Pflegebegutachtung (Wie? Keine Ahnung, mir wird was einfallen.).

Bis dahin ruht hier still der See.

Ich würde lieber weiter an dem lustigen Text „Die schönste Zeit des Jahres“ schreiben, aber der wird noch warten müssen.

Und ihr auch. Ich hoffe…Bleibt mir treu. Und Daumendrücken schadet bestimmt auch nicht.

Verdauungs-Tourette

Neulich war aus der Küche zu hören: „ROOAAARPPP!“. Das Baby giggelt. “RÜÜLLLPPS!“ (eine Oktave höher, offensichtlich ein anderer Klangkörper). Das Baby quietscht vor Freude!

Meine Anwesenheit sah ich als dringend erforderlich. „Was macht ihr hier?“. Da saßen sie, flankierten den Kleinsten, grinsten und sprachen unisono: „Nichts!“.

Von wegen. Seit sie zu dritt sind, benehmen sie sich wie die Affen!

Dabei bin ich diesbezüglich einiges gewöhnt. Mein Vater war Bergsteiger. Wenn die Männer sich auf zu den Gipfeln machten und die Frauen am Fußes des Berges sich die Klamotten vom Leib rissen um in der Sonne zu bräunen, dann dauerte es meist nicht lang bis der der erste „RÜLLLPPPPS!“ durch die Stille schallte, gefolgt von weiteren (je nach Stärke der männlichen Seilschaft). Das war so ein Ritus, die Frauen wussten: Aha, jetzt ist Meiner heil auf dem Gipfel angekommen. Auch kenne ich das sonderbare Gebaren von männlichen Bergsteigern, unter dem Einfluss von Radeberger Exportbier gern mal die Wohnungstür zu öffnen, den Allerwertesten nach draußen zu recken und genüsslich und möglichst laut einen in die Nachbarschaft zu entlassen (natürlich nur in männlicher Gesellschaft, die die Heldentat dann auch gebührend grölend bejubelt).

Wie gesagt, ich bin da einiges gewöhnt und somit seit frühester Kindheit ein Ausbund an Toleranz gegenüber jedwedem menschlichem Verdauungsverhalten.

Wenn der Beste und ich in Wäldern und Auen lustwandeln, weiß ich, es dauert nicht lange bis das Gespräch über Politik, Umweltschutz und zeitgemäße Kindererziehung kurz ins Stocken gerät „…Warte…warte…(Augen zusammengekniffen, eine Arschbacke angehoben)…Gleich…Aaaah! Das tat gut! Wo waren wir stehengeblieben?“. Ich stehe mit verleierten Augen daneben und schäme mich zutiefst, aber wir sind ja draußen. Außerdem wird der Beste nicht müde mir zu erklären, das sei doch natürlich und sogar die Frau Merkel habe Verdauung! Dabei kann er das ja gar nicht wissen!

Jetzt sind sie zu dritt (also in der absoluten Überzahl) und verlagern ihr degeneriertes Verhalten nach drinnen. Seit ein Hosenscheißer mit Lizenz zum Furzen bei uns wohnt scheinen sie anzunehmen, das sei jetzt gestattet. Und ich WUSSTE, es war ein Fehler, wochenlang das Bäuerchen des Kleinsten zu beloben! Jetzt wollen sie alle gelobt werden! Und WIE die Bäuerchen machen!

Ich muss das eindämmen! Dabei habe ich doch eigentlich alles richtig gemacht: Die Badezimmer sind weibisiert, überall Duftfläschchen und Deckchen und Bilderchen und Chichi. Trotzdem werden die Toilettenzeiten der Herren immer länger. Wir haben zwei Badezimmer, eines im Ostflügel, eins im Westflügel. Man konnte mich schon hilflos in der Mitte des Flures stehen sehen beim Versuch, die lauten Anstrengungsgeräusche von links und die genüsslichen Entspannungsgeräusche von rechts auszublenden. Die zelebrieren das! Was kommt als nächstes? Im-Stehen-Pinkeln? Sich öffentlich die Cochones kratzen?

Wann immer ich versuche, ein kritisches Gespräch zu einem beliebigen Thema zu führen, kommt ein: „Warte einen Moment, ich muss erst mal aufs Klo.“ Und der jeweilige Kerl verschwindet mit dem jeweiligen Tablet unter dem Arm. Toilettengänge als Gesprächsverweigerung?! Funktioniert leider! Und ich kann nichts dagegen machen und das wissen sie genau (Was die noch nicht wissen: Ich habe rosa Babywolle rausgesucht und häkel jetzt Klodeckelbezüge und Hüte für die Klopapierrollen. Vielleicht auch Häkelbezüge für die Klopapierhalter. Mal sehn, wie wohl sie sich dann noch dort fühlen!).

Überhaupt scheint das Tablet auf´m Klo die Tageszeitung abglöst zu haben, was mich dazu verleitet anzunehmen, dass derartige Verhaltensmuster schon seit Generationen bestehen und auch typisch männlich sind. Da gibts doch Bildchen von: ein Kerl mit Zigarette im Mundwinkeln, runtergelassener Hose sitzt bequem und genüsslich lesend auf der Schüssel. Ich habe noch nie von einer auf dem Klo Zeitung lesenden Frau gehört! Ihr?

Heute morgen sitze ich mit dem Babylino auf dem Schoß am Küchentisch und schaue dem Mutantenkind beim Schaufeln seiner Cornflakes zu, als: „ROOOOAAAARPPPP!“ ein Laut die Stille zerreißt. Vor Schreck hätte ich fast das Baby fallen gelassen! „Sag mal, spinnst du?!“, „Mama! Ich kann doch nichts dafür! Ich habe VERSUCHT, den Mund zu zu lassen!“.

So, jetzt reicht es!

Am Ende der Woche werde ich mein Taschengeld fürstlich aufgebessert haben oder der Rest der Familie benimmt sich zivilisiert, beziehungsweise furzt und rülpst heimlich (Wie ich. Und Frau Merkel. Obwohl, so genau kann ich das ja nicht wissen.).

glas

Pieschen lädt ein

Pieschen lädt ein

„Sankt Pieschen. Weil Pieschen uns heilig ist!“. Vom 30.Mai bis 01.Juni zeigt sich unser Pieschen von seiner schönsten Seite. Dafür öffnen viele Künstler und Galeristen für Neugierige ihre Ateliers. Händler, Gewerbetreibende und Anwohner sorgen für drei erlebnisreiche Tage rund um den Konkordienplatz. Komm vorbei und „Give Pieschen a chance“, dein Herz zu erobern! Klick auf den Flyer um zum Programm zu gelangen. Und nach Pieschen bringen dich am Wochenende die Straßenbahnlinien 4, 9, 13. Vielleicht sehn wir uns?

sanktpieschen

Ansichten einer Kindergärtnerin

Ansichten einer Kindergärtnerin

In der aktuellen „Brigitte MOM“ ist ein Interview mit einer Kita-Leiterin abgedruckt. Ich habe mich sehr über den Artikel gefreut. Gerade, weil ein ehrlicher Austausch darüber, wie die andere Seite verschiedene Dinge sieht, im Alltag so nicht möglich ist. Irgendjemand ist ja immer in seiner „Rolle“.

Nach dem Lesen des Artikels saß ich mit Herzklopfen da.

Ich habe den allergrößten Respekt vor der erzieherischen Tätigkeit, sei es in einer Krippe, als Kindergärtner, Horterzieher oder Tagesmutti. Und bin der Meinung, wer diesen psychisch und physisch anstrengenden Beruf erwählt folgt einer Berufung. Aber ich bin auch der Ansicht, dass den beruflichen Betreuern durch die permanente Konfrontation mit vielen Eltern und vielen Kindern auf Dauer der Blick auf die Individualität jedes Einzelnen verloren geht. Eine „Betriebsblindheit“ entsteht. Meiner Erfahrung nach ist das Verhältnis zwischen Mutter und Erzieherin ein völlig anderes, wenn die Erzieherin selbst auch kleine Kinder hat und nicht längst erwachsene. Mir hat die Erzieherin meines Sohnes in der Grundschule einmal erzählt, seit ihr eigener Sohn die Schule besuchen würde und sie ständig antraben müsste, weil er sich nicht regelkonform verhält, sähe sie die Kinder in ihrer Klasse mit ganz anderen Augen.

In Zeiten, wo Mütter ständig mit dem Vergleichs- und Optimierungswahn konfrontiert werden, von dem wir uns doch ALLE so gern befreien würden, auch noch von professionelle Seite zu hören, dass „normale“ Kinder mit zweieinhalb trocken sind, nicht mit vier Jahren im Buggy sitzen und ihre Hausschuhe selbst anziehen können in der Früh…ja, dann ist Hilflosigkeit und/oder Wut auf Elternseite vorprogrammiert. Denn wir wissen doch alle, wie selten sich Kinder um genormtes Verhalten scheren. Ich erinnere mich an die mehrmals getätigte Aussage: „Wenn ihr Sohn nicht BALD trocken ist, darf er NICHT in den Kindergarten und muss bei den Krippenkindern bleiben!“ Und wer kennt denn nicht die Situation, vor einem trödelnden Kind zu stehen und zu überlegen, ob man die Telefonkonferenz um acht dann im Auto führen will oder schnell das Kind ruckizucki selber umzieht um es noch ins Büro zu schaffen.

Stichwort große Kinder im Buggy. Oft musste ich mir anhören, er sei mit fast vier zu alt um kutschiert zu werden. „Normal“ war es, dass die Kinder im Autositz angeschnallt vor der Kita abgeliefert wurden! Wo da der Unterschied sei, konnte mir die Erzieherin nicht sagen, zumal ich argumentierte, dass mein Kind wenigstens morgens schon zehn Minuten an der frischen Luft gewesen sei. Das Buggyfahren am Morgen hatte den Reiz, dass wir sowohl anhalten konnten um eine Katze zu bestaunen, ich aber die Entscheidung treffen konnte, wann und in welchem Tempo wir uns wieder auf den Weg machen. Und am Nachmittag sind wir zu Fuß nach hause gebummelt… Aber das wurde nicht gern gesehen und ich durfte dann auch den Buggy nicht mehr in der Garage der Kita abstellen, die sei für die Kinderkrippenwägen. Als ich dann später wie alle anderen auch mein Kind im Auto zur entsprechenden Einrichtung fuhr, verhielt ich mich genormt und es gab keine Beanstandung meines elterlichen Verhaltens.

Geschluckt habe ich beim Lesen der Bemerkung, dass die Kindergärtnerin das Zuspätkommen der Eltern als „Respektlosigkeit“ ansieht. Ich unterstelle einmal, dass die Muttis nicht vom Frisör kommen sondern von der Arbeit. Vielleicht vom anderen Ende der Stadt oder sogar aus einer anderen Stadt, einen außerplanmäßigen Stau oder ein Kundentelefonat nicht verhindern konnten und deshalb ihr Kind zu spät abholen. Ich habe jahrelang aus demselben Grund die Kita-Nummer stets im Kurzwahlspeicher gehabt und mehrfach zehn bis fünfzehn Minuten nach Schließzeit mit hängenden Armen und schweren Herzens mein „Bummelkind“ abholen müssen. Respektlos gegenüber der Erzieherin habe ich mich nie gefühlt und hatte wohl auch Glück, dass keine Erzieherin das jemals so gesehen hat (oder zumindest nicht ausgesprochen). Die fühlte Zerrissenheit von berufstätigen Müttern ist regelmäßig Gesprächsthema und gerade in solchen doch sehr unangenehmen Situationen geradezu greifbar! Dahinter ist keine Respektlosigkeit oder Vorsatz zu sehen, auch glaube ich nicht, dass eine Mutter die Zeit „vergisst“ und deshalb zu spät kommt. Oft genug sind die Trennungen am Morgen so schmerzhaft und hallen bis in den Mittag nach, sodass man es kaum erwarten kann, den kleinen Menschen endlich wieder an die Brust drücken zu können.

Die Kindergärtnerin ärgert sich weiter über das Verhalten bestimmter Eltern, die durch seltsame Methoden für ihr Kind einen persönlichen Vorteil generieren wollen. Ja, die gibt es und auch die anderen Eltern ärgern sich darüber! Aber trotzdem, ist das nicht auch verständlich? Wir bekommen immer weniger Kinder und somit haben diese wenigen Kinder einen ganz anderen Stellenwert in unserem Leben. Wir vertrauen der Kindergärtnerin morgens das Liebste an, das wir haben um im schlechtesten Fall von allen mit zerrissenem Gefühl („Muss ich denn wirklich so viel/ so lange/ überhaupt arbeiten?!“) unserem Tagwerk nachzugehen. Möchte ich dann nicht unbedingt und mit allen (wie auch immer) Mitteln sicherstellen, dass mein größter Schatz bestmöglich umsorgt wird bis ich das wieder selber tun kann? Und wird nicht derartig manipulatives Verhalten noch befeuert, indem Eltern schon in der Antrags- und Vergabephase zum Kitaplatz genötigt werden, durch Kuchenbacken, regelmäßige Besuche/ eMails („Schöne Grüße von Emilia! Sie würde sich seeeehr freuen, ab Mai auch ein Kindergartenkind zu sein in ihrer schönen Kita!“) , Präsenz zu jedweder Aktion (Säuberung der Außenanlagen, Streichen irgendwelcher Gerätschaften, etc.) ihre unbedingte Einsatzsatzbereitschaft und somit ihre Tauglichkeit für den Kitaplatz zu signalisieren?

Sollten nicht beide Seiten versuchen, sich respektvoll auf Augenhöhe zu begegnen und mehr Verständnis für die jeweils andere Situation aufzubringen?

Ich für meinen Teil werde das auf jeden Fall versuchen und der Artikel hat mir sehr geholfen die Sichtweise auf der anderen Seite besser zu verstehen. Ich wünsche mir für die Kitazeit des Kleinsten, dass wir einen Erzieher oder eine Erzieherin haben, die nachfragt bevor sie urteilt und sich auch in einer Beratungsrolle sieht. Denn auch eine erfahrene Mutter kann oft genug einen Rat gebrauchen und auch dankbar annehmen. Genauso wie Verständnis und Respekt. Das brauchen wir alle!

 

Die neue MOM ist wie immer lesenswert und jetzt im Handel erhältlich oder hier zu bestellen.

Das unfallgefährdete ICH

Ich bin nicht nur der „Küchengeräte-Terminator“, nein, auch vor mir selbst mache ich nicht Halt. In unserer Familie habe ich das Monopol für Spezialverletzungen gepachtet.

Während ich diesen Text schreibe sitze ich mit einem eiswürfelgefüllten Waschlappen auf dem Fuß an meinem Schreibtisch. Niemand bedauert mich, alle lachen mich aus! Weil mir andauernd dusslige Unfälle passieren.

Heute wollte ich eine Kuchenform abtrocknen, als der schweeeere Boden der grooooßen eckigen Form aus meinen grazilen Händen glitt und Kamikaze-mäßig im Sturzflug mit der Ecke zuerst meinen Fußrücken rammte. Ich habe jetzt eine fette blaue Beule auf meinem Fuß. Obendrauf. Es tut weh. Und sieht Scheiße aus!

Vor zwei Wochen wuchtete ich am Gartentor rum. Da der Löwenzahn bei uns im Garten die Weltherrschaft anstrebt, lässt sich das Gartentor kaum noch schließen. Es hängt einfach an den Unkrautnaben fest. Ich ziehe und zerre in gebückter Haltung und dann (Dieses Arschlochtor!) löst es sich und …rummmmms…kracht mir gegen den Kopf! Ich sehe Sterne und mein linkes Jochbein schwillt binnen Minuten. Für zwei Tage ähnele ich Axel Schulz, kann aber unter Verwendung von Camouflage-Makeup Fragen zu meinem Beziehungsstatus aus dem Weg gehen.

Im letzten Jahr habe ich mir zwei Zehen gebrochen. Im Schlafzimmer. Das klingt weitaus lustiger, als es tatsächlich war. Außerdem war ich hochschwanger und es war heiß, aber das Schicksal kannte keine Gnade. Also bin ich dickbäuchig mit orthopädischem (und sehr warmem) Stützschuh und Krücken in der Gegend rumgehumpelt und musste im Urlaub von meinen Jungs im Rollstuhl von der Kneipe zum See und wieder zurück gerollt werden. Haha!

Ich habe mir schon beim Bügeln den Bauch verbrannt (fragt gar nicht erst, wie blöde man dazu sein muss), weil ich den vorgeschriebenen Mindestabstand zum Bügelbrett nicht eingehalten hatte und keine Bauchschutzkleidung trug. Außerdem habe ich so viele Narben von Schnittverletzungen an den Händen, dass ich Edward mit den Scherenhänden daraus ein Facedouble basteln könnte. Einmal hatte sich ein Schnitt derart entzündet, dass ich Tetanus gespritzt bekam und die Betriebsärztin, die die Behandlung vornahm und offensichtlich über Humor verfügte, mir ein Attest ausstellte, was mich von jeglicher Hausarbeit befreit. „Zur Vorlage zu Hause“ stand obendrüber. Mit Amtsarztstempel! Leider kann ich das Ding nicht finden…Wahrscheinlich ist die Befreiungsfrist auch längst abgelaufen.

Den kapitalsten Bock habe ich allerdings vor vielen Jahren geschossen, als der Beste und ich uns gerade kennengelernt hatten. Ich wollte Bananen-Milchshakes zum Frühstück machen. Der Standmixer stand auf dem Kühlschrank und musste zu diesem Zwecke natürlich runtergeholt werden. Man hätte einen Stuhl holen können und draufsteigen. Wahrscheinlich hielt ich mich mal wieder für sehr viel größer als ich tatsächlich bin und so fummelte ich also auf Zehenspitzen mit ausgetreckten Ärmchen vor dem Kühlschrank herum. Ich bekam den metallenen Fuß des Mixers irgendwie zu fassen und grabschte danach. Soweit, so gut. Als nächstes löste sich das schweeeere Mixerglas, was ja nur obenauf saß, sauste abwärts und …rummmmms…landete in meinem erwartungsvoll nach oben gerichteten Gesicht. Fazit: aufgeplatzte Augenbraue, fettes Veilchen. Nachwirkung: Der Beste wollte mit mir zusammen nicht mehr auf die Straße gehen. Die Leute würden ihn so komisch anschauen. Und es gab grölende Schenkelklopfer auf Arbeit, als ich erklärte, mir sei ein Mixer aufs Auge gefallen!

Was habe ich daraus gelernt? Blauer Lidschatten steht mir überhaupt nicht und Bananen-Milchshake zum Frühstück wird überbewertet.

Und ich möchte gern ein Haushaltattest. Liest vielleicht eine Amtsärztin mit?

Spenden to go

Neulich vorm Edeka:

„Darf ich sie mal ansprechen? Ich bin vom Tierschutz und wir suchen Futterpaten für das Tierheim in Freital.“

„Aha.“

„Die Mindestspende beträgt zweiundvierzig Euro für ein halbes Jahr. Sie können auch für ein Jahr Futterpate werden oder…“

„Okay, wenn sie mir die Unterlagen mitgeben, werde ich mir das durchlesen.“

„Nein, damit haben wir schlechte Erfahrungen gemacht, da kommt dann nichts zurück. Das ist zu unverbindlich für die Leute!“

„Aber ich sehe doch hier auf dem Formular…IBAN…etc. Ich gebe ihnen ganz sicher nicht vorm Edeka einfach so meine Kontodaten! Bitte geben sie mir das zum Lesen mit und dann kann ich mich ja entscheiden, ob und in welcher Höhe ich da unterstützen möchte.“

„Wie ich schon sagte, nein. Die ein, zwei Punkte, die vielleicht Gesprächsbedarf generieren, können wir hier am Stand klären. Außerdem haben sie zwei Wochen Rücktrittsfrist. Hier unten steht eine eMail-Adresse…“

„Also hören sie mal, es geht ja nicht um fünf Euro für eine Futterbox. Bei knapp fünfzig Euro möchte ich im Vorfeld wissen, dass das seriös ist und nicht im Nachgang Rennereien haben um irgendwas rückgängig zu machen, was mir dann doch nicht passt. Sie wollen eine Einzugsermächtigung für mein Konto, also will ich mir das durchlesen.“

„Wissen sie, wenn ihnen DREIUNDZWANZIG Cent pro Tag für ein armes Tier zu viel sind, brauchen wir hier gar nicht weiterreden!“

„Sie missverstehen mich. Ich werde an keinem Stand vor der Kaufhalle meine Kontodaten auf einem Formular hinterlassen, das ich mir nicht mal in Ruhe ansehen darf. Das ist doch unseriös!“

„DREIUNDZWANZIG Cent pro Tag! Wenn sie das nicht aufbringen können oder wollen, dann wünsche ich ihnen einen schönen Tag! Gehen sie, dann kann ich jemand anderen ansprechen, der gern für Tierfutter spenden möchte…Als ich sie sah, dachte ich, sie hätten ein Herz für den Tierschutz…“

„Wo lernen sie eigentlich derartige Methoden?! Sie wollen nicht dreiundzwanzig Cent von mir sondern zweiundvierzig Euro! Und wahrscheinlich habe ich dann ein Tierfutter-Abo abgeschlossen, sie lassen mich das ja nicht mal anschauen! “

„Wenn sie Fragen haben, können wir das gern hier am Stand durchgehen. Wenn ihnen die Tiere egal sind oder sich die DREINUNDZWANZIG Cent pro Tag nicht leisten können, brauchen wir hier nicht weiterreden! Sie verschwenden meine Zeit.“

„Wer hier wem gerade die Zeit stielt, frage ich mich ernsthaft.“

„Einen schönen Tag ihnen noch! Auf Wiedersehen!“

„Nein, danke. Lieber nicht.“

 

 

Das Listerine-Fußbad-Experiment

Als ich heute morgen bei Facebook las, dass Mundwasser gegen Hornhaut helfen soll, dachte ich: ´Nu klar! Und Antifaltencreme hilft gegen Falten!`. Da das Baby auf zwei Stunden Vormittagsschlaf bestand, hatte ich die Auswahl zwischen „irgendwas putzen“ und dem Ausprobieren dieses Unsinns.

Leute, was soll ich sagen! Ich bin begeistert! Klingt voll bescheuert, aber funktioniert. Und wie! So gehts: Für ein Fußbad 1/4 Tasse Listerine* (nur keine blaue, die verfärbt die Füße, außer natürlich, ihr wollt gern untenrum aussehen wie ein Avatar-Statist) und 1/4 Tasse Essig in einer Schüssel mit warmem Wasser mischen. Diese Mischung soll die abgestorbenen Hautzellen lösen. Füße reinhängen und ca. fünfzehn Minuten baden (es riecht seltsam, besonders wenn man Himbeeressig verwendet…).

Danach mit einem Peelinghandschuh oder einem Bims/ Bürste die Füße abrubbeln… und begeistert sein!

Fühlt sich beinahe an wie nach einer professionellen Fußpflege und die Minze im Mundwasser hinterlässt ein traumhaftes Frischegfühl.

fuss

 

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

Hat Dir dieser Beitrag gefallen? Dann lade mich doch gern auf einen virtuellen Kaffee ein als Dankeschön.

€2,00

Der wilde Westen

Als Kind war ich fasziniert von allem, was aus dem Westen kam. Jedes „Bravo“-Fitzelchen wurde gebügelt und gepflegt und jeder Plastikbeutel zwanzig Mal gewaschen und so lange benutzt, bis er auseinandergefallen ist. Ich wusste: Ich wollte dort unbedingt hin, wenn ich groß wäre. Und nun bin ich da. Im Westen! Das is ein Ding!

Die große Sehnsucht. Der goldene Westen. Das Land, wo Milch und Honig fließen und es jeden Morgen „Kaba“ in der Milch gibt und nicht nur alle paar Monate „Trinkfix“, wenn die Mutti mal eine Packung erstanden hat. Das Land, wo alles riecht wie ein Westpaket. Nach einer Mischung aus „Fa“-Seife, Schokolade und Kaffeepulver. Wie im Intershop, wo ich einmal, nachdem ich ganz besonders tapfer beim Zahnarzt war, mir für einen Forumscheck im Wert von fünfzig Pfennig diese „Hitschler“-Kaugummis kaufen durfte, die eine kleine Schatzkiste auf der Verpackung draufgeschweißt hatten…

Ich fand alles toll, was aus dem Westen kam. Und nicht nur ich. Bekamen wir eine Seife geschickt, durfte die nicht benutzt werden (Die wird doch sonst alle!), sondern die wurde für Jahre zwischen die Handtücher in den Wäscheschrank gelegt. Ich habe mich bei Oma Charlotte einmal mit „Pril“ gewaschen, weil ich gut duften wollte. Nach Westen. Und wenn ein großer Umzugslaster im Wohngebiet hielt, um Sachen einzuladen die ein Übersiedler nachholen wollte, standen wir Kinder daneben in einer Traube (´Hamse een Kaugummi? Oder een Kuli für mich?`Meine Mutter hat mir damals Betteln strikt verboten, ich habe mich nicht dran gehalten. Das war doch alles viel zu aufregend! Zu meiner Ehrenrettung kann ich nur sagen, ich war nicht alleine!)

Mein Vater hatte einen Kollegen, der Anfang der Achtziger übersiedelte. Dieser Typ war ein Scherzkeks. An Weihnachten bekamen wir ein Päckchen mit Schokolade, der obligate „Fa“-Seife und wahrscheinlich war auch Autopolitur drin, mein Vater war verrückt nach dem Zeug! Ach, und so ein Ding in Alufolie gewickelt fanden wir. Wir drehten es alle nacheinander in den Händen („WAS IST DAS?!“), packten es vorsichtig aus und waren immer noch nicht schlauer. Vor uns lag eine Kartoffel mit Pelz. Wozu man das Ding verwendet und ob das gar etwas Essbares sei, wir fanden keine Erklärung. Auch der Geruchstest ergab keine Auflösung. Das Ding roch neutral. Wir schmissen es weg und gingen an diesem Abend mit der Überzeugung ins Bett, dass wenigstens die Kartoffeln im Osten eindeutig besser aussehen!

komische Kartoffel

komische Kartoffel

 

 

 

 

 

 

 

Als ich achtzehn war, schickte mir meine Freundin Dorit eine Einladung in den Westen. Sie war mit ihren Eltern nach Rosenheim übergesiedelt und die Reisebedingungen hatten sich etwas gelockert, also bekam ich die staatliche Genehmigung. Ich weiß nicht mehr genau, wie das ablief. Aber ich musste mit dieser Einladung zu einer amtlichen Stelle die Genehmigung abholen und mit dem Genehmigungswisch bekam ich eine Fahrkarte ausgestellt. Ich fuhr los. Aufgeregt.

Irgendwann hielt der Zug, draußen konnte ich MÜNCHEN lesen auf einem Schild. Ich blieb sitzen, schließlich wollte ich ja nach Rosenheim. Dann kam eine Fachkraft der Reichsbahn und teilte mir mit, dieser Zug ende hier. Ich zeigte meinen Fahrschein und bestand auf einen Weitertransport! Ohne Erfolg. Und so war mein erster Eindruck vom goldenen Westen: der Münchner Hauptbahnhof. Ich war mutterseelenallein im Wunderland.

Ich weiß heute noch, wie erschlagen ich von dem Ambiente war. Die Werbung, die vielen Menschen! Ich wusste nicht wohin. Also eigentlich schon: nach Rosenheim! Aber wie? Irgendwann bin ich zu einem Schalter gegangen und habe mein Anliegen vorgetragen. Nach einigen Verständnisschwierigkeiten (Ich hatte noch niemals vorher Bayrisch gehört und entsprechend meine Schwierigkeiten) verstand ich, ich müsste nachzahlen. Konnte ich nicht und brach in Tränen der Verzweiflung aus. Dann: “Hams scho da agrufen in Rosenheim?“ (oder so ähnlich). Natürlich nicht! Ein Telefon besaß in der DDR, wer eine wichtige Persönlichkeit war oder seit fünfundzwanzig Jahren ein aktives Parteimitglied. Ich war noch nicht mal fünfundzwanzig Jahre alt und auch nicht wichtig. In unserem Mietshaus lebten zehn Familien, darunter zum Glück ein Polizist mit Telefon. Immer wenn ein Mieter angerufen werden musste, rief man dort bei Polizistens an und die holten dann den Nachbar ans Telefon. Ergo hatte ich nie nach der Telefonnummer meiner Freundin gefragt. Die Idee kam mir schlichtweg nicht!

Die nette Frau am Schalter schenkte mir eine Münze und schickte mich zur Telefonzelle. Die nächste Verzweiflung bahnte sich an: Ich fand den Schlitz nicht, in den man die Münze stecken muss zum Telefonieren! Ich befühlte den ganzen Kasten, nichts. Mit klopfendem Herzen sprach ich mehrere Passanten an mit der Bitte, mir zu zeigen, wo der Schlitz sei. Sie verstanden mich nicht. Nicht meine Sprache (das waren einige), nicht mein Anliegen (das waren andere). Irgendwann erbarmte sich jemand und erklärte, dass man die Münze AUFLEGEN sollte auf so eine Art Schieber, dann den Schieber nach rechts bewegen, die Münze rattert in den Automaten und man kann telefonieren. Also auch ich. Aus Rosenheim kam nur das Freizeichen zu mir an (die Telefonnummer hatte ich zwischenzeitlich selbständig aus dem Telefonbuch rausgefunden).

Ich weinte mittlerweile hemmungslos und wenn irgendwo ein Zug gestanden hätte mit dem Ziel „Dresden“ oder „irgendein Bahnhof im Osten“, ich wäre eingestiegen.

So tapperte ich wieder zu der netten Frau am Schalter. Aufgelöst wie ich war und offensichtlich noch nicht abgestumpft von den Horden an einreisewilligen und bedürftigen Ossis, die noch auf sie zukommen würden, erbarmte sie sich meiner und stellte mir die benötigte Fahrkarte nach Rosenheim aus und brachte mich sogar zu dem entsprechenden Zug (Danke noch mal an der Stelle!).

Ich kam tatsächlich in Rosenheim an und am Bahnsteig stand meine Dorit!

Der Rest des dreitägigen Aufenthaltes verlief verhältnismäßig langweilig (Ich konnte mich nur mit meiner Freundin und ihren Eltern unterhalten, die anderen Menschen verstand ich schlichtweg nicht. Und der Ehemann meiner Freundin, so lernte ich, hatte keine langjährige Haftstrafe hinter sich, sondern war ein Rocker und deshalb tätowiert. Er ignorierte mich nach einer halben Stunde für den Rest meines Besuches, da ich auf seine freundlichen Versuche einer Kommunikation nur mit staunenden Augen und „Dorit, was sagt dein Mann da zu mir?!“ reagierte.).

Ich reiste nach drei Tagen mit Tüten voller alter Otto- und Klingelkataloge ab (Was ich damit wollte, weiß ich nicht. Nur, dass ich kaum noch gehen konnte, so schwer trug ich daran.) und einem neuen Leibgericht: Fischstäbchen!

Einige Zeit später hat es mich in meiner Abenteuerlust ins Rheinland verschlagen und als mein Mütterlein sich eines Tages auf den Weg machte, um ihre abenteuerlustige Tochter zu besuchen, verpasste ich irgendwie die Einfahrt ihres Zuges in Köln. Er stand schon leer auf dem Bahnsteig. Keine Mutti! Panisch und mit der Erinnerung von München beladen (Oh Gott, die arme Mutti! Irrt auf dem Bahnhof rum! Kann nicht telefonieren! Weiß nicht, wo ich bin und wo sie hinsoll!) raste ich zur Information und lies sie mehrmals ausrufen.

Nichts.

Ich suchte den Bahnhof nach ihr ab, jemand vom roten Kreuz half mir sogar, nachdem ich die Situation mit meiner hilflosen Ossi-Mutter drastisch in allen Farben geschildert hatte.

Immer noch nichts. Ich sorgte mich unendlich.

Als ich partout nicht mehr wusste, was ich auf dem Kölner Hauptbahnhof jetzt noch ausrichten könnte und annahm, sie sei gar nicht gekommen, fuhr ich Richtung Bonn heim nach Bornheim. Auf dem Bahnsteig der kleinen Kleinstadt Bornheim steht mein Mütterchen, quietschfidel, und begrüßt mich mit den Worten: „Da bist du ja endlich! Ich bin schon mal losgefahren damit du mich nicht extra abholen musst!“. Ich schüttelte sie vor Freude über das Wiedersehen und völlig perplex wollte ich wissen, wie sie denn alleine von Köln nach Bornheim gekommen sei. „Aber Mädchen, ich habe einen Mund zum Fragen und die sprechen ja schließlich auch deutsch hier!“.

Aha.

Fünfundzwanzig Jahre später bin ich immer noch ein großer Fan der Wiedervereinigung. Und von Handies!

Und Fremden in Not helfe ich aus Prinzip. Egal, woher sie kommen und womit sie Hilfe brauchen. Ich hab da was gutzumachen, fürs Karma!