Mein Senf

Als ich diesen Artikel zur Kita-Lunchbox las, bekam ich Schnappatmung. In einem Land, dessen Wort für zweites Frühstück klingt wie „Süssli“ oder „Genüssli“ Eltern vorzuschreiben, was als Kindesernährung durchgeht und was nicht… also da fehlen mir die Worte. Nun, da ich sie wiedergefunden habe, will ich unbedingt meinen Senf dazugeben:

Seit Jahren nerven mich die Luxusdebatten und die teilweise abstrusen Ausmaße um gesunde Ernährung des Menschen an sich und die artgerechte Haltung des Nachwuchses im Besonderen. Nichts ist mehr natürlich, dabei sind doch alle so sehr bemüht, „natürliche“ Ernährung und Lebenshaltung anzupreisen! In einer Familie, die Braten mit viel Soße und Klößen liebt eine Sonderkost für die Kinderernährung einzuführen um Standards zu genügen, halte ich für bigott. Und suggeriert doch dem Kind nur: Ums Essen wird viel Brimborium gemacht. Aufmerksamkeit erzeugt. Und ich bekomme eine Extrawurst gebraten!

Essen sollte Genuss sein, Nahrung für Leib und Seele.

Seit drei, vier Generationen muss in diesem Landstrich der Welt kein Mensch Hunger leiden und um sein Leben fürchten. Und was tut der satte, luxusverwöhnte Mensch? Schafft künstlich neue Probleme. Kann er machen. Jeder, wie er will. Ich will vor allem meine Ruhe. Borstig werde ich, wenn jemand daherkommt und irgendeine Meinung als allgemein gültige proklamiert! Ich habe mir nicht umsonst eine Lungenentzündung auf einer Montagsdemo geholt, damit ich endlich denken darf, was ich will! Und seien wir mal ehrlich, alle zehn Jahre haben wir einen neuen „aktuellen Stand des Irrtums“: Babies schlafen auf Lammfell/ Um Gottes Willen, kein Lammfell! Bauchlage/ Auf gar keinen Fall Bauchlage! Fleisch ist gesund/ Fleisch ist ungesund. Und, um noch richtig einen draufzusetzen: Vor sechzig Jahren warst du als Gastgeber laut Knigge quasi verpflichtet, die Rauchmarken der Gäste zu eruieren und im Vorfeld zu besorgen. Ebenso wie die beliebtesten Verdauungsschnäpse. Und heute? Nun, das wissen wir ja. Alles schlecht! Alles ganz, ganz schlimm. Ein Wunder, dass das die Leute irgendwie überlebt haben.

Verbote schaffen Anreize.

Neulich erzählte mir eine Freundin von einem artgerecht fernsehfrei erzogenem Nachbarsmädchen, was täglich die Freundinnenwohnung frequentiert, um ferngesteuert zur Glotze zu wandeln. Dort steht sie dann verzaubert mit offenem Mund und starrt wie paralysiert auf die bewegten Bilder.

Ich kenne auch ein Mädchen, nennen wir es mal Henrike. Die war verrückt nach Süßem. In dem Familienhaushalt gab es Süßigkeiten nur zu den Feiertagen. Dieses Mädchen neigte nämlich zur Verfettung, hatte schlechte Gene (glaubte ihrer Mutter). Unsere Henrike löffelte die Zuckerdosen leer. Alle. Untersuchte Backpflaumen und Abführ-Früchtewürfel auf ihre Tauglichkeit als Süßigkeit. Das komplette Taschengeld des Kindes ging für Süßigkeiten drauf (Das war an sich für das rechenschwache Kind ein Drama: Zwei Mark pro Woche. Eine Tafel Blockschokolade kostete zwei Mark achtzig… ein Stück Schokosahnetorte zwei Mark zehn.). Neulich traf unsere Protagonistin die Frau X. Frau X-ens Tochter und Henrike waren als Schulmädchen befreundet. Und was sagt da Frau X? „Ach Henrike, wenn ich dich sehe, muss ich sofort daran denken, wie du immer bei uns vor der Tür standest: ´Hallo Frau X, hamse was Süßes für mich? Ich nehm ooch´n Zuckerwürfel. Und, is de Gabi zu Hause?`“.

Kindheit, das ist süßer Kakao. Den es abends bei Pittiplatsch gibt, mit dem ich, der Beste und alle DDR-Kinder aufwuchsen. Oder Astrid Lindgrens Lotta, die sich nach ihren Abenteuern auf den Abend-„Kaukau“ von Tante Berg freut. Puddingsuppe mit Zwieback, wenn man Halsweh hat. Süßer Pfefferminztee nach Rodelnachmittagen. Knusprige Kekse.

Alles in Maßen. Na klar. Aber immer mit dem GMV, dem gesunden Menschenverstand betrachtet. Kindern zu zeigen, woher das Essen kommt und dass wir Glück haben, in so reichem Überfluss zu leben, ist wichtig. Und Genuss und Maßhaltung vorzuleben.

Wie bei allem anderen. Kinder lernen in erster Linie durch Nachahmung. Glaube ich. Und ich werde einen Teufel tun, Dinkelpuffer mit Sojasoße und Sellerierohkost zum Sonntag hinzustellen, nur weil hier Kinder mitessen. Schmeckt mir nicht! Ein Topf Suppe und ein frisches Brot auf dem Tisch, die Familie drumherum, das ist ein schönes Bild für mich. Und nicht vier Leute mit vier verschiedenen Tellern und einen Affentanz für den bemitleidenswerten Koch.

Heute gibt’s Plinsen mit Apfelmus (aus Äpfeln). Und vorher Tomatensuppe. Die ist aus Gemüse, nicht aus der Dose. Klingt für mich nach gesunder Ernährung.

Mahlzeit!

3 Kommentare zu “Mein Senf

  1. Liebste Rike, du sprichst mir aus der Seele. Ich bin diese Besserwisserei so leid, die Diskriminierung, wenn man seinem Kind was gutes süßes tun will. Ich saß mal im Elternrat, da sagte ein Vater neben mir „…und diese Eltern, die ihren Kindern milchschnitte in die vesperdose legen, die gehen gar nicht.“ Ich bin ein bisschen kleiner geworden auf meinem stühlchen :O dabei finde ich „mein Kind darf das nicht essen, da ist Zucker drin“ viel schlimmer – wie du schreibst – in maßen!
    Und du hast bei deiner Aufzählung Vanillesuppe mit buchteln vergessen 😀 mjaaaaaam mjaaaaaam mjaaaaam 😀

  2. Haha, Du hattest Schnappatmung bei meinem Artikel? ;-)) Ich hab die jetzt jeden Morgen, wenn ich diese vermaledeite Lunchbox zusammenstellen muss.
    Ich bin natürlich ganz Deiner Meinung. Verbote schaffen nur Anreize, ist ja bei allem so. Deshalb finde ich es auch unvernünftig, den Kindern Smartphones, TV etc. vorzuenthalten – aber alles immer in Massen. Gross werden sie sowieso. Es liegt an uns Eltern (und nicht an der Kindergartenlehrerin!), ihnen das richtige Mass der Dinge beizubringen. Und dass das Leben eben einfach schön ist. Dazu gehört auch die ganze kunterbunte Lebensmittelpalette – mit allem ungesunden Zeugs drin. Wer ernährt sich schon von Dinkel und Hafer alleine? Ok, ich kenne da ein paar Exemplare… seufz. 😉

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