Morgen…

Morgen…

…Ist es mal wieder soweit.

In den letzten Monaten gab es jede Menge Diskussionen rund um die Mutterrolle und deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass der morgige Sonntag in seiner Rolle als Muttertag kritisch hinterfragt wird.

Auf diesem Blog fragt die Autorin ironisch, welches Image dieser Muttertag denn hätte, wäre er ein Produkt und in der Presse war zu lesen, dass dieser Feiertag ebenso wie der Vatertag antiquierte Rollenschemata zementiere. Man möge über die Wandlung zu einem „Elterntag“ nachdenken (was genau da dann konzeptionell so anders wäre, habe ich nicht verstanden). Nach einer Vorgabe zu verlangen durch…ja, durch wen eigentlich, welchen namentlichen Anstrich und welche Bedeutung dieser Tag haben soll (allgemeingültig versteht sich), halte ich persönlich für seltsam.

Nächstes Argument: Das dient doch alles nur dem Kommerz! Diese Blumenhändler, echt unverschämt! Erhöhen immer einen Tag vorher die Preise. Genau wie am Valentinstag! Aber Leute, es gibt doch Alternativen! Du könntest zum Beispiel einen Kuchen backen. Die Preise für Butter, Mehl und Zucker werden meiner Meinung nach nicht extra erhöht. Oder Zeit verschenken. Ist kostenlos quasi. Ach, und die Tankstellenbesitzer wurden noch gar nicht erwähnt! Was die für einen Reibach machen, Unverschämtheit! Also, wenn ich Blumenhändler oder Tankstellenpächter wäre, würde ich ganz bestimmt niiiiemals auf die Idee kommen, mich zu so einer Strategie hinreißen zu lassen! Aber daran ist auch nur der Muttertag schuld. Weg damit, dann sind alle Menschen wieder altruistische Gutmenschen, die kein Interesse an der Vermehrung des schnöden Mammons haben.

Und diese viel zitierten „Rollenschemata“, die gurken mir auch im Kopf rum. Was meint ihr damit? Dass Frauen und Männer durch etwas wie einen Sonntag namens „Muttertag“ wider Willen in Schubladen gesteckt werden, die ihnen nicht passen? Dass sich die jeweilige persönliche Situation durch den Wegfall oder die Umbenennung dieses Feiertages drastisch verändern würde? Im Ernst?

Stichwort: antiquierter Rollenverteilung. Ich kann es nicht mehr hören! Jeder ist für sich selber verantwortlich und zieht sich die Schuhe an, die ihm passen. Wir zum Beispiel sind beide voll berufstätig und teilen uns selbstverständlich die anfallenden Arbeiten, allerdings nach dem Prinzip der Spezialisierung: Was der Eine gut kann, probiert der Andere gar nicht erst. Im Klartext heißt das: der Beste kann nicht kochen und ich habe noch nie eine Steuererklärung gemacht. Das ist geschichtlich einfach so gewachsen. Und stinkt nach vorsintflutlichen Geschlechterrollen! Ich bin für die Versorgung der Familie mit Nahrungsmitteln in einem sauberen Umfeld und in frisch gewaschener Wäsche zuständig und bin erster Ansprechpartner in Sachen Kinderthemen. Und, um dem noch eine Krone aufzusetzen: Nein, ich bekomme nicht täglich gesagt, wie toll ich das alles mache! Dafür steht immer ein fahrbereites Auto mit TÜV und den entsprechend der Jahreszeit empfohlenen Reifen vollgetankt und sauber vor der Tür. Wir sind immer mit dem optimalen Versicherungs- und Stromanbieter versorgt und das Kaminholz hackt sich auch von alleine. Und nein, der Beste bekommt auch nicht regelmäßig gesagt, wie toll er das macht! Und wenn ich morgen sagen würde: „Du, Schatz, ich will nicht mehr kochen und putzen, ich will lieber Steuererklärung und den anderen Scheiß!“, dann würde er sagen: „Okay, dann lass uns das eben anders machen. Ist ja egal, wer was macht.“. Wäre ich dann zufriedener? Nee, und es würde nicht gut laufen, das ist jetzt schon klar. Würde ich mich emanzipierter fühlen? Ich bin schon emanzipiert geboren worden! Und trotzdem: Ich wecke an circa dreihundertfünfzig Tagen im Jahr meinen Mann mit Kaffee am Bett. Weil ich das gern mache. Und weil ich sowieso eher wach bin! Darin kann man das „Zementieren antiquierter Rollenschemata“ sehen. Oder man sieht darin einfach eine nette Geste. Und Steuerklärung find ich noch doofer als Bad putzen. Das ist so, und niemand zwingt mich, diese Haltung einzunehmen. Pink und Barbie gabs auch erst, als ich schon erwachsen war (von rosa Überaschungseiern ganz zu schweigen), für die Schuldfrage zu dieser unerhörten Haltung meinerseits kommen die üblichen Verdächtigen also nicht in frage.

Bei uns gibts Muttertag. Ist wie mein zweiter Geburtstag im Mai und alle reißen sich ein Bein raus und die letzten Haare, um diesen Tag so schön wie möglich für mich zu machen. Selbstverständlich machen wir auch ein großes Brimborium zum Vatertag! Wir feiern halt gern…

Trotzdem habe auch ich ambivalente Gefühle bei diesem Tag. Wertschätzung, Achtung und Dank sind die ersten „Tags“, die mir dazu einfallen und auch auf den einschlägigen Glückwunschkarten im Handel auftauchen. Der Mutter danken. Hm, Dank erwarten würde ich, wenn ich jemandem einen Gefallen tue, eine erbetene Hilfestellung leiste oder dergleichen. Meine Kinder sind auf der Welt, weil ICH das wollte. Ich sorge für sie und versuche sie mit dem bestmöglichen Rüstzeug auszustatten, weil MIR das ein Grundbedürfnis ist (und vermutlich evolutionsbiologisch so eingerichtet). Habe ich dafür Dank „verdient“? Nein. Wertschätzung und Achtung. Wenn ich alles richtig gemacht habe, dann werden meine Kinder zu wertschätzenden Menschen, die Achtung gegenüber allen ihren Mitmenschen empfinden. Brauche ich eine Karte zum Muttertag, wo das draufsteht? Nein. Sollte ich irgendetwas davon einfordern? Um Himmels Willen!

Der morgige Tag ist ein Feiertag, weil meine Jungs den dazu machen. Und ich werde dafür Sorge tragen, dass sie eine eigene Entscheidung diesbezüglich treffen können und keine Erwartungshaltung bedienen müssen. In jedem Jahr aufs Neue. Das gleiche wünsche ich auch mir, denn ich bin schließlich nicht nur Mutter, sondern auch Tochter.

Euch wünsche ich einen schönen Sonntag und ein gutes Gefühl bei allem, was ihr vorhabt. Und vergesst nicht: Valentinstag ist eigentlich auch nur der vierzehnte Februar und morgen ist in erster Linie Sonntag ;). Die Entscheidung, welche Bedeutung ihr diesem Tag beimesst, liegt bei euch!

Das katalogisierte Kind

Kaum ist so ein kleiner Mensch auf der Welt, wird er vermessen und bewertet. Skalen und Kurven werden befüllt um die Erfüllung von Standards zu dokumentieren. Das kennt die Mutti schon, denn der Vermessungswahn beginnt mit Einnistung des Eies und beschränkt sich zwar die ersten Monate noch auf den Wirtskörper, aber dann!

Im Internet und bei allen U-Untersuchungen kann die fleißige und um Standarderfüllung bemühte Mutti sich informieren, was das Kind denn wann so zu können/ zu erbringen/ auszuscheiden/ essen und trinken können sollte. Freundlicherweise immer mit dem Hinweis versehen, dass es sich um eine „Richtlinie“ handelt. Na danke schön. Genau so geht Verunsicherung!

Gott sei Dank steckte das Internet noch in den Kinderschuhen, als ich (mehr Hubschrauber-Armada als simple Helicopter-Mom) mit dem Erstlingswerk losstolperte. Damals gab es zwei oder drei Foren mit relativ harmlosen Themen. Ansonsten ebay und Schlecker online für mich. Sonst gab´s nicht viel zu gucken. Zum Glück! Ich kann nur mutmaßen, aber wäre ich heute eine Erstgebärende, ich hätte in jedem Verunsicherungsforum einen Premiumaccount, wäre Superuser bei allen Medizin-Online-Portalen und würde beim Kinderarzt zweimal wöchentlich reindonnern mit den Worten: „Lassen sie mich durch! Ich bin…Patient!“

Jetzt kann ich mich entspannt zurücklehnen.

Das Kind Nummer zwei ist acht Monate alt und hat keinen Zahn im Mund. Sitzt nicht, krabbelt nicht und brabbelt nicht. Er ist ein „Rumlieger“. Er liegt rum und die Laute, die aus seinem Mund kommen, erinnern mich an die Töne, die Wolfsjunge oder kleine Hunde so von sich geben (Ich gucke manchmal Tiersendungen…). Laut Babykatalog sollte er sich an Möbeln hochziehen, Luftküsschen verteilen, krabbeln und Laute nachahmen (Um Rückfragen vorzubeugen: Nein, wir haben keinen Wolf. Auch keinen Hund aktuell). Der Kinderarzt befragte mich beim letzten großen „U“, ob der Babylino schon flüstern würde. Im Ernst! Flüstern! Wo soll er denn DAS herhaben?! Bei uns flüstert niemand. Wir sind eine Familie von Lautsprechern und der Kleinste von allen soll flüstern können? Wozu das denn, dann hört ihn ja niemand! Auch alles andere nicht nach Baby-DIN: Brei findet er blöd, Fruchtzwerge würden aber gehen. Da lässt er sich herab. Ansonsten gerne stündlich eine Milchflasche. Und rumtragen! Und wenn du nicht machst, was ich will, dann soll mich der Uwe abholen. Wo ist der eigentlich?! „UWÄÄÄÄH! UWÄÄÄÄÄH!“.

Nichts davon beunruhigt mich. Da ich mittlerweile langjährige Erfahrung mit einer Sonderedition von Kind habe, einer Spezialanfertigung quasi, einem Liebhaberstück, wirft mich das Fehlen der zu erwartetenden Kernkompetenzen im jeweiligen Lebensabschnitt überhaupt nicht aus der Bahn.

Das Kind Nummer eins saß mit sechs Monaten. Und saß wo es saß. Mit sieben Monaten fing er an zu sprechen: „Papa!“, „Autu!“, „Bemmi!“ (Damit war unser Hund gemeint, der eigentlich Benni hieß). Das war´s. Immer wenn ich „M-A-M-A!“ zu ihm sagte, guckte der mich an, als wöllte er sagen: ´Hältst du mich für Plemplem?! Ich weiß doch, dass du das bist, aber wozu sollte ich nach dir rufen? Du stehst doch direkt vor mir!`. Er krabbelte nicht, er lief nicht. Er saß und quatschte. Mit einem Jahr erkletterte er sein Bobbycar und ging vom Sitzen quasi direkt in die automatisierte Fortbewegung über. Mit dem Ding cruiste er von A nach B und möglicherweise würde er heute noch nicht laufen, hätten wir ihm das Teil nicht mit fast zwei Jahren weggenommen. Er verbat sich auch jedwede Einmischung in sein Ausscheidungsverhalten und die staatliche Erziehungsanstalt prophezeite mir bereits, sie würden keinen Dreijährigen nehmen, der in die Windel macht. Kurz vorm dritten Geburtstag erklimmte das Kind dann den Thron im Badezimmer ohne Umwege über Topf und Kinderbrille. Und ohne Probleme.

Momentan bin ich wie Teflon. Mich stören noch nicht mal die Angebermuttis, die ungefragt ausspeichern: „Meins kann schon das und das!“, „XYZ schäft von dannunddann bis dannunddann!“, „Und mein unglaublicher ABC macht schon diesunddas.“. Das langweilt mich. Wenn mich dieses Geschwurbel nicht so müde machen würde, würde ich antworten: „Wisch dir den Geifer ab, Mutti, und setz dich. Du musst jetzt ganz stark sein. ALLE können das irgendwann! Wirklich! Dein Dingsbums ist nichts Besonderes. Oder kennst du einen Zehnjährigen, der in die Windel macht, einen Schnuller trägt oder am Daumen lutscht und mit dem Bobbycar in der Gegend rumfährt? Na also. Und niemand überreicht dir einen Blumentopp und kürt dich zur Mutti des Jahres. Also erzähl mir was Lustiges oder halt die Klappe!“. Sag ich aber nicht, ich gähne nur laut und herzhaft.

Ich kenne mich aus mit Standards. Weil das Kindchen Nummer eins da noch nie reinpasste. Konnte keinen Ball kicken und keinen Purzelbaum, aber vierstrophige Lieder nach einmaligem Hören auswendig. Das interessierte aber nicht, ich sollte gefälligst den Purzelbaum üben mit dem! Und so weiter und so fort. Jedes Jahr was anderes, was er nicht konnte. Wir erfüllten einfach nie den Kompetenzkatalog. Na und? Ich bin noch nie in einem Vorstellungsgespräch gefragt worden, wann ich denn sauber gewesen sei („Wissen sie, wir nehmen nur Mitarbeiter, die unter einem Jahr trocken waren!“). Und als es darum ging, das bestmögliche Männchen zu Fortpflanzungszwecken zu suchen, habe ich als Auswahlkriterium weder „war kein Daumenlutscher“ noch „lief mit zehn Monaten“ auf der Liste gehabt.

Pfeif auf Standard, es lebe die Spezialausführung. Und wenn das Kind Nummer zwei seinen ersten Geburtstag feiert, werde ich ihm ein Bobbycar hinstellen. Der wird schon wissen, was er damit machen soll.

Let´s talk about…

Achtung: Sie betreten den „Women only“-Bereich!

Sollten sie keine Frau sein, wird ihnen dringend von der Lektüre dieses Artikels abgeraten. Sie möchten das nicht lesen, bitte glauben sie mir! Wenn sie nicht auf mich hören, werden sie sich in zehn Minuten weinend die Augen mit Seife auswaschen und wünschen, sie könnten die Bilder in ihrem Kopf vergessen. Auch für schwache weibliche Nerven ist dieser Artikel nicht geeignet. Besonders wenn sie der Meinung sind, irgendwann in den nächsten Jahren mal ein Kind bekommen zu wollen und trotzdem Freude an ihrem Körper zu haben.

Für alle anderen: Ich muss jetzt mal was loswerden.

Während einer Schwangerschaft verändert sich der weibliche Körper quasi täglich. Das ist gewollt und wird mit viel „Oh!“ und „Ah!“ und Tamtam begrüßt, untersucht und hinterfragt. Und es gibt eine freundliche Gynäkologin, die immer wieder sagt: „Das ist alles normal! “ und eine behutsame Vorsorgehebamme, die auch tröstet: „Das ist alles normal!“ und den Geburtsvorbereitungskurs, wo alle (die Hebamme und die anderen werdenden Muttis) verkünden: „Bei mir ist das auch so! Das ist alles normal!“.

Dann kommt das Kinderlein.

In den folgenden Wochen ist auch immer noch ein freundliches Helferlein in Gestalt einer Nachsorgehebamme zur Stelle um der frisch gebackenen Mutti Mut zuzusprechen und zu erklären: „Das ist alles normal!“. Vollkommen unnötig, denn jede frischgebackene Mutti ist sich völlig im Klaren, dass ihr geschundener Körper im hormonellen Overload und nur mit eingeschränkter Nutzbarkeit seinen Dienst tut.

Ein paar Monate später sieht das anders aus. Über körperliche Gebrechlichkeiten wird in Mit-Mutti-Kreisen der damenhafte und bescheuerte Mantel des Schweigens gelegt. Aus irgendeinem Grund wird mir damit suggeriert, nu is aber mal wieder gut. Wir waren schwanger, wir haben geboren, gestillt, abgestillt, unsere innere Mitte und unseren Beckenboden wiedergefunden und jetzt geht’s scharf ab wie eh und je!

Aha. Na, bei mir nicht! Und Mädels, mal ehrlich: Ich rede mir doch nicht ein, dass ich ein Einzelfall wäre. Blödsinn. Das ist ein Frauending. Unangenehme und peinliche körperliche Details besprechen wir offensichtlich nicht.

Wäre ich ein Mann, würde ich sagen: „Schatz, guck mal, ich hab da was.“, und wenn Schatz geguckt hätte und konstatiert: „Ja, das sind Hämorrhoiden und das ist harmlos.“ würde ich sagen: „Ach so.“ und einfach weitermachen mit dem, was ich so machen würde, wäre ich ein Mann: Am Fahrrad rumschrauben, „Legend of Zelda“ spielen, mir ein Bier aufmachen…

Ich bin aber eine Frau. Ich kann niemanden fragen! Ich konsultiere also Doktor Google, notiere mir alle erwähnten Therapien inklusive Naturheilmittel. Eruiere bei Stiftung Warentest diverse Salben, kaufe für mehrere Hundert Euro Mittelchen im Reformhaus und der Apotheke. Schäme mich abgrundtief. Verfluche mein unzulängliches Bindegewebe. Schwöre, niemals, niemals wieder irgendwem meinen nackten Arsch zu zeigen. Schäme mich weitere fünf Stunden. Betrauere den Umstand, dass „a tergo“ in Zukunft etwas sein wird, was nur noch andere machen. Sitze unbequem und bedauere und schäme mich weiter…

Natürlich rufe ich keine Freundin an! Auch in keinem anderen Fall. Stellt euch doch mal vor, wir säßen bei Cocktails in gemütlicher Runde und ich würde fragen: „Sagt mal, wer von euch pieselt sich eigentlich noch voll beim nach-dem-Bus-rennen?“. Keine ruft da: „Ich! Ich!“. Wahrscheinlich würdet ihr alle beschließen, dass ich ab jetzt nichts mehr in eurer Cocktailrunde verloren hätte.

Ich kann keinen BH tragen, der nicht Still- oder Sport-BH ist, weil mir die Hälfte der Brust dann entweder in der Achselhöhle quetscht oder beim Bücken vorne rausflutscht und wie ein lustiger Punchingball am Brustbein hängt. Sehr komisch.

Und ich habe immer PMS. Pre-menstruell, post-menstruell. Ich befinde mich acht Monate nach Geburt und zwei Monate nach Abstillen noch immer im hormonellen Ausnahmezustand. Immer! Täglich, ständig. Das ist nicht schön, auch nicht für meine Umwelt. Ist das normal? Geht das wieder weg? Ich hoffe.

Meine Schwangerschaftsdemenz ist via Stilldemenz übergangslos einer Altersdemenz gewichen. Anders ist meine andauernde Vergesslichkeit nicht mehr zu erklären. Aber das hat auch Vorteile. So habe ich vergessen, warum man überhaupt Sex haben sollte/möchte/freiwillig darum bettelt und was sonst so Menschen anstellen. Der totale Lustverlust ist normal (hab ich gelesen) und reversibel. Geht also wieder weg. Deshalb immer schön weiter probieren, vielleicht ist ja heute (Tadaaa!) die Lust wieder da. Oder vielleicht morgen. Falls ich es nicht vergessen habe bis dahin …

Nur bei mir so?! Glaub ich nicht. Geht ihr alle zu einer heimlichen Selbsthilfegruppe, von der ich nichts weiß? Wer tröstet euch denn jetzt, wo keine Hebamme mehr in Sicht ist, die verkündet: „Alles normal!“?

Ich weiß von einer Freundin, dass ihr Brustbehaarung wuchs. Fette schwarze Haare auf dem Dekolletee. Nicht, dass sie es mir erzählt hätte…ich habe es gesehen! Und als ich es mitfühlend ansprach: hochrotes Gesicht und Themenwechsel. Eine andere Freundin hatte kreisrunden Haarausfall. Heute hat sie wieder dichtes Haar, war „Alles normal! Geht wieder weg!“. Darüber sprechen wollte keine.

Ich wünschte trotzdem, man könnte darüber reden.

Zehn Monate und ein Hormoncocktail, der unter das Betäubungsmittelgesetz fallen würde (sollte jemand auf die Idee kommen, das synthetisch herzustellen), waren nötig, um dieses krassen Veränderungen herbeizuführen. Und mindestens genauso lange dauert es auch, um sich irgendwie wieder zurückzuverwandeln.

Vor ein paar Tagen habe ich ein Foto gefunden, das ich nicht kannte. Der Beste hat es auf seinem Rechner. Aufgenommen einen Tag nach der Geburt vom Karlchen. Auf dem Bild liege ich fast nackt auf dem Krankenhausbett. Sehe aus wie ein angeschossener Wal. Oder als hätte mich ein Bus angefahren. Zerzauste Haare, verquollene Schweineäuglein, Augenringe bis zum blassen Kinn. Geschwollene Beine in Thrombosestrümpfen. Der massige Körper von blauen Adern durchzogen, ein ehemaliger Babybauch hängt leer und traurig irgendwie seitlich runter. Ich versuche auf dem Foto unter sichtbaren Schmerzen zu stillen, während ich offensichtlich fotografiert wurde…

Ich bekam kurz Schnappatmung! Wie kann der mich in SO EINER Lage fotografieren! Wie das aussieht! Um Gottes Willen! Ich lösche das sofort!

Dann überkam mich herzerweichendes Mitleid. Mit meinem armen, alten, geschundenen Körper. Dreißig Kilo Gewichtszunahme, Wasser in allen Gelenken. Und dann wieder so eine Endlosgeburt und wieder ein Kind mit Dickschädel… Und alles fast klaglos mitgemacht hat er. Und funktioniert immer noch. Naja, mit kleinen Einschränkungen, aber die Grundfunktionalitäten sind abrufbar. Und ich, wie danke ich es? Indem ich meckernd feststelle, dass ich nicht mehr die Performance einer frischen fünfundzwanzigjährigen Kinderlosen habe. Ungezogen ist das von mir! Und undankbar.

Ab heute werde ich mich regelmäßig bedanken. Mit Schaumbädern, Eincremen, Massagen, gutem Essen. Und Sport natürlich. Vor allem Beckenbodengymnastik, so dämlich ich die auch finde…Und mich schön und wundervoll fühlen. Und dankbar. Jawohl.

Und wenn du irgendwelche dubiosen Veränderungen mitmachen musst, immer dran denken: Alles normal, geht wieder weg. Guck dir dein Baby an, das ist unnormal süß und geht nie wieder weg! Das war´s doch wert, was macht da schon ein bisschen Pipi im Schlüpfer ;). Und Kopf hoch, auch wenn die Brust aus´m BH rutscht!

Nachtrag: Wie konnte ich das vergessen (Ja, wie wohl…)! Mein „Best of Beckenbodengymnastik“ muss unbedingt noch rein in den Artikel. Kennt Ihr die „Aprikosenübung“? Ja, nein, vielleicht?! Also, ihr liegt mit zehn anderen Muttis auf Matten rum und eine freundliche Hebamme sagt euch folgendes: „Schliest die Augen und stellt euch vor, ihr habt eine Aprikose in eurer Vagina (Ziemlich realistisch, kennt ja auch jede von uns!). Jetzt massiert diese Aprikose mit eurer Vagina. Untersucht sie. Dreht sie. Könnt ihr die Härchen spüren an der Haut der Aprikose? Versucht daran zu zupfen…“. Da bleibt kein Auge trocken! Ich schwöre, genauso ist es abgelaufen bei meinem Rückbildungskurs! Beckenbodengymnastik ist lustig. Wer´s nachmachen will, die Aprikose bitte nur VORSTELLEN 🙂

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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Meine Blumen für…

Meine Blumen für…

Der erste selbstgeerntete Flieder aus meinem Garten! Dieser Strauß ist für Valentina von Raumdinge. Seit fünf Jahren schon verwöhnt Valentina uns alle mit wunderschönen Ideen, Fotos, Design-und Interiortipps. Und zu fast allem gibt es eine garatis Bastelanleitung, die mir das Gefühl gibt, ich könnte tatsächlich genauso etwas grandios Schönes zustande bringen. Seit Jahren habe ich keine Anhänger für Weihnachts-, Geburtstags- oder andere Geschenke gekauft, weil es die allerallerschönsten bei Raumdinge gibt. Als Gratisdownload! Vielen lieben Dank dafür. Und dass sich meine excelmüden Augen so oft auf deiner wunderschönen Seite während einer Mittagspause ausruhen durften. Und dass ich mir jahrelang ein Töchterchen wünschte, nur um ENDLICH einen Grund zu haben die Kaufmannsladensachen alle nachzubasteln ❤

Anspannen, Entspannen,… unentspannt!

Wenn ich jedes Mal in meinem Leben eine(n) Euro/ D-Mark/ Ost-Mark bekommen hätte zu dem gut gemeinten Ratschlag: „Henrike, du musst viel ruhiger werden!“, dann bräuchte ich nicht mehr für Geld zu arbeiten.

Wer mich kennt wird bestätigen, dass ich in Größe und Temperament dem Duracell-Hasen nicht ganz unähnlich bin. Sobald morgens bei mir das Licht angeknipst (die Batterie eingelegt) wird, fange ich an zu wuseln. Es sieht ein bisschen so aus wie in den alten Stummfilmen. Nur spielt keiner Klavier dazu. Abends zwischen sechzehn und achtzehn Uhr (okay, für manche ist das Nachmittag) ist der Saft alle und ich schlafe beinahe im Sitzen ein. Oder im Stehen. Oder hinterm Lenkrad. Klassischer Fall von ressourcenschädigendem Verhalten.

Ich muss mich endlich mal entspannen. Und viel ruhiger werden.

Also habe ich einen Entspannungskurs gebucht. Wozu sich alleine abmühen, wenn es dafür geschultes Personal gibt. Die entspannen quasi auf hochprofessionellem Level. Ich habe mich mit fünf weiteren Unentspannten auf Gummimatten gelegt, Kissen untern Kopp, Decke über die Beine, Augen zu und los gings:

„…Spüren sie hin zu ihrer linken Hand…“
Scheiße, ich wollte schon vor Ostern die Gabi endlich zurückrufen! Und die Grit! Und die Manu! Ich muss die Babywiege zurückbringen. Ich bin eine grottenschlechte Freundin.

„…Ballen sie die Hand zur Faust…“
Und den Lutz muss ich anschreiben wegen der Jugendweihe. Das wird eine Katastrophe, ich ahne es. Wir müssen das endlich mal angehen. Oh Gott, ich hab gar keinen Plan, wann das alles organisiert werden soll! Ich habe das Gefühl, ich krieg nicht mehr alle eMails, irgendwer muss sich mal um den Laptop kümmern. Und mein Firmenaccount ist auch gesperrt, ich muss bei der Hotline mal anrufen…dringend.

„…Spüren sie die Spannung…“
Jaja, Spannung spür ich! Scheiße, wann war noch mal der Zahnarzttermin für das Lieblingskind Nummer eins?! Heute? Jetzt?! Wo ist der Bestellzettel? Ich wusste, wenn ich das nicht sofort in den Familienkalender übertrage, vergesse ich das! Ob ich mal schnell unter der Decke leise beim Zahnarzt anrufe und nachfrage?

„…Lösen sie die Faust…“
Dieses schlechte Gewissen ist echt ein altes Arschloch! Wieso fällt mir das jetzt gerade alles ein?

„…Spüren sie die Entspannung…“
Das Baby ist schon acht Monate und ich habe (natürlich) großspurig den großzügigen und besten Kollegen auf der Welt nicht nur die Babyvorführung versprochen, sondern (wie auch sonst) ein opulentes Brunch-/ Kuchen-/ Zwischen-Dinner-Dingsbums in Erwartung gestellt.

„…Ihr linkes Bein ist schwer und warm…“
Nächste Woche! Wirklich! In echt jetzt! Ich mache eine Mangold-Tarte mit Kirschtomaten und Feta. Und einen Zwiebelkuchen mit Lachs. Und Eierkuchenteig in Muffinförmchen. Mit Früchten, Schoki. Und welche mit Schinken und Lauch. Eine Mascarponecreme mit Früchten kommt auch gut für hinterher… Aber: Wie transportiere ich das mit dem Kinderwagen?!

„…Ihr rechtes Bein ist schwer und warm…“
Und Getränke. Sekt, Holundersirup. Saft auch. Irgendwer wird mich fahren müssen. Oder das Baby sitten. Das wollen die doch sowieso nicht sehen. Kennste eins, kennste alle. Sehen alle gleich aus. Drei Haare, keinen Zahn in der Schnute.

„…Spüren sie, wie ihr Rücken in den Boden sinkt…“
Ich muss dringend die Fenster im Gartenhaus ausmessen. Jedes Mal vergesse ich den Zollstock! Wie das dort aussieht! Wenigstens Vorhänge könnte ich ja schon nähen. Und die Kartoffeln müssen in die Erde! Wann ist dieses Feiertagswochenende? Jetzt? Sind wir da schon verabredet? Ich glaube, ich habe irgendwas Wichtiges vergessen…

„…Ihr ganzer Körper fühlt sich warm und entspannt an…“
Ob ich den Kollegen einen Hundert-Euro-Schein auf den Tisch knallen kann, damit sie sich Pizza bestellen?

„…Ihr Gesicht fühlt sich warm und entspannt an…“
Ich muss ein Päckchen packen mit Süßkram und einem Buch für die Marta und in das Kurheim schicken, die ist bestimmt ganz einsam und hat Heimweh. Und Kathrin und Bea bekommen noch Geburtstagsgeschenke…Menschenskinder, die haben ja bald schon wieder den nächsten Geburtstag… Ich hinke hinter allem her! Ich rufe die an. Gleich dann. Morgen spätestens.

„…Eine tiefe Ruhe legt sich über sie…“
Mir sind die Füße eingeschlafen! Mensch, ist das unbequem hier. Wie kann die neben mir schnarchen?

„…Wenn sie jetzt die Augen öffnen, fühlen sie sich frisch und entspannt…“
Habe ich den Herd ausgeschaltet? Hab ich? OH GOTT HAB ICH?

Garten ist wie Software…

Garten ist wie Software…

Ich komme gar nicht mehr zum Schreiben, weil ich bis zu den Hüften im Unkraut stehe.

Kubikmeter um Kubikmeter Unkraut und Dreck karren wir vom Gartengrundstück. Und während ich mich mühsam durch den Dreck wühle und hoffe, dass es irgendwann ein Ende haben wird, beschleicht mich immer öfter das Gefühl, dass es sich mit diesem Garten wie mit einem Softwareprojekt verhält.

Man stelle sich vor, da kommt ein Kunde mit einer Altanwendung und sagt: „Machense ma hübsch! So viel wird da ja nicht zu tun sein.“. Argwöhnisch denkst du dir, abreißen und neu bauen wäre bestimmt sicher billiger. Geht auch schneller. Aber der Kunde hängt an seiner vierzig Jahre alten Anwendung. Ehrlich gibt er zu, Wartungsverträge sind schon vor Jahren ausgelaufen. Dokumentation gibt’s auch keine. Das Team (der Opa), der das gebaut hat, ist pensioniert und will nicht mehr behelligt werden.

Ich hoffe, falls ein Softwareentwickler hier mitliest, dass er nie, nie, niemals mit einem derartigen Projekt zu tun haben wird!

Auf den ersten Blick ist die Anwendung sehr komplex und für ihr Alter relativ funktionstüchtig, ABER! Heißt im Gartendeutsch: Es gibt eine Fußbodenheizung, die ist aber kaputt. Das Licht geht per Fernbedienung an, die ist aber verschwunden. Die Räume sind mit Paneelen verkleidet, aber die hängen von den Decken. Es gibt einen Kühlschrank, der ist aber verschimmelt und kaputt. Die Waschmaschine traut sich der Kunde nicht anzuwerfen, weil die Wasserleitungen marode sind und der Schuppen bereits im letzten Jahr unter Wasser stand. Der ganze Garten ist mit Wasserfässern unterhöhlt, um ursprünglich das Regenwasser als Nutzwasser zu verwenden, aber die Fässer sind nicht miteinander verbunden! Und der Kunde weiß auch nicht mehr genau, wo sie denn überall stehen, denn es gibt keine Pläne (Ich albträumte bereits, dass der Kinderwagen eines Tages durch den Rasen in die Tiefe brechen würde und das arme Baby in einem Wasserfass ertrinkt.). Außerdem gucken aus dem Rasen an diversen Stellen Stromkabel, deren Existenz uns nur verwirrt. Das WC wurde mehrfach mit Pakteklebeband „repariert“ und an einigen Stellen des Hauses ist deutlich sichtbar, dass wir es mit Wasserschäden zu tun haben. Single Sign on geht auch nicht. Ein Schlüssel für die Schranke, ein anderer für das Tor, ein dritter für´s Haus und ein vierter für den Schuppen… Ich lebe ständig in Furcht und Angst, einen der vielen Schlüssel zu verlegen (ergo, mein Login-Passwort zu vergessen).

Die Grundstruktur ist am Zusammenfallen. Und über allem liegt ein lieblicher, dreißig Zentimeter hoher Löwenzahnteppich…

Und langsam wird mir außerdem klar, dass das Projektmanagement eine Katastrophe ist! Eigentlich hatte ich für mich selber die Rolle des Projektleiters vorgesehen, aber irgendwie mache ich nun alles, nur nicht das Projektmanagement. Und es läuft auch alles falsch: Es gab kein Projektkickoff, der Projektplan wird irgendwie so nebenbei mitgeschrieben, unklare Rollenaufteilung, Budgetplanung… ach, fragt lieber nicht! Ähnlich wie bei einem Time&Material-Vertrag in der Softwareentwicklung haben wir losgelegt und gesagt, eins nach dem anderen, wie eben Budget da ist. Ich möchte den Kunden am liebsten schütteln und anschreien: „Wach auf! Du hast keine Ahnung, was zuerst gemacht werden muss, was das kostet und was alles weitere kosten wird!“. Aber der Kunde gockelt durch die Unkrautwiese und schnoddert mich an: „Wie, du krautest seit drei Tagen an der Einfahrt rum?! Putz doch mal endlich das Haus! Das wäre viel besser!“. Wenn wir in der Softwareentwicklung wären, hätte er gesagt: „Wie, ich soll drei Tage bezahlen für Codereview? Mach doch mal schnell das Design neu, damit ich was Schönes sehe!“. Genau. Jetzt das Haus zu putzen, wo alles von der Decke fällt, wäre genauso unsinnig. Die Elektrik ist auf dem Stand von neunzehnhundertsiebzig (optimistisch geschätzt), aber wenn wir Tapete drüber kleben und ein Blümchen als Ablenkung auf den kippligen Tisch stellen, sieht’s ja keiner.

Ich habe einen anstrengenden Kunden. Er sieht einfach nicht, was ich alles gemacht habe, sondern moniert stets, was noch nicht fertig ist. Wären wir in der Softwareentwicklung, würde er stündlich im Büro anrufen und vermelden, wenn er sich einloggt, sieht er immer die gleiche Maske! Ja, lieber Kunde, aber im Hintergrund passiert ganz viel. Zurück im Garten heißt das: ´Guck nach unten, dann siehst du, das Tor lässt sich schon leicht öffnen, weil dein fleißiger Gartenknecht schon die Grasnaben darunter entfernt hat. Und wenn du nicht in den Garten reinkommst, dann ist auch wurscht, ob die Küche blitzt oder nicht!´. Seine Priorisierungen sind mir völlig schleierhaft.

Ich helfe mir. Das Krauten (mein neues Verb für „Unkraut rausbuddeln“) entspannt mich. Und ich sehe den ungeduldigen Kunden dabei nicht, der ja idiotischerweise von mir will, dass ich den Dreck von Jahrzehnten aus dem maroden Haus putze, damit er sich einreden kann, es sei ja alles gar nicht soooo schlimm. Wenn er dann vor mir steht und fragt, wie lange ich denn noch an dem sinnlosen Beet rumkraute, dann denke ich mir: ´Hm, sechs Stunden, wenn ich schnell mache. Wenn der Entwickler sonst sagt, er braucht sechs Stunden, weißt du als Projektleiter: Es werden vermutlich acht. Dann noch Risikopuffer, anteilig Qualitätssicherung und Projektmanagement…´und sage laut: „Fünf Tage!“. „Waaas?!“. „Ja, genau, ich habe außerdem auch noch mehrere Projekte nebenbei laufen! Mit Prio Hoch! Du musst doch nicht denken, dass ich hier exklusiv nur für dich arbeite! Und nerv mich nicht andauernd, wann das fertig ist! Außerdem: Was genau machst eigentlich DU hier?!“. „Ich mache die Projektleitung!“.

Ah ja… das kennt der Entwickler vermutlich auch…

 

Fußnote: Um Fragen und Irrtümern vorzubeugen möchte die Autorin anfügen, dass sie nicht nur mit dem besten aller Ehemänner verheiratet ist, sondern auch mit dem fleißigsten, stärksten und geduldigsten aller auf dem Erdball lebenden Exemplare. Mitnichten ist der in diesem Text mit „Kunde“ oder „Projektleiter“ benannte Mensch identisch mit dem Besten. Sollte dieser Anschein erweckt worden sein, so liegt das vermutlich nur an der Fantasie des Lesers 😉

 

Männer haben Krankheiten, Frauen haben Wehwehchen

Ich war mir eigentlich sicher, dass ich nie, nie, niemals einen Artikel derartiger Coleur schreiben würde. Niemals! Aus Respekt und Achtung. Aber nach dieser Steilvorlage heute Morgen…

Alles begann damit, dass der Beste mich ermahnend im Lehrmeisterton davon in Kenntnis setzte, dass die Mango, die er mir auf meine Aufforderung hin vor ein paar Tagen kaufen sollte, nun vor sich hingammeln würde.

Daraufhin erlaubte ich mir einen sprachlichen Faupax: „Darf ich dich erinnern, dass ich eine außerplanmäßige Weisheitszahn-OP hatte und deshalb nicht in der kaulichen Verfassung war, so was zu beißen?! Es tut mir sehr leid. Um die Mango und um die Mühe, die du beim Kauf hattest!“. „MOMENT!“ ,belehrte er mich, „MIR wurden die Weisheitszähne rausoperiert! DIR wurde nur ein Weisheitszahn GEZOGEN! Du hast ja bereits am nächsten Tag wieder gegessen und konntest rumlaufen! So schlimm war es also gar nicht.“.

Hatte er mir da gerade zum Vorwurf gemacht, dass ich ohne zu jammern unter Ibuprofen-Einfluss bereits am nächsten Tag eine zermatschte Banane zu mir nehmen konnte, schubkarrenweise Schutt und Geröll im Garten gewuchtet hatte und sogar nuschelnderweise in der Lage war, mich an einem Gespräch zu beteiligen? Offensichtlich! Eine Frechheit.

Um es vorweg zu nehmen, ich halte mich selber für eine Schissbuchse und bin kein Held im Schmerzenaushalten. Ich hätte mich sehr gern ins Bett zum Leiden gelegt, nur hätte mir das schlichtweg überhaupt nichts gebracht! Meine zwei großen Männer hätten nach fünf Minuten mit dem kleinsten Mann auf dem Arm in der Tür gestanden und verkündet, ich solle mich doch nicht so haben und sie hätten jetzt aber großen Hunger. Und: Was gibt’s zu essen?

Männer leiden stärken, das sei wissenschaftlich bewiesen, wie ich mir von meinem hauseigenen Wissenschaftler gerne und regelmäßig anhöre. Und ja, mit drei Männern im Haus bin ich da einiges gewöhnt. Wenn einer Schnupfen hat, dann hat er nicht Schnupfen, sondern akute Sinusitis. Muss Bettruhe halten, vierundzwanzig Stunden am Tag überwacht und gepflegt werden, die Klingel muss abgeschaltet sein und im zwei-Minuten-Takt sollten Erfrischungstücher, Hühnersuppe und Streicheleinheiten angeboten werden. Und Lob! Denn, obwohl ich bereits das rote Kreuz an der Tür aufhängen musste und das Haus in Quarantäne setzen, weil nicht sicher ist, ob es der Patient diesmal überleben wird, muss das tapfere Röcheln aufmunternd belobt werden.

Unvergessen bleibt mir, als ich einmal während einer Krankheitsphase in zeitliche Bredouille geriet und anstatt ein Bio-Huhn vom Biofleischer stundenlang mit Bio-Gemüse zu einer Bio-Brühe voller Liebe zu zerkochen, Fertigbrühe zubereitet hatte und Hähnchenbrust aus dem Supermarkt reingeschnitten. Der Blick! Unvorstellbar. Als hätte ich ihn gezwungen, mit seinem Krankenlager in den zugigen Keller umzusiedeln!

Ja ja, ich weiß. Männer leiden stärker.

Ich bin aus diesem Grund auch für ein generelles Männerverbot in Kreißsälen. Beim ersten Besuch in dieser Einrichtung wurde der ursächlich für unser beider Anwesenheit Verantwortliche nach vielen Stunden von der kompetenten Fachfrau mit den Worten hinausgeworfen: „Wenn sie jetzt nicht verschwinden, kommt dieses Kind nie raus!“. Ich war bis dahin vollumfänglich damit beschäftigt, dem Mann neben mir Saft einzuflößen, den Puls zu überprüfen und die Stirn zu tupfen. Ich hatte gar keine Zeit, mich um etwas anderes zu kümmern!

Beim zweiten Besuch zögerte ich die unvermeidliche Anwesenheit so lange es ging hinaus. Günstigerweise war ich zu diesem Zeitpunkt schon interniert im Krankenhaus. Nachts um eins begannen die Wehen und ich meterte die Gänge entlang. Wie man das eben so macht. Morgens um sechs fragten die Geburtsfacharbeiterinnen zum zwölften Mal, ob sie denn nicht endlich mal meinen Mann anrufen sollten?! „Nein nein, lassen sie den ausschlafen!“, war meine Antwort jedes Mal. Und in Gedanken fügte ich stumm hinzu: „Das ist für uns alle das Beste!“. Er kam dann auch ausgeschlafen und frisch geduscht (eine Augenweide, das muss ich an der Stelle mal erwähnen) gegen halb elf Mittags und ich versuchte, das Unterhaltungsprogramm so abwechslungsreich wie möglich für den Mann zu gestalten. Und lobte ihn natürlich! Er hat das auch sehr schön gemacht und mir immer wieder vorgemacht, wie ich denn nun atmen soll. DANKE an der Stelle noch mal!

Im Kreißsaal wurde er dann doch kurzzeitig blass, als eine Frau im Nachbarsaal völlig unpassend sehr laute und unschöne Geräusche von sich gab. Ich versicherte ihm tröstend, dass auch ich das total übertrieben fand und nicht vorhätte, mich derart zu entgleisen! Er war beruhigt. Als es dann scharf zur Sache ging, habe ich ihn listig hinausgeschickt mit der Aufforderung, das Großkind anzurufen und die Facharbeiter instruiert, ihn AUF GAR KEINEN FALL wieder in den Kreißsaal zu lassen! Ich habe mich auch sehr beeilt, damit ihm nicht langweilig vor der Tür wird. Dann habe ich mit der Hebamme schnell noch das Kind gesäubert und den Tatort geputzt (ich hätte auch ein Blümchen aufgestellt, aber konnte auf die Schnelle keines finden) und dann durfte er wieder rein.

Es ist alles gut gegangen. Ich habe ihn sehr gelobt für sein Engagement und er war sehr tapfer, das muss ich sagen! Allein hätte ich das niemals so hinbekommen. Niemals.

Ja, Männer leiden. Frauen haben nur Wehwehchen.

Das ist aber überall so. Das weiß ich, denn wir Frauen lästern analysieren mit Vorliebe das Krankeitsverhalten unserer Männer. Und ich habe noch Glück!

Der Mann einer Freundin lag eines Tages schwerkrank mit Schnupfen auf der Couch und röchelte vor sich hin. Die Gute brachte im einen Teller mit Obstschnitzen. Mit letzter Kraft hob er ein Augenlid um den Teller zu begutachten und röchelte: „Du musst mir das aber auch schälen! SO kann ich das in meinem Zustand nicht essen!“.

In diesem Sinne: Gute Besserung!

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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Der Traum vom Garten

Der Traum vom Garten

„Wer ein Leben lang glücklich sein will, der lege einen Garten an“ sagt ein chinesisches Sprichwort.

Vor zwei Jahren beschlossen Oma und Opa, aus Altersgründen ihren Schrebergarten nicht mehr bewirtschaften zu können oder zu wollen.

Ich sah meine Chance und bearbeitete den Besten: Biogemüse aus eigenem Anbau! Ein ganz eigenes, persönliches Naherholungsgebiet! Mit Häuschen! Wir könnten sogar dort wohnen, wenn wir wöllten! Und überhaupt, wie herzlos wäre es denn, wenn dieser Familiengarten, in dem der Beste schon im Sandkasten gespielt hatte, in irgendwelche fremden, lieblosen Hände geriete?! „Einen Garten willst du?! Sag mal, wie alt bist du? Sechzig? Bei dir piept´s doch! Ohne mich!“ war die Reaktion des Angetrauten. Ich fand das sehr ungezogen, zumal er genau weiß, wie alt ich bin. Ich strafte ihn mit Nichtachtung (für zwei Minuten, länger halte ich das nie aus). Und probierte es anders: Nämlich, dass der Garten eine ideale Geldanlage wäre, jetzt, wo doch der Trend eindeutig zum Kleingarten gehen würde und wenn wir beschließen sollten, dass das nichts für uns sei, könnten wir das idyllische Stückchen Land problemlos gewinnbringend verscherbeln! Damit hatte ich ihn.

Die Papiere wurden unterzeichnet und wir Schrebergartenpächter.

Also rein formal. Oma und Opa wollten sich nämlich gern langsam von ihrem Garten verabschieden. Uns war es recht. Und so kam es, dass sie immer in ihren Hochlehnern mit den hässlichen gestreiften Auflagen saßen und sich sonnten, wenn wir mal in „unserem“ Garten vorbeischauten. „Kinder, macht ruhig los hier! Ist ja jetzt euer Garten!“ sagten sie jedesmal. Wir benahmen uns nach wie vor wie gute Gäste. Und rührten nichts an. Oma und Opa allerdings auch nicht. Die Idylle wucherte vor sich hin. Immerhin sah man das Häuschen noch vom Tor aus.

Das war vor zwei Jahren. Im letzten Jahr saßen Oma und Opa immer noch auf ihren Hochlehnern. Und wir benahmen uns immer noch wie Gäste. Um überhaupt irgendwas zu machen, legte ich mit dickem Bauch zwischen den mannshohen Unkrautfeldern halbherzig einen Kürbisacker an und fuhr eine riesige Ernte von ungezählten tonnenschweren, ungenießbaren und sitzsackgroßen Kolossen ein, die der Beste in unseren häuslichen Keller schleppen musste, wo sie vor sich hinschimmelten, bis ich den Mann, der mich geheiratet hatte, zwingen konnte, sie wieder zu entsorgen.

Obwohl, dass mit dem Ackerbau hatte ich ja eigentlich sowieso nur als Vorwand gebraucht, denn: Ich träumte ganz andere Träume!

Das Grundstück war mir ziemlich wurscht. Klar, ich würde irgendwann die hässlichen Pflanzen rausrupfen und Lavendel und Rosmarin pflanzen und schöne Steine von der Ostsee (die ich ja sowieso zentnerweise horte) in den Beeten drapieren. Aber meine Sehnsüchte galten dem Häuschen <3. Hach! Flur, Küche, Badezimmer mit Dusche, ein separates Klo, Wohnzimmer und unterm ausgebauten Dach ein Schlafzimmer. Natürlich alles im Gelsenkirchener Barock der späten Achtziger mit unsagbar hässlichen Läufern und Lampen, aber daraus ließe sich doch was machen! Man würde alles rausreißen müssen, aber WIE schön würde das Ergebnis erst sein! Ich sah es farbenfroh vor mir…

Zwei Winter lang träumte ich… ich würde das Häuschen blau streichen. Nein, weiß mit blauen Fensterläden. Die müsste extra angebracht werden, aber das würde sich lohnen! Das Bad muss neu gemacht werden, ganz klar, und ich sah mich schon einrichten und dekorieren. Shabby chic, oder englisches Landhaus gemixt mit maritimen Flair. Blaue Fliesen im Badezimmer und schöne Leinentücher anstatt Frottee. Ich erstand eine antike Silberschale, darauf würde ich erlesene Lavendelseifen ansprechend darreichen. Ich würde eine alte Holzleiter weiß streichen und in die Badezimmerlandschaft integrieren als Handtuchhalter… Ich hortete alte Truhen, Kisten, Dekokram. Konnte ich schon zu Friedenszeiten an keinem Antikgeschäft oder Trödelladen vorbeigehen, hatte ich ja nun eine Vision! Ich kaufte, erfeilschte, ertrödelte und verstopfte unseren Keller. Folgende Satzkombination war wohl die häufigste in den letzten zwei Jahren: „Was ist das schon wieder für Zeug?!“ (Er) „Das kommt in den Garten!“ (Sie). Und ich kultivierte weiter meinen Traum. Ich sah mich das Wohnzimmer einrichten, Vorhänge nähen, die sich im Duft des Jasmins vor dem Fenster (Ja, der müsste dann auch noch gepflanzt werden) wehten. Ich würde Fotos der Kinder in Sepia an die Wände hängen und endlich alle Deko- und Interior-Tipps, die ich seit Jahren sammelte, umsetzen. Ich sah mich die Teppichfliesen von der Treppe entfernen und diese streichen, die Küchenmöbel restaurieren und aufarbeiten. Oder nein, ich würde ein altes Büffet dort einbauen und den Rest selber bauen, mit einer alten Holztür als Arbeitsfläche! So schwer kann das nicht sein. Sieht in den Zeitschriften immer ganz leicht aus. Und auf der Terrasse (deren hässliche Fliesen ich gestrichen oder mit Holz verkleidet hätte) würden schöne Holzmöbel stehen und Bodenkissen liegen. In den Obstbäumen sah ich selbstgebastelte Windspiele aus Muscheln und Glasscherben hängen und Laternen mit Kerzen säumen abends den Gästen den Weg zu unserem romantischen Häuschen. Und jeder würde mich bewundern, was für ein Träumchen ich aus dem Gartenhaus gemacht hätte! Und überhaupt kämen alle unsere Freunde ständig zu uns! Und wir würden feiern und es schön haben und niemand braucht nach Hause zu fahren, denn wir haben Platz! „Bleibt einfach, solange ihr wollt. Ihr seid willkommen!“ höre ich mich jedem zurufen. Und morgens würde ich im luftigen Sommerkleid mit meinem (extra für den Garten angeschafften) Hollandrad zum Bäcker radeln, um für meine Familie und die vielen Freunde, die bei uns zu Besuch wären, frische Croissants zu kaufen oder Vollkorndinkelbrötchen und dann im Garten den Frühstückstisch decken. Mit einem Strauß Flieder auf dem Tisch. Und selbstgekochter Marmelade aus den Gartenfrüchten. Es würde immer die Sonne scheinen, draußen und in meinem Herzen. Und ich, ich würde nicht so schlumperig in Jogginghosen mit Gummistiefeln durch die Wiese schlurfen wie die Frauen, die ich naserümpfend über den Gartenzaun beobachten konnte. Das geht echt zu weit! So kann man sich wirklich nicht gehen lassen! Arbeit hin oder her, es gibt Grenzen. Ich würde immer adrett aussehen. Und einen Strohhut tragen. Und einen Hauch „La Perla Blue“, das schien mir der perfekte Gartenduft zu sein.

So würde das werden. Ich war mir ganz sicher, in meinen Träumen. Zwei lange Winter lang!

Da man seine Träume hegen soll, habe ich heute meinem Traum vom Garten einen ganzen Artikel gewidmet. Einen Abgesang, ein Requiem. Ein Totengebet quasi.

Wir schreiben das Jahr 2014 und es ist jetzt WIRKLICH unser Garten. Um es poetisch zu formulieren: Statt Kleidchen und La Perla Blue, nur Unkraut, Dreck und Gummischuh…

Fortsetzung folgt. Ganz bestimmt!

Der Reisflocken-Soßenbinder

Der Reisflocken-Soßenbinder

Erkenntnis des Tages: Baby´s Reisflocken schmecken zwar wie feuchte Pappe, lassen sich aber super als Soßenbinder zweckentfremden.

Mütter unter sich

Mütter unter sich

„Nackt unter Wölfen“ hätte der Artikel auch heißen können. Oder „Mit Platzwunde im Haifischbecken“.

Wer in den letzten Wochen etwas anderes zu tun hatte, als alle Blogs und Facebookbeiträge zum Thema „Mütter“ zu lesen, für den fasse ich noch mal kurz zusammen: Mütter, die einen Kaiserschnitt hatten, haben nicht selbst geboren. Mütter mit Wunschkaiserschnitt sind Egoisten. Mütter, die nicht stillen, sind Egoisten. Mütter, die ihre Kinder zu Hause erziehen, sind zu faul zum arbeiten. Mütter, die ihre Kinder in die Kita bringen, sind karrieregeile Egoisten.

Zu jedem Punkt gibt es eine ganze Allianz von Müttern, die ihre Meinung ungefragt in die Welt posaunen und ihre Lebensmaxime als alleingültige proklamieren. Mit welchem Recht? Keine Ahnung, die Mütterrolle scheint für manche Frau leider die einzige Möglichkeit, sich persönlich zu profilieren. Ich finde das sehr bedauerlich. Für alle Beteiligten! Ich bin ja ein ganz großer Verfechter der „Die Welt ist groß und bunt“-Theorie und dass wir uns alle verbrüdern und verschwestern sollten. Und gemeinsam für eine neue Frauenbewegung kämpfen. Und Gehältergerechtigkeit! Und friedliche Koexistenz! Und faltenfreie Haut für alle!

Aber erst ab morgen.

Denn, um es vorweg zu nehmen: Ich bin keinen Deut besser! Zwar tangieren mich die oben genannten Themen schlichtweg überhaupt nicht (dafür habe ich nur ein müdes Lächeln übrig), aber ich habe natürlich auch meine „Feindbilder“ an der Mütterfront. Und heute darf ich noch mal vom Leder ziehen.

Die Tofu-Mutti
„Natürlich“ ist die Devise der Tofu-Mutti. Geboren wird im Geburtshaus oder zu Hause auf dem Juteteppich. Jeglichen medizinischen Eingriff in die „natürliche“ Geburt wertet sie als persönliches Versagen. Das Kind der Tofu-Mutti wird gestillt, bis es alt genug ist zu vermelden: „Du Mutti, ich hätte eigentlich lieber ein Bier!“ und schläft im Familienbett bis zu seinem Auszug mit zweiundzwanzig. Die Tofu-Mutti erkennt man an der natürlichen Achsel- und Beinbehaarung, den Jutesandalen (im Winter mit Schafwollsocken darin), einem meist verhärmten Aussehen (fehlendes tierisches Eiweiß?!) und dem unverwechselbaren Duft von Dinkelpups. Meist einher geht mit dieser Attitüde die Konjunktiv-Erziehung: „Friedrich, würdest du bitte aufhören, den Jungen zu schlagen? Du möchtest doch bestimmt auch nicht, dass man dich schlägt?“, auch ist sie eine Verfechterin der frühkindlichen Involvierung in komplexe Grundlagendiskussionen. Mit Eintritt der Kinder in die Sozialisierungsanstalten (wenn sie nicht gleich zu Hause unterrichtet) engagiert sie sich sehr zum Leidwesen aller anderen Eltern als Klassensprecher, Elternberater etc. und schreibt ellenlange eMails, um das Schulsystem und die Essensversorgung zu reformieren. Am liebsten würde sie alle Unterrichtsstunden hospitieren um dem Lehrer im Anschluss konstruktiv Feedback zu geben. Die Tofu-Mutti hält mir gerne ungefragt Vorträge über vegane Kleinkindernährung und dass ich mit meiner getönten Tagescreme aus dem Chemielabor das Grundwasser verpeste und mit dem Plastikspielzeug meine Kinder vergifte…
Ich möchte ihr mit Mettwurstbrötchen den Mund stopfen und sie in einen Schönheitssalon zwangseinweisen lassen!

Die Cakepop-Prinzessin
…ist immer im letzten modischen Chic gekleidet und ihr steht es selbstverständlich besser als den Models in den Hochglanzmagazinen. Ihr Teint ist ebenmäßig, nie verirrte sich eine Pore oder Falte darin (Aber anstatt schwesterlich die Telefonnummer des Facharbeiters rauszurücken und einen Gruppenrabatt auszuhandeln, behauptet sie selbstverständlich, das käme nur vom Schlaf und vier Litern Quellwasser pro Tag!). Seidigweiß glänzende Zähnchen blitzen aus dem ewig lächelnden, perfekt in angesagtem Himbeer bemalten Mündchen. Sie trägt immer eine stylische Frisur und nicht nur Haare, wie ich. Selbstverständlich ist sie groß. Ihre Beine enden dort, wo mein Hals beginnt. Sie sieht auf mich herab und sagt Sachen wie: „Du bist so…klein! Wie süüüüß!“ (ich überlege oft, ihr in die Knie zu beißen). Am perfekten Body mit dem perfekten BMI baumelt immer die angesagte Handtasche der Saison. Sie betreibt natürlich einen Blog mit achtzigtausend Abonnenten, die sie in jedem Beitrag mit „Hallöle ihr Süßen!“ persönlich begrüßt. Und dort kredenzt sie herzallerliebste Backrezepte in einer herzallerliebsten extra für sie designten Küchenschürze und dekoriert sogar mit ihren eigenen, herzallerliebsten, perfekt lackierten Fingerchen die Zuckerkügelchen einzeln auf den herzallerliebsten Cakepops. Und dabei lächelt sie fröhlich! Außerdem gibt es wegen der hohen Nachfrage viiiiele professionelle Fotos von ihr… im Sonnenuntergang, im Sonnenaufgang, im herbstlichen Blätterwald. Mal versonnen-mädchenhaft lächelnd, mal Lebensfreude ausstrahlend mit ausgebreiteten Armen. DAS wollen die Leser sehen!
Und weil so ein Kind als modisches Accessoire heutzutage dazugehört, hat sie natürlich auch eines. Ein ganz besonders hübsches selbstverständlich! Und hochbegabt!
Das Cakepop-Prinzessinnen-Verhalten im sozialen Umfeld kann ich in zwei Kategorien unterteilen: Entweder „würde“ sie sich ja sehr gern an Diesem oder Jenem beteiligen, ist da aber auf einem Event in Hamburg, dann jettet sie noch mit dem Til (dem Schweiger) nach Berlin und ja, nächste Woche ist da ein Shooting für ihr Kochbuch… Leider! Die andere Variante ist nicht weniger ätzend: Sie macht das alles in Personalunion! Und winkt mit dem manikürten Händchen nonchalant ab und behauptet, das hätte doch alles ÜBERHAUPT keine Arbeit gemacht. Bevor sich eine Normalo-Mutti aus der Schlafanzughose geschält hat, ist die Cakepop-Prinzessin schon mit der Frühschicht fertig und hat für alle Kinderlein Tütchen gebastelt mit neckischen Obstschnitzereien, die sie in der Kita dann an die Haken hängt, damit die anderen Kinderlein auch mal sowas Nettes zu essen bekommen wie ihr süßes, süßes Cakepop-Prinzessinnen-Kind. Die gucken nämlich immer ganz traurig, wenn der Legolas-Phinneas seine Obstschnitzereien und Kuchen in Form seines Namens morgens auspackt… Und das hat sie doch so gern gemacht! Und das hat ÜBERHAUPT keine Arbeit gemacht! Und zum Geburtstag vom Legolas-Phinneas sind alle Kinderlein eingeladen in die Barbie-und-Ken-Villa der Cakepop-Prinzessin und der Justin (der Bieber) kommt vielleicht auch und die einhundert Kinderlein bekommen dann alle eine zwölf Kilo schwere Give-away-Tüte geschenkt mit den Backbüchern der Prinzessin (mit Autogramm) und vielen schönen Fotos. Von ihr. Das Kind ist aber wahrscheinlich auch irgendwo mit drauf. Im Sonnenaufgang, im Sonnenuntergang, im herbstlichen Blätterwald…
Ich wünsche ihr einen ekligen Ausschlag an den Hals! Und Herpes. Und dass, wenn sie abends in ihren Spiegel schaut und diesen befragt: „Spieglein, Spieglein an der Wand. Wer ist die Schönste im ganzen Land?“, dieser ehrlich antwortet: „Ihr, Prinzessin, seid die Schönste hier. Aber die Rike hinter den sächsischen Bergen, die Königin der drei Zwerge, die ist tausendmal sympathischer als ihr!“. Ätsch Bätsch!

Aber ab morgen wird alles anders! Dann gehe ich auf die Straße und kämpfe für eine neue Frauenbewegung. Mit der Tofu-Mutti und der Cakepop-Prinzessin (wenn die Zeit hat).

Nachlese zum Welt-Autismus-Tag

Nachlese zum Welt-Autismus-Tag

Ich habe heute am Universitätsklinikum Dresden im Rahmen des Öffentlichkeitstages einen Vortrag gehalten, es ging um „Schule für alle!“. Begonnen habe ich mit den Worten: „Ich bin aufgeregt, weil ich ihnen in den nächsten Minuten einen wunderbaren Menschen vorstellen darf!“ und endete mit den Worten: „Mein Sohn ist besonders. Und zwar besonders toll!“.

Ganz besonders toll waren die Reaktionen im Anschluss für mich. Der Hörsaal war voll, viele Mediziner und Therapeuten, Pädagogen und ganz viele Eltern. Nicht nur aus Dresden, aus dem Umland, teilweise mehrere Hundert Kilometer angereist. Ganz viele Menschen haben im Vorbeigehen meine Hand gedrückt und „Danke!“ gesagt, „Sie sprechen mir aus der Seele!“. Ein älterer Herr meinte, er hätte geweint. Ich kenne seine Geschichte nicht. Mich hat das tief berührt.

Horst Wehner, selber Rollstuhlfahrer, hat in seiner Eröffnungsansprache sehr deutlich gemacht, wie schwer der Umgang mit „unsichtbaren“ Behinderungen ist. Das ist auch mein Empfinden: Wenn mein Sohn dem Fahrkartenkontrolleur seinen Behindertenausweis hinhält, erntet er stets ein verblüfftes Gesicht!

In Dresden gibt es derzeit sechsundachtzig Schulkinder im Alter von sechs bis neunzehn Jahren, die unter Autismusspektrumsstörungen (ASS) leiden. Das klingt nicht viel. Hinzu kommen die Kinder, die „in der Warteschleife“ hängen, die lange auf einen Termin zur Diagnostik warten, deren Diagnostik noch läuft oder wo der unendlich komplexe Prozess der „Klärung des sonderpädagogischen Förderbedarfs“ noch im Procedere ist. Hinter jedem Kind steht eine Familie. Eine Familie, die Odysseen an Therapeutenbesuchen und Gesprächen hinter sich hat und sich nicht selten jahrelang die Haare rauft und fragt, was nur stimmt nicht mit meinem Kind?

Und selbst wenn die Diagnose steht und Dinge wie „Nachteilsausgleiche“ zum Beispiel geregelt sind, dann hört die Odyssee nicht auf. Nicht, wenn das Kind schulpflichtig ist. Bei geringfügigen (Es tut mir weh, das zu schreiben!) Störungen vermag das Kind vielleicht, durch erlernte Strategien und Kompensationsmechanismen irgendwie seinen Alltag alleine in einer Regelschule zu meistern. Was aber, wenn nicht? Ja, es gibt Förderschulen und das ist auch gut so! Aber was, wenn die Förderschule sagt: „Wir können ein Kind mit den kognitiven Eigenschaften wie ihres nicht adäquat bei uns beschulen! Es müsste auf ein Gymnasium!“ und die Gymnasien sagen: „Wir sind voll! Wir haben keinen Platz für ein Integrationskind! Und seinen Betreuer!“.

Ich habe heute viele Fachvorträge gehört, und sehr viel Gutes und Wünschenswertes und Ausbaufähiges war dabei. Hoffentlich folgen den schönen Worten Taten.

Und heute ging es ja „nur“ um den Schulalltag. Die Familien, die ich kennengelernt habe, sorgen sich ja nicht nur um zehn, zwölf Jahre. Hinzukommen die Fragen wie: Wird er/sie jemals einen Beruf ausüben können? Alleine einen Haushalt führen können? Familie haben? Jemals einen Freund finden? Wer beschützt sie/ihn, wenn ich es nicht mehr kann? Es wäre wirklich wichtig, dass diesen Eltern wenigstens die Sorge um die Schuljahre genommen wird!

Und ja, ich bin eigentlich nur zum Spaß hier und am liebsten bringe ich euch zum Lachen! Aber es ist wichtig, auch mal den Mund aufzumachen, um ernsten Dingen einen Raum zu geben. Morgen können wir wieder Spaß zusammen haben, heute drücke ich in Gedanken die Hände aller Eltern, die sorgenvoll auf die Zukunft ihres besonderen Kindes schauen.

 

Ich habe Superkräfte!

Vergangene Woche habe ich meine Prüfung zum „Systemischen Businesscoach“ bestanden. Ich wollte diesen Lehrgang unbedingt machen, das Timing war allerdings ganz großer Mist. An einem Dienstag im September wurde ich mit dem neuen Baby aus dem Krankenhaus entlassen, kurz darauf saß ich schon in der Schulung und verfluchte mich und meine eigene Überheblichkeit („Hey, wie schwer kann das sein?! Stille ich halt zwischendurch! So´n Wurm liegt ja eh nur rum!“).

Nun gut, ich hab das durchgezogen, irgendwie. Denn wer will, findet Wege. Wer nicht will Gründe.

Überhaupt bin ich ja der ganz große Sprücheklopfer. Mein Lebensmotto habe ich dem alten Immanuel abgeluchst: „Ich kann weil ich will was ich muss.“ Heißt in meiner ganz eigenen Interpretation: Ich muss nur das machen, was ich will!

Jedenfalls habe ich am Prüfungssamstag mit zermatschtem Kopf morgens um fünf über meinen Unterlagen gesessen und überlegt, ob ich noch schnell die Vita vom Ausbildungsleiter auswendig lerne oder sonst wie im blinden Aktionismus irgendwas reißen kann um meine überdimensionale Inkompetenz zu verschleiern… Da mir nichts einfiel, habe ich Fleiß vorschützend ein Bild meiner vor mir ausgebreiteten Bücher etc. bei Facebook gepostet.

Wenn ich das geahnt hätte! Ungewollt habe ich den Eindruck erweckt, Baby und Haushalt und nebenbei-Schulung, Blog und kreative Heimarbeit ganz laissez faire aus dem Handgelenk zu schütteln. Ich bin nun offensichtlich in Erklärungsnöten!

Mache ich tatsächlich den Eindruck, dass Alicia Keys jeden Morgen neben meinem Bett steht und für mich „Superwoman“ singt zum Wachwerden?! Und mir die Weste mit dem „S“ auf der Brust reicht?! Bin ich die leibhaftige Persiflage der von mir so abgrundtief verhassten Mutti geworden, die in Seide und Kaschmir gehüllt flötend die Kita betritt und dreierlei vegane, laktose- und glutenfreie Muffins unter dem Arm hat, die sie mal eben schnell zwischen drei und vier Uhr in der Früh noch zubereitet hat und ihr Burberry-Kind mit Seidenschal und Seitenscheitel adrett auf dem Kita-Bänkchen platziert?! Die bei allen anderen Müttern den schalen Geschmack der Unzulänglichkeit hinterlässt?! Eine Cakepop-Prinzessin mit Sechzigerjahre-Superhausfrauen-Image?!

Leute, nun aber mal halblang!

Ich zieh jetzt die Hose runter für euch. Jetzt kommen sie, die ultimativen Geheimnisse der schlampigen Anti-Superwoman-Hausfrau!

Der perfekte Haushalt. So gehts:

1. Feuchte Reinigungstücher
Das absolute must have für mich. Damit feudel ich vom Kaminglas über Toilettensitze, Fensterbänke bis hin zu Baby´s Schnute alles ab, während ich links noch die Kaffeetasse halte! Also, nur das, wo ich bei meiner Körperhöhe von 1,57m so rankomme. Ich weiß natürlich, dass jedes Möbel oberhalb 1,70m eine Fellmütze aus Staub trägt, aber das ist mir wurscht!

2. Bescheißen beim Fensterputzen
Oberlichter putzen? Spar ich mir, indem ich die Jalousie auf Halbmast ziehe. Merkt keine Sau. Bis jetzt.

3. Microfaser-Flauschsocken
Mit diesen Socken an den Füßen immer schön durch die Wohnung rutschen, ruhig auch mal Schlittschuhlaufen simulieren (gut für die Fitness)und verwegen im Vorbeigehen mal mit den bestrumpften Füßen über die Scheuerleisten fahren. Macht Staubsaugen überflüssig. Abends dann die Socken mit den 300g Staubflusen ausschütteln und ab damit in die Wäsche!

4. Wäsche-Management
Irgendwann hatte ich mal begonnen, beim Wäschesortieren für jedes Familienmitglied einen Korb zu bestücken. Nun ist es aber so, dass alle, die zu faul oder noch nicht in der Lage sind, die Klamotten in ihren Schrank zu sortieren (quasi alle Familienmitglieder), ihren Korb einfach so stehen lassen und sich morgens irgendwas Sauberes rausziehen. Praktisch! Ich schmeiß das Gewaschene einfach wieder obendrauf. Gut, an den Anblick von vollen Wäschekörben in der Behausung musste ich mich erst mal gewöhnen, aber das ging relativ schnell. Ich erwäge mittlerweile, unsere Kleiderschränke komplett abzuschaffen…

5. Ordnung
Oft muss ich mir anhören, bei mir wäre es so verdammt ordentlich! Irrtum, ich habe nur gut schließende Schranktüren. Dahinter verbirgt sich das Grauen. Ich vermute, dass ich mittlerweile jedes Kleidungsstück in Form und Farbe viermal besitze, weil ich das immer wieder kaufe mit dem Gedanken: „Ach, das ist ja hübsch! Sowas wollte ich schon immer!“. Ich find es dann nur leider nicht wieder, weil in meinem Chaos alles vor mir Verstecken spielt hinter den Schranktüren.

6. Die Listenschummelei
Ich bin ja auch ein großer Freund von Listen. Sie strukturieren meinen Tagesablauf und identifizieren die Projekte, die ich unbedingt mal angehen müsste. Und ich finde das so beruhigend! Wenn ich mir selber einen todo-Zettel schreibe, auf dem steht: „Gewürzregal auswischen und die einhundertdreißig Töpfchen und Gläschen auf Haltbarkeitsdatum überprüfen“, dann habe ich ja immerhin schon einen Anfang gemacht! Und ehrlich, ob ein Gewürz schlecht ist, merkt man ja, wenn beim Benutzen tote Fliegen aus der Öffnung fallen!

7. Gesund kochen
Ganz wichtig! Ich esse auch sehr gerne. Und sehr gerne gut! Aber momentan wird bei uns jeder, der in der Lage ist, eine Tiefkühlpizza in den Ofen zu schieben, als Koch eingestellt. Na, und? Wer sich beschwert, darf an den Herd!

Und wenn alles wirklich mal selbst für meine Augen schlimm aussieht: Das Haus verlassen! Mit Abstand betrachtet, ist das größte Chaos gar nicht so schlimm! Frische Blumen kaufen und vor den Abwaschberg stellen (lenkt das Auge ab) hilft auch.

Und auch vor mir selbst mache ich nicht Halt, nein, da wird runteroptimiert, wo´s nur geht:
Die perfekte Frisur…ist die Bettina-Wulff-alltime favourite-red carpet-Schnipsgummi-Frise. Muss nicht gefönt werden und hält am zweiten Tag noch mit Trockenshampoo am Ansatz und Wachs in den Seiten. Das perfekte Makeup…besteht aus BB-/CC-Abrakadabra-Teintverjüngungscreme und das aufwendige Augen-Makeup wird durch eine Ganzgesichts-Sonnenbrille obsolet. Und Riesenschals kaschieren Kotzflecken auf der Schulter anmutig. Am besten gleich Klamotten in der Farbe von Babykotze tragen!

Also, wer den Mut zur imperfekten Behausung mit Maggifix-Tüten in der Haute Cuisine-Kombüse hat wie ich, der hat wirklich viel Zeit um allerlei Quatsch nebenbei zu machen.

Apropos nebenbei: Ich war heute Morgen in der Firma, weil ich dort was zu erledigen hatte und kam mit zwei Kolleginnen ins Gespräch. Wie das so ist, Blick in den Kinderwagen und das Erinnerungskino springt an. Die eine, zwei kleine Kinder, einhundert Kilometer Fahrweg jeden Tag zur Arbeit und zurück. Die andere erzählte von den zwei schweren ersten Jahren mit einem chronisch kranken Kind. Und dem Schmerz, morgens ein weinendes Kind in der Kita zurücklassen zu müssen, um seinen Mann zu stehen auf Arbeit. Nicht zu vergessen die Frauen, die das alles alleinerziehend „nebenbei“ wuppen müssen.

Stehen da wie aus dem Ei gepellt, schön und standhaft und Eine sagt bescheiden, es sei ja nicht immer alles Gold was glänzt…Dabei habe ich die Weste gesehen. Die mit dem „S“ auf der Brust. Unsichtbar vielleicht, aber sie alle hatten sie an!

Und während ich im Sonnenschein nach Hause in meinen goldig glänzenden Erziehungsurlaub spazieren durfte, dachte ich nur: Chapeau Mädels, ihr seid für mich die Größten!

Für alle Sindy´s, Nici´s, Andrea´s, Franzi´s, Bea´s und Christine´s dieser Welt: Carpe diem!

Und jetzt alle laut mitsingen:

 

 

Das besondere Kind

Das besondere Kind

t1Am 2.April ist Welt-Autismus-Tag. Er wurde von der UNO 2007 ins Leben gerufen und wird mit zahlreichen Aktionen wie lightitupblue jedes Jahr von Betroffenen und Angehörigen genutzt, um für Toleranz und Verständnis zu werben.

„Bei dem Wort “Autismus” denken die meisten Menschen zunächst an das “Kind unter der Glasglocke”, das ohne Kommunikation mit der Umwelt ganz in seiner eigenen Welt lebt. Das stimmt aber mit dem, was wir heute über die vielfältigen Formen von Autismus wissen, nicht mehr überein.
Bei einem Kind mit Fähigkeiten im Normalbereich, das fliessend spricht und sehr gute Kenntnisse auf besonderen Spezialgebieten hat, denkt man zunächst nicht an Autismus. Es ist auffällig in seinem sozial ungeschickten Auftreten, es hat keine Freunde, lebt am Rande der Gemeinschaft. Im täglichen Umgang ist dieses Kind schwierig, ohne dass man erkennen kann, warum das so ist. Es ist möglicherweise begabt auf einzelnen Gebieten, trotzdem stimmt etwas Fundamentales nicht.t3t2
Hans Asperger beschrieb 1944 eine Gruppe von Kindern, die intellektuell nicht beeinträchtigt waren, ein gutes Sprachvermögen hatten, aber deren gesamtes soziales Verhalten merkwürdig war.
Insbesondere fiel ihm Folgendes auf:
• Störungen im Blickkontakt, Körpersprache, Gestus und Sprachgebrauch
• im normalen alltäglichen Umgang mit anderen keine natürliche, altersgemäße Kommunikation
• Körperhaltung und Gesten nicht im Bezug zur Situation
• motorische Ungeschicktheit, die künstlich oder seltsam wirkt, Tonfall und Wortwahl auffällig
• gut entwickelte sprachliche Kompetenz aber monotone Sprachmelodie oder eine “erwachsene” Ausdrucksweise
• Schwierigkeiten bei spontaner verbaler Kommunikation
• Diskrepanz zwischen Intelligenz und Gefühlsleben
Er nannte sie “autistische Psychopathen”, heute sprechen wir vom Asperger-Syndrom.PENTAX DIGITAL CAMERA
Als erstes fällt an diesen Kindern, die zunächst völlig gesund wirken, ihre emotionale Distanz und ihre ausgeprägte motorische Ungeschicklichkeit auf. Sie verfügen über eine normale Intelligenz, in Teilbereichen eine intellektuelle Frühreife, ein gutes Sprachvermögen und kommen mit dem normalen Schulstoff zurecht. Die Kernsymptome für Autismus sind alle vorhanden, allerdings sind sie nicht so stark ausgeprägt, wie bei Kindern mit Kanner-Syndrom. Das bedeutet aber nicht, dass die Beeinträchtigungen geringfügig oder unbedeutend sind.
Die Eltern dieser Kinder vollführen eine “Gratwanderung” zwischen Fördern, Fordern und Überfordern. Sie sorgen sich sehr um ihr Kind und haben oft große Angst, dass es als Erwachsener kein selbständiges Leben führen kann, da ihm viele praktische und soziale Fähigkeiten fehlen, die im Alltagsleben benötigt werden. Auf der anderen Seite müssen sie sich häufig Vorwürfe anhören, sie seien nicht fähig, ihr Kind richtig zu erziehen.HPIM2068

Aufgrund ihrer veränderten Wahrnehmung sind autistische Kinder in allen Lebensbereichen beeinträchtigt, das gilt auch für Kinder mit Asperger-Syndrom. Sie aber gehen häufig unerkannt in ganz normale Schulen, wo von ihnen auch “ganz normales” Benehmen erwartet wird. Und spätestens hier fallen sie vor allem durch ihr merkwürdiges Sozialverhalten auf.
Denn im Gegensatz zu Kindern mit Kanner-Syndrom werden Kinder mit Asperger-Syndrom erst relativ spät – manchmal erst im Verlauf des Schulalters – diagnostiziert, da sie auf den ersten Blick recht normal wirken und die Auffälligkeiten zunächst den verschiedensten Ursachen zugeschrieben werden können. Häufig wird ihre Störung nicht ernst genommen. So werden an diese Kinder Anforderungen gestellt, die sie nicht erfüllen können. Das auffällige Verhalten wird oft fälschlicherweise als “Nicht-Wollen” angesehen, als Ausdruck des Wunsches, im Mittelpunkt zu stehen, schlimmstenfalls als Bösartigkeit.

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Diese Kinder verfügen über ein hohes Sprachniveau und eine normale bis überdurchschnittliche Intelligenz, deshalb nimmt man an, dass sie auch alles verstehen. Aber oftmals erkennen sie nicht das Wesentliche in einer Aussage sondern halten sich mit subjektiven Details auf, ohne den Inhalt richtig zu erfassen.
PENTAX DIGITAL CAMERAKinder mit Asperger-Syndrom können von sich aus kaum altersgemäße Beziehungen zu anderen Kindern herstellen. Die Kontaktaufnahme geschieht verstandesmäßig, die Gefühle anderer werden nicht wahrgenommen. Die Kinder wirken auf ihre Klassenkameraden fremd und beunruhigend und werden daher oft Opfer von Ausgrenzung und/oder Mobbing. Sie merken bald, dass sie anders als ihre Klassenkameraden sind. Mit zunehmendem Alter kommt dann die Erkenntnis, dass sie niemals so sein werden, wie diese, auch wenn sie sich noch so sehr anstrengen.
Werden sie mit damit allein gelassen, ist die Gefahr einer Depression sehr groß. Dies kann sich dahingehend auswirken, dass sie entweder Aggressivität zeigen oder sich völlig zurückziehen. Manche wollen gar nicht mehr leben.

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Durch das große Wissen auf dem Gebiet ihrer Spezialinteressen und die Hartnäckigkeit, mit der sie diese Interessen verfolgen, können Kinder mit Asperger-Syndrom hier hervorragende Leistungen erbringen. Überhaupt sind ihre hervorstechenden Eigenschaften: Genauigkeit, Perfektion, stark ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, absolute Wahrheitsliebe, logisches Denken. Wenn diese Eigenschaften gefördert und in die richtigen Bahnen gelenkt werden, können aus Kindern mit Asperger-Syndrom sehr gewissenhaft und genau arbeitende Angestellte, aber auch hervorragende Wissenschaftler, Erfinder oder Künstler werden.
Kinder mit Asperger-Syndrom sind – gemessen am autistischen Spektrum – relativ “leicht” betroffen. Dennoch benötigen sie besonderes Verständnis und Hilfe, aber es muss die richtige Art von Hilfe sein. Mit der entsprechenden Anleitung können sie soziale Verhaltensweisen lernen. Dann sind die Chancen, dass sie einen Beruf ausüben und ein weitgehend eigenständiges Leben führen können, recht gut.“
(Quelle: http://www.autismus-nordbaden-pfalz.de)

 

 

 

 

 

 

Das Auflauf-Kuchenform-Experiment

Das Auflauf-Kuchenform-Experiment

Ich liebe Aufläufe. Das ist ein Essen nach meinem Geschmack: alles in eine Form schütten und in den Ofen schieben. Dreißig bis fünfzig Minuten Ruhe und Zeit für andere Dinge. Kein Umrühren, kein Aufpassen. Aber eine verkrustete Auflaufform ist eine zuviel. Immer auf der Suche nach Verbesserungspotential habe ich gestern Käsespätzle in einer antihaftbeschichteten Kuchenform gemacht. Et voilá: kein Verkrusten!

Fazit: Sehr nachahmungswert.

Das Leben mit dem Gutmenschen

Regelmäßig bekommt der Beste Post in grauen, faserigen Ökobriefumschlägen, die er beim Lesen dann meist so kommentiert: „Hm, da müssen wir was machen!“. Ich kenne das, darauf gibt’s nur einen möglichen Kommentar: „Oh nein! Hör auf, das ist nicht dein Kampf!“.

Darauf folgt dann eine ausschweifende und (mich) ermüdende Zusammenfassung über einen dem Untergang geweihten Kartoffelacker in Ostkirgisien oder dem möglicherweise Aussterben einer Fruchtfliege in Nordkorea. Während ich versuche, den mir Angetrauten von der Veruntreuung unseres Familienvermögens abzuhalten, palavert er weiter über Sinn der Atomkraft, den urbanen Menschen als Krebsgeschwür für den blauen Planeten… und mich im Besonderen als eklatante Müllproduzentin und Umweltsau.

Ich glaube, es war unser zweites oder drittes gemeinsames Weihnachten vor tausend Jahren, da hatte der Beste die Idee, das Geld, das wir sonst für Geschenke ausgeben würden zu spenden. Ich fand das unglaublich lieb, umsichtig und verantwortungsvoll. Also spendete ich meinen opulenten Weihnachtsgeschenke-Etat an ein Kinderhilfswerk und er den seinen für eine Umweltschutzorganisation. Wir haben das beibehalten. Jedes Jahr an Weihnachten spenden wir. Ich immer für die Kinder und er für den Umweltschutz. Unnötig zu erwähnen, dass wir jedes Jahr zusätzlich großzügige Geschenkaktionen durchziehen. Die Welt geht vor die Hunde?! Aber dann will ich wenigstens einen schicken Pullover dazu tragen!

Früher bekamen wir im Januar dann meist einen Dankesbrief mit Aufklebern zugeschickt. Heute nicht mehr. Vielleicht gibt’s den nur noch bei Spenden im fünfstelligen Bereich, das ist allerdings Mutmaßung. Heute kommt gefühlt monatlich ein Brief, in dem der Beste aufgefordert wird, eine Bankeinzugsermächtigung zu unterschreiben und anzukreuzen, ob er jetzt monatlich, quartalsweise oder etwa doch nur einmal im Jahr ein Monatsgehalt spenden will. Ich finde das dreist! Ich will wenigstens Aufkleber! Aber davon will der Gutmensch, den ich geheiratet habe, nichts hören.

Andersherum wird er nicht müde, mich zu ermahnen, ressourcenschonender zu leben und dabei meint er leider nicht nur laufende Wasserhähne und Verpackungsmüll. Nein, er kritisiert mein Kaufverhalten!

Aber da bin ich fest. Ich habe eine Mission. Die Wirtschaft schwächelt, das Bruttosozialprodukt sinkt. Mein Einsatz wird benötigt! Die Werbeblättchen und „VIP Shopping“-Einladungen, die ich wöchentlich von Textilherstellern zugeschickt bekomme, sind doch auch nichts anderes als Hilfeschreie. Da muss man was tun! Ich weiß schon, was der Beste sagen würde: „Das ist nicht dein Kampf!“. Oh doch! Jeder an seiner Front. Er rettet die Umwelt, ich den Einzelhandel!

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Leider kann ich meine Kassenbons nicht als Spendenquittung geltend machen…

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus… und zurück

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus… und zurück

Frühjahr in Sachsen. Zeit der Jugendweihen, seit Jahrzehnten und immer noch. Nächstes Jahr ist das Großkind dran. Unglaublich! Letzte Woche eingeschult und nun schon bald erwachsen. Das Leben mit Kindern verläuft in beängstigender Weise im Zeitraffer, oder?

Seit Monaten beschäftigen mich bereits die tragenden Themen rund um den denkwürdigen Tag (Was ziehe ich an? Wo feiern wir? Mit der Klasse zusammen oder alleine? Was ziehe ich an? Wen laden wir ein? Was schenken wir? Was ziehe ich an? Die Dingsbums hat ihren Zwillingen letztes Jahr eine Rundreise durch Florida geschenkt, oh Gott! Ich muss nachziehen! Hubschrauberrundflug?! Was ziehe ich an? Und um das Lokal muss ich mich auch langsam kümmern, sonst wird’s nur der Späti an der Ecke… Was ziehe ich an?).

Heute habe ich einen Artikel gelesen auf SPON, der leider vollkommen zu Unrecht verrissen wurde, und der mich zum Schmunzeln brachte und meine Erinnerung angefeuert hat. Alte Leute reden ja immer gern von früher…

Um die Jugendweihe wurde ein großes Brimborium gemacht in den Achtzigern.

Am Tag nach der Jugendweihe mussten dich alle mit „Sie“ ansprechen und „Fräulein“. Hat sich niemand dran gehalten. Mein Kind Nummer eins wurde in die Grundschule eingeschult, in der ich zehn Jahre beschult wurde (damals war es eine „polytechnische Oberschule“ und ging von Klassenstufe 1-10). Irgendwie schien die Zeit still gestanden zu sein, denn meine Deutschlehrerin von einst wurde des Kindes Klassenlehrerin und duzte mich selbstverständlich nach wie vor! Wenn ich beim Elternabend in dem schmalen Stühlchen saß, hatte ich immer das Gefühl, ich müsste mich besonders anstrengen und gleich würde sie sagen: „Also Henrike, von dir habe ich eigentlich mehr erwartet! Ach, und von deinem Sohn im Übrigen auch!“.

Zurück nach neunzehnpaarundachtzig. Die Klamottenfrage war dramatisch. Viel Spielraum gab es ja nicht und die Sorge, dass ich am GROßEN Tag in den gleichen Sachen wie Ines, Grit und Kerstin dastehe, war durchaus berechtigt. Wenn es in der Jugendmode eine Lieferung Blusen gab (ein Modell, drei Größen, zehn Stück…oder so ähnlich), wurde im volkseigenen Betrieb der Lötkolben weggeschmissen und etwa vierundachtzig ehrbare weibliche Mitglieder des Arbeiter-und Bauern-Staates stellten sich artig in einer Reihe vor dem Geschäft auf und hofften wider besseren Wissens, dass die zehn gelieferten Blusen für alle Jugendweihe-Töchter der anstehenden vierundachtzig Mütter reichen würden.

In meiner Verzweiflung band meine Mutter mir ein weinrotes Samtband um den beblusten Hals (als kleine persönliche Note und damit man wusste, wo mein Hals war. Oder damit sie mich wiederfand, ich weiß es nicht). Sie schnitt mir ordentlich die Haare und selbst da hatte ich Glück: anstatt des sonst üblichen Mireille Mathieu-Topfschnittes bekam ich etwas, was einem Herrenhaarschnitt nicht unähnlich war (Exkurs: Meine Mutter schnitt der kompletten Familie die Haare und sie gab sich sehr viel Mühe. Gut, meist hatten mein Vater, meine Schwester und ich dasselbe „Modell“, aber hey, es wächst ja wieder!). Gewandet wurde ich in einen blauen Polyesterrock mit Rüschen und weißen Pünktchen, knielang. Weiße Strumpfhosen, weiße Bluse mit Puffärmeln und dem genannten roten Samtband. Und leuchtend rote Schuhe. Die waren der Kracher. Wie Kinderschuhe so rundgelutscht vorn und mit Riemchen um den Knöchel. Also, stellt euch hellrote Lauflernschuhe für Mädchen vor, aber in Größe 37! Ich sah nicht nur fetzig aus, sondern urst schnieke (Ich kann mir vor lauter Lachtränen kaum in Ruhe das Foto ansehen). Die Sorge um Nachahmung war im Nachhinein unbegründet: Niemand außer mir trug diese modische Kombination!

Das Initiations-Ritual und die unendlich lange Feierstunde fanden mit allen Jugendweihe-Anwärtern meines Jahrganges im großen Saal des Kulturpalastes statt. Es wurde viel über Verantwortung geredet, jeder bekam ein klassenkampfkonformes Buch, das niemand las, den ich kenne. Und dann endlich feiern und Geschenke!

Hach, das war schön! Wir waren mit Omas, Opas, Tanten und so weiter richtig schick essen… in einer Gartenspartenkneipe.  Wir waren die einzigen Gäste dort. Ich muss mal bei Gelegenheit fragen, ob meine Mutter von dem Ereignis überrascht wurde (Uups! Die Rike hat morgen Jugendweihe!) oder ob die Gartenspelunke der ganz heiße Tipp war… Ich weiß nicht mehr, was es zu essen gab, vermutlich Schnitzel mit Mischgemüse. Bestimmt hat es sehr lecker geschmeckt, ich will hier auch nicht undankbar erscheinen (Aber für alle Fälle geh ich jetzt schon mal in die Spur für die Jugendweihe meines Sohnes im nächsten Jahr und 2020 wird das Kind Nummer zwei eingeschult, ich sollte schon mit dem Listenschreiben beginnen…).

Die angesagten Geschenke damals waren: Kasettenrekorder, Moped, Geld. Ich bekam eine Quarzuhr von einem Onkel, der war sofort mein Lieblingsonkel. Einen gebrauchten „Stern“-Rekorder, mit dem ich ab sofort unter der Bettdecke DT64 hören konnte. (Wir haben im Tal der Ahnungslosen keinerlei Westsender empfangen können, die Auswahl des Campingplatzes für den Sommerurlaub wurde danach getroffen, ob man dort Westfernsehen gucken konnte und ich kann mich erinnern, dass ich meinen Vater mal aus dem Wohnwagen habe rufen hören: „Kommt schnell rein! Die Werbung fängt an!“. Das war das Größte: Kinderriegel im Fernsehen. Ich schweife schon wieder ab…).

Außerdem bekam ich Sachen für die Aussteuer geschenkt, im Ernst. Handtücher, Bettzeug, Nachtwäsche. Nichts davon besitze ich noch. Wahrscheinlich glaubten meine Verwandten, bei meiner Schönheit bin ich mit achtzehn unter der Haube und brauche dringend Handtücher! Aus gutem Frottee! Vom VEB Frottierwaren Elsterwerda.

Abends wurde beim Kunne gefeiert. Der Kunne war mein On/Off- Freund, wie man heute sagen würde und wir haben wild geknutscht seit der siebten Klasse. Das machten alle, in Ermangelung einer anderen Freizeitbeschäftigung. Kein Computer, kein DS, nicht mal´n Gameboy oder Fernsehprogramm! Aber Sportvereine an jeder Ecke. Für die Unsportlichen blieb nur das Fummeln.

Jedenfalls saßen ein paar Jugendliche beim Kunne und haben auf seinem neuen Kassettenrekorder Musik gehört und es gab Bowle mit Mischobst und ganz wenig Sekt. Mir hat es nicht geschmeckt.

Abends sollte mein Vater mich dort abholen um die ordnungsgemäße Heimkehr der Jungfer zu gewährleisten, die womöglich volltrunken ihren Eintritt in die Welt der Erwachsenen feiert. Er hat sich dann von Kunnes Eltern irgendwie in die Küche locken lassen, wo er genötigt wurde, mit ihnen beim Alkohol den Abschied von der Kindheit der Kinder zu betrauern.

Wir sind dann Arm in Arm nach Hause gegangen, das erwachsenen Fräulein (Schon an diesem Abend ein große Stütze der Gesellschaft!) und ihr Vater. In der Mitte der Straße sind wir gelaufen, damit wir nicht an die Laternen anstoßen.

So war das damals im letzten Jahrhundert. Und nächstes Jahr stehe ich schon auf der Seite der augenfeuchten Oldies.

Da fällt mir ein: Was ziehe ich an?

Sweets for my sweet, cinnamon sugar for my honey

Sweets for my sweet, cinnamon sugar for my honey

Heute ist Duftkerzenwetter. Ich brauche was warmes, süßes… Hier habe ich mich inspirieren lassen.

Zimt geht immer. In Teemischungen, Badezusätzen, Duftkerzen, Milchcafé, als Zimt-Zucker-Mischung über Crèpes, Plätzchen, what ever. Bei dem Wetter: Immer her damit!

Als quick ´n dirty-Hausfrau habe ich selbstverständlich Fertigblätterteig im Kühlschrank. Die fleißige Hausfrau kann den natürlich mühelos selbst herstellen. Ausrollen, zerschneiden (ergab bei mir sechzehn Blätterteigecken), Zimtzucker draufstreuen, ab in den Ofen.

Während die fleißige Hausfrau noch an der perfekten Blätterteigmischung knetet oder die Küche putzt, hat die faule Hausfrau Zeit, die wirklich WICHTIGE Frage des Tages zu klären:

nagel Birdy Bordeaux, Red said Fred oder 7st and Alameda?

Zehn Minuten später sind die Nägel trocken und die Zimtteilchen fertig und sehen so aus:

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Am besten warm zu einer Tasse Roibuschtee mit Sahne. Ab auf die Couch, dann ist der Tag mein Freund!

Tipp: Wenn du keinen Blätterteig im Haus hast und/oder der Meinung bist, sechzehn Zimtecken sind als Snack für einen Einzelperson zu viel, dann probiere die Toastbrotversion: Weizentoast entrinden, ganz leicht (!) antoasten, beidseitig dünn mit Butter bestreichen, Zimtzucker drüber, diagonal halbieren und backen bis zur gewünschten Bräunung. Mahlzeit!

Warum ich nur noch Fastfood esse

Warum ich nur noch Fastfood esse

Bei mir ist seit Monaten Schnellimbiss angesagt.

Bedeutet: Morgens Banane im Gehen. Zehn Minuten später die nächste Banane, weil ich vergessen habe, wo ich die angebissene von eben hingelegt habe. Banane beim Spazieren am Morgen. Mittags die Reste vom Babybrei. Nachmittags die Reste vom angebissenen, vertrockneten Schulbrot des Kronsohnes. Eventuell noch eine Packung Kekse im Gehen. Abends, wenn wir alle zusammen am Tisch sitzen und die einzige gemeinsame Mahlzeit des Tages zu uns nehmen, gibt’s was Anständiges zu essen. Also für alle anderen. Ich sitze derweilen neben dem Babybett und singe zum zwölften Mal „LaLeLu“. Wenn ich fertig bin, ist das Abendessen vorüber.

In jeder Schwangerschaft habe ich dreißig Kilo zugenommen. Manchmal habe ich zwischen den Fress-Attacken meinen Körper glücklich grölen gehört: „Das gibt’s nur einmal, das kommt nie wieder! Das ist zu schön, um wahr zu sein!“. Kuchen, Torten, Häagen Dasz im 500l-Eimer, Milchreis in Familienpackungsgröße. Und alles am besten auf der Couch. Hinterher noch 300g Milka Vollnuss (wegen der gesunden Nüsse).

Mütter sollen gesund essen. Wegen dem Stillauftrag, der Nachtschichten und der körperlichen Belastung. Nur wie? Und wann? Und wie soll ich mir einarmig was Gesundes zubereiten? Oder einarmig den Babynator beruhigen, der sich in Restaurationen jedweder Art unwohl fühlt, während ich mit der anderen Hand einarmig versuche, einen gesunden, vitaminreichen Döner in den dafür vom Hersteller vorgesehen Körperöffnungsschlitz zu schieben. Klappt nicht.

Ich erwäge manchmal, mir selbst ab und zu eine Glukoselösung intravenös zu verabreichen, habe allerdings Angst vor Spritzen…

Essen auf Rädern wäre auch eine Variante! Da könnte ich mich schon mal an Seniorenportionen mit farb-und geschmacksfreiem Brei rantasten. Aber davor schrecke ich (noch) zurück.

Die Schwangerschaftspfunde purzeln rasant, ich verzehre mich quasi von innen. Mittlerweile sehe ich einem Shar Pei nicht ganz unähnlich (im Übrigen auch im angezogenen Zustand: Dann eben das Gesicht eines Faltenhundes mit einem Stoffüberwurf über dem runzeligen Körper).

Nachts (also wenn ich mal schlafe) träume ich vom Essen und denke manchmal an den Ausspruch meiner Mutter: „Essen ist der Sex des Alters.“. Stimmt. Wenn ich wählen müsste: Ein Wochenende mit Brad Pitt und Joaquin Phoenix nackig im Whirlpool oder eingeschlossen in einer Mc Donalds-Filiale mit einem persönlichem Burgerbrater…ganz einfache Entscheidung!

Ich geh jetzt Pastinakenbrei aufwärmen für das Baby und mich. Na dann, Prost Mahlzeit!

 

Umgang formt den Menschen

…behauptet meine Mutter. Wenn das stimmt, bin ich ein umgegangener, geformter Mensch.

Lange Zeit beneidete ich die Leute, die selbstsicher von sich sagen, ein bis zwei „gute Freunde“ zu haben. Fürs ganze Leben. Reicht. Qualität statt Quantität!

Ich hinterfragte mich oft, ob es sein könne, dass ich ein oberflächlicher Mensch sei?! Gar bindungsgestört? Solange ich mich erinnern kann, haben meine Freundschaften immer Zyklen meines Lebens begleitet. Ich habe also offensichtlich ein „lebensphasenangepasst orientiertes Bindungsverhalten“.

Oberflächlich? Nein. Nichts ist mir ernster als die momentan beste Freundin!

Meine erste Freundin zu Schulzeiten war ein Mädchen aus dem Nachbarhaus, was meine Mutter lieber von hinten sah. Das sei kein guter Umgang, meinte sie. Ihre Befürchtungen waren, ich würde irgendwann rauchen und mit Jungs rummachen (Mutti, hat ja super geklappt mit deiner Intervenierung!). Die Eltern des Nachbarsmädchens dachten ähnlich… Wir zwei verstanden uns super! Sie zog weg mit den Eltern, Ausreiseantrag, tränenreicher Abschied. Das Handy war noch nicht erfunden.

Dann kamen die „richtigen“ Freundinnen. Das war die Zeit der ganz großen Dramen: Liebeskummer, den man nicht zu überleben glaubte, erste Erfahrungen mit Todesfällen im Freundes-und Familienkreis und die brennende Frage: Kann ich vom Petting schwanger werden?

Die Freundschaften mit meinen drei ältesten Freundinnen haben schon längst den Silberhochzeitszenit überschritten. Wenn wir uns heute treffen, dann ist das wie ein Familientreffen:  Man schaut sich wohlwollend an und bemerkt die Falten um die Augen der Anderen, die irgendwie nicht zu dem Erinnerungs-Abziehbild von 1988 passen. Wir klopfen die Themen ab, die wir miteinander haben. Vieles liegt in der Vergangenheit, wenig im Jetzt. Es herrscht eine absolute Nähe zwischen uns, Intimität fast. Aber zur Gegenwart des anderen gibt es kaum Schnittstellen. Was mich heute beschäftigt, das teile ich mit ihnen nicht. Die eine hat keine Kinder, eine ist bereits Großmutter(!), die dritte hat ihren Nachwuchs „aus dem Gröbsten“ rausgebracht und „denkt jetzt an sich“. Sie gehören trotzdem zu mir. Zu dem Erfahrungspuzzle, das nötig war, um aus mir einen ordentlichen Menschen zu machen.

In jeder Phase meines Lebens hatte ich die „richtige“ Frau an meiner Seite, die manchmal auch ein Mann war. Was Carrie ihr Stanford ist, war mir mein Artur. Und der konnte sogar Haare machen – Jackpot! Aber das Leben trennte uns und das Handy war immer noch nicht erfunden!

Nachbarinnen und Kolleginnen sind die allerbesten besten Freundinnen. Was für ein Traum! Du gehst nicht auf Arbeit, nein, du triffst dich jeden Morgen aufs Neue mit deiner Freundin! Und wie herrlich ist es, die Haustür zu öffnen und ein Teller mit der neuesten Kochkreation der allerbesten Lieblingsnachbarin begrüßt dich vor deiner Tür?! Zu allen meiner ehemaligen Nachbarsfreundinnen habe ich noch heute ein herzliches Verhältnis. Im Stubenwagen der einen schlief das neue Baby die ersten Monate seines Lebens, eine andere war gar seine Hebamme.

Alle haben etwas von sich dagelassen und ich hoffe, ich auch bei ihnen.

Jeder Lebensabschnitt bringt die passende Begleitung mit. Der wohltemperierte Wein zum perfekten Dinner des Lebens. Und manchmal schmeckt der Rotwein erstaunlicherweise doch zum Fisch!

Ich sehe das so, dass uns alle Menschen nur ein bestimmtes Stück begleiten. Und uns befruchten, Spiegel und Katalysator sind. Und irgendwann heißt es Abschied nehmen. Ich bin mir dem immer bewusst und das ist gar nicht schlimm! Ich glaube, in dem Moment, wo einem die unvermeidliche Endlichkeit einer Beziehung klar wird, ist man sich der Kostbarkeit derselben am deutlichsten bewusst. Und das trifft auch auf die Abschiede zu, an die man gar nicht denken mag! Die Großeltern, Eltern, die irgendwann gehen müssen. Und- weniger dramatisch- auch der schmerzliche Abschied, wenn du die Hand deines Kindes loslassen musst, weil es meint, jetzt alleine in die Welt gehen zu wollen.

Mittlerweile (das Alter?) verschwimmen bei mir Begrifflichkeiten wie Familie, Freunde, Bekannte. Ich trenne das nicht. Mir würde auch eine Kategorisierung schwer fallen. Na und? Umgang formt den Menschen. Je mehr Umgang umso mehr Prägung!

Was ich meinen Kindern über Freundschaften weitergeben möchte, ist, immer ein offenes Herz und ein offenes Haus zu haben. Das war´s schon. Und wenn ich „elternmäßig“ eine Plattitüde gebrauchen müsste, dann bitte: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt´s heraus!

Ach, und falls dir in Pieschen beim Spazierengehen eine nette ältere Dame mit Kinderwagen begegnet, die dich freundlich anlächelt, dann weißt du: das ist eine altmodische Freundschaftsanfrage.

Zurücklächeln=Annehmen, Weggucken=Ablehnen.

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Für: Dorit, Micky, Anne, Grit, Artur, Ute, Antje, Vera, Sabine, Silke, Conny, Katja, Jenny, Hilde, Fika, nochmal Katja, Marco, Sandra, Dana, Kirstin, Tanja, Manu, Bea, Jawi, Mandy, eine dritte Katja, Yvonne, Isabell, Kathrin, Beate, Manja, Stephanie.

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Culinaria saxoniae

Wer als Nicht-Ossi in Sachsen in einem Wirtshaus „Beefsteak mit Letscho für €8,50“ liest , fragt sich unter Umständen, was zum Teufel Letscho sei, freut sich aber, ein Rindersteak für unter zehn Euro zu bekommen. Nun gut, nur so lange, bis das Essen auf´m Tisch steht. Denn er bekommt etwas, was anderswo als Frikadelle, Fleischpflanzerl oder Bulette bekannt ist. Beefsteak reimt sich im Sächsischen auf „Besteck“, denn es wird „Bäffsteck“ gesprochen. Selbst kosmopolitische Sachsen essen in der Heimat gern ein „Bäffi“ und kämen nie auf die Idee, das durchgemöllerte und totgebratene Fleischklöpschen anders zu nennen!

Letscho. Was ganz gruseliges. Googelt gar nicht erst, ich meine nicht die selbergekochte Paprikabeilage, die es heutzutage in Kochforen im Angebot gibt. Nein, ich rede von einem gekochten Paprikagemüse in einer süßlichen Ketschupsauce, was es fertig im Glas gab und gibt und als Universalbeilage in DDR-Wintermonaten gerne auf dem Teller landete. Und offensichtlich immer noch Anhänger hat.

Noch heute jieperts mich manchmal nach“ Maccharoni mit Letscho und Reibekäse“, einem meiner Lieblingsgerichte als Kind. Und dann noch zwei Spritzer Maggi Flüssigwürze drüber, ich trau es mir gar nicht zu sagen…

Da kann man mich nachts um drei wecken und zwingen, in der dunklen Küche Penne arrabiata zu kochen und ich bekomme das linkshändisch hin (Vaffanculo!), und trotzdem schütte ich mir einmal im Jahr sowas widerliches auf den Teller wie Maccharoni mit Letscho und Maggi! Das muss genetisch bedingt sein. Mein kulinarischer Ossifingerabdruck quasi.

Beim Bäcker erwartet den Nichtsachsen eine weiter Überraschung: Pfannkuchen. Das, was ihr unter Pfannkuchen kennt, nennen wir Plinsen. Unsere Pfannkuchen kennt ihr unter dem Begriff Berliner. Berliner kennen wir auch, aber das ist in der Regel für uns nichts zum Vernaschen…

Schwierig, oder?

Eine gute Nachricht habe ich: bei Mc Donalds bekommt ihr das zu essen, was ihr erwartet. Auch in Sachsen. Wo Big Mac mit Pommes draufsteht, ist auch ä Bürgor und Bommes drin. Versprochen!

Mein neues Projekt

Mein neues Projekt

So, der „Neue“ ist jetzt sechs Monate alt und es wird frühgefördert, was das Zeug hält! Ich will ja nicht, dass mir jemand das Jugendamt auf den Hals schickt.

Gut, das meiste wird in Personalunion durch mich frühgefördert, aber der gute Wille, Engagement und Einsatzbereitschaft sind vorhanden. Bei mir. Der Kurze findet eigentlich alles blöd, was nicht mit füttern oder rumtragen zu tun hat. Baden, singen, turnen quittiert er…mit Heulen.

Für das gesellschaftliche Leben des „Neuen“ habe ich schon vorgeburtlich gesorgt. So habe ich es praktischerweise eingerichtet, dass im Abstand von drei Monaten in unserem Haus drei Hosenscheißer das Licht der Welt erblickten. Das haben wir Mamis uns gut ausgedacht. Krabbelgruppe, Hausaufgabenbetreuung, Schuleinführungen, Jugendweihen… alles wird im Kollektiv abgefrühstückt. Nun gut, wenn ich das anbetungswürdige Produkt meiner Lenden auf eine beliebige Krabbeldecke im Haus lege, damit er sich mit seinen Kollegen austauscht und gegenseitig im Gesicht des anderen rumpopelt… heult er!

Hm.

Also recherchiere ich Krabbelgruppen. Irgendwie muss er ja in die Gesellschaft eingeführt werden. Und ganz klar: ich habe hohe Ansprüche! Also das Erstbeste kann es nicht werden! Ich drucke das gesamte Internet aus und mache eine Liste mit Krabbelgruppen, Konzepte, Termine, Lage. Synchronisiere den Familienkalender und erstelle einen Projektplan. Gelernt ist gelernt. Ich werde mich sukzessive von der Familienbehausung aus den Radius vergrößernd durch alle Krabbelgruppenangebote der Stadt mäandern. Und euch dann einen dezidierten Erfahrungsbericht liefern! Einer muss das ja mal machen.

Heute Morgen sind wir losgezogen. Nicht weit, Pieschen ist das neue Familienmekka. Kitas und Familienzentren an jeder Ecke. Wir könnten also praktisch das Testing in Hausschuhen absolvieren.

Wir kamen nur eine Stunde zu spät (Was ziehe ich an? Was zieht der Hosenscheißer an? Brauche ich Gläschen? Geld? Wechselwindeln? Nerven?).

Hach, das war nett! Nette Muttis, es duftete nach frisch gebackenen Vollkornbrötchen, nettes Frühstück auf dem Tisch, drei Räume mit allerlei Gedöns zum Spielen, sauber. Niemand hat mich gefragt, wie alt ich bin, ich wollte schon von alleine damit anfangen! Programm? Dreimal Krabbeln in der Woche, dienstags noch Basteln für die Muttis, damit die auch mal was zu tun kriegen für die Hände. Kindersachenbasare, Elternkurse, Kinderturnen am Donnerstag. Namentliche Diversifikation wurde nicht geboten: zwei Emmas, zwei Emils, zwei Karls (zumindest heute Morgen). Gesungen und mit Hölzchen im Takt geschlagen wird auch. Das hatten wir verpasst, wir waren noch auf der Suche nach Mutters Nerven…

Und der Kurze? Hat nicht geheult, sondern fröhlich auf den Tisch gehauen, getrillert und alle vollgesabbert.

Ich muss da am Donnerstag noch mal hin. Und am Freitag. Und wahrscheinlich nächste Woche auch.

Falls jemand immer schon mal einen gut recherchierten Erfahrungsbericht über Krabbelgruppen in Dresden machen wollte, ich hab da schon mal was vorbereitet und einen Projektplan in der Schublade.

Ich hab dafür jetzt leider keine Zeit mehr! Ich habe drei mal in der Woche Krabbeln!

Das familienunfreundliche Land

Einen Job hat ja heute kaum noch einer, alle haben Karriere! Und in diesem Land ist es ganz duster mit Karriere, wenn du Mutter oder Vater bist! Zappenduster! Alles ganz, ganz übel…konnte man in einschlägigen Artikeln in der letzten Zeit lesen. Im Intro stets der Ruf nach mehr Ganztagesschulen und Kitas mit angepasster Betreuungszeit, das ist nicht neu.

Aber dann: „Wir sind die erste Generation, die Emanzipation live lebt!“, war da zu lesen. „Daher kommen die Probleme, die wir jetzt haben!“ (Ach, daher kommen die Probleme. Bloß gut, dass das mal einer erkannt hat…).  „Die Arbeitswelt ist nicht mehr zeitgemäß! Büros und Bürozeiten gehören abgeschafft! In der heutigen Zeit muss es doch möglich sein, in Teilzeit bei flexibler Arbeitszeitgestaltung einen Konzern zu leiten!“ (Na klar, mit 20 Stunden pro Woche aus dem Home Office einen Konzern leiten, das ist wirklich ein realistischer Vorschlag und nicht zu viel verlangt. Und die Kommunen, Frau Merkel, die EU und der liebe Gott sollen jetzt gefälligst endlich mal… ja, äh was? Ach ja, Teilzeit bei doppeltem Lohn und gratis Ganztagesbetreuung des Nachwuchses ermöglichen. Das ist doch wirklich nicht zu viel verlangt! Ich habe schließlich ein Recht auf Karriere!).

Ein Autor meinte unerwartet reflektiert, er glaube, die Kritiker kämen allesamt aus der gutsituierten, bildungsnahen Mittelschicht. Warum, wusste er auch nicht.

[Ich vermute, Ines, Kassiererin im Drogeriemarkt mit Zweitjob als Putzfrau und Udo (Straßenbauer) sind abends einfach mal platt von ihren Jobs und ihrem Kampf ums kleine Glück. Vereinbarkeit von Familie und Karriere ist nicht ihr Thema! Die machen einfach, schließlich wollen sie in zehn Jahren die Anzahlung für ein kleines Häuschen zusammenhaben und Ines würde so gerne mal wieder eine Woche nach Mallorca. Wie in den Flitterwochen. Damals…]

Für alle anderen habe ich da mal ein Konzept erarbeitet.

Okay, das ist gar nicht von mir…aber wenn hier alles so unmöglich ist, warum nicht mal was „Altbewährtes“ probieren?

In der DDR wurde über Emanzipation gar nicht geredet, dort war klar: Alle gleich. Gleiche Arbeit, gleiche Bezahlung, gleiche Rechte, gleiche Pflichten. Und gleiche Klamotten. Okay, Chancengleichheit gab es nicht, aber aus anderen Gründen. Da müsste das Konzept noch mal modifiziert werden.

Kinderbetreuung: Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, wo (normalerweise) der komplette Republiknachwuchs fremderzogen wurde in Ganztageseinrichtungen. Und zwar von morgens um sechs bis nachmittags um fünf. Und das bereits im zarten Alter von sechs Wochen bis zum Eintritt in die Pubertät. Mensch, die Eltern hatten vielleicht Zeit, Karriere zu machen! Und wem das noch nicht reichte, es gab auch Wochenkrippen: da gab man die Kinder (ab sechs Wochen alt) am Montag ab und holte sie am Freitag wieder.

In den Ferien fuhren alle Kinder in Ferienlager und wenn sie alt genug waren, in „Lager für Arbeit und Erholung“. Da konnten sie gleich mal mit auf der Kolchose arbeiten und sich nützlich machen für den Arbeiter-und Bauern-Staat. Und ihre Eltern hatten viel Zeit für Karriere!

Und ob, wie lange und zu welchen Zeiten ein Kind gestillt werden sollte und wann es welchen Brei gibt, das wurde auch alles schön vorgegeben. Vielleicht wäre das ja auch was für euch? Diese ganze Entscheidungsfreiheit scheint ja nicht gut zu bekommen. Immer diese hitzigen Diskussionen in den Foren und Blogs!

Und diese ganzen Vergleiche (meins kann das, und meins kann jenes schon) untereinander werden auch wieder abgeschafft. Die Kinderlein werden alle in der Kinderfabrik (äh Krippe) von Tante Ingeborg erzogen, alle mit acht Monaten zu bestimmten Zeiten auf den Topf gesetzt bis was drin ist, dann sind alle mit zwölf Monaten trocken! So macht man das!

Gut, den Business case habe ich nicht durchgerechnet auf die Schnelle. Aber wenn wir das so machen wie die Ossis kommen wir vierzig Jahre klar mit dem System. Heißt: alle eine Sorte Hose, zwei Modelle an Oberbekleidung. Antrag stellen und zehn Jahre warten auf Luxusgüter wie eigene Wohnung, Schrankwand, Urlaubsreisen in die Slowakei usw.

Brauchst du aber dann sowieso nicht! Bist ja eh nie zu Hause. Die Kinder werden fremdversorgt und du bist im Betrieb und kannst ENDLICH in Ruhe Karriere machen.

Rot Front! Sport frei Genossen!

Ich stell schon mal vorsorglich einen Ausreiseantrag…

Meine Blumen für…

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Meine ersten „Blumen für…“ gehen aus gegebenem Anlass an Nina alias Frau Mutter. Dieser Blog ist für mich wie eine beste Freundin im Netz. Danke dafür. Und dafür, dass deine Herzlichkeit mich vergessen macht, dass ich ja eigentlich neidisch sein müsste auf dich, weil du anbetungswürdig schön, klug UND witzig bist! Und da ich weiß, dass dir Tulpen gefallen, diese gehören jetzt dir! Ach so, fast vergessen: Und du hast tolle Haare!

Der Haushalt hasst mich

In unserer Wohnung befinden sich acht Rauchmelder, was nicht übertrieben, sondern grob fahrlässig ist. Sie funktionieren, denn regelmäßig mache ich unfreiwillig Tests. Meine Nachbarn schlafen auch ruhiger, seit die Nieselpriemsche Wohnung eine Standleitung zur örtlichen Feuerwehr hat.

Topf auf Herd, anschalten, Küche verlassen. Wieder reinkommen, 30cm hohe Stichflamme auf dem Herd, weil während meiner kurzen Abwesenheit „irgendwer“ die Platte angeschaltet hat, auf der ein vergessenes Holzbrett lag.

Lust auf Eiersalat. Eier in Topf, Topf auf Herd, angeschaltet (die richtige Platte). Bügeln gegangen ins Arbeitszimmer. KAWUMMMMMM! Es war offensichtlich ziemlich viel zu bügeln (ich vermute, die Nachbarn hatten heimlich ihr Zeug auch auf mein Bügelbrett gelegt).

Eier explodieren, wenn kein Wasser mehr im Topf ist, aber die Wärmezufuhr nicht unterbrochen wird. Und zwar richtig! Das weiß ich jetzt. Sie haben nicht nur den Deckel vom Topf katapultiert, sondern sich partikelweise in der kompletten Küche verteilt (besonders an der Decke!).

Liebe Kinder, macht das nicht nach! Es reicht, wenn die Tante Rike das für euch vormacht.

Wenn ich freitags fürsorglich den besten Ehemann von allen frage, was ich denn am Wochenende für die geliebte Familie kochen soll, bekomme ich oft folgende Antwort: „Nichts! Bitte! Meine Woche war schon aufregend genug! Lass uns einfach essen gehen oder was vom Vietnamesen holen!“.

Auch mit den Haushaltsgeräten stehe ich auf Kriegsfuß. Der Beste hat vermutlich heimlich Protokoll geführt, denn jedes mal, wenn es etwas kaputt geht, muss ich mir anhören, ich hätte schon zwölf Mixer, vier Bügeleisen, acht Staubsauger etc. zerstört.

Dabei kann ich gar nichts dafür!

Gestern wieder gab es eine beispielhafte Situation: Die Wollmäuse auf den Böden tanzten Samba und waren fast so groß, dass ich die Beine heben musste um drüberzusteigen.

Also Staubsauger raus und los, nützt ja nichts. Und schnell machen, das Baby hasst den Krach vom Staubsauger. Dann, es musste ja so kommen, verheddert sich das blöde Kabel unter der Küchentür. Und geht nicht wieder raus! Irgendwie ist es da ja auch drunter gekommen! Und zwar von alleine und ohne Gewalt. Das ist mir zwar klar, aber es hängt fest. Ich versuche es kurzzeitig mit Geduld. Aber das Baby heult mittlerweile. Und da werde ich zum Hulk! Dieses ARSCHLOCHKABEL!

Schnitt.

Das wäre zum Beispiel so ein Abend, an dem der Beste dann dasteht und sich das spärliche voluminöse Haar rauft und sagt: „Was zum Himmel ist nur los mit dir?! Kannst du mir um Gottes Willen mal verraten, wie man ein Staubsaugerkabel zerstören kann?!“, „Aber das ist gar nicht meine Schuld! Der Staubsauger hat angefangen!“.

Falls ein Haushaltsgerätehersteller hier zufällig mitliest: Sie können mich als Tester engagieren. Möglicherweise wird das bald ein anerkanntes Gütezeichen: Unkaputtbar, Nieselpriem-getestet.

Es werde Licht!

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-1 Lampe vom Trödel (Den alten Schirm mit dem hässlichen Bezug hab ich weggeschmissen! Jemand Fleißiges hätte aber das Ding mit angesagten „Grannysquares“ umhäkeln können, wäre bestimmt auch sehr hübsch!)

-1 Schluck Mattlack in der Farbe deiner Wahl, 1 Pinsel (Zwei Anstriche ohne Abschmirgeln. Dazu bin ich zu faul! Du kannst Haftgrund vorher auftragen, falls du unsicher bist, ob das wieder abblättert.)

-1 Lampenschirm nach Wahl

-Dauer: 1 kurze Mittagspause; 35 Minuten Zeit

Das Mittagspausenprojekt

Das hier wird kein DIY-Blog, noch nicht mal ein respektabler DIY-Beitrag!

Ich bin ungeduldig, schluderig und faul, weshalb ich per se nicht zum Handarbeiter tauge. Nichts desto trotz liebe ich schöne Sachen und ja, selbergemacht ist oft auch schöner. Und sei es nur für´s eigene Auge!

Also wenn ich hier von Zeit zu Zeit eine „Inspiration“ mit euch teile, dann sind das „quick ´n dirty“-Projekte, die ihr mal schnell husch-husch in der Mittagspause nachmachen könntet. Falls ihr wollt. Ihr könnt auch was ganz anderes machen…lesen, schlafen, essen, der Lieblingskollegin die Augenbrauen färben. Wie ihr wollt 😀 Genießt eure Mittagspause!

Mutanten – Sie sind unter uns!

Das Kind Nummer eins und mich verbindet etwas ganz besonderes. Es ist, als sei die Nabelschnur zwischen uns nie durchschnitten worden.  Wenn wir „Wer bin ich?“ spielen, können wir nie für einander die Personen auswählen. Weil ein tiefer Blick in die Augen des anderen meist genügt, um lapidar festzustellen: „Ich bin Angela Merkel, stimmts?“, „Und ich Sheldon Cooper?!“. It´s magic!

Überhaupt dieses süße, süße Geschöpf mit einem Duft, als würde Apfelkuchen in ihm backen und Augen, riesengroß wie bei Bambi und von der glänzenden Farbe einer guten Zartbitterschokolade (mit 75% Kakao!). Wenn du da zu lange hinguckst, überfällt dich eine Heißhungerattacke. Das Größte für ihn ist, früh wie ein Tornado in mein Bett geschossen zu kommen (wenn er nicht schon als blinder Passagier drin liegt), mich wie ein Krake zu tentakeln und in meinem Arm wach zu werden. Jahrelang  habe ich ihm morgens das „Küsschen-Lied“ von Monika Ehrhardt vorgesungen oder schief und krumm „Summertime“ aus Porgy und Bess, wenn er mal krank war. Zwischen uns passt kein Blatt Papier. Er ist die größte Liebe meines Lebens.

Irgendwann ist er ausgezogen. Ohne Vorwarnung. Ohne Nachsendeadresse.

Stattdessen hat er sein Zimmer und den Platz an unserem Esstisch untervermietet an ein „Dingsbums“, ein schlechtgelauntes, knurriges, tentakeliges Mutantenwesen. Es ist fast größer als ich, die Arme und Beine sind momentan so lang, als wöllte er sich als Spiderman-Double bewerben. Das Gesicht sieht man selten, weil Sommer und Winter trotz teurer Coiffeur-Frisur unter einer Mütze versteckt (Entschuldigung! Beanie.).

Wenn ich klopfend das Ex-Kinderzimmer meines Ex-Kindes betreten will, wird mir als Willkommensgruß oft ein leidenschaftliches „RAUS!!“ entgegengerufen. Einmal war ich nachts drin. Leute, hab ich mich erschreckt! Schnarchgeräusche, ich schwöre, wie bei einer armenischen Bauarbeiterbrigade nach feuchtfröhlicher Feierabendgestaltung. Keine Ahnung, wo aus diesem spindeldürren Körper derartige Laute herkommen!

Und der Geruch! Von wegen Apfelkuchenduft… Man sagt ja, Säugetiermütter erkennen ihre Jungen blind am Duft. Also diesem Test möchte ich mich momentan zu meiner eigenen Sicherheit nicht unterziehen. Es wäre durchaus denkbar, dass ich mit einem ausgewachsenen Puma nach Hause gehen würde.

Es spricht auch ausländisch. Beim letzten Versuch einer Konversation kam aus seinem Mund etwas Sinngemäßes wie: „Ich kann jetzt mit Shader spielen ohne FPS zu loosen, weil ich mir eine Mod installiert habe, die die FPS oben hält.“ Ich verstand Bahnhof und teilte das in meiner Hilflosigkeit auch so mit. „Ey Ma, du bist so ein peinlicher noob!“ war seine Antwort. Sicherheitshalber beschränkte ich meine weiteren Kommentare auf „Hm.“s.

Manchmal möchte ich das Wesen schütteln und anschreien: „WER BIST DU UND WAS HAST DU MIT MEINEM KIND GEMACHT???!“.

Ich weiß schon, was ihr jetzt sagen wollt: Das ist die Pubertät. Das ist normal.

Nix da! Von wegen normal! Ich sag euch, was normal ist! Wenn ich darüber lese oder das anderen passiert. Das ist normal! Aber doch nicht mir, und nicht diesem süßesten Kind von allen. Ich fand das perfekt! Was für eine grausame Natur zerstört Perfektion durch Metamorphose?!

Das ist ganz, ganz schlimm. Auf einmal bist du nicht mehr der wichtigste Mensch in seinem Leben, die Sonne seines Universums. Und nichts und keiner bereitet dich darauf vor. Egal, wieviele Bücher du liest.

Und jetzt soll ich mich gedulden…riesengroße Stärke von mir! Und vertrauen! Ihm, und darauf, dass die Samen, die ich gepflanzt habe, aufgehen werden. Was für ein Blödsinn!

Ich komme mir vor wie in einem Chemieexperiment! „Na, mal sehn, ob´s Gold wird oder Meißner Porzellan…oder nur stinkt und uns allen um die Ohren fliegt.“.

Aber zum Glück habe ich meine Schatzkiste.

Wenn es brennen würde, würde ich mir unter jeden Arm ein Kind klemmen und mit den Zähnen dieses Kästchen retten.

Die gesammelten Liebesbriefe meines Kindes an mich. Wenn ich diese Schachtel öffne, dann ist er wieder da. Bei mir.

tim

Ich muss Schluss machen, ich rührseliges altes Ding. Tempos holen…

Das Trödel – Baby

Es ist Samstag Vormittag und das Baby strampelt aufgeregt mit den kurzen Beinchen. Ich weiß, was das bedeutet: Es will…auf den Flohmarkt!

Floh

Der Beste guckt etwas besorgt, als ich die „Mutti-Handtasche“ aus dem Schrank hole, aber ich beruhige ihn: „Keine Angst, Schatz, ich will nichts kaufen. Vielleicht fahre ich dann noch kurz auf dem Wochenmarkt vorbei und kaufe zwei Pastinaken und drei Petersilienwurzeln!“. Bei der Erwähnung von Gemüse schaltet er sofort das innere Meerrauschen ein.

Das Baby und ich, wir ziehen los.

Aber es ist immer dasselbe. Schon beim zweiten Händler fängt der Kleine an zu betteln. Ich versuche streng zu sein: „Nein, wir kaufen nichts! Wir gucken bloß!“. Irgendwann gibts kein Halten mehr. Das Baby hat einen wurmstichigen Stuhl entdeckt. „Babylein, nein! Wirklich! Was willst du denn mit diesem räudigen Ding?!“. Es guckt mich knopfäugig an und spricht (stumm. Babies können das, und Mütter verstehen diese stummen Monologe.): „Na, ich dachte, du streichst mir den. Ich sehe da ein helles blau-grau vor mir. Und als Bezugsstoff vielleicht einen von den schönen Siebzigerjahrestoffen. Rot?! Mit Kirschen eventuell?!“. Dann feilscht er noch gerissen mit seinen Knopfaugen und bekommt einen unschlagbaren Preisnachlass von zwei Euro. „Dein Vater wird AUSFLIPPEN! Immer schleppst du irgendwelchen Trödel an! NEIIIIN habe ich gesagt!“.

Aber er ist stärker als ich. Immer.

Stuhl

Schatz, wenn du das jetzt liest: Ich habe den Stuhl vor dir in der Garage versteckt. Du verstehst das sicher!

Der Hypochonder

„Und, was ist heute die Krankheit des Tages?“, mit dieser charmanten Frage an mich startet der beste Ehemann von allen gerne unseren gemeinsamen Tag.

Denn, egal, von welcher neuen Seuche ich höre oder lese, spontan bilde ich die Symptome aus! Und bin mir sicher, es nicht überleben zu werden. Blockaden im oberen Rücken selbstdiagnostiziere ich stets mit ´Bronchialkarzinom´(Oh Gott, es geht zu Ende!), Herzrasen wird nie dem Kaffee, sondern immer einem drohenden Infarkt zugeschrieben und es gab mal ein Telefonat mit einer Freundin, was ungefähr so ablief:

„Du, ich muss dir was sagen…“ „Hör zu! Egal, was es ist, NEIN, du wirst jetzt nicht sterben und JA, das ist alles nur Einbildung!“.

Tage meines Lebens habe ich in der Notaufnahme zugebracht. Das ist nicht lustig. Aber beruhigend. Denn viele meiner Krankheiten lösten sich bereits per Spontanheilung im Wartezimmer auf, einfach aus lauter Frust, weil kein Mediziner sich die Zeit nahm, mich anzuschauen! Wenn du nach vier Stunden Warten immer noch Schmerzen hast, DANN solltest du dir Sorgen machen!

Unvergessen bleibt mir auch die Begebenheit, als der Beste mit dem Kind Nummer eins alleine in den Urlaub fliegen wollte. Am Abflugtag bekam ich eine akute Blinddarmentzündung (selbstdiagnostiziert). Ab ins Uniklinikum. Nach acht (!) Stunden in den Händen eines ambitionierten Assistenzarztes, der wirklich alles, alles und jeden Test mit mir durchführte („Hosen runter, vorn überbeugen und ganz locker lassen! Dann tuts auch nicht weh!“), stand fest, mein Appendix erfreut sich bester Gesundheit. Der Beste saß zwischenzeitlich auf den Koffern und hätte fast die Flüge storniert.

Kranke Gedanken machen dich krank. Ich versuchte, fortan positiv zu denken und mich an meiner strotzenden Gesundheit zu erfreuen. Und natürlich jede Gesundheitssendung im Fernsehen zu meiden!

Während der Schwangerschaft mit dem Kind Nummer zwei habe ich mir kurzzeitig einen echten Befund zugelegt: Schwangerschaftsdiabetes. Der war hart erarbeitet! Einen halben Liter Milchreis mit Zimtzucker pro Tag, drei Stück Kuchen und abends einen halben Liter Häagen Dazs (zuzüglich zu drei Hauptmahlzeiten am Tag) über Monate waren dazu nötig. Und schon bei der Reduktion auf ein Stück Kuchen am Nachmittag verschwand der Diabetes. Ich bin ein Glückspilz!

Und jetzt DAS!

Ein winziger Leberfleck über der Braue mutiert. Breitet sich aus, franst aus. Und juckt. Scheiße! Da habe ich doch so schön positiv gedacht und jetzt werden meine Kinder mutterlos aufwachsen müssen. Die Solariumsucht der Neunziger rächt sich jetzt. Und meine Mutter ist auch schuld! Hatte sie mich nicht jahrzehnzelang mit Kokosöl eingerieben und in die Sonne gesetzt, damit ich nicht nur schön, sondern auch schön braun werde?

Egal, ich beschloß, dem Orkan ins Auge zu blicken und was auf mich zukäme, ich würde es tragen wie ein Mann!

Also ab zur Hautfacharbeiterin meines Vertrauens und mit piepsiger Stimme gefragt:

„Und? Wie schlimm ist es?“. „Das ist eine Alterswarze.“. „Eine WAAAAAS???!“. „Eine harmlose Alterswarze. Das raspele ich ihnen weg!“.

Abends beim Essen befragt mich der Beste, wie es denn so gelaufen wäre beim Hautarzt.

„Na sag schon! Was hat sie gesagt!“. „Du, das ist diesmal echt schlimm…“ unke ich düster, „Chronisch sogar…“ murmele ich in meinen Teller. „Was hast du denn nun?“

„Ich habe `Alter´!“

Kinder und Haustiere

Ich wollte unbedingt eine Katze. Ich durfte nicht. Meine Mutter behauptete, eine Katzenhaarallergie zu haben. Außerdem noch Asthma.

Ich machte jedes Jahr den Belastungstest mit ihr: im Frühjahr schleppte ich ein Katzenbaby an, was ich einem Bauern in Pappritz abschwatzte und dann in meinem Zimmer versteckte (einmal sogar in meinem Schrank). Dann passierte immer das Gleiche: meiner Mutter schwollen innerhalb von Minuten die Augen zu und unter Atemnot japste sie: „Wo-ist-die-Katze?“.

Später hatten wir Wellensittiche. Viele. Die genaue Anzahl kennt wahrscheinlich nur meine Mutter. Alle waren sie hellgrün, und alle hießen Bubi. Aus irgendeinem Grund überlebten die nicht lange bei uns und meine Mutter, selbsternannte Wellensittich-Be und –Entsorgerin, war der Meinung, wir merken nicht, wenn der Vogel neu war! „Mutti, das ist nicht unser Bubi! Wo ist der hin?“, „Pscht! Nicht so laut! Das muss deine Schwester nicht hören. Ich musste den einschläfern!“, „Was? Wie?“, „Nagellackentferner und Wattepad.“ Irgendwer hatte ihr diesen todsicheren (böses Wortspiel) Tipp gegeben.

(Exkurs: Meine Mutter ist ein kleines, fragiles Wesen mit der Physiognomie einer Elfe, die ohne mit der Wimper zu zucken bei der Aussicht auf einen schönen Braten einem lebenden Fasan den Hals umdrehen könnte und meines Wissens nach sogar mal einen halben Hirsch in ihrem Keller nicht fachmännisch, aber sehr engagiert, zerhackt und zersägt hat. Ich habe Angst vor ihr.)

Wir hatten einen Frosch in Pflege, der verschwand und wurde mumifiziert im Staubsaugerbeutel gefunden. Zwei Wasserschildkröten, ebenfalls Pflegekinder, überlebten unsere Pflege zwar, mordeten aber während des Ferienaufenthalts den in ihrem Bassin bis dahin friedlich nebenher lebenden Wels. Übrig von ihm blieb nur die blutige Brühe, in der dann die meuchelnden Schildkröten schwammen.

Das Kind Nummer eins hatte kurzzeitig eine Amphibienphase: es köcherte monatelang in der Rothermund (einem kleinen Fluss nahe der damaligen Familienbehausung) und brachte eimerweise lurchiges Getier ins traute Heim. Was natürlich binnen Tagen jämmerlich einging, egal, wie sehr wir uns mühten. Jedes Frühjahr hatte ich ein riesiges Gurkenglas in der Küche stehen, in welchem Kaulquappen zu Fröschen herangezogen werden sollten. Der schwarze Grund an toten Quappen in dem Glas wuchs binnen Tagen zu einem derart ekelerregenden Leichenbrei, dass ich mich weigerte, in ein und demselben Raum mit dem Froschleichenglas zu kochen!

Irgendwie haben wir die Ich-will-ein-Haustier-Phase beim Kind Nummer eins überlebt, er will jetzt nur noch: mehr Speicher, mehr Grafikkarten, mehr Computerzeit…

Und wenn das Kind Nummer zwei anfängt, nach einem Haustier zu krähen, habe ich mir schon den passenden Spruch parat gelegt: „Warte, bis du in die Schule kommst. Dann bekommst du Läuse! Versprochen!“

Warum es toll ist, einen Buggy zu schieben

Zum Beispiel: Ich kann endlich wieder Enten füttern gehen! Wobei „Enten“ als Überbegriff für sämtliches urbanes, vollgefressenes, charakterlich verzogenes Federvieh herhält, was sich so am Elbestrand der Großstadt dümpelnd aufhält.

Denn welche gesellschaftlichen Randgruppen trifft man beim Füttern an? Mütter mit Buggies und ältere Damen mit Fönwelle, Gesundheitsschuhen und beigefarbener Einheitstracht. Genau deshalb bin ich froh, endlich wieder einen Buggy schieben zu können. Jetzt kann ich wieder mitmachen!

Ich liiiebe das! Ich könnte stundenlang am dreckigen Ufer auf und ab gehen, das träge und auf gar keinen Fall artgerecht ernährte Federvieh beobachten, welches sich mehr walzend als gehend auf der Suche nach dem prallsten aller Brotbeutel zwischen den anwesenden Fütterern bewegt. Ich rede auch manchmal mit denen, aber nur ganz leise (glaube ich zumindest):

„Guck mal, wie du aussiehst! Bewirb dich bei The biggest loser! Und du? Schau nicht so unschuldig! Meinst du, ich hätte nicht gesehen, dass du der Ente dort drüben vorhin grundlos in den Sterzel gehackt hast?! Ja, du! Hier, zur Strafe kriegst du das Vollkornbrot. Sollst schon sehen, was du davon hast! Daran verdaust du noch heute Abend. Ab, geh dich schämen! Naak naak naak, kommt zur Mami… naak naak naak…“.

Wie? Das Kind füttern lassen? Neiiin! Ich hab doch so viel Spaß damit! Außerdem schmeißt das Kind ja eh immer alles daneben!

Also gut, ihr habt mich erwischt: in Wahrheit bin ich eine freundliche ältere Dame mit beiger Einheitstracht, Gesundheitsschuhen und Fönwelle…

ente

Gute Gene

Kinder, nehmt euch ein Kissen und macht’s euch bequem, die Mutti erzählt euch eine Geschichte!

Als ich klein war, musste mir ständig jemand „was von früher“ erzählen. Ich konnte nie genug von diesen Erzählungen bekommen! „Oma, wie habt ihr euch noch mal kennengelernt?“ Und ich fand es wundervoll, wenn Oma dann das dicke Fotoalbum mit den porösen schwarzen Pappseiten rausholte, in dem fein säuberlich die sepiafarbenen und schwarzweißen Fotos eingeklebt waren. Ordentlich standen sie da in Reih und Glied, mit sauberen Schuhen und gestärkter Schürze, die Protagonisten meiner so geliebten Geschichten. Kleine Jungen mit Schiebermütze und Kniestrümpfen unter kurzen Lederhosen, freundlich guckende ältere Leute, aufgereiht zum Fototermin anlässlich einer Kirmes oder Hochzeit. Ich habe mich immer gefragt, was haben sie wohl gedacht, als das Foto entstand?  Wie war ihr Tag bis dahin verlaufen, hatten sie Sorgen, weil der Sohn im Krieg war und die Feldpost auf sich warten ließ, die Lieblingskuh kurz vorm Kalben stand?!

Noch heute faszinieren mich alte Fotos und ich ersinne Geschichten, wenn ich sie sehe. Selbst alte Fotografien von völlig Fremden üben einen Reiz auf mich aus, dem ich mich nicht entziehen kann.

Leider sind Fotos heute nicht mehr wertvoll, sie werden gelöscht, zerrissen (da war der mit Ex drauf, dort sieht man meine Reiterhosen…). Verwandte und Nachbarn der Verwandten und Bilder eine Kirmes in Fotoalben zu kleben? Heute? Nahezu undenkbar.

In Zeiten der Möglichkeit der vielfältigsten Bildbearbeitung besinne ich mich oft an diese alten Alben meiner Großeltern.  Ja, und auch an die Geschichten, die unweigerlich damit verknüpft sind. Und ich möchte sie aufschreiben. Für euch, meine Jungs!

Martha & Richard

Eure  Ur-Urgroßmutter Martha wurde vor über hundert Jahren geboren und lebte in einem Dorf in Schlesien. Wie sie den Ur-Uropa kennenlernte? Also es gibt die Geschichte, dass die Martha als junges Ding auf den Tanz ging und dann mit einem feschen Burschen im Heu landete. Einige Wochen später fiel der Mutter von der Martha (Ja, Kinder, noch ein Ur mehr…) auf, dass das Heu wohl seine Spuren hinterlassen hatte… und sie begaben sich auf die Suche nach dem Verursacher! Blöde war bloß, dass der aus einem anderen Dorf kam und so richtig namentlich auch der Martha nicht bekannt! Nun gut, die Ur-Ur-Uroma war wohl eine Frau der Tat und so nahm sie die Martha und klapperte die Nachbarsdörfer ab nach dem Schwerenöter. Er wurde auch dingfest gemacht, und wie damals so üblich, wurde kurzer Prozess gemacht und die beiden verheiratet. Ach, halt! Wie sich herausstellte, war der jugendliche Casanova noch nicht mal volljährig. Aber auch dafür gab´s im Schlesien des vorigen Jahrhunderts eine pragmatische Lösung: die Papiere vom Richard wurden kurzerhand gefälscht, er mit der Martha verheiratet und eure Uroma Else kam in geordneten Verhältnissen zur Welt.

Martha und Richard hatten zwei Kinder und waren bis zu ihrem Tod glücklich verheiratet. Und ja, Ur-Uropa Richard lebte den Rest seines Lebens mit einem gefälschten Ausweis.

 Else & Gerhard

Eure Uroma Else wuchs in dem schlesischen Dorf auf, was ihr nun schon kennt. Sie lebte mit der Ur-Uroma, dem Ur-Uropa, einem Hund, einer Ziege und ich glaube auch ein paar Hühnern im Haus der Ur-Ur-Uroma. Sie hat diese sehr geliebt! In unserer Familie spielten die Großmütter immer schon eine tragende Rolle, und diese erste mir bekannte Großmutter hat, wie alle weiteren Großmütter in unserer Familie nach ihr, ihre Enkeltochter sehr liebevoll erzogen und behütet.

Die Else wurde groß und verliebte sich. Nein, das war noch nicht der Uropa. Es kam der zweite Weltkrieg und der Auserwählte der Uroma schenkte ihr ein Halstüchlein zum Abschied und versprach zu schreiben und zurückzukommen. Er wurde nie wieder gesehen. Das Halstuch und das einzige Foto des schmerzlich Vermissten hat später euer Uropa vor Eifersucht rasend verbrannt (der hatte ein südländisches Temperament, aber dazu später mehr). Die Uroma war jedenfalls in Trauer. Da kam die Ilse, Uromas Freundin und erzählte ihr entflammt, dass sie einen schmucken Wehrmachtsoffizier namens Gerhard kennengelernt hatte, der in Schlesien stationiert war. Sie wollte ihn der Else unbedingt vorstellen. So ein Bild von einem Kerl! Schwarzes Haar, lodernde Augen, Else, den musst du gesehen haben! Ilse war hin und weg, wollte aber nicht alleine zu dem Fest hingehen, auf dem sie diesen Gerhard wiederzusehen hoffte. Else war nicht nach feiern, aber der Ilse zuliebe ging sie mit hin.

Zur selben Zeit verlor der Gerhard eine Wette gegen einen Kollegen, weshalb er ebenfalls auf genanntes Fest ging. Denn, er wollte partout nicht! Wie er erzählte, wurde er von einer Ilse buchstäblich verfolgt, die ihn jungmädchenhaft anschmachtete, ihn aber überhaupt nicht reizte (also, so wurde später erzählt!).

Der Rest ist Geschichte, nämlich die unserer Familie. Die Else bekam der Gerhard, die Ilse blieb bis zu ihrem Tode ihrer beide Freundin und unverheiratet! Noch als beide schon graue Omis waren, meinte die Uroma, die Ilse wäre halt nur einmal verliebt in ihrem Leben gewesen…

Gerhard stammt aus Dresden. Die Familie hatte eine große Gärtnerei, die aber dem Suff, dem Wahnsinn des Ur-Uropas, der Inflation oder den spanischen Genen zum Opfer fiel. Nach dem dritten Kirschlikör wurde bei euren Urgroßeltern gern mal erzählt, ein spanischer Seemann hätte sich irgendwann in dem Stammbaum von Gerhards Familie verewigt. Und in der Tat kommen aus der Linie von Uropa Gerhard auffallend viele schöne, südländisch anmutende Menschen mit Glutaugen und einem „Caramba Olé, wo ich bin ist vorne!“-Temperament. Gerhard hatte eine Schwester, soviel ich weiß, und auch einen Bruder. Aber aufgrund des überbordenden Temperaments der gesamten Familie und der Tatsache, dass De-Eskalationsmanagement noch nicht erfunden war, waren bald alle untereinander verstritten und keiner sprach mit irgendwem mehr ein Wort. Diese traurige Tradition hat leider auch nachkommende Generationen ereilt. Die spanischen Gene! Was willste da machen…!

Else machte sich in den letzten Kriegstagen mit einem Flüchtlingstreck von Schlesien auf nach Dresden zu Gerhard und dessen Familie. Sie bekamen vier Kinder (das zweite war euer Opa) und lernten dort mehr oder weniger notgedrungen irgendwann auch Charlotte und Herbert kennen. Und das war was! Der eine ein „brauner Hund!“, der andere eine „rote Socke!“, kriegten sich die Männer bei jeder Gelegenheit in die Haare, sodass eure Großeltern irgendwann die Feiertage aufteilen mussten: an einem kamen Else und Gerhard, an einem anderen Charlotte und Herbert. Aber immer der Reihe nach!

Charlotte & Herbert

Eure Uroma Charlotte Josephine hatte außer einem wunderschönen Namen noch feuerrotes Haar, war „so breed wie hoch“ und die älteste von sieben Töchtern einer Dresdner Familie. Ihr Vater fiel im ersten Weltkrieg und so heiratete Ur-Uroma Margarete erneut. Dem neuen Mann im Haus war Charlotte ein Dorn im Auge, wurde er doch durch den feuerroten Schopf eurer Urgroßmutter immer daran erinnert, dass vor ihm bereits ein anderer Mann bei Margarete war. „Der Rotschopf isst nicht mit an meinem Tisch!“ ist ein überlieferter Ausspruch von ihm. Charlotte wurde darauf hin nach Oschatz zu ihrer Großmutter geschickt, bei der sie aufwuchs. Eure Uroma war gebildet und hatte viele Talente, sie schrieb Tagebuch auf Französisch, weil das außer ihr niemand lesen konnte. Und sie war künstlerisch unglaublich begabt. Sie hat wundervoll gemalt und riesige Gobelins bestickt, ohne Anleitung, oder die hat sie vorher selber gezeichnet.  Sie war eine Dame durch und durch. Niemals wäre sie in einer Schürze aus dem Haus gegangen, obwohl das bis in die Achtzigerjahre eine vollkommen legitime Frauenbekleidung in der DDR war! Egal, wie hart die Zeiten waren (und die waren später hart für sie), sie trug Seidenblusen mit Kamee-Brosche. Sie wusch sich niemals die Haare selber, einmal in der Woche lies sie sich vom Friseur ondulieren und später, als sie ihr ausfielen, trug sie ein Seidenkopftuch (aber nicht wie eine Omi unterm Kinn verknotet, sondern wie ein Hollywoodstar der Zwanziger!) und einen Hauch von „Tosca“ am Hals. Was muss, das muss!

Es waren die späten Dreißigerjahre des letzten Jahrhunderts und jedes Mädchen musste „in Stellung“ gehen zu der Zeit. Charlotte ging von Oschatz nach Dresden und arbeitete in einem Handarbeitsgeschäft auf dem Altmarkt.

Am Wochenende ging sie in den „Schillergarten“, weil da Musik aufgespielt wurde und man konnte beim „Dässchen Heeßen“ den Schiffen auf der Elbe zuschauen.

Herbert und Herta sind auch im „Schillergarten an einem Wochenende.

Uropa Herbert kam aus einer Dresdner Arbeiterfamilie. Herberts Mutter arbeitete als Köchin in einer Fabrik und hatte somit eine richtige Anstellung, was eine echte Seltenheit im Deutschland der Zwanziger und Dreißiger Jahre war. Herta, Herberts Schwester, hat sich später das Leben genommen. Man sagt,  wegen einer unglücklichen Liebe zu einem verheirateten Mann. Herbert hat sie sehr geliebt.

Herta bedrängt den Herbert: „Herbert, geh mal rüber zu der kleinen Rothaarigen und fordere die zum Tanzen auf! Die hat eine tolle Bluse an, ich muss wissen, ob die mit Kreuzstich oder Plattstich bestickt wurde! Und ob das Muster von Burda ist! Herbert! Geh da jetzt hin!“. Und Herbert geht artig und tanzt mit der kleinen Frau, die ihm nicht mal bis zur Brust reicht. Und stellt sie der Herta vor, und diese kann ENDLICH ihre drängenden Fragen bezüglich der Bluse stellen! Man findet sich sympathisch und verabredet sich für einen Nachmittag im Freibad „Wostra“. Charlotte bietet sich an, Kartoffelsalat zu machen. Herta will Kuchen mitbringen… und Herbert.

Am verabredeten Tag sitzt sie im Freibad und wer nicht kommt, ist Herbert. Voller Enttäuschung (und wahrscheinlich auch voller Kartoffelsalat, denn sie aß für ihr Leben gern), macht sie sich auf den Heimweg und da sieht sie Herbert und Herta! „Wo warst du denn?! Wir warten seit Stunden!“. Und siehe da, sie hatten sich nur verfehlt. Na, so haben sie sich doch gefunden am Ende.

Charlotte und Herbert waren bis zu ihrem Tod sehr glücklich verheiratet und hatten zwei Kinder (eins davon ist eure Oma).

Die Oma sagt immer, die Uroma Charlotte sei eine kühle Frau gewesen, ich habe ganz andere Erinnerungen.

Charlotte hat alle meine Puppen eingestrickt und eingehäkelt und mich auch. Solange ich denken kann, bin ich in meiner Kindheit als Ganzkörperhandarbeit herumgelaufen. Und ich trug nicht nur handgestrickte Pullover, nein, sie wurden auch extra mit aufwendigen Stickereien versehen! Keinen Wunsch konnte sie mir abschlagen. Ich durfte ihre Alpenveilchenbank als Puppenküche missbrauchen, auf einem Hocker stehend neben dem Herd ihren Kochkünsten huldigen und mit dem Finger alles naschen, was ich wollte. Uropa Herbert  war eine Seele von Mensch, der vor lauter Liebe zu uns allen ganz nah am Wasser gebaut war, krumpelige Laubsägearbeiten für mich machte und mit dem steifen Bein, das er vom Krieg mitgebracht hatte, hinter mir auf dem heißgeliebten Rummel herhumpelte, auf den er mich immer von dem bisschen Rente was die beiden hatten einlud, sobald die Karussells aufgebaut wurden.  Einige der Schwestern der Uroma Charlotte lebten im Westen und versorgten die Verarmte mit dem „Nötigsten“. Es gab immer Pril und Tosca und amerikanische Zigaretten, von denen Uropa Herbert später stets die Hälfte abzählte und in einem Zigarrenetui für mich reservierte. Einmal, als Charlotte und Herbert von einem Besuch im Westen zurückkehrten, erzählte Charlotte, dass die Nachbarn der West-Schwestern die komplette Garage mit Klamotten und Zeug zugestellt hatten für die Ost-Schwestern und deren Familien. Sie meinte, sie hat vor Scham nicht ein Teil anrühren können. Ich bin gerast vor Entrüstung!!! Man stelle sich vor, ich wäre in den frühen Achtzigerjahren in den Besitz einer echten Levis gekommen! Oder Wrangler! Oder eines Samtpullovers!!!! Oma, wie kannst du nur!!! Ich werde nie den Blick vergessen, den Uroma Charlotte mir zugeworfen hat und wie sie zu mir sagte: „Kind, irgendwann wirst du das verstehen.“. Sie hat Recht behalten.

Sie war eine Dame durch und durch. Wenn ich mir die wenigen kostbaren Fotos ansehe von den beiden, habe ich den Eindruck, sie entstammen einer völlig anderen Zeit: Uroma Charlotte mit ihrer nonchalanten Ausstrahlung und ihren Seidenblusen, Müffchen, neben Uropa Herbert  im Anzug mit Hut, Weste und der goldenen Uhrenkette.

Uroma Charlotte war eine echte Dame. Und doch: die größte Freude konnte man ihr machen, wenn man genussvoll stöhnend den Teller abgeleckt hat nach dem Essen und sie wusste einen herzhaften Furz durchaus zu schätzen! Sie konnte hemmungslos einen fahren lassen und selbstbewusst mit den Worten kommentieren: „Ah, das tat gut!“

Uropa Herbert ist gestorben, als ich siebzehn Jahre alt war. Charlotte hat sich auf ihre Couch gelegt und sich dort nicht mehr wegbewegt. Sie ist an meinem achtzehnten Geburtstag gestorben.

Ich vermisse sie sehr!

Uroma Charlotte schwärmte mir immer von der Torte in der Konditorei „Kreuzkamm“ am Altmarkt vor. Da ging sie als junge Frau einmal pro Woche schmausen. Als die Mauer fiel und beide schon lange tot waren, bezog die Konditorei „Kreuzkamm“ wieder Quartier am Dresdener Altmarkt. Ich war einmal dort, für Charlotte,  und habe schluchzend die Torte auf meinem Teller vollgeheult.

Meine Kindheit ist geprägt durch die Erlebnisse mit meinen Großeltern. Ich war als kleines Kind in keiner Kita. Wenn meine Mutter zur Arbeit ging, holte mich morgens eine meiner Großmütter ab und nahm mich mit zu sich. Genau, die fuhren dann vorher mit der Straßenbahn durch die halbe Stadt dafür. Oder ich blieb gleich länger dort! Bei Oma Else gab es immer ein eingerichtetes Kinderzimmer. Bei Oma Charlotte schlief ich in der Besucherritze, und wenn ich mich trotz dreier Daunendecken divenhaft über die Arschkälte im großelterlichen Schlafzimmer beschwerte, sagte sie stets: „Mach einen Pups, dann wird’s gleich wärmer unter der Decke!“.

Als Kind rief meine Mutter stets besorgt: „Kind, pass auf deine Figur auf! Du kommst nach Oma Charlotte!“. Heute sag ich stolz: Na, das wäre doch schön!

Und nun seh ich euch an. Du, mein Großer, hast die wundervollen Reh-Augen von Uropa Herbert und ja, auch das „Caramba Olé!“-Temperament von Uropa Gerhard! Und du, mein Baby, du kommst wirklich nach Charlotte mit dem rötlich schimmernden Haar und den wasserblauen Augen aller Rothaarigen. Und du bist „so breed wie hoch“, genau wie Charlotte. Nur, was das angeht, da hoffe ich, du entwächst deinen Genen noch. Aber lass dir Zeit!

Der Traum vom Eigenheim

…ist nicht meiner. Irgendwie wurde mir da ein Gendefekt vererbt, denn in meiner Familie ist das Häuserbauen, Baumpflanzen und Pfahlwurzelschlagen äußerst verbreitet. Alle gängigen Argumente gegen das Mietertum prallen an mir ab. Ich bin eher Nomaden-  als Wurzeltyp.

Da die meisten unserer Freunde und Bekannten nach und nach das Dresdner Umland besiedeln und Stein auf Stein setzen, kommt auch immer mal wieder beim besten Ehemann von allen das Gefühl auf, wir würden was verpassen.

Mein Standpunkt ist deutlich: Prinzipiell habe ich nichts gegen ein Häuschen in der Vorstadt, zwei Kriterien sollten allerdings erfüllt sein: Es liegt in der Wisteria Lane und Susan Delfino wird meine neue beste Freundin.

Am Wochenende meinte der Beste, wir müssten mal zum Lüften raus, das Baby sieht schon ganz fahl aus. Und immer an der Elbe lang… ach nö langweilig. Lass uns in die Peripherie fahren. Dresden liegt in einem Talkessel und wenn man der Smogglocke entfliehen möchte, braucht man nur in irgendeine Richtung zu fahren und schwupps! steht man in luftiger Höh´auf irgendeinem Hochland.

Strahlendblauer Himmel, Vorfrühlungswetter, wir lustwandeln.

„Ach Schatz, ist das schöööön hier! Kein Flugzeuglärm, keine Verkehrsgeräusche. Höre ich da Vögel?!“

„Keine Kreißsäge, kein Geplärre von irgendwelchen Blagen…“

„Und nirgends Hundekacke! Weib, du kannst den Blick heben, du musst nicht den Fußweg scannen. Es gibt keine Haufen hier. “

„Ob die hier ne eigene Straßen-und Fußwegreinigung haben? Die Straßen sind sauberer als unsere Küche!“

„Guck mal, wie hübsch. Das Haus dort!“

„Nee, das hat ja gar keine Fenster! Das sind Schießscharten. Sieht aus wie der Föhrerbonker, gleich kommt Blondi um die Ecke.“

„Oh Gott, was ist das?! Iiiih, ich krieg Augenkrebs. Dort! Ein quietschgelbes Fertigteilhaus mit blauen Fenstern! Ganz klar, die hatten einen Sponsorenvertrag mit einem schwedischen Möbelhaus.“

„Genau, das Haus wurde dann bestimmt auch mit ´nem Imbusschlüssel zusammengeschraubt!“

„Aber eine schöne Skulptur haben die im Garten.“

„Soll wahrscheinlich ein Wildschwein beim Kacken darstellen…“

„Und das Modell hier heißt bestimmt ´Biedermanns Träumchen´. Boah, ist das hässlich. Hier wöllte ich nicht tot überm Zaun hängen!“

„Weißt du, was ich mich frage? Wo sind denn die ganzen Leute? Niemand hier. Kein Kind draußen im Garten?! Seltsam.“

„Die stehen hinter ihren hässlichen Gardinen und beobachten uns. Die wissen bestimmt schon, dass wir hier rumschleichen!“

„Ach, hör auf! Aber gespenstig ist das schon. Du sag mal, brauchen wir noch Milch?“

„Hä?“

„Na dort hat jemand eine Kiste Milch zum Mitnehmen rausgestellt.“

„Also bitte, du bist hier nicht in Pieschen! Das ist nicht zum Mitnehmen, das hat wer vergessen reinzuräumen, als er die Einkäufe verstaut hat. Überhaupt, das stell ich mir schwierig vor…“

„Stimmt, kein Lidl um die Ecke, kein Späti, nicht mal ne Tankstelle!“

„Und keine Kneipe weit und breit. Hier trinkt jeder auf der Couch vorm Fernsehen. Oder im Bastelkeller des Nachbarn.“

„Das ist so still hier…unheimlich.“

„Naja, nicht gleich still! Deine Stimme ist laut und deutlich zu hören! Aber sonst, stimmt.“

„Hm.“

„Hm.“

„Also ich bin gelüftet, und du?“

„Ja, komm, lass uns heimfahren!“

„Na, sooooo schön war das hier wirklich nicht. Nächstes mal wieder Elbe?“

„Nu.“

 

Das Gegenteil von GUT ist GUT GEMEINT

Ich muss nie das Haus hüten, wenn meine Freunde oder Verwandten in die Ferien fahren. Auch vertraut man mir weder Haustiere noch Grünpflanzen an. Nicht, dass ich nicht hilfsbereit wäre! Ganz im Gegenteil, ich biete ständig ungefragt meine kompetente Hilfe an. Aber meine Freunde wissen, dass das im Normalfall eher keine gute Idee wäre!

Ich bin mir heute noch nicht ganz sicher, ob ich einfach mehr Pech als andere habe oder besonders trottelig bin. Oder ob beides zutrifft.

Mein „Gesellenstück“ diesbezüglich habe ich im Alter von achtzehn Jahren abgeliefert:

Ich hatte einen Freund, nennen wir ihn mal…Frank. Dieser Frank bewohnte eine schnuckelige Neubauwohnung, in der es sogar im Winter warm war. Ganz im Gegenteil zu meiner weniger schnuckeligen Altbauwohnung mit Ofen, in der war es sogar im Sommer kalt. Unnötig zu erwähnen, dass ich mich lieber bei Frank aufhielt. Diese Wohnung war für die Achtziger Jahre ausgesucht exquisit und schweineteuer eingerichtet und ich fühlte mich sehr wohl dort.

So kam es, dass ich mich aus einem mir nicht bekannten Grund eines Tages tagsüber alleine dort aufhielt.

Meine hausfraulichen Fähigkeiten steckten noch in den Kinderschuhen, aber ich war stets bemüht! Ich beschloss also, den Abwasch zu spülen. Das ist doch pipi-einfach. Stöpsel rein, Spüli rein, Wasser marsch! Das bekam ich hin. Dann ereilte mich ein unaufschiebbarer Blasendrang.

Ab ins Badezimmer. Als ich schon mal dort war, fiel mir der überquellende Wäschekorb auf und ich dachte, Mensch, da kannste dem Frank mal ne Freude machen, wenn du dich darum kümmerst. Was ihr wissen müsst, damals war Wäschewaschen eine Tätigkeit, mit der du dich problemlos einen halben Tag beschäftigen konntest. Die im Singlehaushalt der DDR gängiger weise eingesetzte Waschmaschine hieß „WM66“ und war eine Blechtrommel, in die man mittels eines Schlauchs händisch Wasser einließ, Pulver und Klamotten dazu und dann auf „Waschen“ schalten. Das bedeutete, die Trommel drehte die Klamotten in der Seifenbrühe. Wenn man der Meinung war, es reiche und die Brühe die Farbe der Elbe angenommen hatte, auf „Pumpen“ umschalten, dann entließ die Blechtrommel das dreckige Wasser über einen Schlauch in die Badewanne. Dann wieder sauberes Wasser oben rein. Alles von vorn. Wenn das Wasser irgendwann klar blieb (wie die Tränen, die ich später würde weinen müssen), dann holte man die Sachen raus, wrang sie aus und legte sie portionsweise in einem ordentlich Kreis in die Schleuder. Das war eine andere Blechtrommel, die auch wieder die Wäsche nur im Kreis drehte, diesmal allerdings schneller. Hatte man die Sachen eingeschichtet, Deckel obendrauf und draufgesetzt auf die Schleuder. Auf „Schleudern“ schalten und dann wurde man ordentlich durchgeschüttelt! Also ich habe gehört, dass es Leute gegeben hat, die sich nicht draufsetzen mussten, aber wenn ich das nicht tat, sprang die Schleuder stets unkontrolliert im Badezimmer herum. Wenn man damit dann fertig war, brauchte man die Sachen nur noch aufzuhängen und fertig!

Was dieser langweilige Exkurs sollte? Ich wollte euch nur klarmachen, dass ich tatsächlich STUNDENLANG mit der Wäsche beschäftigt war.

Irgendwann war ich fertig. Als ich die Badezimmertür öffnete, glaubte ich einer Sinnestäuschung anheimgefallen zu sein: der Teppichboden (der in der ganzen Wohnung ausgelegt war) schlug Wellen! Als ich drauftrat, stellte ich am schmatzenden Geräusch und der Tatsache, dass ich bis zu den Knöcheln im Wasser stand fest, dass mit meinen Sinnen alles in Ordnung war. Wasser, wo kommt das Wasser her?! Geistesgegenwärtig (Entschuldigt, dass ich dieses Wort verwende!) pitschte und patschte ich in die Küche und drehe den Wasserhahn des Spülbeckens zu.

Dann besah ich mir das Chaos: Die ausklappbare Schaumstoffcouch, die des Nächten unserem Liebesspiel Platz bot, hatte ihr Bestmöglichstes getan und sich bis in die Lehne mit Wasser vollgesaugt. Ich hatte sie von hellblauer Farbe in Erinnerung, nun war sie dunkelschwarz und würde so bald niemanden mehr zum Liebesspiel einladen (mich auch nicht, aber das konnte ich in dem Moment noch nicht ahnen). Die Schrankwand, die Frank mindestens  zehn Monatslöhne gekostet hatte, löste sich schweren Herzens vom aufgebügelten Furnier und zeigte durch unten abstehende Pressspantüren, dass auch sie eindeutig genug hatte. In meiner Verzweiflung zerrte ich alles aus der Schrankwand, was irgendwie den Anschein erweckte, eine minimale Saugkraft zu haben: Bettzeug, Handtücher, Anzüge, Unterwäsche, Socken, die schweineteuren Wollpullover (die aber wirklich hässlich waren!), einfach alles. Ich verteilte Franks komplette textile Besitztümer in der Wasserlandschaft und rieb, rubbelte und ruinierte damit immer weiter… Irgendwann schwante mir, das wird nichts. Also schleppte ich die pitschnassen Klamotten ins Bad und stopfte die in die Wanne. Die war dann voll mit nassem Zeug und Frank hatte eine ruinierte UND leere Schrankwand.

Der Teppich war immer noch nass. Die Schrankwand immer noch desolat und die Couch immer noch für immer unbenutzbar. Und es gab keinen textilen Gegenstand mehr im Haus, mit dem ich hätte weiter aufwischen können!

In meiner Verzweiflung zerrte ich das Bügeleisen aus dem Küchenschrank. Ihr denkt jetzt bestimmt: die wird doch nicht wirklich?! Doch, hat sie.

Na klar weiß ich, dass Teppich zum Großteil aus Plastik besteht und die Reaktion auf Wärme ist selbst mir im Physikunterricht beigebracht worden. Aber ich war vor Verzweiflung offenbar intellektuell umnachtet!

Wenig später sah es dann so aus: Der Teppich war immer noch nass. Die Schrankwand immer noch desolat und die Couch immer noch für immer unbenutzbar. Aber der Teppich wies jetzt jede Menge Brandspuren in Form eines Bügeleisens auf.

Ich habe das einzig Logische getan: Flucht!

Halt! Vorher habe ich Frank noch Torte vom Bäcker geholt, ihm den Kaffeetisch gedeckt, ein Blümchen dazugestellt… und ich glaube, einen Entschuldigungsbrief. Schließlich weiß ich ja, was sich gehört!

Und wenn ihr jetzt denkt, das kann doch SO nicht wirklich passiert sein! Tja Freunde, ich wünschte, ihr hättet recht. Und Frank natürlich auch!

Abschließend ist zu sagen, dass Frank heute glücklich verheiratet ist (nicht mit mir) und dass es ihm gut geht. Erzählt man mir. Also nicht er, er wechselt aus irgendeinem Grund die Straßenseite, wenn er mich sieht…

Namen, mehr als Schall und Rauch

Ich sollte Falk heißen. Gott sei Dank haben sich meine Eltern das dann doch anders überlegt. Falk hätte wirklich nicht zu mir gepasst! Als ich dann da war, wurde Friederike erwägt als Label für das schrumpelige neue Kind. Ich kannte mal eine Friederike, die wurde Fritti gerufen! Ich hatte kein Mitspracherecht, aber auch dieser Kelch ging an mir vorüber… Nicht, dass ich mit meinem Vornamen zufrieden gewesen wäre! Oh nein, scheußliche Abkürzungen und namentliche Verhunzungen säumten meinen menschlichen Werdegang.

Auch der beste Ehemann von allen hat es nicht optimal getroffen. Eine Silbe (ein Vokal,  vier Konsonanten), man meint, damit liegt man auf der sicheren Seite. Weit gefehlt! Sein Vorname wird in Sachsen eigentlich niemals so ausgesprochen, wie er geschrieben wird. Wir Sachsen können diese Buchstabenkombination irgendwie nicht lautieren! Es klingt, als würde man einen Frosch würgen: Dörg…

Als das Kind Nummer eins sich auf den Weg in unser Leben machte, war uns beiden Eltern in spe klar: Auf gar keinen Fall sollte der Name Potential für Häme und Verschandelung bieten! Less is more, wir entschieden uns für: eine Silbe, ein Vokal, zwei Konsonanten. In der Zukunft sollte sich herausstellen, dass drei Buchstaben zu wenig für das Kind sind. So hängt noch heute jeder, der ihn kennt, einfach ein „i“ hintendran. Das Kind scheint an sich zufrieden mit unserer Auswahl.

So, das hatten wir ja schon mal gut hinbekommen!

Als das Kind Nummer zwei seine Ankunft voraussagte, hatte ich entschieden: Jetzt wird geklotzt! Florentina Charlotte Josephine würde es heißen. Der Beste schüttelte besorgt den hübschen Kopf und meinte, das ginge nicht. Das wäre ungerecht dem Kind Nummer eins gegenüber. Der hat ja nicht mal ne zweite Silbe, geschweige denn einen zweiten Vornamen! Diesem Argument konnte selbst ich mich nicht verschließen.

Dann kam die folgenschwere Ankündigung der Frauenärztin: „Es wird een Gerlschn!“. Das Kerlchen bekam als Arbeitsnamen: Garlschn. Denn wir konnten uns nicht entscheiden! Jeder für sich schon, aber auf einen gemeinsamen Nenner kamen wir nicht. Ich steckte in der namentlichen Zwickmühle.  So kam es, das Kind. Und die resolute Hebamme steht neben mir, steckt die Hände in die kräftigen Hüften und fragt: „So, hast du dich entschieden?! Wie soll das Karlchen denn nun heißen?“. Dass das so schwer gewesen war, ist rückblickend nicht mehr zu begreifen. Er hatte ja schon die ganze Zeit einen Namen!

Tja Leute, was soll ich sagen? Eine Silbe, ein Vokal, drei Konsonanten. Und man kann super ein „i“ dranhängen.

Der richtige Zeitpunkt

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„Darf ich sie mal fragen, wie alt sie sind?“

„Und ich, darf ich sie mal fragen, wie blöd sie eigentlich sind?“

Seit ich eine alte Mutter bin, bin ich eine Person des öffentlichen Interesses. Die Bäckersfrau reicht mir mein Brot über die Theke mit den charmanten Worten: „War wohl´n Unfall, was?!“ und meint das rosige Baby im Tragesack.

Seit jeher bekamen Frauen bis zum Eintritt in die Menopause Kinder. Nur entschieden sie sich (als sie es dann konnten) oft dagegen. „Man“ bekam die Kinder mit Anfang Zwanzig und war froh, wenn die aus dem Gröbsten raus waren. Ich erinnere mich an eine Begebenheit in den späten Siebzigern, als eine Kollegin meiner Mutter ungewollt schwanger wurde, mit Ende dreißig, und diese Schwangerschaft ziemlich spät realisierte. Diese Frau war so verzweifelt über die skandalöse Situation, dass sie am liebsten „ins Wasser gegangen“ wäre. „Was sollen denn die Leute sagen?! Sowas in meinem Alter!!“. Ihr damals schon erwachsener Sohn gab ihr daraufhin zur Antwort: „Mutti, erzähl denen einfach, das sei meins!“. Es war „normaler“, dass der Sohn mit achtzehn Vater würde, als seine Mutter mit knapp Vierzig erneut Mutter.

In der öffentlichen Meinung sind Mütter über Vierzig momentan gern karriereorientierte Frauenzimmer, die sich im schlimmsten Fall mit einer Eizelle aus Polen und einer Samenspende aus Schweden in Dänemark haben künstlich befruchten lassen, um ihren egoistischen Kinderwunsch fünf vor zwölf noch umzusetzen. Und jede(r) hat dazu neuerdings eine Meinung!

Dabei kenne ich sehr viele Frauen, die beziehungs- oder entwicklungstechnisch jahrelang in Sackgassen verharrten oder deren Eierstöcke ein Eigenleben zu haben schienen: „Kinder?! Och nö. Wir dachten, wir machen erst mal Karriere.“.

Junge Mütter bekommen für ihre Augenringe Mitleid und Hilfe angeboten, ich bekomme zu hören: „Na, DAS hast du ja so gewollt!“.

Männer machen sich interessanterweise überhaupt keine Gedanken über das Bild, was ich abgebe. Frau mit Kind. Punkt. Was soll da schon groß sein?!

Und ihr? Mädels, was ist los mit euch?!

Ich sehe, wie ihr mich beobachtet, wenn ich mit dem Kinderwagen auf dem Spielplatz aufkreuze oder vor euch an der Kasse stehe im Supermarkt. Ich kann eure Gedankenblasen sehen, ähnlich wie in einem Comic: ´Ist das die Mutter? Wie alt wird die sein? War bestimmt ne IVF. Wenn das Kind in die Pubertät kommt, ist die doch Rentnerin…armes Kind! Die kommt doch mit dem Rollator zur Schuleinführung!`

Verpackt klingt es auf dem Spielplatz dann oft so: „Naja, ich habe mir bei der Kinderplanung ja was gedacht. Den Jean Luc habe ich mit fünfundzwanzig bekommen, und nun, sechs Jahre später die Shakira Chantal, dann bin ich daheim, wenn der Jean Luc in die Schule kommt. Und die Kinder sind ja froh, wenn sie junge Eltern haben, mit denen sie was unternehmen können!“. Währenddessen nippt sie an ihrer hippen Latte und schaut auf ihr Smartphone. Der Jean Luc lässt sich zwischenzeitlich den Sand schmecken oder verkloppt einen Spielplatzkollegen.

Ja, in einem Alter, in welchem andere Erwachsene auf der Aida im Mittelmeer rumschippern oder Abenteuerurlaub machen, habe ich mich für ein ganz anderes Abenteuer entschieden. Und genau: Ich habe das so gewollt!

Am Ende ist es doch ganz einfach: Wir sind die besten Mütter, die unsere Kinder je haben werden. Und unser  Alter spielt dabei überhaupt keine Rolle!

Wenn ich jemanden kennenlerne, interessiert mich: „matcht“ das mit uns, haben wir Gesprächsthemen, ist mir der Mensch sympathisch? Andersherum: Sobald mich jemand mit Baby kennenlernt, hibbelt mein Gegenüber oft, bis es endlich die offensichtlich alles entscheidende Frage stellen kann: „Du, darf ich dich mal fragen, wie alt du eigentlich bist?“

Ehrlich: das nächste mal, wenn ich eine grauhaarige Omi auf dem Spielplatz treffe, könnte sich womöglich folgender Dialog ergeben:

„Das ist aber ein süßes Kind! Sohn oder Tochter?“

„Waaaas?! Um Gottes Willen! Das ist doch mein Enkel!!“

„Ach wirklich?! Das hätte ich gar nicht gedacht, bei ihrem jugendlichen Aussehen!“.

Auf dem Transportweg vertauscht?!

Der „Neue“ ist jetzt ein halbes Jahr bei uns. Und wir sind alle nach wie vor so dolle verknallt in den, dass wir uns streiten, wer ihm seine verkackten Windeln wechseln darf!

Ich weiß ja, dass jede Mutter findet, ihr Baby sei das schönste. Aber ihr müsst jetzt alle sehr stark sein. Euers ist nur das zweitschönste!

Wir haben eine Ewigkeit auf den gewartet. Bestellt wurde er vor ungefähr zehn Jahren. Es gab Lieferengpässe, wir übten uns in Geduld… Vor ein, zwei Jahren hatten wir uns (fast) damit abgefunden, dass diese Bestellung wahrscheinlich fehlgeleitet wurde oder die alte und leicht marode Transportbox vom Universum als nicht mehr geeignet erachtet wurde.

Und dann kam die Nachricht: „Ihre Bestellung wird versandt!“.

Als der dann endlich da vor uns lag und uns verwundert anguckte, als wöllte er fragen: „Wo bin ich denn gelandet?!“, da war klar: das Warten hatte sich gelohnt.

Schluss mit rührselig! Kaum waren wir zu hause mit dem „Neuen“ angekommen, blickt der sich um und fängt an zu schreien: “UWÄÄÄÄÄÄÄÄH! UWÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄH!!!“. Ich bin ein kein geduldiger Mensch, aber ich habe dem bestimmt zweihundert mal ganz ruhig erklärt, dass es bei uns keinen Uwe gibt und dass ich seine Mami bin und alles gut ist! Er hat sich dann auch irgendwann beruhigt, nur manchmal kommt der Beste zu mir und sagt: „Geh mal zu deinem Sohn, der ruft schon wieder nach dem Uwe!“.

Und dann das: Er spricht endlich! Der Miniman muss so vier Monate alt gewesen sein. Das Alter, in dem die meisten Babies „ärrrre ärrrrre“ von sich geben. Er liegt auf meinem Arm, schaut mich ernst an und sagt laut und deutlich: „Ingrid.“. Ich korrigiere ihn sanft: „M-A-M-A!“. Er wieder: „INGRID!“. So geht das eine Weile hin und her. Ich sorge mich.

Der Beste ist sich sicher, dass das Baby nicht vertauscht wurde oder übrig war aus irgendeiner anderen Bestellung. Er meint, an den Geräuschen beim Kacken und Baby´s ausgeprägter Vorliebe für Brüste UND Flaschen, deutlich sein Genmaterial erkennen zu können.

Uwe, Ingrid, wenn ihr das hier lest: Sorry, aber wir behalten den!

Er erkennt uns mittlerweile auch schon und ruft fröhlich „Irre irre!“, wenn er uns sieht.

 

 

Das It-Piece der Saison

Der Frühling naht und in den einschlägigen Journaillen für die moderne Trendsetterin von heute werden die must-haves für die kommende Saison vorgestellt. Ich bin diesbezüglich konsumgeschädigt. Egal, was man tragen soll, ob Pluderhose oder Schlag, Leoprint oder Plateauschuhe…ich kaufe es! Meist landen die „angesagten“ Teile der Saison dann im Sozialkaufhaus auf der Bürgerstraße. Über Geschmack lässt sich nicht streiten.

Nicht so bei Taschen, Schuhen und Modeschmuck. Hach! Nein, da lege ich Lager an, da horte, häufele und türme ich. Da werden ideenreich externe Lagerstätten im Keller erschlossen, wenn selbst  in den Küchenschränken kein Platz mehr dafür ist. Gibt es eine anerkannte Accessoiresucht? Ich weiß nicht, ob das bei allen Frauen genetisch bedingt ist oder die Ursache in meiner ach, so entbehrungsreichen Kindheit im sozialistischen Einheitsbrei zu suchen ist. Egal!

Wenn ich also mein persönliches Lieblingsteil küren müsste, mein It-Piece der Saison, dann wird es ganz klar… eine Tasche! Und ganz im Stile einer Carrie Bradshaw frage ich mich: Kann es sein, dass die Taschensammlung einer Frau Ähnlichkeiten mit der Sammlung an Liebhabern hat, die man ab einem gewissen Alter unweigerlich vorzuweisen hat?! Da gibt es große und kleine. Um einige beneiden dich deine Freundinnen, mit anderen traust du dich kaum auf die Straße. Unpraktische und stinkende (Ich habe eine neue Greenburry-Tasche, die wirklich super aussieht, aber innerhalb weniger Minuten jeden zu transportierenden Gegenstand nach toter Kuhhaut riechen lässt!). Und dann gibt es die EINE, die irgendwie den Weg in dein Leben geschafft hat und so unverzichtbar geworden ist, dass man ohne sie keinen einzigen Tag mehr in der Großstadt überlebt!

Ich habe meine Wahl getroffen: Sieger ist erneut der Vor-Saison-Sieger geworden! Praktisch, geräumig, wind-und wetterfest und für einen Umzug genauso brauchbar wie für eine ausgedehnte Shoppingtour im Edeka, Spielplatzbesuch mit allen Kindern und allem Spielzeug  oder einen Strandbesuch und die unweigerlichen Fundstücke, die danach mit müssen, um in die heimische Dekolandschaft integriert zu werden.

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Sollte die blau-gelbe Fleischbällchen-Möbelhauskette jemals erwägen, aus irgendeinem Grund diese wunderschöne Mutti-allround-Handtasche abzuschaffen, ich sag´s euch: Ich lege ein Lager an!

Die Aufzucht und Pflege der Jungen

Der erste ist mir vor siebzehn Jahren quasi schwanzwedelnd zugelaufen. Wie das eben meistens so ist. Mittlerweile weiß ich, dass er mit 1,70m im zarten Alter von zwanzig Jahren damals schon ausgewachsen war, nur an Gewicht hat er seitdem pro Jahr ein Kilo zugenommen und leider verliert er auch langsam Haare und Nerven. Für beides wird mir grundlos die Schuld in die Schuhe geschoben. Naiverweise glaubte ich zu dem Zeitpunkt, an dem könnte nicht mehr viel zu versauen sein. Hinterher ist man immer schlauer.

Bald stellte sich heraus, dass wo einer ist, sich gern ein zweiter und dritter dazugesellt.  Aus der eigenen Zucht, jeweils einen halben Meter groß und unschuldig dreinblickend zogen sie 2000 und 2013 bei uns ein und erweckten den irrsinnigen Anschein, einfach nur niedlich und schmusig und pflegeleicht  zu sein. Pah!

Du erwägst, dir einen Jungen oder zwei zuzulegen? Was du in rauen Mengen brauchen wirst, sind:  Lob, Bewunderung, Geduld, Streicheleinheiten und das jeweils gängige Leib- und Magengetränk (Milch, Hefepils).

Ach ja, Humor nicht zu vergessen!Und Lesen hilft auch, auf diesem Blog zum Beispiel. Oder Ratgeberbücher…damit kannst du dann auch mal einen kippligen Tisch stabilisieren.

Und nie, wirklich NIIIIEMALS  die funktionierende Verdauung loben! „Hattu fein Stinker gemacht?!“, „So ein feines Bäuerchen hat der Jean Luc Malte da aber gemacht!“. Oh, wie du das bereuen wirst… Denn eins kann ich dir versichern: die werden nicht mehr damit aufhören. Und aus irgendeinem Grund selbst mit über Dreißig in der wahnwitzigen Annahme leben, wir loben sie noch immer für ihre fulminanten Verdauungsgeräusche!

 

Frei nach John Lennon: Give Pieschen a Chance!

Frei nach John Lennon: Give Pieschen a Chance!

Dass Dresden die schönste Stadt der Welt ist, daran besteht kein Zweifel. Zumindest bei den Dresdnern. Auch, was die Schönheit der einzelnen Stadtteile angeht. „Willst das Leben du genießen, zieh nach Loschwitz oder Striesen!“ ist ein bekanntes geflügeltes Wort. Wobei, Loschwitz ließe sich bestimmt auch durch Zschachwitz oder Blasewitz austauschen. Überhaupt scheint  jeder Stadtteil mit „witz“  im Namen als Lebens-und Niederlassungsstandort per se empfehlenswert zu sein. Darüber ist man sich einig.

Bla-se-witz, Klein-zschach-witz. Drei Silben, klangvoll und majestätisch. O-ber-losch-witz, sogar vier Silben! Dagegen Mickten, Pieschen… hört sich an wie ein Knacken im Ohr. Nur zwei Silben, die Vokale waren wohl alle, der letzte wird in Sachsen quasi stumm gesprochen. Doll ist das nicht.

„Wenn du so weitermachst, kommste irgendwann nach Altpieschen Neune!“ war bis in die Siebzigerjahre ein Ausspruch dafür, dass aus einem wohl rein gar nichts werden wird. Altpieschen Neun war in den Nachkriegsjahren eine Auffangstation für familienlose Kriegsheimkehrer und später Obdachlosenasyl. Wobei das Arial architektonisch sehr schön gestaltet wurde durch den Dresdner Stadtbaumeister Hans Erlwein und mittlerweile auch liebevoll saniert. Aber ein schlechter Ruf klebt eben wie Pech und Schwefel.

Nach Pieschen hat es uns aus einer Not heraus verschlagen. Der Wohnungsnot. In Striesen aufgewachsen und verwurzelt, bin auch ich der Meinung gewesen, nirgendwo anders könnte ich leben! Aber mit dieser Meinung stand ich nicht alleine da. Bei jedem Maklertelefonat sorgte ich für pure Erheiterung („WAS suchen sie?! Vier Zimmer, Wohnküche, Balkon oder Garten? In Striesen?! Hihihihihahahaha!“).

Und da sind wir nun. In Pieschen. Und würden für nichts auf der Welt wieder weg wollen!DSCN1336

Als meine Eltern vor einigen Jahren ihr Häuschen auf dem Dresdner Umland aus Altersgründen verkaufen wollten, ging es auf die Suche nach einer geeigneten Eigentumswohnung in der Stadt. Schön sollte es sein, zentral sollte es sein, grün und infrastrukturell ausgebaut. Idiotischerweise habe ich den Vorschlag gemacht, sie könnten doch in unserer Nähe suchen! „Wohin soll ich ziehen? Nach Pieschen?! Das kann nicht dein Ernst sein!“ höre ich meine Mutter noch heute. Und in der Tat wirken sie etwas deplatziert, wenn sie mit ihrem auf Hochglanz polierten weißen SUV – was man so braucht als rüstiger Rentner in der Großstadt – bei uns auf der Straße parken und zehn Meter laufen müssen („Warum habt ihr keinen Parkplatz auf dem Grundstück?!“, „Weil wir einen Garten haben!“). Ich sehe meine Mutter buchstäblich vor mir, wie sie adrett gekleidet mit einem Seidenschal um den schlanken Hals  und einer steifen Brise „Chantal No.5“ oder „Shakira No.6“  über dem feinsäuberlich ondulierten Kopf wehend durchs Gartentor kommt und schnattert: „Hier weißt du gar nicht, wo du laufen sollst! Überall dieses Hundekacke!“. Spricht´s und zieht ihren Cockerspaniel hinter sich her.

Naja, am Ende haben sie doch noch eine hübsche Wohnung gefunden, in der sie sich sehr wohl fühlen.

In Gorbitz.

(Schenkelklopfer! Den verstehen leider nur Dresdner.)

Soll ich´s wirklich machen oder lass ich´s lieber sein…

Ich: „Du, geht los jetzt mit dem Blog. Ich mach das!“

Innerer Kritiker: „Pffffffffff…“

Ich: „Warum verleierst du die Augen?“

Innerer Kritiker: „Im Ernst?! Was soll das werden?! Der dreimillionste Mamiblog der Welt?! Ach komm!!“

Ich: „Naja, aber die Worte wollen raus! Meine Facebookeinträge sind so lang, dass die keine Sau mehr zu Ende liest! Und ich kann doch nicht jeden Tag die Wohnung umstreichen!“

Innerer Kritiker: „Verstehe, du bist nicht ausgelastet. Ich kann dir helfen: die Scheuerleisten kannst du abschrubben. Dann vergehen dir deine Flausen!“

Ich: „Nein, ich will was für mich machen!“

Innerer Kritiker: „Wenn du was für dich machen willst, dann mach was mit deinen HAAAAREN, oder einen Origamikurs an der Volkshochschule. Makramee soll auch sehr hübsch sein…“

Ich: “Ich hab so viele Ideen…“

Innerer Kritiker: „…Oder Sport! An deiner Figur besteht mehr als Optimierungsbedarf!“

Ich: „Ich könnte über mein Leben in der pupsenden Männer-WG in Pieschen schreiben. Es gibt keinen Blog über Pieschen!“

Innerer Kritiker: „…Was sicher seinen guten Grund hat…“

Ich: „Die Leute, denen ich meine Geschichten gezeigt haben, fanden sie lustig!“

Innerer Kritiker: „Aus purer Höflichkeit! Schreiben! Du! Du bist ein eingebildeter Schriftstellerei-Praktikumsanwärter oder allenfalls ein Blog-Azubi im ersten Lehrjahr, erster Tag, dem die arrogante Inkompetenz aus den Eiterherden seiner ungepflegten Pickel quillt! Oder in deinem Fall: wie ein aschfahler Schleier über der faltigen Gesichtshaut hängt!“

Ich: „Das tat weh!“

Innerer Kritiker: „Du solltest  die Elternzeit abbrechen und im Büro für die Sicherstellung der Vermehrung des Firmenwohlstandes kämpfen, parallel einen Zweitjob in der Fabrik annehmen und neben den gestrandeten Existenzen, die auch alle ´irgendwas mit Medien´ gemacht haben und einen Blog geschrieben, nachts zwischen drei und sechs am Band stehen und Joghurtbecher stanzen. Außerdem wäre noch das Schulgebäude des Kronsohnes zu streichen, das kannst du nach dem Abendessen und vor dem Fabrikjob noch erledigen. Falls dir das noch nicht reicht, kannst du immer noch ins Tierheim gehen und die mutterlosen Welpen stillen.“

Ich: „Wenn ich EINE Person finde, die das lesen würde, dann mach ich´s.“

Innerer Kritiker: „Mit der du nicht verheiratet, verwandt, verschwägert bist?! Die sich in keinerlei Abhängigkeitsverhältnis zu dir befindet? Beruflich nicht verbandelt? Die nicht bezahlt wurde? Die nicht aus Mitleid lügen würde? Ok, da bin ich dabei! Muhahahahahahahahaha! Hihihihihi! Das wird lustig! Hähähähähä! Wahahahahaha! Warte, ich hole Popcorn!“