Sanddorngelee

Sanddorngelee

Was für eine Freude!Foto 1

Ich habe Sanddornsträucher entdeckt. Mitten in der Großstadt. Versteckt an einem geheimen Ort, dessen geografische Lage ich unter Folter niemals verraten würde. Mein Sanddorn! Bin ich doch eher versehentlich im bergigen Hügelland verortet und fühle mich dem Meer und allem, was dazugehört so unendlich näher. Heißen Sanddornsaft mit Honig an einem verschneiten, arschkalten Tag neben der Seebrücke in Kühlungsborn in einem knutschigen Café trinken… Ja, so kann Winter sein.

Mit derlei romantischen Gefühlen beladen mache ich mich mit der Mutti-Handtasche, kratzresistenter Outdoorbekleidung, Bergziegenverfolgungsstiefeln, einer Rosenschere und Gartenhandschuhen auf ins Gestrüpp. Ach, ich sehe mich schon auf dem Pieschner Adventsmarkt mit Liebe handgerührtes Sanddorngelee von dem Hellerberg einem geheimen Ort in Dresden verkaufen…

…Immer schön abducken, wenn ein Mensch mit Hund vorbeikommt. Nicht, dass der mich sieht, sich fragt, was die Frau da wohl treibt, nachsieht und mir dann den schönen Sanddorn wegmopst! Mein Sanddorn! Ich frage mich, wieso den noch niemand gefunden hat und warum die Leute so achtlos an den Geschenken der Natur vorübergehen. Diese Ignoranten! Schauen auf ihr Smartphone und schlurfen an Hagebutten, wilder Möhre, Hundsrose und allen anderen Herbstschönheiten einfach so vorbei… Ich knipse weiter an den Küstengewächsen herum, die einen so vertrauten Duft verströmen. Mein Herz wird weit. Es fehlen nur noch die Möwen und das Rauschen der Brandung.

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rechts: Abfall nach erstem Verarbeitungsschritt

Nach einer Stunde wuchte ich einen Ikea-Beutel voller beerenbeladener Äste auf die Plagenkarre und schiebe die heimwärts. Als Sanddorn-Neuling habe ich selbstverständlich das Internet im Vorfeld befragt nach der optimalsten aller Weiterverarbeitungsmethoden. Ich kenne mich jetzt aus! Zuerst die Äste beschneiden, bis nur noch möglichst wenige Blätter dran sind. Das dauert… ich sitze eine weitere Stunde und schnibbele und knipse an den stachligen Dingern rum. Frage mich zwischendurch, ob nicht die Hälfte gereicht hätte… Am Ende hat sich der Umfang gedrittelt: zwei Drittel Abfall, ein Drittel Äste mit Beeren. Die packe ich mitsamt einer ökologisch unvertretbaren Plastiktüte in den Frost.

Zwei Tage später wird das gefrostete Gelumpe zum Zwecke der Weiterverarbeitung wieder rausgeholt. Das Internet sagt: „Die Zweige einzeln in einen Stoffbeutel tun und diesen gegen eine Wand oder einen harten Untergrund schlagen. Dabei fallen die gefrorenen Beeren von den Ästen und lassen sich dann leicht aus dem Beutel sammeln.“. Mach ich. Matscht und hinterlässt Flecke auf dem Boden, dem Beutel, mir. Die Beeren hängen noch dran.

Ich atme tief durch. Es liegt an mir. Ganz klar. Aber ich hocke inmitten dem Gelumpe und habe keine Wahl. Wegschmeißen kommt nicht infrage. Ich setze mich. Setzen ist immer gut. Dann beginne ich händisch die Beeren von den Ästen zu polken. Autsch! Handschuhe kann ich jetzt nicht mehr tragen, damit zermatsche ich alles noch mehr. Also vorsichtig. Aua! Blödes Arschloch! Ich fummle und fummle Beere für Beere ab. Langsam bekomme ich eine Idee davon, warum Sandornprodukte so hochpreisig verkauft werden. Es ist ein Schund. Der Weg ist das Ziel… ich versuche mich zu konzentrieren und die Situation als etwas Angenehmes und Verheißungsvolles anzusehen. Autsch! Arschloch! Meine Hände spüre ich nicht mehr. Nach einer weiteren Stunde ist der Boden eines Topfes mit Beeren bedeckt, neben mir türmt sich ein übervoller Eimer mit struppigem Abfall. Wenn das so weitergeht, sitze ich im Mondenschein noch fluchend zwischen Sanddornarschlochscheißästen… Weitermachen! Aufgeben ist keine Option!

Nach einer weiteren Stunde bin ich fertig, besaftet von oben bis unter, zerstochen und hocke völlig erledigt zwischen einem Riesenberg von beinahe beerenlosen Dornenästen und einem mittelgroßen Topf, halbvoll gefüllt mit Sandornbeeren. Ermattet schleppe ich mich zur nächsten Station auf dem Weg zum selbstgerührten Sandorngelee (an der Länge des Textes ist jetzt schon zu erkennen: Es dauert!). Abspülen, Blätter rauspulen, abspülen, vertrocknete Beeren aussortieren, abspülen, wieder von vorn. Der Inhalt des Topfes schrumpft immer mehr.

Ich bin mittlerweile für keinerlei Ansprache von außen mehr empfänglich. Mit müdem Blick und zerstochenen Händen koche ich die Sandornscheiße, und rühre. Zerquetsche. Für agressionsabbauende Kraftakte fehlt mir jede Energie. Dann schmeiße ich das elendige Gelumpe in die „flotte Lotte“. Es scheppert und das vorsintflutliche Küchengerät zerfällt in seine Einzelteile. Saft spritzt und saut die Teile der Küche ein, die bis dato noch sauber waren. Bei mir macht das schon lange nichts mehr, ich habe von Kopf bis Fuß eine gleichmäßige Orangefärbung.

Der Beste baut das Küchengerätearschloch wieder zusammen, begleitet von allerlei Witzen auf meine Kosten. Ich erwidere müde, ich würde ihm die „flotte Lotte“ über die Rübe ziehen. Im Schlaf. Falls ich jemals wieder die Energie für solche Aktionen würde aufbringen können.

Abmessen. Hysterisch auflachen beim Feststellen, dass aus einem vollen Ikea-Sack eine lächerliche Saftausbeute von 1,5Litern rauskommt!

Egal.

Mir ist alles egal.

Gelierzucker reinschmeißen, rühren, in Gläser abfüllen. Natürlich ist ein Glas undicht. Gelee quillt raus. Scheißegal! Arschloch! Blödes Tourrettegemüse!

Beim Putzen der Küche (eine weitere halbe Stunde) schwöre ich, niemals wieder in meinem ganzen Leben, never ever werde ich Sandornscheißarschlochgelee kochen! Das zusammenfabrizierte, verklebte Produkt verhöhnt mich derweil von der Arbeitsplatte aus.Foto 4

Also. Was habe ich gelernt? Sandornprodukte kauft man an der Ostsee, im Bioladen, auf dem Markt oder gar nicht. Teuer? Nein, die sind spottbillig! Meine Ausbeute sind fünfeinhalb Gläser. Wenn ich mir selbst einen Stundenlohn von zehn Euro gezahlt hätte, würde eines dieser Gläser zehn Euro kosten.

Sanddorn ist gesund, enthält viel Vitamin C und so. Äpfel aber auch…