Tür 11 – Weihnachten im Sommer

Heute weht eine Frische Brise durch den Adventskalender. Carola betreibt den gleichnamigen Blog, und ich freue mich sehr, sie heute hier anmoderieren zu dürfen. Carola ist Berlinerin und lebt mit ihrer Familie in Hamburg. Toll dekorierte Tische, Rezepte, immer wieder Meer, Ausflugstipps, Kreatives und Geschichten rund um Carolas Familie erwarten euch auf „Frische Brise“. Carola selbst bleibt für immer in meinem Herzen, weil sie mir nach meiner Sanddorn-Krise ein Care-Paket aus ihrem Kühlungsborn-Urlaub geschickt hat, gefüllt mit Sanddornprodukten und einer ganz herzliche Karte, die ich noch immer im Arbeitszimmer stehen habe. Viel Spaß uns allen mit ihrem sommerlichen Weihnachtsbericht!

Weihnachten mitten im Sommer?! In meiner Kindheit habe ich es erlebt.
In der DDR wurden den Familien ihre Urlaubsplätze zugeteilt. Viele Betriebe unterhielten Ferienheime für ihre Angestellten. Meine Mutter arbeitete in der „Akademie der Wissenschaften“ in
Berlin. Über den Betrieb bekamen wir die Möglichkeit, in den Sommerferien ein paar Jahre hintereinander Urlaub im Erzgebirge zu machen.

Das Ferienheim befand sich in einem kleinen Ort namens Deutschneudorf direkt an der Grenze zu Tchechien. Den schlichten Speisesaal der Einrichtung sehe ich immernoch vor mir. Es waren viele Familien mit Kindern anwesend, an Beschäftigung hat es uns Kindern nicht gemangelt. Direkt hinter dem Haus waren Wiesen und ein Spielplatz. Ich erinnere mich außerdem an viele Wanderungen mit meinen Eltern, an dichte Wälder und faszinierende Höhlen, große Talsperren und urige Museumsdörfer.

Der Nachbarort war Seiffen, bekannt als Kurort und sogenanntes Spielzeugdorf. Das Spielzeugmuseum dort besuchten wir jedes Jahr. Ich liebte es, mir die alten großen Puppenhäuser mit den vielen kleinen Details anzuschauen. Warum ein Urlaubsplatz im Erzgebirge toll für uns war, lässt sich wohl mit unser aller Liebe zur erzgebirgischen Volkskunst erklären.

Besonders meine Mutter war begeistert von Pyramiden, Nussknackern, Engeln und Räuchermännchen. Was diese Liebe allerdings erschwerte, war die Tatsache, dass es in der DDR diese geschnitzten Schätze nur sehr selten zu kaufen gab. Als Devisenbringer wurden sie in den Westen verkauft. Und wenn es sie zu kaufen gab, waren sie sehr teuer. Bei einem Monatsverdienst von 700 bis 900 DDR-Mark war eine große hölzerne Pyramide für 120 Mark nahezu unerschwinglich.

Wir sind damals in unseren Sommerurlauben oft ziemlich früh aufgestanden, denn die Schauwerkstatt in Seiffen öffnete schon morgens ihre Türen. In der Schauwerkstatt konnte man Menschen dabei zusehen, wie sie die kringeligen Tannenbäumchen schnitzten, knurrige Nussknacker und liebliche Engel bemalten oder die berühmten Reifentiere herstellten. Dazu wird an der Drechselbank ein Reifen aus Holz mit verschiedenen Werkzeugen bearbeitet. Große Holzspäne fliegen dabei durch die Luft. Nach einer ganzen Weile sieht der Reifen aus wie ein Baumkuchenring mit verschieden hohen Rillen. Die große Überraschung entsteht, wenn dann von dem Holzreifen schmale Scheibchen abgehauen werden. Dann ist im Profil ein Tier zu erkennen, das mit dem Schnitzmesser seine endgültige Form erhält. Für mich als Kind war das ein unglaublicher Zauber!

Der wahre Grund, warum wir uns jeden Tag vor der Schauwerkstatt einfanden, verbarg sich hinter einem Schalter gleich hinter der Eingangstür. Wir waren nicht die einzigen Besucher, die sich in der langen Warteschlange in Geduld üben mussten. Wenn schließlich geöffnet wurde, sprach sich die Tagesneuigkeit schnell rum: „Heute gibt es Räuchermännchen!“ Dieser kleine Werksverkauf war die Chance, an die berühmte Handwerkskunst heranzukommen. Pro Familie gab es nur ein Teil. Wir wussten nie, was es zu kaufen gab. Manchmal gab es an mehreren Tagen hintereinander dieselben Stücke. Irgendwann hatten wir von jeder Sorte schon etwas und kauften nichts. Damit wir dann nicht umsonst hingefahren waren, drehten wir jedes Mal eine kleine Runde durch die Schauwerkstatt.

Wenn einmal die Schlange besonders lang war, vertrieben wir Kinder uns auch alleine die Zeit mit dem Zuschauen an den Werkbänken. Wir fühlten uns dort richtig heimisch. Wir konnten davon gar nicht genug bekommen. Der heimelige Geruch von Harz, frischem Holz und Farbe steigt mir heute noch in die Nase. Einmal bekam ich ein eigenes kleines Schnitzset bestehend aus einem kleinen Reifenstück und mehreren Tierscheibchen geschenkt. So einfach, wie es bei den Schnitzern in der Schauwerkstatt aussah, war es aber gar nicht. Mein Pferdchen hatte ganz dünne Beinchen und es war insgesamt etwas plump.

Am Ende unseres Urlaubes im Erzgebirge stand vor der Heimfahrt nach Berlin immer das Packen des Kofferraums. Der Platz im Trabant war sehr begrenzt. Tetrisartig wurden Taschen, Koffer und die weißen Schachteln mit der kostbaren Erzgebirgskunst hin- und hergeräumt, bis sich die Kofferraumklappe schließen ließ. So wuchs unsere Sammlung an erzgebirgischen Figuren jeden Sommer an. Und in der Adventszeit erinnerten wir uns an unseren Sommerurlaub und die fleißigen Menschen in der Weihnachtswerkstatt im Erzgebirge.

Foto: Carola privat

Foto: Carola privat

Tür 10 – Geschenke aus Pieschen Teil II

Tür 10 – Geschenke aus Pieschen Teil II

(Dieser Beitrag enthält Werbung)

Hirschel Cosmetic, auf der Bürgerstraße 59 im Herzen von Dresden Pieschen gelegen startete 2006 als Onlineshop für Parfumerie und Naturkosmetik. Seit 2010 gibt es auch das Ladengeschäft und dort kann Mann und Frau nicht nur etablierte Marken shoppen, sondern auch Raritäten wie Ostprodukte (wer sich noch an „Action“ & Co erinnert), Retrodüfte, Raumdüfte, Saunabedarf, Kosmetikgeschenke und vieles mehr. Das kleine Lädchen ist eine echte Perle!IMG_0063 IMG_0068 IMG_0072

Hin kommt ihr mit der Straßenbahn Linie 13, Haltestelle „Rathaus Pieschen“ oder der Straßenbahn Linie 4 und 9, Haltestelle „Altpieschen, ElbCenter“. Geöffnet ist Mo – Do :10.00 – 16.00 Uhr und Freitags: 10.00 – 15.00 Uhr. IMG_0065

Außer dem Onlineshop und der Möglichkeit, die Produkte vorort in Pieschen zu testen und zu kaufen, bieten Sven und Frank-Leo Hirschel besonders den Dresdnern noch weitere Möglichkeiten: Man kann die Produkte im Onlineshop oder telefonisch bestellen und kostenfrei und ohne Aufpreis im Stadtgebiet Dresden, Heidenau, Bannewitz, Freital und Radebeul/Coswig von den Betreibern Sven und Frank-Leo Hirschel selbst liefern lassen. Auf der Facebook-Seite von Hirschel Cosmetic erwarten euch zusätzlich regelmäßig Rabattaktionen und Gewinnspiele. Unbedingt abonnieren!

Für die Nieselpriem-Leser hat Sven Hirschel eine Überraschungstüte voller veganer Kosmetikprodukte vom Label „GO&HOME“ gepackt und ich freue mich, diese unter euch verlosen zu dürfen. Unser heutiges Geschenk aus Pieschen!IMG_0166

Um die Überraschungstüte zu gewinnen, musst du achtzehn Jahre alt sein (älter ist durchaus erlaubt). Schreib bitte eine Mail mit Betreff „Hirschel“ an nieselpriem.blog@gmail.com. Der Gewinner wird am 13.12.2015 ausgelost und per eMail informiert. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen, eine Barauszahlung ist ausgeschlossen. Viel Glück!

 

 

Tür 9 – ver-Hexhex-te Weihnachtsmarktidylle

Rückblende: Inmitten des trubeligen #blomm 2015 saß eine Frau mit einem ganz kleinen Baby auf dem Arm, einem Wuselkind zwischen den Beinen und einem glücklichen, geduldigen Madonnenlächeln im Gesicht: Vivian von Hexhex 2.0. Und so nett wie dieses erste Bild war, das ich von ihr immer noch vor Augen habe, ist ihr Blog. Ich liebe die Kindermund-Zitate und schüttele ungläubig den Kopf, wenn sie mal wieder irgendwas „schnell Zusammengenähtes“ für ihr großes oder ihr kleines F zeigt (was das bedeutet, werdet ihr beim Lesen wissen). Dabei ist sie völlig unprätentiös und hat einen feinen Sinn für Humor. Ich freue mich schon sehr auf ein Wiedersehen mit Vivi und den beiden F´s in 2016. Und nun: Türchen auf für Vivi!

Ich weiß ja nicht, wie es bei Rike in Pieschen ist. Bei uns in Berlin singt und blinkt im Advent die ganze Stadt rhythmisch im Viervierteltakt und sowohl jeder Einheimische als auch jeder Touri kommt auf seine Weihnachtsmarktkosten. Gendarmenmarkt mit selbstgeklöppelten Feinstrumpfhosen, Nostalgie am Opernpalais mit mundgeblasenen Nussknackern oder Riesenrad und „Wer hat noch kein Los?“ auf dem Alexanderplatz. Da Kinder in aller Regel nicht von Bienenwachskerzen, Blütenkochkurs und Seifenkunst in ruhiger Atmosphäre zwischen einer Handvoll Rentnern und verliebten Pärchen zu begeistern sind, schrumpft die Auswahl der familientauglichen Weihnachtsmärkte bedenklich. Auf einen, um genau zu sein. Der ganz normale fiktive Weihnachtsmarktwahnsinn, wie er also genau so oder so ähnlich stattgefunden haben könnte: (Ähnlichkeiten mit existierenden Personen sind durchaus beabsichtigt und nicht zufällig)

Ich mag keine Menschen.

Wobei, grundsätzlich mag ich Menschen schon, aber nicht, wenn es viele auf einem Haufen sind. Überfüllte Flughäfen, Einkaufscenter an Adventssamstagen oder den Möbelschweden an einem normalen Wochenende versuche ich zu vermeiden, um keine Schnappatmung zu bekommen.

Es versteht sich also von selbst, dass es kaum einen Ort gibt, der mich mehr stresst, als der Weihnachtsmarkt. Aber nicht hingehen kann man ja auch nicht, ist schließlich nur zu einer Zeit im Jahr. Jedenfalls wird aus Wir-gehen-über-den-Weihnachtsmarkt meist ein lauwarmer Glühweinfleck auf dem weißen Wintermantel und ein leeres Brötchen mit Ketchup in der Hand, in dem vor dem Anrempeln eben noch eine Bratwurst steckte.

Mit Kind gewinnt der Weihnachtsmarktbesuch nochmal extrem an Qualität. Mit dem Monatsbudget von 50€ auf den Markt zu gehen, ist ein dringlichst zu vermeidender Anfängerfehler! Man ist noch nicht ganz unter dem Willkommensschild durchgelaufen, schon warten gefüllte Heliumrudolphs auf ihre Adoption. Das schulterngezuckte „Ach komm, ist ja Weihnachten“ kostet im Schnitt 8€. Wenige Meter weiter der Stand mit Zuckerwatte, „Darf ich? Büüütteeee“. Mütterlich-logische Argumentationsketten, die die Wörter „Zucker“, „Karius und Baktus“ und „eklig“ enthalten, werden gekonnt abgewehrt von einem aus Shrek bekannten katergleichen Augenaufschlag. Plinker Plinker. Nach 20min in der Zuckerwattenschlange und 3€ weniger stellt das Kind nach dem ersten Abbeißen fest: Es mag eigentlich gar keine Zuckerwatte. Jackpot!

Auf der Suche nach dem nächsten Mülleimer mit freien Kapazitäten rauscht die „Wilde Maus“ an uns vorbei, direkt dahinter wie von der Tarantel gestochen das Kind. Dann heißt es schnell sein! Weil Anleinen verboten ist, man sein Kind auf einem Weihnachtsmarkt aber besser nicht aus den Augen verlieren sollte, rennt man hinterher, verursacht ein paar Glühweinflecken und fliegende Bratwürste (sorry!), um dann das Kind schon mit den Fahrchips in der Hand am Kartenhäuschen stehen und nur noch auf das Geld warten zu sehen. 1 Fahrt 2,50€, 5 Fahrten 10€. Während sich das Kind die nächste Viertelstunde in der Wilden Maus vergnügt, trete ich frierend auf der Stelle und suche den Markt mit den Augen nach dem nächsten Glühweinstand ab. Ein Auge ist natürlich immer bei der Wilden Maus und winkt.

Glühwein finde ich auf die Schnelle keinen, wohl aber den Stand mit gebrannten Mandeln. Die Weintrauben am Stiel zum Preis von schokolierten Goldkugeln und eine straußeneigroße Marzipankartoffel später, fällt dem Kind ein, es könne ganz dringend so ein buntes Rad am Stock mit Zuckerperlen gebrauchen. Das rolle so lustig und Glöckchen habe es auch. So ein schönes Andenken! Wenige gerollte Meter später bricht der Stiel des lustigen Rades ab. Plinker Plinker. Das Kind kann nach eigener Aussage nun „keinen Schritt mehr laufen“ und muss auf Papas Schultern. Ich frage, ob es von da oben einen Stand mit Glühwein sehen könne. „Brühwein?! Hä?!“.  Während wir uns durch das Gedrängel wursten, hebe ich reisegruppenmäßig einen Arm, damit die Familie hinterkommt. Stelle fest, 168cm sind nicht die ideale Weihnachtsmarktgröße. Das Kind sagt, auf 2m Höhe sei es sehr komfortabel. Papa bestätigt seine Anwesenheit mit einem Grunzen .

Auf dem Weg zum Glühwein kommen wir an einem Kettenkarussell vorbei. „Jaaaa, Juhuuu, das wollte ich schon IMMER mal ausprobieren! Aber ich trau mich nicht alleine. Kommst du bittebitte mit, Mama?“. 6€ später sind wir wieder mittendrin im Weihnachtsmarktgetümmel und lassen uns mit vernachlässigbarem Eigenantrieb vorwärts schieben. Und dann: ein Schild! Wo es einen halben Meter Bratwurst gibt, gibt es mit Sicherheit auch etwas zu trinken. Auf 3 verlassen wir die Menschenmasse und finden uns am Glühweinstand ein. 2 Glühwein und ein Kinderpunsch inklusive Tassenpfand 18€, und da ist noch nicht mal Schuss dabei. Die Ausgaben liegen bei 50 und einem zusammengekratzen Euro aus Restbeständen Hartgeld. In der Hoffnung, keine Parkgebühr bezahlen zu müssen, kämpfen wir uns entgegen der Schieberichtung durch die Lawine aus blinkenden Plastikgeweihen und singenden Weihnachtsmannmützen zurück zum Ausgang an den Ständen vorbei: Jingle Bells Jingle Bells, Ooooo duuuuu fröööööhlicheeehee, Stiihiille Naaacht, Last Christmas I gave you… Boah, draußen!

Am Auto angekommen, setzen wir uns rein, schnallen uns an und bleiben einen Moment lang einfach sitzen und atmen. Zwischen uns der stille Vorsatz, 12 Monate keinen Weihnachtsmarkt mehr zu besuchen… Und nächstes Jahr gibt’s keine Zuckerwatte, dafür aber ein Kind mehr. Hohoho…

Tür 8 – Der Weihnachtsmann ist nicht echt!

Tanja schreibt auf Tafjora-einmal Frankreich und zurück über ihre Zeit als Expat-Familie und ihr Familienleben. Heute haben ihre Kinder hier das Wort bei mir. Ich freue mich sehr darüber und wünsche uns allen viel Vergnügen!

Auf seinem eigenen Blog, da kann man ja schreiben was und wie man will. Dem es gefällt, der kommt wieder und wem nicht der zieht eben weiter. Für einen fremden Blog, da ist das dann gar nicht mehr so einfach. Über was soll man schreiben und wie? Lieber lustig, ironisch oder doch eher sachlich, besinnlich oder ganz was anderes? Und wenn man dann schon mal für einen Blog schreiben darf, den man selber so toll findet, dann ist das eine echte Ehre und man will es einfach auch nicht verbocken. Drum habe ich es mir dieses Mal ein bisschen leichter gemacht. Ich schreibe meinen Gastartikel nicht ohne Hilfe und die Hilfe habe ich mir von meinen Kindern geholt.

Mein Löwenjunge ist 6 Jahre alt und sein kleiner Bruder, das Winterkind, wird noch im Dezember 3. Ich habe ihnen ein paar Fragen zur Adventszeit, dem Nikolaus und natürlich zu Weihnachten gestellt. Viel Spass.

Ich: Löwenjunge, Winterkind, erklärt doch mal unserem neuesten Familienmitglied, (unsere 6 Monate alte Hündin Lana) was das schönste im Advent ist!

Löwenjunge: Da hat man endlich wieder Zeit zu knuffeln.tafjora3

Ich: Knuffeln?

Löwenjunge: Ja, im Sommer hat man nicht so viel Zeit zu knuffeln, weil da muss man draußen spielen, schwimmen gehen, Eis essen. Im Winter, wenn Advent ist, da ist es schon so schnell dunkel draußen, also hat man mehr Zeit zu knuffeln.

Winterkind: Knuffeln!!!!!

Ich: Ok. Und was noch?

Löwenjunge: Dass ich da so einen tollen Adventskalender an der Kordel bekomme und jeden Tag eine Tüte Überraschung aufmachen darf!

Winterkind: Scho-Ko-Laaa-de.

Ich: Gut! Was ist mit Nikolaus?

Löwenjunge: Der war vor langer, langer Zeit mal Bischof.

Winterkind: Ist der schon 600.000 Jahre tot?

Löwenjunge: Na ja, vielleicht auch länger. Aber er kommt jedes Jahr wieder, immer in der Nacht nach Onkel T.´s Geburtstag. Man muss seine Schuhe putzen und vor die Türe stellen. Dann hält er an und steckt was aus dem großen schweren Sack in unsere Schuhe.

Winterkind: Schokolade?Tafjora2

Löwenjunge: Ne, Du kriegst bestimmt Vitamine.

Winterkind: (heulend): Ich will aber keine Vitamine!

Löwenjunge: Ob er wohl auch Hundeleckerli für Lana bringt? Sie hat doch keine Schuhe?

Ich: Nein, die macht nur unsere Schuhe kaputt.

Löwenjunge: Lana, wenn Du die Schuhe immer kaputt machst, brauchst Du auch nicht sauer sein, wenn der Nikolaus Dir keine Leckerli mitbringt. Mama, wenn Lana den Nikolaus sieht, dann wird sie doch sicher bellen, oder? Dann renne ich ganz schnell runter und sehe ihn doch mal endlich, haha dann haben wir ihn aber mal ausgetrickst, oder weiß der etwa, dass wir jetzt die Lana haben????

Winterkind: Scho-Ko-Laaa-de?

Ich: Und was ist Weihnachten?

Löwenjunge: Das ist das tollste Fest im ganzen Jahr. Wir kaufen einen großen Tannenbaum und schmücken ihn mit vielen Kugeln.

Winterkind: Und mit Lichterketten.

Löwenjunge: Ja, die auch. Und dann kommt das Christkind. Das hat Geburtstag und bringt viele Geschenke und legt es unter den Baum.

Winterkind: Ein Feuerwehrauto auch?

Löwenjunge: Na, mal sehen, vielleicht.

Winterkind: Oh ja, ich will ein Feuerwehrauto! Ein rotes. Und groß. Und Schokolade.

Löwenjunge: Das Christkind hat ein Glöckchen und wenn es wieder wegfliegt, dann klingelt es. Aber vielleicht hat das Christkind auch Angst vor Hunden, das wäre dann schon echt doof. Ach ja und ich darf an Weihnachten einen Hirtenjungen in der Kirche spielen und muss 3 Sätze sagen. Eigentlich wollte ich ja eh nur in den Kinderchor, damit ich da auch mal mitspielen darf. Die anderen Kinder wollen alle nicht so viel reden wie ich, darum darf ich gleich 3 Sätze sagen.

Ich: Manche Menschen reden ja vom Weihnachtsmann. Wer ist denn dann der Weihnachtsmann?

Löwenjunge: Na Hallo, das ist doch einfach. Das ist nur der verkleidete Mann vor dem Kaufhaus. Die gibt’s in ganz viel. Die spielen das aber auch nur wie ich den Hirten.

Winterkind: Ja, der stand am Samstag vor dem Baumarkt und hat Geld gesammelt für die armen Kinder. Ich habe einen Kinderpunsch bekommen von ihm. Keine Schokolade.

 

In diesem Sinne, eine schöne Vorweihnachtszeit für Euch und hoffentlich genug Schokolade für alle.

 

Gros Bisous,

Eure Tanja

Foto: Tanja privat

 

 

Tür 7 – Schwedische Weihnachtsbäume made in GDR

Gretel ist der kreative Kopf hinter Living4Family und meine Freundin. Ihre Wohnung ist wie eine jahreszeitlich dekorierte märchenhaft-romantische Interior-Ausstellung, die mich jedesmal in grenzenlose und lautsarke Verzückung versetzt. Selbermachen, Garten, Wohnen und Deko sind ihre Herzensthemen. Wir teilen eine leidenschaftliche Liebe zu Sahnecremetorten, Mohn-Marzipan-Gebäcken und allem, wo Baiser drauf ist. Gretel braucht man nicht zu fragen, ob sie noch ein zweites Stück Kuchen will, sie isst mit Genuss auch ein drittes. Eine Frau, die niemals auf Diät ist. Ich liebe sie dafür sehr. Und für vieles andere. Heute für diesen Beitrag.

Guten Tag,

ich will es gleich sagen, ich bin hier nur der Lückenfüller, denn ich passe nicht so recht ins Portfolio.

Meine Kinder sind groß. Man mag mich bedauern, ich ziehe es vor, mir zu gratulieren.

Zum Backen schicke ich sie zu den Großeltern, gebastelt wird nur noch in geringem Maße, als Nikolausgabe bekamen sie Karten fürs Mark Forster Konzert. Sie haben sich gefreut, aber bestimmt nicht so sehr wie ich. Es ist eine neue Qualität des Schenkens, wenn man sich selbst was Gutes tut dabei. Konzert war ne super Idee.

Ich habs nicht so mit Blogparadenrummel. Aber Rike ist meine beste Freundin und 24 Tage sind eine lange Zeit. Also mache ich mit bei ihrem Adventskalender.

Schwedisch ?

Vor mehr als 25 Jahren wusste man im garantiert westmedienfreien Tal der Ahnungslosen wahrscheinlich gerade einmal, wo Schweden auf der Landkarte lag. (Und wenn nicht, war es auch nicht schlimm, denn andere Länder hatten Priorität).

Immerhin war Schweden ein lieber Feind, zumindest als der Sozialdemokrat Olof Palme regierte.

Nach Schweden reisen konnte man natürlich nicht.

Meine Mutter arbeitete dazumal bei den Staatlichen Kunstsammlungen und war von relativ offenen Mitmenschen umgeben, da die Kunstschätze Dresdens in der gesamten Welt gern gesehen waren.

Als der Betriebstischler in den Restaurationswerkstätten den Rahmen der Sixtinischen Madonna gerade fertig ausgebessert hatte, blieb noch ein wenig volkseigene Zeit übrig und er machte sich daran, schwedische Weihnachtsbäume aus volkseigenem Holz zu basteln.

Woher er seine Inspiration bekam? Keine Ahnung. Aber die Dinger waren natürlich der Renner und sicherlich hatte mindestens jeder 2. Kollege nun nicht nur erzgebirgische Volkskunst im Wohnzimmer, sondern was „echt“ Schwedisches. Und der Tischler dafür paar echte Mark der DDR mehr auf dem Konto.

Jedenfalls liebte auch ich das Teil heiß und innig, ob nun schwedisch oder nicht.

Glücklicherweise hat er viele Umzüge im Keller von Muttern überlebt und nun steht er jedes Jahr bei uns im Fenster.

Ursprünglich war er knallrot, in diesem Jahr habe ich ihn weiß gepinselt.

Mein schwedischer Weihnachtsbaum made in GDR:Gretel

Tür 6 – Geschenke aus Pieschen Teil I

Tür 6 – Geschenke aus Pieschen Teil I

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Ich nehme euch heute mit ins „Petit Frank“. Bürgerstraße 14, im Herzen von Pieschen. Nur eine französische Fahne und ein Restaurantschild weisen darauf hin, dass sich dort hinter dieser Tür ein wahrer Gourmettempel verbirgt. Draußen brettert die Linie 13 vorbei, aber kaum ist man im Hausflur, wird man von einem ganz anderen Flair umhüllt. Steigt man dann hinab ins Gewölbe, ist selbst vom Straßenlärm nichts mehr zu hören. Von Alltag zu Romantik in Nullkommanichts. Ein Kleinod, zauberhaft und geschmackvoll bis in jede kleinste Gewölbenische eingerichtet und dekoriert. Durch das Fehlen von Tageslicht im Kellergewölbe wird das Restaurant selbst zur Mittagzeit durch perfekt inszenierte Beleuchtung in ein schmeichelndes Licht gehüllt und vermittelt einem das Gefühl, an einem ganz und gar zauberhaften Ort zu sein. Hier residiert seit zwölf Jahren der „kleine Frank“ mit seinem Team und verwöhnt seine Gäste. Die Urkunden und Auszeichnungen an den Wänden machen klar, hier wird auf ganz hohem Level gekocht. Aber statt eines schnöseligen Maître dhôtel, der sich vielleicht den Umständen angepasst Francois nennt, wird man von einem kumpelhaften, lustigen und durch und durch sympathischen Gastwirt empfangen, bei dem man sich sofort wie zu Gast bei Freunden fühlt.

Wir unterhalten uns.

Rike: „Wenn man das erste Mal hier ist, kommt man nicht umhin, die ganzen Preise zu bemerken, die deine Wände pflastern. Welche Auszeichnung bedeutet dir am meisten?“

Frank: „Am meisten gefreut hat uns der erste Platz im „Augusto“, in der Rubrik „Feine Küche“. Das ist ein Preis, den die Leser der Sächsischen Zeitung vergeben. Da kommt kein Restaurantkritiker, das weiß man auch nicht ein halbes Jahr vorher, nein, da voten echte Gäste ihre Lieblingsrestaurants. Wir wussten nicht mal, dass wir nominiert waren. Der Gewinn bedeutet uns sehr viel!“

Rike: „Aber ihr seht euch eigentlich nicht als ein Gourmetrestaurant, hast du mir erzählt.“

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Auszug aus der aktuellen Karte

Frank: „Nein, ich sage immer, wir bieten Länderküche an. Das, was man sich unter französischer Küche vorstellt, haben wir im Programm. Die Klassiker wie Foie gras, Froschschenkel, Schnecken, Champagner, das kann man immer bei uns bestellen. Aber parallel dazu kochen wir eine regelmäßig wechselnde Karte mit modernen Gerichten.“

Rike: „Ich durfte in die neue Karte lunschen. Ich kriege direkt einen Riesenhunger! Aber eine Kinderkarte findet man weit und breit nicht bei dir. Wenn ich mit meiner Familie zu dir komme, was kochst du dann meinem Zweijährigen?“

Frank: „Zu uns kommt man nicht, um mal schnell innerhalb von vierzig Minuten ein Schnitzel mit Pommes zu essen. Unsere Gäste sitzen zwei, drei Stunden und länger und genießen eine Menüfolge von vier, fünf, sieben Gängen. Ich denke immer, das ist eigentlich nichts für Kinder. Wer will schon drei Stunden still sitzen, wenn er vier Jahre alt ist! Deshalb ist jedes Kind ein kleiner König bei uns. Ich frage die Kinder, was denn ihr Lieblingsessen ist und worauf sie  heute Appetit haben. Unsere Küche ist darauf eingestellt und bisher konnten wir auch unsere kleinen Gäste kulinarisch glücklich machen. Wir haben Familien, die kommen schon seit vielen Jahren regelmäßig mehrmals im Jahr zu uns, man sieht die Kinder groß werden und freut sich natürlich, wenn so ein Steppke freudestrahlend an der Küchentür steht und ruft: „Und? Was kochst du heute für mich?`“

Rike: „Das klingt super! Super finde ich hier auch die Gestaltung. Jede noch so kleine Ecke ist liebevoll dekoriert. Ich habe sogar vorhin eure Toiletten fotografiert, weil selbst dieses Örtchen über die Maßen geschmackvoll eingerichtet ist! Und euer Garten ist ein Traum!“

Frank: (lacht) „Ich gebe das Kompliment gern an meine Frau weiter.“

Rike: „Apropos. Du hast zwei Kinder und bist selbständig. Wie klappt das bei euch mit der vielzitierten Vereinbarkeit von Familie und Karriere?“

Frank: „Wir teilen uns auf, anders geht es nicht. Ich genieße morgens die Zeit mit meinen Kindern. Wir frühstücken gemeinsam, danach bringe ich sie zur Schule. Währenddessen ist meine Frau hier im Restaurant und kümmert sich um das Ambiente des Lokals, den Garten. Ab mittags dann ist sie zu Hause bei den Kindern und ich bin hier oder mache Besorgungen fürs Restaurant. Von Anfang an haben wir Sonntag/ Montag geschlossen. Der Sonntag gehört meiner Familie. Und auch wenn ich selbst am Montag natürlich arbeiten muss, selbst wenn das Restaurant für Gäste geschlossen ist, so will ich doch, dass meine Angestellten feste freie Tage in der Woche haben. Das ist nicht unbedingt üblich für die Gastronomie.“

Rike: „Wie verbringt ihr Weihnachten? Und was gibt’s zu essen in der Familie?“

Frank: „Bei uns trifft sich die ganze Familie am Heiligabend. Schon mittags gibt’s Kapaun mit Rotkraut und Klößen. Mein Vater kocht, der ist zwar nicht Koch, aber das hat bei uns Tradition. Abend gibt’s Kartoffelsalat und Würstchen, dann also klassisch sächsisch. An den Feiertagen haben wir hier geöffnet. Ich freue mich aber auch auf unsere Weihnachtsgäste im Restaurant. Wir haben uns ein tolles Menü ausgedacht. Und auch Silvester sind wir hier. Es wird keine große Party mit Programm und Genalle geben, sondern als Jahresabschluss einen Abend mit 7-Gang-Menü in entspannter Athmosphäre bis circa dreiundzwanzig Uhr. Dann bleibt noch genügend Zeit für die Gäste, zur Elbe runter zu spazieren um das Feuerwerk anzusehen. Oder mit dem Taxi in die Innenstadt. “

Rike: „Du wichtelst heute für uns. Was versteckt sich in Türchen Nummer sechs?“

FranK: „Ein Candle-Light Dinner für zwei Personen.“

Rike: „Oh wow! Danke, darüber würde ich mich auch freuen. Danke auch für das überaus nette Gespräch und wir sehen uns bald wieder. Zum Essen!“

der Kleine Frank und die noch kleinere Rike

der Kleine Frank und die noch kleinere Rike

Hier einige Impresionen für euch:

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Petit Frank

Bürgerstraße 14

01127 Dresden

Geöffnet Dienstag- Samstag ab 17:00 Uhr

Um Reservierung wird gebeten, telefonisch unter 0351 8211900 oder via:

http://www.petitfrank.de

Wer sich mit den Augen Appetit holen möchte, dem sei unbedingt empfohlen, „Petit Frank“ auf Facebook und über Instagram zu folgen!

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Um den Gutschein zu gewinnen, musst du achtzehn Jahre alt sein (älter ist durchaus erlaubt). Schreib bitte eine Mail mit Betreff „Petit Frank“ an nieselpriem.blog@gmail.com. Der Gewinner wird nach dem 10.12. ausgelost und per eMail informiert. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen, eine Barauszahlung ist ausgeschlossen. Viel Glück!IMG_0105

Tür 5 – ein Familienbetrieb auf der Wurstwiese

Heute schreibt Christian vom Blog Familienbetrieb über traditionelles Weihnachtsessen. Über den Autor und den Familienbetrieb braucht man eigentlich keine Worte mehr zu verlieren. Es wurde alles schon gesagt, geschrieben und keine noch so blumige Eloge wird ihm wirklich gerecht. Der Typ ist einfach nur der Knaller, oder? Ich wünsche mir und euch viel Spaß!

 

Essenstraditionen spielen an Weihnachten seit jeher eine große Rolle. Die einen mögen es gerne aufwändig und tischen Gans mit Knödeln und Rotkraut auf, andere bevorzugen es eher einfach und begnügen sich mit Kartoffelsalat und Würstchen, die am Weihnachtsbaum verzehrt werden. Als Nachtisch gibt es dann noch Eis oder Pudding und später wollen dann noch der Christstollen und die vier Wochen alten Weihnachtsplätzchen verdrückt werden.

Aber egal, was zum Wiegenfest des Jesuskindes serviert wird, es geschieht in Mengen, die nicht mehr als haushaltsüblich bezeichnet werden können. So kommt ein 4-Personen-Haushalt über die weihnachtlichen Feiertage gerne mal auf eine Kalorienzufuhr eines 9-köpfigen Tour de France-Teams – und zwar während der gesamten 21-tägigen Rundfahrt.

Möglicherweise ist es ein abendländischer Brauch, an Weihnachten durch Sodbrennen, Verstopfung und Magenschmerzen, das Leid und die Beschwerlichkeit nachzuempfinden, die Maria, Josef und das Jesuskind ertragen mussten, als sie im Stall zu Bethlehem vor sich hin darbten. Eventuell ist diese maßlose feiertägliche Völlerei aber auch durch die Innung der Änderungsschneider sowie die Lobby der Diät- und Fitnessindustrie gesteuert, die immer zu Jahresanfang Millionen- wenn nicht gar Milliardengeschäfte machen.

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Auch bei uns Zuhause gab es früher ein traditionelles Weihnachtsessen: Nudelauflauf mit Tomatensauce. Als ich ein kleiner Junge war, gehörte dieses Gericht zu Heiligabend wie der Weihnachtsbaum, das rote Kleid, das meine Mutter jedes Jahr trug, oder die Modelleisenbahn, die mein Vater in mühevoller Kleinarbeit aufbaute und sich dann darüber aufregte, dass mein Bruder und ich nach fünf Minuten, der monoton ständig im Kreis fahrenden Zügen überdrüssig wurden und uns lieber den Weihnachtsgeschenken zuwandten.

Für Außenstehende wirkte unser Weihnachtsmahl oft etwas befremdlich, denn mit Sahnesauce übergossene und mit Edamer überbackene Nudeln haben doch so gar nichts Feierliches und Festliches an sich. Neben den kulinarischen Vorlieben meines Bruders und mir gab es sehr pragmatische Gründe für diese Essenswahl. Zum einen lässt sich Nudelauflauf gut vorbereiten, was meine Mutter immer in den frühen Morgenstunden des 24. Dezembers tat, wenn der Rest der Familie noch schlief – möglicherweise ihre entspanntesten Stunden an Heiligabend. Zum anderen ist so ein Nudelauflauf auch recht einfach fertigzustellen. Für den Fall, dass der elterliche Streit beim Christbaumschmücken – auch so eine frühere Tradition bei uns – einmal vollkommen aus dem Ruder gelaufen wäre und nicht einmal mehr UNO-Blauhelm-Truppen deeskalierend hätten eingreifen können, um die unterschiedlichen Ansichten ob des gerade Stehens des Weihnachtsbaumes sowie der optimalen Anordnung von Kerzen, Kugeln und Schmuck in der Tanne in einen Konsens zu überführen, wäre mein Bruder als der ältere von uns beiden auch als Grundschulkind in der Lage gewesen, die präparierte Auflaufform bei 200 Grad in den Ofen zu schieben und nach 20 Minuten wieder herauszuholen. Aber so weit kam es nie (Anm. der Red.: Die konfliktäre Darstellung unserer Weihnachtsvorbereitungen dient lediglich der literarischen Zuspitzung. Tatsächlich verliefen die Heiligabende bei uns immer in einer absolut friedlichen und beispielhaft harmonischen Atmosphäre, dass Weihnachtsfeiern in Bullerbü dagegen als von brutalstmöglichen Ausschreitungen begleitete Zusammenkünfte gewaltbereiter Hooligans gelten können.).

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Aber für einige Jahre brachen wir mit unserer kulinarischen Weihnachtstradition. Denn es begab sich zu der Zeit, dass der Zweitgeborene der Familie (sprich ich) verlangte, dass er das Weihnachtsmahl zubereitet. In meinem letzten Jahr im Kindergarten hatte ich dort nämlich an einem Kochkurs teilgenommen. Ein Teil meiner Erziehung zu einem modernen Mann, der weder Kelle noch Schürze scheut, womit meine Eltern außerdem sicherstellen wollten, dass ich in späteren Jahren, wenn ich das traute Heim – und die warme Küche – verlassen habe, nicht elendig verhungere.

Nun wollte ich meine neu erworbenen Kompetenzen in der Speisenzubereitung einem realitätsnahen Praxistest unterziehen. Auf der Stirn meiner Mutter bildete sich Angstschweiß von niagarafallartigem Ausmaß und sie fragte sich, warum sie mich unter Schmerzen zur Welt gebracht hatte, damit ich ein paar Jahre später zum Weihnachtsfest die gesamte Familie durch meine nur rudimentär ausgebildeten Kochkünsten mit einer Lebensmittelvergiftung ins Krankhaus schicke. Auch der Blick meines Vaters zeugte von tiefer Skepsis, malte er sich doch in aller Unerfreulichkeit aus, wie er nach einem infernalischen Kochfiasko seines Zweitgeborenen über die Weihnachtsfeiertage die gesamte Küche renovieren muss. Mein Bruder war gegenüber meinem Ansinnen hingegen indifferent, so lange es keine zusätzliche Arbeit für ihn bedeutete.

Meine Eltern beruhigten sich erst ein wenig, als ich verkündete, welches Gericht ich gedachte zu kredenzen: Fliegenpilze auf Wurstwiese. Dabei geht es nicht um die Zubereitung des giftigen Amanita muscarias, sondern um die dekorative Anordnung gekochter Eier und halber Tomaten unter Zuhilfenahme von Mayonnaise.

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Die Herstellung dieser auf der Wurstwiese gebetteten Fliegenpilze ist so einfach, dass sie selbst ein motorisch minderbegabtes Kind im Grundschulalter vor nicht allzu große Probleme stellt. Zunächst werden ein paar Eier hartgekocht, abgeschreckt und gepellt. Für die bessere Standhaftigkeit werden die dicken Enden der Eier gekappt. Anschließend werden Tomaten halbiert und die Kerne und das Fruchtfleisch mit einem Löffel entfernt. Die so ausgehöhlten Tomaten werden auf die Eierspitzen gestülpt. Mittels einer Tube Mayonnaise werden danach die Fliegenpilz-Punkte auf die zu Pilzhüten umfunktionierten Tomatenhälften appliziert. Zum Abschluss werden Wurstscheiben auf einem Teller oder einer Platte verteilt und die Eier-Tomaten-Fliegenpilze darauf drapiert. Für das vollendete Natur-Feeling kann auch noch Petersilie auf der wurstigen Wiese verteilt werden.

Selbstverständlich kann die Wurstwiese auch durch eine Käsewiese ersetzt werden. Oder durch eine vegane Wurstwiese. Aber im Westerwald der frühen 80er Jahre, wo ich aufwuchs, war Vegetarismus noch nicht besonders stark verbreitet. Von Veganismus ganz zu schweigen. Um ehrlich zu sein, ist die Ernährung des gemeinen Westerwälders bis heute stark carnivorisch geprägt.

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Nach ein paar Jahren verlor ich dann die Lust an den wurstwiesigen Fliegenpilzen und beendete meine Kochkarriere, bevor ich größeren Schaden anrichten konnte. Seither gab es bei meinen Eltern an Heiligabend wieder Nudelauflauf. Ganz traditionell. Aber ohne mütterliches rotes Kleid. Und ohne väterliche Modelleisenbahn. Er schmeckte aber trotzdem immer wieder gut.

FamBetrieb_Fliegenpilze auf Wurstwiese

Das spätere Oberhaupt eines erfolgreichen Familienbetriebes bei früher Kinderarbeit und vollem lockigen Haar

 

Fliegenpilze auf Wurstwiese – Zutaten

  • Vier hartgekochte Eier
  • Zwei Tomaten
  • Eine Tube Mayonnaise
  • Wurstaufschnitt (oder Käseaufschnitt)
  • Petersilie (oder anderes Grünzeug)

Tür 4 – Weihnachtsgedanken am Kinderbett

Katharina lebt in der Schweiz und schreibt auf Mama hat jetzt keine Zeit. Wir haben uns zusammen gefunden, als ich für sie unter einem Pseudonym einen Gastartikel geschrieben habe. Dem folgte oder ging voraus ein sehr interessanter Mailverkehr. Wir teilen viele Erfahrungen, Ansichten und sie war mir vom ersten Moment an grundsympathisch! Auch, weil sie prinzipiell keinen Cent auf allgemein gängige Meinungen gibt und einfach ihr „Ding“ macht. Kein Thema ist ihr zu heikel, nichts zu politisch. Sie will es, sie macht es. Ich mag sie dafür sehr! Jetzt aber ging es um Weihnachten. Also mit Weihnachten braucht man Katharina nicht zu kommen. Sie ist der Grinch unter den Elternbloggern. Für uns hat sie trotzdem eine Weihnachtsgeschichte geschrieben und – typisch Katharina – ohne Streuseln, Glocken, Engelsgeläut. Dafür mit Tiefgang und Gänsehaut. Danke Katharina!

 

Es ist schon Monate her, dass mich die entzückende, herzensgute und wunderhübsche Rike von Nieselpriem (Anmerkung der Autorin: Katharina, darüber werden wir noch mal sprechen müssen!) gefragt hat, ob ich für sie eine Adventsgeschichte schreiben würde. Ausgerechnet ich!

Da damals noch viel Zeit blieb dachte ich, mir käme dann schon noch etwas in den Sinn und ich sagte zu. Jetzt habe ich den Schlamassel. Denn natürlich ist mir nichts Adventiges in den Sinn gekommen, was Weihnachtiges erst recht nicht. Ich mag ja Weihnachten überhaupt nicht. Aus Gründen.

Wobei, so richtig stimmt das auch wieder nicht. Es gab ein Jahr, da hätte ich mir ein richtiges Weihnachten gewünscht, und das war so:

Im Dezember 2009, genauer gesagt am 4. Dezember, kurz nach dem Mittagessen, blieb die Welt für den Bruchteil einer Sekunde stehen. Mein Sohn hörte auf zu atmen. Erst wenige Wochen alt, hatte er ein ALTE, einen lebensbedrohlichen Atemstillstand, auch Near SIDS genannt – und er überlebte.

Danach musste er zur Beobachtung und Diagnosestellung ins Kinderkrankenhaus. Die Details erspare ich Euch. Es war eine schlimme Zeit. Sein Vater und ich wussten lange nicht, was mit ihm los war und was man dagegen unternehmen konnte. Ich war dauernd müde, stundenlang am Milch pumpen oder Stillen, dazwischen döste ich mit dem Kleinen auf der Brust. In meiner Erinnerung weinte ich den ganzen Tag, wochenlang. Das Krankenhaus hetzte mir sogar einen Psychiater an den Hals, mit dem ich aber nicht sprechen wollte. Es war ja offensichtlich und bei den Umständen auch verständlich, dass ich unter einer postnatalen Depression litt.

Der Kleine war noch keine zwei Monate alt, aber er liebte die Lichter, das Glitzern der Dekorationen und die feinen Klänge der Spieluhr unseres kleinen Holzchristbäumchens, das wir im Krankenhaus für ihn aufgebaut hatten. Ich trauerte um Weihnachten und heulte hemmungslos. Ich sehnte mich nach dem Duft von Kerzen, angesengten Tannennadeln und mit Gewürznelken gespickten Orangen. All das wollte ich ihm zeigen, sogar nach den ungeliebten Weihnachtsliedern verzehrte ich mich und nach meiner Grossmutter, die zwei Jahre zuvor gestorben war und meinen Sohn nicht mehr kennen lernen durfte. Ihre Brezeln und ihr Beharren auf das Singen von Weihnachtsliedern durch die ganze Verwandtschaft. Alle hassten das Singen – und machten doch ihr zuliebe mit.

Plötzlich war Weihnachten gleich bedeutend mit einer Zeit, in der die Welt noch in Ordnung war. Einer Welt, in der Babys keine Geburtsfehler hatten, die sie am Atmen hinderten, und nicht über Weihnachten im Krankenhaus bleiben mussten. Einer Welt, die mit ihren sanften Lichtern und warmen Kerzchen so anders war, als die sterile Krankenhauswelt mit ihren Neonröhren an der Decke.

Ein paar Wochen lang vergass ich, wie sich das echte Weihnachten für mich als Kind angefühlt hatte, so dass ich mich Jahr für Jahr krank ins Bett legte, um nicht mitmachen zu müssen, und ich wünschte mir so sehr, den Kurzen das Weihnachten erleben lassen zu können, über das alle immer sprachen.

Mein Sohn wurde an Silvester 2009 aus dem Krankenhaus entlassen und am 1. Januar 2010 feierten wir mit ihm Weihnachten nach. Mit Kerzen, Glitzersternen, Keksen und Weihnachtsmusik – ganz wie es sich gehört!

So war das in dem einen Jahr, in dem ich Weihnachten hätte feiern wollen und nicht konnte.

 

Bärtiger Eierpunsch

„Ich will einen Eierpunsch! So einen wie Chevy Chase! Im Glasbechser mit Elchflügeln!“. Wenn der bärtige Mann diese Sätze von sich gibt, hat er schon einige Eierpunsche durchprobiert und hetzt mich vom Regen durchnässt über irgendeinen übervollen Weihnachtsmarkt.

Kein Eierpunsch wird seinen hohen Ansprüchen gerecht. Sie werden prinzipiell qualitativ nicht schlechter, je mehr man davon trinkt (den Effekt kennen einige vielleicht vom Heidelbeerglühwein aus´m Supermarkt für eins neunundneunzig), aber der Gaumenschmauß, ein wohliges Grunzen aus vom Branntwein verätzter und von süßer Sahne umschmeichelter Kehle will sich nicht einstellen.

Ich beobachte derlei Treiben mit einem Blick, wie man zum Beispiel Tiersendungen beobachtet, in denen von irgendwelchen Arten Kadaver gefleddert werden und im nächsten Moment kopuliert.

Ich trinke sowas nicht. Gott sei Dank trinke ich sowas nicht! Prinzipiell trinkt aber jeder, worauf er Durst hat. Das wusste schon der alte Hemmingway, und der kannte sich schließlich aus.

Aber ich bin involviert, mittelbar beeinträchtigt durch die Minderqualität der käuflich zu erwerbenden Eier-Branntwein-Zucker-Gemische. Denn ich muss mit und an jedem bekloppten Punschstand bleibt der arme Mann hoffnungsvoll stehen, legt das Familienvermögen auf den Tresen um dann doch nur enttäuscht aber tapfer („Hammer bezahlt!“) irgendein Gebräu runterzuschlürfen, während mir die Tentakel abfrieren und das Regenwasser in den Kragen läuft.

Es nützt nüscht. Die Mutti muss ran!

Nach unerquicklicher Internetrecherche habe ich ein Eierpunsch-Brainstorming mit meiner Nachbarin Manja abgehalten und das brachte die zündende Idee für „Original Bärtiger Eierpunsch“.

Und so gehts:

1 Flasche Eierlikör

1 Flasche Mangosaft

1/2 Flasche Orangensaft (nicht im Bild)

1 Dose Milchmädchen

Brauner Rum, Menge nach Geschmack (ich hab eine kleine Pulle genommen)

1 TL Zimt

… mit einem Schneebesen in einem großen Topf verrühren. Gegebenenfalls etwas erwärmen, damit die Zutaten  binden.IMG_0054Dann alles in Flaschen abfüllen und dabei eine Riesensauerei veranstalten.IMG_0055Nachdem man den Tisch und die Flaschen gesäubert hat, einen Anhänger lyrisch beschriften und dann verschenken.IMG_0056

Wohliges Grunzen und rote Wangen garantiert!

Nur die Chevy Chase Elch-Tasse kommt mir nicht ins Haus. Das geht entschieden zu weit. Danach folgen dann womöglich Rentierpullover als Weihnachtsgeschenk und ein beleuchteter Frosty auf´m Balkon!

 

 

 

 

Tür 3 – beschnäpselte Brunsli

Heute gibts ein Schweizer Plätzchenrezept mit reichlich Alkohol (man kann vermutlich alles an dem Rezept weglassen, nur den Kirschli nicht) , arrangiert von unserer Schweizer „Mutti auf Eis“ Mama on the Rocks.  Wenn ich an meinen persönlichen Jahresrückblick 2015 denke, sehe ich definitiv diese kleine herzliche Frau vor mir und höre ihren unnachahmlichen Dialekt. Und hoffe beim Scheiden des verbrauchten Jahres, dass das Neue uns wieder zusammenführen wird. Und irgendwie werde ich sogar beim Lesen schon ganz lustig! Beschickert!  Das Gutzi, das Brunsli, Kirschli. Falls ich jemals in die Schweiz auswandern sollte, wird aus mir vermutlich ein „Rikli“. Ich glaube, ich finde die Schweiz dufte. Dufti also. Spitzli!

 

Als Rike mich zu diesem Gastbeitrag eingeladen hat, meinte sie: «Text, Anekdote, Bastelanleitung, Rezept, ein selbstgesungenes Lied: Alles ist erlaubt!» Tja, selber schuld, Rike! Ich habe nämlich sehr sehr sehr lange überlegt, was ich denn Originelles zum tollen Nieselpriem-Blog beitragen könnte. Ich, so ne olle Schweizerin. HELVETIA, äh HEUREKA!

Wir Schweizer werden ja wegen vielem belächelt. Wir seien langsam. Wir sprechen komisch. Wir leben zwischen Kühen und Schokolade. Die Alm ist nie weit. Fondue und Raclette. Schweizer Franken und Bankgeheimnis (gibt’s nicht mehr!). Abseits von diesen ganzen Klischees erzähle ich heute etwas ganz MamaOTR-Untypisches, denn ich blogge eigentlich nie übers Essen. Heute aber teile ich mit euch ein typisches Schweizer, ja sogar Basler Rezept für Weihnachtsgebäck, bei uns Wiehnachtsgutzi oder Wiehnechtsguetzli genannt: das (Basler) Brunsli.

Das Brunsli hat nichts mit Brunzen oder Brunftgeräuschen zu tun. Es ist auch wirklich kein Brunnen im Spiel. Zur Geschichte des Brunsli findet ihr hier die besten Informationen.

Und jetzt weg mit der Theorie, hier kommt das Rezept für die weltbesten Schokolade-Weihnachtskekse, made by Mama on the rocks. Warum es die weltbesten sind? Es hat Alkohol drin…

Brunsli in the making

Brunsli in the making

Brunsli (ergibt ca. 50 Stück)

Alles in einer Schüssel mischen:

150 g Zucker / 1 Prise Salz / 250 g gemahlene Mandeln / ¼ Teelöffel Zimt (kann man auch weglassen, wenn man es nicht mag) / Messerspitze Nelkenpulver (kann man auch weglassen, wenn man es nicht mag) / 2 Esslöffel Kakaopulver / 2 Esslöffel Mehl

Anschliessend beigeben und untermischen:

2 frische Eiweisse (ca. 70 g), leicht verklopft / 2 Teelöffel Kirschwasser (ich mache das Handgelenk mal Pi. Für Kinder kann man den Alkohol ganz weglassen. Aber ganz ehrlich: Die Brunsli mache ich eh nur für mich, und echte Brunsli haben nunmal Kirschwasser drin) / 100 g geschmolzene Edelbitter-Schokolade

Alles zu einem Teig zusammenfügen. Er wird ziemlich klebrig sein!

Anschliessend den Teig auf reichlich Zucker ca. 1 cm dick (bloss nicht zu dünn!!) auswallen, verschiedene Förmchen ausstechen. Noch ein Tipp am Rande: Ausstecher immer wieder in Zucker drücken, so lösen sich die Brunsli nachher besser von den Förmchen.

Gutzi auf ein mit Backpapier belegtes Blech auslegen. Und jetzt, ganz wichtig: Bei Raumtemperatur 5-6 Stunden oder über Nacht trocknen lassen. Nicht direkt backen! Erst nach dieser Pause für 4-6 Minuten in der Mitte des auf 250 Grad vorgeheizten Ofens backen.

Und so sieht das dann aus:

Brunsli1

Idealerweise ist das Brunsli übrigens innen etwas feucht, also lieber nicht zu lange backen. Je älter es wird, desto trockener ist es – aber immer noch himmlisch zu Kaffee oder Tee geniessbar!

 

Hello, ich bin´s wieder. Na, habt ihr Hunger? Versteh ich, geht mir genauso. Ich bin heute im übrigen ein Kalendertürchen bei Tafjora. Vielleicht habt ihr Lust, mal gucken zu gehen?

 

Tür 2 – Alu mit Zuckerguss

Heute schreibt ein Großer Kopf für uns. Anne-Luise und Konstantin (der Einfachheit halber von allen nur Alu und Konsti genannt und nein, ich habe mir das nicht ausgedacht) schreiben gemeinsam den Blog Große Köpfe und der Name ist Programm. Mal leichtfüßig, mal schwermütig, stets klug und feinsinnig haben sie nur ein Ziel: Dich mitten in die Brust zu treffen. Schaffen sie bei mir immer. Heute nun schreibt Alu hier für uns alle über ihre große Liebe zu Christstollen. Viel Spaß!

 

Es betrug sich vor drei Jahren, dass meine geliebte Frau Mama mich zu sich rief. „Kind, ich brauche deine Hilfe“, sagte sie am Telefon und wir wissen alle, wie Töchter aus gutem Hause auf diesen Ruf zu reagieren haben. Pünktlich zu Weihnachten wird nämlich in dem wunderbaren Museum in dem meine Mutter tätig ist immer eine tolle Adventsausstellung gezeigt. In diesem Jahr würden es die Weihnachtspyramiden mit extra tollen Pyramiden aus dem schönen sächsischen Erzgebirge sein. Bereits wohl wissend, dass Hilfe immer ein weitgefasster Begriff im Zusammenhang mit Ausstellungseröffnungen sein kann, begab ich mich auf den Weg nach einer zehn-Stunden-Schicht im Büro. Dort angekommen wurden mir sofort eine Schürze und ein recht großes Messer in die Hand gedrückt (Zum Glück bin ich im Besitz der roten Hygienekarte zum Umgang mit Lebensmitteln) und mir wurde ein Geschenk aus dem Erzgebirge präsentiert: Ein 10 kg Stollen, der an diesem Abend den Gästen als Leckerli präsentiert werden sollte. Ich begann zu schneiden. Der Zucker zog in meine Ärmel, meine Brüste, meine Socken. Ich war allein! Allein mit einem 10kg Stollen und nur einem Liter Wasser. Immer mehr Menschen stellten sich in die Schlange und ich reichte Stollenstück um Stollenstück herüber. „Haben sie den gebacken?“, „Wissen sie welche Zutaten da drin sind?“ „Können sie mir sagen woher der Stollen genau kommt?“, und weitere Fragen hörte ich ca. 45 Minuten lang, während ich versuchte, dem Stollen Herr zu werden. Ich hatte Schmerzen in Armen und Beinen und ich murmelte immer wieder den Satz: „Ich habe ihn nicht gebacken, er kommt aus dem Erzgebirge, es sind Rosinen darin“ vor mich her. Der Zucker hatte in meinen Haaren ein Nest gebildet, vielleicht mein Gehirn verklebt und meine Brillengläser von innen zerfressen. Ich hatte mir ein Zuckerpeeling immer schön vorgestellt, das hier war aber eher recht klebrig und süß! Irgendwann sah ich ein Licht. Ich hatte es geschafft, den riesigen Stollen zu besiegen. Stolz zog ich meine Küchenhandschuhe aus und ging mich entzuckern. Zurück im Raum traf ich meine wunderschöne, stolze Mama. Sie zog mich erneut zum Tisch. Dort lag bereits aufgebahrt ein weiterer 10 kg Stollen, gespendet vom Förderverein des Museums. Das ganze Spiel begann von vorn und ich erlebte die zweite Runde des verzuckert-seins. An diesem Abend fuhren mich meine Eltern heim zu meiner Familie, der Zucker rieselte in die Autositze meines Vaters. Mit 30 Jahren hatte man es geschafft: Ich war des Zuckers überdrüssig geworden, ich war geheilt! Seit 2012 esse ich übrigens recht wenig Stollen und wenn, dann lasse ich mir das Stück immer von jemand anderem abschneiden, da ich sonst in salzige Tränen ausbrechen muss. In Echt!

 

Tür 1- Das Chaos kommt!

Das Chaos kommt! Heute in Form der lieben Kerstin vom Blog Chaos hoch zwei, die stets und immer aussieht wie aus dem Ei gepellt, frisch, erholt und rosig, während sie mit drei Kleinkindern einhändisch jongliert. Zudem ist sie nicht nur wunderschön, sondern auch noch schreibtechnisch talentiert, witzig, klug und nett! (Das ist nicht gerecht, aber wahr. Ja, ich finde auch, wenigstens einen Silberblick hätte Mutter Natur obendrauf legen können…)

 

Die liebe Henrike* war so charmant, mir während meines Mutterschutzes mit einem Text fürs chaotische Blog auszuhelfen. Im Gegenzug habe ich nun die Ehre, euch etwas adventliches zu bieten. Nur was?

Als übermüdete Mama dreier Miniatur-Kinder bin ich aktuell nicht kreativ genug für DIY-Anleitungen, als dekorativ gilt daheim was frei von Babykotze ist, Adventskalender und Plätzchen gibt es bei uns dieses Jahr liebevoll selbst gekauft. Aus meinen durch Schlafmangel degenerierten Gehirnwindungen hat das Baby jeglichen Rest Eloquenz herausgesaugt und so bleibt nicht einmal eine lustige kleine Geschichte übrig für euch.

Da dachte ich, ich mache etwas idiotensicheres. Etwas ganz schnelles. Gebrannte Mandeln!

Ok, das ging schief. Daher ein neuer Versuch:

Gebrannte Mandeln. Das Rezept.

Gebrannte Mandeln sind eine feine Sache, denn sie gegen total schnell und sind ein richtig nettes Mitbringsel in der Vorweihnachtszeit.

Gebrannte Mandeln 1

Theoretisch hat man die Zutaten alle immer zu Hause. Ihr braucht nur Mandeln, Zucker und Zimt. Außerdem ein Rezept, eine alte Pfanne (tut das bitte wirklich keiner guten/neuen an), einen alten Holzlöffel und dekoratives Obst zum Fotografieren für Instagram.

Zutaten:

  • 200g Mandeln
  • 100g Zucker
  • 50ml Wasser
  • 1 Msp. Zimt
  • 30 Minuten „kinderfrei“

Gebrannte Mandeln 2

Zubereitung:

Es ist absolut! unerlässlich, dass euch während der Zubereitung niemand stört. Wirklich. Niemand. (s.o.)

Denn wenn man gebrannte Mandeln macht, passiert lange Zeit nichts. Gar nichts. Man kann prima einen ganzen Pott Kaffee genießen währenddessen. Aber dann…

Also: Mandeln, Zucker und Wasser mit dem Zimt in die Pfanne und aufkochen. Temperatur etwas runterdrehen und bei gelegentlichem Rühren warten, Kaffee trinken und Stille genießen.

Dann urplötzlich nach einer mehr als guten Viertelstunde zieht die Masse an. Das Wasser ist verdampft, der Zucker wird wieder sichtbar und ihr müsst nun rühren, rühren, rühren! Der Zucker karamellisiert langsam und die Mandeln werden gebrannt. Das geht recht fix und ihr müsst auf keinen Fall ewig rühren, aber wenn ihr den richtigen Zeitpunkt verpasst habt, ist halt alles schwarz.

Gebrannte Mandeln 3

Die Mandeln kommen auf ein Backblech mit Backpapier zum Auskühlen. Die Masse ist anfangs extrem heiß, also noch ein guter Grund für die kinderfreie Zone. 😉

Gebrannte Mandeln 4

In die Pfanne gebt ihr einfach heißes Wasser und nutzt die Restwärme. Dann löst sich auch der Zucker auf und ihr müsst nicht ewig schrubben.

Die Mandeln, die ihr noch nicht vom Backblech weg genascht habt, verpackt ihr jetzt nett in einem Glas oder so einen durchsichtigen Tütchen. Fertig!

Gebrannte Mandeln 5

*Unter BloggerINNEN ist es üblich, alle anderen BloggerINNEN als „lieb“ zu betiteln. Es ist eine dieser ungeschriebenen Regeln, die man zwingend einzuhalten hat, wenn man überhaupt weiter dazugehören will. In diesem Fall würde ich „lieb“ gerne durch „entzückend“, „herzensgut“ und „wunderhübsch“ ersetzen, aber ich halte mich an die Regeln.

Ab morgen, Kinder, wird´s was geben!

IMG_0009Die Pakete stapeln sich im Flur, das Weihnachtsradio dudelt, Kalender werden hektisch miteinander abgeglichen. Weihnachtsmarktbesuche, Plätzchen- und Glühweinorgien verabredet. Die Nähmaschine rödelt und die selbstgestrickten Socken stricken sich auch nicht selber, sondern liegen angefangen und mahnend auf der Couchkante. Plätzchen müssen gebacken werden, die Küchenschränke bersten vor gemahlener Mandeln, Marzipanrohmasse, Butterschmalztöpfchen und Vollmilchkuvertüreblöcken. Während im Flur die Kiefer in der Bodenvase den Kopf schwer hängen lässt aufgrund der Holzengel und Bastelergüsse befreundeter Kinder aus vergangenen Jahren wird mir klar: Es geht wieder los!

Morgen gehts los. Vier Wochen das volle Weihnachtsprogramm mit allem, was dazu gehört. Und auch hier, für euch, ist Weihnachten angesagt. Mir egal, ob euch das gefällt, es ist Advent. Da müssen wir jetzt durch!

Bloggeradventskalender sind eine hübsche Tradition und ich habe mich ins Zeug gelegt, um sowas zusammenzufrickeln. Ich habe die Bloggerkollegen angeschrieben, bei denen ich schon gastgebloggt habe und um einen Adventsbeitrag gebeten als Revanche. Jetzt laufe ich händeringend noch die Freundesblogger ab auf der Suche nach Wort und Schrift und Bild und so. Manchen mögen mich jetzt weniger. Alles nur für euch!

Was erwartet euch also die nächsten Wochen? Chaos, ein Familienbetrieb in mitten einer Wurstwiese, Schweizer Schweinereien, ein Stollendesaster in XXL, eine Mutter am Rande des Nervenzusammenbruchs, Fitness (gut für hinterher, man sollte sich schon in Phasen der Völlerei auch Gedanken über das Danach machen), Französisch für Pieschner in zwei Ausführungen, Handgemachtes, Kopfgedachtes, Herzklopfen. Ein Adventskalender für große Kinder und Leute, die wie ich der Wortliebe frönen. Es gibt leider keine Reisegutscheine zu gewinnen und keine Kosmetikkoffer. Auch keine Plastetanne oder Plastespielzeug. Aber es gibt auch nicht Nichts. Lasst euch überraschen.

Ich weiß noch nicht, ob ich vierundzwanzig Türchen voll bekomme, gebe aber auf jeden Fall mein Bestes für die nächsten Wochen, um euch zu erfreuen ❤ . Warum? Weil ihr die Größten seid, ganz einfach. Nicht mehr und nicht weniger. Ihr habt mich das ganze Jahr erfreut mit jedem Blick auf den Statistikbalken, hinter jeder dubiosen Zahl (soundsoviel Zugriffe an diesem und jenem Tag), dahinter standet ihr. Jedes Icon hinter dem Like-Button eines jeden Beitrags, jeder Kommentar, jede eMail von euch hat mir soviel Freude bereitet! Und deshalb ist es Zeit, Danke zu sagen. Euch, meinen Lieben! Ich bin schon ganz adventsschmalzig. Wir sind hier nicht die Größten und die Schönsten vielleicht auch nicht. Noch nicht mal die Lustigsten. Aber wir haben´s nett hier und viel Spaß miteinander. Ich bin gerne hier mit euch.

Aber jetzt erst mal genug geduselt: Frohe Weihnachten uns allen. Und hoch die Glühweintassen!

 

Schwer erziehbar

Alles Jungs, außer Mutti. Und die tanzen mir auf der Nase rum! Alle.

Ach, Leute, ich muss echt an mir arbeiten. Ich bin viel zu weich. Sagt auch der Beste. Ich lasse mich von denen manipulieren, sagt der Beste. Die nehmen mich nicht ernst, da ist sich der Bärtige sicher. Konsequenz sei das A und O, sagt der Beste. Ich sei keine Autoritätsperson, kritisiert der Mann. Dabei steht er vor mir mit einem Oberlehrerblick und erwartet irgendwie jedesmal, dass ich Besserung und konsequenteres Handeln gelobe.

In der Tat reichen zwei Worte („Mami, bitte!“), gesprochen aus einem süßen, süßen Kindermund, umrandet von duftender zarter Kinderhaut und obendrüber diese blinkenden riesengroßen Augen in dunkelbraun beziehungsweise blau, und schon knicke ich ein. Blinker, blinker. Mami, bitte! Ich stecke Gummibärchen in klebrige Kinderhände, zehn Minuten vorm Abendessen. Mami, bitte! Ich zücke Fünf-Euro-Scheine zusätzlich zum Taschengeld. Ich suche den dritten oder vierten Nuckel und das zwölfte Buch, das der Kleinste eben braucht zum Glücklichsein. Ich bin weich. Wie ein Muttibauch. Ich kann gar nicht anders!

Ich soll allerdings. Wenn es nach dem Besten geht. Das sagt der mir immer wieder.

Nun begab es sich die Tage, dass der bärtige, oberschlaue Mann einer Wirbelblockade im oberen Rücken anheimfiel (Ich werde jetzt etwas weiter ausholen. Irgendjemand von euch muss mal den Faden für mich festhalten, den finde ich alleine womöglich nicht wieder. Danke.). Es ziepte also. Hilfsbereit und rückenleidsgeplagt wie ich bin, empfahl ich, das für den Abend anvisierte Kneipenmeeting mit vorangehender Squash-Einheit besser abzusagen. Aber auf mich hört ja keiner (siehe oben). Der mit dem kleinen Zipperlein schnappte sich die Sporttasche und ging.

Heim wurde er dann gebracht. Es rumpelte spätabends im Flur und des Bärtigen Freund stand schuldbewusst vor der Tür, die Squashtasche des mir Angetrauten in der einen Hand und den Widerspenstigen quasi an der anderen. Dieser hing mehr schief als gerade irgendwie am Treppengeländer (von Demut keine Spur) und forderte mich auf, vor ihm in die Knie zu gehen. Er kam alleine nicht mehr aus den Latschen. Nach einem kurzen Blick war klar, es lag nicht am Bier. Die Ursache war viel mehr in der dem Bier vorangegangenen Sporteinheit zu vermuten. Der Alte hatte Rücken. Und zwar jetzt richtig!

Der Freund lächelte noch entschuldigend und meinte, ich hätte wohl recht gehabt mit meiner weisen Voraussage, es wäre besser gewesen, wenn… ach was, geschenkt. Ich winkte ab und bugsierte den bockigen Patienten in die Waagerechte.

Dort verharrt er nun weitestgehend seit Tagen. Ich könnte noch einiges zu der kranker-Mann-zu-Hause-Situation schreiben, aber wen will ich damit hinterm Ofen vorlocken. Kennt ihr alles. Mürrischer Kerl, der die Welt und seine Familie vom Bett aus regiert, lauwarmer Kaffee! Tu dies, hol mir das, nein, ich will kein Zäpfchen, das hilft bei mir nicht, mach das Licht aus im Flur, haben wir einen Goldesel im Keller, ich schwitze, ich friere, was gibt’s zu essen?

Das ist also die Ausgangssituation. Wo ist mein Faden? Ach danke. Konsequenz ist das Thema. Und Erziehung. Und dass ich an beidem arbeiten soll. Sagt der Mann.

Heute Morgen nun terrorisiert mich der Angeheiratete noch mehr als sonst und fragt ständig, wann ich denn endlich ins Büro gehe. Ich kläre ihn auf, dass ich heute aus dem Homeoffice arbeiten würde. Wir sitzen uns gegenüber, da platzt es aus ihm heraus: „Du, ich muss dir was sagen. Ich hab was gemacht…“ (bedröppelter Blick). Aus irgendeinem Grund verfügte ich in diesem Moment über uns beide vollkommen überraschende hellseherische Talente und ich knallte ihm vor den Kopf: „Du hast die Playstation heimlich aufgemacht!“. „Hä?! Ja?! Woher…“.

Wochenlang hatte mich der Bärtige mit inszenierter Unterstützung durch das Großkind bequatscht, sie bräuchten jetzt aber ganz dringend die PS4, weil die olle PS3, also das geht ja nun mal gar nicht mehr! Und überhaupt haben alle Kinder die neue PS4! Und wenn wir die alte bei ebay verticken, dann ist die neue ja quasi fast umsonst! Also mindestens umsonst! Und wie schön sie dann damit spielen würden, die beiden großen Jungs. Und was ich dann für eine Ruhe hätte! Also eigentlich sei das ja quasi ein Geschenk, das sie MIR machen würden, wenn sie dann diese PS4 hätten und so schön spielen würden und ich dann so viel Ruhe hätte…

Lesern, die zum Abschweifen neigen, empfiehlt sich an der Stelle das nochmalige Lesen des zweiten Abschnittes. Das mit dem „Ich bin weich“ und so. Habt ihrs? Alles klar. Das ist auch das Stichwort: Sie hatten mich. Nicht wegen der Ruhe, ich bin ja nicht blöd, sondern weil ich einfach weich bin. Und weil die mich so angeguckt haben!

Mit fadenscheiniger Konsequenz habe ich erklärt, das sei aber ein Weihnachtsgeschenk! Und zwar das einzige! Für beide! Sie nickten.

Seit einer Woche ist die Kiste nun da und neben dem Bügelbrett im Schlafzimmer versteckt.

entweihtes Weihnachtsgeschenk

entweihtes Weihnachtsgeschenk

Und nun das heute. Ich saß dem Mann gegenüber und versuchte, die Contenance zu wahren: „Nein! Du hast nicht wirklich. Sag mir, dass du nicht… ich fasse es nicht! Allen Ernstes?!“. „Ach Mäusel, komm…“. „Wie muss ich mir das vorstellen? Ich geh auf Arbeit und du holst das Weihnachtsgeschenk für unseren Sohn raus und…“. „Es ist auch mein Weihnachtsgeschenk!“. „Holst euer Weihnachtsgeschenk aus dem Schlafzimmer, daddelst den ganzen Tag, und bevor ich heim komme, versteckst du das wieder klammheimlich?!“. „Nö, nur die Kiste ist noch im Schlafzimmer, der Rest ist in den Schiebern im Wohnzimmer. Guckt ja keiner von euch rein.“. „Sage mal, wie durchtrieben bist du eigentlich?!“. „Ach komm, Mäusel, sei doch nicht so sauer. Da hab ich einmal eine anständige Krankheit, mit der es sich leben lässt und du gönnst mir keinen Spaß.“. „Waaaas? Ich glaube, es hackt! Ich sorge gleich dafür, dass du richtige Rückenschmerzen hast! Solche, wo du froh bist, wenn dir einer ein Zäpfchen in den Hintern rammt!“. „Ach komm, Mäusel.“. „Nix da, hör auf, mich anzumäuseln!“.

Atmen. Contenance.

„So. Du sagst mir immer, ich muss konsequenter sein. Was also denkst du, wäre eine angemessene Strafe?“. „Hä? Aber du sollst doch nicht MIR gegenüber konsequenter sein! Nur gegenüber den Kindern! Ach Mäusel, komm, sei wieder lieb zu mir.“. „Lass das, und hör auf, so einen albernen Flunsch zu ziehen und mit den Augen zu klimpern! Das wirkt bei mir nicht. Du siehst aus wie Heidi, das schielende Opossum. Nur mit Bart. Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?“. „Mir war so langweilig.“. „Ach, und da hast du gedacht, die blöde Alte merkt nicht, wenn die Playse aufgerissen ist. Die wickelt am vierundzwanzigsten Dezember einfach buntes Papier drum, die doofe, und du lachst mich heimlich aus hinter meinem Rücken, ja? So hast du dir das gedacht.“. „Nein, Schatz, natürlich nicht.“. „Ich zeig dir jetzt mal, wie konsequent ich bin, Freundchen. Ich bin nämlich nicht dein Privatidiot. Tagsüber auf der Couch lümmeln und daddeln, wenn keiner guckt, und wenn ich da bin, spielst du den sterbenden Schwan und liegst im Bett und musst bedient werden…“. „Ach Mäusel, komm, so ist das doch gar nicht. Und ich habs dir ja immerhin auch erzählt. Und ich wollte dir auch noch sagen, wie wunderschön du heute aussiehst und dass ich dich sehr liebe!“. „Papperlapapp! Die Playstation schicke ich heute noch zurück.“. „Waaaas?! Nein, das kannst du nicht machen! Damit bestrafst du ja nicht nur mich, sondern auch das Kind.“. „Stimmt. Dann bekommst du in diesem Jahr eben keinen Adventskalender! Und den, den ich für dich gekauft habe, stelle ich auf meinen Schreibtisch und esse ihn ganz alleine auf!“. „Das ist fies. Ich würde sowas Fieses mit dir nie machen!“. „Du hast mir noch nie einen Adventskalender gekauft!“. „Aber ich wollte! Du wolltest doch gar keinen haben. Du seiest erwachsen und bräuchtest das nicht, hast du gesagt.“. „Ja, sowas sagen Erwachsene eben! Trotzdem hätte ich mich gefreut, wenn du mir einen gekauft hättest. Oder gebastelt. Oder einen Douglas-Gutschein jeden Tag. So schwer ist das doch nicht. Aber nein!“….

Ich gebe zu, irgendwo ist mir zum Ende zu in dieser Debatte die Sachlichkeit abhanden gekommen. Und das Thema wurde auch etwas verwässert. Ich kann auch nicht streiten. Ich knicke ein. Ich bin ein Friedfisch. Und ermüde schnell.

Ich war dann im Büro und habe gearbeitet. Und der Simulant war im Wohnzimmer an der Playse. Bevor das Großkind heimkam, hat er sie versteckt. Und ja, ich schäme mich für uns beide.

Der Bärtige hat recht: Ich muss an mir arbeiten. Die tanzen mir auf der Nase rum! Je oller, je doller.

Was mache ich denn jetzt mit dem? Was würde Jesper Juul raten? Hat irgendjemand Ideen? Alles außer: „Kein Sex mehr in diesem Jahr!“, wir haben schließlich nicht den einunddreißigsten Dezember. Das glaubt der mir eh nicht, auch diesbezüglich habe ich schon früher meine Inkonsequenz bewiesen.

Ich fürchte, ich bin erziehungstechnisch ein hoffnungsloser Fall.  🙂

Wochenendgedicht (ohne Bebilderung, aus Gründen)

Wenn fremde Kotze nächtens sprudelt

und mich von Kopf bis Fuß besudelt.

Ich stündlich Fieberwickel mache

und nur noch für ein Foto lache.

Hüherbrüh` und Zwieback reiche,

um die Fresse ausseh` wie ne Leiche.

Zwiebelsaft und Fencheltee,

die Waschmasch quietscht in hohem C.

Wenn ich den Kopf leg´ auf die müden Hände,

dann weiß ich: Es ist Wochenende!

(Pieschner Volksdichtung)

Allen Eltern gewidmet, die stets aufopferungsvoll Erholungsurlaub und Wochenende nutzen, um die unvermeidbaren Virulenzen der Fortpflänzchen auszumerzen und montags wie Phönix aus der Asche kraftvoll, erholt und vital in die Arbeitswoche starten. Tschaka-Flosse!

Integrationsbemühungen

Integration ist ja hier im Landstrich ein großes Thema! Und auch ich habe massive Integrationsprobleme, soll ich doch ins Arbeitsleben re-integriert werden.

Das ist gar nicht so einfach, wie es klingt. Säße ich bei Penny an der Kasse, wäre ich möglicherweise nach zwei Jahren Elternzeit wiedergekommen, hätte: „Hallo alte Kasse!“ gesagt, mir mein Wechselgeld geschnappt und würde „Piep piep“ am Band machen wie eh und je.

Nun mache ich ja beruflich „irgendwas mit Medien“ und da sind zwei Jahre draußen so gut oder schlecht wie ein kompletter Neuanfang. Außerdem habe ich in einen anderen Bereich gewechselt und sitze nun in einem schicken Großraumbüro mit lauter jungen Leuten. Die Namensschilder weisen sie als Benjamin, Lucas oder Leander aus und sind ein untrügliches Zeichen dafür, dass die neuen Kollegen von der Altersstruktur her Produkte meiner frühen Fortpflanzungsbemühungen sein könnten.

Hm, da fällt mir ein, ich weiß gar nicht, wo eigentlich mein Namensschild ist. Irgendwo in einer Kiste vielleicht? Ich erinnere mich vage, dass ich irgendwann den vergilbten Zettel mit meinem Namen entfernt habe und durch einen Zettel mit „B.Schäftigt“ ersetzt hatte. Damals fand ich das wohl sehr witzig. Heute sitze ich also namenlos im Büro und versuche mich zu integrieren. Oder zumindest nicht negativ aufzufallen. Brotbüchse rausholen macht hier schon mal keiner. Kulturelle Unterschiede? Ich kenn mich aus!

Zweisprachigkeit ist ja auch in Elternblogs oft ein Thema. Soll ich nun die Cassandra-Edelgart deutsch-russisch-portugiesisch erziehen oder lieber deutsch-englisch-französisch? Oder gar kein Deutsch mehr und Afrikaans dafür? Man weiß es nicht.

Ich weiß es schon mal gar nicht!

Kinder lernen ja schnell, bei Erwachsenen ist das schwieriger. Ich hänge im Zuge meine Re-Integration ja auch in dieser Zweisprachigkeitserziehung drin und habe arge Probleme.

Früher sprach ich fließend Beratersprech. Ja wirklich, es gab Abende, da habe ich den Abendbrottisch zum Meetingraum erklärt um über die familiären Performance-Probleme zu fachsimpeln und angeboten, ein paar Charts dazu mit dem Beamer an die Küchenwand zu werfen… Alles weg.

Wenn ich im Büro den jungen Kollegen zuhöre, denke ich, die sind vom anderen Stern. Da wird ständig was gelauncht, delivert, gepublisht. Werden Sub-IDs ge-close-t, und man hat ständig einen „Call“. Die telefonieren ja nicht, die haben Calls. Oder Lync-en, Skype-n, WebEx-en. Die haben ein komplett anderes „Wording“ als ich! Ich muss noch viel lernen. Die gehen auch nicht „zu Tisch“ mittags, die gehen zum Lunch. Haben onsite- und offsite-Meetings, daily stand up´s, jour fixe´s und dergleichen mehr. Ich habe eine Brotbüchse und komme nicht mal mit dem blöden wireless Headset klar.

Ich komme mir vor wie ein nach einer Zeitreise.

Aber ich will mich ja integrieren! Heute Abend werde ich nicht den Kalender zur Hand nehmen um mit dem Bärtigen auszuknobeln, wer wann den Blondino zur Kita bringt, wir werden unseren weekly Delivery-Prozess modifizieren und dass ich Support bräuchte beim morgendlichen workaround, da meine utilization rate bei 100% liegt!

Und da ich finde, beide Welten können durchaus voneinander lernen, werde ich morgen, wenn ich mich von meinem Schreibtisch entferne, die jungen Leute darüber in Kenntnis setzen, „dass die Mami jetzt Lullull machen geht“. Das wird super, ich hab ein gutes Gefühl.

Ich wünsche euch allen ein performantes Wochen-Kickoff!

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Hanging Books

Hanging Books

Ich will euch heute eine tolle Frau vorstellen. Sie ist der Kopf von Librileo, einer gemeinnützigen Organisation und macht großartige Aktionen für Kinder und Familien. Und mit eurer Hilfe demnächst in Dresden.

 

Sarah, erzähl doch mal was über dich!

Ich heiße Sarah Seeliger, bin 28 Jahre alt und habe zwei kleine Kinder. Außerdem bin ich die Gründerin und Geschäftsführerin von Librileo. Die gemeinnützige Librileo UG haben mein Partner und ich im Januar dieses Jahres gegründet.

Sarah und Julius, die Gründer von Librileo

Sarah und Julius, die Gründer von Librileo

Was macht ihr?

Unser Ziel ist es, Kindern aus schwierigen Lebenslagen, Bildungschancen zu ermöglichen. Unsere gemeinnützige Organisation befähigt deshalb Eltern aus schwierigen Lebenslagen, ihren Babys und Kindern beste Voraussetzungen für den Schulbeginn mitzugeben. Wir begleiten die Familien über 6 Jahre hinweg. Alle drei Monate erhalten sie von Librileo eine Bücherbox. Diese Bücherbox kommt wie ein Geschenk hübsch verpackt zu ihnen nach Hause. Für uns ist es wichtig den Eltern auf Augenhöhe zu begegnen. Jede Bücherbox ist auf das Alter der Kinder ganz genau abgestimmt. Eine Bücherbox für die ganz Kleinen beschäftigt sich zum Beispiel mit dem Thema „Kleiden mit den Jahreszeiten“, eine Bücherbox für 3 Jährige mit dem Thema „Trotzphase“ und für 6 Jährige mit dem Thema „Berufe“. Jede Box besteht aus einem Bindungselement, einem Bildungselement und einem Kinderbuch. Kinder aus sozial schwachen und bildungsfernen Familien bekommen diese Bücherboxen kostenlos.

Wie seid ihr auf diese Idee gekommen?

In Deutschland leben momentan ca. 2 Mio. Kinder in Armut. Sie haben kaum Bildungschancen. Häufig bekommen sie keinen Schulabschluss und geraten in eine Negativ-Spirale. Das wollen wir verhindern. Alle Kinder sollen die gleichen Chancen haben. Wir wollen erreichen, dass sich die Beziehung zwischen Eltern und Kind verbessert und in den Familien gemeinsam Bücher angeschaut werden.

Wie lange gibts euch schon? Wie groß ist euer Team?

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„hanging books“ in einer Haltestelle

Die gemeinnützige Librileo UG haben wir im März 2015 gegründet. Seit Juni werden wir von einer Stiftung unterstützt. Unser Team besteht aus Julius, einem Designer, einer Sozialpädagogin und mir.

Erzähl was über die Aktion!

Wir hängen Kinderbücher an Bushaltestellen auf, um Kindern eine Freude zu machen. So wird ihnen beim Warten auf den Bus nicht langweilig und sie entdecken durch uns vielleicht ihre Liebe zu Büchern. Wir verschönern die Stadt und liefern Lesestoff für Kinder. Außerdem wollen wir auf Bildungsarmut aufmerksam machen. Wir wollen die Menschen in ihrem täglichen Ablauf erreichen.

Was gabs bisher für Feedback?

Die hanging books Aktion hat bisher in Berlin und Köln stattgefunden. In beiden Städten ist die Aktion gelungen. Viele Menschen sahen die Bushaltestellen und viele Tageszeitungen und Radiosender berichteten darüber. Außerdem konnten auch Spendengelder eingesammelt werden.

"Hanging Books" in der Berliner Zeitung

„hanging books“ in der Berliner Zeitung

Im November soll „hanging books“ nach Dresden kommen. Das klingt toll!

Genau. Dafür suchen wir in Dresden noch Helfer. Es sollen 100 Bücher verteilt werden. Pro Haltestelle hängen 4-6 Bücher, ca. 20 Haltestellen sollen präpariert werden. Die Aktion wird Anfang November stattfinden. Das Ganze ist genehmigt und erlaubt! Wir freuen uns sehr! Und auch auf das Feedback der Dresdner.

Wie kann man dich erreichen, wenn man euch in Dresden unterstützen will oder diese Aktion in seine Stadt holen möchte?

Aktuell suchen wir in Dresden ca. 6-8 Freiwillige, die die Bücher aufhängen und bei der Planung helfen. Meldet euch einfach bei uns!

Danke für das Interview, Sarah, und ganz viel Erfolg und positive Rückmeldungen!

Hier kommen noch für alle Interessierten Möglichkeiten, Kontakt aufzunehmen, sich zu informieren und Librileo finanziell zu unterstützen:

Post an Sarah und Librileo: gemeinnuetzig@librileo.de
Hier gehts zur Unternehmensseite: http://librileo-gemeinnuetzig.de/info/

 

Montags

Manchmal braucht selbst ein Blogpost ein Vorwort. Montage. Wenn man sich für zwei Jahre auf Bora Bora, Ziyaraifushi oder in Erziehungszeit befindet, haben Wochentage überhaupt keine Relevanz. Montag, Freitag, Sonntag, Wurscht. Der Tag wird durch Naturgewalten strukturiert und nicht durch Uhr und Kalender. Da sitzt man da auf seiner Insel und liest Beiträge über Vereinbarkeit und die Quadratur des Kreises, nickt mit klugem Blick Wissen vorschützend und hat schlichtweg keine Ahnung! Kommt man dann nach zwei Jahren zurück aus Bora Bora, Ziyaraifushi oder der Erziehungszeit, Zack!, hat man auf einmal wieder Wochentagsgefühle. Und Zeitdruck! Und der Montag ist ja ein besonderes Schätzchen unter den Wochentagen. Der zeigt den Menschen im fahlen Morgenlicht von seiner allerfeinsten Seite. Mich zum Beispiel…

Quatscht mich bloß nicht an heute! Ich habe Laune. Also so richtig. Halb sechs wecken. Die Nacht war viel zu kurz, das Wochenende zu unerholsam und es ist mir schnurzpiepegal, ob der Allerbeste von allen extra und nur wegen mir und aus übergroßem Mitgefühl und dem Wunsch zu helfen heraus extra bis ein Uhr nachts wach geblieben ist um dem Blondino eine Milchpulle in den Hals zu stopfen. Weil, wenn nicht, hätte vermutlich ich irgendwann zwischen zwei und drei rangemusst. Ist mir egal! Hilft mir überhaupt nicht. Ich bin so fertig. Ich halte mich an der Kaffeemaschine fest, damit ich nicht umfalle.

Der Blondino schaufelt Müsli in die Zuckerschnute und löffelt Milch aus seiner Schüssel auf den Tisch. Und den Fußboden. Und verlangt nach meeeeehr Milch. Ich renne kopflos hin und her und mache sinnlose Handgriffe. Räume Brötchen, Wurst, Käse, Salat und Marmeladengläser von A nach B und dann nach C. Fange an, Brotbüchsen zu bestücken. Renne wieder in der Küche rum, rutsche in der verschütteten Milch aus. Der Blondino will runter. Er will seinen Bruder wecken. Oder den Papi. Oder beide. Ich will nichts davon. Ich will duschen oder mir wenigstens das Gesicht waschen. Und mich schminken. Die Brotbüchen sind auch noch nicht fertig. Stattdessen bespiele ich leise („Leiiiiise! Psst. Wir sind jetzt beide mal ganz leiiiiiise!“) das Kleinkind, damit die anderen beiden noch ein paar Minuten schlafen können.

Für´n Arsch! Ich will wieder ins Bett. Aber ich bin erwachsen, ich muss irgendwas. Nach Wollen fragt das Leben gar nicht mehr.

Ich muss den Pubi wecken. Der dreht auch gleich auf und rennt lauthals in Schlübbern in der Bude rum und quatscht mich voll. Will mir irgendein Level von irgendeinem Spiel zeigen, seinem Bruder den Fußball an den Kopf kicken, seine Plüschtiere jetzt sofort alle von dem Blondino wiederhaben, über Taschengeldabmachungen diskutieren und generell mehr Computerzeit und überhaupt. „Zieh dir erst mal was an und geh dir die Zähne putzen, Mensch!“, sage ich entnervt. „Menns!“, pflichtet der Blondino mir bei, während er den Tritthocker durch die Küche schiebt um die Kaffeemaschine zu entern.

Zehn Minuten später habe ich den mittlerweile angezogenen Pubi zum Frühstücken an den Tisch gequatscht und bereits viermal das Babylein vom Tritthocker wieder runtergeholt. Jetzt haut er ab, die Hose hängt ihm unterhalb vom Arsch und ein grüner Schleimbatzen aus seiner Nase raus und klebt nun an seiner Wange. Ich versuche, die mobile Schleimschleuder einzufangen. In der Zwischenzeit fährt dieser sich lösungsorientiert mit dem Pulloverärmel einmal „Wisch!“ übers Gesicht.

Ich bin jetzt anderthalb Stunden wach, habe nichts gegessen und trage eine Leggings und ein Schlabbershirt. Meine Haare hängen zottelig in einem Knoten schief auf meinem Oberkopf und ich stehe in einer wüsten Küche voller angefangener Brotbüchsen, leerer Müslisschüsseln und so weiter und habe keinen Plan, was ich jetzt zuerst machen soll.

Ah, jetzt weiß ich es. Ich verstecke mich im Bad und färbe mir die Augenbrauen… Zehn Minuten Pause. Mir egal, was die Blagen dort draußen jetzt machen. Meine Finger zittern beim Auftragen und mir ist die Abstrusität der Situation durchaus bewusst. Ich male weiter.

Angescheuselt wie Theo Waigel beschließe ich, den Mann aus Morpheus´Armen zu reißen. Der aber steht schon völlig schlaftrunken inmitten der Küche und guckt genauso begeistert wie ich. Allerdings ist er wesentlich entscheidungsstärker: Er nimmt sein Handy vom Tisch und geht wieder ins Bett. Börsenkurse studieren, Clash of Clans spielen. Ich bin zu müde um zu protestieren. Aus dem Bett heraus gibt er dann auch Anweisungen an die Kinder, die diese selbstverständlich ignorieren. Hauptsache, er fühlt sich besser. Immerhin hat er ja geholfen!

Ich atme. Ein. Aus. Reiße Klamotten aus meinem Schrank und trage sie in irgendein Zimmer. Packe die Brotbüchsen weiter und räume Zeug in den Kühlschrank und die Spülmaschine. Nein, nicht in die Spülmaschine, die ist selbstverständlich voll mit sauberem Geschirr. Selbstverständlich!

Was würde ich dafür geben, mir selbst jetzt ruhig zureden zu können, dass in einer Stunde alle weg sein werden und ich Zeit für einen Kaffee in Ruhe habe. Und den Rest des Tages Zeit, das Chaos zu beseitigen. Aber nein, geht ja nicht. Und ich rege mich schon wieder auf. Diesmal, weil mir der Artikel einfällt, den ich vor einigen Tagen auf einem Blog gelesen hatte, weil ich mich im Internet verklickt hatte. Da konnte ich also versehentlich lesen, wie stressig der Tag so mit einem Kleinkind sei. Also aus Hausfrauensicht. Das ist so stressig, da muss sie jetzt Yoga machen und autogenes Training und eine Putzfrau musste der Mann auch einstellen. Das packste einfach nicht! So als Hausfrau und Mutter auch noch den Haushalt. Völlig verblüfft guckte ich nach: Tatsächlich. Mutti, Vati, ein Kind. Eins. Und einen Stress hat die! Alter Falter! Ich stand so da und regte mich gleich noch mal auf. Dein scheißstressiger Hausfrauenalltag sind ab jetzt meine verfluchten paar Urlaubstage! Und meine Wochenenden! Das hat man davon, wenn man sich aus Versehen mal verklickt. Man kann wirklich nicht genug aufpassen mit diesem Internet.

Fünf Minuten später. Der Mann steht in der Küche. „Warum ist denn das Spülbecken schon wieder voll? Haben wir keine Spülmaschine? Wie´s hier aussieht… Komm Baby, wir gehen Zähneputzen.“. Ich rufe hinterher, dem Baby solle er auch gleich die Zähne putzen und höre als Antwort, das wäre ja mal wieder klar, dass ich das vergessen hätte. Es fehlte nur noch die Frage, was ich denn überhaupt bis jetzt so getrieben hätte in diesem Saustall. Ich platze! Innerlich.

Gegen halb acht bin ich mittlerweile halbwegs vorzeigbar, der Pubi ist aus dem Haus und der Mann sitzt mit Kaffee in der Küche. Ich mache mir was zu essen, während der Blondino an meinen Beinen hängt, seinen Schlonz bei mir abwischt und versucht, an mir hochzuklettern. Der Mann sitzt.

Irgendwas sagt er. Dann sehe ich rote Blitze vor meinem inneren Auge und explodiere. Also diesmal sichtlich und hörbar!

Dann lege ich dem Blondino alle Sachen raus zum Drüberziehen, die Kindergartenbeutel bestückt neben die Türe, telefoniere kurz mit dem Krankenhaus wegen dem Großen und packe meine Tasche.

„Du willst schon gehen?“ (der Mann). „SCHOOON?! Schon gehen? Normalerweise war ausgemacht, dass du dich morgens kümmerst und ich nachmittags! Praktisch habe ich morgens und nachmittags die Kinder und, ach so,  zwischendurch bin ich auch noch arbeiten! Theoretisch sollte ich schon im Büro sein. Praktisch schmeiße ich hier morgens alles bis aufs Wegbringen und praktisch komme ich jeden Morgen eine halbe bis zwei Stunden zu spät auf Arbeit! Sei mir bloß still.“. Ist er nicht. Er erwähnt seine heroischen nächtlichen Flaschendienste. Ich gehe.

Auf dem Weg zum Büro werde ich beinahe über den Haufen gefahren, als eine alte Hobelschlunze („Du blöde alte Hobelschlunze!“) mit ihrem BMW Panzerfahrzeug eine Einfahrt nehmen will, über die ich gerade laufe. Ihr Kopf ist soweit nach hinten rechts verdreht, dass sie aussieht wie Anjelica Huston in „Der Tod steht ihr gut“. Ich entrinne nur durch einen beherzten Sprung nach vorn.

Der BMW. Wie blöde muss man sein. Also ich. So schön hätte ich jetzt liegen können! Im Krankenhaus zwar, aber immerhin liegen. Für Wochen vielleicht. Mit viel Glück hätte ich mir beide Beine gebrochen. Oder sogar den Hals. Hach, einfach nur liegen. Und schlafen…

Dann sitze ich mit kleinen roten Schweineäuglein in dem viel zu hellen Großraumbüro und die Leute reden. Telefonieren, laufen an mir vorbei. Was wollt ihr? Wieso seid ihr wach? Was mache ich hier? Ich will zurück auf die Insel!

 

Und warum man Posts über Montage am besten Dienstags publiziert, ist auch klar: Dann kann sogar die Autorin mitlachen. 😀

#wib – im Oktober

Das Gute an Wochenenden ist, dass man sich von der Woche erholen kann, regenerieren. Das Schlechte an Wochenenden ist, dass dieser Grundsatz für Eltern mit kleinen Kindern aufgehoben zu sein scheint.

Pünktlich Freitags ist das Kleinkind regelmäßig an irgendwelchen Körperöffnungen undicht, fiebert und macht die Nacht zum Tag. Wenn einer von uns Eltern abwesend ist, passiert das auf jeden Fall.

Der Bärtige war auf Jungsurlaub dieses Wochenende. „Fahrradfahren!“, sagte er. „Bier trinken!“, sagte ich. Er stritt das vehement ab und ich winkte müde und ließ ihn… wo bitte kann sich denn heutzutage ein anständiger Familienvater noch ordentlich betrinken? Also so richtig! Mit zwei Bier. Na also. Von mir aus nennt er das eben Radurlaub.

Ich war also von Freitag Nachmittag bis einschließlich gestern Abend im Notdienst, habe eine Nacht auf dem Kinderzimmerteppich zugebracht, mir dabei die Hüfte verknackst, mehrere Maschinen Spezialwäsche gewaschen, getröstet, gewischt, getragen, gefüttert, gewindelt, geflucht. Das übliche, ihr kennt das.

Es gibt also keine Fotos vom Samstag. Ach, halt! Eins gibt es. Der Beste hatte natürlich angeboten heimzukommen, und das fand ich nett und auch selbstverständlich. Aber das wäre Quatsch gewesen. Der war irgendwo im Nirgendwo und wäre sonstwann dagewesen. Ich versicherte ihm, ich sei groß und stark und das kriegen wir schon hin. Nachts fühlte ich mich dann doch ein wenig einsam…FullSizeRender-2Radurlaub! Sportlerurlaub! Da hat er mich dann doch sehr zum Lachen gebracht 😀 Der Gute.

Heute Morgen um fünf war die Nacht zu Ende aber He! Wir hatten durchgeschlafen! Zwar schlonzte aus der Mittelöffnung des Kinderkopfes noch grün wabernde Alienkotze und ich hatte ein wenig Angst, Sigourney Weaver könne mit der Kanone über den Balkon hechten um mein Baby abzuknallen, aber ansonsten alles prima!

Ich fühlte mich wie Superwoman und beschloss, den heutigen Tag mit der Knipse im Anschlag rumzulaufen. Ihr wolltet mal wieder wacklige Handyfotos, also bitte. Geht los!

Um sechs hatten wir gefrühstückt, eine Runde Indoorfußball gespielt (ein Schaumgummiball ist eine absolute Kaufempfehlung  von mir), drei Bücher und eine Teletubbies-Folge geguckt (doch, echt jetzt) und danach war der Blondino nur mit der Aussicht auf Spielplatz davon abzubringen, seinen selig schlafenden Bruder zu wecken. Wir also raus. In der Garage die erste Diskussion, weil das Kind dachte, wir würden jetzt in den Sonnenaufgang radeln. Oder zu „Grabo“ und „Lisa“, seinen Kita-Tanten (die im übrigen weder noch heißen).

Ich war quasi mitten in der Nacht überhaupt noch nicht in the mood für Sport und wollte gemietlisch Wagen schieben. Der von uns mit dem größeren Kopf und den längeren Haaren hat sich durchgesetzt. Sieht auf dem Bild nur noch nicht danach aus.IMG_3919Wir waren die einzigen Menschen draußen und das hatte auch was für sich. Und überraschend war es noch dazu! In dem düstren Morgenlich hatten die Straßen mit Ampel- und Baustellenbarkenbeleuchtung was regelrecht Romantisches. Ein bisschen wie Weihnachtsvorstimmung! Scheen wars…

Ein romantisch beleuchteter Bagger, für jeden von uns war also etwas dabei 😉IMG_3925 IMG_3927 IMG_3931 IMG_3930  IMG_3928Bei Scholzens in der Bäckerei wurde schon gearbeitet. Mich jieperte es sofort nach Kartoffelkuchen! Aber leider hatten sie keinen (den Rest des Weges versuchte ich, auf andere Gedanken zu kommen. Kartoffelkuchen. Kartoffelkuchen. Kartoffelkuchen).IMG_3929Spielplatz im Dunkeln ist ja auch irgendwie skurril… und dieser hier hat noch das albernste Warnschild ever. Wohlgemerkt: An einem Spielplatz!IMG_3941 IMG_3944

IMG_3942 IMG_3943Es wurde langsam heller. Also einfach immer hellgrauer…IMG_3934 IMG_3935Neben dem Sachsenbad: Bagger. Den Blondino freuts, mich eher nicht. Heißt es doch nicht etwa, dass meine naiv-romantischen Wünsche nach Restaurierung dieses altehrwürdigen Bades erfüllt werden, sondern eher, dass nun Eigentumswohnungen, „Lofts“, dort hineingebaut werden. Allen Unterschriftensammlungen zum Trotz.

Wir machen uns auf den Weg zum Lieblingsspielplatz. Unterwegs: Pieschner Seenlandschaft (Die starren mich an, die Pfützen, seht ihr das auch?).IMG_3947

IMG_3952Wir gucken, wie weit der Frankreichladen mit dem Umbau ist. Nu ja, wird doch! Die zwei Betreiber bauen das alte Pieschner Schulhaus aus und das freut mich dolle. Außerdem haben wir nun bald zwei französische Restaurants in Pieschen. Zwei! Kein Bad, wo die Kinder schwimmen lernen könnten, aber man muss eben Prioritäten setzen. Haute Cuisine statt Schwimm´…

Der Spielplatz war auch fast vergessen, als der Blondino die abgestellte Fahrbibliothek entdeckte. „Laster! Laster Laster! Laster!“. Er hörte gar nicht mehr auf. Ich so: „Ja-haaaaa! Jeder hat eins, Babylein. Und deines sind doofe große Autos.“.IMG_3961Irgendwann konnte er sich lösen und wir gingen doch noch auf den Spielplatz. Morgens gegen sieben ist für mich die einzige Zeit, wo das ein Ort ist zum Aufhalten. Ich weiß nicht genau, ob es eine anerkannte Form der Sozialphobie ist- diese Aversion gegen volle laute Spielplätze- aber wenn, ich hab sie!IMG_3966Ohne Leute ist es sehr schön. Außerdem gibts dort Lavendelbeete. Und Thymianbeete. Minze. Irgendwann wird der Blondino im Kindergarten lernen, dass man nichts abrupft auf den Beeten, aber bis dahin lässt er mich in Ruhe pflücken.IMG_3969Die heutige Ausbeute:IMG_3973So weit sind wir aber noch nicht. Wir sind immer noch draußen und ich will ja heute Fotos machen! Also mach ich noch Fotos! Nein, wir gehen später nach Hause.

Das Kind kramt in seinen Taschen und findet zwei Walnüsse. Große Freude! Er liebt Fußball, aber nicht nur. Auch Fußkartoffel, Fußapfel, Fußtomate. Wir spielen eine Runde Fußnuss.IMG_3846 IMG_3856-1Drinnen dann habe ich immer noch Kartoffelkuchenjieper. Für mich ist das ein großes Ding! Was dem Bayer sein Weißwurstmetzger, ist dem Dresdner sein Stollenbäcker. Die Stollen werden ja ab dem Spätsommer gebacken und lagern dann irgendwie wochenlang und werden zig mal gebuttert und gezuckert und gedreht und gestreichelt, was weiß denn ich. Und während der Stollenbackphase kann man als Kunde natürlich noch keinen Stollen kaufen. Aber der Bäcker, der schlau ist, fixt die Kunden frühzeitig mit Kartoffelkuchen aus Stollenteig an. Funktioniert bei mir hervorragend! Ich mag das Gelumpe fast noch lieber als den Stollen selbst.

Nun habe ich ja keinen angesetzten Stollenteig zu Hause vorrätig, werde aber zum Glück fündig in einem alten Kochbuch aus der DDR von 1970. Das Buch ist so alt wie ich, hat aber weniger Falten und kennt mehr Rezepte. Ich weiß nicht, ob das gerecht ist. Ich versuche, beim Thema zu bleiben. Kartoffelkuchen also.IMG_3974Ich ändere das Rezept in dem Buch etwas und so wirds dann:

1 Würfel Hefe in 300ml warmer Milch auflösen und in eine Schüssel zu 500g Mehl, 2 Handvoll gemahlener Mandeln, knapp 100g Zucker, zwei Handvoll Rosinen, dem Abrieb einer Zitrone und einer Prise Salz gießen. Vorsichtig verrühren. 5 gekochte Pellkartoffeln durch die Presse drücken und unterkneten. Abdecken und mindestens eine halbe Stunde gehen lassen. Danach auf einem Blech ausrollen und ca. 20-30 Minuten backen bei 150°C Umluft (Ihr müsst das mal testen bei euerm Herd. Der Kuchen soll nicht braun werden, macht einfach ne Stäbchenprobe nach zwanzig Minuten.). In der Zwischenzeit hab ich ein halbes Stück Butter ausgelassen in einem Topf. Dann den Kuchen mit einem Essstäbchen malträtiert um ihn im Nachgang mit Butter zu übergießen und ordentlich mit Zimtzucker zu bestreuen. Dann noch mal zum Ausruhen in den auskühlenden Herd. So sieht er aus:FullSizeRenderUnd so auf´m Teller:IMG_3979Saftig, leicht kartoffelig und ein bisschen adventisch. Hm!

In der Zwischenzeit macht der Pubertino, was Pubis so machen. Irgendein Gerät bedienen. Und das Kindergartenkind macht, was ein Kindergartenkind so macht: Mit seinem Kindergartenrucksack in der Gegend rumlaufen.IMG_3972Außerdem darf er Teletubbies am Tablet gucken, während ich an dem Kuchen rumfummle. Ihr habt doch nicht geglaubt, das gänge hier so nebenbei? Pah! Der Kleine beschäftigt sich nicht alleine und der Große beschäftigt nicht den Kleinen. Also beschäftige ich den Kleinen oder mache was Erwachsenes. Oder erlaube dem Kleinen was Verbotenes, damit ich was Erwachsenes machen kann! Backen zum Beispiel. Oder Duschen.

Die kleine Rotznase legt sich zum Schlafen nieder. Essen will er nichts, nur ne Pulle Milch. Also bitte. Der Pubertino will keine Kürbissuppe, deshalb kriegt er Eierkuchen. Ich esse also alleine die freestyle-Kürbissuppe und weil der Topf so groß ist und niemand hier mitisst, müsst ihr! Nehmt einen Löffel und bedient euch. Hier kommt das Rezept:

1 Butternutkürbis, 4 Zwiebeln, 4 Knoblauchzehen, 2 Möhren, 1 Süßkartoffel, 1 Stück Sellerie und ein kleines Stück Ingwer putzen, kleinschneiden und im Fett eurer Wahl anbraten bis sich braune Stellen bilden. Mit Gemüsebrühe aufgießen und weichkochen lassen und danach fein pürieren. Gewürzt habe ich nur ganz sacht mit Garam Masala und ein wenig Brühpulver. Obendrauf dann Schnittlauch und ausgelassenen Schinkenspeck. War wirklich lecker!FullSizeRender-1Um zwei soll der Bärtige ankommen und ich bin aufgeregt! Ich freu mich! Und das Kleinchen schläft und schläft. Vor lauter Langeweile putze ich auf den Balkons rum und fotografiere die Herbstdeko… ich muss ja Fotos machen heute!IMG_3634 IMG_3630 IMG_3629Dann wars turbulent und niemand hat Fotos gemacht…

Jetzt ist schon wieder Abend und wir machens uns nett. Also jetzt gleich. Wenn ihr weg seid!IMG_3668 IMG_3864Ich setz mich in meine Couchecke und gucke die letzten Folgen der Staffel drei von „House of cards“, knutsche mit dem Bärtigen und freue mich, dass jetzt endlich Wochenende ist.

Ach nee, schon wieder vorbei.

Naja, jedenfalls schön, dass ihr heute zu Besuch da wart! Kommt mal wieder 😉 und wenn ihr noch mehr #wib- se sehen wollt, bei Susanne gibts die Linksammlung für dieses Wochenende.

Hochzeitstag

Am Donnerstag letzter Woche sind der bärtige Mann und ich seit langem mal wieder ausgegangen. So mit vier-Gänge-Menü und Wein und Kerzen und so. Wir mussten gar nicht weit weg, wir konnten laufen! Wir waren schick französisch essen. Und das in Pieschen. Echt jetzt. Über das Restaurant werde ich noch mal gesondert berichten, das hat einen eigenen Beitrag verdient. 😉 IMG_3889

Zehn Jahre sind wir jetzt verheiratet. Ich bin ein bisschen rührselig und habe den alten staubigen Koffer mit den Erinnerungen vom Schrank geholt . Und Irgendwie hallt mir das doch schon ein paar Tage nach und deshalb gibt’s jetzt wahre Worte über die Ehe. Und Weisheiten! Oder auch nicht.IMG_3896

Wir haben uns vor achtzehn Jahren unter Umständen kennengelernt, die einer Lüge bedürfen, sollten uns die Kinder irgendwann danach fragen…

Das mit uns bahnte sich nicht stürmisch an, eher behutsam. Aber auf eine ganz und gar besondere, neue Art. Und als ich anderthalb Jahre darauf mit dem Pubertino schwanger war, sagte ich dem Mann (der damals noch kein Bärtiger war), ich hätte es gewusst. Bereits an unserem ersten Date. Damals liefen wir romantisch durch Moritzburg und irgendwie hatte ich eine „Erscheinung“. Ich sah ihn neben mir einen Kinderwagen schieben (Wenn ich ihm das bereits beim ersten Date erzählt hätte, wäre es sicher nicht so weit gekommen. Mir ist klar, wie das klingt!). Aber alles war anders als bisher. Weniger Feuer, Action, dafür mehr… hm… Beständigkeit, Wärme, Selbstverständnis. Und der inniglichen Wunsch bei mir, es bloß nicht zu versauen!

Denn der junge Mann hatte es drauf: Türen aufhalten, Jacke abnehmen, Kofferraum voller Blumen. Alles aus einer liebevollen Selbstverständlichkeit und einem großen Respekt heraus und nicht, weil er mich für bedürftig oder unselbständig hielt. Und Komplimente kann der machen! Ich erinnere mich an einen Vorfall, als er Stunden zu spät und angeschickert von einer Radtour nach Hause kam, beide Arme voller langstieliger Sonnenblumen, und sagte: „Du darfst nicht böse sein, weil ich so spät komme! Ich habe dieses Sonnenblumenfeld gefunden und stundenlang nach einer Blume gesucht, die so schön ist wie du. Ich habe keine gefunden, deshalb musst du jetzt mit denen hier vorliebnehmen.“ (Ja ja ja. Hört auf, Geräusche zu machen! Ist lange her.)IMG_3895

Er ist was Besonderes. Ganz ehrlich.

Die letzten zehn Jahre waren stürmisch. Wir haben viel erlebt gemeinsam. Das ist, was Ehepaare nach so einer Zeit immer sagen. Wir haben wirklich viel erlebt. Viel Kummer, Sorgen, Trennung, Versöhnung. Schlaflose Nächte aus Sorge um unseren Sohn, schlaflose Nächte aus Sorge um den jeweils anderen. All das. Und wir sind immer noch hier.IMG_3893

Es wird ja viel geschrieben darüber, was das Geheimnis langer Partnerschaften ist. Man hört zum Beispiel, viel Zeit miteinander zu verbringen sei wichtig. Nun, ich kenne langjährige Ehepaare, deren Geheimnis des Glückes eher das Gegenteil ist! Oder gemeinsame Hobbies. Meins wäre das nicht. Genauso wenig wie ich Bergsteigen, Abenteuerreisen oder Mountainbiken will, will ich, dass der Mann neben mir an der Nähmaschine sitzt oder einen Blog schreibt. Und selbst das Laufen, das wir ja beide betreiben, tun wir getrennt, wenngleich aus praktischen Gründen. Immerhin haben wir mittlerweile zwei Kinder, die wir nicht einfach so sich selbst überlassen können.

Überhaupt, wenn aus einem Liebespaar ein Elternpaar wird, ändert sich die Qualität der Beziehung. Ob verheiratet oder nicht spielt da keine Rolle. Viele sehen den Verzicht, sehen, was wegfällt für Jahre. Oder unwiederbringlich. Ich habe dem nie hinterhergetrauert und fand, unsere Beziehung hat durch die Elternschaft noch an Tiefgang und Qualität gewonnen. Diesen, meinen Mann, als Vater zu erleben, hat doch meiner Entscheidung für ihn noch mal eine ganz andere Tragweite gegeben.IMG_3891

Liebe. Was macht das aus? Was ist das überhaupt? Warum der „eine“? Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht mit rationalen Gedanken. Es ist ein diffuses Wissen, das von ganz woanders herkommt. Nicht aus dem grauen Klumpen oben in der Birne. Diese Wucht an Jahren, dieses an- einander- gewöhnt-sein, das einander- die- Sätze- vervollständigen. Einer spricht aus, was der andere denkt. Lauter Dinge, die langweilig sein können, banal und unbedeutend, oder eine tiefe warme Vertrautheit darstellen. Etwas ganz Kostbares, das eben nicht austauschbar ist auf die Schnelle. Das Wissen, egal was passiert, hinter dir steht jemand. Und zwar immer und bei jedem Wetter! …Und immer noch nach so vielen Jahren ein Kribbeln, wenn der andere nackt im Flur an einem vorübergeht…

So, genug geschnulzt! Jetzt kommen harte Fakten. Wie ist das also beim alten Nieselpriem-Ehepaar?

Nun, zuerst einmal reicht es nicht, sich gegenseitig zu hassen und zu verabscheuen, wenn der jeweils andere krank ist und inperformant. Das gehört für uns selbstverständlich dazu, aber andere Dinge sind uns auch sehr wichtig. Zum Beispiel:

Tiefsinnige Gespräche führen

„Ich hätte doch Medizin studieren sollen. Also nichts mit röchelnden Menschen, aus denen Zeug rausläuft. Aber Haarforensik. Also Haarforensik hätte ich sehr interessant gefunden!“

Eine konstruktive Streitkultur pflegen

„Du bist so ein Blödmann und damit du´s weißt, den Sex von heute Morgen nehme ich zurück!“. „Da kann man mal sehen, wie blöd du erst bist! Erlebten Sex kann man nicht zurücknehmen!“. „Und du, du bist ja noch viel blöder als ich dachte. Ich kann sehr wohl, habe ich hiermit getan. So!“

Obsessionen teilen

„Du, sag mal, denkst du auch manchmal, du könntest dem Baby vor lauter Liebe einfach in die Speckärmchen oder in die Schenkel beißen?“. „Klar, andauernd.“

Geduld

„Mäusel, sei doch vernünftig. Bitte hör doch nur ein einziges Mal auf mich! Komm, Mäusel, bitte…“. „NEIN! Und höre auf, mich anzumäuseln!“

Der Altersunterschied von acht Jahren war nie ein Thema

„Gib mal den Schwebedeckel.“. „Pfff, den was? Meinst du das Frisbee?“. „Du brauchst gar nicht zu lachen, du Schnösel! Ich bin nicht wie du in der BRD aufgewachsen. Da, wo ich herkomme, hatten wir kein Frisbee. Wir waren froh, wenn wir einen Schwebedeckel hatten. Und jetzt rück das Scheißding raus!“

Außerdem haben wir eine Spezialsprache, Codes, Super-Spitznamen und einen Heidenspaß daran, dem anderen einen Streich zu spielen. Wir sind somit unsterblich! Außer, ich bin alt und röchle und Zeug läuft aus mir raus. Dann muss ich leider weg ins Heim, da war er stets ehrlich zu mir.

Wobei… sicher ist ganz sicher nichts. Die Liebe ist gestorben, eingeschlafen, vorbei, wir haben uns auseinandergelebt. Wir alle haben das schon gehört oder gesagt. Wie passiert sowas? Ich weiß es nicht, habe aber eine Heidenangst davor.IMG_3894

Es ist kostbar, was wir haben. Jedes bisschen Glück ist nur geliehen. Aber ich glaube, mir ist wichtig, das mir immer mal wieder vor Augen zu führen. Bei allem Gerangel um alltägliche Banalitäten, das, worum es geht, ist das „wir“. Und „wir“ sind so in dieser Konstellation etwas ganz Besonderes.

Romantik ist ja nicht so meins, ich bin so romantisch wie eine abgelaufene Parkuhr. Und ich bin anstrengend! Und kompliziert! Und hysterisch! Schmeiße das Geld zum Fenster raus! Permanent müde! Nicht an sience fiction interessiert oder Bergtouren. Und bestimmt keine supertolle Ehefrau. Aber ich versuche es. Also manchmal versuche ich es. Ich denke zumindest darüber nach! Nachdenken ist wichtig. Also darüber, wie wichtig der andere einem ist… ach, jetzt Schluss hier mit der Rührseligkeit! Hoch die Tassen, wir haben die ZEHN geschafft! Schatz, du bist ein Schatz. Mein Bärtiger. Mein Bärentöter, mein Raubtierbezwinger, mein Mann. ❤

Und wage dir bloß nicht, dich vom Acker zu machen mit so´ner Stringtanga tragenden Möchtegern-Latina! Da brennt die Hütte, da haste Enthaarungsmittel im Shampoo. Da streue ich Grassamen in all deine Schuhe und gieße. Lackiere Dein Mountainbike mit Nagellack und koche deine Outdoorklamotten. Also, nur so als Idee. Weißte Bescheid!IMG_3897

Alt Bindestrich – eine Stadtteilführung in Dresden

Sonntagmorgen. Die Sonne scheint, ich laufe los. Ihr dürft mit, ich zeig euch was!

Los gehts zu Hause.IMG_3769Es brennt. Ich muss weg!

IMG_3812Als nächstes kommen wir durch Alt-Pieschen. Einige kleine Fachwerkhäuschen des alten Dorfkerns sind noch erhalten und schmiegen sich eng an eng. IMG_3814Gegenüber die Wohnanlage Altpieschen 9 war noch bis in die Siebzigerjahre Quell eines geflügelten Dresdner Wortes: „Wennde so weidor machst, gommste nach Altpieschen neune!“, soll heißen, ins Obdachlosenasyl. 1912 vom Dresdner Stadtbaumeister Hans Erlwein errichtet, war es eines der Modernsten seiner Zeit. Es enthielt Wohnungen, die aus zwei Zimmern bestanden und sogar einen Herd besaßen! Im Keller der Anlage befanden sich ein Brausebad und ein Kinderschwimmbad. Sogar einen Spielpavillon ließ Erlwein anlegen. 2003 wurde der Komplex saniert und beherbergt nun (nicht obdachlose) Familien. In Wohnungen, mit mehr als zwei Zimmern. Und fließend Wasser (das war 1912 nicht implementiert).

Spielplatz in Altpieschen. Zwei alte Linden gaben dem Platz früher den Namen „Lindenplatz“. Das weiß niemand mehr, ich auch nur durch Google.IMG_3815In Altpieschen am Elbcenter eine weitere Sehenswürdigkeit: Der blaue Wagen. Dort verkauft man Softeis und veganes Eis und allerlei Kaffeespezialitäten. Das allein ist nicht erwähneswert. Aber im Herbst gibt es dort die allerbesten, duftendsten, dicksten, leckersten Waffeln, die ich je gegessen habe! Mit roter Grütze, mit Sahne, mit was-du-willst. Leider rückt der Betreiber das Rezept nicht raus, ich hab schon gefragt…

IMG_3811An der Pieschner Radbrücke muss man sich entscheiden. Links rum oder rechts rum. Die Skulptur scheint auch zu hadern. „Undine kommt“ heißt sie, ist Teil eines Skulpturenpaares und mir scheint, sie kommt nicht, sie verzweifelt. Aber was weiß denn ich, wie es aussieht, wenn Undine kommt…

Folgen wir der Brücke, gibt es allerlei zu sehen. Wir kommen am Hafen, dem Eselnest, am Yachthafen, an zwei Beaches, dem Japanisches Palais und so weiter vorbei, bis wir irgendwann in der Dresdner Altstadt stehen. Immer die berühmte Dresdner Altstadtsilhouette am Horizont. Ein schöner Weg, leider sehr frequentiert.

IMG_3808Wir gehen rechts rum, wir sind ja keine Touristen!

IMG_3810Ab jetzt haben wir die Elbe links und laufen Richtung Meißen (Wenn auf den Fotos die Elbe rechts sein sollte, habe ich mich umgedreht und befunden, das Licht sei für dieses unprofessionelle Handyfoto so rum besser, wisster Bescheid).IMG_3807Dieses erste Wegstück zeichnet sich durch eine hohe Kneipendichte aus. Das ist schlecht, wenn man da vorbeilaufen muss, und entweder/oder Hunger, Durst, keinen Bock mehr hat oder Pipi muss. Also immer. Hier liegt auch die Lieblingskneipe der Nieselpriem-Familie, das „Watzke“. Nirgends in der Stadt bekommt man so eine leckere Broilerplatte mit Bratkartoffeln.

Hinterm „Watzke“ wird es stiller und weitläufiger. Seht ihr die Häuseln hinter der Flussbiegung? Das ist Alt-Mickten. Gleich sind wir da.

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IMG_3770Wir laufen jetzt ein Stück auf dem Elberadweg. Da steht jetzt neuerdings auch mehrmals drauf, welcher Fluss links von uns fließt. Kann ja mal sein, dass man am Flussufer wach wird und gar nicht mehr weiß, wo man ist, oder? Genau.

Am Ende der geraden Strecke kommen wir nach Alt-Mickten. Hier ist auch noch ein Teil des historischen Dorfkerns erhalten. Das Sehenswerteste am Ortsteil ist der Biergarten der „Lindenschänke“, also das ist das, was der Bärtige dazu zu sagen hätte. Warum? Kommt gleich…

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IMG_3771 Wir laufen unterhalb der „Lindenschänke“ weiter. Das ist ein wirklich schönes Stück Weg… Ich liebe das!IMG_3773

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Überall dort finden sich gravierte Pflastersteine. Hier eine Straßenbahn. Warum irgendjemand (Karl-Heinz?) eine Straßenbahn verewigt hat, erschließt sich mir allerdings nicht.

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Erinnerung: Wenn die Elbe rechts ist, hat sich die Nieselpriemerin nur kurz umgedreht…

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Hier leben Menschen. Unglaublich. Ich denke, wenn man hier so rumwohnt und morgens auf dieses beschauliche Stück Welt schaut, den sanften Fluss… also dann hat einen das Leben schon derbe bei den Eiern, äh, penetriert einen das Schicksal ungefragt rektal, nein, warte! Ich meine doch nur, es muss unglaublich hart sein… wirklich regelrecht unglaublich.

Nein, Kinder, ist das schön dort. Und dabei mitten in Dresden. Denkste nicht, oder?IMG_3802

IMG_3780Hinter der nächsten Kurve kommen wir zum Schloß Übigau. Hier ist auch schon ein Schild:IMG_3779Wer mit dem Pferd hier vorbeikommt, kann es festmachen. Oder ungezogene Kinder. Ist nur ziemlich weit oben, der Ring!

IMG_3785Das Schloss Übigau ist ein im achtzehnten Jahrhundert erbautes Barockes Lustschloss und hatte eine wundervolle Gartenanlage. Leider ist es nur noch in Fragmenten erhalten. Wenigstens beherbergt es einen Biergarten. Prost!IMG_3784

IMG_3783Wieder ein gravierter Stein. Diesmal unschwer zu erkennen: Das Zwingertor des Dresdner Zwingers. Leider ist die Jahresangabe undeutlich, es sah aber aus wie 2.1.1935.

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In Alt-Übigau gibts noch was zu gucken. Ein monströses Stahl-Dings ragt hinter dem Schloss in die Luft.IMG_3786

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IMG_3789Nach Alt-Übigau kommt auf unserem Pfad erst mal … nichts! Wobei, nichts stimmt ja nicht. Links die Elbe, rechts Bäume, Büsche, Felder, Wiesen, Ruhe.

Von überelbsch dringen manchmal Geräusche von Autos herüber und man sieht Kräne und dergleichen. Hier, rechtselbisch, hat man weiterhin naturnahes Spazierfeeling. Oder eben Lauffeeling, wenn man nicht permanent anhalten muss zum Fotografieren!IMG_3787

Hier zu sehen: Ihre freundliche Stadtführerin.IMG_3798

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Mitten im Nichts ein irritierendes Schild. Vielleicht darf ich hier nicht mit dem Boot lang, oder vor und zurück ist generell verboten. Oder etwas anderes Verkehrstechnisches soll auf dieser Wiese unterbunden werden (Ich denke, irgendein Schlaumeier wird sich schon in den Kommentaren melden und: „Ich! Ich! Ich weiß es!“, schreien. Einfach mal abwarten 😉IMG_3792

IMG_3788Wenn wir jetzt dem Trampelpfad weiter folgen, wird es noch ein bisschen beschaulicher. Dann kommt Kaditz. Alt-Kaditz ist auch wunderschön, hat einen beschaulichen Dorfkern, eine schöne Kirche mit einer berühmten Linde und auf dem Friedhof dort sollen mal meine Gebeine ruhen. Da hab ich dann eine tolle Aussicht! Auf rumstehende Pferde, Gemüseäcker, Apfelbäume und friedliches, ruhendes, dörfliches Nichts. Immer noch „mitten in Dresden“.

Von Altkaditz führt ein Weg nach Alt-Kötzschenbroda, und da müsst ihr wirklich mal gewesen sein! Also, ich will nicht zu viel verraten, nur, dass es (voll die Überraschung) einen wunderschönen Dorfkern gibt und einen berühmten Tisch. Also richtig berühmt!

Das machen wir das nächste Mal. Heute schaffen wir das nicht mehr, ich muss ja den ganzen Weg auch wieder zurück! Und Essen kochen. Als Dessert solls „Tarte Tatin“ geben. Ob die was geworden ist, könnt ihr bei Instagram nachsehen. 🙂

Ich hoffe, ihr kommt das nächste Mal wieder mit zum Laufen. Laufen ist ja gesund. Und lehrreich!

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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Das wird teuer!

Ich bin wirklich sehr gern zu Hause gewesen die letzten Jahre. Es hat mir viel Spaß gemacht, nach dem Rhytmus des Kleinsten zu leben, zu nähen, stricken, häkeln, spazieren, kochen, mich mit anderen Krabbelmuttis zu treffen und die Wohnung umzudekorieren. Nicht zu vergessen: zu schreiben. Dass es endlich ist, war von Anfang an klar und dennoch… hach, die Zeit verflog wie im ihr wisst schon…

Der bärtige Mann vertritt seit Jahren lautstark die Meinung, dass es hinderlich fürs Familienvermögen sei, wenn ich zu Hause bin. Denn dann hätte ich viel Zeit zum Einkaufen. Viel zu viel Zeit!

In der Tat frequentiere ich in Urlaubs-und Auszeiten alle umliegenden Geschäfte und kurbele die Wirtschaft an. Das übliche: Deko- und Trödelläden, Klamotten- und Kindergeschäfte.

Das zahlt sich aus, wir wohnen gemütlich und jahreszeitlich different gestaltet und die lieben Kinderlein tragen saubere Sachen in den jeweils passenden Größen. Das wäre nicht so, wenn diese Zuständigkeiten in den Verantwortungsbereich des Mannes fielen. Dann nämlich behausten wir Räume mit mindestens einer aprikotfarbenen Wand, an der mittig ein Bild hängen würde (ein alberner, bunter Druck in einem Plastikrahmen wahrscheinlich), verstaubte Yuccapalmen in Plastikübertöpfen vervollständigten das augenschmerzende Wohnbild, unsere Handtücher würden auf gar keinen Fall farblich zum Interieur der Badezimmer passen und apropos passen: Die Kinder liefen in Klamotten durch die Gegend, bei denen erst alle Öffnungen viermal gekrempelt wären und dann – nach drei Jahren etwa – alle Gelenke bloßliegen würden. Um Himmels Willen!

Ich kümmere mich also darum. Und selbstverständlich dankt es mir niemand.

Zugegebenermaßen ging ich in der letzten Zeit oft ziemlich teuer frühstücken. Das Frühstück bei Ikea schlägt mit durchschnittlich fünfzig Euro zu Buche. Das ist ne Menge Holz. Das fällt dann weg, wenn ich im Büro bin. Bin ich ja nun bald. In ein paar Stunden…

„Es wird Zeit, dass du wieder arbeiten gehst!“, tönt der Mann. Das Geld sei alle und überhaupt dieses faule Rumgeschlunze den ganzen Tag. Und Eingekaufe! Soviel Zeug brauche doch kein Mensch.

Nun bin ich (und das hört er gar nicht gern) ja diejenige bei uns, die nachweislich über betriebswirtschaftliche Kernkompetenzen verfügt und so habe ich (im Gegensatz zu ihm) das große Ganze im Blick. Und weiß, dass er falsch liegt! Und zwar sowas von.

Mittlerweile bin ich mir gar nicht mehr sicher, ob wir uns das überhaupt leisten können, dass ich wieder meinem Bürojob nachgehe (Doch, ich bin mir eigentlich ziemlich sicher. Und nein, wir können uns das nicht leisten.).

Die Kosten, die jetzt auf uns zukommen, werden meine aushäusigen Befleißigungen im Rahmen der Erwirtschaftung von volkswirtschaftlichen Werten am Ende des Tages als Nullnummer dastehen lassen. Saldo ausgeglichen. Plus Minus Null. Und dafür wird mein eines armes Kind fremdbetreut und das andere arme Kind muss anstatt eines liebevoll-hastig hingekochten Mittagessens von der Mami einen lieblosen Döner mit Salat oder Burger essen. Die armen armen Kinderlein! (Und ich kann nicht mehr bei Ikea rumlungern. Mist. Mist. Mist.)

Wenn ich stundenlang vorm Rechner sitze (und das wird ab morgen der Fall sein), brauche ich als Ausgleich zu meiner excel-bitionistischen Tätigkeit ganz viel Malteser, Hallorenkugeln, Knusperflocken, Studentenfutter, Snickers, Kinderriegel. Schon mal so. Andere haben eine Topfpflanze auf dem Schreibtisch, ich eben Lebensmittel. Das kostet! Vormittags muss ich dann noch runter zum Bäcker wegen Schokocroissants, zwei. Oder Wurstbrötchen, auch zwei. Mittags zum Lunch. Muss ja sein. Wegen der Sozialisierung, netzwerken, ihr wisst schon. Im Anschluss noch einen Cappucchino bei Tschibo (Ich versuche ernsthaft, sparsam zu sein, aber sparsamer geht ja nun wirklich nicht!). Nachmittags muss dann auf dem Heimweg auch noch irgendwas gekauft werden beim Bäcker, schließlich hat das ausgehungerte Blondino-Kind stets einen Bärenhunger, wenn ich ihn abhole und zum Backen komme ich ja nun wirklich nicht mehr!

Etwas später, in zwei bis drei Monaten, werde ich logischerweise zehn Kilo mehr wiegen und es wird richtig teuer werden. Ich brauche dann eine komplett neue Garderobe. Macht zwei Monatsgehälter, wenn ich sparsam einkaufe. Und Schuhe natürlich! Zu neuen Klamotten gehören immer neue Schuhe, das weiß doch jeder. Und neue Tücher, Schals, Armreifen, Ketten. Taschen nicht zu vergessen! Ganz wichtig. Wie sieht denn das sonst aus, was sollen die Leute sagen?! Ach, und die Makeup-Kosten habe ich da noch gar nicht eingerechnet. Da kann ich sowieso nur grob überschlagen…

Tja, also so siehts aus. Wir können uns meine Berufstätigkeit leider nicht leisten. Irgendjemand wird das dem Bärtigen sagen müssen… 😉

Leute, es wird Herbst!

IMG_3721Allen Hasen tropfen die Nasen,

der Rotz wirft regelrecht Blasen (und das nicht nur in Maßen).

Alle husten oder rotzen,

das Geröchel ringsum ist zum … Rasen!

 

I remember, wir haben Ende September…

(Pieschner Volksdichtung)

Eingewöhnungslektüre

Ich liebe die Kita des Blondinos! Alles daran. Die Erzieherinnen, die Location, die anderen kleinen Lümmel, den Garten, echt alles.

Die haben sogar ein Elterncafé dort, wo die tränenfeuchten Muttis und Vatis geparkt werden zum Zwecke der Entwöhnung. Ist nett. Am ersten Tag bereits sagte mir eine der so gemochten Erzieherinnen, wenn ich was zu lesen hätte, was ich dem Café überlassen könnte, wäre das super!

Ich hatte. Und so brachte ich am zweiten Tag meine MOM-Sammlung ins Elterncafé. Die gesamte. Vom ersten Heft an. Nun scheiden sich an diesem Blättchen ja die Geister, aber ich finde das Format nach wie vor unterhaltsam, amüsant, vertraut (wegen der in schöner Regelmäßigkeit auftauchenden bekannten Gesichtern der Blogger-Kolleginnen) und sogar ich selbst durfte dort schon redaktionell tätig werden. Kurzum: Mein Herz hängt da ein wenig dran. Aber ich mag diese Kita sehr und deshalb war klar, alle anderen traurigen Muttis sollen auch mal lachen und sich unterhalten lassen, während sie mit schmerzendem Herzen alleingelassen Kaffee schlürfen. Das Café sah auch gleich nicht mehr so karg aus. Beweis:IMG_3513

Am nächsten Morgen waren sie weg.  Alle. Die MOMs. Ich dachte, ich hätte mit dem „Stoff“ eine andere Frau angefixt und diese hätte sich die Hefte geborgt (das war für mich die naheliegendste Erklärung). Aber nein! Die Lektüre passte einfach nicht zur Kita.

Stattdessen liegen jetzt dort Broschüren und Journale aus, die sich wirklich wichtigeren Themen als der schnönen Unterhaltung widmen. FullSizeRender„Wie Kathi mit Sekt, Chips und Bibel den Neuanfang wagte“, also für diesen Header gibts bestimmt einen journalistischen Sonderpreis! Bin ich sicher. Inwieweit sich derlei Lektüre förderlich auf die Eingewöhnung auswirkt und deshalb unbedingt in jedem Kita-Elterncafé ausliegen sollte, weiß ich zwar nicht, aber ich verlasse mich auf die Expertise des Fachpersonals.

Und ab sofort bringe ich mir meine eigenen Schmierblätter eingewickelt in einer Ausgabe des „Wachturm“-s mit.

Planung ist alles!

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Von wegen.

„Ein Projektplan ist immer der momentane Stand des Irrtums.“, ist ein unter Projektleitern ebensoweit verbreiteter Satz wie: „Wer glaubt, dass Projektleiter Projekte leiten, der glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten!“. Da werden in zig Tools Daten verschwurbelt, Risiken bewertet und einkalkuliert, alle (wirklich alle) erdenklichen Zustände und Umstände und gegebenen Rahmenbedingungen durchgerechnet und in Form gebracht. Und am Ende noch grafisch und schön bunt aufbereitet und ja! Also so wird ein Schuh draus! Bis, ja, bis eben wieder alles umgefummelt werden mus. Weil… weil eben! Weil es eben nie nach Plan läuft! Warum? Tja, Pläne eben. Theorie und Praxis. Der Kern des Pudels.

Ich bin auch so planungsverliebt. Wirklich. Mit Plänen und Analysen habe ich schon viele Jahre mein Geld verdient und so theoretische Praktiker wie ich, die neigen oft dazu, ihr alltagsuntaugliches Verhalten auch im Privaten einzusetzen. Mit zu erwartendem Erfolg…

Für diesen Spätsommer gab es auch einen Plan. Der wurde angepasst, modifiziert und ist Stand heute reif für die Tonne!

Im Juni sollte die Eingewöhnung des Blondinos beginnen. Am ersten September würde ich nämlich wieder in der Fabrik erwartet werden. Im Betrieb. An der Stanze, ihr wisst schon. Juni, Juli, August. Klang super! Drei Monate wurde noch nie ein Kind eingewöhnt. Selbst wenn ich alle Risiken wie Trennungsschmerzen, grippale Infekte, Meteoriteneinschläge und dergleichen mehr einkalkulierte, kam ich auf mindestens einen ganzen Monat Urlaub. Also für mich! Das war auch der Plan.

Hach, wie ich mir das ausmalte. Ich würde mich noch mal mit all meinen Freundinnen treffen, im Marché frühstücken, auf der Prager Straße bei Starbucks in der Sonne sitzen und Leute anglotzen. Ich würde endlich mal alle Museen der Stadt besuchen und allen Shoppingtempeln einen Besuch abstatten. Ich würde nähen und schreiben und die Wohnung umdekorieren. Drei mal in der Wochen laufen gehen! Menschenskinder, einen ganzen Monat Urlaub! So ein Glückspilz. Und in diesen vier Wochen würde auch irgendwann der bärtige Mann eine Woche Urlaub nehmen können und dann, ja dann hätten wir´s ganz besonders schön. Wir führen vielleicht nach Meißen, wo wir dereinst vor zehn Jahren geheiratet hatten und spazierten romantisch wie frisch Verknutschte durch die Gässchen. Wir würden bestimmt auch mal ne Radtour machen oder ein, zwei Museen gemeinsam besuchen. Vielleicht blieben wir auch einfach drei Vormittage hintereinander im Bett wie verantwortungslose Menschen gänzlich ohne irgendwelche Kinder, Jobs und Kegel. Niemand würde kochen, wir speisten auswärts in den allerfeinsten Spelunken. Schließlich ist ja Urlaub!

Soweit der (nüchterne) Plan.

Zuerst erwies sich die Kita, die das wundervolle Rotznäschen mit dem güldenen Haar besuchen sollte, als gänzlich ungeeignet! Das war ein Schock, aber nicht zu änderen. In einer hastigen Nacht-und Nebelaktion und mit viel persönlichem Einsatz meinerseits tat ich eine neue Betreuungsoption auf (und bis zur Zusage sogar noch als Plan B eine Tagesmutter plus eine Kita, die ihn dann im Anschluss 2016 nehmen würde). Meinen internen Projektplan modifizierte ich entsprechend der vorliegenden Änderungen bereits ein wenig.

Aus Gründen, die sich meinem direkten Einflussbereich entzogen, verschob sich die Eingewöhnung des Kindes immer weiter nach hinten, bis klar war: Das Kind kann von Seiten der Kita erst im September eingewöhnt werden. Also dann, wenn ich wieder zur Steigerung des Bruttosozialproduktes anderweitig verplant war. Glücklicherweise verfüge ich über eine Ansammlung an Resturlaubstagen aus vergangenen Jahren, aus Zeiten, in denen ich nur ein Kind und anscheinend weder Erholungsbedarf noch Hobbies hatte. Kurzerhand nahm ich den ganzen September Urlaub.

(Während ich das hier schreibe, bin ich also bereits pro forma eine wiedereingegliederte Vollzeit arbeitende Zweifachmutter. Ohne irgendeine Ahnung, wie sich das anfühlt!)

So. Der Bärtige und ich kratzten uns gegenseitig die Köpfe und beschlossen, die letzte Septemberwoche, also da gehts scharf! Da nimmt der Mann Urlaub und dann – endlich! – dann machen wir das, was wir mal dachten, was wir machen würden. Damals, als wir noch planten. Meine persönlichen Projektziele hatte ich schon längst über den Haufen geschmissen. Drei Tage. Drei Vormittage war die bisherige Freizeitausbeute gewesen (an einem hatte ich geputzt, an einem drei Stunden wie ein Stein geschlafen und an einem hatte ich mich tatsächlich mit einer Freundin verabredet).

Am Montag beginnt also diese Woche. Gestern schon wünschten wir uns gemeinsam einen schönen Urlaub. Heute nun kam ein Anruf. Die Kitagruppe des Wundervollen wird für nächste Woche aufgelöst, weil beide Erzieherinnen krank sind und kein Ersatz zu finden ist. Alle Kinder werden verteilt und die Eltern, die sich das einrichten können, werden gebeten, ihre Kinder zu Hause zu betreuen.

Ich kann mir das für kommende Woche einrichten, ich bin ja noch diese eine Woche offiziell beurlaubt. Und ich werde auch, zumal der Kleinste die meiste Zeit seines Kitaaufenthaltes auf dem Arm seiner Bezugserzieherin zubringt. Mit Nunni im Mund und Tröstetuch in den kleinen Händchen. Trauernd und wartend, dass ich, seine Mami, endlich wiederkomme und ihn abhole. Der Bärtige storniert seinen Urlaub.

Aber Scheiße, ja, ich hätte wirklich gern geglaubt, dass es dieses eine Mal klappt mit der Planerei. Dass es hinhaut. So wie ich ab übernächste Woche dann auch wieder an meine beruflichen Planungen glauben werde.

Und irgendwie, hm, das klingt jetzt schizophren vermutlich, ist es okay. Es wird meine letzte Woche Urlaub sein und die wird anders als geplant. Aber ich werde die genießen, mit dem Kleinsten. Versuchen, das noch einmal ganz bewusst als geschenkte Zeit zu betrachten. Nicht trauern um romantische Meißen-Spaziergänge, die wahrscheinlich sowieso nicht stattgefunden hätten, weil die Bäume im Garten zu verschneiden sind oder Ausweise neu zu beantragen oder anderer Scheiß, den Elternleute so in ihrem Urlaub machen. Nein, ich werde eine schöne Woche Urlaub haben.

Also, ruft mich nicht an und schreibt mir nicht, ob wir uns mal treffen können bei Starbucks. Ich bin schon verplant!

😉

Der Lauf

…meines Lebens war das nicht am Samstag und so ganz freiwillig erzähle ich euch auch nicht davon.

Also eigentlich überhaupt nicht freiwillig! Das ist alles Franzis Schuld. Als wir am Samstag auf den Start warteten, fiel mir ein, dass dieser Tag der zwölfte des Monats war. Und dazu noch Wochenende! Es fielen also #12von12 und #wib auf einen Tag. Und ambitioniert plapperte ich drauf los, ich müsste heute dringend noch Fotos machen! Daraufhin knuffte mich die aufgeregte Franzi in die Seite und sagte: „Du, ich bin sowas von sauer, wenn ich nicht Teil deines 12von12 oder Wochenende in Bildern bin!“. Ich versprach, sie „ganz groß rauszubringen in diesem Internet“ und wir giggelten und feixten um die Wette. Leider kam ich so auch nicht mehr aus dieser Nummer hier raus und muss also berichten. Wenngleich es zeitlich mal wieder jenseits von allem, was mit einem zwölften oder dem Wochenende entfernt zu tun hätte, liegt. Ich habe es zumindest versucht! Das sollte auch das Motto des Tages werden…

Aber wir drehen die Uhr erstmal ein bisschen zurück.

diszipliniertes Zopfgeschwader

diszipliniertes Zopfgeschwader

Mercedes Benz Frauenlauf. Zum dritten Mal in Dresden. Ich bin im letzten Jahr schon mitgelaufen und hatte mich danach begeistert direkt für 2015 wieder angemeldet. Lauf durch historische Altstadtkulisse, Lauftrainings im Vorfeld (für die, die das mögen), Shirt dazu und vorallem: nur Frauen. Ich finde das durchaus eine Erwähnung wert, denn, ganz ehrlich, die schubsen nicht! Die rennen dich nicht über den Haufen. Die fahren nicht einfach den Ellenbogen aus oder schmeißen dich in die Hecke, weil du im Weg rumläufst. Da wird ordentlich gewartet am Start und während des Laufs Rücksicht auf die Nebenfrauen genommen. Mädels unter sich halt. Und wenn du als Bummelletzte durchs Ziel taumelst, feuern sie dich noch vom Rand aus an: „Super, Henrike, weiter so! Gleich geschafft!“. Aber ich greife schon wieder vor…

Ich habe eine liebe Freundin namens Franzi (Genau, das ist die, wegen der ich jetzt diesen Text schreiben muss.). Eine ganz und gar großartige, lustige Person. Intellektuell stufenlos einstellbar, so wie es gerne mag, und seit kurzem Läufer. Also echt seit kurzem. Ein Jahr vielleicht, ich weiß es gar nicht genau. Sie ist zum Laufen gekommen, weil drei Schwangerschaftskilos runter sollten und überhaupt ist das Laufen am Abend eine Superidee, um sich an zwei Tagen pro Woche vorm familiären Spätdienst zu drücken! Mittlerweile läuft die Franzi tatsächlich zehn Kilometer, neben den geplanten drei Kilo sind locker noch zwanzig andere gegangen, geschmolzen, weg. Und Spaß macht es ihr außerdem. Also alles außer dem ersten Kilometer. Und dem letzten. Aber das kennt man ja. Franzi ist noch nie einen Lauf mitgelaufen und hatte sich nach eigenen Angaben beim Frauenlauf nur angemeldet, weil ich dort angemeldet war. Und war aufgeregt wie ein Kind an Weihnachten! Ich freute mich also auch und wir beschlossen, gemeinsam hinzufahren und dort einfach bissel im Kreis rumzurennen und Spaß zu haben…

In der letzten Woche dann meldete sich eine alte Bekannte zurück: Bursitis, die alte Schleimbeutelentzündungshobelschlunzendummesau. Rechtes Knie. Mit so´nem blöden Scheißendreck kann man sich echt den ganzen Tag versauen! Und den nächsten. Und den übernächsten. Denn, die Scheiße geht so schnell nicht weg. Schwellung, Schmerzen, Hitze. Was hilft? Ganz klar: Ruhe! Been hoch, Quark droff und Schonung. Nicht rumrennen zumindest.

Da ist es natürlich ungünstig, wenn man genau das aber vorhat! Vernünftig wäre also gewesen, sich die Bilder vom Lauf im Internet anzusehen. Mit hochgelegtem Bein.IMG_3595

Ich habe mir erwartungsgemäß am Samstag mein Knie mit Kinesiotape bandagiert und es danach nochmals vom Bärtigen einwickeln zu lassen, weil dieser der Meinung war, ich hätte es falsch gemacht und Youtube hier sagt, das gänge ganz anders! Mir war sowieso alles wurscht, plante ich doch, innerhalb der nächsten Stunden mit rotem Shirt, pinkfarbenem Kinesiotape und schwarzweißen Stützstrümpfen für alle sichtbar durch die Innenstadt zu humpeln.

Und so kommt es dann. Beim Warten auf den Start entstehen diese Fotos, die die Motivation der Beteiligten gut einfangen:

Franzi so.

Franzi so.

Ich so.

Ich so.

Es war wirklich schön. Schönes Wetter, schönes Strecke, schöne Stimmung, schön bescheuertes Schleimbeutelknie. Falls ich dachte, ich würde zumindest den Preis für die originellste Beinverkleidung bekommen, Fehlanzeige!ein Bionicle

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Wenn man sich kurz hinterm Start oder bei Kilometer 5,2 umdreht und ein Foto macht (also theoretisch), dann hat man Teile des berühmten Canaletto-Blicks drauf. Vorn rechts eine einsame Barke. Wurde kurz darauf abgebaut…

Wir laufen los unter Applaus und so. Ich auch. Der erste Kilometer ist erstaunlich super, der zweite gar nicht so übel und der dritte… also der dritte, der ziiiiieht sich! Das Knie hackt wie verrückt und ich werde immer laaaaangsamer. Links und rechts ziehen sie an mir vorüber. Alle. Dicke, dünne, große, kleine, schnaufend, keuchend, quasselnd.

Das Feld leert sich. Irgendwann bin ich das Feld. Also mein eigenes. Ich habe viel Platz und versuche, mir das schönzureden. Allerdings werde ich immer abgelenkt durch die Schmerzen in dem blöden Arschlochknie! Ich versuche, das Bein zu entlasten und humpele nun für alle Schaulustigen sichtbar. Das hat zur Folge, dass mir nach kurzer Zeit nicht nur das rechte Knie wehtut, sondern aus lauter Solidarität auch die linke Hüfte. Und so humpele ich mich in die zweite Runde, Kilometer sechs bis zehn. Knie, Hüfte, Knie, Hüfte, Knie, Hüfte. Ich höre noch, wie angesagt wird, dass sich das Zielfahrzeug vierhundert Meter vor dem Ziel befindet und ich denke: Mist, wenn ich nur ein bisschen langsamer gewesen wäre, dann könnte man mich zusammen mit der Siegerin auf deren Finisher-Clip sehen! Höhöhö. Nein, die gute Laune versaut mir so schnell nichts.

Ich humpel mich die Strecke entlang und bin dankbar, dass die Trommler noch nicht zusammengepackt haben. Ich bedanke mich auch bei jedem einzelnen. Auch bei den Ordnern, die hinter mir die Barken zusammenbauen und abräumen, bedanke ich mich und halte kurze Schwätzchen. Wann hat man denn sonst während eines Laufes schon Gelegenheit dazu? Ich überlege, ob ich die Zeit nutzen und überfällige Telefonate führen soll. Genug Puste habe ich ja aufgrund meines Antitempos. „Hallo, Tante Ingeborg! Ich bin´s! Ja, ist lange her. Du erzähl mal, wie gehts euch denn?“.

Immer noch kein Ende… Mensch, ist das weit! Wer langsamer läuft, wird länger gesehen. Unterhalb der Brühlschen Terrasse laufe ich dann beinahe alleine. Rüstige Spaziergänger haben in etwa das gleiche Tempo wie ich, und so laufe bewege ich mich irgendwie Richtung Ziel. Ich habe die Faxen ziemlich dicke und verfluche mich und das Knie und diese blöde Scheißidee. Touristen lachen mich aus. Zumindest bilde ich mir das ein. Ich grüße freundlich: „Ey, Blödmann! Lachst du mich aus?! Lachst du mich etwa aus?! Wieviele Kilometer bist du denn heute schon gelaufen, hä? Komm her, du Sack, und riech an meinem Eiterknie!“ (lautlos selbstverständlich).

Hüfte, Knie, Hüfte, Knie, Hüfte, Knie…

Etwa zu dieser Zeit stand meine Familie ziemlich ratlos in Zielnähe und war sich sicher, dass ich entweder irgendwo in die Straßenbahn gestiegen sei und auf dem Heimweg, oder aber in einem Altstadtcafé sitze müsste und Cappuchino schlürfe (In meinem Aufzug!). Oder irgendwo heulend im Gebüsch sitze. Aber das konnte ziemlich schnell ausgeschlossen werden, weil sich alle sicher waren, dass ich sofort wutschnaubend angerufen und verlangt hätte, dass jemand -irgendjemand!- mich gefälligst sofort aus diesem Gebüsch, dieser Hecke hier abholen solle! Aber zackig, wenn ich bitten dürfte.

Und siehe da, ach guck, da kommt doch noch jemand!DSCN3176

Ende. Humpelnd und leicht frierend anstatt schwitzend erreichte die Seniorin in Stützstrümpfen das Ziel…

Also, eigentlich ist das ja ein Lauf auf Zeit gewesen. Ich hatte jede Menge davon, soviel kann schon mal gesagt werden. Ja, wirklich jede Menge Zeit. Fast achtzig Minuten. Mehr Zeit als die meisten Frauen, die dort mitgelaufen sind 😉

Wenn man soviel Zeit zur Verfügung hat, sollte wenigstens eine Moral, eine Pointe, eine Parabel dabei rausspringen, oder? Hm. Weg is Ziel… Dabei is alles… Hm, ja. Wenn einem gar nichts anderes einfällt.

Oder aber, wir nehmen die Franzi hier:IMG_3617Der erste Lauf ihres Lebens. Und nun guckt sie euch an!9632472c66efa83a8fc25b148c42ed68Ein so freudestrahlender Anblick, so glücklich. Geschafft! Zehn Kilometer gelaufen! Sich überwunden und einfach losgelaufen. Glücklich und so stolz ist sie gewesen, das war echt ansteckend. Und was ist jetzt mit der Moral? Ach so, ja. Einfach mal machen. Sich selbst überwinden, dem inneren Schweinehund mit den Chips und den Schokonüssen auf der Couch einen fetten Schmatz geben und sagen: „Ich komme gleich wieder, mein Schatz, iss mir nicht alles weg!“, und dann einfach mal loslaufen! Laufen fetzt. Laufen macht glücklich. Stimmt wirklich. Kann man sogar ganz langsam machen, ich hab das  ausprobiert…

Das Glück, kein Reiter wird’s erjagen, es ist nicht dort und ist nicht hier. Lern überwinden, lern entsagen, und ungeahnt erblüht es dir.

Theodor Fontane

Danke Google!

Das muss ja mal gesagt werden!

Ihr ahnt ja nicht, welchen Aufwand der Mitarbeiter Google betreibt, um mir viele neue, kluge, wissbegierige Menschen als Leser auf den Hals Blog zu schicken.

Im letzten Jahr habe ich mal aus Langeweile ein Facebook-Experiment nachgemacht und darüber geschrieben. Ganz richtig, kein tiefsinniger Text. Kein langer Text. Nichts von Gehalt und Mehrwert. Ein alberner Jux nur. Völliger Blödsinn eigentlich!

Ich ahnte es ja immer und nun ist der Beweis angetreten: Das ist, was das Volk lesen will! Wie man mittels einer Essig-Mundspülung-Mischung Hornhaut an den Füßen entfernt. Ja-ha! Da guckste. Eine hohe fünfstellige Anzahl Leute haben diesen Beitrag schon angesehen und jedesmal, wenn ich die Blogstatistik aufrufe, poppt mir dieser dämliche Text unter den ersten drei meistgeklickten entgegen. Immer noch! Die Leute googeln das. Echt jetzt. Und nein, ich weiß auch nicht, warum!

Falls ihr mal den Traffic ein wenig erhöhen wollt bei euch, einfach irgendwas mit Listerine, Essig, Hornhaut und Füßen schreiben. Oder in den Tags verstecken. Heimlich.

Hier sind die original Suchbegriffe vom Nieselpriem-Blöggel (stark gekürzt):

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Ich rede mir im übrigen ein, dass es immer die gleiche Zielgruppe ist. Einmal suchen sie eben nach Mundwasser-Essig-Experimenten, ein andermal nach… was anderem.  🙂

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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Geburtstage

Geburtstage

Während die Erwachsenengeburtstage und selbst der des großen Kindes ja grundsätzlich Tage sind, an denen der Jubilar gefeiert wird, ist es bei dem des Kleinsten irgendwie ganz anders… sie katapultieren mich in die Vergangenheit.

Schon zum zweiten Mal. Bereits viele Tage vor „dem“ Datum, schlurfte ich feuchtäugig und seufzend in der Gegend rum. Und dann traf es sich auch noch, dass meine Wege durch das Uniklinikum an der Frauenklinik vorbeiführten. Und da hörte ich es: „Aaaaaaaah!“, in diesem ganz besonderen Tonfall. Keine drei Sekunden später erneut: „Aaaaaaaah!“. Meine Schritte verlangsamten sich automatisch und meine winzige, schrumpelige Gebärmutti krampfte sofort solidarisch mit.

Eine Stunde später musste ich immer noch an die Frau denken. Ich legte Wäsche zusammen und seufzte schon wieder. Sie würde nun glückstaumelnd und verheult ein rosiges Menschlein, schlafend und zusammengekrümmt wie ein Engerling oder mit ganzer Babykraft wütend ausgestreckten Gliedmaßen und lauthals die Welt anbrüllend, unterhalb der linken Schulter liegen haben. Auf ihrem Herzen. Seufz.

Am letzten Augusttag dann (dem errechneten Geburtstag des Kleinsten) lief ich breitbeinig in der Gegend rum und hoffte auf Blähungen, um noch mal Bewegung in mir spüren zu können. Und benahm mich auch sonst so, als bräuchte ich dringend Hilfe!

Wenn ich abends liebestaumelnd über dem Gitter des Babys hänge und den warmen kleinen Rücken streichle, habe ich jetzt schon manchmal das Gefühl, ich muss ganz schön ausholen mit dem Arm. So von ziemlich weit links bis rechts. Wieso ist der schon so lang? So groß? Zwei Jahre. Warum geht das alles so schnell? Noch zweimal zwinkern, dann rasiert der sich im Schritt, sagt: „Tschüss Mutti!“, und zieht mit einer unsympathischen Söhnestehlerin von dannen (Ich hasse sie jetzt schon. Alle!).

Zwei Jahre soll das schon her sein? Meine Erinnerungen sind so präsent, als sei es gestern gewesen. Und das müssen sie auch bleiben, denn wenn ich das alles wirklich niemals wieder erleben darf, dann muss das für ein Leben lang reichen. Diese Erinnerungen.

Wie ich in der Klinik Meter für Meter die Gänge ablatsche, nachts. Und jede Nachtschwester auf einen Bohnenkaffee anschorre (und keinen kriege). Und wie ich dann viele Stunden später alle im Kasernenton darüber informiere, dass jetzt gefälligst der Anästhesist geholt werden soll. „Nee, Leute, ihr macht mir nichts vor! Natürliche Geburt? Hatten wir schon. Danke, kenn ich. Brauch ich nicht. Her mit dem Stöffchen! Volle Pulle, doppelte Dosis, alles! Vollnarkose extra. Nehm ich auch! Und lasst euch ja nicht einfallen, mich hier hinzuhalten. Und dann sagt ihr, ach, schon neun Zentimeter?! Jetzt ist es zu spät und ich würde den Rest ja auch noch schaffen, so suuuuper wie ich das bisher machen würde! Pah! Ich kenne euch Volk! Ich bin nicht zum ersten Mal hier! Mich trickst ihr nicht aus. Wann kommt denn endlich der Typ mit dem Betäubungsgewehr?“ (Diese Frage stellte sich das Entbindungspersonal selbst auch öfter während meiner Anwesenheit.).

Der Typ kam dann auch irgendwann und ich riss ihm den Belehrungszettel aus den Händen. „Blabla, Querschnittlähmung, Inkontinenz, mir egal. Her mit dem Scheißstift! Und jetzt mach das Ding rein, Doktorchen! Aber dalli! Warte…. Oh oh… Uuuuuuuuuih! Pffffffffff… Jetzt geht’s wieder. Mach hinne, Mensch! Sonst blas ich den Scheiß hier ab und geh runter in die Chirurgie und lass die Jungs mit dem Skalpell ran. Mir reichts jetzt langsam!“.

Dann schlafen. Ausstrecken. Herrliches Ausruhen.

Drei Minuten etwa. Dann war Schichtwechsel am Nachmittag und die Nachmittagshebamme, welche mich schon kannte, fragte streng: „Wasn hier los? Wieso hastn du ne PDA?“, „Geh weg, ich will schlafen!“, brummte ich sie an. „Nüscht. Hier wird ni gepennt. Gar keene Wehen hast du mehr! Das Ding kommt jetzt ab.“ Zum Protestieren war ich zu müde. PDA ab, Wehentropf dran und ab ging die Lucie.

Der Große kam 17:05 Uhr an einem Donnerstag zu mir, mein Kleinstes 15:50 Uhr an einem Mittwoch. Auch wenn ich von der Geburt des Großen nur noch weiß, dass es sich anfühlte, wie von einem Zug überrollt zu werden, so bleibt doch dieses Gefühl des ersten Blickes als Erinnerung wie in mein Herz tätowiert. Als die Hebamme den Großen hochhob, angezogene Beine, geschlossene Augen, mürrischer Mund. Und ich dachte: Ja! Das ist mein Kind! Mein Kind! Und der Kleinste auf meinem Bauch. Das Gefühl, ihn das erste Mal hochzuheben um ihn an mein Gesicht zu halten. Mürrischer Mund, zusammengekniffene Augen. Mein Kind!

Ich weiß, alle Mütter haben diesen Gefühlsrausch. Alle erzählen gern von ihren Geburten (oft auch gegen den Publikumswillen). Irgendwann lässt das allerdings nach. Der Gefühlsrausch verblasst vielleicht, so genau weiß ich es nicht. Dieses Mal will ich mich für immer erinnern. Ich will nichts vergessen! Die Vorstellung, dass diese Erinnerungen für den Rest meines Lebens halten müssen, dass ich das niemals wieder erleben werde, das ist ein wehmütiges Gefühl. Wisst ihr noch, diese Rentnerin im letzten Jahr? Die aufgrund der Vierlingsschwangerschaft in der Presse war? Alle haben sich den Mund zerrissen. So was Egoistisches auch! Ich war still, nichts habe ich dazu gesagt. Ich kann die Frau verstehen. Nicht die Handlung an sich, aber die Beweggründe. Die Sehnsucht. Kinderwunsch ist immer egoistisch. Man wünscht es für sich.

Nichts auf der ganzen Welt lässt sich vergleichen mit Schwangerschaft und Geburt und diesen magischen ersten Momenten. Dieser unglaublichen Liebe. Nichts! Das ist nicht, wie wenn man irgendwem erklärt, Bungeejumping sei wie Achterbahn, nur schneller. Für dieses Erlebnis gibt’s einfach gar keinen Vergleich. Und ich will das festhalten. Muss.

Halle Berry hat mit siebenundvierzig ihr zweites Kind bekommen. Annie Leibowitz und Gianna Nanini waren beide über fünfzig, oder? Ist ja auch egal. Es hört bei manchen einfach nicht auf, dieses Sehnen. Neulich meinte ich zu dem Bärtigen, ich wöllte noch mal sowas zu Weihnachten. Und zeigte auf das süße, unschuldige, goldschimmernd behaarte, weichhäutige und duftende „sowas“ (Okay, ja, man muss die auch behalten, wenn die nicht mehr so dufte(-nd) sind und nur rumdiskutieren und Türen knallen und so, aber das verdränge ich ja in solchen Momenten erfolgreich.).

Der Bärtige nicht. Er machte „dieses“ Gesicht und begann das Gespräch mit: „Henrike, …“. Bei solchen Gesprächen schalte ich bereits beim ersten Komma das innere Meerrauschen ein und rolle nur ab und an genervt mit den Augen, damit der Mann denkt, ich würde zuhören. Es geht immer um sowas wie Konsequenz und Verantwortung und Betriebswirtschaft und Nerven. Also alles Dinge, von denen ich sowieso keine Ahnung habe!

So ist das hier bei Nieselpriems.

Und er zweite Geburtstag des Kleinsten ging ins Land. So wie die unzähligen fünfzehn Geburtstage des großen Kindes. Fünfzehnmal Kerzen anzünden, fünfzehn Feiern, die ich gar nicht mehr alle zusammenbekomme. Eine Masse an Jahren und Ereignissen, komprimiert und eingedampft zu einem Erinnerungspuzzle in meinen Gedächtnis. Nur am Leben erhalten durch tausende Fotos, durch VHS-Kassetten. Wo sind all die Jahre hin? Und werden die Jahre des Kleinsten auch in diesem gierigen Schlund der Zeit verschwinden?

Ich versuche, dem erwachsen zu begegnen. Also im Rahmen meiner Möglichkeiten. Gestern meinte der Bärtige, er wöllte mit dem Kleinsten mal auf Vater-Kind-Kur fahren. Ich begrüße das selbstverständlich und habe ihn darüber in Kenntnis gesetzt, dass er mir mein Baby erst von der Brust reißen kann, wenn ich ein neues kriege.

Also total erwachsen eben. 😉

Gastbloggen im August

Gastbeiträge sind ein netter Brauch unter den Bloggern und ich sehe es als Kompliment an, wenn man eingeladen wird, für eine andere Seite zu schreiben.

Im schwindenden Monat August durfte ich zweimal „zu Gast“ sein.

Für Kerstin von „Chaos²“ habe ich diesen Artikel geschrieben. Einen metaphergeschwängerten Text, eine Fabel quasi. Ohne Tiere. Aber dafür mit einem Pflaumenbaum als Protagonist.

Für Bettie vom Blog „Das frühe Vogerl“ habe ich diesen Artikel zum Thema Altersunterschied bei Kindern gebloggt, ein Thema, das mir aus mehreren Perspektiven bereits begegnet ist.

Vielleicht geht ihr mal zu Besuch vorbei? Viel Spaß beim Lesen und lasst einen netten Gruß da.

Kerstin, Bettie, lieben Dank für eure Gastfreundschaft und dafür, dass ihr mich Schmierfink eingeladen habt!

Erntedank

Erntedank

Das Gartenjahr neigt sich dem Ende… und ich quatsche schon wie ein altes Weib!

Wer die Gartenposts vom letzten Jahr gelesen hat, konnte sich herzlich über mich und meine Versuche amüsieren, einen „Familienlandsitz“ auf diesem von Scherben übersäten, zugewuchertem Stückchen Pachtland zu schaffen. Dieses Jahr hatte ich zumindest ansatzweise das Gefühl, dass es (ganz anders zwar als erträumt) schon mal in die anvisierte Richtung ging.

Also zumindest kann ich behaupten, dass ich die Zeit von Frühjahr bis Spätsommer eigentlich komplett im Urlaubsfeeling verbracht habe. Bevor Neid entsteht, ich meine den Teil mit Ein- und Auspacken. Also Freitags sechs Ikea-Beutel voller Klamotten und vier Säcke und Kisten mit Lebensmittel in den Kombi stopfen und am Sonntag das Ganze retour. Wobei mir immer noch nicht klar ist, wieso die Menge stets stark variierte! Also entweder schleppten wir zehn Säcke in den Garten und nur sechs zurück oder umgekehrt. Das muss an der doppelten Haushaltsführung liegen. Die sorgte auch dafür, dass meine kläglichen hausfraulichen Bemühungen jede Woche erneut damit belohnt wurden, dass ich, nachdem ich eine Behausung geputzt hatte in die andere fuhr und von Spinnweben und Staub und Dreck begrüßt wurde. Irgendwie immer. Auch befanden sich regelmäßig Dinge des Alltagsgebrauchs stets in der jeweils anderen Hütte. Soll heißen, es gab überproportional hohe Leerfahrten zwischen den beiden Lokalitäten, um Ladekabel, Nuckel, Eheringe und dergleichen nachzuholen.

Wirklich schön ist allerdings das Ernten, als Belohnung für die ganze Krauterei und das im Sommer tägliche Geschleppe von vierhundert Litern Wasser in Gießkannen.

Und irgendwas gabs auch immer.IMG_2483

Kaum war der Flieder verblüht, konnten wir Rhabarber ernten. Er bildet phallische Blütenstände aus, die sich als Geburtstagsblumen nur bedingt eignen…IMG_2480

Hier in der Tarte-Version zusammen mit Nektarinen und einem Guss aus 100g geschmolzener Butter, 150g Mehl, Backpulver, 150g Zucker, einer Prise Salz und 250ml Milch. Vorm Backen mit Hagelzucker bestreuen und ca. 45Min backen (Stäbchenprobe).IMG_2669

Nach dem Rhabarber kamen die Beeren. Also die frühen wie Jostabeeren, Johannis- und Stachelbeeren.IMG_3042

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IMG_3108Dann kamen (und kommen immer noch) Tomaten, Gurken, Zucchini und Wurzelgemüse. IMG_1418 IMG_3496-1

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IMG_3493Was macht man mit dem ganzen Zucchini? Chutney zum Beispiel. Ich liebe den auch als Pastasauce mit Schalotten, Sahne und Estragon. Oder als Antipasti (Variante 1: geschmort mit Champignons und Zwiebeln, Pfeffer, Salz, Rosmarin, Thymian. 1El Zucker rein und Essig und dann erkalten lassen. Variante zwei: Mit Salz, Pfeffer und Kräuter der Provence einreiben und in der Pfanne anbraten. Eine Scheibe Parmigiano auf jede Scheibe legen, Herd aus, Deckel auf Pfanne und schmelzen lassen.).IMG_3049

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IMG_3428Der Wein ist in diesem Jahr nichts geworden und die Pflaumen sind voller Maden. Die Äpfel sauer. Aber das gibt noch ein schönes Apfelmus! Ich mag es am liebsten mit Zimt und Rosinen gekocht oder mit Cranberries und Vanille.IMG_3463Ende August stehen meine Jungs eigentlich den ganzen Tag zwischen den Himbeer- und Brombeersträuchern. Die werden direkt in den Mund geerntet.

Und dann: Die Kartoffeln. Ich liebe das! Kartoffeln ernten ist wie Überraschungseier basteln. Für mich. Ich ernte die auch immer mit den Händen, weil ich mich so freue, wenn ich die Knollen in der Erde ertaste!

Das ist auch was Hübsches für Städterkinder. Einfach im nächsten Jahr eine angetriebene Kartoffel halbieren und in einen großen Topf mit Erde setzen und ordentlich bedecken mit Erde. Beim Wachsen zusehen und wenn das Grün im August abgestorben ist, rausziehen und die Kartoffelkinder bergen.  IMG_3443

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Im September und Oktober freue ich mich auf Kürbisse. Weniger auf die kühlen, feuchten Abende und das Bäumeverschneiden, Umgraben, das Winter-fest-machen. Aber dafür auf abendliche Feuerchen und alberne Familienselfies mit Mütze und Schal.IMG_1454

Beispielbild eines albernes und unvorteilhaftes Familienselfies am Feuer (Archivbild von 2012)

Beispiel eines albernen und unvorteilhaften Familienselfies am Feuer (Archivbild von 2012)

Der Integrationshelfer

Paul ist jetzt das dritte Jahr ein Teil unserer Familie.

Obwohl, Paul heißt gar nicht Paul und eigentlich ist er auch kein Teil unserer Familie, ja, noch nicht einmal ein Freund der Familie. Denn Paul wird dafür bezahlt, dass er tut was er tut. Und irgendwann wird er gehen. Einer anderen Familie das sein, was er jetzt für uns ist.

Angefangen hat alles vor mehr als zwei Jahren, als im Zuge der Diagnostik den behandelnden Ärzten klar war, unser Sohn kann aufgrund seiner Persönlichkeitsstruktur und seiner Einschränkungen nicht weiter auf einer Regelschule beschult werden. Sie hatten sieben Monate Zeit, ihn während dieses langen Krankenhausaufenthaltes zu beobachten in der Klinikschule, im Umgang mit den anderen Jugendlichen. Ohne Medikamente, mit Medikamenteneinfluss. Sie waren sich sicher.

Es folgte eine Odyssee an Beratungsterminen bei Ämtern und der Förderschule.

Die Förderschule sagte, sie könnten ein Kind mit seinen kognitiven Fähigkeiten nicht adäquat beschulen, er gehöre eigentlich auf ein Gymnasium! Dort könnte er allerdings aufgrund seiner Auffälligkeiten nicht problemlos integriert werden.

Als Lösungsvorschlag wurde ein Schulintegrationshelfer ins Spiel gebracht. Wir sagten zu.

Und während die Suche nach einer geeigneten Person lief, telefonierte ich die Gymnasien der Umgebung ab und ließ das Telefon bei der Bildungsagentur heißlaufen. Die Gymnasien im Umkreis hatten leider, leider alle keinen freien Platz. Schade! Tut uns leid! Und nein, also ein Kind mit Integrationshelfer könnten sie nicht aufnehmen, aus Brandschutzgründen, wissen sie? Weil, da müsste ja noch ein Stuhl ins Klassenzimmer gestellt werden, dafür haben wir keinen Platz. Das ist leider nicht gestattet, wir sind voll. Die Bildungsagentur meinte lapidar, natürlich hätte unser Sohn aufgrund seiner schulischen Fähigkeiten vom Gesetzgeber her ein Recht auf einen Platz auf einem Gymnasium, und ich könnte das gern einklagen, aber am Ende entscheiden die Direktoren der einzelnen Schulen über die Vergabe der freien Plätze und wenn sowieso nichts frei wäre, was soll man da machen!

Unser Sohn war zu diesem Zeitpunkt Schüler auf einer Mittelschule. Er blieb es.

Und dann kam Paul.

Ich bekam einen Anruf, man hätte einen Bewerber für die ausgeschriebene Stelle. Er wäre Mitte zwanzig, kein Sozialpädagoge, er käme aus einem Kindergarten, wo er mit autistischen Kindern gearbeitet hätte. Alle erfahrenen Integrationshelfer wären leider vollkommen ausgelastet, ob wir uns den jungen Mann wenigstens mal ansehen wöllten?Wir wollten.

Ich weiß nicht mehr, was ich für eine Vorstellung hatte, aber da saß dann auf einmal ein Klon von Meister Proper vor mir. In der tätowierten Version. Ein braungebrannter Hüne mit Hipster-Käppi auf der Glatze und bunten Riesenkopfhörern um den Hals. Ein Kerl wie ein Baum mit Pranken wie Klodeckeln und schrillen Youngster-Klamotten. Und einem offenen Blick aus großen neugierigen Kinderaugen.

Bingo!

Was Paul möglicherweise an Erfahrung fehlte, machte er vom ersten Tag an durch Begeisterung für seine Arbeit und einen spürbaren Willen wett, dem ihm anvertrauten Kind auf seinem Weg ins selbständige Leben zu helfen.

Vom Jugendamt (der Kostenträger dieser Maßnahme) waren zweiundzwanzig Wochenstunden bewilligt und diese Stunden wurden sinnvoll verteilt. In den Stunden, in denen es erwartungsweise Probleme geben kann aufgrund von Freiarbeit oder ähnlichem, ist er immer anwesend. Sitzt hinten in der Klasse, schreibt manchmal mit, hat die Klasse im Blick und seinen Klienten. Greift ein, wenn nötig, oder beobachtet und wertet bestimmte Situationen im Nachgang mit unserem Kind (und/oder mit uns) aus. Er begleitet ihn auf Exkursionen oder zum Praktikum, vermittelt, moderiert. Alles aber nur, wenn er merkt, das Kind schafft es nicht alleine. Sein Fokus besteht darin, ihn zu ermutigen, zu stärken, Lösungswege zu finden. In den jeweiligen Situationen.

(Zu Hause ist das die Aufgabe von uns Eltern, aber im Schulalltag kann das nicht von den Pädagogen geleistet werden, die Zeit fehlt einfach. Selbst wenn ein Schüler einen Integrationsstatus hat (das hat nichts mit dem Integrationshelfer zu tun, das ist ein vollkommen anderer Prozess und ein anderer Kostenträger), bedeutet das im Regelfall, dass der Schule durch die Bildungsagentur eine bestimmte Anzahl an zusätzlichen Wochenstunden genehmigt wird, die zur Förderung des Schülers verwendet werden können. In unserem Fall hätte das nie und nimmer gelangt, dazu sind die Schwierigkeiten zu komplex.)

Paul ist vom ersten Tag zu einem Teil der Klasse geworden. Das hat aber viel mit seiner Art auf die Lehrer zuzugehen zu tun. Sie sehen ihn als Bereicherung, als Hilfe, als Kollegen. Er hat einen guten Einfluss auf das Klassenklima. Aber da ist noch was anderes. Es hat was mit seinem Coolnessfaktor zu tun.

Stell dir einen seltsamen, nerd-igen Außenseiter vor, der in jeder Pause immer nur zu hören bekommt: „Hau ab, du Spast!“, „Verpiss dich, du Kloppi!“, und dergleichen mehr. Und dieser Junge kommt eines Tages (und alle darauffolgenden Tage) mit der coolsten Socke an, die man sich vorstellen kann. Einem Kerl mit Oberarmen wie deine Oberschenkel, einem Boarder, Beachvolleyballer. Einem Typen, der so aussieht, wie sich die ganzen Halbstarken gern selbst sehen. Und dieser Typ scheint den Außenseiter-Kloppi auch noch zu mögen, Job hin oder her. Das macht was mit den Jungs. Definitv! So hat er es geschafft im Laufe der letzten Jahre, die gruppendynamischen Strukturen zu analysieren und für unsere Zwecke zu nutzen. Er weiß, welche Kinder Multiplikatoren sind und hilft unserem Sohn sich zurechtzufinden in einer Welt, die dieser nie verstehen wird.

Bis Paul kam, ging unser Sohn einmal im Monat lustlos in eine „Kontaktgruppe“, wo er mit anderen autistischen Jugendlichen unter Anleitung einer Sozialpädagogin Alltagssituationen nachstellte und daran übte. Paul meinte dazu, Integration funktioniere nicht, in dem man Autisten mit Autisten in ein Zimmer setzt und ihnen sagt, wie das Leben funktioniert! Und jetzt gebe ich ihm recht.

So hat er zum Beispiel zwei Jungen ausgemacht, die zu den coolen Kids gehören und bei denen er ein hohes Maß an Sozialkompetenz vermutete und diese dazu gebracht, als Integrationspaten zu fungieren. Mit diesen Kids und unserem Sohn hat er eine „Abenteuergruppe“ gegründet und sie unternehmen Sachen zusammen oder sind im Wald Bogen schnitzen oder grillen zum Beispiel. Letztens haben sie draußen übernachtet (diese Aktivitäten laufen außerhalb der klassischen Schulintegration und wir bezahlen die Stunden über die Pflegestufe). Das sind herausfordernde Tage für unseren Sohn, in denen er sehr viel lernt. Wenngleich keine Freundschaften, wie wir uns das vielleicht vorstellen oder wünschen würden, daraus entstehen.

Heute habe ich bei Scoyo  einen Artikel zum Thema gelesen und die Bedenken einer Mutter hinsichtlich der Integrationshilfe. Und ich hatte diese auch! Vollkommen unbegründet, wie sich in unserem Fall herausstellte. Bei dem ersten Elternabend nach Pauls „Dienstantritt“ habe ich mich hingestellt und wollte Aufklärung betreiben und wissen, ob jemand Fragen hat. Da stellte sich heraus, dass die Eltern annahmen, der Paul gehöre zur Schule! Die Kinder hätten so von ihm gesprochen, als sei er Teil des schulpädagogischen Konzeptes. Niemandem war klar, dass er tatsächlich nur für unser Kind da ist.

Wobei, das ist ja das Herausfordernde an der Arbeit eines Integrationshelfers. Dass er nicht nur jemandem hilft, sich in bestehende Strukturen zu integrieren, sondern auch die bestehenden Strukturen sanft dazu bewegt, sich zu öffnen um ein Zusammenwachsen zu ermöglichen. Das geht auch nur, wenn derjenige in diese Strukturen eintaucht. Und das Feedback, das die Kinder und deren Eltern an diesem Abend gaben, war eigentlich für mich der Beweis, dass es gut läuft.

Es läuft bis heute gut. Sehr gut sogar!

Wir haben ein offenes, ehrliches und herzliches Verhältnis. Und das mussten wir uns auch erarbeiten. Wenn so jemand in dein Leben tritt, dann tritt er in dein Leben (im besten Fall hat er saubere Schuhe an). Denn er wird zu einer Vertrauensperson deines Kindes, er erfährt Interna aus der Schule. Dein Kind vertraut ihm Sorgen, Nöte und möglicherweise Intimes aus der Familie an. Es kommen auch innerfamiliäre Konflikte zur Sprache. Das muss nicht sein, kann aber. Da hilft nur das Ablegen falscher Scham.

Auch die enge Zusammenarbeit mit dem Jugendamt war im ersten Moment befremdlich, aber am Ende sind wir alle (Eltern, Jugendamt als Kostenträger, der Integrationshelfer, die Schule) bemüht, ein gemeinsames Ziel zu erreichen: Dass unser Kind gut durch die Schulzeit kommt.

Und weiter denke ich auch nicht! Was weiß ich denn, was nach der zehnten Klasse ist. Der zwölften. Ich weiß es nicht. Ich denke und plane nur in ganz kleinen Schritten. Ein Jahr. Und dann das nächste.

Für das nächste Schuljahr ist die Integrationshilfe wieder im Umfang von zwanzig Wochenstunden bewilligt. Irgendwann muss das „ausgeschlichen“ werden, das ist der Integrationsauftrag. Davon sind wir noch weit entfernt. Wir haben es versucht, es ging nicht.

Und noch etwas anderes habe ich stets vor Augen: Paul ist der beste, der einzige Freund meines Sohnes. Was Paul sagt, was Paul macht, alles ist vorbildhaft und wahr und die einzig richtige Sicht auf die Dinge. Für unser Kind. Dass Paul nicht sein Freund ist, weiß der Junge, er „versteht“ es aber nicht, er „fühlt“ es anders. Er hat ja auch keinerlei Vergleich.

Aber eines Tages wird Paul gehen. Gehen müssen. Und unser Kind wird dann ohne ihn weitergehen müssen auf seinem Weg. Und er wird es können. Irgendwann. Davon bin ich überzeugt!

Bis dahin war für die Schuljahre die Integrationshilfe das beste und erfolgversprechendste Hilfsangebot, das wir bekommen haben. War Paul das Beste, das uns passieren konnte. ❤

 

Enthüllung

Falls sich der Eine oder Andere fragt, warum der Mann „Bärtiger“ heißt. Er ist eine Mischung aus Bär und Tiger. Deshalb. 🙂

Alles so schön bunt hier!

Heute ist der zwölfte des Monats. Und wie jeden Monat rennen zig Bloggerinnen und Blogger den ganzen Tag mit der Spiegelreflexkamera um den Hals herum und leben quasi einhändisch. Nur, um am Ende dieses Tages, des zwölften, der Netzgemeinde ihren Tag in zwölf Bildern präsentieren zu können.

Dies ist eine Ode. Oder soll es werden.

Vor einigen Wochen las ich eher zufällig (reißerische Überschrift; klappt bei mir immer!) auf einem Blog einen Verriss der Bloggerfotoaktionen. 12 von 12, das Wochenende in Bildern #WIB und dergleichen mehr. Das wäre alles total unecht, gestellt und die Schreiberin plädierte für mehr realistische Fotos…

Wer will das denn sehen?!

Ganz im Ernst: Jeder, der da mal mitgemacht hat, weiß, dass diese Bilderaktionen privater, ja, intimer sind als alle Texte und dass ganz viel Herz darin steckt. Vollkommen wurscht, ob die Bilder verwackelt sind oder das Motiv langweilig für den Betrachter. Es war an diesem Tag wichtig. Bedeutend. Und unecht? Wohl nicht. Gestellt? Naja, vielleicht manchmal etwas arrangiert. Aber weiß man es? Nein! Und selbst wenn, am Ende des Tages setzt sich eine „echte“ Familie an den möglicherweise „gestellten“ Tisch und sitzt dann bei Kerzenschein und einem acht-Gänge-Menü zusammen. Ist doch Klasse, oder? Ich find das Klasse.

Am Ende geht es hier um Entertainment. Wir sind hier um zu unterhalten. Ob mit Bildern oder Worten. Und ja, einige von uns hängen der Wahrheit gern ein glitzerndes Kleid um. Na und?

Ich freue mich jeden Monat auf diese Aktion. Oft klicker ich mich auch Montags durch die #WIBs, aber der zwölfte ist der zwölfte und das ist quasi der Tatort unter den Bloggertagen. Für mich.

Ich hab auch ein oder zweimal mitgemacht und für einige Lacher gesorgt, eher ungewollt. Und wisst ihr was? Das ist Stress für mich! Echt jetzt. Deshalb ziehe ich ja den Hut vor allen, die das regelmäßig machen. Ich weiß nicht, wie die das hinkriegen… mir fehlt immer der dritte Arm! Also schon prinzipiell. Wenn ich dann auch noch knipsen soll, sieht das so aus:

Na, geht doch! Ich kann meinen Kaffee und meine Streuselschnecke halten und dabei fotografieren!

Na, geht doch, ich kann meinen Kaffee und meine Streuselschnecke halten und dabei fotografieren!

Ach nein, doch nicht.

Ach nein, doch nicht.

Meistens habe ich nicht mal das Handy dabei, geschweige denn eine Kamera. Und die Hände voll mit Kind. Und Essen. Kinderwagen. Einkaufstaschen. Eimer. Ich könnte mir allerdings eine Helmkamera basteln und die so programmieren, dass sie alle zehn Minuten einen Schuss abgibt. Dann bräuchte ich am Abend nur die (Kann irgendjemand hier rechnen?) drölfzig Fotos sondieren und fertig! Das ist natürlich Unsinn, als ob ich eine Helmkamera programmieren könnte…

Es gab natürlich Momente, in denen ich gern die Helmkamera gehabt hätte: Zum Beispiel mein entgleistes Gesicht, als ich letzte Woche eine armdicke Kackwurst auf der Türschwelle zu meiner Küche gefunden habe. Was ist das? Wer war das? Mein Verstand weigerte sich, die visuelle Information sinnvoll zu verarbeiten. Das Foto von meinem grenzdebilen Gesicht hätte ich euch gern gezeigt. Leider hat niemand geknipst.

Oder als der Bärtige mit abgespreiztem Bein halb hinkend, halb hüpfend und laut: „Iiieh! Iiieh!“ rufend aus dem Schuppen kam, einen warmen Haufen zwischen den Zehen zerquetschend, da habe ich auch kein Handy dabei gehabt. Ich hätte zu gern ein Video gemacht! Allerdings weiß ich nicht, ob ich vor lauter Lachen das Ding auch nur drei Sekunden hätte ruhig halten können.

(Exkurs: Es ist heiß. Es ist Sommer. Es ist des Babys zweiter Sommer. Nein, wir anderen scheißen nicht einfach in die Gegend. Nur einer von uns.)

Oder gestern, als ich mit dem Baby duschte und dieser dann beschloss, es reiche ihm jetzt und mitten in meiner Conditionerphase die Duschkabine verlassen wollte und ich quasi blind das glitschige Männlein aus der Dusche hievte und dann comedyreif in dem ganzen schmierigen Schaumzeugs die Beine in die Luft riss und in der Duschkabine eine Breakdancerolle auf dem Rücken machte (In dem Video wäre ich dann allerdings bekleidet). Es gibt kein Video. Leider.

Es gibt auch heute keine zwölf Fotos von mir. Aber viele andere haben sich die Helmkamera aufgesetzt, sind mit Spiegelreflexkamera um den Hals den ganzen Tag rumgelaufen, einen dritten Arm am Brustbein montiert, der das Handy im Anschlag hält und dergleichen mehr. Alles nur, um uns eine Freude zu bereiten. Um uns zu unterhalten.

Ich weiß nicht, was ihr jetzt macht. Ich für meinen Teil geh jetzt in Fotos bei der 12 von 12-Sammlung stöbern. Und ich bin sicher, jede(r) von denen weiß, wie eine Kackwurst im Flur aussieht. Realität? Ach, hör doch auf! Ham wir alle genug.

In diesem Sinne: Gute Unterhaltung!

Kommt ein Hypochonder zum Arzt…

Folgende Gesprächssituation könnte sich unter Umständen so oder so ähnlich am Montag in einer Pieschener HNO-Praxis zugetragen haben. Könnte.

„Guten Tag, sagen sie?! Na, ich weiß noch nicht, ob das ein guter Tag ist. Wir sollten vorerst beim „Hallo“ bleiben. Ich habe seit circa einer Woche Schmerzen hinterm Ohr. Also der Knochen, dieses Halbrund dahinter, tut weh. Und es hat sich ein Knubbel gebildet, das finde ich alarmierend.

Es ging erst damit los, dass ich keine Brille mehr tragen konnte, weil das drückte. Mittlerweile tut es konstant weh. Kein infernalischer Schmerz, wie er zu einer Ohrenentzündung passen würde, eher wie eine Zahnfleischentzündung. Aber am Kopf. So dumpf, wissen sie? Und permanent. Widerlich! Drehe ich mich des Nächtens versehentlich auf die linke Seite, werde ich wach von dem Schmerz.

Ich war am Wochenende beim Notarzt deshalb. Man will ja nichts verschleppen. Sinnloserweise dachte ich, da sei wenig los und ich wäre damit besser beraten als mich montags um acht zwischen fünfzig Rentner in die Allgemeinarztpraxis zu setzen. Es war auch wenig los, aber ein ungeschriebenes Gesetz in der Notaufnahme besagt, dass ein einzelner Patient mindestens zwei Stunden warten muss, um die Dramaturgie aufrechtzuhalten. Und erst dann aufgerufen werden kann, wenn wirklich jeder der diensthabenden Ärzte und Arzt-Azubis mindestens ein, besser zwei, Heißgetränke aus dem angeflanschten Automaten gezogen hat und sich danach einer von den Kollegen durchgeführten Magenspiegelung unterzogen hat um zu gucken, ob sich eventuell eine Schleimhautreizung ergeben hätte aufgrund des Automatenkaffees.

Jedenfalls diagnostizierte der Arzt dann nach zwei Stunden Rumsitzen eine Knochenhautentzündung, eine Mastoiditis quasi, wir können ja miteinander „ärztisch“ reden hier. Dazu passt ja auch der Knubbel, wenn sich da ein Abszess bildet. Als erfahrener Patient wusste ich sofort, was mir blüht! Ich habe kaum noch geschlafen und sämtliche Operationspraktiken nachgelesen. Das war ein Wochenende, ich kann ihnen sagen. Er meinte dann, ich sollte mich am Montag beim Facharzt vorstellen und sie würden wahrscheinlich eine Endoskopie durchführen um eine Tumorerkrankung auszuschließen.

Also, ich sag ihnen gleich: Dafür habe ich keine Zeit! Sie werden mir keine Sonde durch die Nase in den Schädel fädeln! Nicht am helllichten Tag und bei vollem Bewusstsein! Gut, unter Vollnarkose von mir aus, da können sie auch gleich alle anderen Körperhöhlen ausfunzeln. Unter uns gesagt, ich steh ja auf Narkosen, ich reite auf dem blauen Einhorn, bis die Wolken wieder lila sind, und sie dürfen Höhlenforschung betreiben. Nicht?!

Ach so, sie wollen mal tasten. Halt, was ist das für ein Ding? Bei ihnen sieht’s ja aus wie bei Mister Grey. Lauter so Metallzeugs! Was ist denn das… ich fass ja gar nichts an! Sie müssen nicht gleich schimpfen. Angst? Nein, ich hab keine Angst. Also vorm Zahnarzt vielleicht, da kann ich mich nicht benehmen. Ich denke immer, wenn die meinen Namen morgens im Bestellbuch lesen, kippt das komplette Praxisteam erst mal ne Literflasche Klosterfrau auf Ex. Rein prophylaktisch zur Nervenstärkung. Die tun mir wirklich leid. Also ich mir auch, keine Frage, aber die auch schon. Ich bin ja ein empathischer Mensch.

Nein, das tut nicht weh, wenn sie da drücken. Hm, eine Mastoiditis hätte ich mir mit einer Entzündung einfangen müssen, oder? Der Knubbel hinterm Ohr könnte ja auch ein Hinweis auf ein Atherom oder Cholesteatom sein, oder? Jaja, ich habe mich belesen, ich komme doch nicht unvorbereitet zu ihnen.

Wie, sie wollen in meine Nase gucken!? Wozu denn das? Aaaargh… ich weiß nicht, ob das nötig war! Ist ihnen langweilig? Der Knochen hinterm Ohr ist das Problem! Was machen sie denn jetzt… au… dang ing ungangenehng! Was sagen sie? Kiefergelenk? Trigeminusnerv? Klar weiß ich was das ist, aber mache ich auf sie den Eindruck, als hätte ich eine Gesichtslähmung?

Sie meinen also, ich brauche eine Bissschiene. Das kann nicht ihr Ernst sein! Ach, doch, ist es. Und ein orthopädisches Kissen zum Schlafen, sagen sie? Dann spare ich mir die Verhütungsmittel, soviel ist schon mal klar. Spaß beiseite, was machen wir denn jetzt mit meiner Mastoiditis? Kann man da noch mit Antibiotika gegensteuern, oder muss das operiert werden? Ich habe mich am Wochenende bereits belesen… Keine? Nicht? Nur Zahnarzt?! Den Knubbel einen harmlosen Lymphknoten zu nennen halte ich für höchtgradig fahrlässig von ihnen. Hören sie, man kann doch einen Sonnenstich haben und gleichzeitig einen Gehirntumor! Theoretisch. Beides macht Kopfschmerzen.

Nein, ich habe keinen Sonnenstich, ich rede immer so viel. Passen sie auf, ich habe es mir überlegt. Wir machen einen Termin für eine Endoskopie. Ja, sie dürfen, heute ist ihr Glückstag! Ich finde, das sollten sie sich wirklich mal genau von innen ansehen. Man übersieht doch so leicht etwas, oder nicht? Sie wollen doch nicht, dass meine Kinder mutterlos aufwachsen müssen, oder?

Wie, schon wieder wünschen sie mir einen guten Tag? Irgendwie fühle ich mich nicht richtig ernstgenommen von ihnen. Na gut, ich werde eine zweite Meinung einholen. Und einen Termin beim Zahnarzt machen. Die werden dort weinen vor Freude, wenn sie meinen Namen im Bestellbuch lesen.“

Sprachwortschätzchen

Ich muss das jetzt mal aufschreiben! Ich vergesse das sonst (Wie alles. Zum Beispiel, dass ich keine leeren Töpfe, Holzbretter oä. auf dem Herd stehen lassen soll, weil der Blondino die Platten anmacht und Rauch und Stinki produziert.).

„Das“ sind die aktuellen verbalen Kommunikationsversuche des Babylinos. Er ist heute auf den Tag genau zweiundzwanzig Monate und zweiundzwanzig Tage alt. Oder jung.

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Gugu…            Kuscheln

Badengg…       cooles großes Auto (zum Beispiel Müllauto)

Kradengg…     krass großes cooles Irgendwas (zum Beispiel Hubschrauber oder Flugzeug)

Hadengg…      Hasen

Hodengg…      (Kommt schon, das ist jetzt einfach!) Hosen

Ösil…               Nein, kein Fußballer, sondern: Esel

Milß…              Milch

Gesi…              Käse; kann nur in Form von Reibekäse gegessen werden

Giesi…             Gießen (im Garten); ist von der Familie schon als gängige Redewendung adaptiert worden: „Ich geh mal Giesi machen!“

Ölbe…             der Fluss, an dem wir leben

Wasseeeer…   Wasser

Äbbl…              Äpfel (oder grüne Tomaten)

Maten…           rote Tomaten

Erbern…          Erdbeeren; auch Johannisbeeren, Stachelbeeren, Jostabeeren

Mimi…             Müsli; auch jede Form von Cerealien

Gub…              Buch

Kratzen…         Kerzen

Krab…              Quark (in der Fruchtzwergversion)

Miu…               Melone oder Katze (je nach Kontext)

Buff…               Schließen einer Tür, eines Schiebers

Guda…             Bruder (der Guda…)

Baba…              Baden

Am…                 Licht anmachen! Oder aus! Oder Musik! Rate, was ich will!

Mal…                Los, sing für mich!

Kacka…            Schokolade; es war auch schon mal Kakao, der heißt aktuell…

Krakau…         Kakao

Bass…              Saft

Wawa…           Hund

Nana…             unbestimmtes Tier (alle außer Katzen, Hunde und Giraffen)

Graffen…        genau: Giraffen

Fuhe…             Schuhe

Lülle…             Schlüsselbund

Brrrrrr…          Auto

Hot Stuff

Eines Tages ging es los und es ist nicht mehr zu stoppen. Jeden Morgen das gleiche Spektakel: Kaum hebt man den Blondino aus dem Bettchen, stapft er zu seiner Kindergarderobe, fetzt Jacke, Gummihose und was er sonst noch in die Finger bekommt vom Haken und schreit „Krangg!“ (Für Leute, die sich das akustisch vorstellen wollen: Er klingt wie die Chipmunks.).

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Also „Krangg!“. Oft auch gefolgt von dem Befehl: „Dadda!“, mit entgegengetrecktem Anziehzeug. Sicher habt ihr alle sofort geschnallt, was gemeint ist (Natürlich!). Kran, Bagger. Nein, nicht Puppenwagen und Bilderbücher. Auch nicht Stifte und Bildungsspielzeuge wie Puzzles oder Steckspiele. Nichts dergleichen fixt ihn so an wie Baustellen. Kranggs! Große Kranggs!

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(Vielleicht noch ein Badengg. Badenggs, also Müllautos, sind auch cool. Nicht so cool wie Kranggs, aber auch cool. Der beste große Bruder von allen hat neulich während Blondinos Mittagschlafs von seinem Zimmer aus Ankunft, „Action“ und  Abfahrt eines Müllautos gefilmt und wird jetzt ob dieses Filmchens noch mehr als sonst abgöttisch geliebt von seinem Zwergenbruder. Falls das möglich ist.)

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Badengg. Mit Zukunftsprognose.

Ihr müsst wissen, der Blondino hat einen Job (glaubt er): Er ist Baustelleninspekteur. Das nimmt er sehr ernst. Morgens um sechs will er los. Montags bis Sonntags. Auch an Feiertagen. Und ich muss immer mit. Sogar auf nüchternen Magen. Oftmals frühstückt er dann total busy im Baustelleninspektionsfahrzeug eben das, was ihm seine Assistentin so zureicht, vollkommen in seine Aufgabe vertieft. Es ist egal, ob es regnet, stürmt oder stockduster ist (weil vier Uhr morgens), der Job macht sich schließlich nicht von allein!

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Und so metern wir jeden Morgen durch die (Gott sei Dank!) baustellenreiche Stadt und nichts verzückt ihn so sehr wie der Anblick einer rotweiß gestreiften Barke… „Krangg! Dadda! Krangg!“, quietscht es aus dem Inspektionsfahrzeug.

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Wir sind auch schon bekannt bei den einschlägigen Baustellen in der Umgebung und werden begrüßt mit: „Na, guten Morgen!“, „Euch auch! Ja, wir sind´s schon wieder…“.

Neulich sahen wir zu, wie in der direkten Nachbarschaft Baustellenbarken am Straßenrand errichtet wurden und selbstverständlich haben wir alles begutachtet. Und erfahren, dass ein gehöriger Straßenabschnitt gesperrt werden soll aufgrund von Grundwasserblablabodenblablatiefbauirgendwas.

(Exkurs: Ihr müsst wissen, jeder gesperrte Parkplatzmeter in Pieschen ist eine Katastrophe! Wenn man abends aus der Innenstadt heimkommt, kann man das Gefährt eigentlich gleich dort stehen lassen und die fünf Kilometer heim laufen. Besser wird’s sowieso nicht mehr…)

Erwartungsgemäßes Verhalten wäre also gewesen, sich aufzuregen, zu fragen, wie breit das Stück gesperrte Straße sein wird (und in Gedanken in Autolängen umzurechnen), wie lange die faule Bagage gedenkt, die parkplatzarmen gequälten Pieschner zu malträtieren mit ihrem sinnlosen Grundwasserblablabodenblablatiefbauirgendwas, dass das sowieso eine Verschwendung von Steuergeldern sei und ob sie sich denn nicht schämen würden und siehst du, Kind, wenn du später in der Schule nicht aufpasst, musst du auch irgendwann im Dreckloch sitzen und Grundwasserblablabodenblablatiefbauirgendwas machen!

Stattdessen höre ich meinen Mund sagen: „Oh! Das ist ja super! Stimmts, Babylein? Dann können wir ja jeden Tag hier herkommen und zuschauen. Wir freuen uns, stimmts, Babylein? Bis morgen also. Tschüssi!“. (Hä?! Was?!)

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Und beim letzten Zoobesuch langweilte sich das Kind schon beim dritten Tier und hing lustlos in der Plagenkarre bis… ja, bis wir endlich (!) den Versorgungshof erreichten und es ein paar Fahrzeuge anzuschauen gab. Dann konnte ich aber getrost auf dem Pflaster Platz nehmen und das Picknick rausholen. Das würde hier dauern, das wusste ich. Der Zoobesuch war dann auch ein voller Erfolg. Schließlich haben wir zwei Daddas gesehen.

Der Dresdner Zoo, immer einen Besuch wert.

Der Dresdner Zoo, immer einen Besuch wert.

Apropos sehen. Was seht ihr hier? Ich kann euch erzählen, was der Blondino gesehen hat, als wir vor diesem Pieschner Fenster standen: „Bost! Bost!“. Nichts toppt ein großes Auto…

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Leute, neulich sah ich meine große Chance kommen! Eines Morgens, ich zog mir einen Wegekaffee aus der hauseigenen Maschine und wollte mich marschfertig für die tägliche Baustelleninspektion machen, da erblicke ich aus dem Küchenfenster DAS!

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„Ein Krangg in unserem Hinterhof! Ein Krangg! Baby, komm her! Ein Krangg! Guck dort, ein Krangg!“. Meine Stimme kippte, ich hatte Herzrasen und in Gedanken sah ich mich Eintrittskarten für unsere Küche drucken und mit Flüsterstimme bei der Krabbelgruppe die anderen Jungsmuttis anfixen: „Ey du! Ich hab hier ganz heißes Zeug! Bei mir im Hinterhof. Pssst. Geheim! Ein Krangg und vielleicht auch bald noch ein, zwei Daddas. Ganz exklusiv. Willste? Hier, Eintrittskarten. Zwee fufftsch das Stück!“.

Am Nachmittag war er wieder weg. Leider.

Unser Lieblingsspielplatz

Ich bin keine Spielplatzmutti.

Ich öde mich zwischen Kletterspinnen, Sandkisten und unbequemen Muttiparkplatzbänken. Ich hab keine Lust, dauernd Klettergerüste zu erklimmen um Leben zu retten (real oder eingebildet), den Nachwuchs vor fiesen Vierjährigen zu beschützen oder unschuldige Kleinkinder vor dem eigenen fiesen Nachwuchs…

Spielplatznachmittage sind so verlockend wie… wie ein Termin zur Zahnwurzelresektion!

Doch Moment! Es gibt einen Ort, der ein bisschen wie Abenteuerspielplatz, Tierpark, Wald und Strand ist. In Pieschen. Da staunste, was? IMG_3209

Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt darüber schreiben soll. Will ich denn, dass noch mehr Leute dahin kommen? Nein! Es ist wirklich voll an heißen Tagen, ohne Frage. Aber ihr dürft kommen. Nur nicht weitersagen! Das bleibt unser Geheimnis, okay? 😉

IMG_3079 IMG_3210 IMG_3068 Neben Eseln gibts auch Kaninchen und Meerschweine. Und eine Katze! Blondinos große Liebe ❤IMG_3246Unter schattigen Bäumen gelegen ist eine Liegewiese. Dort stehen an heißen Tagen alte Zinkwannen mit Wasser zum Plantschen. Super Sache! Tretautos, Eimer, Töpfe und Schaufeln warten auf ihren Einsatz. Eine Töpferei gibts ebenso wie einen Budenbauplatz für die großen Kinder. Die Esel dürfen gestreichelt werden und manchmal sogar geritten. Große Kinder können Nachmittags bei der Tierpflege helfen.

Für den Hunger verkauft das Eselnestcafé so originelle Sachen wie Doppelkekse für zehn Cent oder Toast mit Ketschup für fünfzehn Cent. Große können sich eine rohe Bratwurst kaufen und die sich selbst an der Feuerstelle auf einem Stock grillen. Großartig, oder?

Wir waren extra für euch an einem kalten Nieseltag dort, um Fotos zu machen. Nun könnt ihr euch in Ruhe umgucken.

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Direkt an der Elbe gelegen, kommt ihr am besten mit dem Rad hin (bis Radlerstopp Eisenbergstraße), oder mit der Bahn Linien 4 und 9 bis Alexander-Puschkin-Platz. Auch für PKWs findet sich sicher ein Parkplatz.

Un wenn ihr dort seid und denkt: ´Moment mal, das dort drüben ist doch die Nieselpriem!`, dann winkt doch mal! Ich freue mich immer über ein freundliches „Hallo Rike!“.

Bis bald im Eselnest!

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Gedanken um einen Gastbeitrag…

Séverine vom Blog Mama on the Rocks bat mich um eine Geschichte zum Thema „Die Schweiz und ich“. Und ich sagte gerne zu, dachte ich doch spontan daran, wie lustig das werden würde, wenn ich immer nur von der Sächsischen Schweiz schreiben würde! Da verbrachte ich gefühlt meine halbe Kindheit. Als Kind zweier Bergsteiger das natürliche Umfeld.

Die Abgabefrist rückte immer näher. Und ich fand keinen Anfang. Meine gewohnt spitzbübigen Gedanken wollten sich nicht einfangen lassen. Stattdessen verlor ich mich beim Betrachten der alten Fotos in ganz anderen Gefühlen.

Und da war sie auf einmal da. Sprang mich an und boxte mit gegen die Brust! Trauer. Die alte Bekannte. Die verhasste Megäre, die mir den Tag versauen würde! Uneingeladen steht sie in regelmäßigen Abständen vor der Tür. Mit unterschiedlichem Gewand bekleidet. Mal hüllt sie sich in Wut und Trotz, mal in verzweifeltes Unverständnis. Mal in einen Umhang aus Tränen. Auch noch nach so vielen Jahren.

„Das Leben geht weiter!“

Ja, wir Überlebenden leben noch. Ja, wir haben nach diesem Tag X Kindern in dieser Familie Leben geschenkt und die Alten begraben. Und dennoch ist dieses Leben keinen Tag so weitergegangen wie gedacht. Für niemanden von uns.

„Er wurde mitten aus dem Leben gerissen.“

So beschreibt man oft, wenn ein junger gesunder Mensch von einem auf den anderen Tag geht. Aber nicht nur er wurde aus dem Leben gerissen, sondern unsere gesamte Familie. Und das nicht nur für ein paar Trauerwochen. Da ist soviel Ohnmacht, soviel Nicht-begreifen, soviel Nicht-mehr-wollen. Und es hört auch nicht auf. Hört es irgendwann auf? „Das muss doch auch mal wieder aufhören!“, leicht gesagt.

Leben und Tod. Wir werden geboren und sehnsüchtig erwartet. Und wir sterben und werden betrauert und vermisst. In ganz furchtbaren Fällen sogar von denselben Personen. Ist es leichter, wenn man sich verabschieden kann, wie nach einer langen Krankheit? Ist es leichter, wenn man das Gefühl hat, einem Menschen Lebewohl zu sagen, der ein erfülltes Leben hatte und gehen möchte? Ist es leichter, die Hand eines alten Menschen loszulassen? Ich weiß es nicht.

Trauer hält sich an keine Karenz- oder Halbwertzeiten. Und jeder Mensch trauert anders. Ich habe viele Jahre gar nicht trauern können, dachte ich. Stand hilflos daneben, wenn ER von anderen beweint wurde. In mir war alles voller Wut. Ich fühlte mich so betrogen! Betrogen um die so ersehnten Erwachsenengespräche auf Augenhöhe, so betrogen um das Gefühl, seinen Arm um meiner Schulter zu spüren und Stolz in seinen Augen zu sehen, wenn er auf mich herabblickt. Wärest du jetzt stolz auf mich, könntest du sehen, was aus mir geworden ist? Betrogen um das Gefühl, meine Kinder auf seinem Schoß sitzen zu sehen. Trauer hat viele Gesichter.

Ich bin mittlerweile älter, als er werden durfte und dennoch befinde ich mich immer noch in der Rolle eines trauernden Kindes. Habe ich, wenn ich an ihn denke, die Gefühle des kleinen Mädchens, das ich einmal war.

Das Internet vergisst nicht. Als ich meiner Mutter erzählte, dass ich diesen Beitrag für Mama on the rocks schreibe und ich sie fragte, was sie davon hält und wie sie zur Veröffentlichung von Fotos steht, hat sie sofort geantwortet, das sei eine wunderbare Idee! Und Bilder rausgekramt. Alle Bilder in dem Beitrag sind aus dem Album meiner Mutter.

Für uns ist er immer unsterblich. Und nun auch für das Internet, das nie vergisst.

Er war ein tollkühner Bergsteiger, ein leidenschaftlicher Sportler, ein lustiger und draufgängerischer Kerl. Und er war mein Vater.

bmp065… Dieses ❤ ist für all die starken Frauen in meiner Familie!

Dieser Weg wird kein weicher sein…

Dieser Weg wird kein weicher sein…

Laufen ist gesund. Fürs Herz-Kreislauf-System, die Durchblutung, die Figur zum Beispiel. Also auf Waldboden. Auf dem Asphalt ist es ungesund. Für die Gelenke und die Knie zum Beispiel. Sagt das Internet. Und Laufexperten.

Ich bin trotzdem ein Straßenläufer. Warum? Nun, ich stamme vom Rotkäppchen ab. Ziemlich sicher. Immer wenn ich den geraden Weg verlasse, verliere ich auch mein Ziel aus den Augen. Ich hoffe, ich habe keine Großmutter auf dem Gewissen und vorsichtshalber nehme ich auch nie Wein und Kuchen mit zum Laufen.

Ich renne also brav auf dem Elberadweg und schaue nicht nach links (oder rechts) runter zum Fluss, wo nur ein paar Meter weg von mir ein Ufer, ein Strand, ein weicher Trampelpfad lockt. Vor allem mit Ablenkung! Ich bin stark. Ich bleibe stark.

Ich kann nicht immer stark sein…

Und so fragt der Bärtige stets mit den Händen in den Hüften, wenn ich vom Laufen heimkomme: „Und? Warst du heute Sport machen oder hast du nur mit dem Handy rumgeknipst und Blumen gepflückt?“.

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…Die Dresdner Heide liegt ja auch nur einen Katzensprung entfernt von Pieschen und lockt mit ihren elastisch-saftigen Waldböden. Das ist leider keine Alternative für mich. Äste, Moos, Pilze, Beeren, Zapfen… ich denke, ihr könnt es euch vorstellen.

(K)ein stilles Örtchen

Bei uns ist immer Krach. Wir reden und rennen den ganzen Tag durcheinander und hintereinander her. Je mehr Leute anwesend sind, umso lauter ist es und umso mehr wünsche ich mir paar Minuten Stille…

…hoffnungslos.

Wenn ich durch die Wohnung laufe, grölt aus dem einen Kinderzimmer ein Typ namens Alligator, er sei „geistig behindert vor Liebe“, drei Meter weiter tönt ein Gitarrenbarde aus dem anderen Kinderzimmer „Zum Leben geboren, dem Glück anvertraut…“ und weiter hinten in der Küche plätschert das blöde Internetradio auf einem Kanal namens „Bay smooth Jazz“ irgendwas von „Sittin´on the beach und watching irgendwas, wahrscheinlich the Sonnenuntergang und the Wellen“. Arschloch.

Nichts davon will ich hören. Meine Mitbewohner stehen allerdings aus mir unerklärlichen Gründen auf Gedudel.

Wenn ich die Küche durchquere um auf dem Balkon Ruhe zu finden, wird’s ganz schlimm. Wir wohnen in direkter Nähe zu einem freikirchlichen Kinder-und Jugendhaus. Das ist an sich (und für die Kinder) eine super Sache. Für mich als Nachbar eher nicht. Es wohnen da junge Mädchen, die machen vielleicht ein freiwilliges christliches Jahr oder so. Sie wechseln jedenfalls. Diese Mädchen werden meiner Meinung nach aus der „Outtakes“-Schublade von Bohlens DSDS-Comedy Show rekrutiert. Ich kann es mir nicht anders erklären! Gemein ist nämlich allen, dass sie überhaupt nicht singen können, aber dies trotzdem den ganzen Tag tun. Und Gitarre spielen. Also so, wie es klingt, wenn ich mir eine Klampfe umhänge und einfach mit den Fingernägeln drüberschramme. So klingt das. Dazu ein schiefer Mädchengesang voller Misstöne:

„Und darum jubel ich dir zu. Jaja, der Schö-höpfer bist du-huhuhu. Oh yeah-hä!“. Schramm-schramm.

Die Gitarrenlady wurde jetzt ausgetauscht durch eine mit Keyboard. Leider lässt sich das auch auf die Dachterrasse hieven. Immerhin kann die Keyboard-Lady drei Töne.

„Vom Anfang bis zum Ende hält Gott seine Hände über mi-hisch und über di-hisch!“

Ich hab ja keine Ahnung, aber ich glaube, Gott hält seine Hände hauptsächlich weinend an die Ohren.

Wenn ich also mal auf dem Balkon sitze und eine Zigarette rauche, beschallt von den Gottesanbeterinnen (Darf ich das ausnahmsweise sagen?), dann denke ich: Stimmt, Rauchen ist schädlich. Man bekommt Ohrenschmerzen davon!

Bei den Freikirchlern ist auch so den ganzen Tag Trubel. Wenn der Gesang nicht durch jede Ritze quillt, dann das Geschreie der jugendlichen Gäste:

„Ey, du *piep*, komm rüber! Ich *piep* dich bis du *piep*!“

Unser Schlafzimmer liegt zur anderen Seite. Mein Lieblingsraum. Ich bin ja immer müde. Ich kann auch immer schlafen. Theoretisch! Praktisch ist es einfach nur laut! Irgendein Haus wird immer saniert, irgendeine Wohnung braucht neue Dielen. Irgendwelche Blätter müssen weggesaugt werden, Äste abgesägt oder Wände durchlöchert werden. Iiiiiieju Iiiiieju. Wenn ich mittags dort so liege, dauert es auch nicht lang, dann kommt der Auftritt der Müllmänner. Rörörörörörö. Laufender Motor vor unserem Haus. Rumpelrumpelrumpelrumpel. Die Tonnen. Knallknallknallknall. Die Tonnen ordentlich gegen das Auto rungsen. Ratterratterratterratter. Die Tonnen wieder zurück. Pfffffffffffft. Jetzt fährt er los. Drei Meter. Dann wieder: Rörörörörörör und alles von vorn.

Das dauert. Ich liege bittend wach, der Babylino möge nicht erwachen! Ich brauch doch mal ein bisschen Ruhe!

Kaum ist das Müllauto nicht mehr zu hören, Auftritt der Müllidioten. Also alle mülltonnenbeauftragten Nachbarn der umliegenden Häuser. Ratterratterratterratter. Die Tonnen müssen ja wieder zurück ins Grundstück! Ratterratterratterratter. Nein, das kann nicht warten bis Nachmittags! Ratterratterratterratter.

Noch nicht mal auf dem Klo hab ich Ruhe. Wenn ich irgendeine Tür vor dem Blondino zumache, quietscht der vor Verzweiflung in einer Tonlage, die an Fingernägeln auf Schultafel erinnert. Also muss er mit rein. Und er nimmt stets „seine“ Position am Ort des Geschehens ein: Frontal vor mir, die Händchen auf meine nackten Knie gepatscht, der Blick fest auf meine Augen gerichtet und dann Drückgeräusche nachahmen: Ah. Ah. Ah. Ah.

Also, ich kann so nicht!

Ich finde nirgendwo Trost und Mitgefühl. Gestern erzählte ich zum Beispiel dem Bärtigen, dass ich wohl nicht mehr lange hätte. Meine Beine würden schmerzen und Google diagnostiziert eine Trombose oder ein Herzleiden. Vermutlich hätte ich aber beides… Er schaut mich ernst an. Dann haut er mir auf den Schenkel und sagt, ich müsse nur mal oredentlich KACKEN gehen! Gröhl. Außerdem nimmt er meine chronische Obstipation zum Anlass, um sich vor der Tür in Position zu stellen, sobald ich auch nur drei Sekunden im Bad bin. Dann fragt er höhnisch, ob ich schön würsteln würde?! Und wie´s denn so läuft?! Und macht das Baby nach: Ah. Ah. Ah. Ah.

Wenn ihr mich also sehen solltet, wie ich mit einer Packung Trockenpflaumen und Ohropax bewaffnet irgendeine öffentliche Toilette ansteuere: Bitte nicht ansprechen! Nein, wirklich. Ich möchte nicht darüber reden!

Ich will doch nur mal fünf Minuten Ruhe!

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„Schatz, ich hatte einen Unfall!“

Leute, ich sag euch. Ich erlebe Sachen! Gestern zum Beispiel.

Ein riesiger, leerer Dehner-Parkplatz, wie das so üblich ist dreißig Minuten nach Feierabend. Doch halt! Es gibt Leute, die wider besseren Wissens versuchen, nach neunzehn Uhr Nutzpflanzen zu erwerben.

Ich stelle also das KFZ auf dem menschenleeren Parkplatz ab und versuche danach, durch rhythmisches Vor- und Zurücklaufen der automatischen Tür des Gartenmarktes begreiflich zu machen, dass ich um Einlass bitte. Ein asiatisches Couple nähert sich und scheint zu überlegen, ob es sich lohnt, die Nikon rauszuholen („Das ist ein Pflanzengeschäft und hier vorn seht ihr eine Eingeborene bei der Aufführung eines Regentanzes!“).

Ich verziehe mich, starte den Stadtpanzer, setze elegant zurück in Richtung untergehender Sonne und RUMMMMMS! Es knallt. Auf dem leeren Parkplatz.

Ich war dann doch lieber mal nachsehen. Irgendjemand (die Asiaten kamen bleichgesichtig vor Schreck angerannt) hatte mit mutwilliger Absicht einen winzigen, nahezu unsichtbaren Audi A4 in der Farbe von gleißendem Sonnenlicht direkt in die Parkbuchse hinter mich gestellt. Der war einfach nicht zu verfehlen…

Die Asiaten mussten erst mal alles fotografieren, während ich mich souverän der Klärung des unsäglichen Sachverhalts widmete: „Do you know what to do in a case like this?“, piepste ich unsicher.

(Alles muss man selber machen! Dabei habe ich ja überhaupt keine Erfahrung mit Verkehrsunfällen. Also, ich bin schon als Täter aktenkundig, aber ich beschädige eigentlich nur parkende Autos. Oder ich öffne seelenruhig die Fahrertür um auszusteigen und eine beigegewandete Omi mit völlig überladenem Rad kann nicht ausweichen und fährt mir in die Tür. Und ich bin dann schuld! Sowas eben. Da kommt dann die Polizei und macht Theater. Ach, ja… die Polizei!)

„I think, we should call the police. Do you have an insurance paper like this?”, erkläre ich und wedel mit dem grünen Zettel, den ich zwischen drei Dutzend Handbüchern zum Thema Auto aus dem Handschuhfach gezogen habe.

„ No! No police. Follow! Follow!“. Und – Schwupps!- ist mein insurance paper auf einmal in asiatischer Hand, die springen in ihren winzigen Audi A4. „Follow! Follow!“. Ich followe also einem Auto mit zwei Anderssprachigen, die im Besitz meines Versicherungsscheines sind zu einem unbekannten Ziel. Was hätte ich auch anderes tun sollen!

Unterwegs ruft dann der Bärtige zurück und ich kläre ihn darüber auf, dass ich einen Unfall gehabt hätte. „Sage mir nicht, dass das schon wieder deine Schuld war!“, erbost er sich, und ich sage es ihm nicht. Ich frage mich (und ihn) lediglich, was so schwierig daran ist, den Satz: „Schatz, ich hatte einen Unfall!“, von dem Satz: „Schatz, so ein blöder Arsch ist mir in die Karre geknallt!“, zu unterscheiden. Die Asiaten versuchen inzwischen, die Einfahrt vom Audi-Zentrum zu entern. Während ich noch aussteige, besprechen mich die Asiaten fuchtelnd. Ich kann nicht verstehen was sie sagen und hoffe nur, dass es nicht kultureller Brauch ist, dass ich ihnen jetzt einen Neuwagen spendiere. „Excuse me, wait a minute. There is my raging husband on the cellular Dingsbums. Nein, Schatz, ich bin nicht irre! Die hatten das insurance paper. Was weiß denn ich, warum die no police wollten! Vielleicht schmuggeln die Frühlingsrollen im großen Stil. Was bitte hätte ich denn machen sollen?! Ja, Schatz, ich bin jetzt bei Audi. Keine Ahnung, warum. Nein, Schatz, bitte komm nicht her. Bitte! Ja, Schatz, ich kaufe den Rest des Jahres die Schlübbor für die Kinder bei Primark. Wie, keine Dekokäufe mehr? Du, ich muss Schluss machen, da kommt der Herr Audi.“.

Die Leute bei Audi freuten sich auch sehr. Zehn vor acht träumen die doch von so einer spannenden Abwechslung wie der Aufnahme eines Unfallberichts. Vollkommen entgeistert starrten die mich an und fragten, was zur Hölle sie jetzt hier machen sollten?! Ich konnte nur wahrheitsgemäß erwidern, dass mir nach Entwendung des Versicherungsscheines gar nichts anderes übrig blieb, als der Spur des Scheines und den Asiaten hierher zu folgen. Der Audi-Mann fragte die Asiaten, warum sie nicht die Polizei gerufen hätten. „It´s because she looked so honest.“ (zeigt auf mich). Ist das zu fassen? Da hat man einmal im Leben einen schwachen Tag und guckt ein kleines bisschen honest und schon steckt man mittendrin in einer „Follow“ Follow!“- Verfollowungsjagd.

Die bei Audi haben dann den Unfallbericht ausgefüllt und den Schaden begutachtet („Ist nichts weiter! Nur der Schweller/ Stoßfänger/ irgendwas. Kostet circa…“, und nennt eine vierstellige Zahl, die mich spontan der Tränenblindheit anheimfallen lässt.).

Unfallbericht: Deutsche Frau plus asiatischer Kleinwagen und zwei Asiaten plus deutscher Kleinstwagen – peng!

Warum ich das jetzt erzähle ist sonnenklar. Ich will die Filmrechte vermarkten, weil ich Geld brauche. Jürgen Vogel sollte mich spielen. Oder vielleicht doch lieber Moritz Bleibtreu, der guckt schon von Haus aus so honest. Dann kann Jürgen Vogel mein Auto spielen oder den Audi-Mann. Und die beiden Asiaten. Ich sehe eine witzig-spritzige Komödie vor mir. Eine Leiche im Kofferraum (gespielt von Jürgen Vogel) kann man ja noch einbauen!

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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Anspruchsvolle Familienverhältnisse

Ich habe geträumt.

Ich war mit dem Großen bei der Autismusambulanz zu einem Termin. Den Blondino hatte ich auf dem Arm. Dort war eine Garderobe (die sonst nicht da steht) und es lagen in einem liederlichen Haufen überall verstreut Schuhe von mir. Ich fragte mich entsetzt, wie meine Schuhe dahin kämen und versuchte, sie in meiner winzigen Handtasche zu verstauen. Das ging nicht. Ich stopfte. Peinlich berührt und mit Angst erfüllt, irgendwer könnte kommen und das Chaos dort so sehen. Zu guter Letzt beschloss ich, die herumliegenden Stiefel anzuziehen und zu versuchen, die anderen Schuhe irgendwie in meine Taschen zu stopfen. Die Stiefel waren allerdings von jemand anderem ausgetreten worden und mein Fuß fand nicht das gewohnte Fußbett. Ich war verwirrt und irritiert.

Später dann verließen wir die Ambulanz und auf einmal war der große Sohn verschwunden. Ich suchte ihn und ging in eine Kneipe um nachzuschauen. Dort, inmitten fremder Leute, saß er an einem Tisch und blätterte seelenruhig in der Speisekarte. Ich forderte ihn auf, mitzukommen. Er aber teilte mir mit, dass er jetzt Hunger hätte und deshalb hier speisen würde. Im Übrigen habe er schon bestellt und ich möge doch bitte mit seinem Bruder draußen auf ihn warten. Ich erwiderte, das würde ich nicht tun, er solle mitkommen oder dann alleine mit der Bahn nach Hause fahren. Er folgte mir daraufhin laut zeternd nach draußen und machte mir eine wüste Szene. Ich würde ihm nicht mal was zu Essen gönnen und er habe Hunger und nie würde ich mich um ihn kümmern!

An der Stelle wurde ich wach und dachte: Komisch. Das mit den Schuhen ist seltsam. Was mag das bedeuten? Dass ich meine Schuhschränke aufräumen soll?

(C) Fotolia

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Der Rest des Traumes ist überhaupt nicht seltsam und sehr nah dran am Vorstellbaren.

Wenn ich gefragt werde, wie das denn so ist mit unserem Sohn, sage ich meistens: „Anspruchsvoll!“. Ich habe ja schon an mehreren Stellen hier über das Zusammenleben geschrieben und ein bisschen von den Schwierigkeiten. Wobei, niemals und auch jetzt nicht werde ich detailliert beschreiben, was er so tut und sagt. Und mit welchen Situationen wir es hier zu tun bekommen.

Nur so viel kann man getrost sagen: Es ist „für fortgeschrittene Eltern“, das Kind.

Nächste Woche wird er fünfzehn und ich kann mich an kaum eine Woche unseres gemeinsamen Lebens erinnern, in der ich nicht täglich siebzig Prozent meiner Aufmerksamkeit bei ihm gehabt hätte. Weil er das braucht. Die Codes nicht versteht, die das Zusammenleben mit anderen Menschen beschreiben. Ich bin der Decodierer. Er sieht nur sich. Nur seine Bedürfnisse und auch da nur die Momentaufnahme. Das hat nichts mit Egozentrik zu tun! Ihm fehlt das Verständnis, dass er Teil eines Systems ist von Menschen mit ebenfalls Bedürfnissen. Und all das, was jedem von uns in Fleisch und Blut liegt und was wir empathisches Verhalten nennen, ist eine unverständliche Fremdsprache für den Jungen.

Dazu kommen noch Effekte, die ihm und uns das Leben erschweren. Er ist extrem geräuschempfindlich, trommelt, klopft, tippt, wippt und redet aber selbst ununterbrochen. Er spricht den ganzen Tag. Laut, schnell und in einer detailverliebten Art und Weise über Themen, die außer ihn niemanden interessieren. Er möchte sich auch gar nicht unterhalten, er will nur reden (das hat er mal gesagt). Nie macht er Dinge, die wir ihm auftragen, weil wir es sagen. Es muss alles durchdiskutiert werden. Warum macht man das? Und warum soll ich das machen? Und warum jetzt? Nein, ich mach das dann später. Oder gar nicht. Und das mach ich jetzt, auch wenn ich nicht soll. Ich soll das nicht anfassen? Aber warum denn, ich fass das erst mal an und krieg raus, was die Eltern denn haben, muss ja was ganz Dolles sein…

Er bringt mich auch zum Schmunzeln. Wenn es ihm gut geht, ist er quirlig, fröhlich wie ein Kleinkind. Eine Freundin meinte kürzlich, er sei ein Kanarienvogel unter lauter Spatzen. Und da er alles, was im zwischenmenschlichen Bereich als gesellschaftliche Konvention gilt erlernen muss wie Vokabeln, hat das auch teilweise ganz herzerwärmende Züge! Neulich bezahlt er hinter mir im Supermarkt eine Tüte Chips mit seinem Taschengeld und verabschiedet sich von dem Kassierer mit den Worten: „Ich wünsche ihnen einen schönen Tag. Und alles Gute für sie! Und Gesundheit!“, und ließ den verblüfften Mann mit einem verdutzten Fischgesicht zurück.

Das sind die guten Tage.

Und es gibt die anderen. Er gerät manchmal in so „Zustände“. Die dauern meist ein bis zwei Wochen an. Mittlerweile bemerken wir die Frühindikatoren, stehen aber hilflos daneben. Überforderungssituationen, die überhand nehmen. Die lange Schulzeit bis zu den Sommerferien. Krach, Belastung im Schulalltag. Zurückweisung. Und das alles trifft auf einen wachen, hochintelligenten Verstand, der diese Einflüsse aber weder filtern noch verarbeiten kann. Und „durchdreht“, salopp formuliert.

Wenn es ihm schlecht geht, ist es, als hätte jemand unserem Familiensystem einen Knüppel ins Getriebe gerammt. Nichts geht mehr. Alle Ressourcen werden dafür aufgewandt, den „Schaden“ zu beheben. Telefonate mit der Schule, Arztbesuche. „Ich halte es für angebracht, ihren Sohn mal wieder stationär aufzunehmen.“. „Worüber reden wir hier? Sechs Wochen?“. „Mindestens zwölf Wochen.“. „ Das letzte Mal haben sie sechs Wochen gesagt und es wurden sieben Monate daraus. Weihnachten, Ostern, sein Geburtstag!“. Darauf die Ärztin: „Wenn ihr Kind nierenkrank wäre, wäre es für sie selbstverständlich, dass er einmal im Jahr an die Dialyse müsste unter Umständen. Finden sie sich damit ab, dass ihr Junge möglicherweise einmal im Jahr zu uns in die Klinik muss. Er ist krank!“.

Es ist aber nicht dasselbe. Nein, man kann es eben nicht vergleichen! Ich habe ein krankes Kind. Aber so wenig, wie er seine Umwelt versteht, kann die ihn verstehen. Und auch mit diesem Umstand seiner Einschränkungen klarkommen. Die Leute verstehen es einfach nicht. Wie denn auch? Das ist alles wuschig und schwurbelig und da steht dieser hübsche junge Mann und spricht eloquent und: Was? Der soll behindert sein? Und nein, ich weiß nicht, wie es ist, ein nierenkrankes Kind zu haben. Aber ich habe eine klare Vorstellung, wie die Umwelt auf eine derartige Ankündigung reagiert. Und das daraus resultierende Mitgefühl. Und ich weiß, wie die Umwelt auf meinen Sohn reagiert.

Wir Eltern haben alles richtig gemacht. Alles getan, um Hilfe zu bekommen. Und bekommen auch alle Hilfe.

Und denoch bekommen wir keine.

Am Ende sind wir doch allein. Der Mann und ich. Und unser Sohn. Er hat ja nur uns!

Es gibt Tage, an denen ist mir hier nicht nach lustigem Klamauk. Tage der Funkstille, Schreibblockade… Ich würde wirklich gern, aber mein Kopf steckt im Nebel. Ich operiere nur. Muss machen, was gemacht werden muss. Und Ruhe bewahren! Nicht die Nerven verlieren! Sicherheit ausstrahlen! Nicht an morgen und in zehn Jahren denken. Und nach links gucken, den Mann nicht vergessen. Fragen: „Wie geht’s dir? Kommst du klar?“. Und mich dasselbe fragen, täglich. Auf meine Akkus achten. Und am Ende: Diese Worte ausspucken, damit der Nebel sich verzieht und wir morgen wieder zusammen lachen können. Oder übermorgen. Obwohl…

Ich lache auch wenn´s regnet. Denn wenn ich nicht lache, regnet es ja trotzdem!

Karl Valentin

Wenn ich das Baby küsse an so grauen Tagen, dann merke ich, wie mein Akkufüllstand steigt und auch wenn ich sehe, wie die zwei Brüder mit einander umgehen. Da ist nur Zuneigung zwischen den beiden! Und manchmal denke ich, das Baby wurde uns deswegen geschenkt… dieses Wunder, das keiner erklären kann.

Nein! Sie sind beide Geschenke. Wundervolle Geschenke. ❤ Irgendwas hat sich das Universum schliesslich dabei gedacht.

Der unsichtbare Mann

Bettie fragt, wo denn die Männer der Mamabloggerinnen seien. Sie scheinen unsichtbar, meint sie.

IMG_2948Also ich weiß eigentlich immer, wo sich der junge attraktive Kerl aufhält, mit dem ich die Bude und die Kinder teile. Oft ist er im Büro und forscht an dollen Sachen. Oder er ist Mountainbiken mit anschließendem Biertrinken. Oder aber Laufen und hinterher Biertrinken. Manchmal geht er auch einfach mal so ein Bier trinken, ganz ohne vorangestellte Alibi-Sporteinheit. In größeren Abständen ist er weiter weg unterwegs, mit dem Rad oder in den Wanderstiefeln. Manchmal wochenlang. Das sind seine Abenteuer und ich unterstütze das.

Und er?

Er war es, der mir dieses Geschenk im letzten Jahr gemacht hat. Er ist es, der sagt, dass dieser Blog unser drittes Kind sei, weil ich darüber genauso viel sprechen würde wie über unsere Söhne. Weil ich Herzblut hier hereingieße. Abendelang allein im Büro vor der Tastatur sitze, anstatt auf seinem Schoß… Und dennoch: Er nennt es unser drittes Kind.IMG_2981Er liest jeden Beitrag und ist gleichzeitig Kritiker und größter Fan. Hier wie in dem ganzen Kladderadatsch außerhalb dieser Klickibunti-Welt auch.

Es gibt sogar drei Fotos von ihm hier. Wer suchet, der findet! Ihr seht, der Bärtige ist gar nicht unsichtbar. Nur leise 😉 Und ich weiß immer, wo er ist. Nämlich genau hier, neben mir.

Immer.

Mauerreste

Mauerreste

Im vergangenen Sommer hat der Beste unter enormem körperlichen Einsatz und mit Zuhilfenahme des seinerseits besten Freundes und allerlei isotonischer Getränkeunterstützung das Hochbeet von Oma und Opa abgetragen. Wir waren uns sicher, es gibt nichts Hässlicheres als so ein olles Hochbeet!

Die blöden Steine, die wir nun nicht mehr benötigten, hatten wir faulerweise als Mahnmal an die innerdeutsche Mauer entlang unseres Zaunes aufgeschichtet. Vorbeilaufende Passanten befanden wohl, die „Mauer müsse weg!“, und taten das ihrige dazu bei (ebenfalls unter beachtenswertem körperlichen Einsatz, galt es doch, erst den Zaun zu bezwingen).

Mit dem Rest der Wackersteine haben der Mann mit Bart und ich gestern im schwindenden Tageslicht ein gemeinsames Projekt begonnen (Nein, das ist kein Hochbeet! Hochbeete sind doch hässlich. Das ist eine Kräuterspirale, das sieht man doch!).

Gut, die Erde war dann alle. So sieht es jetzt also aus.

Dinge, die andere Leute über unser gartenarchitektonisches Projekt sagen werden, sind möglicherweise:

„Das ist aber keine Spirale!“

„Wer von euch hatte diese interessante Idee?“

„Ich kann den expressionistischen Gedanken sehen…“

„Ist das mit der Form so gewollt?“

„Hat man jetzt wieder Hochbeete?“

„Ist das schon fertig?“

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Neues vom Wollbrecher

Er spricht jetzt, der Blondino. Also nicht deutsch im eigentlichen Sinne. Entweder braucht er bald einen Logopäden oder er ist einfach nur hochbegabt!

Da steht der Knopfäugige also vor mir und bespricht mich eindringlich: „De willo! De willo!“. Mehrmals täglich. Ich erkläre ihm stets, dass es bei uns keinen Wollbrecher gibt und (falls er sich in einer frühen Identitätskrise befinden sollte) er gern ein Wollbrecher sein dürfe oder werden könne, wenn ihm denn der Sinn danach stünde (Wie man das heutzutage eben so macht. Lieber würde ich sagen: „Menschenskind! Nu rede dor ma ordntlisch!“).

Willow (engl.) – der Wollbrecher; to willow (engl.) – krempeln, wolfen

(Quelle: www.leo.org)

Unnötig zu erwähnen, dass ich nicht den geringsten Schimmer habe, was ein Wollbrecher sein soll oder „wolfen“ für eine Tätigkeit.

Wenn wir im Garten sind, gibt er Laute von sich, die sogar von Außenstehenden verstanden werden. Dann nämlich rennt er schnurstracks zu den Beeten, ruft freudig: „Blömmen! Meina Blömmen!“, um dann erst mal ausgiebig Blömmen zu pflücken.

Er hat auch eine neue Freundin, von deren positivem Einfluss aufs Sprachverhalten des Mini-Sohnes ich felsenfest überzeugt bin. Immerhin spricht sie nicht sächsisch. Der Blondino hat mein Handy als Lieblingsspielzeug auserkoren und weiß, wenn er unten auf den Knopf drückt, kommt ein Bild vom Papa und dem Bruder. Er freut sich wie blöde (auch noch beim zwölften Mal) und ruft stets: „Papa!“. Wenn er länger auf den besagten Knopf drückt, geht die Sprachsteuerung an und kein Papa-Bild erscheint. Dann ruft er enttäuscht: „Papa?!“ und die Frau, die in meinem Telefon wohnt, springt sofort hilfreich ein: „Ich weiß nicht, wer dein Vater ist.“. Der Schnullerträger fummelt dann weiter an dem Telefon rum, um den Papa herbeizuzaubern. Angestrengt drückt er überall rum und spricht mit sich selbst: „Ärrölldegöll…“. Auch da kommt die Klugscheißer-Uschi gleich aus der Box und verkündet: „In deinen Kontakten befindet sich niemand mit Namen Erol de Gol.“. Sie haben viel Spaß miteinander. Die zwei.

Ich habe weniger Spaß. Denn das Handy ist meistens verschwunden. Auf dem Festnetz braucht man uns gar nicht mehr anzurufen. Ich höre die Ladestation anklagend klingeln, aber das Mobilteil liegt mit ausgezutschtem Akku unter irgendeinem Schrank. Niemand weiß wo. Ebenso wie der Lülle, sein zweitliebstes Spielzeug. Der Lülle ist eigentlich immer verschwunden! Wir haben Gott sei Dank zwei Lülles, aber ich fürchte schon den Tag, an dem keiner mehr da ist. Dann können wir nämlich das Haus nicht mehr verlassen. „Weißt du, wo der Scheiß-Lülle ist?“, ist die meistgefragtestes Frage in dieser Familie. Keiner weiß es. Ach, doch. Einer weiß es, aber der kann keine dezidierte Auskunft geben.

Meistens gibt er eh nur „Danggg!“ von sich. Mit nach oben gerecktem Arm. „Danggg!“ kann alles heißen und ist vor allem ein Bringebefehl. Er will was und zwar schnell! „Danggg!“. Ich weiß nie, was es ist und rate mich durch. Derweilen dangggt das Kind ohne Unterlass. Ich habe mir schon einen Tinnitus einfgefangen. Der Pubertino weiß zu berichten, dass er eines Tages aus der Schule heimkam und seine Mutter aufgelöst in der Küche vorfand, wo diese hysterisch von sich gab: „Wenn ich heute noch ein einziges DANGGG höre, springe ich schreiend aus dem Fenster!“.

 „Danggg!“

Auch wenn es nicht dangggt, sorgt das Checker-Baby für allerlei Beschäftigung. Die Hälfte des Tages verbringe ich kniend. Wische feuchtes Verschüttetes auf, kehre trockenes Verschüttetes zusammen oder sammle Zerbrochenes vom Boden. Währenddessen findet der Teufel in Babygestalt garantiert den einzigen offenen Schieber oder Schrank und bedient sich derweil selber. Räumt um, aus oder schmeißt mit Puderzucker um sich. Juchhu! Sternenstaub!

Oder spielt mit Senf.IMG_2874

IMG_2875Vor kurzem habe ich zwei von allen Seiten angefressene Brote aus seinem Zimmer geborgen. Selbstverständlich erst nachdem ich bereits jede Menge neues Brot besorgt hatte…

Essen ist generell ein Thema für sich. Er isst eigentlich nichts, was so für Kleinmenschen seines Alters propagiert wird. Aber gern Döner mit Knoblauchsoße. Auch ohne Fleisch. Und ohne Gemüse. Das Brot sowieso nicht. Aber die Knoblauchsauce, die würde gehen! Ansonsten knallt der sich unkontrolliert Physalis in die Rübe. Wenn es nach dem Kinde gänge, gäbe es nur Physalis! Und Gummibärchen als Dessert.

Das mit den Physalissen musste ich einschränken… aus ganz profanen Gründen. Ausgeschiedene Physaloden/ Physalusse/ Physaler (irgendwer muss mich mal erlösen und mir den Plural verraten) werden irgendwann als biochemische Waffe deklariert werden. Da bin ich mir sicher. Ich weiß nicht genau, bei welcher Menge sie ihre tödliche Wirkung entfalten, aber ich war schon oft nah dran (So weit weg kann niemand beim Wickeln den Kopf halten, wie ich in diesen Fällen wöllte!). Also, um mal ein olfaktorisches Gleichnis zu bemühen, der ordinäre Physalschiss verhält sich zu, sagen wir einem gewöhnlichen Bierfurz, wie Klospray zu dem angesagtestem Eau de Sommer 2015. Da kannste nur versuchen, durch die Ohren zu atmen und die Ammoniakdämpfe tapfer wegzublinzeln.

Also, wenn heute Abend jemand vor dir an der Kasse vom Edeka steht und in sein Telefon fragt: „Na, was macht der Willo? Dangggt er noch?“, dann weißte, das ist mein Mann. Die Antwort, die er dann durch sein Telefon bekommt, kannste nicht hören, aber sie lautet: „Ja, er wolft und krempelt vor sich hin. Was so ein Willo eben macht.“.

To be continued 😉

Morgenmenschen

„Hallo sie! Komm´se mal her!“. Eine weibliche Person unbestimmten Alters winkt mich aus zehn Metern Entfernung zu sich herüber. Ich bin müde und schlurfe unmutig in Richtung des energisch wackelnden Armes. „Sie waren doch eben bei De und Emm, oder?!“, erkundigt sie sich. „Wenn sie die Drogeriekette mit dem vollkommen anderen Namen meinen, lautet die Antwort: Ja!“. Mit Stolz in der Stimme und dankesheischend verkündet sie mir: „Sie haben ihre Waren dort liegen lassen. Gehn se mal zurück, schnell, bevor das jemand mitnimmt!“. Ein kurzer Blick in die Tiefen meines als Kinderwagen getarnten Schwerlasttransporters bestätigt meine Annahme. „Nein, ich habe nichts liegenlassen. Aber danke.“, gebe ich zurück. Doch damit bin ich nicht raus. Die Frau weiß es einfach besser: „Doch, doch, ich irre mich nicht. Ich erkenne sie an ihrem Pulli. Sie haben ihre Sachen dort liegenlassen!“. „Hören sie! Ich habe genau zwei Artikel gekauft und beide befinden sich hier in diesem Gefährt. Wenn sie den Kassenbon zur Kontrolle sehen möchten, zeige ich ihnen den gern. Und jetzt will ich einfach nur weiter. Ich will mich nicht streiten und noch nicht mal mit ihnen unterhalten! Nichts für ungut.“. „Nein, vielleicht irren sie sich ja! Gehn se lieber mal zurück!“, befielt der wackelnde Arm energisch. Ich bin einfach nur müde und ergebe mich. Gehe nicht auf direktem Weg nach Hause, nicht über Los, sondern mit vorgetäuschtem Schlenker am Drogeriemarkt vorbei einen Umweg, der mich zehn Minuten meiner Lebenszeit kostet.

Fazit: Wer mir gegenüber etwas durchsetzen will, sollte mich morgens halb neun bearbeiten.

Pieschen lädt ein…

Pieschen lädt ein…

… zum Stadtteilfest „Sankt Pieschen“, seit einigen Jahren von Pieschnern als nichtkommerzielles Straßenfest und Pendant zum Pieschner Hafenfest organisiert.

Hier gehts zum Veranstaltungsflyer. Vielleicht wolltet ihr schon immer mal den Kirchturm der Markuskirche besteigen, mal wieder ein Puppentheaterstück besuchen oder überhaupt mal gucken, wie Pieschen sich so gemausert hat. Am kommenden Wochenende habt ihr dazu Gelegenheit!

Für Kinder allen Alters wird an verschiedenen Standorten jede Menge geboten: Pferdereiten, Spiele, Hüpfburg, Boulderwand, Schminken, Puppentheater…

Das ganze Festareal ist fußläufig sehr gut zu erkunden und vor allem mit den öffentlichen Verkehrsmitteln (Bahn Linien 4, 9 und 13 bis Oschatzer Straße) komfortabel an den Rest der Stadt angebunden.

Wenn ihr Tipps braucht für die Großen, ich würde mich beim Savoir Vivre blicken lassen auf der Bürgerstraße, beim Hackenberg auf der Oschatzer Straße einen selbstgekelterten Wein probieren und abends in der Torgauer Straße rumlümmeln, die Hausgemeinschaften dort habens am nettesten 🙂 Ach, und der Biergarten auf der Konkordienstraße im Hof der Autowerkstatt ist super! Leckerstes Essen und klasse Musik. Wer dann noch Taschengeld übrig hat, die Pieschner Ateliers öffnen ihre Türen und bieten Selbstgekünstlertes an. Unbedingt einkehren solltet ihr auch bei Dresdens allerbestem Eisladen, Nepple´s auf der Torgauer Straße! Egal, was ihr euch an Steaks und Würsten schon einverleibt habt, ihr könnt Pieschen nicht verlassen, ohne ein Nepple-Eis geschnabbert zu haben.

Ihr kommt doch vorbei, oder?

Ach, und einen Schwank zum Thema Stadtteilfest muss ich noch loswerden… die Schwiegermutter hatte uns vor einigen Jahren nach Johannstadt zum dortigen Stadtteilfest dringendst eingeladen. Weil, im Haus der Kulturen würden die Afrikaner Krebs zubereiten! Aha, dachten wir, das ist doch mal was anderes als die Wurschtbemme sonst. Aber nix da, keine Afrikaner und keine Krebse. Wirklich durchschnittliche ur-sächsische Dresdner standen da an einer Bude und bereiteten was? Genau, Crêpe! Dann doch lieber ne anständige Wurscht vom Grill in Pieschen, oder?

sankt-pieschen-stadtteilfest-2015-plakat

Garten- #wib

Garten- #wib

Ich #wib-be heute mal durch den Garten.

Ich war am Samstag das erste mal wirklich alleine dort! Ich saß inmitten Blätterrauschen und Vögelpiepen und vergaß beinahe, dass ich mich noch in der Stadt befinde. Die Bemme hat auch gleich viel besser geschmeckt.IMG_2735

Es sieht schon aus, als wäre es meins: Überall steht und hängt Zeugs rum. Fertig ist hier nichts, aber voll! Voll Krims vor allem…IMG_2739

IMG_2741…Wenn ich Nägel finden würde. Oder die Bohrmaschine! Und mich entscheiden könnte, was an die Wand soll!

Dieses Schmuckstück habe ich beim Trödel gefunden und der Mann war fuchsig und hat gesagt, es könne nur einer bleiben! Er oder der Tisch! Ich habe selbstverständlich höflich gefragt, ob er Hilfe bräuchte beim Packen. Der Mann (Sie sind erwartungsgemäß beide noch da und ignorieren sich gegenseitig.).IMG_2766

IMG_2738Küche (Ausschnitt, also der Ausschnitt mit der höchsten Krimskramsdichte)

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Sieht abenteuerlich aus, ist es auch: Der Treppenaufgang unters Dach. Der Bärtige hat am vergangenen Wochenende die zweite Seite ausgebaut und unter gigantischen Flüchen (beispielsweise: „Diese Furzkrampe soll der Blitz beim Scheißen treffen!“) folgendes Ergebnis erzielt:

IMG_2743Da kann jetzt eine Hamsterfamilie übernachten. Oder zwei von uns Leuten. Mit herunterhängenden Beinen. Wir werden mal sehen…

Die andere Seite der Treppe sieht so aus:IMG_2744Ich glaube, wir haben bald einen Familienschlafbereich, wenn auch einen mit halsbrecherischen Auf- und Abgang.

Draußen siehts vergleichsweise langweilig aus:IMG_2736

IMG_2737Es wächst alles, niemand ist überraschter als ich! Ich muss jetzt mal ein bisschen mit Pflanzencontent um mich schmeißen…IMG_2759

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IMG_2750Bilder meiner spektakulären Brennessel-Zucht:

IMG_2752Das hier ist kein Unkraut, das muss so! Wird noch was… hoffe ich.

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IMG_2748Ich habe alle Fässer und Außensteckdosen mit „Kindersicherungen“ verrammelt. Bis zur Unbenutzbarkeit 🙂IMG_2756

IMG_2767Am schönsten finde ich die olle Tür vom Schuppen (inklusive Spinnweben):IMG_2763… und das Außenwaschbecken, das sich der Wein unter den Nagel gerissen haben wird am Ende des Sommers:IMG_2762

IMG_2747Am Sonntag waren wir wieder alle vier dort. War dann nix mit Ruhe und die Vögel haben sich auch ängstlich verzogen, aber das ist mein liebstes Gartenpflänzchen (von hinten):IMG_2782Das war mein Wochenende in Bildern (#wib) mit der Sondersendung „Du und Dein Garten“. Hier kommt noch ein Selfie der spießigen Gärtnerin im Spiegel vor oberspießigen Petunien in -ja wirklich- einem Plastebalkonkasten. Ach, dann lacht doch! IMG_2761

Mehr Wochenendenbilder gibts bei Susanne von geborgen wachsen.

Warum ich wirklich in Pieschen wohne…

Ich wohne gern in Pieschen. Meistens. Warum es mich hierher verschlagen hat, kann man hier nachlesen.

Aber vielleicht ist das ja gar nicht die ganze Wahrheit, wer weiß?

Folgende Begebenheit geriet uns die Tage wieder ins Gedächtnis und mittlerweile kann auch ich darüber lachen.

Zwei unschöne Dinge korrelierten, konglomerierten quasi und gipfelten in einer Situation, die mich damals in allergrößte Erklärungsnot brachte und möglicherweise dafür sorgte, dass wir weit weit weit weg von Dresden-Striesen eine neue Heimat suchten:

Zum Einen die Unart meines damals etwa neunjährigen Sohnes, spätnachts heimlich mein Bett zu entern. Und zum Anderen meine eigene Unart, nach dem fragwürdigen Genuss von Kochsendungen im Privatfernsehen vor der laufenden Glotze wegzuratzen.

Jedenfalls erklärte der Sohn eine Zeitlang allen Nachbarn, der Besitzerin des Getränkemarktes an der Ecke, der Bäckersfrau, seiner Lehrerin und jedem anderen Menschen, der mit uns irgendwie ins Gespräch kam:

„Meine Mama guckt jede Nacht schwule Frauen im Fernsehen! Die reiben ihre Brüste aneinander!“

Warum aus mir nie ein Zonenromantiker wird…

Dieser Text spiegelt meine höchstsubjektive Meinung und mein eigenes Erleben. Er will weder ein Geschichtsbuch noch andere Sichtweisen ersetzen. Ein Hoch auf die eigene Meinung!

Ich bin neunzehnhundertsiebzig geboren. Im Tal der Ahnungslosen. Aufgewachsen ohne Westfernsehen, RIAS und Bananen. Es gab tatsächlich nur Äpfel und faserige, saftlose Orangen aus Kuba („Kuba-Orangen“, nicht zu vergleichen mit „Navel-Orangen“, die gab es in reglementierten Mengen an Weihnachten). Obst und Gemüse wurde saisonal verkauft. Gurken und Tomaten gab es halt nur im Mai! Ende der Durchsage. Und Birnen im August.

Was ich aber als Verdienst des Sozialismus ansehe, ist die Gleichstellung von Mann und Frau. Das war so und das wurde auch tatsächlich so gelebt. Und gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Bereits seit den Fünfzigerjahren war die Gleichstellung von Mann und Frau gesetzlich verankert, galt es als Scheidungsgrund, wenn ein Ehemann die berufliche Weiterentwicklung seiner Frau nicht unterstützte. Laut Ideologie des Marxismus-Leninismus kann die Gleichstellung der Frau nur durch wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Mann, und die nur durch die vollständige Integration in den Arbeitsprozess erreicht werden. Lenin sagte, Hausarbeit sei die „Sklavenarbeit der Frauen“. Hausfrau war kein anerkannter Beruf. Ich hatte keine „Nadelarbeit“ in der Schule, ich hatte „Werken“. Ich lernte erst als erwachsene Frau einen Knopf anzunähen, konnte aber bereits im Grundschulalter verschiedene Werkzeuge bedienen. Und meine Schulbücher waren voll mit starken, kämpferischen Frauen: Clara Zetkin, Käthe Kollwitz und Rosa Luxemburg zum Beispiel. Oder Valentina Tereschkowa, die erste Frau im Weltall. All diese Frauen waren Vorbilder und hatten einen großen Einfluss auf das Bild, das ich von einer „vorbildlichen“ Frau hatte. Parallel zu den Frauen in meinem Leben. Diese hatten in dem System, in dem ich aufwuchs, die gleichen Rechte und Pflichten wie Männer. Mit dieser Selbstverständlichkeit wuchs ich auf. Ich sah darin nichts Exklusives. Ich war quasi per Geburtsrecht gleichberechtigt. Das zählt für mich zur größten Haupterrungenschaft meiner sozialistischen Prägejahre.

Des Weiteren gab es zinslose Familienkredite und subventionierte Kultur. Ein fast Gratismittagessen für alle Kinder und die stets hervorgezogene flächendeckende Kinderbetreuung. Bevor alle rufen: „Das wollen wir auch!“, lest erst mal zu Ende. Das alles hatte einen Preis, den auch heute kaum einer bereit wäre, zu zahlen…

Kinderkrippe, Kindergarten, Schule am Samstag, Fahnenappell, Kinderferienlager, organisierte Kinderfreizeiten in Arbeitsgemeinschaften, Sportvereinen. Ganztags Schulhort auch in den Ferien. Später – für die Jugendlichen – Beschäftigung in der „Gesellschaft für Sport und Technik (GST)“, und Wehrunterricht (wegen der Bedrohung durch die reaktionären kapitalistischen Staaten). Du warst als Kind untergebracht und beschäftigt. Von früh bis spät.

Das hatte den Zweck, die Arbeitskraft beider Elternteile für die Sicherstellung der sozialistischen Produktion freizuschaufeln. Und die Erwachsenen gingen arbeiten. Viel. Akkordarbeit war sehr beliebt, da dies leistungsbezogene Bezahlung versprach. Außerdem waren noch Berufe wie Frisör, Taxifahrer und Kellner sehr beliebt. Diese kamen in den Genuss von Trinkgeld. Viel Trinkgeld. Und manchmal auch in Form von Forumschecks, die dann auf dem Schwarzmarkt 1:20 getauscht wurden. Denn nur wer entweder viel Geld besaß oder in den Genuss von Valuta kam, konnte sich irgendwie von der Masse abheben. Sei´s durch Klamotten aus dem „Exquisit“, wo eine Nietenhose (Jeans) schon mal ein kleines  Gehalt kostete. Oder sei es durch ein tolles Auto. Und auf alles musste gewartet werden: Die Schrankwand, das Auto, der Fernseher. Es gab Anmeldescheine für den Führerschein, Anmeldescheine fürs Auto, für den Raduga-Farbfernsehr. Wenn so ein Anmeldeschein auslief, war dieser fast soviel wert wie der Warenwert selbst!

Das öffnete (in meinen Augen) schmieriger Geschäftemacherei Tür und Tor und die gerne von Zonenromantikern besungene Gemeinschaft und den Zusammenhalt sehe ich in einem anderen Licht. Echte Gemeinschaft definiere ich anders. Das waren vielmals dem Zweck geschuldete Abhängigkeiten. Es wurde gemauschelt, was das Zeug hielt. Getauscht. Der Eine kam an Ziegel ran im Betrieb, der nächste an Zahnriemen für den Wartburg, der Dritte hatte Verbindungen zu irgendwas anderem. Durch die allgemeine Verknappung von allem möglichen war man dringend auf die anderen angewiesen. Und hatte man nichts im Tausch anzubieten, am Arsch! Was oben im Satz mitschwingt, ist auch bittere Wahrheit: Das Wort „Volkseigentum“ wurde sehr wörtlich ausgelegt. Ich kann nicht mal sagen, dass die Leute geklaut hätten in den Betrieben, das Unrechtsverständnis war ein anderes für das „Volkseigentum“. Du arbeitest in einer Ziegelei und der Nachbar braucht Ziegel im Tausch gegen eine Kiste Radeberger unter der Hand? Dann warst du der Mann der Stunde!

Was wirklich an der Tagesordnung war, sind Feiern von Hausgemeinschaften. Oft im Wäschetrockenraum. Und Betriebsvergnügungen, bei denen sogar alle Rentner der Brigade stets mit eingeladen worden. Es wurde sich schon gern getroffen und auch gern zusammen gefeiert. Aber wie gesagt, vieles diente auch der Anbahnung von Geschäften.

Meine Eltern waren nicht linientreu. Es gab einige Vorkommnisse, die sehr viel mit Willkür und dem Gefühl eines Allmachtsstaates zu tun hatten. Und auch wenn sicher alles getan wurde, solche Sachen von den Kindern fernzuhalten, du kriegst das mit. Und auch das Bespitzeltsein war gegenwärtig und wenn irgendwer „wusste“, dass Müller, Meier oder Schulze spitzelt, sprach sich das wie ein Lauffeuer rum. Sicher wurde da auch denunziert! Und zwar in beide Richtungen. Wenn dich wer anschwärzte, wurdest du vernommen und dann – wo Rauch ist, ist auch Feuer – zur Sicherheit einfach weiter beobachtet. Ich glaube, es war sehr schwer, wirklich zu vertrauen, gerade wenn man nicht alles dufte fand im Arbeiter- und Bauernstaat. Ich weiß auch von einigen, die später ihre Stasi-Akte nicht einsehen wollten aus Angst, den Cousin, Onkel oder die Lieblingsnachbarin als Informanten /-in zu lesen.

Ich habe mich gefragt, wann ich meine kindliche Unschuld verlor. Möglicherweise mit dreizehn. Ich galt als sprachliches Ausnahmetalent und in meiner Heimatstadt gab es schon damals eine renommierte Sprachschule, damals eine Oberschule, heute ein Gymnasium. Meine Lehrer setzten den Eltern zu, ich würde auf diese Schule gehören! Der Direktor meiner Schule sagte geradeaus, nein, er würde den Delegationsantrag nicht unterschreiben und ohne seine Unterschrift bräuchten wir es gar nicht versuchen! Und wir versuchten es nicht mal.

Das war mein erster Kontakt mit Willkür. Die sollte sich wie Smog über die nächsten Jahre meines Lebens legen. Abitur konnte nur machen, wer delegiert wurde. Dann konntest du aber auch nicht zwangsläufig studieren, was du wolltest! Ebenso wenig, wie du den Ausbildungsberuf frei wählen konntest oder später deinen Arbeitsplatz! Es gab eine Stellenplanung, die ausspuckte, wie viele Ingenieure für dies und das und wie viele Bäcker etc. in den nächsten Jahren gebraucht würden im kleinen Land. Aus dieser Bedarfsanalyse speiste sich der Stellenplan. Dann wurde auch bei Bewerbungen selektiert nach Linientreue und Mauschelpunkten („Das ist die Tochter der Nachbarin meiner Cousine, die legste mal weiter oben off´n Stapel!“).

Ich lernte Elektronikfacharbeiter. Weil die gebraucht wurden. Und weil meine Eltern keine Beziehungen hatten ins Frisörhandwerk oder sonstwohin.

Auszug aus meinem Lehrvertrag

Auszug aus meinem Lehrvertrag

Mit sechzehn trat ich meine Lehre an und war schon ein wenig widerborstig und desillusioniert. Ich färbte mir die Haare bunt (und wurde deswegen zum Personalgespräch gebeten), trug Sommer wie Winter eine Lederjacke und Stiefel mit Nieten und umgab mich mit Subversiven und Dissidenten. Wir gingen auf verbotene Punkkonzerte, fuhren schwarz nach Berlin, besetzen Abrisshäuser, machten total wilde Sachen! Echt. Also nein. Nicht gemessen an heutigen Maßstäben.

Gefährlich war´s trotzdem. Jugendlichen drohte der Jugendwerkhof bei systemschädigendem Verhalten, ab dem achtzehnten Geburtstag wurde es richtig ernst.

Es ging schnell, dass du in den Fokus irgendwelcher Spitzel gerietest. Mein damals bester Freund war ein späterer Mitbegründer des Neuen Forum. Ein sanfter Junge, der Gewalt ablehnte und sich an Malerei und Schwarztee mit Kirscharoma berauschte. Der war ständig wegen „asozialem Verhaltens“ dran. Ich war das erste Mal zur Vernehmung kurz vor meinem achtzehnten Geburtstag. Wegen Verdachts auf „Herabwürdigung des Staates“. Morgens gegen drei Uhr wurde ich mit Handschellen aus meinem Kinderzimmer geholt. Ich durfte weder Zähne putzen noch einen Schlüpfer anziehen. Auf dem späteren Foto auf der Polizeiwache stand ich da mit Nachthemd, Stiefeln, Jacke und zerzausten Haaren. Abends haben sie mich zurückgebracht, zur Primetime, als alle Nachbarn meiner Eltern aus dem Fenster guckten… Die zweite Verhaftung erfolgte wegen versuchter Republikflucht über die Slowakei. Ich weiß nicht mehr, was mich geritten hatte und ob wir uns bis nach Jugoslawien durchschlagen wollten und ob ich denn nicht mal an meine arme Mutter gedacht hatte?! Jedenfalls war in Tschechien Schluss. Sack übern Kopp und raus aus dem Zug. Ich habe jede „Mittäterschaft“ abgestritten und mein Compagnon hat wohl ähnlich ausgesagt, was mich vor Schlimmerem bewahrt hat.

(Behalten habe ich davon bis heute eine perverse Scheu und ein Gefühl des Ausgeliefertseins gegenüber jedweder Uniform.)

Rückblickend fühlte ich mich als Jugendlicher und Erwachsener in diesem kleinen Land wie von strengen Eltern an der Kandare gehalten! Alles wurde vorgeschrieben: Was du denken sollst, was du tun sollst, was nicht, wohin du reisen darfst und wohin eben nicht. Und immer mit Angst vor Repressalien. „Pscht! Nicht so laut!“ auf jeder weinseligen Geburtstagsfeier.

Was mich immer wieder verblüfft, sind die ab und zu aufkommenden Zonenhymnen (meist von Menschen der älteren Generation). Wie schön es doch alles gewesen wäre! So billig! So behütet! Keine Drogen! Und wir konnten doch auch so schön Urlaub am Balaton machen! Und an der Ostsee!

Nee du. Ich weiß, dass der Alkohol in Massen geströmt ist! Auch bei den Jugendlichen. Und ich war nie am Balaton und nur einmal an der Ostsee mit meinen Eltern. Warum? Nun, weil Urlaubsplätze genauso unter der Hand gemauschelt wurden. Du warst jedes Jahr am Balaton? Aha, was war denn dein Vater von Beruf?! Wir waren in einem Bungalow auf dem Zeltplatz in Meckpomm. Genau. Jedes Jahr. Und froh, wenn wir überhaupt einen Ferienplatz über die FDGB bekommen haben. Vielen Dank!

Mein Vater hat sich später bei den Montagsdemonstrationen eine Lungenentzündung geholt.

Noch später dann habe ich mich für das kleine Land geschämt. Für die Menschen. Als nämlich jede inkontinente und kaum transportfähige Oma aus dem Pflegeheim geholt wurde und sich alles in die Züge nach Berlin und Hof und sonst wohin quetschte, um die hundert Mark Begrüßungsgeld abzugreifen. Und wie die sich benommen haben! Ich war dort, erzählt mir nichts. Scham und Schande…

Und dieselben Leute schreien heute, die Flüchtlinge sollen bleiben, wo sie sind! Noch mehr Scham… Aber das ist wieder ein ganz anderes Thema.

Ich bin frei, meine Kinder dürfen sein, werden und denken, was sie wollen. Ein Glück, mit dem jedes Kind hier aufwächst, für das ich persönlich aber sehr dankbar bin.

Und ich bin nach wie vor ungebrochen und per Geburtsrecht gleichgestellt und emanzipiert, man braucht nicht versuchen, mir etwas anderes einzureden! Das ist das kostbarste Erbe meiner DDR-Vergangenheit. 🙂

Diese Zeilen sind mein Beitrag zu Sonja´s  Blogparade: Erzählt von der DDR! (Finding Europe – Elternschaft anderswo).