Tür 4 – Weihnachtsgedanken am Kinderbett

Katharina lebt in der Schweiz und schreibt auf Mama hat jetzt keine Zeit. Wir haben uns zusammen gefunden, als ich für sie unter einem Pseudonym einen Gastartikel geschrieben habe. Dem folgte oder ging voraus ein sehr interessanter Mailverkehr. Wir teilen viele Erfahrungen, Ansichten und sie war mir vom ersten Moment an grundsympathisch! Auch, weil sie prinzipiell keinen Cent auf allgemein gängige Meinungen gibt und einfach ihr „Ding“ macht. Kein Thema ist ihr zu heikel, nichts zu politisch. Sie will es, sie macht es. Ich mag sie dafür sehr! Jetzt aber ging es um Weihnachten. Also mit Weihnachten braucht man Katharina nicht zu kommen. Sie ist der Grinch unter den Elternbloggern. Für uns hat sie trotzdem eine Weihnachtsgeschichte geschrieben und – typisch Katharina – ohne Streuseln, Glocken, Engelsgeläut. Dafür mit Tiefgang und Gänsehaut. Danke Katharina!

 

Es ist schon Monate her, dass mich die entzückende, herzensgute und wunderhübsche Rike von Nieselpriem (Anmerkung der Autorin: Katharina, darüber werden wir noch mal sprechen müssen!) gefragt hat, ob ich für sie eine Adventsgeschichte schreiben würde. Ausgerechnet ich!

Da damals noch viel Zeit blieb dachte ich, mir käme dann schon noch etwas in den Sinn und ich sagte zu. Jetzt habe ich den Schlamassel. Denn natürlich ist mir nichts Adventiges in den Sinn gekommen, was Weihnachtiges erst recht nicht. Ich mag ja Weihnachten überhaupt nicht. Aus Gründen.

Wobei, so richtig stimmt das auch wieder nicht. Es gab ein Jahr, da hätte ich mir ein richtiges Weihnachten gewünscht, und das war so:

Im Dezember 2009, genauer gesagt am 4. Dezember, kurz nach dem Mittagessen, blieb die Welt für den Bruchteil einer Sekunde stehen. Mein Sohn hörte auf zu atmen. Erst wenige Wochen alt, hatte er ein ALTE, einen lebensbedrohlichen Atemstillstand, auch Near SIDS genannt – und er überlebte.

Danach musste er zur Beobachtung und Diagnosestellung ins Kinderkrankenhaus. Die Details erspare ich Euch. Es war eine schlimme Zeit. Sein Vater und ich wussten lange nicht, was mit ihm los war und was man dagegen unternehmen konnte. Ich war dauernd müde, stundenlang am Milch pumpen oder Stillen, dazwischen döste ich mit dem Kleinen auf der Brust. In meiner Erinnerung weinte ich den ganzen Tag, wochenlang. Das Krankenhaus hetzte mir sogar einen Psychiater an den Hals, mit dem ich aber nicht sprechen wollte. Es war ja offensichtlich und bei den Umständen auch verständlich, dass ich unter einer postnatalen Depression litt.

Der Kleine war noch keine zwei Monate alt, aber er liebte die Lichter, das Glitzern der Dekorationen und die feinen Klänge der Spieluhr unseres kleinen Holzchristbäumchens, das wir im Krankenhaus für ihn aufgebaut hatten. Ich trauerte um Weihnachten und heulte hemmungslos. Ich sehnte mich nach dem Duft von Kerzen, angesengten Tannennadeln und mit Gewürznelken gespickten Orangen. All das wollte ich ihm zeigen, sogar nach den ungeliebten Weihnachtsliedern verzehrte ich mich und nach meiner Grossmutter, die zwei Jahre zuvor gestorben war und meinen Sohn nicht mehr kennen lernen durfte. Ihre Brezeln und ihr Beharren auf das Singen von Weihnachtsliedern durch die ganze Verwandtschaft. Alle hassten das Singen – und machten doch ihr zuliebe mit.

Plötzlich war Weihnachten gleich bedeutend mit einer Zeit, in der die Welt noch in Ordnung war. Einer Welt, in der Babys keine Geburtsfehler hatten, die sie am Atmen hinderten, und nicht über Weihnachten im Krankenhaus bleiben mussten. Einer Welt, die mit ihren sanften Lichtern und warmen Kerzchen so anders war, als die sterile Krankenhauswelt mit ihren Neonröhren an der Decke.

Ein paar Wochen lang vergass ich, wie sich das echte Weihnachten für mich als Kind angefühlt hatte, so dass ich mich Jahr für Jahr krank ins Bett legte, um nicht mitmachen zu müssen, und ich wünschte mir so sehr, den Kurzen das Weihnachten erleben lassen zu können, über das alle immer sprachen.

Mein Sohn wurde an Silvester 2009 aus dem Krankenhaus entlassen und am 1. Januar 2010 feierten wir mit ihm Weihnachten nach. Mit Kerzen, Glitzersternen, Keksen und Weihnachtsmusik – ganz wie es sich gehört!

So war das in dem einen Jahr, in dem ich Weihnachten hätte feiern wollen und nicht konnte.

 

5 Kommentare zu “Tür 4 – Weihnachtsgedanken am Kinderbett

  1. Nach Hause kommen, das ist es, was das Kind von Bethlehem allen schenken will, die weinen, wachen und wandern auf dieser Erde. (Friedrich von Bodelschwingh)
    Ich glaube, die heutige Geschichte bringt den Sinn des Weihnachtsfestes auf den Punkt. Ohne Glitzer und Deko. Ohne Trubel, Rummel, Lärm und Punsch. Und daher ist Weihnachten auch niemals an ein Datum gebunden, es ist ein inneres Erleben…
    Vielen Dank für’s Teilen, Grüße
    Hannah

  2. Pingback: Tür 4 – Weihnachtsgedanken am Kinderbett | Nieselpriem | Mama hat jetzt keine Zeit…

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