„Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt!“

Heute Abend saß ich mit dem Kleinsten beim Abendbrot. Er hatte Hirsebrei mit Apfelmark und einem Schuß Ahornsirup. Ich musste auf einmal grinsen.

„Also das hätte es bei uns früher nicht gegeben!“

Genau. Bei uns gab es nämlich was Ordentliches zu essen! Schnitte zum Abendbrot. Mit Wurst. Oder auch mal ein Rostbrätel auf Brot. Auf jeden Fall tierisches Eiweiß. Grießbrei zum Abendbrot? Mein Vater würde sich im Grab umdrehen… Bei Grießbrei generell, vermute ich.

Überhaupt, was sollte das sein, ein Essen ohne Fleisch?! Eine Vorspeise vielleicht? Bei uns gab es Fleisch. FLEISCH! Schweinebraten, Rindergulasch, Rouladen. Putenrollbraten, ganze Hühner.

Ich hatte es nicht leicht. Ich mochte nämlich kein Fleisch. Mehr noch, es widerte mich an. Der Geruch, der Geschmack, die Fasrigkeit im Mund. Allein schon die Farbe. Ekelhaft.

Mini-Rike vor einem Teller (vermutlich mit Fleisch)

Mein Vater hat die entbehrungsreichen Nachkriegsjahre als Kind erlebt und erzählte oft, dass er damals stets sein kostbares Stück Fleisch beim Sonntagsessen aufsparte bis zum Schluss, um es sich dann ganz langsam und genießerisch mit Wonne einzuverleiben.

Ich ließ das Fleisch auch immer bis zum Schluss auf meinem Teller. Aus anderen Gründen. Aber es gab kein Erbarmen.

„Iss das, das ist gesund!“

Es wäre undenkbar gewesen, mir das verhasste Fleisch zu ersparen. Generell war es nicht üblich, dass auf Sonderkostwünsche eingegangen wurde. Extraessen für die Kinder? Nicht nach dem ersten Geburtstag! Es gab Fleisch mit Kartoffeln und Gemüse und Soße. DAS war ein anständiges Essen!

Ich war ein mickriger Esser. Und das verhasste Fleisch machte alles nur noch schlimmer. Mein Vater musterte mich beim Essen mit einem bohrenden Blick und strafte mich schon für eventuell beabsichtigtes Gesichtverziehen im Vorfeld. Meine Allüren waren für ihn unverständlich. Wie gut ging es uns, jede Woche, ach was, jeden Tag konnten wir Fleisch essen! Das kannte er schließlich noch ganz anders von früher. Undankbar war das von mir. Und die Mutti hatte sich so eine Mühe gemacht mit dem Kochen!

Ich musste am Tisch sitzen, bis das Fleisch weg war. Ich zermahlte und zerkatschte das Gelumpe und parkte den grauen Brei in meinen Backentaschen. Allein, ich wurde immer durchschaut. „Mach mal den Mund auf!“. Einmal saß ich vor meinem Teller, bis meine Mutter bereits den Tisch um mich herum für die Kaffeetafel deckte.

„Wenn du das nicht aufisst, gibts keinen Nachtisch!“

Nachtisch war mein Leben. Ich hatte auch nichts prinzipiell gegen tierisches Fett einzuwenden. In der Variante als Buttercremetorte, Schlagsahne oder Vollmilchschokolade mochte ich es sogar sehr! Aber das olle Fleisch…

„Damit du groß und stark wirst!“

Es ist überliefert, dass ich bereits als Vorschulkind einmal antwortete: „Aber ich will doch klein und zierlich bleiben!“.

Als das erste Kind bei uns unterwegs war, habe ich das wichtigste schon vorab klargestellt: „Meine Kinder werden nicht zum Essen gezwungen!“. Das war schwierig. Vor allem, weil der Beste alles isst außer Grießbrei (und Leber) und nicht verstehen kann, dass es anderen Menschen da anders gehen könnte. Aber da blieb ich fest: Ich zwinge ihn nicht, Grießbrei zu essen und brate seit siebzehn Jahren keine Leber in seiner Gegenwart und er darf im Gegenzug die Kinder nicht zwingen, etwas zu essen, was die nicht mögen.

Klingt alles einfach und machbar. Ha! Wir waren super in der Vorlage. Zwei Sachen aus der Menüauswahl müssen auf jeden Fall gegessen werden. Gekostet wird aber alles, und wenn´s nur ein kleiner Bissen ist. Eine Zeitlang stand noch ein Brotkorb stets auf dem Tisch, damit im Ernstfall wenigstens Brot als Alternative angeboten werden kann.

Scheiße, ist das anstrengend! Ein Heckmeck ist das! Seit Jahren. Dieses schmeckt nicht und jenes schmeckt nicht. Und die Soße schmeckte doch sonst immer, aber heute nicht. Ich will nur Nudeln ohne alles. Und DAS esse ich noch nie!

Es macht keinen Spaß. Also das mit dem Wahlessen. Und dürr wie ein Aal ist das große Kind außerdem. Wie soll er denn mal groß und stark werden? Und der Kleine? Denkste, der freut sich über den Hirsebrei? Ach was. Drei Löffel, dann hat der mir das mit Knurren aus der Hand geschlagen! Dabei ist das doch gesund! Vermutlich will der lieber Fleisch. Ein Steak oder eine Bratwurst. Pommes und Pizza. Da mmmmm-t der schon beim Anblick. Aber das sag ich euch, der isst, was auf den Tisch kommt! Noch so ein verzogenes Blag sitzt mir nicht in der Küche!

Dieser Text ist ein Beitrag zur Blogparade von Frau Mutter, die unter dem Hashtag #Familienalbum zum Geschichten-von-früher-Erzählen aufgerufen hat. Dem bin ich gern gefolgt. Wer mehr davon möchte, der surft schnell zu Frau Mutter auf dem Blog, dort sind sicher bald weitere Familienalbum-Einträge verlinkt. Viel Spaß! 🙂

 

 

26 Kommentare zu “„Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt!“

  1. Ein würdiger Auftakt für die Blogparade! Für meine Oma ist übrigens alles, was wir „jungen Leute“ kochen, kein richtiges Essen, wenn nicht mindestens Kartoffeln dabei sind! Am besten ist natürlich genau Deine Kombi: Kartoffeln-Soße-gemüse-fleisch. Ja, wie soll man sonst groß und stark werden?! 😉 Liebe Grüße

  2. Und aufgegessen wird!
    (aber Mama, ich will nicht dass Kurzer so fett wird wie du und ich)
    Hast ja recht, Tochter, aber Dessert gibts trotzdem erst, wenn der Teller leer ist…

    • Das letzte große Drama gabs mal um einen österlichen Lammbraten im großen Familienkreis, bei dem ich mich doch erdreistete, nur die Beilagen zu ordern. Ein Affront! Lamm, Kalb, Ferkelchen… ich will mir das nicht vorstellen, ich will das nicht sehen und auf gar keinen Fall esse ich das! Ich glaube, ich wäre beinahe zur Adoption freigegeben worden, mit Mitte Dreißig… Kürzlich meinte meine Mutter, Lamm käme ihr nicht auf den Teller, das sei ethisch unvertretbar. Die armen Babies! 😀 Was ich sagen will (wie immer mit viiiielen Worten): Steter Protesttropfen höhlt den Stein.

  3. Herrlich, dein Exkurs in die Vergangenheit…bin ich doch auch ein Teil davon😄 Bei uns zu Hause gab es nur einmal in der Woche Fleisch. Kein Wunder also, dass dein Papa so süchtig danach war…

    • Mein Tantchen ❤ Kennste den Tisch noch? Du hast mich immer in die Seiten und in den Po gekniffen mit deinen spitzen Fingernägeln! Und gelacht, wenn ich dann geheult habe! Deshalb habe ich mir niiiie eine ältere Schwester gewünscht… So, jetzt wissen´s alles 😛

    • Du bist ja sooooo gemein…Jetzt bin im ganzen Netz verschrien 😄😄
      Klar kenne ich den Tisch und ich weiß auch noch wie du gefühlte Stunden mit deinem Wiener Würstchen gespielt hast….😜

  4. Toll! Und all diese Sätze kenne ich auch 😉 Bei uns gab es weniger Fleisch, aber kein Erbarmen, wenn es um’s Aufessen ging … Ein Hoch auf den Grießbrei! 🙂

  5. Ich musste früher zwar nicht den Teller leer essen, aber es gab auch diese unerbittliche ‚Alles wird probiert‘-Regel. Was habe ich immer die fünf grünen Bohnen gehasst, die auf dem Teller lagen!

    Dennoch hat es uns nicht daran gehindert, dass diese Regel heute auch bei uns gilt. Und nun sind es meine Kinder, die ein Stück gekochte Möhre essen und dabei das Gesicht verziehen, als würden wir ihnen löffelweise Lebertran einflößen. Der Kreislauf des Leben!

  6. Lebertran?! Echt jetzt? Gibts noch Zeitzeugen für die fiesen Lebertran-Experimente an Kindern? War das nicht was fischiges? Und wogegen sollte das helfen? Oder: Wofür gut sein? Wer weiß es? Bitte vortreten und einen Kurzvortrag halten. Danke.

    • Ja… Ich kenne da einen. Das wurde in den 60ern zur Stärkung der Abwehrkräfte verabreicht, wegen Mangel an frischem Obst und Gemüse. Zum Glück hatten meine Eltern einen Kleingarten…da blieb mir einiges erspart…😊

    • Lebertran enthält viel Vitamin D und wurde den Kindern zur Rachitis-Prophylaxe gegeben.
      Heute gibt es dafür Tabletten oder Öl, welches im ersten Lebenshalbjahr gegeben werden sollte.

  7. Ich war auch so ein Kind, welches teilweise stundenlang vor dem Teller sitzen musste – allerdings hat es mich nicht vor Fleisch gegraut sondern vor jeglicher Art von Gemüse. Ich denke, ich hätte mich nur von Butterbrot und Nudeln mit Butter ernährt, wenn man mich gelassen hätte.
    Ich kann daher verstehen, dass sich meine Eltern schlichtweg um meine Gesundheit gesorgt haben und daher irgendwie versucht haben, mich zu zwingen.
    Dennoch habe auch ich mir geschworen, das mit meinen Kindern nie zu machen. Und ich mache es auch nicht!
    Es gibt kein „es wird gegessen, was auf den Tisch kommt“. Auch kein: „es muss wenigstens probiert werden“.
    Das Kind bekommt eine Auswahl an vernünftigen Lebensmitteln angeboten und darf davon essen, soviel es mag.
    Und wenn es, wie jetzt gerade, entscheidet, dass es seit etwa zwei Wochen kein Brot mit in den Kindergarten nehmen möchte, ist das okay. Es bekommt dann zum Beispiel Gurke, Möhrchen, ein Stück Käse und Naturjoghurt mit.
    Genauso durfte es zeitweilig löffelweise Butter essen.
    Wenn es unser Essen gar nicht mag, ist es eben nichts davon. Dann kann es einen Joghurt, Apfel oder Käse haben. Oder Brot. Ich koch nur natürlich nicht extra was anderes.

    Wir fahren damit super, es gibt hier nie Stress wegen irgendwelchem Essen.
    Und das Kind isst sehr gern Obst und Gemüse, wenn auch nur roh. Fleisch eher nicht, aber ab und an Wurst und sehr gerne Fisch. Alles in allem ernährt sie sich gesund genug. Auch wenn man selbst sicher andere Essgewohnheiten hat.

    Locker bleiben und die teilweise merkwürdigen Ernährungsphasen (es wurde auch mal zwei Wochen nichts außer Buttermilch mit Saft getrunken) abwarten.
    Werde ich auch bei Kind zwei so machen.

  8. Mein Vater meinte auch immer: Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt! Allerdings sah die Praxis ganz anders aus. Mein Glück, denn ich war ein schlechter Esser und später unser Sohn dann auch. Am meisten Probleme hatte ich mit Muttis Lieblingsessen, Gemüsesuppe. Aber auch dieses Problem hat meine Mutter geschickt gelöst, wie man in meinen Kindheitserinnerungen nachlesen kann.
    LG
    Astrid

  9. Wunderbarer Beitrag, da musste ich doch wirklich lächeln. Vielen Dank für deinen Blick in die Küche. Bei uns gab es noch den Satz „So lange du deine Füße unter unseren Tisch stellst, wird gemacht, was wir erwarten.“
    HG
    Frank

  10. Hallo,
    ohja, das mit dem „Das Fleisch wird aufgegessen“, kenne ich auch noch zu gut. Und ich saß auch oft lange vor meinem Teller. Auch weil es sonst eben keinen Nachtisch gab und ich ja so gar nicht groß und stark werde (Bin heute nur knapp über 1,50 und gebe zu nicht allzu stark zu sein)
    Aber noch schlimmer als das Fleisch erinnere ich mich an den Rosenkohl- der wird gegessen, der ist gesund…

    Liebe Grüße, Heike

  11. Pingback: Die Blogparade #Familienalbum und ein großes Danke von mir! Frau Mutter Blog

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