Wo Milch und Tränen fließen

Manchmal passiert es mir, dass ich irgendwo einen Satz lese und ein tiefer Seufzer des Verstandenwerdens meiner faltigen, malträtierten Brust entweicht. So geschehen beim Johnny von Weddingerberg.

»Was zwischen der Brust und dem Baby passiert, bleibt zwischen der Brust und dem Baby.«

Mir geht das alles auf den Sack. Auf den Driss, den Piss, die Eier, die Nerven. Mir tun die Augen weh. Und die Ohren schon lange (die Brust selber mittlerweile nicht mehr).

Mich nerven die „breast feeding selfies“ irgendwelcher Stars beim Frisör. Die von Schundblättchen aus irgendwelchen Ecken hervorgezerrten Mütter, die ihren vier Kindern kurz vor Pubertätseintritt noch als Schlummertrunk die welke Zitze hinreichen. Die abartig pietätsbedachten Mitbürger, die sich an öffentlich Stillenden echauffieren. Alles daran!

Wir sind Säugetiere. Allerdings ist der menschliche Körper auch dazu ausgelegt, täglich kilometerweit barfuß zu laufen. Mit einem selbst erwürgten Wildschwein über den Schultern. Mag sein, dass in Anbetracht dieser Tatsache und der allgemein grassierenden Degeneriertheit der urbanen Gesellschaft der eine oder andere darauf hingewiesen werden muss, wozu nochmal bestimmte Körperteile gedacht sind. Und es ist traurig, dass das Stillen eine Imagekampagne benötigte. Dass es über Jahrzehnte Mythen und Moden gegeben hat, die es aufzuklären gilt (Ich selbst bin ein verwaister Zwilling. Aus diesem Grund galt die Milch meiner Mutter als „vergiftet“ und sie musste sie abpumpen, um das „Gift“ aus ihrem Körper zu schwemmen. Wirklich wahr, also zumindest 1970. Ich bekam Chemiemilch. Aus Sicherheitsgründen.).

Aber nun isses mal wieder gut. Langsam habe ich das Gefühl, je mehr Bohei gemacht wird, umso unnatürlicher gestalten sich diese per se natürlichen Vorgänge (Ist beim Laufen meiner Einschätzung nach auch nicht anders; es gibt schon wissenschaftsnahe Untersuchungen, wie und womit und mit welcher Technik man denn nun zu laufen hätte! Und in welcher Pantalon aus welcher Chemiefaser. Unsere Vorfahren würden vermutlich vor Lachen vom Baum fallen.).

Das Stillen wird ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt. Und damit Augen und Meinung von Menschen preisgegeben, die das überhaupt nichts angeht.

„Und? Stillst du noch?“

Und bei dir? Der Stuhlgang fest und regelmäßig?

Vor ein paar Jahren habe ich als Zuschauer miterlebt, wie eine Freundin sich furchtbar abgequält hat mit der Stillerei. Es klappte nicht, das Kind saugte nicht stark genug. Viele Faktoren kamen zusammen. Stündlich saß sie an der Melkmaschine, von Glücksgefühlen weiter entfernt als von der Besteigung eines Achttausenders. In meiner grenzenlosen Naivität sagte ich einmal mitfühlend zu ihr: „Was quälst du dich denn so! Gib dem Jungen doch die Flasche und lass es gut sein.“. Wahrheitsgemäß knallte sie mir vor die Füße: „Du hast KEINE Ahnung! Weißt du, wie das ist, wenn die alle nach´m PEKiP ihre Titten rausholen und du als einzige mit Wasser, Pulver und Flasche rumhantierst?! Und die blöden Fragen! Waaas?! Du stillst nicht? Weißt du, wie ausgegrenzt man sich da fühlt?“. Nein, wusste ich nicht.

Zu diesem Zeitpunkt waren meine letzten Stillerinnerungen mit einer jahrelangen Staubschicht überzogen und von romantischen Erinnerungen zartrosa eingefärbt. Und ich wusste auch noch nichts von gesellschaftlicher Inakzeptanz in Mütterkreisen gegenüber allen, die nicht modekonform ernähren/tragen/kleiden/wickeln und so weiter. Und ich hatte keine Ahnung, wie viel Selbstbewusstsein nötig sein muss, um nicht wenigstens ALLES zu versuchen, um dem mütterlichen Normkodex zu entsprechen.

Ich weiß es jetzt besser.

„Stillst du noch?“, „Du stillst doch noch, oder?!“. Wie ich das hasste. Weil ich mich sofort unter Druck gesetzt gefühlt habe. Kontrolliert! Bloß alles schön regelkonform machen. Supermuttimäßig. Je öfter und länger stillen, umso besser (Nur nicht zu lange, dann ist es auch wieder nicht richtig. Am besten immer schön auf dem Laufenden bleiben, was gerade die Mode vorgibt.). Und dann noch erwähnen, dass man ja soooo viel Milch hat, dass man drei Kinder davon nähren könnte! Ja, nach so einem Gespräch fühlt sich die anerkennungssüchtige Mutti wohl.

Ich fühlte mich immer mies bei der Fragerei, das da oben war nie mein Text.

Und wie oft ich das selber fragte: „Stillst du noch?“. Ja, ich habe meine ganz eigenen Anteile an diesem Thema! Wieso rutscht selbst mir diese bekloppte Frage raus? Weil ich hören will, dass mein Gegenüber erklärt, dass es eigentlich Scheiße läuft und ihr die Nippel weh tun und die Milch nicht fließen will? Weil ich mich dann ein bisschen weniger unzulänglich fühlen kann? Ist das armselig? Und wie.

Bevor das Kind Nummer zwei zur Tür raus kam, war schon klar: Der wird gestillt. Selbstverständlich! Der erste hat nur drei Monate an mir gezutzelt, bis eine Kinderärztin erklärte, ich würde ihn an meiner Brust verhungern lassen und ich also pflichtschuldig zufütterte bis… bis die Pulle attraktiver war als mein Angebot (Er trinkt heute noch am liebsten aus Plastikflaschen. 1,5Liter.).

Das Baby kam und dockte fachmännisch an, als hätte er die letzten Monate nur darauf gewartet. Und ich schrie mir die Seele aus dem Leib.

Tagelang.

Gefühle, als würde mir jemand eine Ahle durch den Nippel in die Brust bohren.Tränen. Blut. Angst vorm nächsten Mal.

Zwischendurch Besuch, der fröhlich erklärte, man bräuchte gar nicht nach der Zimmernummer fragen, man höre mich ja schon vorn am Eingang. Und Wöchnerinnenstationspersonal, das auf einer überbelegten Station fast durchdrehte und fünfminütig zu mir reinkam um zu bitten, drohen, anzuweisen, dass ich doch gefälligst aus Rücksichtnahme meinen gebuchten Einzelzimmerstatus aufgeben solle! Die Frauen müssten wegen meines Egoismus bald auf dem Gang untergebracht werden! Unterbrochen von den alltäglichen Geräuschen und Aktivitäten eines Klinikalltages. Und: „Frau Nieselpriem, klappt es denn nun endlich mit dem Stillen?“ (Hände in den Hüften).

Ich hab das nicht verstanden. Da sah ich nun aus, als hätte ich beim Pamela-Anderson-Resteverwertungsroulette den Hauptpreis gewonnen und die Mädels benahmen sich wie Diven und schmollten: „Püh. Nö. Wir dachten, wir sind hier für ne Party gebucht!“.

Ich versuchte alles. Kompressen, Stillzimmer in Gesellschaft zufrieden lächelnder Neumuttis. Ich schrie. Vor Schmerzen. Im Liegen. Im Sitzen, auf allen Vieren knieend mit herunterhängendem Euter. Nichts klappte. Das Baby schrie, ich schrie. Ein Bild des Jammers.

Am Ende des zweiten Tages nahm ich Ibuprofen vor jedem Stillen. Am Ende der zweiten Nacht heulte ich wie ein Schloßhund und verlangte die Abstilltabletten. Und nahm sie.

Am Tag vier verließen wir endlich das Krankenhaus, im Gepäck winzige Babyflaschen, mit denen das neue Baby nun gefüttert werden sollte.

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Tag vier

Zu Hause angekommen fiel alles von mir ab. Und mir taten die Brüste weh. Vor Kummer. Ich wollte doch stillen. So unbedingt! Was stimmte nur nicht mit mir? Wieso geht das nicht?! Und wieso habe ich diese Scheißtabletten genommen? Jetzt ist alles vorbei… Ich heulte schon wieder.

Und googelte. „Relaktation nach Einnahme der Abstilltabletten“. Möglich, aber unwahrscheinlich. Vielleicht bekommt man den Milchfluss wieder in Gang, aber Vollstillen hätte ich mir selbst versaut. Dann kamen noch die vollstillenden Nachbarinnen zum Kaffee um das neue Hausmitglied zu begrüßen. Mit vollgestillten Babies auf den Armen. Ich schämte mich. Und grämte mich. Besorgte mir (es war Freitagnachmittag) ein Rezept für eine Milchpumpe und rannte die Apotheken ab nach einer freien Melkmaschine. Alles im hormonellen Delirium. Und weil auch ich nicht einfach sagen konnte: „Rike, was quälst du dich denn so? Gib ihm die Plastemilch und gut is.“.

Hochdosiertes Bockshornklee und Weizenbier, Schwarzkümmelöl. Warme Schals um die Brust und stündliches Melken im Wechsel mit Anlegen (und schmerzvollem Schreien) über Wochen. Also genaugenommen drei. Laut Stillprotokoll, das ich nebenbei auch noch führte, habe ich ab dem 27. September dann doch noch voll gestillt.

Angeblich das Natürlichste der Welt: Säuglingsernährung. Hier im Bild: die Dokumentation

Angeblich das Natürlichste der Welt: Säuglingsernährung. Hier im Bild die Dokumentation

Die Schmerzen ließen dann um den sechsten Monat nach.  Alles ganz natürlich. Nichts dabei. Keine große Sache. Na klar.

Leute, ehrlich, bin ich froh, dass ich jetzt mit dem zu Mc Donalds gehen kann! Das sag ich euch. Und eins ist klar: Ich sage bestimmt noch oft blöde Sachen zu Frischmüttern (wie zum Beispiel zu fragen, wie die Nächte sind), aber nie, nie wieder mische ich mich in den Still-BH einer anderen Mutter ein!

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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