Mein schrägstes Urlaubserlebnis – Walgesänge im Brandenburgischen

Mama on the rocks ruft zur Blogparade zu diesem Thema und ich folge gern!

Um vorzugreifen: Immer, wenn wir alle zusammen in Urlaub fahren, wird das unser schrägster Urlaub. Es liegt an uns, eindeutig. Insofern taugt der letzte Sommerurlaub genauso gut wie jeder andere als Beispiel:

Sommer 2013. Die globale Erwärmung macht ihrem Ruf alle Ehre. Es werden Temperaturen an der 40°C-Marke gemessen. Und ich bin hochschwanger. Gut, das waren andere auch. Um möglichst viele Mitleidspunkte zu ergattern hatte ich mir zwei Zehen gebrochen und musste sechs Wochen meinen Walkörper samt Klumpfuß mittels Krücken in der Gegend rumwuchten.

Der Beste meinte, Schwangerschaft und Klumpfuß hin oder her, das Kind Nummer 1 hat Ferien und wir sollten ans Wasser. Nicht weit weg, wegen der eventuell eher einsetzenden Niederkunft, schwangerschafts- und klumpfußkompatibel.

Auf ins Brandenburgische! Senftenberger See. Surfen und Baden für die Jungs, Zusehen für mich. Gesagt, gebucht. Drei Wochen.

Mitteilung: Alle Ferienhäuser mit gehobenem Standard sind ausgebucht, alle Ferienhäuser mit mittlerem Standard sind ausgebucht, alle Ferienhäuser mit Minimalstandard sind…sie wissen schon… Aber wir haben noch ein Häuschen für sie gefunden! Toll, oder?!

Na warten wir´s ab…

Blick auf den Lageplan und Suchspiel: Suche das am weitesten von allen regelmäßig zu frequentierenden Punkten (See, Restaurants, Einkaufsmöglichkeiten, Kino etc.) gelegene Häuschen. Richtig! Unser.

Verzweifelte Vorahnung machte sich in mir breit. Ich ließ aus diesem Grund nichts unversucht, um meine Teilnahme an dem sommerlichen Familienevent zu vermeiden. Zwecklos. Es wurde ein Rollstuhl geordert bei einem brandenburgischen Rehaladen und meine Jungs versicherten, sie würden mich in der Gegend rumfahren. Egal, wohin ich wöllte! Und das macht uns nichts aus! Also mir schon, aber ich wurde nicht gehört.

Ich musste mit.

Der Ferienpark am Senftenberger See ist wirklich schön. Ohne Frage. Und im Sommer sehr gut besucht. Wir erfuhren, dass es noch ein paar wenige Häuser gab, die noch nicht saniert/abgerissen waren und also dem DDR-Standard entsprachen und eigentlich nicht mehr belegt würden. Eigentlich! Für uns hat man eine Ausnahme gemacht.

Leute! Also es gibt wohl (N)ostalgiker, die auf so´n Scheiß stehen. Ich steh aber auf fünf Sterne Plus und Kellner.

Das „Häuschen“ entpuppte sich als Pappbungalow, stilecht im Chic der späten Siebziger eingerichtet. Ich dachte sofort an Pionierferienlager und Fahnenappell. Der Geruch nach Klostein und Polyesterschweiß erschlug mich bereits beim ersten Eintreten (Und nach zweieinhalb Wochen immer noch, ich hab ihn selbst jetzt noch in der Nase!).

Die Bruchbude maß circa drei Quadratmeter, in denen ein Aufenthaltsraum mit Küche, zwei Schlafräume und ein Klo untergebracht waren. Abgeranzte Möbel und Plasteblumen auf dem Resopaltisch inklusive. Das gerahmte Konterfei von Erich Mielke und die DDR-Fahne hatte man abgenommen, ansonsten: Willkommen zu ihrer Zeitreise!

Ich wollte SOFORT wieder heim! Diesen Fluchtreflex verbalisierte ich in den kommenden Tagen quasi ständig: Als Befehl, als Bitte, als Flehen. Vergeblich.

In das olle Klo passten nur Teile von mir, die Tür konnte ich nicht schließen, Dusche war einen Kilometer weit entfernt und nicht aus eigener Muskelkraft erreichbar. Wie alles andere auch. Überall wurden der Klumpfuß und ich hingerollt. Entwürdigend! Tagsüber saß ich dann bei 38°C am Senftenberger Strand und sah den Leuten beim Baden zu. Dann wurde ich wieder weggerollt.

Nachts kam das Grauen. Also nicht in Form meines Mannes, diese Möglichkeit gab der Pappkarton nicht her (Am ersten Abend wälzte der Beste auf seiner Holzliege ein Stück in die Mitte um mir auf meiner Holzliege einen Gutenachtkuss zu geben, da tönte es vom Kind Nummer 1 von gegenüber der Pappwand: „UNTERSTEHT euch! Ich kann euch hören!“). Nein, es kamen Myriaden von Mücken, Schnaken, Bremsen und alle stürzten sich auf mich. Außerdem kühlte es in „Honeckers Rache“ (so taufte ich das Pappmonstrum) nachts auf unglaublich 35°C ab. Das war´s.

Schlaflos in Senftenberg. Jeden Abend.

Den Besten stört gar nichts. Der Weltenbummler schläft in indischen Zügen genauso gut wie in einem Biwak in sechstausend Metern Höhe. Rumdrehen, schlafen. Nicht ich. Jeden Abend das gleiche Spektakel: Pünktlich um Mitternacht saß ich mit meinem massigen Walkörper nackt auf einem Stuhl in der schwülen Dunkelheit, ein nasses Badetuch um meine Schultern und heulte müde und verzweifelt: „Huhuhuhuhuhu! Huhuhuhuhu!“. Walgesänge in Brandenburg.

Morgens drohte ich als erstes entweder mit Scheidung und dann damit, zu packen und mir ein Taxi gen Heimat zu rufen. Oder umgekehrt!

Ich zog alle Register. Ich simulierte Wehentätigkeit und zwang den Besten, mit mir kilometerweit durch die Pampa in ein Kreiskrankenhaus zu fahren, wo man mich als Simulant sofort per Erstblick entlarvte und dann für Stunden parkte. Ich bekam keinen Brandenburger, durfte aber zuhören, wie es klingt, wenn andere Leute Brandenburger bekommen. Und der Beste auch.

Er wollte trotzdem bleiben.

Ich schrieb verzweifelte SMS an Freunde und Verwandte: „Ihr müsst uns unbedingt besuchen! Es ist so schöööön hier!“, und kaum fuhren die lieben Freunde vor, flüsterte ich verschwörerisch wie ein Anstaltspatient: „Ihr müsst mich unbedingt mitnehmen nach Hause! Ich werde hier gegen meinen Willen festgehalten!“.

Ich musste trotzdem bleiben.

Tagsüber wurde ich mit Unmengen an Torte, Eis und chinesischem Essen versöhnlich gestimmt und so gewann ich unter der brütenden Sonne manchmal meinen Humor zurück und sang aus meinem Rollstuhl Rainald Grebes Brandenburg-Song in eigener Textfassung: „In Brandenburg, in Brandenburg, da habe ich einst meinen Mann erwurgt!“.

Wir haben es überlebt (der Beste nur knapp), wir sind immer noch nicht geschieden und zur Entbindung von Kind Nummer 2 haben wir es auch über die Landesgrenze nach Sachsen geschafft.

Die schönste Zeit des Jahres?! Hau mir bloß ab mit Sommerurlaub!

Und irgendwie beginne ich beim Lesen meines Textes zu begreifen, was der Beste meint, als er verkündete: „Das war´s mit Kinderkriegen! Noch so eine Schwangerschaft halte ich nicht aus!“. 🙂

 

 

Das unfallgefährdete ICH

Ich bin nicht nur der „Küchengeräte-Terminator“, nein, auch vor mir selbst mache ich nicht Halt. In unserer Familie habe ich das Monopol für Spezialverletzungen gepachtet.

Während ich diesen Text schreibe sitze ich mit einem eiswürfelgefüllten Waschlappen auf dem Fuß an meinem Schreibtisch. Niemand bedauert mich, alle lachen mich aus! Weil mir andauernd dusslige Unfälle passieren.

Heute wollte ich eine Kuchenform abtrocknen, als der schweeeere Boden der grooooßen eckigen Form aus meinen grazilen Händen glitt und Kamikaze-mäßig im Sturzflug mit der Ecke zuerst meinen Fußrücken rammte. Ich habe jetzt eine fette blaue Beule auf meinem Fuß. Obendrauf. Es tut weh. Und sieht Scheiße aus!

Vor zwei Wochen wuchtete ich am Gartentor rum. Da der Löwenzahn bei uns im Garten die Weltherrschaft anstrebt, lässt sich das Gartentor kaum noch schließen. Es hängt einfach an den Unkrautnaben fest. Ich ziehe und zerre in gebückter Haltung und dann (Dieses Arschlochtor!) löst es sich und …rummmmms…kracht mir gegen den Kopf! Ich sehe Sterne und mein linkes Jochbein schwillt binnen Minuten. Für zwei Tage ähnele ich Axel Schulz, kann aber unter Verwendung von Camouflage-Makeup Fragen zu meinem Beziehungsstatus aus dem Weg gehen.

Im letzten Jahr habe ich mir zwei Zehen gebrochen. Im Schlafzimmer. Das klingt weitaus lustiger, als es tatsächlich war. Außerdem war ich hochschwanger und es war heiß, aber das Schicksal kannte keine Gnade. Also bin ich dickbäuchig mit orthopädischem (und sehr warmem) Stützschuh und Krücken in der Gegend rumgehumpelt und musste im Urlaub von meinen Jungs im Rollstuhl von der Kneipe zum See und wieder zurück gerollt werden. Haha!

Ich habe mir schon beim Bügeln den Bauch verbrannt (fragt gar nicht erst, wie blöde man dazu sein muss), weil ich den vorgeschriebenen Mindestabstand zum Bügelbrett nicht eingehalten hatte und keine Bauchschutzkleidung trug. Außerdem habe ich so viele Narben von Schnittverletzungen an den Händen, dass ich Edward mit den Scherenhänden daraus ein Facedouble basteln könnte. Einmal hatte sich ein Schnitt derart entzündet, dass ich Tetanus gespritzt bekam und die Betriebsärztin, die die Behandlung vornahm und offensichtlich über Humor verfügte, mir ein Attest ausstellte, was mich von jeglicher Hausarbeit befreit. „Zur Vorlage zu Hause“ stand obendrüber. Mit Amtsarztstempel! Leider kann ich das Ding nicht finden…Wahrscheinlich ist die Befreiungsfrist auch längst abgelaufen.

Den kapitalsten Bock habe ich allerdings vor vielen Jahren geschossen, als der Beste und ich uns gerade kennengelernt hatten. Ich wollte Bananen-Milchshakes zum Frühstück machen. Der Standmixer stand auf dem Kühlschrank und musste zu diesem Zwecke natürlich runtergeholt werden. Man hätte einen Stuhl holen können und draufsteigen. Wahrscheinlich hielt ich mich mal wieder für sehr viel größer als ich tatsächlich bin und so fummelte ich also auf Zehenspitzen mit ausgetreckten Ärmchen vor dem Kühlschrank herum. Ich bekam den metallenen Fuß des Mixers irgendwie zu fassen und grabschte danach. Soweit, so gut. Als nächstes löste sich das schweeeere Mixerglas, was ja nur obenauf saß, sauste abwärts und …rummmmms…landete in meinem erwartungsvoll nach oben gerichteten Gesicht. Fazit: aufgeplatzte Augenbraue, fettes Veilchen. Nachwirkung: Der Beste wollte mit mir zusammen nicht mehr auf die Straße gehen. Die Leute würden ihn so komisch anschauen. Und es gab grölende Schenkelklopfer auf Arbeit, als ich erklärte, mir sei ein Mixer aufs Auge gefallen!

Was habe ich daraus gelernt? Blauer Lidschatten steht mir überhaupt nicht und Bananen-Milchshake zum Frühstück wird überbewertet.

Und ich möchte gern ein Haushaltattest. Liest vielleicht eine Amtsärztin mit?

Spenden to go

Neulich vorm Edeka:

„Darf ich sie mal ansprechen? Ich bin vom Tierschutz und wir suchen Futterpaten für das Tierheim in Freital.“

„Aha.“

„Die Mindestspende beträgt zweiundvierzig Euro für ein halbes Jahr. Sie können auch für ein Jahr Futterpate werden oder…“

„Okay, wenn sie mir die Unterlagen mitgeben, werde ich mir das durchlesen.“

„Nein, damit haben wir schlechte Erfahrungen gemacht, da kommt dann nichts zurück. Das ist zu unverbindlich für die Leute!“

„Aber ich sehe doch hier auf dem Formular…IBAN…etc. Ich gebe ihnen ganz sicher nicht vorm Edeka einfach so meine Kontodaten! Bitte geben sie mir das zum Lesen mit und dann kann ich mich ja entscheiden, ob und in welcher Höhe ich da unterstützen möchte.“

„Wie ich schon sagte, nein. Die ein, zwei Punkte, die vielleicht Gesprächsbedarf generieren, können wir hier am Stand klären. Außerdem haben sie zwei Wochen Rücktrittsfrist. Hier unten steht eine eMail-Adresse…“

„Also hören sie mal, es geht ja nicht um fünf Euro für eine Futterbox. Bei knapp fünfzig Euro möchte ich im Vorfeld wissen, dass das seriös ist und nicht im Nachgang Rennereien haben um irgendwas rückgängig zu machen, was mir dann doch nicht passt. Sie wollen eine Einzugsermächtigung für mein Konto, also will ich mir das durchlesen.“

„Wissen sie, wenn ihnen DREIUNDZWANZIG Cent pro Tag für ein armes Tier zu viel sind, brauchen wir hier gar nicht weiterreden!“

„Sie missverstehen mich. Ich werde an keinem Stand vor der Kaufhalle meine Kontodaten auf einem Formular hinterlassen, das ich mir nicht mal in Ruhe ansehen darf. Das ist doch unseriös!“

„DREIUNDZWANZIG Cent pro Tag! Wenn sie das nicht aufbringen können oder wollen, dann wünsche ich ihnen einen schönen Tag! Gehen sie, dann kann ich jemand anderen ansprechen, der gern für Tierfutter spenden möchte…Als ich sie sah, dachte ich, sie hätten ein Herz für den Tierschutz…“

„Wo lernen sie eigentlich derartige Methoden?! Sie wollen nicht dreiundzwanzig Cent von mir sondern zweiundvierzig Euro! Und wahrscheinlich habe ich dann ein Tierfutter-Abo abgeschlossen, sie lassen mich das ja nicht mal anschauen! “

„Wenn sie Fragen haben, können wir das gern hier am Stand durchgehen. Wenn ihnen die Tiere egal sind oder sich die DREINUNDZWANZIG Cent pro Tag nicht leisten können, brauchen wir hier nicht weiterreden! Sie verschwenden meine Zeit.“

„Wer hier wem gerade die Zeit stielt, frage ich mich ernsthaft.“

„Einen schönen Tag ihnen noch! Auf Wiedersehen!“

„Nein, danke. Lieber nicht.“

 

 

Der wilde Westen

Als Kind war ich fasziniert von allem, was aus dem Westen kam. Jedes „Bravo“-Fitzelchen wurde gebügelt und gepflegt und jeder Plastikbeutel zwanzig Mal gewaschen und so lange benutzt, bis er auseinandergefallen ist. Ich wusste: Ich wollte dort unbedingt hin, wenn ich groß wäre. Und nun bin ich da. Im Westen! Das is ein Ding!

Die große Sehnsucht. Der goldene Westen. Das Land, wo Milch und Honig fließen und es jeden Morgen „Kaba“ in der Milch gibt und nicht nur alle paar Monate „Trinkfix“, wenn die Mutti mal eine Packung erstanden hat. Das Land, wo alles riecht wie ein Westpaket. Nach einer Mischung aus „Fa“-Seife, Schokolade und Kaffeepulver. Wie im Intershop, wo ich einmal, nachdem ich ganz besonders tapfer beim Zahnarzt war, mir für einen Forumscheck im Wert von fünfzig Pfennig diese „Hitschler“-Kaugummis kaufen durfte, die eine kleine Schatzkiste auf der Verpackung draufgeschweißt hatten…

Ich fand alles toll, was aus dem Westen kam. Und nicht nur ich. Bekamen wir eine Seife geschickt, durfte die nicht benutzt werden (Die wird doch sonst alle!), sondern die wurde für Jahre zwischen die Handtücher in den Wäscheschrank gelegt. Ich habe mich bei Oma Charlotte einmal mit „Pril“ gewaschen, weil ich gut duften wollte. Nach Westen. Und wenn ein großer Umzugslaster im Wohngebiet hielt, um Sachen einzuladen die ein Übersiedler nachholen wollte, standen wir Kinder daneben in einer Traube (´Hamse een Kaugummi? Oder een Kuli für mich?`Meine Mutter hat mir damals Betteln strikt verboten, ich habe mich nicht dran gehalten. Das war doch alles viel zu aufregend! Zu meiner Ehrenrettung kann ich nur sagen, ich war nicht alleine!)

Mein Vater hatte einen Kollegen, der Anfang der Achtziger übersiedelte. Dieser Typ war ein Scherzkeks. An Weihnachten bekamen wir ein Päckchen mit Schokolade, der obligate „Fa“-Seife und wahrscheinlich war auch Autopolitur drin, mein Vater war verrückt nach dem Zeug! Ach, und so ein Ding in Alufolie gewickelt fanden wir. Wir drehten es alle nacheinander in den Händen („WAS IST DAS?!“), packten es vorsichtig aus und waren immer noch nicht schlauer. Vor uns lag eine Kartoffel mit Pelz. Wozu man das Ding verwendet und ob das gar etwas Essbares sei, wir fanden keine Erklärung. Auch der Geruchstest ergab keine Auflösung. Das Ding roch neutral. Wir schmissen es weg und gingen an diesem Abend mit der Überzeugung ins Bett, dass wenigstens die Kartoffeln im Osten eindeutig besser aussehen!

komische Kartoffel

komische Kartoffel

 

 

 

 

 

 

 

Als ich achtzehn war, schickte mir meine Freundin Dorit eine Einladung in den Westen. Sie war mit ihren Eltern nach Rosenheim übergesiedelt und die Reisebedingungen hatten sich etwas gelockert, also bekam ich die staatliche Genehmigung. Ich weiß nicht mehr genau, wie das ablief. Aber ich musste mit dieser Einladung zu einer amtlichen Stelle die Genehmigung abholen und mit dem Genehmigungswisch bekam ich eine Fahrkarte ausgestellt. Ich fuhr los. Aufgeregt.

Irgendwann hielt der Zug, draußen konnte ich MÜNCHEN lesen auf einem Schild. Ich blieb sitzen, schließlich wollte ich ja nach Rosenheim. Dann kam eine Fachkraft der Reichsbahn und teilte mir mit, dieser Zug ende hier. Ich zeigte meinen Fahrschein und bestand auf einen Weitertransport! Ohne Erfolg. Und so war mein erster Eindruck vom goldenen Westen: der Münchner Hauptbahnhof. Ich war mutterseelenallein im Wunderland.

Ich weiß heute noch, wie erschlagen ich von dem Ambiente war. Die Werbung, die vielen Menschen! Ich wusste nicht wohin. Also eigentlich schon: nach Rosenheim! Aber wie? Irgendwann bin ich zu einem Schalter gegangen und habe mein Anliegen vorgetragen. Nach einigen Verständnisschwierigkeiten (Ich hatte noch niemals vorher Bayrisch gehört und entsprechend meine Schwierigkeiten) verstand ich, ich müsste nachzahlen. Konnte ich nicht und brach in Tränen der Verzweiflung aus. Dann: “Hams scho da agrufen in Rosenheim?“ (oder so ähnlich). Natürlich nicht! Ein Telefon besaß in der DDR, wer eine wichtige Persönlichkeit war oder seit fünfundzwanzig Jahren ein aktives Parteimitglied. Ich war noch nicht mal fünfundzwanzig Jahre alt und auch nicht wichtig. In unserem Mietshaus lebten zehn Familien, darunter zum Glück ein Polizist mit Telefon. Immer wenn ein Mieter angerufen werden musste, rief man dort bei Polizistens an und die holten dann den Nachbar ans Telefon. Ergo hatte ich nie nach der Telefonnummer meiner Freundin gefragt. Die Idee kam mir schlichtweg nicht!

Die nette Frau am Schalter schenkte mir eine Münze und schickte mich zur Telefonzelle. Die nächste Verzweiflung bahnte sich an: Ich fand den Schlitz nicht, in den man die Münze stecken muss zum Telefonieren! Ich befühlte den ganzen Kasten, nichts. Mit klopfendem Herzen sprach ich mehrere Passanten an mit der Bitte, mir zu zeigen, wo der Schlitz sei. Sie verstanden mich nicht. Nicht meine Sprache (das waren einige), nicht mein Anliegen (das waren andere). Irgendwann erbarmte sich jemand und erklärte, dass man die Münze AUFLEGEN sollte auf so eine Art Schieber, dann den Schieber nach rechts bewegen, die Münze rattert in den Automaten und man kann telefonieren. Also auch ich. Aus Rosenheim kam nur das Freizeichen zu mir an (die Telefonnummer hatte ich zwischenzeitlich selbständig aus dem Telefonbuch rausgefunden).

Ich weinte mittlerweile hemmungslos und wenn irgendwo ein Zug gestanden hätte mit dem Ziel „Dresden“ oder „irgendein Bahnhof im Osten“, ich wäre eingestiegen.

So tapperte ich wieder zu der netten Frau am Schalter. Aufgelöst wie ich war und offensichtlich noch nicht abgestumpft von den Horden an einreisewilligen und bedürftigen Ossis, die noch auf sie zukommen würden, erbarmte sie sich meiner und stellte mir die benötigte Fahrkarte nach Rosenheim aus und brachte mich sogar zu dem entsprechenden Zug (Danke noch mal an der Stelle!).

Ich kam tatsächlich in Rosenheim an und am Bahnsteig stand meine Dorit!

Der Rest des dreitägigen Aufenthaltes verlief verhältnismäßig langweilig (Ich konnte mich nur mit meiner Freundin und ihren Eltern unterhalten, die anderen Menschen verstand ich schlichtweg nicht. Und der Ehemann meiner Freundin, so lernte ich, hatte keine langjährige Haftstrafe hinter sich, sondern war ein Rocker und deshalb tätowiert. Er ignorierte mich nach einer halben Stunde für den Rest meines Besuches, da ich auf seine freundlichen Versuche einer Kommunikation nur mit staunenden Augen und „Dorit, was sagt dein Mann da zu mir?!“ reagierte.).

Ich reiste nach drei Tagen mit Tüten voller alter Otto- und Klingelkataloge ab (Was ich damit wollte, weiß ich nicht. Nur, dass ich kaum noch gehen konnte, so schwer trug ich daran.) und einem neuen Leibgericht: Fischstäbchen!

Einige Zeit später hat es mich in meiner Abenteuerlust ins Rheinland verschlagen und als mein Mütterlein sich eines Tages auf den Weg machte, um ihre abenteuerlustige Tochter zu besuchen, verpasste ich irgendwie die Einfahrt ihres Zuges in Köln. Er stand schon leer auf dem Bahnsteig. Keine Mutti! Panisch und mit der Erinnerung von München beladen (Oh Gott, die arme Mutti! Irrt auf dem Bahnhof rum! Kann nicht telefonieren! Weiß nicht, wo ich bin und wo sie hinsoll!) raste ich zur Information und lies sie mehrmals ausrufen.

Nichts.

Ich suchte den Bahnhof nach ihr ab, jemand vom roten Kreuz half mir sogar, nachdem ich die Situation mit meiner hilflosen Ossi-Mutter drastisch in allen Farben geschildert hatte.

Immer noch nichts. Ich sorgte mich unendlich.

Als ich partout nicht mehr wusste, was ich auf dem Kölner Hauptbahnhof jetzt noch ausrichten könnte und annahm, sie sei gar nicht gekommen, fuhr ich Richtung Bonn heim nach Bornheim. Auf dem Bahnsteig der kleinen Kleinstadt Bornheim steht mein Mütterchen, quietschfidel, und begrüßt mich mit den Worten: „Da bist du ja endlich! Ich bin schon mal losgefahren damit du mich nicht extra abholen musst!“. Ich schüttelte sie vor Freude über das Wiedersehen und völlig perplex wollte ich wissen, wie sie denn alleine von Köln nach Bornheim gekommen sei. „Aber Mädchen, ich habe einen Mund zum Fragen und die sprechen ja schließlich auch deutsch hier!“.

Aha.

Fünfundzwanzig Jahre später bin ich immer noch ein großer Fan der Wiedervereinigung. Und von Handies!

Und Fremden in Not helfe ich aus Prinzip. Egal, woher sie kommen und womit sie Hilfe brauchen. Ich hab da was gutzumachen, fürs Karma!

Morgen…

Morgen…

…Ist es mal wieder soweit.

In den letzten Monaten gab es jede Menge Diskussionen rund um die Mutterrolle und deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass der morgige Sonntag in seiner Rolle als Muttertag kritisch hinterfragt wird.

Auf diesem Blog fragt die Autorin ironisch, welches Image dieser Muttertag denn hätte, wäre er ein Produkt und in der Presse war zu lesen, dass dieser Feiertag ebenso wie der Vatertag antiquierte Rollenschemata zementiere. Man möge über die Wandlung zu einem „Elterntag“ nachdenken (was genau da dann konzeptionell so anders wäre, habe ich nicht verstanden). Nach einer Vorgabe zu verlangen durch…ja, durch wen eigentlich, welchen namentlichen Anstrich und welche Bedeutung dieser Tag haben soll (allgemeingültig versteht sich), halte ich persönlich für seltsam.

Nächstes Argument: Das dient doch alles nur dem Kommerz! Diese Blumenhändler, echt unverschämt! Erhöhen immer einen Tag vorher die Preise. Genau wie am Valentinstag! Aber Leute, es gibt doch Alternativen! Du könntest zum Beispiel einen Kuchen backen. Die Preise für Butter, Mehl und Zucker werden meiner Meinung nach nicht extra erhöht. Oder Zeit verschenken. Ist kostenlos quasi. Ach, und die Tankstellenbesitzer wurden noch gar nicht erwähnt! Was die für einen Reibach machen, Unverschämtheit! Also, wenn ich Blumenhändler oder Tankstellenpächter wäre, würde ich ganz bestimmt niiiiemals auf die Idee kommen, mich zu so einer Strategie hinreißen zu lassen! Aber daran ist auch nur der Muttertag schuld. Weg damit, dann sind alle Menschen wieder altruistische Gutmenschen, die kein Interesse an der Vermehrung des schnöden Mammons haben.

Und diese viel zitierten „Rollenschemata“, die gurken mir auch im Kopf rum. Was meint ihr damit? Dass Frauen und Männer durch etwas wie einen Sonntag namens „Muttertag“ wider Willen in Schubladen gesteckt werden, die ihnen nicht passen? Dass sich die jeweilige persönliche Situation durch den Wegfall oder die Umbenennung dieses Feiertages drastisch verändern würde? Im Ernst?

Stichwort: antiquierter Rollenverteilung. Ich kann es nicht mehr hören! Jeder ist für sich selber verantwortlich und zieht sich die Schuhe an, die ihm passen. Wir zum Beispiel sind beide voll berufstätig und teilen uns selbstverständlich die anfallenden Arbeiten, allerdings nach dem Prinzip der Spezialisierung: Was der Eine gut kann, probiert der Andere gar nicht erst. Im Klartext heißt das: der Beste kann nicht kochen und ich habe noch nie eine Steuererklärung gemacht. Das ist geschichtlich einfach so gewachsen. Und stinkt nach vorsintflutlichen Geschlechterrollen! Ich bin für die Versorgung der Familie mit Nahrungsmitteln in einem sauberen Umfeld und in frisch gewaschener Wäsche zuständig und bin erster Ansprechpartner in Sachen Kinderthemen. Und, um dem noch eine Krone aufzusetzen: Nein, ich bekomme nicht täglich gesagt, wie toll ich das alles mache! Dafür steht immer ein fahrbereites Auto mit TÜV und den entsprechend der Jahreszeit empfohlenen Reifen vollgetankt und sauber vor der Tür. Wir sind immer mit dem optimalen Versicherungs- und Stromanbieter versorgt und das Kaminholz hackt sich auch von alleine. Und nein, der Beste bekommt auch nicht regelmäßig gesagt, wie toll er das macht! Und wenn ich morgen sagen würde: „Du, Schatz, ich will nicht mehr kochen und putzen, ich will lieber Steuererklärung und den anderen Scheiß!“, dann würde er sagen: „Okay, dann lass uns das eben anders machen. Ist ja egal, wer was macht.“. Wäre ich dann zufriedener? Nee, und es würde nicht gut laufen, das ist jetzt schon klar. Würde ich mich emanzipierter fühlen? Ich bin schon emanzipiert geboren worden! Und trotzdem: Ich wecke an circa dreihundertfünfzig Tagen im Jahr meinen Mann mit Kaffee am Bett. Weil ich das gern mache. Und weil ich sowieso eher wach bin! Darin kann man das „Zementieren antiquierter Rollenschemata“ sehen. Oder man sieht darin einfach eine nette Geste. Und Steuerklärung find ich noch doofer als Bad putzen. Das ist so, und niemand zwingt mich, diese Haltung einzunehmen. Pink und Barbie gabs auch erst, als ich schon erwachsen war (von rosa Überaschungseiern ganz zu schweigen), für die Schuldfrage zu dieser unerhörten Haltung meinerseits kommen die üblichen Verdächtigen also nicht in frage.

Bei uns gibts Muttertag. Ist wie mein zweiter Geburtstag im Mai und alle reißen sich ein Bein raus und die letzten Haare, um diesen Tag so schön wie möglich für mich zu machen. Selbstverständlich machen wir auch ein großes Brimborium zum Vatertag! Wir feiern halt gern…

Trotzdem habe auch ich ambivalente Gefühle bei diesem Tag. Wertschätzung, Achtung und Dank sind die ersten „Tags“, die mir dazu einfallen und auch auf den einschlägigen Glückwunschkarten im Handel auftauchen. Der Mutter danken. Hm, Dank erwarten würde ich, wenn ich jemandem einen Gefallen tue, eine erbetene Hilfestellung leiste oder dergleichen. Meine Kinder sind auf der Welt, weil ICH das wollte. Ich sorge für sie und versuche sie mit dem bestmöglichen Rüstzeug auszustatten, weil MIR das ein Grundbedürfnis ist (und vermutlich evolutionsbiologisch so eingerichtet). Habe ich dafür Dank „verdient“? Nein. Wertschätzung und Achtung. Wenn ich alles richtig gemacht habe, dann werden meine Kinder zu wertschätzenden Menschen, die Achtung gegenüber allen ihren Mitmenschen empfinden. Brauche ich eine Karte zum Muttertag, wo das draufsteht? Nein. Sollte ich irgendetwas davon einfordern? Um Himmels Willen!

Der morgige Tag ist ein Feiertag, weil meine Jungs den dazu machen. Und ich werde dafür Sorge tragen, dass sie eine eigene Entscheidung diesbezüglich treffen können und keine Erwartungshaltung bedienen müssen. In jedem Jahr aufs Neue. Das gleiche wünsche ich auch mir, denn ich bin schließlich nicht nur Mutter, sondern auch Tochter.

Euch wünsche ich einen schönen Sonntag und ein gutes Gefühl bei allem, was ihr vorhabt. Und vergesst nicht: Valentinstag ist eigentlich auch nur der vierzehnte Februar und morgen ist in erster Linie Sonntag ;). Die Entscheidung, welche Bedeutung ihr diesem Tag beimesst, liegt bei euch!

Garten ist wie Software…

Garten ist wie Software…

Ich komme gar nicht mehr zum Schreiben, weil ich bis zu den Hüften im Unkraut stehe.

Kubikmeter um Kubikmeter Unkraut und Dreck karren wir vom Gartengrundstück. Und während ich mich mühsam durch den Dreck wühle und hoffe, dass es irgendwann ein Ende haben wird, beschleicht mich immer öfter das Gefühl, dass es sich mit diesem Garten wie mit einem Softwareprojekt verhält.

Man stelle sich vor, da kommt ein Kunde mit einer Altanwendung und sagt: „Machense ma hübsch! So viel wird da ja nicht zu tun sein.“. Argwöhnisch denkst du dir, abreißen und neu bauen wäre bestimmt sicher billiger. Geht auch schneller. Aber der Kunde hängt an seiner vierzig Jahre alten Anwendung. Ehrlich gibt er zu, Wartungsverträge sind schon vor Jahren ausgelaufen. Dokumentation gibt’s auch keine. Das Team (der Opa), der das gebaut hat, ist pensioniert und will nicht mehr behelligt werden.

Ich hoffe, falls ein Softwareentwickler hier mitliest, dass er nie, nie, niemals mit einem derartigen Projekt zu tun haben wird!

Auf den ersten Blick ist die Anwendung sehr komplex und für ihr Alter relativ funktionstüchtig, ABER! Heißt im Gartendeutsch: Es gibt eine Fußbodenheizung, die ist aber kaputt. Das Licht geht per Fernbedienung an, die ist aber verschwunden. Die Räume sind mit Paneelen verkleidet, aber die hängen von den Decken. Es gibt einen Kühlschrank, der ist aber verschimmelt und kaputt. Die Waschmaschine traut sich der Kunde nicht anzuwerfen, weil die Wasserleitungen marode sind und der Schuppen bereits im letzten Jahr unter Wasser stand. Der ganze Garten ist mit Wasserfässern unterhöhlt, um ursprünglich das Regenwasser als Nutzwasser zu verwenden, aber die Fässer sind nicht miteinander verbunden! Und der Kunde weiß auch nicht mehr genau, wo sie denn überall stehen, denn es gibt keine Pläne (Ich albträumte bereits, dass der Kinderwagen eines Tages durch den Rasen in die Tiefe brechen würde und das arme Baby in einem Wasserfass ertrinkt.). Außerdem gucken aus dem Rasen an diversen Stellen Stromkabel, deren Existenz uns nur verwirrt. Das WC wurde mehrfach mit Pakteklebeband „repariert“ und an einigen Stellen des Hauses ist deutlich sichtbar, dass wir es mit Wasserschäden zu tun haben. Single Sign on geht auch nicht. Ein Schlüssel für die Schranke, ein anderer für das Tor, ein dritter für´s Haus und ein vierter für den Schuppen… Ich lebe ständig in Furcht und Angst, einen der vielen Schlüssel zu verlegen (ergo, mein Login-Passwort zu vergessen).

Die Grundstruktur ist am Zusammenfallen. Und über allem liegt ein lieblicher, dreißig Zentimeter hoher Löwenzahnteppich…

Und langsam wird mir außerdem klar, dass das Projektmanagement eine Katastrophe ist! Eigentlich hatte ich für mich selber die Rolle des Projektleiters vorgesehen, aber irgendwie mache ich nun alles, nur nicht das Projektmanagement. Und es läuft auch alles falsch: Es gab kein Projektkickoff, der Projektplan wird irgendwie so nebenbei mitgeschrieben, unklare Rollenaufteilung, Budgetplanung… ach, fragt lieber nicht! Ähnlich wie bei einem Time&Material-Vertrag in der Softwareentwicklung haben wir losgelegt und gesagt, eins nach dem anderen, wie eben Budget da ist. Ich möchte den Kunden am liebsten schütteln und anschreien: „Wach auf! Du hast keine Ahnung, was zuerst gemacht werden muss, was das kostet und was alles weitere kosten wird!“. Aber der Kunde gockelt durch die Unkrautwiese und schnoddert mich an: „Wie, du krautest seit drei Tagen an der Einfahrt rum?! Putz doch mal endlich das Haus! Das wäre viel besser!“. Wenn wir in der Softwareentwicklung wären, hätte er gesagt: „Wie, ich soll drei Tage bezahlen für Codereview? Mach doch mal schnell das Design neu, damit ich was Schönes sehe!“. Genau. Jetzt das Haus zu putzen, wo alles von der Decke fällt, wäre genauso unsinnig. Die Elektrik ist auf dem Stand von neunzehnhundertsiebzig (optimistisch geschätzt), aber wenn wir Tapete drüber kleben und ein Blümchen als Ablenkung auf den kippligen Tisch stellen, sieht’s ja keiner.

Ich habe einen anstrengenden Kunden. Er sieht einfach nicht, was ich alles gemacht habe, sondern moniert stets, was noch nicht fertig ist. Wären wir in der Softwareentwicklung, würde er stündlich im Büro anrufen und vermelden, wenn er sich einloggt, sieht er immer die gleiche Maske! Ja, lieber Kunde, aber im Hintergrund passiert ganz viel. Zurück im Garten heißt das: ´Guck nach unten, dann siehst du, das Tor lässt sich schon leicht öffnen, weil dein fleißiger Gartenknecht schon die Grasnaben darunter entfernt hat. Und wenn du nicht in den Garten reinkommst, dann ist auch wurscht, ob die Küche blitzt oder nicht!´. Seine Priorisierungen sind mir völlig schleierhaft.

Ich helfe mir. Das Krauten (mein neues Verb für „Unkraut rausbuddeln“) entspannt mich. Und ich sehe den ungeduldigen Kunden dabei nicht, der ja idiotischerweise von mir will, dass ich den Dreck von Jahrzehnten aus dem maroden Haus putze, damit er sich einreden kann, es sei ja alles gar nicht soooo schlimm. Wenn er dann vor mir steht und fragt, wie lange ich denn noch an dem sinnlosen Beet rumkraute, dann denke ich mir: ´Hm, sechs Stunden, wenn ich schnell mache. Wenn der Entwickler sonst sagt, er braucht sechs Stunden, weißt du als Projektleiter: Es werden vermutlich acht. Dann noch Risikopuffer, anteilig Qualitätssicherung und Projektmanagement…´und sage laut: „Fünf Tage!“. „Waaas?!“. „Ja, genau, ich habe außerdem auch noch mehrere Projekte nebenbei laufen! Mit Prio Hoch! Du musst doch nicht denken, dass ich hier exklusiv nur für dich arbeite! Und nerv mich nicht andauernd, wann das fertig ist! Außerdem: Was genau machst eigentlich DU hier?!“. „Ich mache die Projektleitung!“.

Ah ja… das kennt der Entwickler vermutlich auch…

 

Fußnote: Um Fragen und Irrtümern vorzubeugen möchte die Autorin anfügen, dass sie nicht nur mit dem besten aller Ehemänner verheiratet ist, sondern auch mit dem fleißigsten, stärksten und geduldigsten aller auf dem Erdball lebenden Exemplare. Mitnichten ist der in diesem Text mit „Kunde“ oder „Projektleiter“ benannte Mensch identisch mit dem Besten. Sollte dieser Anschein erweckt worden sein, so liegt das vermutlich nur an der Fantasie des Lesers 😉

 

Der Traum vom Garten

Der Traum vom Garten

„Wer ein Leben lang glücklich sein will, der lege einen Garten an“ sagt ein chinesisches Sprichwort.

Vor zwei Jahren beschlossen Oma und Opa, aus Altersgründen ihren Schrebergarten nicht mehr bewirtschaften zu können oder zu wollen.

Ich sah meine Chance und bearbeitete den Besten: Biogemüse aus eigenem Anbau! Ein ganz eigenes, persönliches Naherholungsgebiet! Mit Häuschen! Wir könnten sogar dort wohnen, wenn wir wöllten! Und überhaupt, wie herzlos wäre es denn, wenn dieser Familiengarten, in dem der Beste schon im Sandkasten gespielt hatte, in irgendwelche fremden, lieblosen Hände geriete?! „Einen Garten willst du?! Sag mal, wie alt bist du? Sechzig? Bei dir piept´s doch! Ohne mich!“ war die Reaktion des Angetrauten. Ich fand das sehr ungezogen, zumal er genau weiß, wie alt ich bin. Ich strafte ihn mit Nichtachtung (für zwei Minuten, länger halte ich das nie aus). Und probierte es anders: Nämlich, dass der Garten eine ideale Geldanlage wäre, jetzt, wo doch der Trend eindeutig zum Kleingarten gehen würde und wenn wir beschließen sollten, dass das nichts für uns sei, könnten wir das idyllische Stückchen Land problemlos gewinnbringend verscherbeln! Damit hatte ich ihn.

Die Papiere wurden unterzeichnet und wir Schrebergartenpächter.

Also rein formal. Oma und Opa wollten sich nämlich gern langsam von ihrem Garten verabschieden. Uns war es recht. Und so kam es, dass sie immer in ihren Hochlehnern mit den hässlichen gestreiften Auflagen saßen und sich sonnten, wenn wir mal in „unserem“ Garten vorbeischauten. „Kinder, macht ruhig los hier! Ist ja jetzt euer Garten!“ sagten sie jedesmal. Wir benahmen uns nach wie vor wie gute Gäste. Und rührten nichts an. Oma und Opa allerdings auch nicht. Die Idylle wucherte vor sich hin. Immerhin sah man das Häuschen noch vom Tor aus.

Das war vor zwei Jahren. Im letzten Jahr saßen Oma und Opa immer noch auf ihren Hochlehnern. Und wir benahmen uns immer noch wie Gäste. Um überhaupt irgendwas zu machen, legte ich mit dickem Bauch zwischen den mannshohen Unkrautfeldern halbherzig einen Kürbisacker an und fuhr eine riesige Ernte von ungezählten tonnenschweren, ungenießbaren und sitzsackgroßen Kolossen ein, die der Beste in unseren häuslichen Keller schleppen musste, wo sie vor sich hinschimmelten, bis ich den Mann, der mich geheiratet hatte, zwingen konnte, sie wieder zu entsorgen.

Obwohl, dass mit dem Ackerbau hatte ich ja eigentlich sowieso nur als Vorwand gebraucht, denn: Ich träumte ganz andere Träume!

Das Grundstück war mir ziemlich wurscht. Klar, ich würde irgendwann die hässlichen Pflanzen rausrupfen und Lavendel und Rosmarin pflanzen und schöne Steine von der Ostsee (die ich ja sowieso zentnerweise horte) in den Beeten drapieren. Aber meine Sehnsüchte galten dem Häuschen <3. Hach! Flur, Küche, Badezimmer mit Dusche, ein separates Klo, Wohnzimmer und unterm ausgebauten Dach ein Schlafzimmer. Natürlich alles im Gelsenkirchener Barock der späten Achtziger mit unsagbar hässlichen Läufern und Lampen, aber daraus ließe sich doch was machen! Man würde alles rausreißen müssen, aber WIE schön würde das Ergebnis erst sein! Ich sah es farbenfroh vor mir…

Zwei Winter lang träumte ich… ich würde das Häuschen blau streichen. Nein, weiß mit blauen Fensterläden. Die müsste extra angebracht werden, aber das würde sich lohnen! Das Bad muss neu gemacht werden, ganz klar, und ich sah mich schon einrichten und dekorieren. Shabby chic, oder englisches Landhaus gemixt mit maritimen Flair. Blaue Fliesen im Badezimmer und schöne Leinentücher anstatt Frottee. Ich erstand eine antike Silberschale, darauf würde ich erlesene Lavendelseifen ansprechend darreichen. Ich würde eine alte Holzleiter weiß streichen und in die Badezimmerlandschaft integrieren als Handtuchhalter… Ich hortete alte Truhen, Kisten, Dekokram. Konnte ich schon zu Friedenszeiten an keinem Antikgeschäft oder Trödelladen vorbeigehen, hatte ich ja nun eine Vision! Ich kaufte, erfeilschte, ertrödelte und verstopfte unseren Keller. Folgende Satzkombination war wohl die häufigste in den letzten zwei Jahren: „Was ist das schon wieder für Zeug?!“ (Er) „Das kommt in den Garten!“ (Sie). Und ich kultivierte weiter meinen Traum. Ich sah mich das Wohnzimmer einrichten, Vorhänge nähen, die sich im Duft des Jasmins vor dem Fenster (Ja, der müsste dann auch noch gepflanzt werden) wehten. Ich würde Fotos der Kinder in Sepia an die Wände hängen und endlich alle Deko- und Interior-Tipps, die ich seit Jahren sammelte, umsetzen. Ich sah mich die Teppichfliesen von der Treppe entfernen und diese streichen, die Küchenmöbel restaurieren und aufarbeiten. Oder nein, ich würde ein altes Büffet dort einbauen und den Rest selber bauen, mit einer alten Holztür als Arbeitsfläche! So schwer kann das nicht sein. Sieht in den Zeitschriften immer ganz leicht aus. Und auf der Terrasse (deren hässliche Fliesen ich gestrichen oder mit Holz verkleidet hätte) würden schöne Holzmöbel stehen und Bodenkissen liegen. In den Obstbäumen sah ich selbstgebastelte Windspiele aus Muscheln und Glasscherben hängen und Laternen mit Kerzen säumen abends den Gästen den Weg zu unserem romantischen Häuschen. Und jeder würde mich bewundern, was für ein Träumchen ich aus dem Gartenhaus gemacht hätte! Und überhaupt kämen alle unsere Freunde ständig zu uns! Und wir würden feiern und es schön haben und niemand braucht nach Hause zu fahren, denn wir haben Platz! „Bleibt einfach, solange ihr wollt. Ihr seid willkommen!“ höre ich mich jedem zurufen. Und morgens würde ich im luftigen Sommerkleid mit meinem (extra für den Garten angeschafften) Hollandrad zum Bäcker radeln, um für meine Familie und die vielen Freunde, die bei uns zu Besuch wären, frische Croissants zu kaufen oder Vollkorndinkelbrötchen und dann im Garten den Frühstückstisch decken. Mit einem Strauß Flieder auf dem Tisch. Und selbstgekochter Marmelade aus den Gartenfrüchten. Es würde immer die Sonne scheinen, draußen und in meinem Herzen. Und ich, ich würde nicht so schlumperig in Jogginghosen mit Gummistiefeln durch die Wiese schlurfen wie die Frauen, die ich naserümpfend über den Gartenzaun beobachten konnte. Das geht echt zu weit! So kann man sich wirklich nicht gehen lassen! Arbeit hin oder her, es gibt Grenzen. Ich würde immer adrett aussehen. Und einen Strohhut tragen. Und einen Hauch „La Perla Blue“, das schien mir der perfekte Gartenduft zu sein.

So würde das werden. Ich war mir ganz sicher, in meinen Träumen. Zwei lange Winter lang!

Da man seine Träume hegen soll, habe ich heute meinem Traum vom Garten einen ganzen Artikel gewidmet. Einen Abgesang, ein Requiem. Ein Totengebet quasi.

Wir schreiben das Jahr 2014 und es ist jetzt WIRKLICH unser Garten. Um es poetisch zu formulieren: Statt Kleidchen und La Perla Blue, nur Unkraut, Dreck und Gummischuh…

Fortsetzung folgt. Ganz bestimmt!

Nachlese zum Welt-Autismus-Tag

Nachlese zum Welt-Autismus-Tag

Ich habe heute am Universitätsklinikum Dresden im Rahmen des Öffentlichkeitstages einen Vortrag gehalten, es ging um „Schule für alle!“. Begonnen habe ich mit den Worten: „Ich bin aufgeregt, weil ich ihnen in den nächsten Minuten einen wunderbaren Menschen vorstellen darf!“ und endete mit den Worten: „Mein Sohn ist besonders. Und zwar besonders toll!“.

Ganz besonders toll waren die Reaktionen im Anschluss für mich. Der Hörsaal war voll, viele Mediziner und Therapeuten, Pädagogen und ganz viele Eltern. Nicht nur aus Dresden, aus dem Umland, teilweise mehrere Hundert Kilometer angereist. Ganz viele Menschen haben im Vorbeigehen meine Hand gedrückt und „Danke!“ gesagt, „Sie sprechen mir aus der Seele!“. Ein älterer Herr meinte, er hätte geweint. Ich kenne seine Geschichte nicht. Mich hat das tief berührt.

Horst Wehner, selber Rollstuhlfahrer, hat in seiner Eröffnungsansprache sehr deutlich gemacht, wie schwer der Umgang mit „unsichtbaren“ Behinderungen ist. Das ist auch mein Empfinden: Wenn mein Sohn dem Fahrkartenkontrolleur seinen Behindertenausweis hinhält, erntet er stets ein verblüfftes Gesicht!

In Dresden gibt es derzeit sechsundachtzig Schulkinder im Alter von sechs bis neunzehn Jahren, die unter Autismusspektrumsstörungen (ASS) leiden. Das klingt nicht viel. Hinzu kommen die Kinder, die „in der Warteschleife“ hängen, die lange auf einen Termin zur Diagnostik warten, deren Diagnostik noch läuft oder wo der unendlich komplexe Prozess der „Klärung des sonderpädagogischen Förderbedarfs“ noch im Procedere ist. Hinter jedem Kind steht eine Familie. Eine Familie, die Odysseen an Therapeutenbesuchen und Gesprächen hinter sich hat und sich nicht selten jahrelang die Haare rauft und fragt, was nur stimmt nicht mit meinem Kind?

Und selbst wenn die Diagnose steht und Dinge wie „Nachteilsausgleiche“ zum Beispiel geregelt sind, dann hört die Odyssee nicht auf. Nicht, wenn das Kind schulpflichtig ist. Bei geringfügigen (Es tut mir weh, das zu schreiben!) Störungen vermag das Kind vielleicht, durch erlernte Strategien und Kompensationsmechanismen irgendwie seinen Alltag alleine in einer Regelschule zu meistern. Was aber, wenn nicht? Ja, es gibt Förderschulen und das ist auch gut so! Aber was, wenn die Förderschule sagt: „Wir können ein Kind mit den kognitiven Eigenschaften wie ihres nicht adäquat bei uns beschulen! Es müsste auf ein Gymnasium!“ und die Gymnasien sagen: „Wir sind voll! Wir haben keinen Platz für ein Integrationskind! Und seinen Betreuer!“.

Ich habe heute viele Fachvorträge gehört, und sehr viel Gutes und Wünschenswertes und Ausbaufähiges war dabei. Hoffentlich folgen den schönen Worten Taten.

Und heute ging es ja „nur“ um den Schulalltag. Die Familien, die ich kennengelernt habe, sorgen sich ja nicht nur um zehn, zwölf Jahre. Hinzukommen die Fragen wie: Wird er/sie jemals einen Beruf ausüben können? Alleine einen Haushalt führen können? Familie haben? Jemals einen Freund finden? Wer beschützt sie/ihn, wenn ich es nicht mehr kann? Es wäre wirklich wichtig, dass diesen Eltern wenigstens die Sorge um die Schuljahre genommen wird!

Und ja, ich bin eigentlich nur zum Spaß hier und am liebsten bringe ich euch zum Lachen! Aber es ist wichtig, auch mal den Mund aufzumachen, um ernsten Dingen einen Raum zu geben. Morgen können wir wieder Spaß zusammen haben, heute drücke ich in Gedanken die Hände aller Eltern, die sorgenvoll auf die Zukunft ihres besonderen Kindes schauen.

 

Ich habe Superkräfte!

Vergangene Woche habe ich meine Prüfung zum „Systemischen Businesscoach“ bestanden. Ich wollte diesen Lehrgang unbedingt machen, das Timing war allerdings ganz großer Mist. An einem Dienstag im September wurde ich mit dem neuen Baby aus dem Krankenhaus entlassen, kurz darauf saß ich schon in der Schulung und verfluchte mich und meine eigene Überheblichkeit („Hey, wie schwer kann das sein?! Stille ich halt zwischendurch! So´n Wurm liegt ja eh nur rum!“).

Nun gut, ich hab das durchgezogen, irgendwie. Denn wer will, findet Wege. Wer nicht will Gründe.

Überhaupt bin ich ja der ganz große Sprücheklopfer. Mein Lebensmotto habe ich dem alten Immanuel abgeluchst: „Ich kann weil ich will was ich muss.“ Heißt in meiner ganz eigenen Interpretation: Ich muss nur das machen, was ich will!

Jedenfalls habe ich am Prüfungssamstag mit zermatschtem Kopf morgens um fünf über meinen Unterlagen gesessen und überlegt, ob ich noch schnell die Vita vom Ausbildungsleiter auswendig lerne oder sonst wie im blinden Aktionismus irgendwas reißen kann um meine überdimensionale Inkompetenz zu verschleiern… Da mir nichts einfiel, habe ich Fleiß vorschützend ein Bild meiner vor mir ausgebreiteten Bücher etc. bei Facebook gepostet.

Wenn ich das geahnt hätte! Ungewollt habe ich den Eindruck erweckt, Baby und Haushalt und nebenbei-Schulung, Blog und kreative Heimarbeit ganz laissez faire aus dem Handgelenk zu schütteln. Ich bin nun offensichtlich in Erklärungsnöten!

Mache ich tatsächlich den Eindruck, dass Alicia Keys jeden Morgen neben meinem Bett steht und für mich „Superwoman“ singt zum Wachwerden?! Und mir die Weste mit dem „S“ auf der Brust reicht?! Bin ich die leibhaftige Persiflage der von mir so abgrundtief verhassten Mutti geworden, die in Seide und Kaschmir gehüllt flötend die Kita betritt und dreierlei vegane, laktose- und glutenfreie Muffins unter dem Arm hat, die sie mal eben schnell zwischen drei und vier Uhr in der Früh noch zubereitet hat und ihr Burberry-Kind mit Seidenschal und Seitenscheitel adrett auf dem Kita-Bänkchen platziert?! Die bei allen anderen Müttern den schalen Geschmack der Unzulänglichkeit hinterlässt?! Eine Cakepop-Prinzessin mit Sechzigerjahre-Superhausfrauen-Image?!

Leute, nun aber mal halblang!

Ich zieh jetzt die Hose runter für euch. Jetzt kommen sie, die ultimativen Geheimnisse der schlampigen Anti-Superwoman-Hausfrau!

Der perfekte Haushalt. So gehts:

1. Feuchte Reinigungstücher
Das absolute must have für mich. Damit feudel ich vom Kaminglas über Toilettensitze, Fensterbänke bis hin zu Baby´s Schnute alles ab, während ich links noch die Kaffeetasse halte! Also, nur das, wo ich bei meiner Körperhöhe von 1,57m so rankomme. Ich weiß natürlich, dass jedes Möbel oberhalb 1,70m eine Fellmütze aus Staub trägt, aber das ist mir wurscht!

2. Bescheißen beim Fensterputzen
Oberlichter putzen? Spar ich mir, indem ich die Jalousie auf Halbmast ziehe. Merkt keine Sau. Bis jetzt.

3. Microfaser-Flauschsocken
Mit diesen Socken an den Füßen immer schön durch die Wohnung rutschen, ruhig auch mal Schlittschuhlaufen simulieren (gut für die Fitness)und verwegen im Vorbeigehen mal mit den bestrumpften Füßen über die Scheuerleisten fahren. Macht Staubsaugen überflüssig. Abends dann die Socken mit den 300g Staubflusen ausschütteln und ab damit in die Wäsche!

4. Wäsche-Management
Irgendwann hatte ich mal begonnen, beim Wäschesortieren für jedes Familienmitglied einen Korb zu bestücken. Nun ist es aber so, dass alle, die zu faul oder noch nicht in der Lage sind, die Klamotten in ihren Schrank zu sortieren (quasi alle Familienmitglieder), ihren Korb einfach so stehen lassen und sich morgens irgendwas Sauberes rausziehen. Praktisch! Ich schmeiß das Gewaschene einfach wieder obendrauf. Gut, an den Anblick von vollen Wäschekörben in der Behausung musste ich mich erst mal gewöhnen, aber das ging relativ schnell. Ich erwäge mittlerweile, unsere Kleiderschränke komplett abzuschaffen…

5. Ordnung
Oft muss ich mir anhören, bei mir wäre es so verdammt ordentlich! Irrtum, ich habe nur gut schließende Schranktüren. Dahinter verbirgt sich das Grauen. Ich vermute, dass ich mittlerweile jedes Kleidungsstück in Form und Farbe viermal besitze, weil ich das immer wieder kaufe mit dem Gedanken: „Ach, das ist ja hübsch! Sowas wollte ich schon immer!“. Ich find es dann nur leider nicht wieder, weil in meinem Chaos alles vor mir Verstecken spielt hinter den Schranktüren.

6. Die Listenschummelei
Ich bin ja auch ein großer Freund von Listen. Sie strukturieren meinen Tagesablauf und identifizieren die Projekte, die ich unbedingt mal angehen müsste. Und ich finde das so beruhigend! Wenn ich mir selber einen todo-Zettel schreibe, auf dem steht: „Gewürzregal auswischen und die einhundertdreißig Töpfchen und Gläschen auf Haltbarkeitsdatum überprüfen“, dann habe ich ja immerhin schon einen Anfang gemacht! Und ehrlich, ob ein Gewürz schlecht ist, merkt man ja, wenn beim Benutzen tote Fliegen aus der Öffnung fallen!

7. Gesund kochen
Ganz wichtig! Ich esse auch sehr gerne. Und sehr gerne gut! Aber momentan wird bei uns jeder, der in der Lage ist, eine Tiefkühlpizza in den Ofen zu schieben, als Koch eingestellt. Na, und? Wer sich beschwert, darf an den Herd!

Und wenn alles wirklich mal selbst für meine Augen schlimm aussieht: Das Haus verlassen! Mit Abstand betrachtet, ist das größte Chaos gar nicht so schlimm! Frische Blumen kaufen und vor den Abwaschberg stellen (lenkt das Auge ab) hilft auch.

Und auch vor mir selbst mache ich nicht Halt, nein, da wird runteroptimiert, wo´s nur geht:
Die perfekte Frisur…ist die Bettina-Wulff-alltime favourite-red carpet-Schnipsgummi-Frise. Muss nicht gefönt werden und hält am zweiten Tag noch mit Trockenshampoo am Ansatz und Wachs in den Seiten. Das perfekte Makeup…besteht aus BB-/CC-Abrakadabra-Teintverjüngungscreme und das aufwendige Augen-Makeup wird durch eine Ganzgesichts-Sonnenbrille obsolet. Und Riesenschals kaschieren Kotzflecken auf der Schulter anmutig. Am besten gleich Klamotten in der Farbe von Babykotze tragen!

Also, wer den Mut zur imperfekten Behausung mit Maggifix-Tüten in der Haute Cuisine-Kombüse hat wie ich, der hat wirklich viel Zeit um allerlei Quatsch nebenbei zu machen.

Apropos nebenbei: Ich war heute Morgen in der Firma, weil ich dort was zu erledigen hatte und kam mit zwei Kolleginnen ins Gespräch. Wie das so ist, Blick in den Kinderwagen und das Erinnerungskino springt an. Die eine, zwei kleine Kinder, einhundert Kilometer Fahrweg jeden Tag zur Arbeit und zurück. Die andere erzählte von den zwei schweren ersten Jahren mit einem chronisch kranken Kind. Und dem Schmerz, morgens ein weinendes Kind in der Kita zurücklassen zu müssen, um seinen Mann zu stehen auf Arbeit. Nicht zu vergessen die Frauen, die das alles alleinerziehend „nebenbei“ wuppen müssen.

Stehen da wie aus dem Ei gepellt, schön und standhaft und Eine sagt bescheiden, es sei ja nicht immer alles Gold was glänzt…Dabei habe ich die Weste gesehen. Die mit dem „S“ auf der Brust. Unsichtbar vielleicht, aber sie alle hatten sie an!

Und während ich im Sonnenschein nach Hause in meinen goldig glänzenden Erziehungsurlaub spazieren durfte, dachte ich nur: Chapeau Mädels, ihr seid für mich die Größten!

Für alle Sindy´s, Nici´s, Andrea´s, Franzi´s, Bea´s und Christine´s dieser Welt: Carpe diem!

Und jetzt alle laut mitsingen:

 

 

Das besondere Kind

Das besondere Kind

t1Am 2.April ist Welt-Autismus-Tag. Er wurde von der UNO 2007 ins Leben gerufen und wird mit zahlreichen Aktionen wie lightitupblue jedes Jahr von Betroffenen und Angehörigen genutzt, um für Toleranz und Verständnis zu werben.

„Bei dem Wort “Autismus” denken die meisten Menschen zunächst an das “Kind unter der Glasglocke”, das ohne Kommunikation mit der Umwelt ganz in seiner eigenen Welt lebt. Das stimmt aber mit dem, was wir heute über die vielfältigen Formen von Autismus wissen, nicht mehr überein.
Bei einem Kind mit Fähigkeiten im Normalbereich, das fliessend spricht und sehr gute Kenntnisse auf besonderen Spezialgebieten hat, denkt man zunächst nicht an Autismus. Es ist auffällig in seinem sozial ungeschickten Auftreten, es hat keine Freunde, lebt am Rande der Gemeinschaft. Im täglichen Umgang ist dieses Kind schwierig, ohne dass man erkennen kann, warum das so ist. Es ist möglicherweise begabt auf einzelnen Gebieten, trotzdem stimmt etwas Fundamentales nicht.t3t2
Hans Asperger beschrieb 1944 eine Gruppe von Kindern, die intellektuell nicht beeinträchtigt waren, ein gutes Sprachvermögen hatten, aber deren gesamtes soziales Verhalten merkwürdig war.
Insbesondere fiel ihm Folgendes auf:
• Störungen im Blickkontakt, Körpersprache, Gestus und Sprachgebrauch
• im normalen alltäglichen Umgang mit anderen keine natürliche, altersgemäße Kommunikation
• Körperhaltung und Gesten nicht im Bezug zur Situation
• motorische Ungeschicktheit, die künstlich oder seltsam wirkt, Tonfall und Wortwahl auffällig
• gut entwickelte sprachliche Kompetenz aber monotone Sprachmelodie oder eine “erwachsene” Ausdrucksweise
• Schwierigkeiten bei spontaner verbaler Kommunikation
• Diskrepanz zwischen Intelligenz und Gefühlsleben
Er nannte sie “autistische Psychopathen”, heute sprechen wir vom Asperger-Syndrom.PENTAX DIGITAL CAMERA
Als erstes fällt an diesen Kindern, die zunächst völlig gesund wirken, ihre emotionale Distanz und ihre ausgeprägte motorische Ungeschicklichkeit auf. Sie verfügen über eine normale Intelligenz, in Teilbereichen eine intellektuelle Frühreife, ein gutes Sprachvermögen und kommen mit dem normalen Schulstoff zurecht. Die Kernsymptome für Autismus sind alle vorhanden, allerdings sind sie nicht so stark ausgeprägt, wie bei Kindern mit Kanner-Syndrom. Das bedeutet aber nicht, dass die Beeinträchtigungen geringfügig oder unbedeutend sind.
Die Eltern dieser Kinder vollführen eine “Gratwanderung” zwischen Fördern, Fordern und Überfordern. Sie sorgen sich sehr um ihr Kind und haben oft große Angst, dass es als Erwachsener kein selbständiges Leben führen kann, da ihm viele praktische und soziale Fähigkeiten fehlen, die im Alltagsleben benötigt werden. Auf der anderen Seite müssen sie sich häufig Vorwürfe anhören, sie seien nicht fähig, ihr Kind richtig zu erziehen.HPIM2068

Aufgrund ihrer veränderten Wahrnehmung sind autistische Kinder in allen Lebensbereichen beeinträchtigt, das gilt auch für Kinder mit Asperger-Syndrom. Sie aber gehen häufig unerkannt in ganz normale Schulen, wo von ihnen auch “ganz normales” Benehmen erwartet wird. Und spätestens hier fallen sie vor allem durch ihr merkwürdiges Sozialverhalten auf.
Denn im Gegensatz zu Kindern mit Kanner-Syndrom werden Kinder mit Asperger-Syndrom erst relativ spät – manchmal erst im Verlauf des Schulalters – diagnostiziert, da sie auf den ersten Blick recht normal wirken und die Auffälligkeiten zunächst den verschiedensten Ursachen zugeschrieben werden können. Häufig wird ihre Störung nicht ernst genommen. So werden an diese Kinder Anforderungen gestellt, die sie nicht erfüllen können. Das auffällige Verhalten wird oft fälschlicherweise als “Nicht-Wollen” angesehen, als Ausdruck des Wunsches, im Mittelpunkt zu stehen, schlimmstenfalls als Bösartigkeit.

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Diese Kinder verfügen über ein hohes Sprachniveau und eine normale bis überdurchschnittliche Intelligenz, deshalb nimmt man an, dass sie auch alles verstehen. Aber oftmals erkennen sie nicht das Wesentliche in einer Aussage sondern halten sich mit subjektiven Details auf, ohne den Inhalt richtig zu erfassen.
PENTAX DIGITAL CAMERAKinder mit Asperger-Syndrom können von sich aus kaum altersgemäße Beziehungen zu anderen Kindern herstellen. Die Kontaktaufnahme geschieht verstandesmäßig, die Gefühle anderer werden nicht wahrgenommen. Die Kinder wirken auf ihre Klassenkameraden fremd und beunruhigend und werden daher oft Opfer von Ausgrenzung und/oder Mobbing. Sie merken bald, dass sie anders als ihre Klassenkameraden sind. Mit zunehmendem Alter kommt dann die Erkenntnis, dass sie niemals so sein werden, wie diese, auch wenn sie sich noch so sehr anstrengen.
Werden sie mit damit allein gelassen, ist die Gefahr einer Depression sehr groß. Dies kann sich dahingehend auswirken, dass sie entweder Aggressivität zeigen oder sich völlig zurückziehen. Manche wollen gar nicht mehr leben.

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Durch das große Wissen auf dem Gebiet ihrer Spezialinteressen und die Hartnäckigkeit, mit der sie diese Interessen verfolgen, können Kinder mit Asperger-Syndrom hier hervorragende Leistungen erbringen. Überhaupt sind ihre hervorstechenden Eigenschaften: Genauigkeit, Perfektion, stark ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, absolute Wahrheitsliebe, logisches Denken. Wenn diese Eigenschaften gefördert und in die richtigen Bahnen gelenkt werden, können aus Kindern mit Asperger-Syndrom sehr gewissenhaft und genau arbeitende Angestellte, aber auch hervorragende Wissenschaftler, Erfinder oder Künstler werden.
Kinder mit Asperger-Syndrom sind – gemessen am autistischen Spektrum – relativ “leicht” betroffen. Dennoch benötigen sie besonderes Verständnis und Hilfe, aber es muss die richtige Art von Hilfe sein. Mit der entsprechenden Anleitung können sie soziale Verhaltensweisen lernen. Dann sind die Chancen, dass sie einen Beruf ausüben und ein weitgehend eigenständiges Leben führen können, recht gut.“
(Quelle: http://www.autismus-nordbaden-pfalz.de)

 

 

 

 

 

 

Das Auflauf-Kuchenform-Experiment

Das Auflauf-Kuchenform-Experiment

Ich liebe Aufläufe. Das ist ein Essen nach meinem Geschmack: alles in eine Form schütten und in den Ofen schieben. Dreißig bis fünfzig Minuten Ruhe und Zeit für andere Dinge. Kein Umrühren, kein Aufpassen. Aber eine verkrustete Auflaufform ist eine zuviel. Immer auf der Suche nach Verbesserungspotential habe ich gestern Käsespätzle in einer antihaftbeschichteten Kuchenform gemacht. Et voilá: kein Verkrusten!

Fazit: Sehr nachahmungswert.

Das Leben mit dem Gutmenschen

Regelmäßig bekommt der Beste Post in grauen, faserigen Ökobriefumschlägen, die er beim Lesen dann meist so kommentiert: „Hm, da müssen wir was machen!“. Ich kenne das, darauf gibt’s nur einen möglichen Kommentar: „Oh nein! Hör auf, das ist nicht dein Kampf!“.

Darauf folgt dann eine ausschweifende und (mich) ermüdende Zusammenfassung über einen dem Untergang geweihten Kartoffelacker in Ostkirgisien oder dem möglicherweise Aussterben einer Fruchtfliege in Nordkorea. Während ich versuche, den mir Angetrauten von der Veruntreuung unseres Familienvermögens abzuhalten, palavert er weiter über Sinn der Atomkraft, den urbanen Menschen als Krebsgeschwür für den blauen Planeten… und mich im Besonderen als eklatante Müllproduzentin und Umweltsau.

Ich glaube, es war unser zweites oder drittes gemeinsames Weihnachten vor tausend Jahren, da hatte der Beste die Idee, das Geld, das wir sonst für Geschenke ausgeben würden zu spenden. Ich fand das unglaublich lieb, umsichtig und verantwortungsvoll. Also spendete ich meinen opulenten Weihnachtsgeschenke-Etat an ein Kinderhilfswerk und er den seinen für eine Umweltschutzorganisation. Wir haben das beibehalten. Jedes Jahr an Weihnachten spenden wir. Ich immer für die Kinder und er für den Umweltschutz. Unnötig zu erwähnen, dass wir jedes Jahr zusätzlich großzügige Geschenkaktionen durchziehen. Die Welt geht vor die Hunde?! Aber dann will ich wenigstens einen schicken Pullover dazu tragen!

Früher bekamen wir im Januar dann meist einen Dankesbrief mit Aufklebern zugeschickt. Heute nicht mehr. Vielleicht gibt’s den nur noch bei Spenden im fünfstelligen Bereich, das ist allerdings Mutmaßung. Heute kommt gefühlt monatlich ein Brief, in dem der Beste aufgefordert wird, eine Bankeinzugsermächtigung zu unterschreiben und anzukreuzen, ob er jetzt monatlich, quartalsweise oder etwa doch nur einmal im Jahr ein Monatsgehalt spenden will. Ich finde das dreist! Ich will wenigstens Aufkleber! Aber davon will der Gutmensch, den ich geheiratet habe, nichts hören.

Andersherum wird er nicht müde, mich zu ermahnen, ressourcenschonender zu leben und dabei meint er leider nicht nur laufende Wasserhähne und Verpackungsmüll. Nein, er kritisiert mein Kaufverhalten!

Aber da bin ich fest. Ich habe eine Mission. Die Wirtschaft schwächelt, das Bruttosozialprodukt sinkt. Mein Einsatz wird benötigt! Die Werbeblättchen und „VIP Shopping“-Einladungen, die ich wöchentlich von Textilherstellern zugeschickt bekomme, sind doch auch nichts anderes als Hilfeschreie. Da muss man was tun! Ich weiß schon, was der Beste sagen würde: „Das ist nicht dein Kampf!“. Oh doch! Jeder an seiner Front. Er rettet die Umwelt, ich den Einzelhandel!

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Leider kann ich meine Kassenbons nicht als Spendenquittung geltend machen…

Sweets for my sweet, cinnamon sugar for my honey

Sweets for my sweet, cinnamon sugar for my honey

Heute ist Duftkerzenwetter. Ich brauche was warmes, süßes… Hier habe ich mich inspirieren lassen.

Zimt geht immer. In Teemischungen, Badezusätzen, Duftkerzen, Milchcafé, als Zimt-Zucker-Mischung über Crèpes, Plätzchen, what ever. Bei dem Wetter: Immer her damit!

Als quick ´n dirty-Hausfrau habe ich selbstverständlich Fertigblätterteig im Kühlschrank. Die fleißige Hausfrau kann den natürlich mühelos selbst herstellen. Ausrollen, zerschneiden (ergab bei mir sechzehn Blätterteigecken), Zimtzucker draufstreuen, ab in den Ofen.

Während die fleißige Hausfrau noch an der perfekten Blätterteigmischung knetet oder die Küche putzt, hat die faule Hausfrau Zeit, die wirklich WICHTIGE Frage des Tages zu klären:

nagel Birdy Bordeaux, Red said Fred oder 7st and Alameda?

Zehn Minuten später sind die Nägel trocken und die Zimtteilchen fertig und sehen so aus:

blaetter

Am besten warm zu einer Tasse Roibuschtee mit Sahne. Ab auf die Couch, dann ist der Tag mein Freund!

Tipp: Wenn du keinen Blätterteig im Haus hast und/oder der Meinung bist, sechzehn Zimtecken sind als Snack für einen Einzelperson zu viel, dann probiere die Toastbrotversion: Weizentoast entrinden, ganz leicht (!) antoasten, beidseitig dünn mit Butter bestreichen, Zimtzucker drüber, diagonal halbieren und backen bis zur gewünschten Bräunung. Mahlzeit!

Umgang formt den Menschen

…behauptet meine Mutter. Wenn das stimmt, bin ich ein umgegangener, geformter Mensch.

Lange Zeit beneidete ich die Leute, die selbstsicher von sich sagen, ein bis zwei „gute Freunde“ zu haben. Fürs ganze Leben. Reicht. Qualität statt Quantität!

Ich hinterfragte mich oft, ob es sein könne, dass ich ein oberflächlicher Mensch sei?! Gar bindungsgestört? Solange ich mich erinnern kann, haben meine Freundschaften immer Zyklen meines Lebens begleitet. Ich habe also offensichtlich ein „lebensphasenangepasst orientiertes Bindungsverhalten“.

Oberflächlich? Nein. Nichts ist mir ernster als die momentan beste Freundin!

Meine erste Freundin zu Schulzeiten war ein Mädchen aus dem Nachbarhaus, was meine Mutter lieber von hinten sah. Das sei kein guter Umgang, meinte sie. Ihre Befürchtungen waren, ich würde irgendwann rauchen und mit Jungs rummachen (Mutti, hat ja super geklappt mit deiner Intervenierung!). Die Eltern des Nachbarsmädchens dachten ähnlich… Wir zwei verstanden uns super! Sie zog weg mit den Eltern, Ausreiseantrag, tränenreicher Abschied. Das Handy war noch nicht erfunden.

Dann kamen die „richtigen“ Freundinnen. Das war die Zeit der ganz großen Dramen: Liebeskummer, den man nicht zu überleben glaubte, erste Erfahrungen mit Todesfällen im Freundes-und Familienkreis und die brennende Frage: Kann ich vom Petting schwanger werden?

Die Freundschaften mit meinen drei ältesten Freundinnen haben schon längst den Silberhochzeitszenit überschritten. Wenn wir uns heute treffen, dann ist das wie ein Familientreffen:  Man schaut sich wohlwollend an und bemerkt die Falten um die Augen der Anderen, die irgendwie nicht zu dem Erinnerungs-Abziehbild von 1988 passen. Wir klopfen die Themen ab, die wir miteinander haben. Vieles liegt in der Vergangenheit, wenig im Jetzt. Es herrscht eine absolute Nähe zwischen uns, Intimität fast. Aber zur Gegenwart des anderen gibt es kaum Schnittstellen. Was mich heute beschäftigt, das teile ich mit ihnen nicht. Die eine hat keine Kinder, eine ist bereits Großmutter(!), die dritte hat ihren Nachwuchs „aus dem Gröbsten“ rausgebracht und „denkt jetzt an sich“. Sie gehören trotzdem zu mir. Zu dem Erfahrungspuzzle, das nötig war, um aus mir einen ordentlichen Menschen zu machen.

In jeder Phase meines Lebens hatte ich die „richtige“ Frau an meiner Seite, die manchmal auch ein Mann war. Was Carrie ihr Stanford ist, war mir mein Artur. Und der konnte sogar Haare machen – Jackpot! Aber das Leben trennte uns und das Handy war immer noch nicht erfunden!

Nachbarinnen und Kolleginnen sind die allerbesten besten Freundinnen. Was für ein Traum! Du gehst nicht auf Arbeit, nein, du triffst dich jeden Morgen aufs Neue mit deiner Freundin! Und wie herrlich ist es, die Haustür zu öffnen und ein Teller mit der neuesten Kochkreation der allerbesten Lieblingsnachbarin begrüßt dich vor deiner Tür?! Zu allen meiner ehemaligen Nachbarsfreundinnen habe ich noch heute ein herzliches Verhältnis. Im Stubenwagen der einen schlief das neue Baby die ersten Monate seines Lebens, eine andere war gar seine Hebamme.

Alle haben etwas von sich dagelassen und ich hoffe, ich auch bei ihnen.

Jeder Lebensabschnitt bringt die passende Begleitung mit. Der wohltemperierte Wein zum perfekten Dinner des Lebens. Und manchmal schmeckt der Rotwein erstaunlicherweise doch zum Fisch!

Ich sehe das so, dass uns alle Menschen nur ein bestimmtes Stück begleiten. Und uns befruchten, Spiegel und Katalysator sind. Und irgendwann heißt es Abschied nehmen. Ich bin mir dem immer bewusst und das ist gar nicht schlimm! Ich glaube, in dem Moment, wo einem die unvermeidliche Endlichkeit einer Beziehung klar wird, ist man sich der Kostbarkeit derselben am deutlichsten bewusst. Und das trifft auch auf die Abschiede zu, an die man gar nicht denken mag! Die Großeltern, Eltern, die irgendwann gehen müssen. Und- weniger dramatisch- auch der schmerzliche Abschied, wenn du die Hand deines Kindes loslassen musst, weil es meint, jetzt alleine in die Welt gehen zu wollen.

Mittlerweile (das Alter?) verschwimmen bei mir Begrifflichkeiten wie Familie, Freunde, Bekannte. Ich trenne das nicht. Mir würde auch eine Kategorisierung schwer fallen. Na und? Umgang formt den Menschen. Je mehr Umgang umso mehr Prägung!

Was ich meinen Kindern über Freundschaften weitergeben möchte, ist, immer ein offenes Herz und ein offenes Haus zu haben. Das war´s schon. Und wenn ich „elternmäßig“ eine Plattitüde gebrauchen müsste, dann bitte: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt´s heraus!

Ach, und falls dir in Pieschen beim Spazierengehen eine nette ältere Dame mit Kinderwagen begegnet, die dich freundlich anlächelt, dann weißt du: das ist eine altmodische Freundschaftsanfrage.

Zurücklächeln=Annehmen, Weggucken=Ablehnen.

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Für: Dorit, Micky, Anne, Grit, Artur, Ute, Antje, Vera, Sabine, Silke, Conny, Katja, Jenny, Hilde, Fika, nochmal Katja, Marco, Sandra, Dana, Kirstin, Tanja, Manu, Bea, Jawi, Mandy, eine dritte Katja, Yvonne, Isabell, Kathrin, Beate, Manja, Stephanie.

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Culinaria saxoniae

Wer als Nicht-Ossi in Sachsen in einem Wirtshaus „Beefsteak mit Letscho für €8,50“ liest , fragt sich unter Umständen, was zum Teufel Letscho sei, freut sich aber, ein Rindersteak für unter zehn Euro zu bekommen. Nun gut, nur so lange, bis das Essen auf´m Tisch steht. Denn er bekommt etwas, was anderswo als Frikadelle, Fleischpflanzerl oder Bulette bekannt ist. Beefsteak reimt sich im Sächsischen auf „Besteck“, denn es wird „Bäffsteck“ gesprochen. Selbst kosmopolitische Sachsen essen in der Heimat gern ein „Bäffi“ und kämen nie auf die Idee, das durchgemöllerte und totgebratene Fleischklöpschen anders zu nennen!

Letscho. Was ganz gruseliges. Googelt gar nicht erst, ich meine nicht die selbergekochte Paprikabeilage, die es heutzutage in Kochforen im Angebot gibt. Nein, ich rede von einem gekochten Paprikagemüse in einer süßlichen Ketschupsauce, was es fertig im Glas gab und gibt und als Universalbeilage in DDR-Wintermonaten gerne auf dem Teller landete. Und offensichtlich immer noch Anhänger hat.

Noch heute jieperts mich manchmal nach“ Maccharoni mit Letscho und Reibekäse“, einem meiner Lieblingsgerichte als Kind. Und dann noch zwei Spritzer Maggi Flüssigwürze drüber, ich trau es mir gar nicht zu sagen…

Da kann man mich nachts um drei wecken und zwingen, in der dunklen Küche Penne arrabiata zu kochen und ich bekomme das linkshändisch hin (Vaffanculo!), und trotzdem schütte ich mir einmal im Jahr sowas widerliches auf den Teller wie Maccharoni mit Letscho und Maggi! Das muss genetisch bedingt sein. Mein kulinarischer Ossifingerabdruck quasi.

Beim Bäcker erwartet den Nichtsachsen eine weiter Überraschung: Pfannkuchen. Das, was ihr unter Pfannkuchen kennt, nennen wir Plinsen. Unsere Pfannkuchen kennt ihr unter dem Begriff Berliner. Berliner kennen wir auch, aber das ist in der Regel für uns nichts zum Vernaschen…

Schwierig, oder?

Eine gute Nachricht habe ich: bei Mc Donalds bekommt ihr das zu essen, was ihr erwartet. Auch in Sachsen. Wo Big Mac mit Pommes draufsteht, ist auch ä Bürgor und Bommes drin. Versprochen!

Meine Blumen für…

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Meine ersten „Blumen für…“ gehen aus gegebenem Anlass an Nina alias Frau Mutter. Dieser Blog ist für mich wie eine beste Freundin im Netz. Danke dafür. Und dafür, dass deine Herzlichkeit mich vergessen macht, dass ich ja eigentlich neidisch sein müsste auf dich, weil du anbetungswürdig schön, klug UND witzig bist! Und da ich weiß, dass dir Tulpen gefallen, diese gehören jetzt dir! Ach so, fast vergessen: Und du hast tolle Haare!

Der Haushalt hasst mich

In unserer Wohnung befinden sich acht Rauchmelder, was nicht übertrieben, sondern grob fahrlässig ist. Sie funktionieren, denn regelmäßig mache ich unfreiwillig Tests. Meine Nachbarn schlafen auch ruhiger, seit die Nieselpriemsche Wohnung eine Standleitung zur örtlichen Feuerwehr hat.

Topf auf Herd, anschalten, Küche verlassen. Wieder reinkommen, 30cm hohe Stichflamme auf dem Herd, weil während meiner kurzen Abwesenheit „irgendwer“ die Platte angeschaltet hat, auf der ein vergessenes Holzbrett lag.

Lust auf Eiersalat. Eier in Topf, Topf auf Herd, angeschaltet (die richtige Platte). Bügeln gegangen ins Arbeitszimmer. KAWUMMMMMM! Es war offensichtlich ziemlich viel zu bügeln (ich vermute, die Nachbarn hatten heimlich ihr Zeug auch auf mein Bügelbrett gelegt).

Eier explodieren, wenn kein Wasser mehr im Topf ist, aber die Wärmezufuhr nicht unterbrochen wird. Und zwar richtig! Das weiß ich jetzt. Sie haben nicht nur den Deckel vom Topf katapultiert, sondern sich partikelweise in der kompletten Küche verteilt (besonders an der Decke!).

Liebe Kinder, macht das nicht nach! Es reicht, wenn die Tante Rike das für euch vormacht.

Wenn ich freitags fürsorglich den besten Ehemann von allen frage, was ich denn am Wochenende für die geliebte Familie kochen soll, bekomme ich oft folgende Antwort: „Nichts! Bitte! Meine Woche war schon aufregend genug! Lass uns einfach essen gehen oder was vom Vietnamesen holen!“.

Auch mit den Haushaltsgeräten stehe ich auf Kriegsfuß. Der Beste hat vermutlich heimlich Protokoll geführt, denn jedes mal, wenn es etwas kaputt geht, muss ich mir anhören, ich hätte schon zwölf Mixer, vier Bügeleisen, acht Staubsauger etc. zerstört.

Dabei kann ich gar nichts dafür!

Gestern wieder gab es eine beispielhafte Situation: Die Wollmäuse auf den Böden tanzten Samba und waren fast so groß, dass ich die Beine heben musste um drüberzusteigen.

Also Staubsauger raus und los, nützt ja nichts. Und schnell machen, das Baby hasst den Krach vom Staubsauger. Dann, es musste ja so kommen, verheddert sich das blöde Kabel unter der Küchentür. Und geht nicht wieder raus! Irgendwie ist es da ja auch drunter gekommen! Und zwar von alleine und ohne Gewalt. Das ist mir zwar klar, aber es hängt fest. Ich versuche es kurzzeitig mit Geduld. Aber das Baby heult mittlerweile. Und da werde ich zum Hulk! Dieses ARSCHLOCHKABEL!

Schnitt.

Das wäre zum Beispiel so ein Abend, an dem der Beste dann dasteht und sich das spärliche voluminöse Haar rauft und sagt: „Was zum Himmel ist nur los mit dir?! Kannst du mir um Gottes Willen mal verraten, wie man ein Staubsaugerkabel zerstören kann?!“, „Aber das ist gar nicht meine Schuld! Der Staubsauger hat angefangen!“.

Falls ein Haushaltsgerätehersteller hier zufällig mitliest: Sie können mich als Tester engagieren. Möglicherweise wird das bald ein anerkanntes Gütezeichen: Unkaputtbar, Nieselpriem-getestet.

Mutanten – Sie sind unter uns!

Das Kind Nummer eins und mich verbindet etwas ganz besonderes. Es ist, als sei die Nabelschnur zwischen uns nie durchschnitten worden.  Wenn wir „Wer bin ich?“ spielen, können wir nie für einander die Personen auswählen. Weil ein tiefer Blick in die Augen des anderen meist genügt, um lapidar festzustellen: „Ich bin Angela Merkel, stimmts?“, „Und ich Sheldon Cooper?!“. It´s magic!

Überhaupt dieses süße, süße Geschöpf mit einem Duft, als würde Apfelkuchen in ihm backen und Augen, riesengroß wie bei Bambi und von der glänzenden Farbe einer guten Zartbitterschokolade (mit 75% Kakao!). Wenn du da zu lange hinguckst, überfällt dich eine Heißhungerattacke. Das Größte für ihn ist, früh wie ein Tornado in mein Bett geschossen zu kommen (wenn er nicht schon als blinder Passagier drin liegt), mich wie ein Krake zu tentakeln und in meinem Arm wach zu werden. Jahrelang  habe ich ihm morgens das „Küsschen-Lied“ von Monika Ehrhardt vorgesungen oder schief und krumm „Summertime“ aus Porgy und Bess, wenn er mal krank war. Zwischen uns passt kein Blatt Papier. Er ist die größte Liebe meines Lebens.

Irgendwann ist er ausgezogen. Ohne Vorwarnung. Ohne Nachsendeadresse.

Stattdessen hat er sein Zimmer und den Platz an unserem Esstisch untervermietet an ein „Dingsbums“, ein schlechtgelauntes, knurriges, tentakeliges Mutantenwesen. Es ist fast größer als ich, die Arme und Beine sind momentan so lang, als wöllte er sich als Spiderman-Double bewerben. Das Gesicht sieht man selten, weil Sommer und Winter trotz teurer Coiffeur-Frisur unter einer Mütze versteckt (Entschuldigung! Beanie.).

Wenn ich klopfend das Ex-Kinderzimmer meines Ex-Kindes betreten will, wird mir als Willkommensgruß oft ein leidenschaftliches „RAUS!!“ entgegengerufen. Einmal war ich nachts drin. Leute, hab ich mich erschreckt! Schnarchgeräusche, ich schwöre, wie bei einer armenischen Bauarbeiterbrigade nach feuchtfröhlicher Feierabendgestaltung. Keine Ahnung, wo aus diesem spindeldürren Körper derartige Laute herkommen!

Und der Geruch! Von wegen Apfelkuchenduft… Man sagt ja, Säugetiermütter erkennen ihre Jungen blind am Duft. Also diesem Test möchte ich mich momentan zu meiner eigenen Sicherheit nicht unterziehen. Es wäre durchaus denkbar, dass ich mit einem ausgewachsenen Puma nach Hause gehen würde.

Es spricht auch ausländisch. Beim letzten Versuch einer Konversation kam aus seinem Mund etwas Sinngemäßes wie: „Ich kann jetzt mit Shader spielen ohne FPS zu loosen, weil ich mir eine Mod installiert habe, die die FPS oben hält.“ Ich verstand Bahnhof und teilte das in meiner Hilflosigkeit auch so mit. „Ey Ma, du bist so ein peinlicher noob!“ war seine Antwort. Sicherheitshalber beschränkte ich meine weiteren Kommentare auf „Hm.“s.

Manchmal möchte ich das Wesen schütteln und anschreien: „WER BIST DU UND WAS HAST DU MIT MEINEM KIND GEMACHT???!“.

Ich weiß schon, was ihr jetzt sagen wollt: Das ist die Pubertät. Das ist normal.

Nix da! Von wegen normal! Ich sag euch, was normal ist! Wenn ich darüber lese oder das anderen passiert. Das ist normal! Aber doch nicht mir, und nicht diesem süßesten Kind von allen. Ich fand das perfekt! Was für eine grausame Natur zerstört Perfektion durch Metamorphose?!

Das ist ganz, ganz schlimm. Auf einmal bist du nicht mehr der wichtigste Mensch in seinem Leben, die Sonne seines Universums. Und nichts und keiner bereitet dich darauf vor. Egal, wieviele Bücher du liest.

Und jetzt soll ich mich gedulden…riesengroße Stärke von mir! Und vertrauen! Ihm, und darauf, dass die Samen, die ich gepflanzt habe, aufgehen werden. Was für ein Blödsinn!

Ich komme mir vor wie in einem Chemieexperiment! „Na, mal sehn, ob´s Gold wird oder Meißner Porzellan…oder nur stinkt und uns allen um die Ohren fliegt.“.

Aber zum Glück habe ich meine Schatzkiste.

Wenn es brennen würde, würde ich mir unter jeden Arm ein Kind klemmen und mit den Zähnen dieses Kästchen retten.

Die gesammelten Liebesbriefe meines Kindes an mich. Wenn ich diese Schachtel öffne, dann ist er wieder da. Bei mir.

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Ich muss Schluss machen, ich rührseliges altes Ding. Tempos holen…

Das Trödel – Baby

Es ist Samstag Vormittag und das Baby strampelt aufgeregt mit den kurzen Beinchen. Ich weiß, was das bedeutet: Es will…auf den Flohmarkt!

Floh

Der Beste guckt etwas besorgt, als ich die „Mutti-Handtasche“ aus dem Schrank hole, aber ich beruhige ihn: „Keine Angst, Schatz, ich will nichts kaufen. Vielleicht fahre ich dann noch kurz auf dem Wochenmarkt vorbei und kaufe zwei Pastinaken und drei Petersilienwurzeln!“. Bei der Erwähnung von Gemüse schaltet er sofort das innere Meerrauschen ein.

Das Baby und ich, wir ziehen los.

Aber es ist immer dasselbe. Schon beim zweiten Händler fängt der Kleine an zu betteln. Ich versuche streng zu sein: „Nein, wir kaufen nichts! Wir gucken bloß!“. Irgendwann gibts kein Halten mehr. Das Baby hat einen wurmstichigen Stuhl entdeckt. „Babylein, nein! Wirklich! Was willst du denn mit diesem räudigen Ding?!“. Es guckt mich knopfäugig an und spricht (stumm. Babies können das, und Mütter verstehen diese stummen Monologe.): „Na, ich dachte, du streichst mir den. Ich sehe da ein helles blau-grau vor mir. Und als Bezugsstoff vielleicht einen von den schönen Siebzigerjahrestoffen. Rot?! Mit Kirschen eventuell?!“. Dann feilscht er noch gerissen mit seinen Knopfaugen und bekommt einen unschlagbaren Preisnachlass von zwei Euro. „Dein Vater wird AUSFLIPPEN! Immer schleppst du irgendwelchen Trödel an! NEIIIIN habe ich gesagt!“.

Aber er ist stärker als ich. Immer.

Stuhl

Schatz, wenn du das jetzt liest: Ich habe den Stuhl vor dir in der Garage versteckt. Du verstehst das sicher!

Der Hypochonder

„Und, was ist heute die Krankheit des Tages?“, mit dieser charmanten Frage an mich startet der beste Ehemann von allen gerne unseren gemeinsamen Tag.

Denn, egal, von welcher neuen Seuche ich höre oder lese, spontan bilde ich die Symptome aus! Und bin mir sicher, es nicht überleben zu werden. Blockaden im oberen Rücken selbstdiagnostiziere ich stets mit ´Bronchialkarzinom´(Oh Gott, es geht zu Ende!), Herzrasen wird nie dem Kaffee, sondern immer einem drohenden Infarkt zugeschrieben und es gab mal ein Telefonat mit einer Freundin, was ungefähr so ablief:

„Du, ich muss dir was sagen…“ „Hör zu! Egal, was es ist, NEIN, du wirst jetzt nicht sterben und JA, das ist alles nur Einbildung!“.

Tage meines Lebens habe ich in der Notaufnahme zugebracht. Das ist nicht lustig. Aber beruhigend. Denn viele meiner Krankheiten lösten sich bereits per Spontanheilung im Wartezimmer auf, einfach aus lauter Frust, weil kein Mediziner sich die Zeit nahm, mich anzuschauen! Wenn du nach vier Stunden Warten immer noch Schmerzen hast, DANN solltest du dir Sorgen machen!

Unvergessen bleibt mir auch die Begebenheit, als der Beste mit dem Kind Nummer eins alleine in den Urlaub fliegen wollte. Am Abflugtag bekam ich eine akute Blinddarmentzündung (selbstdiagnostiziert). Ab ins Uniklinikum. Nach acht (!) Stunden in den Händen eines ambitionierten Assistenzarztes, der wirklich alles, alles und jeden Test mit mir durchführte („Hosen runter, vorn überbeugen und ganz locker lassen! Dann tuts auch nicht weh!“), stand fest, mein Appendix erfreut sich bester Gesundheit. Der Beste saß zwischenzeitlich auf den Koffern und hätte fast die Flüge storniert.

Kranke Gedanken machen dich krank. Ich versuchte, fortan positiv zu denken und mich an meiner strotzenden Gesundheit zu erfreuen. Und natürlich jede Gesundheitssendung im Fernsehen zu meiden!

Während der Schwangerschaft mit dem Kind Nummer zwei habe ich mir kurzzeitig einen echten Befund zugelegt: Schwangerschaftsdiabetes. Der war hart erarbeitet! Einen halben Liter Milchreis mit Zimtzucker pro Tag, drei Stück Kuchen und abends einen halben Liter Häagen Dazs (zuzüglich zu drei Hauptmahlzeiten am Tag) über Monate waren dazu nötig. Und schon bei der Reduktion auf ein Stück Kuchen am Nachmittag verschwand der Diabetes. Ich bin ein Glückspilz!

Und jetzt DAS!

Ein winziger Leberfleck über der Braue mutiert. Breitet sich aus, franst aus. Und juckt. Scheiße! Da habe ich doch so schön positiv gedacht und jetzt werden meine Kinder mutterlos aufwachsen müssen. Die Solariumsucht der Neunziger rächt sich jetzt. Und meine Mutter ist auch schuld! Hatte sie mich nicht jahrzehnzelang mit Kokosöl eingerieben und in die Sonne gesetzt, damit ich nicht nur schön, sondern auch schön braun werde?

Egal, ich beschloß, dem Orkan ins Auge zu blicken und was auf mich zukäme, ich würde es tragen wie ein Mann!

Also ab zur Hautfacharbeiterin meines Vertrauens und mit piepsiger Stimme gefragt:

„Und? Wie schlimm ist es?“. „Das ist eine Alterswarze.“. „Eine WAAAAAS???!“. „Eine harmlose Alterswarze. Das raspele ich ihnen weg!“.

Abends beim Essen befragt mich der Beste, wie es denn so gelaufen wäre beim Hautarzt.

„Na sag schon! Was hat sie gesagt!“. „Du, das ist diesmal echt schlimm…“ unke ich düster, „Chronisch sogar…“ murmele ich in meinen Teller. „Was hast du denn nun?“

„Ich habe `Alter´!“

Kinder und Haustiere

Ich wollte unbedingt eine Katze. Ich durfte nicht. Meine Mutter behauptete, eine Katzenhaarallergie zu haben. Außerdem noch Asthma.

Ich machte jedes Jahr den Belastungstest mit ihr: im Frühjahr schleppte ich ein Katzenbaby an, was ich einem Bauern in Pappritz abschwatzte und dann in meinem Zimmer versteckte (einmal sogar in meinem Schrank). Dann passierte immer das Gleiche: meiner Mutter schwollen innerhalb von Minuten die Augen zu und unter Atemnot japste sie: „Wo-ist-die-Katze?“.

Später hatten wir Wellensittiche. Viele. Die genaue Anzahl kennt wahrscheinlich nur meine Mutter. Alle waren sie hellgrün, und alle hießen Bubi. Aus irgendeinem Grund überlebten die nicht lange bei uns und meine Mutter, selbsternannte Wellensittich-Be und –Entsorgerin, war der Meinung, wir merken nicht, wenn der Vogel neu war! „Mutti, das ist nicht unser Bubi! Wo ist der hin?“, „Pscht! Nicht so laut! Das muss deine Schwester nicht hören. Ich musste den einschläfern!“, „Was? Wie?“, „Nagellackentferner und Wattepad.“ Irgendwer hatte ihr diesen todsicheren (böses Wortspiel) Tipp gegeben.

(Exkurs: Meine Mutter ist ein kleines, fragiles Wesen mit der Physiognomie einer Elfe, die ohne mit der Wimper zu zucken bei der Aussicht auf einen schönen Braten einem lebenden Fasan den Hals umdrehen könnte und meines Wissens nach sogar mal einen halben Hirsch in ihrem Keller nicht fachmännisch, aber sehr engagiert, zerhackt und zersägt hat. Ich habe Angst vor ihr.)

Wir hatten einen Frosch in Pflege, der verschwand und wurde mumifiziert im Staubsaugerbeutel gefunden. Zwei Wasserschildkröten, ebenfalls Pflegekinder, überlebten unsere Pflege zwar, mordeten aber während des Ferienaufenthalts den in ihrem Bassin bis dahin friedlich nebenher lebenden Wels. Übrig von ihm blieb nur die blutige Brühe, in der dann die meuchelnden Schildkröten schwammen.

Das Kind Nummer eins hatte kurzzeitig eine Amphibienphase: es köcherte monatelang in der Rothermund (einem kleinen Fluss nahe der damaligen Familienbehausung) und brachte eimerweise lurchiges Getier ins traute Heim. Was natürlich binnen Tagen jämmerlich einging, egal, wie sehr wir uns mühten. Jedes Frühjahr hatte ich ein riesiges Gurkenglas in der Küche stehen, in welchem Kaulquappen zu Fröschen herangezogen werden sollten. Der schwarze Grund an toten Quappen in dem Glas wuchs binnen Tagen zu einem derart ekelerregenden Leichenbrei, dass ich mich weigerte, in ein und demselben Raum mit dem Froschleichenglas zu kochen!

Irgendwie haben wir die Ich-will-ein-Haustier-Phase beim Kind Nummer eins überlebt, er will jetzt nur noch: mehr Speicher, mehr Grafikkarten, mehr Computerzeit…

Und wenn das Kind Nummer zwei anfängt, nach einem Haustier zu krähen, habe ich mir schon den passenden Spruch parat gelegt: „Warte, bis du in die Schule kommst. Dann bekommst du Läuse! Versprochen!“

Warum es toll ist, einen Buggy zu schieben

Zum Beispiel: Ich kann endlich wieder Enten füttern gehen! Wobei „Enten“ als Überbegriff für sämtliches urbanes, vollgefressenes, charakterlich verzogenes Federvieh herhält, was sich so am Elbestrand der Großstadt dümpelnd aufhält.

Denn welche gesellschaftlichen Randgruppen trifft man beim Füttern an? Mütter mit Buggies und ältere Damen mit Fönwelle, Gesundheitsschuhen und beigefarbener Einheitstracht. Genau deshalb bin ich froh, endlich wieder einen Buggy schieben zu können. Jetzt kann ich wieder mitmachen!

Ich liiiebe das! Ich könnte stundenlang am dreckigen Ufer auf und ab gehen, das träge und auf gar keinen Fall artgerecht ernährte Federvieh beobachten, welches sich mehr walzend als gehend auf der Suche nach dem prallsten aller Brotbeutel zwischen den anwesenden Fütterern bewegt. Ich rede auch manchmal mit denen, aber nur ganz leise (glaube ich zumindest):

„Guck mal, wie du aussiehst! Bewirb dich bei The biggest loser! Und du? Schau nicht so unschuldig! Meinst du, ich hätte nicht gesehen, dass du der Ente dort drüben vorhin grundlos in den Sterzel gehackt hast?! Ja, du! Hier, zur Strafe kriegst du das Vollkornbrot. Sollst schon sehen, was du davon hast! Daran verdaust du noch heute Abend. Ab, geh dich schämen! Naak naak naak, kommt zur Mami… naak naak naak…“.

Wie? Das Kind füttern lassen? Neiiin! Ich hab doch so viel Spaß damit! Außerdem schmeißt das Kind ja eh immer alles daneben!

Also gut, ihr habt mich erwischt: in Wahrheit bin ich eine freundliche ältere Dame mit beiger Einheitstracht, Gesundheitsschuhen und Fönwelle…

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Das Gegenteil von GUT ist GUT GEMEINT

Ich muss nie das Haus hüten, wenn meine Freunde oder Verwandten in die Ferien fahren. Auch vertraut man mir weder Haustiere noch Grünpflanzen an. Nicht, dass ich nicht hilfsbereit wäre! Ganz im Gegenteil, ich biete ständig ungefragt meine kompetente Hilfe an. Aber meine Freunde wissen, dass das im Normalfall eher keine gute Idee wäre!

Ich bin mir heute noch nicht ganz sicher, ob ich einfach mehr Pech als andere habe oder besonders trottelig bin. Oder ob beides zutrifft.

Mein „Gesellenstück“ diesbezüglich habe ich im Alter von achtzehn Jahren abgeliefert:

Ich hatte einen Freund, nennen wir ihn mal…Frank. Dieser Frank bewohnte eine schnuckelige Neubauwohnung, in der es sogar im Winter warm war. Ganz im Gegenteil zu meiner weniger schnuckeligen Altbauwohnung mit Ofen, in der war es sogar im Sommer kalt. Unnötig zu erwähnen, dass ich mich lieber bei Frank aufhielt. Diese Wohnung war für die Achtziger Jahre ausgesucht exquisit und schweineteuer eingerichtet und ich fühlte mich sehr wohl dort.

So kam es, dass ich mich aus einem mir nicht bekannten Grund eines Tages tagsüber alleine dort aufhielt.

Meine hausfraulichen Fähigkeiten steckten noch in den Kinderschuhen, aber ich war stets bemüht! Ich beschloss also, den Abwasch zu spülen. Das ist doch pipi-einfach. Stöpsel rein, Spüli rein, Wasser marsch! Das bekam ich hin. Dann ereilte mich ein unaufschiebbarer Blasendrang.

Ab ins Badezimmer. Als ich schon mal dort war, fiel mir der überquellende Wäschekorb auf und ich dachte, Mensch, da kannste dem Frank mal ne Freude machen, wenn du dich darum kümmerst. Was ihr wissen müsst, damals war Wäschewaschen eine Tätigkeit, mit der du dich problemlos einen halben Tag beschäftigen konntest. Die im Singlehaushalt der DDR gängiger weise eingesetzte Waschmaschine hieß „WM66“ und war eine Blechtrommel, in die man mittels eines Schlauchs händisch Wasser einließ, Pulver und Klamotten dazu und dann auf „Waschen“ schalten. Das bedeutete, die Trommel drehte die Klamotten in der Seifenbrühe. Wenn man der Meinung war, es reiche und die Brühe die Farbe der Elbe angenommen hatte, auf „Pumpen“ umschalten, dann entließ die Blechtrommel das dreckige Wasser über einen Schlauch in die Badewanne. Dann wieder sauberes Wasser oben rein. Alles von vorn. Wenn das Wasser irgendwann klar blieb (wie die Tränen, die ich später würde weinen müssen), dann holte man die Sachen raus, wrang sie aus und legte sie portionsweise in einem ordentlich Kreis in die Schleuder. Das war eine andere Blechtrommel, die auch wieder die Wäsche nur im Kreis drehte, diesmal allerdings schneller. Hatte man die Sachen eingeschichtet, Deckel obendrauf und draufgesetzt auf die Schleuder. Auf „Schleudern“ schalten und dann wurde man ordentlich durchgeschüttelt! Also ich habe gehört, dass es Leute gegeben hat, die sich nicht draufsetzen mussten, aber wenn ich das nicht tat, sprang die Schleuder stets unkontrolliert im Badezimmer herum. Wenn man damit dann fertig war, brauchte man die Sachen nur noch aufzuhängen und fertig!

Was dieser langweilige Exkurs sollte? Ich wollte euch nur klarmachen, dass ich tatsächlich STUNDENLANG mit der Wäsche beschäftigt war.

Irgendwann war ich fertig. Als ich die Badezimmertür öffnete, glaubte ich einer Sinnestäuschung anheimgefallen zu sein: der Teppichboden (der in der ganzen Wohnung ausgelegt war) schlug Wellen! Als ich drauftrat, stellte ich am schmatzenden Geräusch und der Tatsache, dass ich bis zu den Knöcheln im Wasser stand fest, dass mit meinen Sinnen alles in Ordnung war. Wasser, wo kommt das Wasser her?! Geistesgegenwärtig (Entschuldigt, dass ich dieses Wort verwende!) pitschte und patschte ich in die Küche und drehe den Wasserhahn des Spülbeckens zu.

Dann besah ich mir das Chaos: Die ausklappbare Schaumstoffcouch, die des Nächten unserem Liebesspiel Platz bot, hatte ihr Bestmöglichstes getan und sich bis in die Lehne mit Wasser vollgesaugt. Ich hatte sie von hellblauer Farbe in Erinnerung, nun war sie dunkelschwarz und würde so bald niemanden mehr zum Liebesspiel einladen (mich auch nicht, aber das konnte ich in dem Moment noch nicht ahnen). Die Schrankwand, die Frank mindestens  zehn Monatslöhne gekostet hatte, löste sich schweren Herzens vom aufgebügelten Furnier und zeigte durch unten abstehende Pressspantüren, dass auch sie eindeutig genug hatte. In meiner Verzweiflung zerrte ich alles aus der Schrankwand, was irgendwie den Anschein erweckte, eine minimale Saugkraft zu haben: Bettzeug, Handtücher, Anzüge, Unterwäsche, Socken, die schweineteuren Wollpullover (die aber wirklich hässlich waren!), einfach alles. Ich verteilte Franks komplette textile Besitztümer in der Wasserlandschaft und rieb, rubbelte und ruinierte damit immer weiter… Irgendwann schwante mir, das wird nichts. Also schleppte ich die pitschnassen Klamotten ins Bad und stopfte die in die Wanne. Die war dann voll mit nassem Zeug und Frank hatte eine ruinierte UND leere Schrankwand.

Der Teppich war immer noch nass. Die Schrankwand immer noch desolat und die Couch immer noch für immer unbenutzbar. Und es gab keinen textilen Gegenstand mehr im Haus, mit dem ich hätte weiter aufwischen können!

In meiner Verzweiflung zerrte ich das Bügeleisen aus dem Küchenschrank. Ihr denkt jetzt bestimmt: die wird doch nicht wirklich?! Doch, hat sie.

Na klar weiß ich, dass Teppich zum Großteil aus Plastik besteht und die Reaktion auf Wärme ist selbst mir im Physikunterricht beigebracht worden. Aber ich war vor Verzweiflung offenbar intellektuell umnachtet!

Wenig später sah es dann so aus: Der Teppich war immer noch nass. Die Schrankwand immer noch desolat und die Couch immer noch für immer unbenutzbar. Aber der Teppich wies jetzt jede Menge Brandspuren in Form eines Bügeleisens auf.

Ich habe das einzig Logische getan: Flucht!

Halt! Vorher habe ich Frank noch Torte vom Bäcker geholt, ihm den Kaffeetisch gedeckt, ein Blümchen dazugestellt… und ich glaube, einen Entschuldigungsbrief. Schließlich weiß ich ja, was sich gehört!

Und wenn ihr jetzt denkt, das kann doch SO nicht wirklich passiert sein! Tja Freunde, ich wünschte, ihr hättet recht. Und Frank natürlich auch!

Abschließend ist zu sagen, dass Frank heute glücklich verheiratet ist (nicht mit mir) und dass es ihm gut geht. Erzählt man mir. Also nicht er, er wechselt aus irgendeinem Grund die Straßenseite, wenn er mich sieht…

Auf dem Transportweg vertauscht?!

Der „Neue“ ist jetzt ein halbes Jahr bei uns. Und wir sind alle nach wie vor so dolle verknallt in den, dass wir uns streiten, wer ihm seine verkackten Windeln wechseln darf!

Ich weiß ja, dass jede Mutter findet, ihr Baby sei das schönste. Aber ihr müsst jetzt alle sehr stark sein. Euers ist nur das zweitschönste!

Wir haben eine Ewigkeit auf den gewartet. Bestellt wurde er vor ungefähr zehn Jahren. Es gab Lieferengpässe, wir übten uns in Geduld… Vor ein, zwei Jahren hatten wir uns (fast) damit abgefunden, dass diese Bestellung wahrscheinlich fehlgeleitet wurde oder die alte und leicht marode Transportbox vom Universum als nicht mehr geeignet erachtet wurde.

Und dann kam die Nachricht: „Ihre Bestellung wird versandt!“.

Als der dann endlich da vor uns lag und uns verwundert anguckte, als wöllte er fragen: „Wo bin ich denn gelandet?!“, da war klar: das Warten hatte sich gelohnt.

Schluss mit rührselig! Kaum waren wir zu hause mit dem „Neuen“ angekommen, blickt der sich um und fängt an zu schreien: “UWÄÄÄÄÄÄÄÄH! UWÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄH!!!“. Ich bin ein kein geduldiger Mensch, aber ich habe dem bestimmt zweihundert mal ganz ruhig erklärt, dass es bei uns keinen Uwe gibt und dass ich seine Mami bin und alles gut ist! Er hat sich dann auch irgendwann beruhigt, nur manchmal kommt der Beste zu mir und sagt: „Geh mal zu deinem Sohn, der ruft schon wieder nach dem Uwe!“.

Und dann das: Er spricht endlich! Der Miniman muss so vier Monate alt gewesen sein. Das Alter, in dem die meisten Babies „ärrrre ärrrrre“ von sich geben. Er liegt auf meinem Arm, schaut mich ernst an und sagt laut und deutlich: „Ingrid.“. Ich korrigiere ihn sanft: „M-A-M-A!“. Er wieder: „INGRID!“. So geht das eine Weile hin und her. Ich sorge mich.

Der Beste ist sich sicher, dass das Baby nicht vertauscht wurde oder übrig war aus irgendeiner anderen Bestellung. Er meint, an den Geräuschen beim Kacken und Baby´s ausgeprägter Vorliebe für Brüste UND Flaschen, deutlich sein Genmaterial erkennen zu können.

Uwe, Ingrid, wenn ihr das hier lest: Sorry, aber wir behalten den!

Er erkennt uns mittlerweile auch schon und ruft fröhlich „Irre irre!“, wenn er uns sieht.

 

 

Das It-Piece der Saison

Der Frühling naht und in den einschlägigen Journaillen für die moderne Trendsetterin von heute werden die must-haves für die kommende Saison vorgestellt. Ich bin diesbezüglich konsumgeschädigt. Egal, was man tragen soll, ob Pluderhose oder Schlag, Leoprint oder Plateauschuhe…ich kaufe es! Meist landen die „angesagten“ Teile der Saison dann im Sozialkaufhaus auf der Bürgerstraße. Über Geschmack lässt sich nicht streiten.

Nicht so bei Taschen, Schuhen und Modeschmuck. Hach! Nein, da lege ich Lager an, da horte, häufele und türme ich. Da werden ideenreich externe Lagerstätten im Keller erschlossen, wenn selbst  in den Küchenschränken kein Platz mehr dafür ist. Gibt es eine anerkannte Accessoiresucht? Ich weiß nicht, ob das bei allen Frauen genetisch bedingt ist oder die Ursache in meiner ach, so entbehrungsreichen Kindheit im sozialistischen Einheitsbrei zu suchen ist. Egal!

Wenn ich also mein persönliches Lieblingsteil küren müsste, mein It-Piece der Saison, dann wird es ganz klar… eine Tasche! Und ganz im Stile einer Carrie Bradshaw frage ich mich: Kann es sein, dass die Taschensammlung einer Frau Ähnlichkeiten mit der Sammlung an Liebhabern hat, die man ab einem gewissen Alter unweigerlich vorzuweisen hat?! Da gibt es große und kleine. Um einige beneiden dich deine Freundinnen, mit anderen traust du dich kaum auf die Straße. Unpraktische und stinkende (Ich habe eine neue Greenburry-Tasche, die wirklich super aussieht, aber innerhalb weniger Minuten jeden zu transportierenden Gegenstand nach toter Kuhhaut riechen lässt!). Und dann gibt es die EINE, die irgendwie den Weg in dein Leben geschafft hat und so unverzichtbar geworden ist, dass man ohne sie keinen einzigen Tag mehr in der Großstadt überlebt!

Ich habe meine Wahl getroffen: Sieger ist erneut der Vor-Saison-Sieger geworden! Praktisch, geräumig, wind-und wetterfest und für einen Umzug genauso brauchbar wie für eine ausgedehnte Shoppingtour im Edeka, Spielplatzbesuch mit allen Kindern und allem Spielzeug  oder einen Strandbesuch und die unweigerlichen Fundstücke, die danach mit müssen, um in die heimische Dekolandschaft integriert zu werden.

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Sollte die blau-gelbe Fleischbällchen-Möbelhauskette jemals erwägen, aus irgendeinem Grund diese wunderschöne Mutti-allround-Handtasche abzuschaffen, ich sag´s euch: Ich lege ein Lager an!

Soll ich´s wirklich machen oder lass ich´s lieber sein…

Ich: „Du, geht los jetzt mit dem Blog. Ich mach das!“

Innerer Kritiker: „Pffffffffff…“

Ich: „Warum verleierst du die Augen?“

Innerer Kritiker: „Im Ernst?! Was soll das werden?! Der dreimillionste Mamiblog der Welt?! Ach komm!!“

Ich: „Naja, aber die Worte wollen raus! Meine Facebookeinträge sind so lang, dass die keine Sau mehr zu Ende liest! Und ich kann doch nicht jeden Tag die Wohnung umstreichen!“

Innerer Kritiker: „Verstehe, du bist nicht ausgelastet. Ich kann dir helfen: die Scheuerleisten kannst du abschrubben. Dann vergehen dir deine Flausen!“

Ich: „Nein, ich will was für mich machen!“

Innerer Kritiker: „Wenn du was für dich machen willst, dann mach was mit deinen HAAAAREN, oder einen Origamikurs an der Volkshochschule. Makramee soll auch sehr hübsch sein…“

Ich: “Ich hab so viele Ideen…“

Innerer Kritiker: „…Oder Sport! An deiner Figur besteht mehr als Optimierungsbedarf!“

Ich: „Ich könnte über mein Leben in der pupsenden Männer-WG in Pieschen schreiben. Es gibt keinen Blog über Pieschen!“

Innerer Kritiker: „…Was sicher seinen guten Grund hat…“

Ich: „Die Leute, denen ich meine Geschichten gezeigt haben, fanden sie lustig!“

Innerer Kritiker: „Aus purer Höflichkeit! Schreiben! Du! Du bist ein eingebildeter Schriftstellerei-Praktikumsanwärter oder allenfalls ein Blog-Azubi im ersten Lehrjahr, erster Tag, dem die arrogante Inkompetenz aus den Eiterherden seiner ungepflegten Pickel quillt! Oder in deinem Fall: wie ein aschfahler Schleier über der faltigen Gesichtshaut hängt!“

Ich: „Das tat weh!“

Innerer Kritiker: „Du solltest  die Elternzeit abbrechen und im Büro für die Sicherstellung der Vermehrung des Firmenwohlstandes kämpfen, parallel einen Zweitjob in der Fabrik annehmen und neben den gestrandeten Existenzen, die auch alle ´irgendwas mit Medien´ gemacht haben und einen Blog geschrieben, nachts zwischen drei und sechs am Band stehen und Joghurtbecher stanzen. Außerdem wäre noch das Schulgebäude des Kronsohnes zu streichen, das kannst du nach dem Abendessen und vor dem Fabrikjob noch erledigen. Falls dir das noch nicht reicht, kannst du immer noch ins Tierheim gehen und die mutterlosen Welpen stillen.“

Ich: „Wenn ich EINE Person finde, die das lesen würde, dann mach ich´s.“

Innerer Kritiker: „Mit der du nicht verheiratet, verwandt, verschwägert bist?! Die sich in keinerlei Abhängigkeitsverhältnis zu dir befindet? Beruflich nicht verbandelt? Die nicht bezahlt wurde? Die nicht aus Mitleid lügen würde? Ok, da bin ich dabei! Muhahahahahahahahaha! Hihihihihi! Das wird lustig! Hähähähähä! Wahahahahaha! Warte, ich hole Popcorn!“