Liebeserklärung

… an einen bestimmten Ort auf der Welt, wo man „ditte“ sagt und damit keine Frauenbrust meint.

Die Sachsen und die Preußen haben ein schwieriges Verhältnis zueinander. Warum, wieso, weshalb, die Geschichtsbücher sind voll und beim Deutschlandradiokultur kann man dazu auch noch nachlesen, wenn man möchte.

Ich allerdings bin seit Kindheitstagen einer schwärmerischen Verliebtheit gegenüber Berlin aufgesessen. So von weitem zumindest.

„Sind wir schon in Berlin?“, lautet meine Frage bei jeder Autofahrt in Richtung Ostsee. Also ab circa fünf Kilometer hinter Radeberg. „Aber jetzt sind wir in Berlin, oder?“, bin ich spätestens am Senftenberger See sicher.

Berlin, Berlin. Schon zu DDR-Zeiten war dort alles viel wunderbarer als bei uns. Die hatten sogar Kakao im Tetrapack. Das muss man sich mal vorstellen! Und der VEB Jugendmode schickte stets die besten Klamotten ins Centrum-Warenhaus auf den Alexanderplatz. Ich fand alles ganz toll! Die Tiere im Berliner Zoo waren toller als die in Dresden und später, während meiner Sturm-und-Drang-und-keine-Macht-für-niemanden-Zeit in den Achtzigern, wo fanden wohl die besten, coolsten Punkkonzerte der Republik statt? Rüschtüsch.

Meine Cousine hatte sogar eine Cousine in Berlin. Ihr Vater und meine Mutter sind Geschwister und ihre Mutter kam aus Berlin, hatte eine Schwester dort und diese eine Tochter, die dann aufgrund der soeben beschriebenen Umstände zur Berliner Cousine meiner Dresdner Cousine wurde (Es war schwierig für mich zu verstehen, dass das nicht auch meine Verwandte war und ich bedauerte dies sehr.). Durch diese Berliner Cousine kamen Kassetten mit Musik in die sächsische Provinz, von der hier noch niemand was gehört hatte. Oder erst viel später, wie zum Beispiel die NDW. Alles, was aus Berlin kam, war irgendwie cooler. Lässiger. Eben knorke.

Und die Leute sind auch viel cooler, wa?

Vor ein paar Jahren hatte ich im Rahmen eines Projektes mit Berliner Kollegen zu tun. Am Anfang war das anstrengend. Die waren viel kommunikativer als ich. Auch viel jünger (Wahrscheinlich war das der eigentliche Grund und nicht die Verortung in der Hauptstadt.). Ständig poppte irgendein Fenster von Sync, Skype oder WhatsApp auf mit: „Na? Allet schick?“, oder das Telefon piepte, weil sich jemand aus Berlin unterhalten wollte. Ich kam kaum zum Arbeiten! Das war sehr gewöhnungsbedürftig. Die Berliner waren auch ständig in irgendeinem „Call“. Ich hatte ab und zu eine Telefonkonferenz oder kurz: TelKo, aber „Calls“ hatte ich keine. Telefonkonferenz versus Call, man merkt schon an der Begrifflichkeit, dass die wirklich hipper waren.

Aber ich liebte die Tage Vorort in Berlin! Wenn ich auf dem Hauptbahnhof ankam, betrat ich eine andere Welt. Lauter, voller, größer. Dann die Taxifahrt zum Office (Die Berliner arbeiteten in keinem Büro, die hatten ein Office.), ich zitternd auf der Rückbank, beide Hände am Angstgriff, „Ohgottohgottohgott!“-flehend, sicher, die Autofahrt nicht zu überleben. In Berlin Taxi zu fahren ist für mich, als hätte mich einer in ein Computerspiel reingedingst (Ich kenne mich leider gar nicht aus mit sowas, „ The race“ wäre ein passender Name.). Aber von vorn kam ganz bestimmt ein tröstendes: „Keene Angst, kleenet Frollein!“. Taxifahrer müssen in Berlin wahrscheinlich einen speziellen Kurs absolvieren, so kann ganz sicher nicht jeder Auto fahren! Ich könnte mir vorstellen, dass es einen Witz unter Berliner Taxifahrern gibt, der in etwa so gehen könnte: „Du, der Didi, der hat sich zur Ruhe gesetzt. Ick gloobe, der fährt jetzt in Dresden!“.

Ich bin immer gut angekommen. Nur angstschweißtriefend.

Im Berliner Office war auch immer alles viel cooler als im Dresdner Büro. Und die Leute so lässig entspannt! Null gehetzt. Chillig. Mach ma locker, ey. Ich fand das toll. Gut, so richtig zum Arbeiten bin ich da dann auch nicht gekommen, aber zum Staunen. Kaum biste da, geht’s ja auch gleich wieder zum Lunch. Ich geh in Dresden zum Mittagessen, in Berlin gehste eben lunchen. „Wo gehn wa hin? Koreaner, Inder? Magst du Tajine? Lieber thailändisch oder Pizza?“.

Also, ich hab noch nie Tajine gegessen. Ich musste jetzt auch erst mal bei Google nachgucken, wie das geschrieben wird. Berlin macht mich auch kulinarisch zur Provinzschnepfe. Und dann gehen wir los. Nur so die engsten fünfzehn, zwanzig Kollegen. Also nicht direkt gehen, schnurstracks mit Zeitdruck verbunden. Mehr so lässig, schlendernd. Und es ist immer schönes Wetter! Stets Frühling oder angenehm temperierter Sommer. Ich war noch nie bei Scheißwetter in Berlin (Wahrscheinlich ham die gar kein Scheißwetter, wa?! Nur wir! Das ist mal wieder typisch!). Egal, wir schlendern und flanieren durch hippe Gegenden mit hippen Leuten, die große Mützen und Sonnenbrillen und Chinos mit Pofreiheit tragen (oder was eben grad so angesagt ist bei Hauptstädtern unter vierzig) und allet schick. Und wenn in den zwei, drei Stunden, die der Lunch-Spaziergang so dauert, ein „Call“ ansteht, dann wird der eben im Gehen mit den Knöbbeln im Ohr (Weiß nicht, wie das auf preußisch heißt. Kopfhörer?) absolviert. Entspannt. Hände in den Taschen.

Das ist alles so… so arschcool! Ich will das auch. Ich will auch ein bisschen Berlin sein! Tausche sächsische Gemietlischkeet gegen Berliner Coolness. Wa?!

Kommste dann heeme aus der großen Stadt und stapfst in Dresden aus dem Hauptbahnhof, dann ist alles irgendwie slomo. Und keiner auf der Straße! Also nur so ganz wenige Leute. Das Auge ist an die gemietlische Kleenstadt nicht mehr gewöhnt. Und das Beste ist dann immer die Taxifahrt vom Bahnhof nach Hause. Gefühlt fährt der Dresdner Taxifahrer dreißig Km/h und stets rechts (Also, wenn man gerade aus Berlin kommt.). Und wehe, du sagst, du hättest es eilig! „Immer mit dor Ruhe! Isch lasse misch dor hier ni hetzen! Dann gönnse glei loofn!“. Ja, cool können wir auch…

Alles was aus Berlin kommt, ist wunderbar. Auch die Berliner Blogs sind cool. Und die Blogger alle lässig. Machen Bloggertreffen und Events. Da kiekste als Dresdner in die Röhre, wa?! Sowas gibt’s hier nicht.

Also noch nicht. Aber wer weiß, vielleicht im Sommer 2015? Mit Dresdner Eierschecke und Tajine? Gemietlischkeet meets Coolness?! Das wäre doch nett, oder? Arschcool wäre das!

#Familienalbum

Hach, Kinders, da hat die Nina von Frau Mutter ja was losgetreten. Nun sitze ich seit gestern zwischen alten Fotos und zwischen vier Jahrzehnten. Wollt ihr mal gucken?

b7…mit Strickkleid und Spangenschuhen.

b6… mit Familienangehörigen. Ich bin das ganz rechts im modischen Jumpsuit mit Fuchs (Ihr seht, es war echt alles schon mal da!). Wer die anderen beiden sind, darf ich euch aus Datenschutzgründen nicht verraten. Nur so viel: Das große Mädchen mit den Zöpfen war gar nicht so lieb und unschuldig, wie es auf dem Foto scheint. Ja! In der Tat soll sie Kleinere gekniffen haben (mehrmals).

b2… mit todschicker Handtasche und Oma Else.

b5… mit Buch und offensichtlich mitten im Zahnwechsel.

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Das mach ich jetzt lieber nicht so groß, das Foto.

… mit Bauchansatz und Dedoronblouson (das war ein absolut gängiges Wort im DDR-Mode-Jargon).

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… mit John-Lennon-Brille und meinem neuen Freund.

Ach ❤ das mag ich, das Bild! Auch wenn es gar nicht mehr zählt, weil das schon die Neunzigerjahre waren. Ich weiß noch, dass meine einzige Angst war, der Typ in dem anderen Boot könnte einfach so mit unserem Fotoapparat abhauen! Man siehts auch ein bisschen, ich sitze auf dem Sprung, bereit, mich kopfüber hechtend in das andere Boot zu werfen. Der neue Freund hat dann fünfzehn Kilo zugenommen und sich einen Vollbart und einen Sehfehler wachsen lassen (der das Tragen einer Brille erforderlich machte.). Ob das alles geschah, um nicht in Zusammenhang mit ollen Fotos gebracht zu werden, ist nicht bekannt. Ich habe ihn geheiratet. Aber nicht mit dieser Frisur (also meiner). Aber das waren dann sogar schon die Zweitausenderjahre.

Also: Album zu für heute!b1

„Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt!“

Heute Abend saß ich mit dem Kleinsten beim Abendbrot. Er hatte Hirsebrei mit Apfelmark und einem Schuß Ahornsirup. Ich musste auf einmal grinsen.

„Also das hätte es bei uns früher nicht gegeben!“

Genau. Bei uns gab es nämlich was Ordentliches zu essen! Schnitte zum Abendbrot. Mit Wurst. Oder auch mal ein Rostbrätel auf Brot. Auf jeden Fall tierisches Eiweiß. Grießbrei zum Abendbrot? Mein Vater würde sich im Grab umdrehen… Bei Grießbrei generell, vermute ich.

Überhaupt, was sollte das sein, ein Essen ohne Fleisch?! Eine Vorspeise vielleicht? Bei uns gab es Fleisch. FLEISCH! Schweinebraten, Rindergulasch, Rouladen. Putenrollbraten, ganze Hühner.

Ich hatte es nicht leicht. Ich mochte nämlich kein Fleisch. Mehr noch, es widerte mich an. Der Geruch, der Geschmack, die Fasrigkeit im Mund. Allein schon die Farbe. Ekelhaft.

Mini-Rike vor einem Teller (vermutlich mit Fleisch)

Mein Vater hat die entbehrungsreichen Nachkriegsjahre als Kind erlebt und erzählte oft, dass er damals stets sein kostbares Stück Fleisch beim Sonntagsessen aufsparte bis zum Schluss, um es sich dann ganz langsam und genießerisch mit Wonne einzuverleiben.

Ich ließ das Fleisch auch immer bis zum Schluss auf meinem Teller. Aus anderen Gründen. Aber es gab kein Erbarmen.

„Iss das, das ist gesund!“

Es wäre undenkbar gewesen, mir das verhasste Fleisch zu ersparen. Generell war es nicht üblich, dass auf Sonderkostwünsche eingegangen wurde. Extraessen für die Kinder? Nicht nach dem ersten Geburtstag! Es gab Fleisch mit Kartoffeln und Gemüse und Soße. DAS war ein anständiges Essen!

Ich war ein mickriger Esser. Und das verhasste Fleisch machte alles nur noch schlimmer. Mein Vater musterte mich beim Essen mit einem bohrenden Blick und strafte mich schon für eventuell beabsichtigtes Gesichtverziehen im Vorfeld. Meine Allüren waren für ihn unverständlich. Wie gut ging es uns, jede Woche, ach was, jeden Tag konnten wir Fleisch essen! Das kannte er schließlich noch ganz anders von früher. Undankbar war das von mir. Und die Mutti hatte sich so eine Mühe gemacht mit dem Kochen!

Ich musste am Tisch sitzen, bis das Fleisch weg war. Ich zermahlte und zerkatschte das Gelumpe und parkte den grauen Brei in meinen Backentaschen. Allein, ich wurde immer durchschaut. „Mach mal den Mund auf!“. Einmal saß ich vor meinem Teller, bis meine Mutter bereits den Tisch um mich herum für die Kaffeetafel deckte.

„Wenn du das nicht aufisst, gibts keinen Nachtisch!“

Nachtisch war mein Leben. Ich hatte auch nichts prinzipiell gegen tierisches Fett einzuwenden. In der Variante als Buttercremetorte, Schlagsahne oder Vollmilchschokolade mochte ich es sogar sehr! Aber das olle Fleisch…

„Damit du groß und stark wirst!“

Es ist überliefert, dass ich bereits als Vorschulkind einmal antwortete: „Aber ich will doch klein und zierlich bleiben!“.

Als das erste Kind bei uns unterwegs war, habe ich das wichtigste schon vorab klargestellt: „Meine Kinder werden nicht zum Essen gezwungen!“. Das war schwierig. Vor allem, weil der Beste alles isst außer Grießbrei (und Leber) und nicht verstehen kann, dass es anderen Menschen da anders gehen könnte. Aber da blieb ich fest: Ich zwinge ihn nicht, Grießbrei zu essen und brate seit siebzehn Jahren keine Leber in seiner Gegenwart und er darf im Gegenzug die Kinder nicht zwingen, etwas zu essen, was die nicht mögen.

Klingt alles einfach und machbar. Ha! Wir waren super in der Vorlage. Zwei Sachen aus der Menüauswahl müssen auf jeden Fall gegessen werden. Gekostet wird aber alles, und wenn´s nur ein kleiner Bissen ist. Eine Zeitlang stand noch ein Brotkorb stets auf dem Tisch, damit im Ernstfall wenigstens Brot als Alternative angeboten werden kann.

Scheiße, ist das anstrengend! Ein Heckmeck ist das! Seit Jahren. Dieses schmeckt nicht und jenes schmeckt nicht. Und die Soße schmeckte doch sonst immer, aber heute nicht. Ich will nur Nudeln ohne alles. Und DAS esse ich noch nie!

Es macht keinen Spaß. Also das mit dem Wahlessen. Und dürr wie ein Aal ist das große Kind außerdem. Wie soll er denn mal groß und stark werden? Und der Kleine? Denkste, der freut sich über den Hirsebrei? Ach was. Drei Löffel, dann hat der mir das mit Knurren aus der Hand geschlagen! Dabei ist das doch gesund! Vermutlich will der lieber Fleisch. Ein Steak oder eine Bratwurst. Pommes und Pizza. Da mmmmm-t der schon beim Anblick. Aber das sag ich euch, der isst, was auf den Tisch kommt! Noch so ein verzogenes Blag sitzt mir nicht in der Küche!

Dieser Text ist ein Beitrag zur Blogparade von Frau Mutter, die unter dem Hashtag #Familienalbum zum Geschichten-von-früher-Erzählen aufgerufen hat. Dem bin ich gern gefolgt. Wer mehr davon möchte, der surft schnell zu Frau Mutter auf dem Blog, dort sind sicher bald weitere Familienalbum-Einträge verlinkt. Viel Spaß! 🙂

 

 

Eine Küche muss her!

Der Blondino will immer mitkochen, was ich generell begrüßen würde, wäre er zehn Jahre älter! Bis dahin bin ich damit beschäftigt, seine knubbeligen, spuckefeuchten, niedlichen, kurzen, weichen, zum Dauerknutschen anregenden Fingerchen von der Herdplatte und den Knöpfen und dem Backofen fernzuhalten. Da kommt man kaum zum eigentlichen Kochen! Außer, man besitzt acht Arme.

Hilfreich hat sich erwiesen, dem Babynator Plasteschüsseln, Löffel und ähnliches auf den Boden zu legen oder ihm zu gestatten, damit in einem der Geschirrschieber „zu kochen“.

Vorab: Falls es irgendjemand für vollkommen übertrieben findet, einem (fast) Anderthalbjährigen eine Spielküche hinzustellen, dem sei gesagt: Erstens kann man nie früh genug anfangen, die Kinder an den Haushalt heranzuführen. Zweitens habe ich nicht acht Arme.

Lange Rede, kurze Rike. Es muss was her! Jetzt könnte ich bei Blau-Gelb eine Pressspanküche kaufen (O-Ton Kind Nummer eins: „Pressspan ist ist sowas wie das Formfleisch unter den Holzmöbeln, richtig?“), dann wäre ich heute schon durch mit dem Thema. Allerdings will ich auch ein bisschen Spaß!

Deshalb schmachte ich mich seit Tagen durch die Spielküchensammlung von Hyggelig. Sowas hier will ich! Also, ich meine natürlich, das Krabbelkind will sowas.

Eine bebilderte Anleitung gibts auch dazu, und zwar hier.

Natürlich braucht der Nachwuchssternekoch in Windeln noch Zutaten. Dank Valentina von Raumdinge will ich das jetzt nicht mehr irgendwo in der Plastikversion kaufen, sondern basteln!

(Fürs Verständnis: In der vergangenen Adventszeit habe ich erfolgreich bewiesen, dass es durchaus Leute gibt, die nicht in der Lage sind, einen Papierstern mit simplem Muster auszuschneiden. Im schlechtesten aller Fälle leiden dieselben Menschen außerdem an überproportionaler Selbstüberschätzung ihrer Kompetenzen in Basteldingen und Handwerksprojekten.)

Sowas hier zum Beispiel:

Quelle: www.raumdinge.de

filz_sushi_k_02 Käseschachteln_k tortenbaeckerei01Quelle: http://www.raumdinge.de

Nun wisst ihr bescheid über meine nächsten Projekte und ich werde das Ergebnis mit euch teilen. Ich denke, wir alle werden viel zu lachen haben! Also, ihr. Beim Bildervergleich zumindest.

In bed with…

Eltern und Schlafen. Nun ja. Ein deutscher Comedian hat vor Jahren sinngemäß Folgendes gesagt: Du wirst nie mehr schlafen! Also nie mehr so wie „vor Kind“.  Zuerst sind sie klein und wollen Milch und zahnen und so. Dann musst du sie mitten in der Nacht anziehen und in irgendeine Einrichtung fahren. Danach in eine andere. Dann kannst du nicht mehr schlafen, weil sie bei der Disco sind und du wartest, dass sie heimkommen oder anrufen, dass du sie holen sollst! Tja, und dann kannst du nicht mehr ausschlafen, weils im Altersheim halb sieben Frühstück gibt…

Und dabei wollen wir doch alle nur das Eine: Schlafen! Familienbett, Gästebett, Besucherritze. Einsvierzig, einsachtzig, zweifuffzig. Zu zweit schlafen, zu viert, mit Oma und dem Nachbarshund. Es ist ein Thema, und nicht erst seit dem streitbaren Artikel über Für und Wider das Familienbett, der vor kurzem die Gemüter erhitzte.

Bloggers Bettgeschichten. Ich weiß gar nicht, ob es überhaupt einen Elternblog gibt, bei dem das Thema „gemeinschaftliches Schlafen“ (freiwillig oder notgedrungen) noch nicht thematisiert wurde. Am frischesten ist mir noch die gestrige Gutenachtgeschichte aus dem Familienbetrieb , MamaOnTheRocks und ihr fehlender Gitterstab und natürlich diese hier aus dem Geflügelzuchtbetrieb von GoodWords.

Und heute erzähle ich euch eine Schlafzimmergeschichte.

Menschen sind Rudeltiere, die sich gegenseitig wärmen und säugen sollten. Auch nachts. Und ich habe es versucht, wirklich! Das Kind Nummer eins lag in seiner ersten Nacht bei uns in einem Körbchen neben mir. Niemand schlief. Weil: Ich konnte nicht schlafen! Das Baby miepte, fiepte und atmete und geräuschte neben mir. Der Bärtige verfrachtete den Neuen also bereits an Tag zwei in sein eigenes Zimmer. Mir blutete das Herz, aber alle schliefen selig! Also stand für den Mann, der mich geheiratet hatte, fest: Jeder bei sich! Ende der Durchsage.

Jahrelang habe ich bei jeder Gelegenheit, in der mir die Argumente gegenüber dem Bärtigen ausgingen, stets darauf hingewiesen, dass er ja schon immer fies gewesen sei, was man selbst ohne Brille daran erkenne, dass er ein winziges, klitzeklitzekleines Baby herzlos aus den Armen seiner Mutter gerissen hätte und in das kalte, dunkle Kinderzimmer gesteckt hätte, wo es sich ohne den wärmenden Busen seiner Mami einsam in den Schlaf schluchzen musste (Natürlich mit mehr Melodramatik!).

Dann kam der neue „Neue“. Dasselbe in Grün: Eine schlaflose Nacht neben mir und seitdem alle anderen Nächte nebenan in seinem (kalten, dunklen, herzlosen) Kinderzimmer. Wenn eines meiner Babys krank ist, zahnt oder sonst wie moralischen Beistand benötigt, ziehe ich mit der Gästematratze und meinem ganzen Zeug in das jeweilige Kinderzimmer. Ins elterliche Bett dürfen sie nur, wenn der Beste verreist ist.

Aber ich muss jetzt den Bärtigen mal in Schutz nehmen. Dass er sich so vehement (und notfalls durch Schlüsselgewalt) vor nächtlichen Invasionen schützt, hat seinen Grund: Irgendwie und irgendwann muss er schliesslich auch mal schlafen! Es ist nämlich so, dass er bereits seit vielen Jahren jede Nacht das Bett teilen muss mit einem kleinen Menschen mit haarsträubenden Schlafgewohnheiten: Mit mir.

Ich brauche soviel Platz wie nötig wäre, um einen Schneeengel zu machen (egal, wie breit das vorhandene Bettmaterial ist). Und absolute Ruhe, aus diesem Grund darf das Fenster nicht mal angelehnt sein. Ich kann auch nicht einschlafen, wenn neben mir jemand einschläft… und da so rumatmet. Oder Bewegungen macht, die Geräusche erzeugen. Ich muss also genug Zeit haben, um allein einschlafen zu können. Die Tür soll aber einen Spalt angelehnt sein. Und zwei dicke Kissen und zwei dicke Decken brauche ich auch (bei Temperaturen unter dreißig Grad extra noch eine Wolldecke obendrüber). Wenn wir auswärts schlafen und es bei der Schlafstatt nur zwei Decken und zwei Kissen gibt für uns beide, dann hat er eben Pech! Wer in einem indischen Zug schlafen kann oder mit einer Lamadecke irgendwo im Dreck auf der anderen Seite der Welt, hat nicht automatisch ein Anrecht auf ein Daunenkissen, nur weil da eines liegt! Das ist dann meins. Und alles andere auch.

Wenn der Beste irgendwann mitten in der Nacht leise auf Zehenspitzen zu seiner Seite des Bettes schleicht, sieht er von mir nichts. Nur einen großen Haufen Decken und Zeug. Unter dem Einfluss von mutmachendem Alkohol hat er schon das eine oder andere Mal versucht, mir eine Decke abzuluchsen. Fataler Fehler! Ich benehme mich im Schlaf wie ein Tier. Ich knurre, fauche und trete um mich. Auch, falls mir irgendwer zu nahe kommen sollte. Don´t touch, sonst klatsch! Nicht, dass der Anblick des Betthaufens zu amourösen Übergriffen einladen würde. Aber selbst wenn er in all dem Stoff und Schaumstoff irgendwo seine Zwergenfrau ausmachen würde, bloß nicht anfassen! Ich habe ja nie verstanden, wie irgendjemand in der „Löffelchenstellung“ schlafen kann. Wenn ich schlafen will, dann will ich schlafen. Wie kann man denn mit dem Unterleib eines anderen Menschen an den eigenen Pobacken schlafen?! Ich unterstelle, dass Menschen, die über dieses Feature verfügen, sonst auch eher mit niedriger Betriebstemperatur vor sich hinköcheln…

Den Betthaufen lässt man am besten in Ruhe. Nicht ansprechen, nicht anfassen, noch nicht mal anatmen!

Ich bin als Schlafzimmergast also eine echte Zumutung und deshalb wäre es eigentlich das Beste, ich schliefe allein. Das geht aber auch nicht, und zwar aus Sicherheitsgründen! Ich neige nämlich außerdem noch zu nächtlichen Abenteuern der anderen Art und irgendjemand muss ein Auge auf mich haben.

Als ich etwa acht Jahre alt war, ging mein Vater früh zur Arbeit und fand mich im Nachthemd auf dem Treppenabsatz  vor unserer Wohnungstür im Sitzen schlafend vor. Morgens halb sechs. Das geht ja noch. Folgende Begebenheit beruht auf den Erzählungen des Bärtigen: Als wir zwei jung (also zumindest er) und frisch verliebt waren, wurde er eines Nachts durch seltsame Geräusche wach. Er blickte zum Fenster und dort hing seine Freundin splitterfasernackt rittlings auf dem Fensterbrett. Ein Bein und ein Arm hingen bereits schon draußen. Sie (also ich) versuchte angestrengt, die Außenjalousie hochzudrücken. Ganz offensichtlich, um durch das Schlafzimmerfenster die Wohnung zu verlassen. Als er mich fragte, was ich da um Himmels Willen täte, rief ich aufgeregt, wir müssten verschwinden! Und zwar sofort! Und er solle kommen, wir müssten jetzt hier raus! Irgendwie behielt er die Ruhe und quatschte mich wieder zurück ins Bett… Zum Glück. Nicht auszudenken, wenn der Nachbar mit dem Hund eine Runde gegangen wäre, und der hätte mich dann nackig im Busch gefunden…

Ich bin immer noch gelegentlich unterwegs nachts. Unnötig zu erwähnen, dass ich stets voll bekleidet schlafe und Erdgeschosswohnungen bevorzuge.

Also ihr seht, die Kinder sind bei uns nicht das Problem! Die schlafen gut.

Wobei wir wieder beim Ausgangsthema sind. Ich bin ein großer Freund vom Familienbett und wir praktizieren das auch ausgiebig. In unserem Bett wird gekuschelt, getobt, gegessen, gelesen und gespielt. Von allen. Mit allen.

Allerdings niemals nachts.

😉

Von Blümchen und Bienchen

„Mama, was wollen Mädchen eigentlich? Also, von einem Jungen?“. Ohne mit der Wimper zu zucken oder vom Wäscheberg aufzublicken sage ich laut: „Das fragst du deinen Vater, der weiß das besser!“. „Den hab ich schon gefragt, der meinte, das wüsste er auch gern und ich soll doch dich fragen.“. Mit einem ostentativen Blick auf den Bärtigen sage ich deutlich zu laut: „Also, das ist wirklich ganz einfach!“, und versuche Zeit zu schinden…

Minuten später sitzt mein Sohn hoffnungsvoll (und offensichtlich hoffnungslos verknallt) vor mir und guckt mich erwartungsvoll mit seinen Bambi-Augen an.

„Sie zu fragen, fällt wohl aus, nehme ich an?“ (das Kind nickt), „Das Beste ist, wenn du einfach nett bist. Und höflich. Und hilfsbereit und zuvorkommend. Und ihre Nähe suchst! Dann schnallt sie das irgendwann.“.

Oh, mein Gott, was rede ich da! Das Kind wird fünfzehn! Wann war „nett“ je in Teenagerkreisen ein USP?

Ausweglos am Ziel vorbei schwadroniere ich weiter: „Weißt du, der Papa hat mir immer die Tür aufgehalten, obwohl das damals auch nicht mehr modern war. Einfach jede. Ich habe nie eine Autotür selbst öffnen müssen, er ging immer zuerst zur Beifahrertür und hielt die mir auf. Er hat sich immer wie ein Prinz aus dem Märchen verhalten.“. Darf man das noch sagen? Wo doch heute alle Mädchen und Frauen alles selber machen wollen und können?

Ich bin überhaupt keine Hilfe! Ich seh schon, wie mich eine andere Mutter anruft und mich befragt, welche antiquierten Wertesysteme wir unserem Sohn vermitteln. Scheiße!

„Und was, wenn du ihr einen Brief schreibst? Oder ein Gedicht?“. Für mich hat nie einer ein Gedicht geschrieben.

Oh Henrike, du meines Herzens Gräte,

wenn ich dich in die Finger kriegen tun täte,

ich schmisse dich auf meine Liege!

Hat niemand je geschrieben.

„Warte, vergiss das mit dem Gedicht. Wahrscheinlich zeigt sie das all ihren Freundinnen und dann lachen die über dich.“. Vermutlich wäre das der beste Augenblick, mit der Wahrheit rauszurücken: Ich habe keine Ahnung! Das Kind schaut immer noch hoffnungsvoll. Meine Arme und Mundwinkel werden immer länger.

Soweit ich mich erinnere, geht es nur ums Überleben, wenn du fünfzehn bist und nicht zu den coolen Kids gehörst. Das Kind gehört nicht dazu. Klassenbester und Außenseiter.

Ich erinnere mich, dass ich jahrelang für einen Jungen mit wilder Frisur und irrem Blick schwärmte, der nur mit mir knutschte nach der Schuldisco, wenn wirklich, und ich meine wirklich, alle anderen Optionen noch weniger vielversprechend waren. Währenddessen…

In meiner Klasse gab es den *Max Mustermann (*Name aus Datenschutzgründen geändert), Klassenbester und altkluger Streber. Der hatte zu allem Überfluss eine schlimme Schuppen-flechte und kaute an den Nägeln. In der ersten Klasse saß der bereits neben mir auf der letzten Bank. Und tat Unerhörtes, was mich veranlasste, mich zu melden und entrüstet zu verkünden: „Frau Menke, der Max hat mich gerade geküsst!“. Ob es Sanktionen gab, weiß ich nicht mehr. Was ich weiß ist, dass er auf jedem Klassenfoto neben mir sitzt. Auf unserem Jugendweihefoto neben mir steht und selbst in der Tanzstunde… Ach, wem mache ich was vor? Er war jahrelang der Einzige, der sich für das kleine, sommersprossige Mädchen interessierte. Er hatte nicht den Hauch einer Chance, rückblickend war mir gar nicht klar, dass der mich wohl urst Bombe fand (Hätter mal ein Gedicht geschrieben!). Also wurde er auch mein Tanzstundenpartner, obwohl ich lieber jemanden mit wilder Frisur gehabt hätte. Der Max klebte meine gesamte Schulzeit an mir.

Ich hatte kein Auge für die Netten, die Strebsamen. Das ist das Privileg der Pubertät. Was Aufrührerisches muss her. Wenn man in der Ecke mit den coolen Kids steht, sowieso. Und auch sonst. Dann schielt man eben zur Ecke mit den coolen Kids, und will auch dort stehen! Beliebt sein. Vielleicht dann erst recht.

Wann hört das auf? Ich hab keine Erinnerung mehr, wann „nett“ nett wurde. Leise anstatt laut, feinsinnig anstatt draufgängerisch. Sommersprossen auf den Armen anstatt Tattoos. Ab wann man sich zurückerinnert, wie die eigenen erwachsenen Vorbilder miteinander umgegangen sind. Selektiert, was man davon selbst haben möchte und was ganz anders.

„Hm, ich weiß auch nicht, was Mädchen wollen. Früher wollten sie cool sein und total beliebt. Vielleicht wollen sie das auch heute noch. Oder nur einige von ihnen. Möglicherweise findest du gerade die toll, die dich überhaupt nicht sehen. Daran kannst du vermutlich auch nicht viel ändern. Aber ich weiß ganz sicher, dass das besser wird. Später. Es wird einfacher.“ (Lüge! Schamlose Lüge!)

Das Kind schaut jetzt entmutigt und in mir krampft sich was (Wehe, wenn dem eine das Herz bricht!).

Man kann sich nicht aussuchen, in wen man sich verliebt. Nicht mit fünfzehn, nicht mit fünfzig. Aber manchmal ist es der Mut, sich zu offenbaren, der einem anderen das Herz öffnet. Nicht nur in Liebesdingen. Aber da auch. Wenn ich daran denke, mit welchem Blick mein Vater meine Mutter stets ansah, diese Mischung aus Erstaunen, Bewunderung und Stolz. Dieser Blick, der sagte: „Du bist die Eine für mich!“, vollkommen wurscht, wie antiquiert diese Äußerung auch heute sein mag. Ehrliches Interesse signalisieren, vor allem Interesse an dem, was im Herz und im Kopf los ist. Nicht nur in der Hose.

Aber das kann ich doch meinem Kind nicht sagen! Nein.

„Weißt du, wir hatten einen Jungen in der Klasse früher, der hieß Max.“, „Gehörte der zu den Coolen?“, „Nein, überhaupt nicht. Ich weiß nicht, ob der überhaupt während der Schulzeit je eine Freundin hatte. Aber du, wenn ich den jetzt sehe bei den Klassentreffen, freue ich mich immer besonders! Und weißt du was, der ist heute Physikprofessor und schreibt Bücher und unterrichtet Studenten!“, „Heute ist der also cool?“, „Ich glaub schon.“.

Das Kind guckt erleichtert, erhebt sich vom Stuhl und im Gehen sagt er: „Vielleicht werde ich auch mal Physikprofessor!“.

Ich atme tief, ich hab´s überstanden…

In der Tür dreht er sich plötzlich um und fragt: „Und was ist mit Sex? Der Arthur sagt, Mädchen wollen immer Sex?!“. „Nein! Äh, manchmal! Aber doch nicht jetzt! Und auch nicht mit sechzehn! Also überhaupt erst… Hä?! Also, der Arthur ist ein Idiot, der hat gar keine Ahnung! Und ich muss jetzt auch mal mit der Wäsche weitermachen! Und wenn du unterwegs im Flur deinen Vater triffst, sag dem, nur weil ich mir eine goldene Handschelle habe anlegen lassen, braucht er nicht aufhören, die Türen für mich zu öffnen! Und die Erfindung der Zentralverriegelung ist überhaupt keine Entschuldigung für nachlässiges Verhalten. Und überhaupt! Wann hab ich denn das letzte Mal Blumen bekommen?! Ja, ich weiß, ich mag keine Schnittblumen, aber ich will trotzdem welche! Und Komplimente! Aufmerksamkeit! Gedichte. Sag dem das. Und außerdem will ich, dass der die Erde küsst, auf der ich wandle und mich wie eine Prinzessin behandelt! Pah, keine Ahnung haben, was Mädchen wollen!“.

Ist doch ganz einfach, oder?

Alter Falter…

Die bloggenden Familienväter vom Familienbetrieb und ichbindeinvater äußerten sich neulich sehr amüsant über Indizien des Älterwerdens und –seins bei Männern.

Nun ist das Altern bei Frauen weit weniger amüsant. Möglicherweise liegt das am spaßbefreiten Verhalten der Betroffenen. Am schockstarren Verdrängungsbemühen oder am Geruch der Verzweiflung, der aus den Schals wabert, die um faltige Frauenhälse geschlungen werden. Oder Loops.

Ich kenne mich da aus. Ich bin betroffen.

Außerdem habe ich in diesem Monat schon wieder Geburtstag. Gefühlt habe ich alle zwei Monate Geburtstag und mein genaues Alter muss ich manchmal anhand meines Geburtsjahres nachrechnen. Und manchmal beschleicht mich der Verdacht, dass dort ein Fehler vorliegen muss. Auch der Beste meinte vor kurzem erschrocken: „Wiiiie alt wirst du?! Fünfundvierzig?! Du wirst doch nicht fünfundvierzig …Oder?“.

In der Rolle als Mutter spielt mein Alter für mich absolut keine Geige. Mein Löwinnenherz bubbert kein bisschen schwächer als vor fuffzehn Jahren. Beruflich nicht, auch wenn es mich stets amüsiert, dass man in der meinigen Branche mit Mitte Vierzig irgendwie Chef ist oder die Branche wechselt (Als würden mit dem Bindegewebe auch die kreativen Ideen flöten gehen.). In meiner Rolle als Partnerin ebenso nicht, diesbezüglich bin ich ein Glückspilz! Aber.

Ich erinnere mich an ein Buch über Marlene Dietrich, in welchem geschrieben stand, dass die Diva die letzten Jahre ihres Lebens auf und in einem Bett verbrachte, umgeben mit den Dingen des täglichen Bedarfes. Sie hat Jahrzehnte das Haus nicht verlassen, damit niemand sie derart gealtert und entstellt sah. Sie ließ sich telefonisch von irgendwelchen Verehrern anflirten und flüchtete so träumerisch in vergangene Zeiten.

Es gab Tage, da erschien mir dieses Verhalten vollkommen logisch.

„Alter“ bekam ich mit neununddreißig. Am allerschlimmsten waren die Tage vorm vierzigsten Geburtstag. Ich habe mir jegliche Feierei zu diesem traurigen Anlass verbeten und musste dann auch noch fluchtartig mein Heim verlassen an diesem beklagenswerten Tag, weil renitente Freunde der Meinung waren, wenn ich schon nicht ans Telefon gehen wöllte, kämen sie eben vorbei und es ginge doch wohl nicht an, dass ich hier klammheimlich vierzig würde ohne Party! Und hier ist der Schampus (Es war morgens um neun!). Ich floh und sah mir mit tränenfeuchten Augen in Anbetracht meines in Bälde zu erwartenden Endes die damals in der Stadt verweilende Plastinatenausstellung an und fand, das sei die passendste Art, diesen Tag rumzubringen.

Wir altern ja unser ganzes Leben, aber das Altern im Alter ist so fies, weil die Hülle überhaupt nicht mehr zum Inhalt passen will. Ich meine, ich bin kein bisschen anders als mit dreißig, sehe aber nicht mehr aus wie dreißig! Was für eine Scheiße. War ich vor fünfzehn Jahren beim Arzt, saß ich einem grauhaarigen Mann mit dicker Brille und weißem Kittel gegenüber. Heute sitzt da ein junges Frollein und erzählt mir irgendwas über meine Blutdruckwerte und ich möchte sie unterbrechen: „Was wissen sie in ihrem Alter denn schon über Blutdruck?! Haben sie überhaupt schon ihr Medizinstudium beendet?!“. Ging ich früher zum Arzt, bekam ich Hustensaft und Vorträge über die Schädlichkeit des Rauchens. Heute bekomme ich Infobroschüren über Mammografie und Darmkrebsvorsorge. Daran ist nichts Würdevolles.

Noch vor einiger Zeit witzelte ich, das einzige, worauf ich mich jetzt noch freuen könne sei der Umstand, dass es ja nicht mehr allzu lange dauern würde, bis mich morgens ein knackiger Zivi weckt mit den Worten: „Guten Morgen meine Teure! Jetzt wolln wir sie mal waschen.“. Geschmacklos? Ach komm, hör doch auf!

Jetzt, wo es keine Zivis mehr gibt, bin ich auf einen neuen Trichter gekommen: Ich stell mich mit einem Stock an die Ampel und wenn ein Pralinchen vorbeikommt, hänge ich mich flugs an seinen muskulösen Arm und lass mich über die Straße geleiten, den Duft der Jugend für einen kurzen Augenblick einatmend (Ich sags euch, wenn ich das nächste Mal eine Omi an der Ampel warten sehe, rempel ich die an und zische: „Ich weiß genau, was du vorhast, SCHWESTER!“).

In Würde altern. Ich habe noch nie begriffen, was das denn nun bedeuten soll. Ich vermute, den Begriff haben Leute geprägt, für die auch früher nie der Spaß im Vordergrund stand. Und man kann sich tierisch über sexuelle Belästigung aufregen, aber es kommt die Zeit, in der man sich dann fragt, was genau das eigentlich noch mal war… Wenn einem früher nie die Bauarbeiter hinterhergepfiffen haben, dann vermisst man das logischerweise auch nicht. Wenn es heute von einem Gerüst pfeift, bin ich sicher, nicht gemeint gewesen zu sein. Ganz sicher. Und es trifft mich, so ungern ich das auch zugebe (Bitte keine professionellen Pfeifer zum Geburtstag!). Wenigstens stehe ich mit diesem Phänomen nicht alleine da, wie sich treffend beschrieben bei Mamaarbeitet nachlesen lässt.

Wenn man nicht Madonna heißt, hat man als Frau irgendwann ein Marketingproblem. Auf dem Flirtmarkt zumindest. Es gibt diesen „Double standard of aging“, auf den Simone de Beauvoir schon in den Siebzigerjahren hingewiesen hat: Alle Altersindizien werden bei Frauen ungleich unattraktiver eingeschätzt. Natürlich hat das alles seine evolutionsbiologische Richtigkeit, fies ist es trotzdem! Zu Fortpflanzungszwecken wird die ältere Frau primär nicht gebraucht und wenn man der Großmutter-Hypothese der biologischen Anthropologie Glauben schenken will, überleben wir Weiber die Menopause nur deshalb, weil wir einen positiven Einfluss auf die Überlebensrate unserer Enkel haben können. Und dafür braucht man kein schmuckes Gefieder. Na, vielen Dank!

All diese Gedanken schlichen durch mein von einer faltendurchzogenen Haut umspanntes Gehirn. So um den vierzigsten Geburtstag rum.

Die gute Nachricht: Es gibt ein Leben danach.

Der fünfundsiebzigjährige Freund meiner Mutter erzählte gestern vom letzten Urlaub und meinte, es sei furchtbar gewesen. Lauter alte Leute, es hätte nur noch ein Bestattungsunternehmer gefehlt! Auf den Einwand meines Sohnes hin, er sei doch selber alt, erboste sich der Jung-Opa: „Ich bin doch nicht alt! Alt bin ich vielleicht in zwanzig Jahren. Aber jetzt auf gar keinen Fall! Ich bin zu jung für Seniorenteller!“. Sehe ich ganz genauso.

Offiziell zähle ich nun zu den „middle agern“ aber für mich heißt das, ich habe gerade mal die Hälfte rumgebracht! Und ich lasse mir nicht einreden, dass die zweite Hälfte spaßbefreit in beigen Gesundheitsschuhen mit ondulierter Kurzhaarfrisur zu absolvieren ist. Ist es angemessen, alle Hotpants wegzuschmeißen am vierzigsten Geburtstag? Oder schon am fünfunddreißigsten? Kiessertraining statt Freeclimbing? Langlauf statt Snowboard. Ab wann? Und warum sollen mir jetzt Männer über fünfzig gefallen? Die sind alt! Und haben in vielen prominenten Männern Scheißvorbilder. Wie alt ist denn die Dingsbums von dem ihr-wisst-schon? Zwanzig, fünfundzwanzig? Das wird schon seine Gründe haben, dass den keine Gleichaltrige wollte…

In diesem Sinne: Hoch die Tassen! Auf eine lustige zweite Halbzeit. Nicht umsonst wachsen uns im Alter Sonnenstrahlen um den Augen, oder?

Ein Hotel am Meer

Der Bärtige wollte seiner ihm Angetrauten, die auch als „die Meersüchtige“ bekannt ist, eine große Freude bereiten und hatte die kleine Familie über den Jahreswechsel in ein Hotel an der Ostsee eingebucht.

Und die Freude war groß!

Jetzt ist alles vorbei, die Waschmaschine röhrt bereits seit Stunden verzweifelt und ich sitze hier mit frischen Erinnerungen zwischen unausgepackten Tüten…

Gemeinsamer Urlaub ist ja bei uns immer etwas… nun ja, spannend. Da wir so vollkommen verschiedene Urlaubs- und Reisetypen sind, ist alles eine Challenge. Von der Planung über die Anreise, das Verhalten vor Ort, die Liste ist beliebig erweiterbar. Eines ist es jedenfalls nie: Langweilig!

In der Pack-Phase beäugte der Allerbeste bereits ängstlich und argwöhnisch die größer werdenden Haufen auf unserem gemeinsamen Bett. Er selbst war schon tagelang fertig mit der Packerei: Zwei Shirts, ein Hemd, Socken, Boxerdingsbumse. Dreißig Kubikzentimeter. Er hätte also problemlos mit einem Kulturbeutel reisen können.

Ich brauche stets den kompletten Platz unseres Kofferraumes. Und alle Fußräume im Auto!

Normalerweise steuern wir zur familiären Erholung Ferienhäuser an, beladen mit quasi allem. Und da das so drin steckt in mir, ging ich vor nach Schema F: F… ielleicht brauch ich das. Alles musste mit. Ich rechne bei der Packerei immer praktischerweise in Ikea-Beuteln: Ein Sack pro Person, ein Sack zusätzlich für Kosmetikartikel, ein Sack für Spiele, Zeitschriften, Bücher, und zwei Sack als Reserve für das Gedöns von mir, das dann doch nicht in die anderen Beutel passte (Meine ausgeprägte Vorliebe zu blaugelben Plastiksäcken ist bekanntermaßen grenzenlos und das Auto lässt sich damit prima nach dem Tetris-Prinzip beladen.).

Der Bärtige meinte allerdings, in ein Hotel könnten wir so nicht anreisen, wie sähe das denn aus?! Und er überraschte mich mit der Aussage, er habe die Koffer aus dem Keller nach oben geholt. Ich war neugierig. Denn, Koffer als Plural? Soweit ich mich erinnere, besitze ich ein kleines silbernes Hartschalen-Dienstreise-Köfferchen und er einen achtzig Liter- Rucksack. Das wars.

Koffer? Welche Koffer?

Ich weiß nicht, aus welchen Kellerecken er die Schmuckstücke geborgen hatte, mit denen wir dann später stilecht verreisten, aber ich bedaure jetzt gerade sehr, euch kein Foto präsentieren zu können! Er hatte eine ramponierte schwarze Reisetasche gefunden, die ich noch nie gesehen hatte. Eine weitere Reisetasche bestach mich mit ihrer grellblauen Farbe, die meine Augen bluten liess und weil das noch nicht gereicht hätte, prangte riesengroß ein Aufdruck vorn drauf: TECHNO (Ich datierte aufgrund des Prints das Herstellungsdatum in die frühen Neunziger). Der absolute Knaller aber war ein großer Koffer mit Camouflagedruck. Ein wunderschönes Stück! Vielleicht aus dem Armeefundus? Ich weiß ehrlich nicht, wie wir in den Besitz dieses Teils gekommen sind, aber damit stand also die Reisegarderobe fest. Und wahrlich: Wesentlich spektakulärer als Ikea-Beutel!

Unser Familienhotel am Meer erwies sich als eine Appartmentanlage irgendwo auf einer riesengroßen Wiese. Das Meer war drei Kilometer entfernt, aber nur Luftlinie und auch nur dann, wenn man nur jeden zweiten Meter zählt. In Wahrheit musste man lange mit dem Auto fahren, um Wasser zu sehen. Das war etwas betrüblich. Aber ansonsten hatten wir sehr viel zu lachen. Und fühlten uns auch ab dem ersten Tag wie zu Hause: Der Beste reparierte erstmal die Außenjalousien und ich organisierte feuchte Reinigungstücher und putzte den Dreck mehrerer Vorgangsbelegungen aus dem Appartment. So kann man sich die Zeit vertreiben. Was soll man auch machen, wenn es draußen wie aus Eimern schüttet, stürmt, dass die Balkonmöbel in der Gegend rumfliegen und man sich Steine in die Taschen stecken muss, damit man nicht davonfliegt. Weit aufs Meer.

An die Appartmentanlage angeflanscht war ein Schwimmbad, welches wir selbstverständlich täglich frequentierten. Auch weil in Ermangelung eines funktionierenden WLANs keinerlei anderweitige sinnvolle Freizeitgestaltung („Scheiße! Ich wollte hier bloggen! Jetzt kann ich nicht mal einen Beitrag bei Facebook öffnen!“. „Papa, ich will sofort nach Hause! Was soll ich hier bloß eine Woche lang ohne Internet machen?!“) möglich gewesen wäre.

Ich hasse Schwimmbäder!

Wenn ich in dem lauwarmen Babybecken saß, wurde mir ständig klar, dass Schwimmwindeln eigentlich nur Makulatur sind und schon zwei Hosenscheißer ausreichen, um das Wasser vollständig zu kontaminieren. Weil alles Wasserlösliche ausgeschwemmt wird. Irgendwann. Und dann diese Leute! Überall diese Leute! Ständig wollte ich schreien: „Mensch, verhülle dich!“. Faltiges oder wucherndes fahles Fleisch, notdürftig behangen mit unzureichend Stoff. Rudimentärer Fellbesatz. Ich will das nicht sehen! Am widerlichsten sind die, die nah an einem vorbeiwaten, während man im Babybecken sitzt und notgedrungen fluchtunfähig nur seufzend die Augen verschliessen kann und leise bitten: „Geh vorbei. Geh schnell an mir vorbei!“. Und diese Bademäntel! XXL, selbstverständlich. Wenn ich die Treppe ins Bad herunterwandelte, sah ich aus wie eine Braut, die eine drei Meter lange Schleppe hinter sich herzieht. Oder eben wie eine hutzelige Zwergenfrau, die vier Kilo Stoff die Stufen herunterwuchtet, ein Kleinkind auf der Hüfte sitzen hat und verzweifelt versucht, sich im Frottee nicht zu verheddern. Wenn ich einmal um das Becken geschlurft bin, brauchte der Bademeister nicht mehr wischen. Ich putzte mit meinem Bademantel.

Beim Essen hatten wir auch unseren Spaß. Ich eigentlich weniger, weil mich derartige Menschenansammlungen doch sehr erdrücken und ich mich ungern in eine Schlange stelle, um mir meinen Teller befüllen zu können. Diese „all you can eat“-Mentalität versaut mir den Appetit. Drei Teller vollbeladen („Ham wir schliesslich alles bezahlt!“) und dann die Hälfte wegschmeissen… Aber ich konnte doch gelegentlich schmunzeln über die Mitanwesenden (Sachsen in der Überzahl) oder das Personal, das uns stets freundlich begrüßte, aber ganz egal, ob man ein Wasser wollte, einen Hochstuhl ordern oder einfach nur eine erotische Fußmassage bestellen, stets antwortete: „Bitte warrrrten sie meine Kollega!“. Und zwar alle! Und so organisierten wir uns den Hochstuhl selber, tranken nichts zum Essen und das dritte hab ich sowieso erfunden.

Selbstverständlich verfuhren wir uns wie immer bei jeder sich bietenden Gelegenheit und ebenso selbstverständlich verweigerte der Beste die Benutzung des (zu unserem Besitz gehörenden, während der Fahrt stets in greifbarer Nähe befindlichen) Navigationsgerätes: „Ich brauche das Scheißnavi nicht! Ich WEIß, dass ich falsch abgebogen bin!“, und fährt dann noch zweimal falsch in irgendeine Straße. Sehr amüsant. Außer, wenn man Hunger hat und in der Pampa einen Burgerladen sucht. Oder eine Pizzaria. Oder eine Tankstelle, die Brötchen verkauft…

Schön war auch, als ich für unseren letzten Tag etwas ganz besonderes rausgesucht hatte. Ein Einheimischer hatte mir einen Tipp gegeben. Es sollte da irgendwo ein romantisches Fischerdorf sein, total versteckt, noch nicht mal die Russen hatten das nach dem Krieg gefunden (Im Nachhinein bin ich sicher, die hatten gar nicht gesucht!). Das romantische Dörfchen war überrannt von vornehmlich sächsischen Touristen, behangen mit teuren Kameras, die der Weihnachtsmann eine Woche vorher gebracht hatte. Man sah das Meer kaum vor lauter Leuten, die posend auf umgestülpten Booten standen und sich fotografieren ließen. Überall roch es nach öffentlicher Toilette. Ich nehme an, der Einheimische hatte sich einen derben friesischen Witz erlaubt mit mir. Und dabei hatte ich meinen ultimativen Ausflugstipp derart beworben und wollte Romantikbonuspunkte sammeln!

Aber wir haben ein wundervolles Stückchen Welt am Strand gefunden. Am Neujahrsmorgen in Lohme. Keine Sau da. Nur wir. Und das Meer. Hach, war das schön ❤

Aber ihr braucht da gar nicht mehr hin, jetzt wissens ja alle!

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