Sanddorngelee

Sanddorngelee

Was für eine Freude!Foto 1

Ich habe Sanddornsträucher entdeckt. Mitten in der Großstadt. Versteckt an einem geheimen Ort, dessen geografische Lage ich unter Folter niemals verraten würde. Mein Sanddorn! Bin ich doch eher versehentlich im bergigen Hügelland verortet und fühle mich dem Meer und allem, was dazugehört so unendlich näher. Heißen Sanddornsaft mit Honig an einem verschneiten, arschkalten Tag neben der Seebrücke in Kühlungsborn in einem knutschigen Café trinken… Ja, so kann Winter sein.

Mit derlei romantischen Gefühlen beladen mache ich mich mit der Mutti-Handtasche, kratzresistenter Outdoorbekleidung, Bergziegenverfolgungsstiefeln, einer Rosenschere und Gartenhandschuhen auf ins Gestrüpp. Ach, ich sehe mich schon auf dem Pieschner Adventsmarkt mit Liebe handgerührtes Sanddorngelee von dem Hellerberg einem geheimen Ort in Dresden verkaufen…

…Immer schön abducken, wenn ein Mensch mit Hund vorbeikommt. Nicht, dass der mich sieht, sich fragt, was die Frau da wohl treibt, nachsieht und mir dann den schönen Sanddorn wegmopst! Mein Sanddorn! Ich frage mich, wieso den noch niemand gefunden hat und warum die Leute so achtlos an den Geschenken der Natur vorübergehen. Diese Ignoranten! Schauen auf ihr Smartphone und schlurfen an Hagebutten, wilder Möhre, Hundsrose und allen anderen Herbstschönheiten einfach so vorbei… Ich knipse weiter an den Küstengewächsen herum, die einen so vertrauten Duft verströmen. Mein Herz wird weit. Es fehlen nur noch die Möwen und das Rauschen der Brandung.

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rechts: Abfall nach erstem Verarbeitungsschritt

Nach einer Stunde wuchte ich einen Ikea-Beutel voller beerenbeladener Äste auf die Plagenkarre und schiebe die heimwärts. Als Sanddorn-Neuling habe ich selbstverständlich das Internet im Vorfeld befragt nach der optimalsten aller Weiterverarbeitungsmethoden. Ich kenne mich jetzt aus! Zuerst die Äste beschneiden, bis nur noch möglichst wenige Blätter dran sind. Das dauert… ich sitze eine weitere Stunde und schnibbele und knipse an den stachligen Dingern rum. Frage mich zwischendurch, ob nicht die Hälfte gereicht hätte… Am Ende hat sich der Umfang gedrittelt: zwei Drittel Abfall, ein Drittel Äste mit Beeren. Die packe ich mitsamt einer ökologisch unvertretbaren Plastiktüte in den Frost.

Zwei Tage später wird das gefrostete Gelumpe zum Zwecke der Weiterverarbeitung wieder rausgeholt. Das Internet sagt: „Die Zweige einzeln in einen Stoffbeutel tun und diesen gegen eine Wand oder einen harten Untergrund schlagen. Dabei fallen die gefrorenen Beeren von den Ästen und lassen sich dann leicht aus dem Beutel sammeln.“. Mach ich. Matscht und hinterlässt Flecke auf dem Boden, dem Beutel, mir. Die Beeren hängen noch dran.

Ich atme tief durch. Es liegt an mir. Ganz klar. Aber ich hocke inmitten dem Gelumpe und habe keine Wahl. Wegschmeißen kommt nicht infrage. Ich setze mich. Setzen ist immer gut. Dann beginne ich händisch die Beeren von den Ästen zu polken. Autsch! Handschuhe kann ich jetzt nicht mehr tragen, damit zermatsche ich alles noch mehr. Also vorsichtig. Aua! Blödes Arschloch! Ich fummle und fummle Beere für Beere ab. Langsam bekomme ich eine Idee davon, warum Sandornprodukte so hochpreisig verkauft werden. Es ist ein Schund. Der Weg ist das Ziel… ich versuche mich zu konzentrieren und die Situation als etwas Angenehmes und Verheißungsvolles anzusehen. Autsch! Arschloch! Meine Hände spüre ich nicht mehr. Nach einer weiteren Stunde ist der Boden eines Topfes mit Beeren bedeckt, neben mir türmt sich ein übervoller Eimer mit struppigem Abfall. Wenn das so weitergeht, sitze ich im Mondenschein noch fluchend zwischen Sanddornarschlochscheißästen… Weitermachen! Aufgeben ist keine Option!

Nach einer weiteren Stunde bin ich fertig, besaftet von oben bis unter, zerstochen und hocke völlig erledigt zwischen einem Riesenberg von beinahe beerenlosen Dornenästen und einem mittelgroßen Topf, halbvoll gefüllt mit Sandornbeeren. Ermattet schleppe ich mich zur nächsten Station auf dem Weg zum selbstgerührten Sandorngelee (an der Länge des Textes ist jetzt schon zu erkennen: Es dauert!). Abspülen, Blätter rauspulen, abspülen, vertrocknete Beeren aussortieren, abspülen, wieder von vorn. Der Inhalt des Topfes schrumpft immer mehr.

Ich bin mittlerweile für keinerlei Ansprache von außen mehr empfänglich. Mit müdem Blick und zerstochenen Händen koche ich die Sandornscheiße, und rühre. Zerquetsche. Für agressionsabbauende Kraftakte fehlt mir jede Energie. Dann schmeiße ich das elendige Gelumpe in die „flotte Lotte“. Es scheppert und das vorsintflutliche Küchengerät zerfällt in seine Einzelteile. Saft spritzt und saut die Teile der Küche ein, die bis dato noch sauber waren. Bei mir macht das schon lange nichts mehr, ich habe von Kopf bis Fuß eine gleichmäßige Orangefärbung.

Der Beste baut das Küchengerätearschloch wieder zusammen, begleitet von allerlei Witzen auf meine Kosten. Ich erwidere müde, ich würde ihm die „flotte Lotte“ über die Rübe ziehen. Im Schlaf. Falls ich jemals wieder die Energie für solche Aktionen würde aufbringen können.

Abmessen. Hysterisch auflachen beim Feststellen, dass aus einem vollen Ikea-Sack eine lächerliche Saftausbeute von 1,5Litern rauskommt!

Egal.

Mir ist alles egal.

Gelierzucker reinschmeißen, rühren, in Gläser abfüllen. Natürlich ist ein Glas undicht. Gelee quillt raus. Scheißegal! Arschloch! Blödes Tourrettegemüse!

Beim Putzen der Küche (eine weitere halbe Stunde) schwöre ich, niemals wieder in meinem ganzen Leben, never ever werde ich Sandornscheißarschlochgelee kochen! Das zusammenfabrizierte, verklebte Produkt verhöhnt mich derweil von der Arbeitsplatte aus.Foto 4

Also. Was habe ich gelernt? Sandornprodukte kauft man an der Ostsee, im Bioladen, auf dem Markt oder gar nicht. Teuer? Nein, die sind spottbillig! Meine Ausbeute sind fünfeinhalb Gläser. Wenn ich mir selbst einen Stundenlohn von zehn Euro gezahlt hätte, würde eines dieser Gläser zehn Euro kosten.

Sanddorn ist gesund, enthält viel Vitamin C und so. Äpfel aber auch…

 

Netz-Fundstück

Mir war heute langweilig. Sehr. So sehr, dass ich unter anderem meine eigene (!) Facebook-Seite gelesen habe. Und da habe ich doch offensichtlich 2012 einen Post verfasst, der mich heute in schallendes Gelächter ausbrechen ließ! Dann wurde ich ernst und stellte fest: Manche Dinge ändern sich, wie Hosengrößen und die Mode. Manche Verhaltensmuster leider nie.

Also, hier ist es, mein Facebook-Fundstückchen:

Henrike… hat frei und die Sonne scheint. Zeit und die beste Gelegenheit, sich ein neues Beinkleid zuzulegen. Beim Klamottendealer meines Vertrauens verliebe ich mich sofort in eine Fornarina-Jeans, die dort nur auf mich gewartet hat! Und das Dilemma nimmt seinen Lauf…
Ich möchte es einmal erleben, dass ich in einer Umkleide stehe, eine Jeans in Gr.29 anprobiere, mit den Worten: „Huch! Ist die groß!“ die Kabine verlasse, souverän die Gr.28 kaufe und fröhlich den Laden verlasse. Fehlanzeige! Stattdessen quäle ich mich in Gr.27, verfluche meinen Hüftspeck, gelobe, ab jetzt nur noch Möhrchen zu naschen und 100 Situps pro Tag zu absolvieren, wenn ich nur in diese Hose komme! Ich hab noch nichts gegessen, also bekomme ich sie zu, flach atmen und minimale Bewegungen sind auch möglich. Na, geht doch. Okay, sitzen kann ich in der Hose nicht. Auch beim Versuch, mich ohne fremde Hilfe aus dem Teil zu schälen, brech ich bald in der Kabine zusammen. Die Sache ist aussichtslos…
Vor lauter Frust kaufe ich fünf Oberteile und eine Tasche, die mir gar nicht gefällt. Kurz vorm Verlassen des Ladens dreh ich mich rum, reiß die blöde Jeans aus dem Fach und knall sie dem Verkäuferlein auf die Theke mit den Worten: „Und die kommt DOCH mit!“.
Muss ich mir Sorgen machen?

 

Ein Wunder bitte!

Wie lange habe ich auf dich gewartet. Wie viele Wochen, Monate, Jahre.

Als ich deinen Bruder bekam, glaubte ich mit der Arroganz und Unsterblichkeit meiner Jugend noch an die Großfamilie, von der ich immer geträumt hatte. Es war schwierig, die gesundheitliche Prognose eher schlecht als optimal, aber he! Da war er ja! Auch Ärzte irren schliesslich manchmal.

Er wurde so schnell groß.

Wie oft habe ich mir später alte VHS-Kassetten angeschaut, das Baby bestaunt, das er einmal gewesen ist. Wie er da goldig und süß mit seinem Windelpopo durchs Bild stolperte. Und ich, eine lächelnde, jüngere Version meiner selbst. Und ich fragte meinen Mann: Haben wir damals gewusst, wie scheißglücklich wir waren? Wie oft saß ich da, mit einem Kloß im Hals, und wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen. Diese Momente noch einmal erleben. Aufsaugen. Festhalten. Mir bewusst machen, wie flüchtig sie doch sind! Meinem jüngeren Ich die banalen Sorgen ausreden, die mich damals ablenkten zu sehen, was ich da hatte! Nie wieder würde ich das Kind aus meinen Bett wegschicken, wenn es schlaftrunken sein verschwitztes, nach Apfelessig duftendes Köpfchen an mich kuscheln wöllte. Wie kurz, gemessen an einem Menschenleben, war die Zeit, in der er mir so nah war? Wann habe ich das letzte Mal die Hand meines Kindes halten dürfen? Ich wünschte, ich könnte mich daran erinnern und mich davon verabschieden. Eine kleine, weiche Hand in meiner. Ein winziger Mensch, der neben mir geht und zu mir hochschaut. Ach, könnte ich das doch noch einmal erleben!

Wie oft lag ich nachts wach, feilschte mit dem Schicksal und der Vorsehung, die Hände auf meinen Unterleib gepresst. Ich zündete in jeder Kirche eine Kerze an, hoffte. Und wartete. Vergebens.

Mit ihrer Vorgeschichte… Die Mediziner waren deutlich. Die letztmögliche Chance riss ich an mich! Wenigstens versuchen wollte ich es! Wir schauen mal… sagte der Arzt. Und viele Stunden später als es für diese kleine Routineoperation üblich war, erwachte ich und blickte in sein sorgenvolles Gesicht. Also, ich muss ihnen sagen… mit so einem schweren Befund hatten wir hier nicht gerechnet… Ich kann ihnen nicht vorschreiben, was sie tun sollten, aber dringend abraten von einer künstlichen Befruchtung… bei ihrer Prognose…sie haben doch schon ein Kind…genießen sie das… das grenzt doch schon an ein Wunder… Mir fiel die alte Frau mit den Kreuzen ein aus dem Monty-Python-Film und ich meinte sie kreischen zu hören: Jeder nur ein Wunder! Ich aber wollte ein zweites. Ich sehnte mich so sehr danach!

Also keine künstliche Befruchtung. Die letztmögliche Option ungenutzt vorüberziehen lassen…

Ich war mittlerweile einundvierzig Jahre alt und hatte mich in meinem Leben schon von vielem verabschieden müssen. Von Menschen, Gewohnheiten, Träumen. Mich von dir zu verabschieden war ein bisschen wie sterben.

Was sollte ich mit der zweiten Hälfte meines Lebens anfangen? Sah ich mich doch immer nur in einem Haus voller Kinder. Reisen, Sprachen, Hobbies. Ja…hm. Das Leben genießen. Worthülsen. Sinnentleert für mich.

Es war schwer für mich, dich loszulassen. Ich hasste die Babybauchangeber auf der Straße, die Kinderwagenschieber. Wussten die, was für ein Glück sie da hatten? Mein Glück! Mein Herz krampfte bei jeder Ankündigung: Schwanger! Im Freundeskreis. Ich heuchelte Freude und konnte mich doch nicht freuen.

Die Zeit heilt alles. Irgendwann…

Und irgendwann habe ich nur noch selten an dich gedacht. Versucht, mein Leben zu genießen und das lebendige Wunder, das ich schon hatte. Die Momente, die jetzt waren, bewusst zu erleben. Mit Freude und Liebe zu füllen.

Und dann kamst du. Einfach so. Und hingst wie Chuck Norris an der Eiger-Nordwand meiner zerklüfteten Gebärmutter und keiner weiß, wie du da hinkamst. Wir wollen verhalten optimistisch sein, sagte meine Ärztin und schien jeden Monat aufs Neue überrascht, dass du noch da warst. Mein Kämpferkind! Du warst gekommen um zu bleiben. Ein Wunder! Ein zweites.

Und jetzt bist du ein Jahr bei uns. Du Wundervoller. Du schenkst mir Wunder! Durch dich weiß ich wieder, wie schön sich rieselnder Sand zwischen den Fingern anfühlt. Und die Oberfläche eines Gänseblümchenblattes. Die Perspektive auf die Welt aus achtzig Zentimetern Höhe. Und deine Hand in meiner… weich und klein und fordernd. Dein klopfendes Herzchen an meiner Brust.

Ich werde jeden Moment mit dir bewusst erleben, nichts ist selbstverständlich. Nichts banal. Ich freue mich so sehr über dich! Jeden Tag. Mama, das schönste Wort der Welt. Und nun aus deinem Mund…

Happy Birthday, mein Kleinster, mein Liebchen! Wie schön, dass du geboren bist, wir haben dich so sehr vermisst!

Just for me

Es gibt die Geschichte von der alten Frau, die morgens stets eine Handvoll Bohnen in ihre rechte Schürzentasche gleiten lässt und während die Stunden des Tages verstreichen, wandert bei jedem wundervollen, schönen Moment eine Bohne von der rechten in die linke Schürzentasche. Abends wenn die Frau in ihrer Stube am großen Tisch sitzt, holt sie alle Bohnen aus der linken Schürzentasche hervor und legt sie auf den Tisch vor sich. Und bei jeder Bohne, die sie in der Hand hält, erinnert sie sich an die damit verbundene Situation und ein Lächeln zaubert sich auf ihr Gesicht. Und wenn es abends nur eine einzige Bohne ist, die sie aus ihrer linken Schürzentasche holt, dann war der Tag ein glücklicher Tag.

„Just for me moments oder Jetzt bin ich mal dran sind Sammlungen, in denen Frauen von ihren Momenten ganz für sich berichten“, schreibt die Autorin des Blogs Frische Brise, die ich hier gern zitieren möchte.

Diese Aktion ist toll! Weil sie die Schönheit eines Momentes festhält. Sie sichtbar macht. Die Bohnen der alten Frau werden hier durch die Kamera ersetzt. Der Effekt ist derselbe. Es wird Achtsamkeit und Bewusstsein erzeugt. Anstatt  „Ich bin sowas von erledigt!“, „Das war ein stressiger Tag!“, zeigt ein Foto möglicherweise einen ganz anderen Blick auf ebendiesen Tag.

Versuchts doch mal. Denn jeden Morgen ist Welturaufführung!

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Quelle: iquote pictures

Kulturtipp

Kulturtipp

Neulich: “Du, Schatz, ich muss dir sagen, ich bin zu unserem Hochzeitstag in Peru! Und kann auch deshalb nicht mit dir zu Tim Herzberger gehen.“. „Und, was ist schlimmer?“. „Naja, Hochzeitstag ham wir jedes Jahr…“ (Alles klar, ich bin immer noch mit dem richtigen Männchen verheiratet.).Foto-4

Denn, Leute, knotet eure Schlüpfergummis! ICH HABE KARTEN! Für die Show aller Shows, das kulturelle Highlight des Jahres. Das Lachmuskelensemble für alle, die gern im Keller lachen. Und auf dem Dachboden: „Tim Herzberger: Scheitern durch Niveau“. Nur am 3. Und 4. Oktober in Dresden (den Rest des Jahres vermutlich in Hollywood , Paris oder Kleinerkmannsdorf).

Sollte ich jemals vor Kameras gefragt werden, was das wichtigste Ereignis in meinem Leben war, so würde ich antworten: die Wiedervereinigung und der 7.Juli 2012 (Jaja, die Kinder, die Hochzeit, das waren auch wichtige Momente…). An diesem Tag ergatterte ich aufgrund von Gründen einen Stehplatz im proppevollen „Sternpalast“, der berühmtesten und allerschönsten WG der Stadt. Dort konnte ich mit achtundzwölfzigtausend anderen von Lachkrämpfen gepeinigten Menschen einen Abend erleben, der mein Leben veränderte! Glaubte ich bis dahin, mein Humor sei seltsam, wusste ich im Nachhinein: das stimmt.

Verzaubert im Taumel eines „Kessel Buntes“ aus Weltstars und Chansonetten, die die Bühnen dieser Welt für einen Abend sausen ließen, nur um uns glücklich zu machen! Dazu ein Gastgeber wie eine Mischung aus Frank Schöbel und Chris Doerk. Nur noch anderserer. Herzschmerz, Gesänge und allerallerunterirdischste Alltagskomik. All das öffnete einem Rudel glückseliger Menschen die Herzen an diesem Abend, ließ Freudentränen fließen und Schlübbor fliegen! Wildfremde lagen sich in den Armen und wollten Kinder zeugen, die alle Tim heißen sollten. Oder Michael…

Michael wie Michael Specht. Die menschgewordene Offenbarung aller Liebenden und Suchenden. Der Geheimagent unter den kulturellen Geheimtipps. Die sächsische Antwort auf Telly Savallas… oder irgendwas anderes. Ein Mann, dessen Äußeres so unbeschreiblich ist, dass der Naturschutzbund jüngst erklärte: „Der Specht ist der Vogel des Jahres 2014!“ (Das stimmt, das könnt ihr nachlesen.).

Und endlich, endlich sind sie wieder da!

Niemand weiß, was an diesem Abend im Oktober passieren wird. Auch nicht die NSA. Oprah Winfrey würde weinen vor Glück, so eine Gästeliste zu haben! Vermutlich werden wir einen Laienschauspieler kennenlernen, der wegen seiner Rolle als Leiche in einem Polizeiruf schon mal für die goldene Himbeere nominiert war. Und einen Glasbläser, der Glas bläst. Oder ganz andere Leute! Es wird auf jeden Fall überraschend.

Und ich habe zwei Karten! Handgeschrieben und auf allerfeinstem Büttenpapier ausgedruckt. Ja-haaa! Ich kann mich quer über zwei Stühle fläzen und jedem entgegenrufen: „Ich habe zwei Plätze! Da staunste, was?!“.

Ihr seid leider nicht dabei. Denn es gibt bestimmt keine Karten mehr! Vielleicht habt ihr auf dem Schwarzmarkt Glück, wenn ihr euer eigenes Gewicht in Goldunzen und verschwitzten Achselshirts mitbringt. Oder ihr bestecht einen Lichttechniker mit einem Schmortopf voller Rouladen, dann bekommt ihr vielleicht noch einen Stehplatz zwischen den Rollifahrern.

Aber ich will mich auch nicht mit drei anderen Groupies um das verschwitzte Unterhemd von Michael Specht kloppen müssen! Also fahrt doch mit meinem Besten nach Peru am 3. Oktober. Oder guckt die Wiedervereinigungsfeier im Fernsehen. Ist bestimmt auch ein guter Tag, um sich mit seinem Partner gegenseitig die Fußnägel zu schneiden.

Aber die Wiedervereinigungsfeier wird vermutlich wiederholt und ganz bestimmt im nächsten Jahr wieder neu aufgelegt. Also schmeißt euch ins Getümmel und rauft um die letzten Karten! Es lohnt sich.

Mein Senf

Als ich diesen Artikel zur Kita-Lunchbox las, bekam ich Schnappatmung. In einem Land, dessen Wort für zweites Frühstück klingt wie „Süssli“ oder „Genüssli“ Eltern vorzuschreiben, was als Kindesernährung durchgeht und was nicht… also da fehlen mir die Worte. Nun, da ich sie wiedergefunden habe, will ich unbedingt meinen Senf dazugeben:

Seit Jahren nerven mich die Luxusdebatten und die teilweise abstrusen Ausmaße um gesunde Ernährung des Menschen an sich und die artgerechte Haltung des Nachwuchses im Besonderen. Nichts ist mehr natürlich, dabei sind doch alle so sehr bemüht, „natürliche“ Ernährung und Lebenshaltung anzupreisen! In einer Familie, die Braten mit viel Soße und Klößen liebt eine Sonderkost für die Kinderernährung einzuführen um Standards zu genügen, halte ich für bigott. Und suggeriert doch dem Kind nur: Ums Essen wird viel Brimborium gemacht. Aufmerksamkeit erzeugt. Und ich bekomme eine Extrawurst gebraten!

Essen sollte Genuss sein, Nahrung für Leib und Seele.

Seit drei, vier Generationen muss in diesem Landstrich der Welt kein Mensch Hunger leiden und um sein Leben fürchten. Und was tut der satte, luxusverwöhnte Mensch? Schafft künstlich neue Probleme. Kann er machen. Jeder, wie er will. Ich will vor allem meine Ruhe. Borstig werde ich, wenn jemand daherkommt und irgendeine Meinung als allgemein gültige proklamiert! Ich habe mir nicht umsonst eine Lungenentzündung auf einer Montagsdemo geholt, damit ich endlich denken darf, was ich will! Und seien wir mal ehrlich, alle zehn Jahre haben wir einen neuen „aktuellen Stand des Irrtums“: Babies schlafen auf Lammfell/ Um Gottes Willen, kein Lammfell! Bauchlage/ Auf gar keinen Fall Bauchlage! Fleisch ist gesund/ Fleisch ist ungesund. Und, um noch richtig einen draufzusetzen: Vor sechzig Jahren warst du als Gastgeber laut Knigge quasi verpflichtet, die Rauchmarken der Gäste zu eruieren und im Vorfeld zu besorgen. Ebenso wie die beliebtesten Verdauungsschnäpse. Und heute? Nun, das wissen wir ja. Alles schlecht! Alles ganz, ganz schlimm. Ein Wunder, dass das die Leute irgendwie überlebt haben.

Verbote schaffen Anreize.

Neulich erzählte mir eine Freundin von einem artgerecht fernsehfrei erzogenem Nachbarsmädchen, was täglich die Freundinnenwohnung frequentiert, um ferngesteuert zur Glotze zu wandeln. Dort steht sie dann verzaubert mit offenem Mund und starrt wie paralysiert auf die bewegten Bilder.

Ich kenne auch ein Mädchen, nennen wir es mal Henrike. Die war verrückt nach Süßem. In dem Familienhaushalt gab es Süßigkeiten nur zu den Feiertagen. Dieses Mädchen neigte nämlich zur Verfettung, hatte schlechte Gene (glaubte ihrer Mutter). Unsere Henrike löffelte die Zuckerdosen leer. Alle. Untersuchte Backpflaumen und Abführ-Früchtewürfel auf ihre Tauglichkeit als Süßigkeit. Das komplette Taschengeld des Kindes ging für Süßigkeiten drauf (Das war an sich für das rechenschwache Kind ein Drama: Zwei Mark pro Woche. Eine Tafel Blockschokolade kostete zwei Mark achtzig… ein Stück Schokosahnetorte zwei Mark zehn.). Neulich traf unsere Protagonistin die Frau X. Frau X-ens Tochter und Henrike waren als Schulmädchen befreundet. Und was sagt da Frau X? „Ach Henrike, wenn ich dich sehe, muss ich sofort daran denken, wie du immer bei uns vor der Tür standest: ´Hallo Frau X, hamse was Süßes für mich? Ich nehm ooch´n Zuckerwürfel. Und, is de Gabi zu Hause?`“.

Kindheit, das ist süßer Kakao. Den es abends bei Pittiplatsch gibt, mit dem ich, der Beste und alle DDR-Kinder aufwuchsen. Oder Astrid Lindgrens Lotta, die sich nach ihren Abenteuern auf den Abend-„Kaukau“ von Tante Berg freut. Puddingsuppe mit Zwieback, wenn man Halsweh hat. Süßer Pfefferminztee nach Rodelnachmittagen. Knusprige Kekse.

Alles in Maßen. Na klar. Aber immer mit dem GMV, dem gesunden Menschenverstand betrachtet. Kindern zu zeigen, woher das Essen kommt und dass wir Glück haben, in so reichem Überfluss zu leben, ist wichtig. Und Genuss und Maßhaltung vorzuleben.

Wie bei allem anderen. Kinder lernen in erster Linie durch Nachahmung. Glaube ich. Und ich werde einen Teufel tun, Dinkelpuffer mit Sojasoße und Sellerierohkost zum Sonntag hinzustellen, nur weil hier Kinder mitessen. Schmeckt mir nicht! Ein Topf Suppe und ein frisches Brot auf dem Tisch, die Familie drumherum, das ist ein schönes Bild für mich. Und nicht vier Leute mit vier verschiedenen Tellern und einen Affentanz für den bemitleidenswerten Koch.

Heute gibt’s Plinsen mit Apfelmus (aus Äpfeln). Und vorher Tomatensuppe. Die ist aus Gemüse, nicht aus der Dose. Klingt für mich nach gesunder Ernährung.

Mahlzeit!

Strandgut des Lebens

Strandgut des Lebens

Meine Großeltern waren ihrer Zeit voraus. Heute würde man sagen, sie seien Upcycler und Zweitverwerter gewesen. Nichts durfte umkommen, nichts wurde achtlos weggeworfen. Aufgrund der harten, entbehrungsreichen Nachkriegsjahre oder einfach einer anderen, altmodischen Sicht auf den Wert der Dinge… ich weiß es nicht. Aus den alten, gestreiften Nachthemden vom Uropa („Gute Baumwolle!“) wurden Sommerkleider für die Enkelmädchen genäht. Strickpullover wurden mühsam aufgedrießelt, die Wolle nach Farben sortiert und zusammen mit getrockneten Orangenschalen (gegen die Motten) in Kisten, Säcken und Tüten verstaut. Um dann irgendwann in Form von Kinderpullovern, Socken, Häkeldecken, Kissenbezügen, Teppichen zu neuem Leben zu erwachen. Das Wegwerfen von Plastikbehältnissen fiel meiner Oma nicht ein. Was für eine Verschwendung! In den Milchbeuteln der DDR wurde nach dem Auswaschen alles mögliche verpackt und Quarkbehälter konnten auch nicht weggeworfen werden. Die waren super Anzuchttöpfe und überhaupt: da kann man doch was reintun!

Mein Opa fuhr nachmittags mit seinem Fahrrad gern durch die Gegend. Der Chariot war noch nicht erfunden, also hat er sich einen Handwagen namens „Rollfix“ (so hieß der wirklich) an sein Fahrrad gebunden und ging damit auf Beutezug. Bei den Mülltonnen.

(Randnotiz: Liebe Kinder, die Mülltrennung ist jünger als die Tante Rike und früher schmissen die Leute einfach alles in eine große Tonne mit Schwingdeckel. Echt wahr, diese Umweltsäue! Aber es gab ja meinen Opa… )

Dort zwischen Kartoffelschalen und Kaffeesatz fand mein Opa Schätze. Etwa kaputte Toaster oder Fahrradreifen. Das barg er alles, unter vollstem Körpereinsatz. Und schaffte das in seinen Garten. Aus den Teilen wurden neue Sachen gebastelt oder sie wurden zu späteren, nicht näher benannten Zwecken zwischen- bzw. endgelagert. Meine Mutter schämte sich sehr, wenn die Nachbarn sagten: „Dein Schwiegervater ist heute wieder in den Mülltonnen rumgekrochen!“. Ich glaube aber, er wurde nur missverstanden, der Opa.

Warum ich euch das alles erzähle? Nun, ich versuche, eine positive Grundstimmung zu verbreiten. Denn es ist Zeit für eine Offenbarung: Das ist erblich! Ja, ich bin betroffen. Ich kann nichts dafür.

Steine, Muscheln, Sand werden ja von vielen nach Hause getragen. Von den Stränden dieser Welt. So fing das bei mir auch an. Seit ich den ersten Hühnergott im Kieshaufen bei Hornbach fand, ist allerdings keine Kiesumrandung irgendeines Hauses vor meinem Adlerauge und suchendem Blick sicher. Im Rindenmulch fand ich schon allerschönste Holzstücke mit Astlöchern, die man auffädeln kann. Oder so hinlegen, als Deko zwischen Blumentöpfe. Oder als Geschenkanhänger verwenden, mit Silberstift beschriftet. Ich brauche das alles! Gehe ich in den Wald, komme ich stets mit schmutzigen Fingern und vollen Jackentaschen wieder raus.

War das Scherbensammeln im Garten zunächst nützlich aufgrund der Verletzungsgefahr, sammle ich mittlerweile die blau-weißen Scherben in ein separates Eimerchen, was keiner anfassen darf! Was ich damit will? Vielleicht ein Mosaik machen. Oder das Bad fliesen, genug zusammen hab ich mittlerweile. Sammelte ich zunächste nur unser Grundstück ab, so dehne ich mittlerweile meine Scherbensuchaktion auf die komplette Gartensiedlung aus (zur Erinnerung, der Garten liegt auf einer alten Müllhalde). Vollkommen selbstlos! Und es gibt Tage, an denen weiß ich, was ich denke, wenn ich höre, was ich sage. Zum Beispiel zu meiner Nachbarin: „Du Moni, wenn Du beim Buddeln blau-weiße Scherben findest, schmeiß mir die über den Zaun!“. Hä?! Ernsthaft? Doch, leider, das ist wahr. Und nein, Moni schmeißt mir keine Scherben über den Zaun. Bis jetzt.

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Fundstück und Fundstückchen

Alles, was weiß und keramisch oder aus Porzellan ist, muss ich sowieso mitnehmen. Alte Relais, Flaschendeckel, Zuckerdosen, Eierbecher. Brauch ich alles. Passt zu jeder Deko irgendwie dazu. Und wenn ich behutsam den Dreck von den Dingen wasche, denke ich darüber nach, durch wieviele Hände das „Ding“ wohl gegangen ist und wie lange es jetzt wohl schon auf mich gewartet hat.

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keramische Dingsbumse

Antiquitätenläden, Flohmärkte und sagar Versandhändler, die sich auf „alte“ Sachen spezialisiert haben, boomen. „Aus alt mach neu“ war schon in den Siebzigern der DDR eine Parole, wenn auch damals aus Verknappungsgründen. Ich mag alte Möbel, alte Stoffe, altes Geschirr. Ich bin auch nicht mehr neu, vielleicht ist es das. Ich gehe an keinem Trödelladen vorbei und selten verlasse ich den mit leeren Händen. Und doch, das ist was anderes. Dort hat jemand vorsortiert und die Dinge bewertet, ihren Verkaufspreis ermittelt und drangeklatscht: „Zu verkaufen!“.

Herzklopfen erfüllt mich, wenn die Dinge mich finden. Ein altes Schaukelpferd, neben den Wertstoffhof gestellt. Ein Weinballon, der Deckel einer Bonbonniere auf dem Glascontainer. Ein trauriger Stuhl (mal wieder), irgendwo am Wegesrand. Ich kann da nicht vorbeifahren! Mit wenigen Handgriffen und etwas Liebe (und manchmal Holzleim) bekommt dieses Strandgut des Lebens bei mir eine zweite Chance.

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Das wird nicht von allen gern gesehen. Besonders nicht von meiner Familie. Wenn das Auto mit mir am Steuer automatisch vor einem Glascontainer abbremst, kommt sofort Geschrei: „Wehe! Untersteh dich!“ (der Beste), „Muddor! Na-heiiin!“ (das Kind Nummer eins), „Hedate! Hedate!“ (der Kleinste macht auch schon mit).

Aber bevor ihr mir das Messie-Team von RTL2 auf den Leib hetzt, gebe ich Entwarnung: Quarkbecher kann ich gut wegschmeißen und auch ansonsten fallen mir Trennungen nicht schwer, wie der Beste neulich feststellen durfte:

„Was ist das schon wieder?! Das schmeiß ich weg, das steht nur rum!“, „Ich schmeiß dich gleich weg, mein Lieber! Du stehst auch bloß rum!“

Meine Blumen für…

Meine Blumen für…

Wenn mich heute eine Freundin oder Nachbarin anspräche und sagen würde: „Du, ich finde das alles toll mit der Muttibloggerei und so vielschichtig! Und die vielen interessanten Frauen! Aber ehrlich, ich weiß gar nicht, wann ich das alles lesen soll?!“, dann würde ich vermutlich nicken. Geht mir mittlerweile genauso. Und ich würde ihr sagen, die ganze Welt der Elternblogs ist wie eine bunte Aufschnittplatte. Es ist für jeden was dabei. Und das Angebot ist groß! Ich habs nicht so mit Tipps, aber wenn Du nur einem einzigen Blog folgen möchtest, einem, der dich aufbaut, wenn du an deiner Kompetenz zweifelst, einem, der dir Mut macht, dich zum Schmunzeln bringt und dir zeigt: geht doch nicht nur dir so. Und das alles auf eine herzens-warme, lebenserfahrene, kluge und sehr eloquente Art, dann bist du bei Mama on the rocks richtig. Authentische Geschichten, die niemals belehren. Immer eine kleine Weisheit transportieren und dich nach dem Lesen mit einem guten Gefühl wieder in deinen Tag entlassen. Ein Mamablog „par exellence“.

Ich bin mir sicher, die Freundin würde sich bald für diesen Lesetipp bei mir bedanken.

Séverine, ich danke Dir mit diesen Blumen persönlich für viele Stunden vorzüglicher Unterhaltung, Dein ehrliches Interesse und Deine herzlichen Kommentare. Und ich wünsche Dir, dass Du niemals auf Eis liegst, sondern immer auf Rosen!

Nimm Platz!

Nimm Platz!

Könnt ihr euch noch an den räudigen Stuhl vom Trödelmarkt erinnern? Nun, dieser Stuhl hat eine unangenehme Eigenschaft: Er neigt zur Cliquenbildung. Binnen kürzester Zeit scharte er noch zwei wurmstichige Halunken um sich, sodass ich in die Bredouille kam. Der Beste drohte regelmäßig damit, ein hübsches Feuerchen zu entfachen. Ich war im Zugzwang! Zur mitternachtsblauen Wand fehlte noch die passende Bestuhlung im Gartenhäuschen und Ikea hatte in der Fundgrube 2x mitternachtsblauen Bezugsstoff… Ich sah die Zeichen!

Foto 2-1Wer bislang achtlos an alten Holzstühlen vorüberging in der Annahme, das Aufhübschen sei viel zu kompliziert, dem sei gesagt: mitnichten! Wenn der Stuhl nicht vom Holzwurm durchlöchert ist , ist er zu retten. Und wenn ich das kann, kann das jeder und ich fische hier nicht nach Komplimenten, sondern in ganz trüben Handwerksgewässern (alle, die wirklich etwas von Polsterei verstehen, bitte Augen zuhalten und ganz schnell woanders hinklicken…).

Du brauchst:

  • Schaumstoffplatten (Baumarkt, bei den Heimtextilien)
  • Bezugsstoff (zB. von hier)
  • Holzleim zum evt. Verkleben lockerer Stellen
  • Stoffschere, Hammer, Tacker
  • Tapezierstifte (das sind Nägel)
  • Packdecke (Baumarkt)
  • doppelseitiges Teppichklebeband

Foto 4-2Als erstes Sitz entfernen. Die meisten sind mit Gurten oder Federn im Unterbau bestückt. Gurte kann man selber spannen, wenn die kaputt sind. Wenn die Federung kaputt ist, bist du ein Glückspilz! Du kannst die Federn ausbauen und als Rankhilfen für Pflanzen einsetzen oder sonstwas dekoratives damit anstellen. Den Unterbau haust du in dem Fall weg und lässt dir im Baumarkt ein Brett mit den passenden Maßen zuschneiden.

Dann musst du den Sitz vom alten Bezug und Polstermaterial befreien. Das ist die einzige Arbeit, die zeitaufwändig ist und keinen Spaß macht.

Danach Bezugsstoff zurechtschneiden und evt. die Schaumstoffplatte in Form schneiden. Diese darf ruhig einen halben Zentimeter über den Holzrahmen ragen, sonst merkt man später das Holz am Ärschel. Aus der Packdecke einen Streifen schneiden, der so lang ist, das du den Schaumstoff einschlagen kannst.Foto 3-1

Jetzt wird ein Türmchen gebaut (von unten nach oben): Bezugsstoff, in Packdecke eingeschlagener Schaumstoff, Sitzrahmen. Die Außenkante des Stuhlrahmens (keine Ahnung, wie die reguläre Bezeichnung ist) mit Teppichklebeband umranden. Alles schön zurechtlegen und dann den Bezugsstoff auf dem Klebeband justieren (gegenüberliegende Seiten). Der unschlagbare Vorteil: Du kannst es jetzt drehen und gucken, ob alles sitzt, nicht etwa das Muster verrutscht ist oder ähnliches. Falls doch, lässt sich der Stoff noch vorsichtig lösen und du kannst korrigieren. Ist alles zu deiner Zufriedenheit, schwing den Tacker!

Bei den Ecken wirst du einen Tod sterben müssen. Egal, ob du zieharmonikaartig Fältchen für Fältchen festnagelst oder wie ich einfach die Ecke nach innen einschlägst und ruckizucki festnagelst, das kannst du dir aussuchen.

Foto 1-1Foto 1-2

Den Stuhl (oder die Stühle) hast du eventuell nachgeleimt, angeschmirgelt und gestrichen. Oder (wenn das Holz schön ist) zB. mit Arbeitsplattenöl abgerieben und poliert.

Dann kommt jetzt das Schönste: Zusammensetzen!

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Auf zumindest einem meiner neuen, alten Stühle kann man sitzen, wie das Sitzmodel beweist:Foto 2-4

 

 

 

 

 

 

Ich sage euch, wenn man einmal anfängt mit Stühlen rumzuexperimentieren, ist man schnell angefixt! Die Beine lassen sich austauschen, ein andersgestaltetes viertes Stuhlbein kann ganz apart aussehen, stylish wie von Designerhand! Auch Experimente mit Polsterstiften sind zu empfehlen. Das sind die Schmucknägel, die sichtbar im Polster sind… fangt einfach mal an!

Oder schreibt mir, ich hole euch die ollen Stühle eurer Oma vom Dachboden 😉 Aber nix dem Besten sagen, der flippt aus!

Ordnung

Ordnung

Sonntag morgen, kurz nach Sonnenaufgang.

Ich bin allein zu hause und putze heimlich das Kinderzimmer des Kronsohnes. Diese Aussage bedarf sicherlich einer Erklärung: Das Kind Nummer 1 ist ein sehr ordentlicher Mensch. Prinzipiell und nach den Maßstäben eines Teenagers sowieso. Bereits als Fünfjähriger faltete er abends sorgfältig seine Sachen, bevor er sie in den Schmutzwäschekorb legte. Ordnung ist für Menschen mit einer Autismusspektrumstörung das A und O. Dinge haben einen Platz, Abläufe sind definiert. Essen gibt es immer zu einer bestimmten Zeit. Das ist immens wichtig. In einer Welt, in der du nicht „verstehst“, warum dieses oder jenes passiert, sondern immer wieder „lernen“ musst, dass etwas so oder so funktioniert und Menschen dieses oder jenes meinen, wenn sie so oder so gucken bzw. etwas sagen, was aber etwas ganz anderes bedeutet, dann wird deutlich, dass Ordnung der Dinge einen ganz wichtigen Stellenwert einnimmt. Quasi als Gerüst einer volatilen, sich permanent verändernden Umwelt. Und Veränderungen sind schlecht! Die Unflexibilität, sich daran anzupassen, ist sprichwörtlich autistisch. Dinge, die zum ersten Mal erlebt werden, werden in ihrem Ablauf als „Ordnung“ eingestuft. Die Enttäuschung im Gesicht meines Kindes, was seine Lieblingssuppe mit den Worten „Die schmeckt aber gar nicht!“ zurückschiebt und meine erfolglosen Bemühungen, ihm zu erklären, dass eine Suppe jedes mal in Nuancen anders schmeckt weil es einfach unmöglich ist, exakt immer das gleiche Geschmackserlebnis zusammenzukochen. Darauf gibt es nur eine mögliche Antwort seinerseits: „Und warum?“. Ja, warum.

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Eigentlich ist die autistische Denkweise leicht zu verstehen: Es gibt nur die Zustände 1 und 0, true und false. Wie bei einem Computer. Und den nehmen wir ja auch als logisch wahr. Insofern, und weil das Kind mit seinen Besonderheiten nun schon eine Weile bei uns wohnt, kann ich mich dem anpassen.

Dazu gehört, dass ich verstehe, dass ihn der Staub in seinem Zimmer zwar stören mag, aber die Vorstellung, dass ich im Zusammenhang mit dem Staubwischen seine Dinge verschiebe, verrücke, ihren Platz verändere und somit seine Ordnung, das versetzt ihn in eine Stresssituation. Deshalb mache ich das stets während seiner Abwesenheit und in dem Bemühen, alles wieder so hinzustellen und zu legen, wie es war. Was natürlich nicht klappt! Denn ähnlich wie ein Computer bemerkt er Abweichungen, die ich so nie sehen würde! Ein Zettelblock verkehrtherum zum Beispiel.

Aber auch er lernt, dass kleine Veränderungen und Abweichungen nicht zwangsläufig bedeuten, dass die Welt einstürzt.

In kleinen Schritten.

Er bewohnt nach wie vor ein „Kinderzimmer“. Auf die Ankündigung, ein cooles Jugendzimmer daraus zu machen, kam prompt: „Auf keinen Fall!“. So schläft er in seinem Hochbett, ein Foto aus Kindertagen mit einem Nachbarskind steht seit Jahren unberührt auf einem Regalbrett, ebenso eine Flöte, die er gar nicht benutzt. Aber das gehört eben zur Ordnung.Foto 2

Seltsam mag in diesem Zusammenhang anmuten, dass er kein Strukturempfinden hat für notwendige Dinge „von außen“. So gibt es Plakate und Zettel, auf denen steht, was Morgens, Nachmittags, Abends, Sonntags… gemacht werden muss. Der Tagesablauf wird durch piepende Timer bestimmt. Und immer wieder nachkontrollieren. Auch die Schrittfolge mancher Handlungen werden oft nicht eingehalten. Das ist, wie wenn du jemanden beobachtest, der sich die Zähne mit Wasser putzt und im Nachhinein Zahncreme auf die Bürste macht und diese in den Becher stellt. Aber das ist eben so. Dieses Kind, dieser junge Mann, ist eben so. Erklären, zeigen, erklären. Und irgendwann ist der Ablauf als Ordnung abgespeichert. Vielleicht.

Das kann einen frustrieren. Tuts auch. Aber manchmal bringt das ungeahnte Denkanstöße. Was, wenn das, was wir „Gesunde“ als Ordnung kennen, ein Chaos ist? Keiner logischen Ordnung entspricht? Ist das denkbar? Wenn Autisten wie Computer ticken, dann ist ihr Verhalten möglicherweise das Logischere?

Oftmals zumindest ist seine Sicht auf die Welt erfrischend gesünder und manchmal auch belustigend. Physik fällt aus? Statt dessen gibts Bio in der ersten Stunde? Er steht auf und verlässt den Raum. In seinem Plan steht Physik, er hat jetzt kein Bio…

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Und in einem Gespräch über Selbständigkeit versuchte ich ihn zu überzeugen, er müsse lernen, die Waschmaschine zu bedienen. Er meinte, er hätte später eine Freundin, die das könnte. Ich erklärte ihm, Frauen wöllten aber nicht als Hausmädchen gesehen werden sondern auf Händen getragen werden. Darauf er: „Das kann ich! Ich bin stark! Ich trag sie zur Waschmaschine.“

 

Guten Morgen Pieschen!

Guten Morgen Pieschen!

Ich nehme Euch mit auf meinen Morgenlauf. Nur noch schnell die Schuhe anziehen…

Das Wannenbad

Neulich kursierte in den sozialen Netzwerken ein Foto, welches zwei junge russische Männer zeigt, die ihr Wohnzimmer mit Plastikfolie ausgekleidet und mit Wasser gefüllt hatten, um genüsslich ein Bad zu nehmen. Der Vorgang des Wassereinfüllens und auch der Rückbau des Badebeckens wurden nicht dokumentiert, aber ich habe da so meine Vorstellung. Denn sie sind bei weitem nicht die ersten mit dieser Idee…

Wir schreiben die letzten Jahre der DDR und ich lebe in der sowietischen Besatzungszone. Nein Kinder, das ist nicht weit weg. Das ist genau hier! Und zwar sogar in Dresden. Ich hatte ein kleine Wohnung im Russenviertel dieser Stadt. Das Viertel hieß aus praktischen Gründen so, nicht, weil da nur Russen wohnten. Es wohnten auch Armenier, Kirgisen, Letten und vermutlich auch Menschen aus Aserbaidschan dort. Richtigerweise hätte das Viertel „Wohnareal für hochrangige Mitglieder der rotarmistischen Befreiungsarmee“ heißen müssen, aber das wäre als Name viel zu lang gewesen.

Rund um das Waldschlösschenareal in Dresden waren Kasernen, in denen die Soldaten in Doppelstockbetten und mit strengen Schließzeiten hausten. Die Offiziere durften ab einem gewissen Grad (ab achthundert Gramm Orden und Bronzeketten auf der Uniform) ihre Gattinnen nachholen und wohnten dann in Häusern rund um die Kasernen. Ein paar Dresdner wohnten auch dort. Zu erkennen waren die deutschen Wohnungen daran, dass an den Fenstern möglicherweise ein Blumenkasten hing mit Begonien und/oder eine Gardine. An allen anderen Fenstern gab es die gängige, wärmeisolierende Vollfensterverkleidung mit Zeitungspapier. Dort wohnten die Mitglieder der Roten Armee.

Die blieben eigentlich immer unter sich. Ich bin mir nicht sicher, aber wahrscheinlich war den Besatzern der Umgang mit den Besetzten, Besatzerten, von Besatzern Besetzten…mit uns untersagt. Trotzdem war es hilfreich, wenn man als junges Ding im Dunkeln durch das Viertel ging, schnell rennen zu können oder zumindest fluchen wie ein russischer Droschkenkutscher. Sonst konnte es durchaus passieren, dass einem die Deutsch-Sowietische Freundschaft und der Bruderkuss näher gehen konnten, als einem lieb war.

Ich wohnte in einer kleinen, arschkalten Wohnung. Ohne Bad, mit Außenklo auf der Treppe (Die Miete kostete 23,-Mark, falls das irgendwen interessiert. Für die Geschichte hat das allerdings keinerlei Relevanz.). Die bauliche Substanz war desolat, wie im Altbau der DDR üblich. Die Mieter renovierten und reparierten selber und wer das nicht konnte, arrangierte sich mit dem Zustand.

In meinem Schlafzimmer waren die Wände feucht. Irgendwo gab es ein Leck. Dach kaputt, Dachrinne. Ich wusste es nicht. Regelmäßig floss mir das Wasser in Rinnsälen die Wände herab. Ich wischte, stellte Eimerchen auf. Ich bat sogar mal einen Freund auf´s Dach zu steigen, was er auch tat. Aber außer seinem Wagemut hatte er nichts weiter einzubringen, sodass dies auch nicht zielführend war.

Eines Tages floss das Wasser wieder fröhlich meine Wände herab, als mir auffiel, dass von draußen der schönste Sonnenschein durch meine staubigen Fenster schien. Nun bin ich nicht von der hellsten Sorte, aber irgendwie wankte die kaputte-Dachrinne-Theorie in diesem Moment sogar bei mir.

Über mir wohnte ein Rotarmist mit Gattin. Ich läutete. Er öffnete. Ich erklärte mein Problem. Er erklärte seinen Unwillen, deutsch mit mir zu sprechen. Ich wiederholte mein Klärungsbedürfnis auf russisch, was ihn wohl an seine ihn verpflichtende russische Gastfreundschaft erinnerte und er bat mich hinein.

„Schöner Wohnen“ war bei den Leuten kein Thema. Die Dame ging nie ohne roten Nagellack, Goldschmuck, Goldzähnen, onduliertem Haar und Pelz aus dem Haus. Aber wohnte in einer gänzlich leeren Wohnung mit zwei Hockern und einem Tisch. Irgendwo wird es wohl auch ein Bett gegeben haben, aber ich weiß wirklich nicht wo. Denn der Raum, der über meinem Schalfzimmer lag (ihr erinnert euch: die Nasszelle wider Willen), wäre zwar dafür prädestiniert gewesen, aber war ebenso leer. Bis auf eine Zinkwanne.

In dem Raum stand nichts außer einer alten Zinkwanne. Der Offizier erklärte mir stolz, er habe das Badezimmer selbst eingebaut! Und demonstrierte mir die Funktionalität auch sehr gern. Die Wanne wurde per Eimer mit heißem Wasser aus der Küche befüllt und die Gattin konnte sich zum Bade niederlassen. War dieser Vorgang beendet und das Wasser kalt, entstieg die Gattin und der kräftige Rotarmist kippte die Wanne einfach aus. Ins Zimmer. Er hatte in einer Ecke des Raumes irgendein Stück Rohr durch die Wand gebastelt und mit der Dachrinne verbunden (glaubte er), sodass sich eine Art Abfluss ergab. Toll, nicht?

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie die Geschichte weiterging.

Entweder haben wir zusammen „sto gramm“ getrunken, Irina und ich haben Pelmeni- und Quarkkeulchenrezepte getauscht und ich wurde ab jetzt immer zum Baden eingeladen, während Sergej auf der Balalaika für uns spielte und traurige russische Lieder sang. Oder sie haben mich einfach zur Tür rausgeschoben und alles blieb so wie es war. Bis ich irgendwann auszog.

Ersteres würde mir besser gefallen.

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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