Der Konzept-Supermarkt

Ich würde ja so gern im Bioladen einkaufen, beim Demeter-Bäcker und das artgerecht gezogene Gemüse den Häschen auf dem Bio-Hof unter den Schnuten wegklauen…

Ich wohne aber in Dresden-Pieschen. Ich müsste den Stadtteil verlassen und längere Anfahrtswege in Kauf nehmen, um derlei raffinierte Lebensmittelverkaufsstellen anzusteuern. Und dazu bin ich zu faul. Meistens.

Als Frischzugezogene hatte ich allerlei Probleme mit der Lebensmittelbeschaffung, war ich doch eine zweistöckige Kaufhalle (der Alt-Ossi geht auch nach fünfundzwanzig Jahren noch in die „Kaufhalle“) gewöhnt und mehrere Bioläden und Reformhäuser buhlten um meinen Geldbeutel. Dort drüben. Auf der anderen Seite der Elbe.

Wir wohnen jetzt in direkter Nähe zu einem Supermarkt, der in Pieschen mit einer Dichte von zwei pro Quadratkilometer quasi die Marktherrschaft an sich gerissen hat. Für Ortsunkundige wirkt das Ambiente etwas befremdlich, ist der Markt doch morgens, mittags und abends belagert von Menschen. Nein, sie stehen nicht in einer Schlage, das fände ich ja noch plausibel (Kaufhalle-Schlange-normal. Kennen wir ja von früher!). Diese Menschen sitzen und stehen mit Erfrischungsgetränken in der Hand ohne erkennbaren Grund vor dem Markteingang. Ich habe mich mit (ebenfalls zugezogenen) Freunden unterhalten, die in Sichtnähe zum Markt Nummer zwei wohnen: Jap, auch da das gleiche Bild.

Das brachte mich zu der Erkenntnis: Das gehört zum Konzept! Diese Leute müssen Mitarbeiter sein. Niemand steht doch freiwillig einfach so den ganzen Tag vor einem Supermarkt. Ihr etwa?

Ich sehe vor meinem inneren Auge die Stellenausschreibung:

„Wir suchen für die Neueröffnung unseres Marktes in Dresden-Pieschen zehn Außendienstmitarbeiter (Vollzeit) im Bereich Rumlungern Kundenakquise. Bevorzugt Bewerber mit Hund!“

Ich muss sagen, ich habe mich mittlerweile an den Konzept-Supermarkt gewöhnt. Und nicht nur das, der Unterhaltungswert des Einkaufserlebnisses übersteigt eine nachmittägliche real-life-Doku-Soap im Privatfernsehen um Längen!

Heute hatten zwei Rastafaris Dienst vor dem Markt. Beide barfuß, tanzten sie nach einer Musik, die nur sie hören konnten. Einer hatte eine Gitarre über den Rücken geschnallt, aber die Musikdarbietung hatte ich offensichtlich verpasst (ich muss mir merken, das nächste Mal nach dem Veranstaltungskalender zu fragen). Der andere hatte dafür sehr schöne und viele Taubenfedern in seinem Haarturban. Sie lachten fröhlich und tanzten zur Unterhaltung der Besucher. Außerdem waren noch mehrere Außendienstmitarbeiter da, die vermutlich Doppelschichten geschoben hatten und sehr müde wirkten. Ich vermisste etwas die bärtige Frau mit der „natural wet-look“-Frisur, vor der sich mein Sohn schrecklich fürchtet, aber die hatte wohl frei.

Neben der Schwingtür verlangte ein Plakat nach meiner Aufmerksamkeit. „Wir suchen dich!“, darunter eine fröhlich lächelnde junge Frau, die ein monströses Reinigungsfahrzeug vor sich herschiebt und (durch ein T-Shirt mit dem Marktlogo zu erkennen) auch irgendwann mal zum Team der Kaufhalle gehört zu haben schien. Mich machte das traurig. Wo ist sie? Und wie lange wird sie schon vermisst?

Beim Eintreten durch die Schwingtür und dem Blick auf den Boden wird mir klar: Schon länger… Bitte melde dich!

Im Markt selber das übliche Durcheinander in den viel zu engen Gängen. Ein fröhliches „Hallo alle miteinander!“ auf den Lippen stürzte ich mich mit meinem Kinderwagen ins Gedränge. Verkehrsregeln werden hier prinzipiell missachtet, wer von rechts kommt kommt von rechts und hälts Maul oder wir sehn uns draußen, mein Freund! Akkustisch erinnert es an eine wilde Party in einem Getränkemarkt. Gelächter, Gegröle, Geräusche von aneinanderstoßenden Glasflaschen. Auf dem Fließband an der Kasse schepperts in einer Tour! Ich knalle selbstverständlich und mit Schmackes auch mein Sonnenblumenöl und meine Essigflasche auf das Band, um meine Zugehörigkeit durch Flaschenklappern zu demonstrieren. Bin vollständig assimiliert!

Olfaktorisch und haptisch wird auch einiges geboten. Während man sich auf dem Weg zur einzigen geöffneten Kasse durch den gesamten Laden schlängelt, wird geschoben, gedrückt, hin- und hergeschubst, ausgedünstet und zwangsweise eingeatmet, was das Zeug hält. Das Schlangestehen in meinem Konzept-Supermarkt kann glatt als Angstexpositionstraining für Sozialphobiker durchgehen.

Auch Kontaktanbahnung ist Bestandteil des Konzeptes. Nähe zum Kunden wird nicht nur beim in-der-Schlage-Stehen großgeschrieben. Auch wird gern untereinander das Gespräch gesucht: „Machen Gopp zu, du bleeder Arsch!“, „Isch gomme glei rüber! Bass bloß off, du Vochel!“.

Aufpassen muss auch ich. Heute grabschte in der Schlange eine schwielige Hand mit Nageldesign im Grunge-Look in den Kinderwagen und mit den Worten: „Nu, du bist or ä sießer, gleener Scheißer!“ wollte jemand mein Baby anfummeln! Da habe ich interveniert:

„Don´t touch, sonst Klatsch!“

Hat er verstanden. War wahrscheinlich ein Mitarbeiter des supermarkteigenen Kinderanimationsclubs. Und wir wissen ja, die übertreiben manchmal ein wenig…

Die schönste Zeit des Jahres

Wir sind nicht urlaubskompatibel, der Beste und ich. Der eine schreit „Meer!“, der andere „Berge!“ (oder allenfalls „Mehr Berge!“). Und diese Affinitäten sind bei uns auch noch extrem ausgeprägt.

Egal wo wir sind, wenn irgendwo am Horizont ein Hügel sichtbar ist, am besten noch mit einer schneebedeckten oder qualmenden Kuppe: „Oh! Das ist aber schön! Da will ich hin!“ (Er). Ein Maulwurfhügel im Garten und er steigt ganz sicher drauf: „Erstbegehung!“.

Mich zieht´s zum Wasser. Ich bin meersüchtig. Ich kenne zwar ein paar Weltmeere (vom Strand aus), aber mein Lieblingsmeerchen ist ganz klar die Ostsee. Wenn ich denn mal da bin, stolpere ich glückstaumelnd an den Strand wie ein Wüstenwanderer in eine Oase, schmeiße mich in den Sand, streichle den wundervollen Untergrund, starre grenzdebil aufs Wasser…und tauche ein in Transzendenz! Ich brauche nichts, ich denke nichts, ich atme, ich bin, ich bin vollkommen seelig… Bis ein Schatten meinen Blick verdunkelt: „Hier isses langweilig! Kein Berg! Nicht mal´n Hügel! Und was is´n das für Zeug in dem Ikea-Beutel?! Steine?! Vierzig Kilo Steine? Oh nein, sag mir nicht, das willst du mitnehmen! Unser Zuhause sieht jetzt schon aus wie Stonehenge!“.

Urlaubsfoto von ihr

Urlaubsfoto von ihr

Ich habe im Gegenzug für ein paar Steine vom Strand ungezählte Urlaube in den Bergen hinter mich gebracht, adrenalinbesoffen und stinkend vor Angstschweiß an mindestens fünfzig Zentimeter hohen Abgründen entlanggehangelt, hysterisch schreiend, der Arschlochvater solle gefälligst das Kind mit seinem Gürtel sichern und in abrissreifen Bruchbuden („Sie haben eine wahnsinnstolle Sicht auf die Berge!“) mit einem verbeulten Topf ohne Henkel und einem rostigen Wok Essen gekocht. Ich habe mich zwölftausendmal verlaufen mit dem Bergsüchtigen, der behauptet, er könne Karten lesen. Oder „aus Versehen“ das Navi vergessen hat mitzunehmen um den Challenge-Charakter des Ausfluges zu erhöhen. Bin mit Wurstschnitten im Rucksack durch Wälder, Gebirge und Steinshaufen gekraxelt um den wundervollen, anbetungswürdigen Mann, den ich geheiratet habe, glücklich zu machen. „Wenn ich hier jemals lebend aus diesem gottverfluchten, verfickten Scheißwald rauskomme lass ich mich scheiden! An der nächsten Wegkreuzung!“.

Wir verreisen jetzt getrennt. Nicht immer, aber öfter.

Alle zwei Jahre packt der Beste seinen Rucksack und seine Kumpels und dann stapfen die durch irgendwelche Dschungel am anderen Ende der Welt. Steigen auf Vulkane oder Gletscher, schlafen in Zelten auf Bergen oder in finstren Gegenden, reisen und speisen wie die Einheimischen und wechseln drehen nur alle paar Tage ihre „Schlübber“ auf links.

dirk2

Urlaubsfoto von ihm

Und ich finde das wundervoll! Wenn er nach ein paar Wochen im Nirgendwo und genug Bohnensuppe intus, um meine überragenden Kochkünste wieder schätzen zu können, heimkommt…dann habe ich Herzklopfen! Muffensausen wie eine Siebzehnjährige!

Zum Flughafen schaffe ich einen Schreibtischtäter mit zarten Händen und empfindlicher Haut und ein paar Wochen später spuckt mir der Flughafen einen braungebrannten, vollbärtigen Weltbezwinger aus mit Pranken zum Bärentöten und einem Blick, der sagt, dass er das auf der Stelle tun würde, sollte jetzt ein Bär auftauchen und sich zwischen ihn und mich und den heißesten Kuss der Welt stellen! Und wenn wir irgendwann aufgehört haben zu knutschen, zeigt er mir Bilder und Videos und seine Begeisterung schwappt rüber zu mir und mein Stolz auf ihn rüber zu ihm…und so geht das hin und her. Das ist wie eine Frischekur für unsere Ehe. Während der Trennungszeit schreiben wir uns Liebesbriefe (Na gut! Mails!) und sehnen uns nach einander. Ich mag Vermissen! Zumal das Sehnen mit dem Vergessen der Macken des anderen einhergeht. Je länger er weg ist, umso toller und Superman-mäßiger wird er.

Es gibt allerdings Stimmen im Umfeld, die offen sagen, sie fänden das indiskutabel! Der Mann hat Familie! Und Verantwortung! Wie kann der seine Frau mit den Kindern wochenlang alleine lassen um seinen Spaß zu haben (Und wie kannst du als Frau derartige Faxen unterstützen?! Wenn das nun alle machen wöllten!).

Richtig. Er hat Verantwortung! Und zwar in erster Linie für sich und sein Wohlbefinden. Genau wie ich. Uns gefällt die Idee einer Partnerschaft, in der Individualbedürfnisse nicht hinter dem Kollektivbedürfnis zurückstecken müssen. Ich kann das machen, WEIL ich mit dir zusammen bin und du meine Träume unterstützt. Auch wenn es nicht deine Träume sind. Träume haben wir alle und auf vielen Sinnspruchkarten steht gern auch der Wunsch nach …Mut, sie zu verwirklichen… Ist es nicht schön, wenn man nicht nur den Mut dazu hat, sondern auch jemanden an der Seite, der einen nicht bremst sondern bestärkt? Wenn man dadurch lernt, dass Träume keine Schäume sondern Pläne in einer Grobkonzeptionsphase sind? Und dass dieser Mensch auch stark genug ist zu sagen, ich brauche dich, aber in erster Linie möchte ich, dass du glücklich bist! Tu, was dafür nötig ist und sag mir, wie ich dich unterstützen kann.

Und er träumt nun mal von Semeru, Krakatau, Nanga Parbat und Machu Picchu (Gesundheit!). Ich will da nicht hin! Aber warum sollte er das dann lassen?! Im Gegenzug nimmt er Urlaubstage und fährt babysittend mehrmals täglich durch die Stadt um mir das Kind zum Stillen zu bringen, weil ich mir zum Beispiel in den Kopf setze, im Wochenbett noch eine Ausbildung mit unklarer Zukunftsperspektive beginnen zu müssen. Und zwar selbstverständlich!

Ich träume ganz bestimmt bald wieder von der Ostsee. Und von Steinen. Einem Ikea-Beutel voller Strandgut. Da muss er dann durch. Immerhin könnte es durchaus schlimmer kommen: Ich könnte ja schließlich auch von einem Trantra-Seminar auf Goa träumen oder ein Sonnenstudio eröffnen wollen oder eine Agentur für männliche Nacktputzer. Oder mit ihm einen Walzerkurs belegen wollen…

Und ihr, macht mit euren Träumen was ihr wollt! Und habt die schönste Zeit des Jahres. Am besten jetzt.

Call me Tigermom!

Call me Tigermom!

Als Kind im Nieselpriemhaushalt zu leben, ist echt beschissen. Zumindest wenn du knapp vierzehn bist. Als Baby mag´s gehen, da kannst du noch machen, was du willst, aber später… das reinste Bootcamp!

Unser Kind Nummer eins hat es schwer mit uns. Rigide Regeln, wohin du schaust. Prinzipiell findet das Kind ja Regeln gut und braucht die auch ganz dringend, aber die von uns aufgestellten sind echt zu heavy…

Computer- /Fernsehzeit ist auf siebzig Minuten am Tag begrenzt, am Wochenende zweimal eine Stunde mit langer Pause. Wir Bootcamp-Verwalter halten uns da (gelockert) an die vom Bundesministerium für Gesundheit erstellten Richtlinien. Es dürfen nur Spiele und Sendungen konsumiert werden, die FSK 12 sind. Heute in zwei Wochen dann Spiele mit FSK 14. Keinen Tag eher, denn dann isser ja noch nicht vierzehn! Hausaufgaben und Pflichten müssen vorher erledigt sein. Voll ätzend, oder? Alle in der Klasse sind so lange am Rechner, wie sie wollen, kein anderes Kind hat in diesem, seinem Alter so strikte Lernzeiten und ALLE spielen Spiele ab sechzehn oder sogar achtzehn und gucken Splatterfilme!

Das höre ich regelmäßig. Mir egal, dem Besten sowieso. Wir sind nicht die Eltern von „alle“. Ausnahmen funktionieren bei unserem Großen leider nicht, trotzdem gibt es die. Na klar schauen wir auch mal einen Film zusammen, gehen ins Kino oder es ist gerade Fußball-WM. Dann stellt niemand die Eieruhr, um auf die begrenzte Mediennutzungszeit hinzuweisen. Ansonsten: Siehe oben.

Außerdem hat er voll wenig Taschengeld, darf nur drei Liter Limo und eine Tüte Chips pro Woche zu sich nehmen. Habt ihr sowas schon mal gehört?

Tja, ich finde, er findet kein Maß, also bekommt er eines vorgegeben. Punkt. Zu allem Genannten muss ich sagen: Es ist auch für mich hart. Ehrlich! Genöle, Gemaule, Gemotze den ganzen Tag. Wenn ich ihn machen ließe wie er wöllte, Mann, das wäre eine Ruhe hier! Alle paar Stunden käme er mal aus seiner Höhle um zu pinkeln oder Nachschub an Limo und Chips zu besorgen, aber ansonsten bekäme ich nicht viel von ihm zu sehen. Aber das geht nicht. Ich weiß, es gibt Kinder, die sich irgendwann selbst regulieren, sich Hobbies und Freunde suchen (und auch finden), das ist leider nicht zu erwarten in unserem Fall. Ergo nichts mit Selbstverwaltung des Jugendlichen. Er muss sich verwalten und reglementieren lassen. Und ich muss das Genöle weiterhin aushalten.

Aber der Knaller kommt jetzt:

Das Kind wird zum Sport gezwungen! Insgesamt hat er an durchschnittlich drei Tagen circa sechs Stunden Sport zusammen. Ohne Schulsport, zu dem zwingen ihn ja andere Mächte, das lassen wir jetzt mal außen vor.

Montags Gerätetraining, da geht er noch relativ gern hin („Mann, ich hab keen Bock auf den Scheiß!“ und latscht trotzdem los). Muss er auch, hat Skoliose und jeden Tag einen sauschweren Schulrucksack. Also hatte er die Wahl zwischen Rückentraining und Trolley… Er hat sich entschieden.

Während der Wintersaison spielen die Jungs sonntags Squash, da geht er auch beinahe freiwillig mit („Orrr, MÜSSEN wir wieder Squash spielen?! Wie öde!“).

Samstags wird bei uns gelaufen. Wir laufen alle und irgendeinen Sport zusammen zu machen finden wir altmodischen Spießer irgendwie dufte. Das wochenendliche in-der-Gegend-Rumgerenne erzeugt schon mehr Protest („So eine Scheiße! Ich mach das nicht! Könnter vergessen! Immer zwingt ihr mich! Joggen ist soooo assi! Nö! Ich mach das nicht! Werdet ihr ja sehen!“). Er läuft. Natürlich.

Am Schlimmsten aber ist für das Kind, dass wir ihn seit nunmehr sechs Jahren zwingen, freitags zu Karate zu gehen. Wir gucken oft zu, wir motivieren, wir loben. Wurscht. Jeden (!) Freitag bildet er eine Krankheit aus um das Training zu vermeiden und motzt: „Ich HASSSSSE Karate! Schon IMMER! Ihr könnt mich dort nicht gegen meinen Willen hinschicken! Püh! Ich gehe nicht dort hin!“. Hat er auch schon mehrmals durchgezogen. Das kam raus, als der Beste das Kind mal vom Training abholen wollte und feststellen musste, es war gar nicht dort! Was für eine Aufregung! Im Nachhinein stellte sich heraus, der Junge hatte sich einfach (und das schon mehrmals) in der Städtischen Bibliothek versteckt und gelesen, bis es Zeit war, wieder den Heimweg anzutreten. Fortan hatte er einen Fahrdienst.

Natürlich hätte man (wir) in diesem Moment nach einer Alternative suchen können, zusammen mit dem Kind. Von ihm selber kommt da leider nichts und außer Computerspielen gibt’s ja auch keine Hobbies! Auf Musikinstrument hat er noch weniger Bock. Der Karateverein ist (aus Elternsicht) das Beste, was ihm passieren konnte. Tolle kinderliebe Trainer, die mit Herzblut und Konsequenz unbezahlt unsere Gören schinden und nicht nur Gummibärchen verteilen und „Du bist toll!“-Plaketten, sondern auch mal Arschtritte als Motivationshilfe. Es wurde nicht diskutiert.

Ich habe gegoogelt.

Kinder zum Sport zu zwingen ist nicht gesellschaftlich akzeptiert. Das macht man nicht. Aber es gibt außer uns wohl noch so fiese Eltern, denn Google spuckt unzählige Treffer aus von Foreneinträgen a la „Können mich meine Eltern zum Handball zwingen?“ et cetera. Überall der gleiche Antwortsound: Nein. Können sie nicht. Sollten sie nicht. Und gute Eltern machen sowas auch nicht! Die suchen nach Alternativen oder akzeptieren die Wünsche des Jugendlichen.

Manchmal (besonders nach Konsum derartiger Forumslektüre) werde ich schwach und gehe mit dem Besten ins Gespräch. Tun wir das Richtige?

Ich habe als Kind Sport geliebt und zwar genau zwei Sportarten: Rhythmische Sportgymnastik und Geräteturnen. Erst das eine, dann das andere. Passt auch thematisch irgendwie. Ich war kreuzunglücklich, als irgendwann klar wurde, mein Talent reicht einfach nicht, um im DDR-Kader irgendeine Rolle zu spielen. Aber trotzdem: Mich musste niemand zum Training zwingen und es ist noch nicht mal jemand zugucken gekommen um mich zu loben! War damals eben so. Jeder machte halt irgendeinen Sport.

Obwohl, irgendeinen… Der Beste hat etwa dreißig Sportarten probiert, wobei ich da nur rate, ich bekomme unmöglich alle zusammen. Und genau das macht er jetzt als Konterargument geltend! Er habe gar keine Liebe für eine Sportart entwickeln können, weil er beim kleinsten Missfallen problemlos die Mannschaft, die Sportart oder den Verein wechseln konnte. Und es gab natürlich auch keine Erfolge! Wo sollten die auch herkommen?

Hm. Da ist was dran.

Und dann guck ich auf das motzende Sport-ist-blöd-Kind. Samstags nach dem Laufen ist er tiefenentspannt für mehrere Stunden. Er läuft für sein Alter eine Superzeit und hat sogar schon an Läufen teilgenommen (Was ihm nichts bedeutet.). Wenn die im Schulsport „Langstrecke“ laufen, ist er der Beste (Das bedeutet ihm was!). Wenn er vom Karatetraining kommt, sagt er immer, es sei schön gewesen. Oder toll. Oder scheißanstrengend. Wichtig ist: Er wirkt zufrieden! Immer. Er ist sogar ziemlich gut, aber das bedeutet ihm (natürlich) nichts. Wir zwingen ihn nicht an Wettkämpfen teilzunehmen, aber zum Training. Jede Woche erneut.

Dieses Wochenende war mal wieder „Tribünenwochenende“, das heißt: Gürtelprüfungen. Alle zwei Jahre etwa bei uns.

Und diese Woche war irgendetwas anders: Der Junge hatte Lampenfieber! Schon Tage vorher.

Es war super, er war super. Mir ist das Herzel übergelaufen! Dieses Unruhebündel dort unten zu sehen, wie er hochkonzentriert, ruhig, kraftvoll und wunderschön seine Leistung abgeliefert hat. Belohnung: Ein „A“ (entspricht einer Schul-Eins) und der grüne Gürtel.

Eins dieser Kinder wird zum Training gezwungen :)

Eines dieser Kinder wird zum Training gezwungen 🙂

Im Auto dann: „Spätestens wenn ich achtzehn bin, habe ich den schwarzen Gürtel. Und dann mach ich weiter. Ich will auch einen Meistergrad erreichen!“. Aus dem Mund meines Kindes.

Vor lauter Vorfreude lockerte ich schon das Korsett. Brauche ich ihn jetzt etwa nicht mehr zu zwingen? Und würde der Rest dann auch unkompliziert laufen? Irgendwann?

Heute Abend fragte er dann allerdings , ob er denn zur Feier des Tages ein Spiel ab achtzehn spielen dürfte? Ich hatte mich wohl zu früh gefreut und die harten Bandagen abgelegt. Aber ganz ehrlich, wenn Erziehungsarbeit Spaß machen würde, würde es Erziehungsspaß heißen.

Also, alle Mann wieder in den Ring! Es geht weiter!

 

 

 

 

 

 

Meine Blumen für…

Meine Blumen für…

Gäbe es eine Eltern-Innung, wäre der Betreiber dieser Website nicht nur Handwerksmeister sondern auch demokratisch gewähltes Vorstandsmitglied und ich könnte ihm heute zu seiner erfolgreichen Wiederwahl diese selbstgepflückten Blumen überreichen! Schon beim Betreten des Familienbetriebes wird klar, hier lenkt nichts das flashanimationsverwöhnte Auge vom schwarzen Text auf weißem Grund ab. Hier wird niemand zuckergußartig a la „Hallöle ihr Süßen <3“ begrüßt und nirgends findet man herzchenverzierte Bildchen von herzallerliebsten Cupcakes oder Lippenstiftempfehlungen (zum Glück!)! Hier gehts um Wissenstransfer! Informationsvermittlung! Die erfolgreiche Führung eines Familienbetriebes ist schliesslich kein Ponyschlecken und wir sind nicht zum Spaß hier, sonst könnten wir uns die Mühe mit der Elternbloggerei gleich sparen und uns alle beim Frauentausch anmelden! Für eine kleine Gruppe an intellektuell Gereiften sind die anspruchsvollen Texte trotzdem geeignet. Solltest du 1. dich in der Gründungsphase eines Familienbetriebes befinden oder 2. bereits Mutter und/oder Vater sein oder 3. festgestellt haben, dass du Mutter und/oder Vater hast oder 4. möglicherweise einmal im Bus neben einer Person gesessen haben könntest, auf die einer der genannten Punkte zutrifft: Hinsurfen, lesen, lernen, lachen! Kontraindiziert bei chronischer Humorlosigkeit und therapieresistenter Affinität für Klickibunti-Websites.

Mein schrägstes Urlaubserlebnis – Walgesänge im Brandenburgischen

Mama on the rocks ruft zur Blogparade zu diesem Thema und ich folge gern!

Um vorzugreifen: Immer, wenn wir alle zusammen in Urlaub fahren, wird das unser schrägster Urlaub. Es liegt an uns, eindeutig. Insofern taugt der letzte Sommerurlaub genauso gut wie jeder andere als Beispiel:

Sommer 2013. Die globale Erwärmung macht ihrem Ruf alle Ehre. Es werden Temperaturen an der 40°C-Marke gemessen. Und ich bin hochschwanger. Gut, das waren andere auch. Um möglichst viele Mitleidspunkte zu ergattern hatte ich mir zwei Zehen gebrochen und musste sechs Wochen meinen Walkörper samt Klumpfuß mittels Krücken in der Gegend rumwuchten.

Der Beste meinte, Schwangerschaft und Klumpfuß hin oder her, das Kind Nummer 1 hat Ferien und wir sollten ans Wasser. Nicht weit weg, wegen der eventuell eher einsetzenden Niederkunft, schwangerschafts- und klumpfußkompatibel.

Auf ins Brandenburgische! Senftenberger See. Surfen und Baden für die Jungs, Zusehen für mich. Gesagt, gebucht. Drei Wochen.

Mitteilung: Alle Ferienhäuser mit gehobenem Standard sind ausgebucht, alle Ferienhäuser mit mittlerem Standard sind ausgebucht, alle Ferienhäuser mit Minimalstandard sind…sie wissen schon… Aber wir haben noch ein Häuschen für sie gefunden! Toll, oder?!

Na warten wir´s ab…

Blick auf den Lageplan und Suchspiel: Suche das am weitesten von allen regelmäßig zu frequentierenden Punkten (See, Restaurants, Einkaufsmöglichkeiten, Kino etc.) gelegene Häuschen. Richtig! Unser.

Verzweifelte Vorahnung machte sich in mir breit. Ich ließ aus diesem Grund nichts unversucht, um meine Teilnahme an dem sommerlichen Familienevent zu vermeiden. Zwecklos. Es wurde ein Rollstuhl geordert bei einem brandenburgischen Rehaladen und meine Jungs versicherten, sie würden mich in der Gegend rumfahren. Egal, wohin ich wöllte! Und das macht uns nichts aus! Also mir schon, aber ich wurde nicht gehört.

Ich musste mit.

Der Ferienpark am Senftenberger See ist wirklich schön. Ohne Frage. Und im Sommer sehr gut besucht. Wir erfuhren, dass es noch ein paar wenige Häuser gab, die noch nicht saniert/abgerissen waren und also dem DDR-Standard entsprachen und eigentlich nicht mehr belegt würden. Eigentlich! Für uns hat man eine Ausnahme gemacht.

Leute! Also es gibt wohl (N)ostalgiker, die auf so´n Scheiß stehen. Ich steh aber auf fünf Sterne Plus und Kellner.

Das „Häuschen“ entpuppte sich als Pappbungalow, stilecht im Chic der späten Siebziger eingerichtet. Ich dachte sofort an Pionierferienlager und Fahnenappell. Der Geruch nach Klostein und Polyesterschweiß erschlug mich bereits beim ersten Eintreten (Und nach zweieinhalb Wochen immer noch, ich hab ihn selbst jetzt noch in der Nase!).

Die Bruchbude maß circa drei Quadratmeter, in denen ein Aufenthaltsraum mit Küche, zwei Schlafräume und ein Klo untergebracht waren. Abgeranzte Möbel und Plasteblumen auf dem Resopaltisch inklusive. Das gerahmte Konterfei von Erich Mielke und die DDR-Fahne hatte man abgenommen, ansonsten: Willkommen zu ihrer Zeitreise!

Ich wollte SOFORT wieder heim! Diesen Fluchtreflex verbalisierte ich in den kommenden Tagen quasi ständig: Als Befehl, als Bitte, als Flehen. Vergeblich.

In das olle Klo passten nur Teile von mir, die Tür konnte ich nicht schließen, Dusche war einen Kilometer weit entfernt und nicht aus eigener Muskelkraft erreichbar. Wie alles andere auch. Überall wurden der Klumpfuß und ich hingerollt. Entwürdigend! Tagsüber saß ich dann bei 38°C am Senftenberger Strand und sah den Leuten beim Baden zu. Dann wurde ich wieder weggerollt.

Nachts kam das Grauen. Also nicht in Form meines Mannes, diese Möglichkeit gab der Pappkarton nicht her (Am ersten Abend wälzte der Beste auf seiner Holzliege ein Stück in die Mitte um mir auf meiner Holzliege einen Gutenachtkuss zu geben, da tönte es vom Kind Nummer 1 von gegenüber der Pappwand: „UNTERSTEHT euch! Ich kann euch hören!“). Nein, es kamen Myriaden von Mücken, Schnaken, Bremsen und alle stürzten sich auf mich. Außerdem kühlte es in „Honeckers Rache“ (so taufte ich das Pappmonstrum) nachts auf unglaublich 35°C ab. Das war´s.

Schlaflos in Senftenberg. Jeden Abend.

Den Besten stört gar nichts. Der Weltenbummler schläft in indischen Zügen genauso gut wie in einem Biwak in sechstausend Metern Höhe. Rumdrehen, schlafen. Nicht ich. Jeden Abend das gleiche Spektakel: Pünktlich um Mitternacht saß ich mit meinem massigen Walkörper nackt auf einem Stuhl in der schwülen Dunkelheit, ein nasses Badetuch um meine Schultern und heulte müde und verzweifelt: „Huhuhuhuhuhu! Huhuhuhuhu!“. Walgesänge in Brandenburg.

Morgens drohte ich als erstes entweder mit Scheidung und dann damit, zu packen und mir ein Taxi gen Heimat zu rufen. Oder umgekehrt!

Ich zog alle Register. Ich simulierte Wehentätigkeit und zwang den Besten, mit mir kilometerweit durch die Pampa in ein Kreiskrankenhaus zu fahren, wo man mich als Simulant sofort per Erstblick entlarvte und dann für Stunden parkte. Ich bekam keinen Brandenburger, durfte aber zuhören, wie es klingt, wenn andere Leute Brandenburger bekommen. Und der Beste auch.

Er wollte trotzdem bleiben.

Ich schrieb verzweifelte SMS an Freunde und Verwandte: „Ihr müsst uns unbedingt besuchen! Es ist so schöööön hier!“, und kaum fuhren die lieben Freunde vor, flüsterte ich verschwörerisch wie ein Anstaltspatient: „Ihr müsst mich unbedingt mitnehmen nach Hause! Ich werde hier gegen meinen Willen festgehalten!“.

Ich musste trotzdem bleiben.

Tagsüber wurde ich mit Unmengen an Torte, Eis und chinesischem Essen versöhnlich gestimmt und so gewann ich unter der brütenden Sonne manchmal meinen Humor zurück und sang aus meinem Rollstuhl Rainald Grebes Brandenburg-Song in eigener Textfassung: „In Brandenburg, in Brandenburg, da habe ich einst meinen Mann erwurgt!“.

Wir haben es überlebt (der Beste nur knapp), wir sind immer noch nicht geschieden und zur Entbindung von Kind Nummer 2 haben wir es auch über die Landesgrenze nach Sachsen geschafft.

Die schönste Zeit des Jahres?! Hau mir bloß ab mit Sommerurlaub!

Und irgendwie beginne ich beim Lesen meines Textes zu begreifen, was der Beste meint, als er verkündete: „Das war´s mit Kinderkriegen! Noch so eine Schwangerschaft halte ich nicht aus!“. 🙂

 

 

Normalnull

Seit Tagen schiebe ich Formularzeugs auf meinem Schreibtisch hin und her. Immer liegt es mir irgendwie im Weg und brüllt „FRIENDLY REMINDER!!!“.

Ich tu mich schwer, aber ich tu jetzt. Zumindest darüber reden, warum es so schwer ist, das Gelumpe auszufüllen.

Unser Großer ist ein „besonderes“ Kind, immer schon. Bereits seit Eintritt in die Sozialisierungsanstalten wurde sein Verhalten thematisiert: Spielt nicht mit anderen oder weist andere permanent auf „falsches“ Spielen hin, will alles in einer bestimmten Ordnung haben und ausführen, kann sich nicht an Regeln und Anweisungen halten. Wir haben uns zu diesem Zeitpunkt keine Sorgen gemacht. Das „Problem“ hatten nur die anderen.

Er wuchs heran. Zu hause hatten wir ein wildes, aber fröhliches Kind. Probleme zeigten sich immer, wenn Vergleichsoperatoren anwesend waren. Andere Kinder, andere Eltern. Dann war offensichtlich, hm, der ist nicht wie die. Er stand immer bei den Erwachsenen und wollte sich mitunterhalten. Ein kleiner Junge, der mit großen Kulleraugen altklug in einer eloquenten Altherrensprache auftritt, amüsiert vielleicht noch, aber das ändert sich, wenn der Kulleräugige größer wird. Ein Zwölfjähriger, der nicht nur gegenüber allen Kindern, sondern auch allen anwesenden Erwachsenen alles besser zu wissen scheint, nervt nur noch.

Schulpsychologische Begutachtung bereits in der Grundschule, Psychologenkonsultationen, Sozialkompetenztrainings…wir haben alles gemacht. „Sie müssen ihm klaren Grenzen aufzeigen!“, „Ihr Junge verweigert Regeln! Sie müssen als Eltern dort konsequenter sein!“. Haben wir, waren wir, versuchten wir.

Er wurde größer und älter und die Umwelt nahm immer mehr Abstand von ihm. Für uns war er und ist er aber nach wie vor unser lieber, fröhlicher Junge, an dem einfach NICHTS auszusetzen ist. Klar haben wir unsere Reibereien und die nehmen auch mit dem Alter immer mehr zu. Aber meine Grundhaltung ist eine zutiefst subjektive! Und das macht alles umso schwerer. Alles, das heißt, zu sehen, was dort wirklich ist. Ich sehe doch ein anderes Bild von meinem Kind als alle anderen! Und weil er mein erstes ist, ist er auch mein „Normalnull“. Ich kann ja nicht vergleichen und sagen: „Hm, also bei dem und dem war das aber anders!“.

Mittlerweile ist die Diagnose klar: Autismusspektrumstörung (Asperger Syndrom) und ADHS. Manches ist durch die Diagnose leichter, manches schwerer.

Es gibt an ihm Besonderheiten, mit denen gebe ich gerne an. Darf ich?

Es war unglaublich, ihm zuzusehen, wie er Lego baute. Also nicht so spielerisch wie bei anderen Kindern, das hat ihn nie gereizt. Angefixt war er immer nur von einem GROßEN Karton, zugeschweißt. Am besten für Jugendliche, extrakompliziert. Dann blieb mir der Mund offen! Ein Blick auf die Bauanleitung (die oftmals so dick wie ein Lustiges Taschenbuch war) und dann hat er das Lego-Bagger-Irgendwas aus dem Kopf zusammengebaut. In einem Affenzahn! Mit Mechanik/Hydraulik, was auch immer dabei war. Er liebte das. Und ich das Zusehen.

Als er eine Zeit lang in einer Klinik war, kam er samstags alleine vom Bahnhof mit der Straßenbahn. Die haben da so ein Straßenbahn-Fernsehen. In den sechs Minuten, die die Bahn brauchte bis zu uns, hat er die Nachrichten in dem Straßenbahn-Fernseher gelesen und mir dann daheim wortwörtlich wiedergegeben. Spart die Tageszeitung! Gedichte, Lieder, einmal gelesen/gehört kann er auswendig. Das langweilt manchmal, weil er zu Filmnacherzählungen neigt, die dauern manchmal länger als der Spielfilm selber, weil JEDES Detail erwähnt werden muss. Gähn!

Nur. Aber. Es nützt ihm im Alltag nichts. Er ist klug. Mit Attest klug. IQ irgendwas zwischen Null und Einstein. Physik, Mathe langweilen ihn entsetzlich. Einserschüler mit Langeweile. Aber. Der Praxistransfer ist quasi unmöglich! Gespeichertes abrufbereites Wissen ohne Anwendungsbezug.

Für alltägliche Verrichtungen braucht er S-T-U-N-D-E-N. Schleifen binden: Ein Hasenohr, zweites Hasenohr. Länge der Hasenohren vergleichen. Noch mal neu machen, weil ein Hasenohr kürzer ist. Also ein Hasenohr, zwei Hasenohren. Überkreuzen, Schlaufe binden. Fest ziehen. Richtig fest. Ruckeln, ob´s auch richtig fest ist. Vergleichen, ob beide Schlaufen gleich lang sind. Eventuell noch mal von vorn… (Du, das fetzt, wenn du morgens los musst!).

Strukturen sind das A und O und werden leider auch da gesehen, wo gar keine sind („Wir essen Samstag IMMER Nudeln!“). Mein most wanted: Er lümmelt gelangweilt abends neben mir auf der Couch und ich sage, er möge doch schon duschen gehen, wenn ihm so langweilig ist. „Nein, ich gehe immer 20:10 Uhr duschen, jetzt ist es erst acht Minuten nach acht!“. Die Liste ist unendlich erweiterbar…

Mit Gleichaltrigen kommt er mittlerweile gar nicht mehr zu Rande, Freundschaften sind nicht möglich und ich verstehe da auch schmerzenden Herzens die ablehnenden Kinder. Schulalltag auf einer Regelschule ist nur möglich, weil wir Hilfe vom Jugendamt bekommen haben (Frau B., wenn sie das lesen: Ich liebe sie für alles, was sie für uns tun!) in Form eines Schulintegrationshelfers, der ihn begleitet und unterstützt.

Worauf ich aber eigentlich hinauswill: Dass manche seiner Verhaltensweisen skurril sind, war mir schon immer klar. Aber das ist mein Kind und mein erstes, mein Liebstes, meine gelebte Normalität. Ich nehme vieles gar nicht mehr als absurd oder speziell wahr, weil ich mich in den vierzehn Jahren des Zusammenlebens einfach den Besonderheiten und Bedürfnissen angepasst habe.

(Was war denn nun mit den Papieren, von denen sie am Anfang geschrieben hat?! Immer dieses Rumgeschwurbel! Nie kommt die off´n Punkt!)

Schwerbehindertenausweis beantragen. Hab ich gemacht. Widerspruch einlegen gegen Bescheid. Habe ich gemacht. Neuen Grad der Behinderung einklagen. Erledigt. Immer noch nicht optimal, wobei optimal bedeutet: vergleichsweise ähnlich. Also muss ich wieder neu schreiben. Pflegestufe beantragen („Machen sie das, das steht ihrem Sohn zu!“). Da kommt nächste Woche irgendwer, um uns zu begutachten! Das wird was werden… Und ich muss im Vorfeld ein Pflegetagebuch schreiben…ich kann das nicht. Das ist doch gar nicht messbar! Und für die behinderte Behindertenstelle wieder ein Pamphlet aufsetzen und schreiben, was er alles NICHT kann und warum ihm dies und das auch noch zusteht…ich will das nicht. Ich bin doch nicht wegen Betteln vorbestraft! Mir ist das soooo unangenehm! Und ich sehe doch auch vieles gar nicht mehr an ihm als behindert an. Und ich WILL das auch eigentlich gar nicht sehen. Ich bin seine Mami, ich will weiterträumen, dass sich das alles irgendwie verwächst und alles gut wird! Und wenn mir detaillgetreu die Unzulänglichkeiten meines Kindes und seine niedergeschriebene offensichtliche Lebensunfähigkeit an die Mutterbrust springen, dann liege ich heute Nacht wieder wach mit angstklopfendem Herz!

Aber ich muss. Weil es nicht um mich geht und auch nicht um meine Gefühle und Ängste. Er kann ja nicht für sich selber kämpfen, deshalb muss ich das soziale Netz und den doppelten Boden so dicht und sicher spinnen für ihn, wie es eben möglich ist. Ich habe zwar vor, ewig zu leben, aber irgendwann muss ich das Kind ja auch loslassen. Und er soll weich fallen, wenn er schon fallen muss…

Deshalb setze ich jetzt den Helm auf, schnalle mir die Knieschützer um und stürze mich in die Schlacht mit den Behörden.

Und ich werde dieses Scheißtagebuch führen und irgendwie dem Kind erklären können, was dieser Mensch da nächste Woche von uns will bei der Pflegebegutachtung (Wie? Keine Ahnung, mir wird was einfallen.).

Bis dahin ruht hier still der See.

Ich würde lieber weiter an dem lustigen Text „Die schönste Zeit des Jahres“ schreiben, aber der wird noch warten müssen.

Und ihr auch. Ich hoffe…Bleibt mir treu. Und Daumendrücken schadet bestimmt auch nicht.

Verdauungs-Tourette

Neulich war aus der Küche zu hören: „ROOAAARPPP!“. Das Baby giggelt. “RÜÜLLLPPS!“ (eine Oktave höher, offensichtlich ein anderer Klangkörper). Das Baby quietscht vor Freude!

Meine Anwesenheit sah ich als dringend erforderlich. „Was macht ihr hier?“. Da saßen sie, flankierten den Kleinsten, grinsten und sprachen unisono: „Nichts!“.

Von wegen. Seit sie zu dritt sind, benehmen sie sich wie die Affen!

Dabei bin ich diesbezüglich einiges gewöhnt. Mein Vater war Bergsteiger. Wenn die Männer sich auf zu den Gipfeln machten und die Frauen am Fußes des Berges sich die Klamotten vom Leib rissen um in der Sonne zu bräunen, dann dauerte es meist nicht lang bis der der erste „RÜLLLPPPPS!“ durch die Stille schallte, gefolgt von weiteren (je nach Stärke der männlichen Seilschaft). Das war so ein Ritus, die Frauen wussten: Aha, jetzt ist Meiner heil auf dem Gipfel angekommen. Auch kenne ich das sonderbare Gebaren von männlichen Bergsteigern, unter dem Einfluss von Radeberger Exportbier gern mal die Wohnungstür zu öffnen, den Allerwertesten nach draußen zu recken und genüsslich und möglichst laut einen in die Nachbarschaft zu entlassen (natürlich nur in männlicher Gesellschaft, die die Heldentat dann auch gebührend grölend bejubelt).

Wie gesagt, ich bin da einiges gewöhnt und somit seit frühester Kindheit ein Ausbund an Toleranz gegenüber jedwedem menschlichem Verdauungsverhalten.

Wenn der Beste und ich in Wäldern und Auen lustwandeln, weiß ich, es dauert nicht lange bis das Gespräch über Politik, Umweltschutz und zeitgemäße Kindererziehung kurz ins Stocken gerät „…Warte…warte…(Augen zusammengekniffen, eine Arschbacke angehoben)…Gleich…Aaaah! Das tat gut! Wo waren wir stehengeblieben?“. Ich stehe mit verleierten Augen daneben und schäme mich zutiefst, aber wir sind ja draußen. Außerdem wird der Beste nicht müde mir zu erklären, das sei doch natürlich und sogar die Frau Merkel habe Verdauung! Dabei kann er das ja gar nicht wissen!

Jetzt sind sie zu dritt (also in der absoluten Überzahl) und verlagern ihr degeneriertes Verhalten nach drinnen. Seit ein Hosenscheißer mit Lizenz zum Furzen bei uns wohnt scheinen sie anzunehmen, das sei jetzt gestattet. Und ich WUSSTE, es war ein Fehler, wochenlang das Bäuerchen des Kleinsten zu beloben! Jetzt wollen sie alle gelobt werden! Und WIE die Bäuerchen machen!

Ich muss das eindämmen! Dabei habe ich doch eigentlich alles richtig gemacht: Die Badezimmer sind weibisiert, überall Duftfläschchen und Deckchen und Bilderchen und Chichi. Trotzdem werden die Toilettenzeiten der Herren immer länger. Wir haben zwei Badezimmer, eines im Ostflügel, eins im Westflügel. Man konnte mich schon hilflos in der Mitte des Flures stehen sehen beim Versuch, die lauten Anstrengungsgeräusche von links und die genüsslichen Entspannungsgeräusche von rechts auszublenden. Die zelebrieren das! Was kommt als nächstes? Im-Stehen-Pinkeln? Sich öffentlich die Cochones kratzen?

Wann immer ich versuche, ein kritisches Gespräch zu einem beliebigen Thema zu führen, kommt ein: „Warte einen Moment, ich muss erst mal aufs Klo.“ Und der jeweilige Kerl verschwindet mit dem jeweiligen Tablet unter dem Arm. Toilettengänge als Gesprächsverweigerung?! Funktioniert leider! Und ich kann nichts dagegen machen und das wissen sie genau (Was die noch nicht wissen: Ich habe rosa Babywolle rausgesucht und häkel jetzt Klodeckelbezüge und Hüte für die Klopapierrollen. Vielleicht auch Häkelbezüge für die Klopapierhalter. Mal sehn, wie wohl sie sich dann noch dort fühlen!).

Überhaupt scheint das Tablet auf´m Klo die Tageszeitung abglöst zu haben, was mich dazu verleitet anzunehmen, dass derartige Verhaltensmuster schon seit Generationen bestehen und auch typisch männlich sind. Da gibts doch Bildchen von: ein Kerl mit Zigarette im Mundwinkeln, runtergelassener Hose sitzt bequem und genüsslich lesend auf der Schüssel. Ich habe noch nie von einer auf dem Klo Zeitung lesenden Frau gehört! Ihr?

Heute morgen sitze ich mit dem Babylino auf dem Schoß am Küchentisch und schaue dem Mutantenkind beim Schaufeln seiner Cornflakes zu, als: „ROOOOAAAARPPPP!“ ein Laut die Stille zerreißt. Vor Schreck hätte ich fast das Baby fallen gelassen! „Sag mal, spinnst du?!“, „Mama! Ich kann doch nichts dafür! Ich habe VERSUCHT, den Mund zu zu lassen!“.

So, jetzt reicht es!

Am Ende der Woche werde ich mein Taschengeld fürstlich aufgebessert haben oder der Rest der Familie benimmt sich zivilisiert, beziehungsweise furzt und rülpst heimlich (Wie ich. Und Frau Merkel. Obwohl, so genau kann ich das ja nicht wissen.).

glas