Gute Gene

Kinder, nehmt euch ein Kissen und macht’s euch bequem, die Mutti erzählt euch eine Geschichte!

Als ich klein war, musste mir ständig jemand „was von früher“ erzählen. Ich konnte nie genug von diesen Erzählungen bekommen! „Oma, wie habt ihr euch noch mal kennengelernt?“ Und ich fand es wundervoll, wenn Oma dann das dicke Fotoalbum mit den porösen schwarzen Pappseiten rausholte, in dem fein säuberlich die sepiafarbenen und schwarzweißen Fotos eingeklebt waren. Ordentlich standen sie da in Reih und Glied, mit sauberen Schuhen und gestärkter Schürze, die Protagonisten meiner so geliebten Geschichten. Kleine Jungen mit Schiebermütze und Kniestrümpfen unter kurzen Lederhosen, freundlich guckende ältere Leute, aufgereiht zum Fototermin anlässlich einer Kirmes oder Hochzeit. Ich habe mich immer gefragt, was haben sie wohl gedacht, als das Foto entstand?  Wie war ihr Tag bis dahin verlaufen, hatten sie Sorgen, weil der Sohn im Krieg war und die Feldpost auf sich warten ließ, die Lieblingskuh kurz vorm Kalben stand?!

Noch heute faszinieren mich alte Fotos und ich ersinne Geschichten, wenn ich sie sehe. Selbst alte Fotografien von völlig Fremden üben einen Reiz auf mich aus, dem ich mich nicht entziehen kann.

Leider sind Fotos heute nicht mehr wertvoll, sie werden gelöscht, zerrissen (da war der mit Ex drauf, dort sieht man meine Reiterhosen…). Verwandte und Nachbarn der Verwandten und Bilder eine Kirmes in Fotoalben zu kleben? Heute? Nahezu undenkbar.

In Zeiten der Möglichkeit der vielfältigsten Bildbearbeitung besinne ich mich oft an diese alten Alben meiner Großeltern.  Ja, und auch an die Geschichten, die unweigerlich damit verknüpft sind. Und ich möchte sie aufschreiben. Für euch, meine Jungs!

Martha & Richard

Eure  Ur-Urgroßmutter Martha wurde vor über hundert Jahren geboren und lebte in einem Dorf in Schlesien. Wie sie den Ur-Uropa kennenlernte? Also es gibt die Geschichte, dass die Martha als junges Ding auf den Tanz ging und dann mit einem feschen Burschen im Heu landete. Einige Wochen später fiel der Mutter von der Martha (Ja, Kinder, noch ein Ur mehr…) auf, dass das Heu wohl seine Spuren hinterlassen hatte… und sie begaben sich auf die Suche nach dem Verursacher! Blöde war bloß, dass der aus einem anderen Dorf kam und so richtig namentlich auch der Martha nicht bekannt! Nun gut, die Ur-Ur-Uroma war wohl eine Frau der Tat und so nahm sie die Martha und klapperte die Nachbarsdörfer ab nach dem Schwerenöter. Er wurde auch dingfest gemacht, und wie damals so üblich, wurde kurzer Prozess gemacht und die beiden verheiratet. Ach, halt! Wie sich herausstellte, war der jugendliche Casanova noch nicht mal volljährig. Aber auch dafür gab´s im Schlesien des vorigen Jahrhunderts eine pragmatische Lösung: die Papiere vom Richard wurden kurzerhand gefälscht, er mit der Martha verheiratet und eure Uroma Else kam in geordneten Verhältnissen zur Welt.

Martha und Richard hatten zwei Kinder und waren bis zu ihrem Tod glücklich verheiratet. Und ja, Ur-Uropa Richard lebte den Rest seines Lebens mit einem gefälschten Ausweis.

 Else & Gerhard

Eure Uroma Else wuchs in dem schlesischen Dorf auf, was ihr nun schon kennt. Sie lebte mit der Ur-Uroma, dem Ur-Uropa, einem Hund, einer Ziege und ich glaube auch ein paar Hühnern im Haus der Ur-Ur-Uroma. Sie hat diese sehr geliebt! In unserer Familie spielten die Großmütter immer schon eine tragende Rolle, und diese erste mir bekannte Großmutter hat, wie alle weiteren Großmütter in unserer Familie nach ihr, ihre Enkeltochter sehr liebevoll erzogen und behütet.

Die Else wurde groß und verliebte sich. Nein, das war noch nicht der Uropa. Es kam der zweite Weltkrieg und der Auserwählte der Uroma schenkte ihr ein Halstüchlein zum Abschied und versprach zu schreiben und zurückzukommen. Er wurde nie wieder gesehen. Das Halstuch und das einzige Foto des schmerzlich Vermissten hat später euer Uropa vor Eifersucht rasend verbrannt (der hatte ein südländisches Temperament, aber dazu später mehr). Die Uroma war jedenfalls in Trauer. Da kam die Ilse, Uromas Freundin und erzählte ihr entflammt, dass sie einen schmucken Wehrmachtsoffizier namens Gerhard kennengelernt hatte, der in Schlesien stationiert war. Sie wollte ihn der Else unbedingt vorstellen. So ein Bild von einem Kerl! Schwarzes Haar, lodernde Augen, Else, den musst du gesehen haben! Ilse war hin und weg, wollte aber nicht alleine zu dem Fest hingehen, auf dem sie diesen Gerhard wiederzusehen hoffte. Else war nicht nach feiern, aber der Ilse zuliebe ging sie mit hin.

Zur selben Zeit verlor der Gerhard eine Wette gegen einen Kollegen, weshalb er ebenfalls auf genanntes Fest ging. Denn, er wollte partout nicht! Wie er erzählte, wurde er von einer Ilse buchstäblich verfolgt, die ihn jungmädchenhaft anschmachtete, ihn aber überhaupt nicht reizte (also, so wurde später erzählt!).

Der Rest ist Geschichte, nämlich die unserer Familie. Die Else bekam der Gerhard, die Ilse blieb bis zu ihrem Tode ihrer beide Freundin und unverheiratet! Noch als beide schon graue Omis waren, meinte die Uroma, die Ilse wäre halt nur einmal verliebt in ihrem Leben gewesen…

Gerhard stammt aus Dresden. Die Familie hatte eine große Gärtnerei, die aber dem Suff, dem Wahnsinn des Ur-Uropas, der Inflation oder den spanischen Genen zum Opfer fiel. Nach dem dritten Kirschlikör wurde bei euren Urgroßeltern gern mal erzählt, ein spanischer Seemann hätte sich irgendwann in dem Stammbaum von Gerhards Familie verewigt. Und in der Tat kommen aus der Linie von Uropa Gerhard auffallend viele schöne, südländisch anmutende Menschen mit Glutaugen und einem „Caramba Olé, wo ich bin ist vorne!“-Temperament. Gerhard hatte eine Schwester, soviel ich weiß, und auch einen Bruder. Aber aufgrund des überbordenden Temperaments der gesamten Familie und der Tatsache, dass De-Eskalationsmanagement noch nicht erfunden war, waren bald alle untereinander verstritten und keiner sprach mit irgendwem mehr ein Wort. Diese traurige Tradition hat leider auch nachkommende Generationen ereilt. Die spanischen Gene! Was willste da machen…!

Else machte sich in den letzten Kriegstagen mit einem Flüchtlingstreck von Schlesien auf nach Dresden zu Gerhard und dessen Familie. Sie bekamen vier Kinder (das zweite war euer Opa) und lernten dort mehr oder weniger notgedrungen irgendwann auch Charlotte und Herbert kennen. Und das war was! Der eine ein „brauner Hund!“, der andere eine „rote Socke!“, kriegten sich die Männer bei jeder Gelegenheit in die Haare, sodass eure Großeltern irgendwann die Feiertage aufteilen mussten: an einem kamen Else und Gerhard, an einem anderen Charlotte und Herbert. Aber immer der Reihe nach!

Charlotte & Herbert

Eure Uroma Charlotte Josephine hatte außer einem wunderschönen Namen noch feuerrotes Haar, war „so breed wie hoch“ und die älteste von sieben Töchtern einer Dresdner Familie. Ihr Vater fiel im ersten Weltkrieg und so heiratete Ur-Uroma Margarete erneut. Dem neuen Mann im Haus war Charlotte ein Dorn im Auge, wurde er doch durch den feuerroten Schopf eurer Urgroßmutter immer daran erinnert, dass vor ihm bereits ein anderer Mann bei Margarete war. „Der Rotschopf isst nicht mit an meinem Tisch!“ ist ein überlieferter Ausspruch von ihm. Charlotte wurde darauf hin nach Oschatz zu ihrer Großmutter geschickt, bei der sie aufwuchs. Eure Uroma war gebildet und hatte viele Talente, sie schrieb Tagebuch auf Französisch, weil das außer ihr niemand lesen konnte. Und sie war künstlerisch unglaublich begabt. Sie hat wundervoll gemalt und riesige Gobelins bestickt, ohne Anleitung, oder die hat sie vorher selber gezeichnet.  Sie war eine Dame durch und durch. Niemals wäre sie in einer Schürze aus dem Haus gegangen, obwohl das bis in die Achtzigerjahre eine vollkommen legitime Frauenbekleidung in der DDR war! Egal, wie hart die Zeiten waren (und die waren später hart für sie), sie trug Seidenblusen mit Kamee-Brosche. Sie wusch sich niemals die Haare selber, einmal in der Woche lies sie sich vom Friseur ondulieren und später, als sie ihr ausfielen, trug sie ein Seidenkopftuch (aber nicht wie eine Omi unterm Kinn verknotet, sondern wie ein Hollywoodstar der Zwanziger!) und einen Hauch von „Tosca“ am Hals. Was muss, das muss!

Es waren die späten Dreißigerjahre des letzten Jahrhunderts und jedes Mädchen musste „in Stellung“ gehen zu der Zeit. Charlotte ging von Oschatz nach Dresden und arbeitete in einem Handarbeitsgeschäft auf dem Altmarkt.

Am Wochenende ging sie in den „Schillergarten“, weil da Musik aufgespielt wurde und man konnte beim „Dässchen Heeßen“ den Schiffen auf der Elbe zuschauen.

Herbert und Herta sind auch im „Schillergarten an einem Wochenende.

Uropa Herbert kam aus einer Dresdner Arbeiterfamilie. Herberts Mutter arbeitete als Köchin in einer Fabrik und hatte somit eine richtige Anstellung, was eine echte Seltenheit im Deutschland der Zwanziger und Dreißiger Jahre war. Herta, Herberts Schwester, hat sich später das Leben genommen. Man sagt,  wegen einer unglücklichen Liebe zu einem verheirateten Mann. Herbert hat sie sehr geliebt.

Herta bedrängt den Herbert: „Herbert, geh mal rüber zu der kleinen Rothaarigen und fordere die zum Tanzen auf! Die hat eine tolle Bluse an, ich muss wissen, ob die mit Kreuzstich oder Plattstich bestickt wurde! Und ob das Muster von Burda ist! Herbert! Geh da jetzt hin!“. Und Herbert geht artig und tanzt mit der kleinen Frau, die ihm nicht mal bis zur Brust reicht. Und stellt sie der Herta vor, und diese kann ENDLICH ihre drängenden Fragen bezüglich der Bluse stellen! Man findet sich sympathisch und verabredet sich für einen Nachmittag im Freibad „Wostra“. Charlotte bietet sich an, Kartoffelsalat zu machen. Herta will Kuchen mitbringen… und Herbert.

Am verabredeten Tag sitzt sie im Freibad und wer nicht kommt, ist Herbert. Voller Enttäuschung (und wahrscheinlich auch voller Kartoffelsalat, denn sie aß für ihr Leben gern), macht sie sich auf den Heimweg und da sieht sie Herbert und Herta! „Wo warst du denn?! Wir warten seit Stunden!“. Und siehe da, sie hatten sich nur verfehlt. Na, so haben sie sich doch gefunden am Ende.

Charlotte und Herbert waren bis zu ihrem Tod sehr glücklich verheiratet und hatten zwei Kinder (eins davon ist eure Oma).

Die Oma sagt immer, die Uroma Charlotte sei eine kühle Frau gewesen, ich habe ganz andere Erinnerungen.

Charlotte hat alle meine Puppen eingestrickt und eingehäkelt und mich auch. Solange ich denken kann, bin ich in meiner Kindheit als Ganzkörperhandarbeit herumgelaufen. Und ich trug nicht nur handgestrickte Pullover, nein, sie wurden auch extra mit aufwendigen Stickereien versehen! Keinen Wunsch konnte sie mir abschlagen. Ich durfte ihre Alpenveilchenbank als Puppenküche missbrauchen, auf einem Hocker stehend neben dem Herd ihren Kochkünsten huldigen und mit dem Finger alles naschen, was ich wollte. Uropa Herbert  war eine Seele von Mensch, der vor lauter Liebe zu uns allen ganz nah am Wasser gebaut war, krumpelige Laubsägearbeiten für mich machte und mit dem steifen Bein, das er vom Krieg mitgebracht hatte, hinter mir auf dem heißgeliebten Rummel herhumpelte, auf den er mich immer von dem bisschen Rente was die beiden hatten einlud, sobald die Karussells aufgebaut wurden.  Einige der Schwestern der Uroma Charlotte lebten im Westen und versorgten die Verarmte mit dem „Nötigsten“. Es gab immer Pril und Tosca und amerikanische Zigaretten, von denen Uropa Herbert später stets die Hälfte abzählte und in einem Zigarrenetui für mich reservierte. Einmal, als Charlotte und Herbert von einem Besuch im Westen zurückkehrten, erzählte Charlotte, dass die Nachbarn der West-Schwestern die komplette Garage mit Klamotten und Zeug zugestellt hatten für die Ost-Schwestern und deren Familien. Sie meinte, sie hat vor Scham nicht ein Teil anrühren können. Ich bin gerast vor Entrüstung!!! Man stelle sich vor, ich wäre in den frühen Achtzigerjahren in den Besitz einer echten Levis gekommen! Oder Wrangler! Oder eines Samtpullovers!!!! Oma, wie kannst du nur!!! Ich werde nie den Blick vergessen, den Uroma Charlotte mir zugeworfen hat und wie sie zu mir sagte: „Kind, irgendwann wirst du das verstehen.“. Sie hat Recht behalten.

Sie war eine Dame durch und durch. Wenn ich mir die wenigen kostbaren Fotos ansehe von den beiden, habe ich den Eindruck, sie entstammen einer völlig anderen Zeit: Uroma Charlotte mit ihrer nonchalanten Ausstrahlung und ihren Seidenblusen, Müffchen, neben Uropa Herbert  im Anzug mit Hut, Weste und der goldenen Uhrenkette.

Uroma Charlotte war eine echte Dame. Und doch: die größte Freude konnte man ihr machen, wenn man genussvoll stöhnend den Teller abgeleckt hat nach dem Essen und sie wusste einen herzhaften Furz durchaus zu schätzen! Sie konnte hemmungslos einen fahren lassen und selbstbewusst mit den Worten kommentieren: „Ah, das tat gut!“

Uropa Herbert ist gestorben, als ich siebzehn Jahre alt war. Charlotte hat sich auf ihre Couch gelegt und sich dort nicht mehr wegbewegt. Sie ist an meinem achtzehnten Geburtstag gestorben.

Ich vermisse sie sehr!

Uroma Charlotte schwärmte mir immer von der Torte in der Konditorei „Kreuzkamm“ am Altmarkt vor. Da ging sie als junge Frau einmal pro Woche schmausen. Als die Mauer fiel und beide schon lange tot waren, bezog die Konditorei „Kreuzkamm“ wieder Quartier am Dresdener Altmarkt. Ich war einmal dort, für Charlotte,  und habe schluchzend die Torte auf meinem Teller vollgeheult.

Meine Kindheit ist geprägt durch die Erlebnisse mit meinen Großeltern. Ich war als kleines Kind in keiner Kita. Wenn meine Mutter zur Arbeit ging, holte mich morgens eine meiner Großmütter ab und nahm mich mit zu sich. Genau, die fuhren dann vorher mit der Straßenbahn durch die halbe Stadt dafür. Oder ich blieb gleich länger dort! Bei Oma Else gab es immer ein eingerichtetes Kinderzimmer. Bei Oma Charlotte schlief ich in der Besucherritze, und wenn ich mich trotz dreier Daunendecken divenhaft über die Arschkälte im großelterlichen Schlafzimmer beschwerte, sagte sie stets: „Mach einen Pups, dann wird’s gleich wärmer unter der Decke!“.

Als Kind rief meine Mutter stets besorgt: „Kind, pass auf deine Figur auf! Du kommst nach Oma Charlotte!“. Heute sag ich stolz: Na, das wäre doch schön!

Und nun seh ich euch an. Du, mein Großer, hast die wundervollen Reh-Augen von Uropa Herbert und ja, auch das „Caramba Olé!“-Temperament von Uropa Gerhard! Und du, mein Baby, du kommst wirklich nach Charlotte mit dem rötlich schimmernden Haar und den wasserblauen Augen aller Rothaarigen. Und du bist „so breed wie hoch“, genau wie Charlotte. Nur, was das angeht, da hoffe ich, du entwächst deinen Genen noch. Aber lass dir Zeit!

Namen, mehr als Schall und Rauch

Ich sollte Falk heißen. Gott sei Dank haben sich meine Eltern das dann doch anders überlegt. Falk hätte wirklich nicht zu mir gepasst! Als ich dann da war, wurde Friederike erwägt als Label für das schrumpelige neue Kind. Ich kannte mal eine Friederike, die wurde Fritti gerufen! Ich hatte kein Mitspracherecht, aber auch dieser Kelch ging an mir vorüber… Nicht, dass ich mit meinem Vornamen zufrieden gewesen wäre! Oh nein, scheußliche Abkürzungen und namentliche Verhunzungen säumten meinen menschlichen Werdegang.

Auch der beste Ehemann von allen hat es nicht optimal getroffen. Eine Silbe (ein Vokal,  vier Konsonanten), man meint, damit liegt man auf der sicheren Seite. Weit gefehlt! Sein Vorname wird in Sachsen eigentlich niemals so ausgesprochen, wie er geschrieben wird. Wir Sachsen können diese Buchstabenkombination irgendwie nicht lautieren! Es klingt, als würde man einen Frosch würgen: Dörg…

Als das Kind Nummer eins sich auf den Weg in unser Leben machte, war uns beiden Eltern in spe klar: Auf gar keinen Fall sollte der Name Potential für Häme und Verschandelung bieten! Less is more, wir entschieden uns für: eine Silbe, ein Vokal, zwei Konsonanten. In der Zukunft sollte sich herausstellen, dass drei Buchstaben zu wenig für das Kind sind. So hängt noch heute jeder, der ihn kennt, einfach ein „i“ hintendran. Das Kind scheint an sich zufrieden mit unserer Auswahl.

So, das hatten wir ja schon mal gut hinbekommen!

Als das Kind Nummer zwei seine Ankunft voraussagte, hatte ich entschieden: Jetzt wird geklotzt! Florentina Charlotte Josephine würde es heißen. Der Beste schüttelte besorgt den hübschen Kopf und meinte, das ginge nicht. Das wäre ungerecht dem Kind Nummer eins gegenüber. Der hat ja nicht mal ne zweite Silbe, geschweige denn einen zweiten Vornamen! Diesem Argument konnte selbst ich mich nicht verschließen.

Dann kam die folgenschwere Ankündigung der Frauenärztin: „Es wird een Gerlschn!“. Das Kerlchen bekam als Arbeitsnamen: Garlschn. Denn wir konnten uns nicht entscheiden! Jeder für sich schon, aber auf einen gemeinsamen Nenner kamen wir nicht. Ich steckte in der namentlichen Zwickmühle.  So kam es, das Kind. Und die resolute Hebamme steht neben mir, steckt die Hände in die kräftigen Hüften und fragt: „So, hast du dich entschieden?! Wie soll das Karlchen denn nun heißen?“. Dass das so schwer gewesen war, ist rückblickend nicht mehr zu begreifen. Er hatte ja schon die ganze Zeit einen Namen!

Tja Leute, was soll ich sagen? Eine Silbe, ein Vokal, drei Konsonanten. Und man kann super ein „i“ dranhängen.

Der richtige Zeitpunkt

Foto 2-3

„Darf ich sie mal fragen, wie alt sie sind?“

„Und ich, darf ich sie mal fragen, wie blöd sie eigentlich sind?“

Seit ich eine alte Mutter bin, bin ich eine Person des öffentlichen Interesses. Die Bäckersfrau reicht mir mein Brot über die Theke mit den charmanten Worten: „War wohl´n Unfall, was?!“ und meint das rosige Baby im Tragesack.

Seit jeher bekamen Frauen bis zum Eintritt in die Menopause Kinder. Nur entschieden sie sich (als sie es dann konnten) oft dagegen. „Man“ bekam die Kinder mit Anfang Zwanzig und war froh, wenn die aus dem Gröbsten raus waren. Ich erinnere mich an eine Begebenheit in den späten Siebzigern, als eine Kollegin meiner Mutter ungewollt schwanger wurde, mit Ende dreißig, und diese Schwangerschaft ziemlich spät realisierte. Diese Frau war so verzweifelt über die skandalöse Situation, dass sie am liebsten „ins Wasser gegangen“ wäre. „Was sollen denn die Leute sagen?! Sowas in meinem Alter!!“. Ihr damals schon erwachsener Sohn gab ihr daraufhin zur Antwort: „Mutti, erzähl denen einfach, das sei meins!“. Es war „normaler“, dass der Sohn mit achtzehn Vater würde, als seine Mutter mit knapp Vierzig erneut Mutter.

In der öffentlichen Meinung sind Mütter über Vierzig momentan gern karriereorientierte Frauenzimmer, die sich im schlimmsten Fall mit einer Eizelle aus Polen und einer Samenspende aus Schweden in Dänemark haben künstlich befruchten lassen, um ihren egoistischen Kinderwunsch fünf vor zwölf noch umzusetzen. Und jede(r) hat dazu neuerdings eine Meinung!

Dabei kenne ich sehr viele Frauen, die beziehungs- oder entwicklungstechnisch jahrelang in Sackgassen verharrten oder deren Eierstöcke ein Eigenleben zu haben schienen: „Kinder?! Och nö. Wir dachten, wir machen erst mal Karriere.“.

Junge Mütter bekommen für ihre Augenringe Mitleid und Hilfe angeboten, ich bekomme zu hören: „Na, DAS hast du ja so gewollt!“.

Männer machen sich interessanterweise überhaupt keine Gedanken über das Bild, was ich abgebe. Frau mit Kind. Punkt. Was soll da schon groß sein?!

Und ihr? Mädels, was ist los mit euch?!

Ich sehe, wie ihr mich beobachtet, wenn ich mit dem Kinderwagen auf dem Spielplatz aufkreuze oder vor euch an der Kasse stehe im Supermarkt. Ich kann eure Gedankenblasen sehen, ähnlich wie in einem Comic: ´Ist das die Mutter? Wie alt wird die sein? War bestimmt ne IVF. Wenn das Kind in die Pubertät kommt, ist die doch Rentnerin…armes Kind! Die kommt doch mit dem Rollator zur Schuleinführung!`

Verpackt klingt es auf dem Spielplatz dann oft so: „Naja, ich habe mir bei der Kinderplanung ja was gedacht. Den Jean Luc habe ich mit fünfundzwanzig bekommen, und nun, sechs Jahre später die Shakira Chantal, dann bin ich daheim, wenn der Jean Luc in die Schule kommt. Und die Kinder sind ja froh, wenn sie junge Eltern haben, mit denen sie was unternehmen können!“. Währenddessen nippt sie an ihrer hippen Latte und schaut auf ihr Smartphone. Der Jean Luc lässt sich zwischenzeitlich den Sand schmecken oder verkloppt einen Spielplatzkollegen.

Ja, in einem Alter, in welchem andere Erwachsene auf der Aida im Mittelmeer rumschippern oder Abenteuerurlaub machen, habe ich mich für ein ganz anderes Abenteuer entschieden. Und genau: Ich habe das so gewollt!

Am Ende ist es doch ganz einfach: Wir sind die besten Mütter, die unsere Kinder je haben werden. Und unser  Alter spielt dabei überhaupt keine Rolle!

Wenn ich jemanden kennenlerne, interessiert mich: „matcht“ das mit uns, haben wir Gesprächsthemen, ist mir der Mensch sympathisch? Andersherum: Sobald mich jemand mit Baby kennenlernt, hibbelt mein Gegenüber oft, bis es endlich die offensichtlich alles entscheidende Frage stellen kann: „Du, darf ich dich mal fragen, wie alt du eigentlich bist?“

Ehrlich: das nächste mal, wenn ich eine grauhaarige Omi auf dem Spielplatz treffe, könnte sich womöglich folgender Dialog ergeben:

„Das ist aber ein süßes Kind! Sohn oder Tochter?“

„Waaaas?! Um Gottes Willen! Das ist doch mein Enkel!!“

„Ach wirklich?! Das hätte ich gar nicht gedacht, bei ihrem jugendlichen Aussehen!“.

Auf dem Transportweg vertauscht?!

Der „Neue“ ist jetzt ein halbes Jahr bei uns. Und wir sind alle nach wie vor so dolle verknallt in den, dass wir uns streiten, wer ihm seine verkackten Windeln wechseln darf!

Ich weiß ja, dass jede Mutter findet, ihr Baby sei das schönste. Aber ihr müsst jetzt alle sehr stark sein. Euers ist nur das zweitschönste!

Wir haben eine Ewigkeit auf den gewartet. Bestellt wurde er vor ungefähr zehn Jahren. Es gab Lieferengpässe, wir übten uns in Geduld… Vor ein, zwei Jahren hatten wir uns (fast) damit abgefunden, dass diese Bestellung wahrscheinlich fehlgeleitet wurde oder die alte und leicht marode Transportbox vom Universum als nicht mehr geeignet erachtet wurde.

Und dann kam die Nachricht: „Ihre Bestellung wird versandt!“.

Als der dann endlich da vor uns lag und uns verwundert anguckte, als wöllte er fragen: „Wo bin ich denn gelandet?!“, da war klar: das Warten hatte sich gelohnt.

Schluss mit rührselig! Kaum waren wir zu hause mit dem „Neuen“ angekommen, blickt der sich um und fängt an zu schreien: “UWÄÄÄÄÄÄÄÄH! UWÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄH!!!“. Ich bin ein kein geduldiger Mensch, aber ich habe dem bestimmt zweihundert mal ganz ruhig erklärt, dass es bei uns keinen Uwe gibt und dass ich seine Mami bin und alles gut ist! Er hat sich dann auch irgendwann beruhigt, nur manchmal kommt der Beste zu mir und sagt: „Geh mal zu deinem Sohn, der ruft schon wieder nach dem Uwe!“.

Und dann das: Er spricht endlich! Der Miniman muss so vier Monate alt gewesen sein. Das Alter, in dem die meisten Babies „ärrrre ärrrrre“ von sich geben. Er liegt auf meinem Arm, schaut mich ernst an und sagt laut und deutlich: „Ingrid.“. Ich korrigiere ihn sanft: „M-A-M-A!“. Er wieder: „INGRID!“. So geht das eine Weile hin und her. Ich sorge mich.

Der Beste ist sich sicher, dass das Baby nicht vertauscht wurde oder übrig war aus irgendeiner anderen Bestellung. Er meint, an den Geräuschen beim Kacken und Baby´s ausgeprägter Vorliebe für Brüste UND Flaschen, deutlich sein Genmaterial erkennen zu können.

Uwe, Ingrid, wenn ihr das hier lest: Sorry, aber wir behalten den!

Er erkennt uns mittlerweile auch schon und ruft fröhlich „Irre irre!“, wenn er uns sieht.

 

 

Die Aufzucht und Pflege der Jungen

Der erste ist mir vor siebzehn Jahren quasi schwanzwedelnd zugelaufen. Wie das eben meistens so ist. Mittlerweile weiß ich, dass er mit 1,70m im zarten Alter von zwanzig Jahren damals schon ausgewachsen war, nur an Gewicht hat er seitdem pro Jahr ein Kilo zugenommen und leider verliert er auch langsam Haare und Nerven. Für beides wird mir grundlos die Schuld in die Schuhe geschoben. Naiverweise glaubte ich zu dem Zeitpunkt, an dem könnte nicht mehr viel zu versauen sein. Hinterher ist man immer schlauer.

Bald stellte sich heraus, dass wo einer ist, sich gern ein zweiter und dritter dazugesellt.  Aus der eigenen Zucht, jeweils einen halben Meter groß und unschuldig dreinblickend zogen sie 2000 und 2013 bei uns ein und erweckten den irrsinnigen Anschein, einfach nur niedlich und schmusig und pflegeleicht  zu sein. Pah!

Du erwägst, dir einen Jungen oder zwei zuzulegen? Was du in rauen Mengen brauchen wirst, sind:  Lob, Bewunderung, Geduld, Streicheleinheiten und das jeweils gängige Leib- und Magengetränk (Milch, Hefepils).

Ach ja, Humor nicht zu vergessen!Und Lesen hilft auch, auf diesem Blog zum Beispiel. Oder Ratgeberbücher…damit kannst du dann auch mal einen kippligen Tisch stabilisieren.

Und nie, wirklich NIIIIEMALS  die funktionierende Verdauung loben! „Hattu fein Stinker gemacht?!“, „So ein feines Bäuerchen hat der Jean Luc Malte da aber gemacht!“. Oh, wie du das bereuen wirst… Denn eins kann ich dir versichern: die werden nicht mehr damit aufhören. Und aus irgendeinem Grund selbst mit über Dreißig in der wahnwitzigen Annahme leben, wir loben sie noch immer für ihre fulminanten Verdauungsgeräusche!

 

Frei nach John Lennon: Give Pieschen a Chance!

Frei nach John Lennon: Give Pieschen a Chance!

Dass Dresden die schönste Stadt der Welt ist, daran besteht kein Zweifel. Zumindest bei den Dresdnern. Auch, was die Schönheit der einzelnen Stadtteile angeht. „Willst das Leben du genießen, zieh nach Loschwitz oder Striesen!“ ist ein bekanntes geflügeltes Wort. Wobei, Loschwitz ließe sich bestimmt auch durch Zschachwitz oder Blasewitz austauschen. Überhaupt scheint  jeder Stadtteil mit „witz“  im Namen als Lebens-und Niederlassungsstandort per se empfehlenswert zu sein. Darüber ist man sich einig.

Bla-se-witz, Klein-zschach-witz. Drei Silben, klangvoll und majestätisch. O-ber-losch-witz, sogar vier Silben! Dagegen Mickten, Pieschen… hört sich an wie ein Knacken im Ohr. Nur zwei Silben, die Vokale waren wohl alle, der letzte wird in Sachsen quasi stumm gesprochen. Doll ist das nicht.

„Wenn du so weitermachst, kommste irgendwann nach Altpieschen Neune!“ war bis in die Siebzigerjahre ein Ausspruch dafür, dass aus einem wohl rein gar nichts werden wird. Altpieschen Neun war in den Nachkriegsjahren eine Auffangstation für familienlose Kriegsheimkehrer und später Obdachlosenasyl. Wobei das Arial architektonisch sehr schön gestaltet wurde durch den Dresdner Stadtbaumeister Hans Erlwein und mittlerweile auch liebevoll saniert. Aber ein schlechter Ruf klebt eben wie Pech und Schwefel.

Nach Pieschen hat es uns aus einer Not heraus verschlagen. Der Wohnungsnot. In Striesen aufgewachsen und verwurzelt, bin auch ich der Meinung gewesen, nirgendwo anders könnte ich leben! Aber mit dieser Meinung stand ich nicht alleine da. Bei jedem Maklertelefonat sorgte ich für pure Erheiterung („WAS suchen sie?! Vier Zimmer, Wohnküche, Balkon oder Garten? In Striesen?! Hihihihihahahaha!“).

Und da sind wir nun. In Pieschen. Und würden für nichts auf der Welt wieder weg wollen!DSCN1336

Als meine Eltern vor einigen Jahren ihr Häuschen auf dem Dresdner Umland aus Altersgründen verkaufen wollten, ging es auf die Suche nach einer geeigneten Eigentumswohnung in der Stadt. Schön sollte es sein, zentral sollte es sein, grün und infrastrukturell ausgebaut. Idiotischerweise habe ich den Vorschlag gemacht, sie könnten doch in unserer Nähe suchen! „Wohin soll ich ziehen? Nach Pieschen?! Das kann nicht dein Ernst sein!“ höre ich meine Mutter noch heute. Und in der Tat wirken sie etwas deplatziert, wenn sie mit ihrem auf Hochglanz polierten weißen SUV – was man so braucht als rüstiger Rentner in der Großstadt – bei uns auf der Straße parken und zehn Meter laufen müssen („Warum habt ihr keinen Parkplatz auf dem Grundstück?!“, „Weil wir einen Garten haben!“). Ich sehe meine Mutter buchstäblich vor mir, wie sie adrett gekleidet mit einem Seidenschal um den schlanken Hals  und einer steifen Brise „Chantal No.5“ oder „Shakira No.6“  über dem feinsäuberlich ondulierten Kopf wehend durchs Gartentor kommt und schnattert: „Hier weißt du gar nicht, wo du laufen sollst! Überall dieses Hundekacke!“. Spricht´s und zieht ihren Cockerspaniel hinter sich her.

Naja, am Ende haben sie doch noch eine hübsche Wohnung gefunden, in der sie sich sehr wohl fühlen.

In Gorbitz.

(Schenkelklopfer! Den verstehen leider nur Dresdner.)