Etappensieg

Etappensieg

Er hat es geschafft! Das besondere Kind hat den Endgegner Schule bezwungen!

Zwei Komma Null und die Zusage für einen Platz auf dem Beruflichen Gymnasium seiner Wahl. Ihr ahnt nicht, was mir das bedeutet. Was das für unsere ganze Familie bedeutet.

Grundschule und Mittelschule, zumindest die ersten Jahre, sind die schlimmste Zeit für jemanden, der anders ist als alle anderen Kinder. Keiner hätte auf ihn gewettet, außer uns. Und selbst wir hatten düstere Zeiten, an denen wir die Zukunft unseres Kindes eher skeptisch sahen und an manchen ganz besonders dunklen Tagen wussten noch nicht mal wir weiter, und manchmal noch nicht einmal, ob er überhaupt noch länger mit uns zusammen leben kann. Wochen, an denen der Familienalltag derart Kopf stand und ein „normales“ Leben kaum möglich war, weil sich alles, alles um den Jungen drehte, drehen musste, forderten uns heraus und nahezu alle unsere Kraftreserven.

Viele Leute, die ich kenne, lachen über Sheldon Cooper, aber kaum einer hat auch nur den Hauch einer Ahnung, wie es ist, mit einem Shellie zu zusammenzuleben.

„Wenn ich groß bin, studiere ich und werde Wissenschaftler!“, da war sich das Kind schon als ganz kleines sicher. Schulisch trotz nachgewiesener Hochbegabung zwischen Drei und Vier, in manchen Fächern versetzungsgefährdet. Niemand mochte auf diesen Jungen wetten.

Ich denke immer wieder an die diagnostizierende Ärztin, die mir vor sechs Jahren eindringlich sagte: „Halten sie durch! Wenn sie den Jungen durch die Pubertät gebracht haben, wird es besser. Bei fast allen Patienten ist das so.“. Ich wünschte damals so inständig, sie möge Recht haben und fürchtete mich so abgrundtief vor den Jahren, die noch kämen, bis denn „alles besser“ würde.

Und es wurde besser, sukzessive sogar und schneller, als ich dachte. Zwei Menschen, die in das Leben des Kindes traten, hatten an der positiven Entwicklung einen maßgeblichen Anteil: Der Blondino, der uns geschenkt wurde, und Paul.

Paul, der Integrationshelfer mit den unkonventionellen Ideen. Paul, der Beachvolleyballer. Paul, der tätowierte Hüne mit den neugierigen Augen eines Kindes.

Jetzt ist der Tag gekommen, sich von Paul zu verabschieden. Nach vier Jahren bei uns muss er auch mal etwas anderes machen dürfen. Etwas anderes als Schule. Rafting-Guide in Österreich könne er sich vorstellen, erzählt er mir. Oder Kinderbetreuer auf einem Kreuzfahrtschiff!

Der Junge sagt: „Nein! Kein anderer Betreuer!“, und fährt komplett fest. Dann, ein paar Tage und Gespräche später, mit uns und auch mit Paul, willigt er ein, es zu versuchen. Ja, ein anderer dürfte kommen.

Andere Schule, anderer Betreuer, wir wissen, das sind eine Menge Veränderungen auf einmal. Auch dem Jugendamt als Träger der Schulintegrationshilfe ist das Ausmaß der Herausforderung bewusst. Wir erbitten uns, dass Paul die letzten Wochen parallel mit dem „Neuen“ arbeiten kann und ihn briefen. Und natürlich als Backup für unseren Jungen da sein. Sie willigen ein. Die Suche nach einem Nachfolger zieht sich hin…

Dann der letzte Tag. Wir sitzen zur Feierstunde anlässlich der Zeugnisausgabe in einem Restaurant. Die Direktorin spricht, die Lehrer sprechen. Pauls Name fällt, … Danke dem lieben Paul, ohne den wäre vieles in den letzten Jahren deutlich schwieriger gewesen… Der liebe Paul windet sich. Alle klatschen, ich pfeife sogar. Er sitzt mir gegenüber, errötend und peinlich berührt.

Heute erst sind sie von der Klassenfahrt aus Italien zurückgekommen, übermüdet noch. Er hatte sich bereit erklärt mitzufahren, damit unser Junge auch dabei sein kann. In diese Zeit fiel sein einunddreißigster Geburtstag, sie haben ihm ein Ständchen gesungen, „seine“ Kinder. Nun klatschen sie. Alle. Er war viel mehr als nur der Integrationshelfer unseres Kindes. Er war Integrationshelfer für alle Kinder dieser Klasse. Er war Integrationshelfer für die Lehrer, die oft zum ersten Mal Kontakt hatten mit einem Kind mit Autismusspektrumstörung. Wir hatten großes Glück mit dieser Schule und diesen Lehrern. Und unserem Paul!

Unser Paul. Ich denke, es fällt auch ihm schwer, dieser letzte Tag und dieses „Tschüss, mach´s gut!“, in die Runde.

Wir gehen Essen im Anschluss, das ist verabredet. Ich rede zu viel, bin aufgeregt, wenigstens habe ich nicht geflennt bis jetzt! Während wir auf das Essen warten, hole ich zwei Glückwunschkarten aus meiner Tasche.

Zum erfolgreichen (ich kann es immer noch nicht fassen) Abschluss dieser Etappe bekommen beide, der Junge und Paul, einen Fallschirmsprung geschenkt von uns. In Pauls Karte habe ich geschrieben: „Ganz egal, wohin Deine Reise Dich auch führen mag, unsere Familie bleibt für immer ein Teil Deiner Lebensgeschichte und Du für uns immer ein Teil unserer Familiengeschichte.“…

Er freut sich. Also so, wie sich jemand freut, der Höhenangst hat. Ich sage ihm, dass ich ihm mein Kind anvertraue für diesen Flug, genauso wie ich ihm den Sohn in den letzten Jahren anvertraut habe. Und dass ich denke, dass das großartig wird für beide.

Paul sitzt mir gegenüber und nun kann ich nicht mehr länger warten. „Na,“ sage ich, „Wann gehts denn auf´s Kreuzfahrtschiff?“. Er schüttelt den Kopf. „Kein Kreuzfahrtschiff! Ich weiß noch nicht, was ich mache. Ich muss dann dem Bubi mal eine Frage stellen, davon hängt das ab.“. „Was für eine Frage?“, will ich wissen. Er schüttelt wieder den Kopf, er will es mir offensichtlich nicht sagen.

Ich bin irritiert…

… der Bubi seziert derweil seelenruhig seinen Goldbroiler…

Später, der Hosenscheißer tut das, was sein Name sagt und ich bin im Waschraum zugange und der Beste vertritt sich derweil die Füße, führen die beiden ein Gespräch. Nichts davon werden wir je erfahren. Aber als wir zurückkommen, sagt Paul zu uns:

„Ich möchte gern bleiben! Noch ein Jahr vorerst.“.

Ich fange an zu plappern, dass ich nun als nächstes einen Weltraumsprung organisieren werde zur Abifeier und dass wir uns freuen würden und lauter plapperiges Zeug, hektisch, mit flatternden Armen.

Er bleibt! Paul wird den Bubi auch auf dem Gymnasium begleiten, zumindest das nächste Jahr!

Heute Morgen dann sitze ich im Auto und auf einmal kommen die Tränen. Ich hätte nicht gewusst, wie ich mich hätte verabschieden sollen. Ich kann gar nicht sagen, wie nah mir dieser junge Mann geht, trotz aller Professionalität, die ja unsere Zusammenarbeit ausmacht. Ich sehe, was er für meinen Jungen war in den vergangenen Jahren und wie groß und positiv sein Einfluss. Ich bin so unendlich dankbar. Die Tränen rinnen, die Ampel wird nicht grün. Macht nichts. Dann sitze ich hier und heule an der Albertbrücke morgens halb neun. Vor Stolz. Der Bubi hat´s geschafft! Mein Kind hat es geschafft! Er wird auf die Penne gehen ab August!

Und Paul bleibt bei uns… ich heule immer noch, vor  Rührung und Erleichterung und auch, weil mir jetzt klar wird, wie sehr er mittlerweile zu uns gehört. Er bleibt!

Und wir werden sehen, wie weit die Reise noch geht für dieses Kind, auf das noch vor ein paar Jahren keiner wetten wollte. Und ab wann er seine Schritte alleine wird gehen können und wohin sie ihn führen. Ich nehme Wetten entgegen!

 

 

 

 

Milch für alle!

„Guten Tag. Meine Name ist Rike und ich habe keinen Pullermann!“

Warum ich euch das erzähle? Weil der Blondino es eh jedem verrät!

„Meine Mama hat gar keinen Pullermann!“, ist die Top-Meldung, die es zu verbreiten gilt. Und das nimmt er ernst. Quasi jede(r) wird darüber informiert. Ich kenne das schon. Von früher. Als der Große noch ein Kleiner war, gab es Mama und Papa. Papa sah so aus und Mama anders. Weil Jungs und Mädchen nun mal verschieden aussehen und wenn die Mädchen dann Mamas… äh… und die Babies… äh… ja, das war früher total einfach zu erklären!

Jetzt sind sie hier in der Überzahl mit 3:1 und es geht wieder los. Diesmal mit verschärfter Aufmerksamkeit auf mich, weil der Papa und der Bruder, also die sehen ja so ähnlich aus wie man selbst. Aber die Mama! Die Mama sieht ganz anders aus. Und die hat auch keinen Pullermann! Der fehlende Pullermann ist ständig Thema.

„Hast Du einen Pullermann?“. „Nein, ich bin ein Mädchen. Ich habe keinen Pullermann.“. „Isch will gucken…“, springt vom Stuhl und fährt mir unter den Rock! „Hast du keinen Pullermann?! Och, arme Mami. Sollsch ma trösten?“.

Pullermänner sind momentan total spannend und ich muss ständig bewundernde Worte finden für das in Größe, Form und Konsistenz wandelbare Puller-Instrument. Mal wieder. Gut, das war auch schon vor den Kindern so, aber als Mutter ist man da noch mal anders gefragt. „Guck mal, wie der groß ist! Der ist ganz groß, oder? Ist der groß?!“, „Ja, Schatz, der ist groß. Mach die Hose wieder drüber, ja?“.  Das ist alles normal, alterstypisch und ich habe das alles auch schon so oder ähnlich und ganz anders mit dem ersten Kind durch.

Nachdem das Großkind im Alter von sieben oder acht Jahren der Lehrerin, der Bäckersfrau und allen Leuten auf der Straße erzählt hat, dass seine Mutter nachts „…schwule Frauen im Fernsehen ansieht. Die reiben ihre Brüste aneinander!“, und ich ihm nicht begreiflich machen konnte, dass das kein Programm war, das ich geschaut hatte bevor ich eingeschlafen bin, ist mir eh nichts mehr peinlich!

Ich erinnere mich auch noch an ein Gespräch vor vielen Jahren, bei dem  ich dem Kind erklären musste, dass man sich nur im Schritt berührt, wenn man allein ist. „Aber Mama, weißt du eigentlich, wie schön das ist?!“, war die völlig verblüffte Antwort des damaligen Kleinkindes. „Ja, ich weiß das. Aber ( Achtung, jetzt kommts!) das macht man nicht vor anderen Leuten!“. Wisst ihr, was er geantwortet hat? „Und warum?“. Und nun sage mal einer, Kinder würden nicht die wirklich wichtigen Fragen stellen!

Meine Alleinstellungsmerkmale in dieser Familie umfassen aber nicht nur das Fehlen eines in den Augen des Kleinkindes zwingend notwendigen Körperteils, nein, ich habe dafür aber obenrum was in der Bluse. „Zeig ma die Brust!“, fordert der Dreijährige oft neugierig und guckt sich das alles ganz genau an. Natürlich weiß er auch, warum Mamas eine Brust haben: „Wenn die Mama ein Baby im Bauchnabel hat, hat sie Mülsch in der Brust! Schöne weiße Mülsch!“, erzählt er nun auch mitteilsam jedem, der niemals wagte zu fragen, und neulich erst der arme Paketmann…

Der DHL-Mann bekam bei der Übergabe eines Amazon-Paketes nicht nur die wertvolle Information: „Meine Mama hat Brustmülsch!“, sondern zusätzlich noch das Angebot: „Willsdu ma gucken die Brust? Hier…warte…“, und hilfsbereit machte es sich bereits an der Freilegung der abgelaufenen Milchpackung zu schaffen, während noch das Paket übergeben wurde.

 

 

Zum Glück ist das alles endlich und in ein paar Jahren wird er mich anpflaumen, ich optische Zumutung solle mich gefälligst verhüllen, er erblinde sonst! Und das auch schon, wenn er meiner nur in Slip und BH ansichtig wird. Ich kenne das bereits von seinem Bruder. Dann spätestens interessiert sich nur noch einer in der Familie für meine Alleinstellungsmerkmale.

Hoffentlich!

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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Wurzelschaden

Ich bin ja so oft umgezogen, dass ich einfach bei achtzehn aufgehört habe zu zählen. In manchem Jahr bin ich sogar mehrmals umgezogen, mit leichtem Gepäck. Keiner weiß mehr genau, an welche Wohnungstüren ich überall mal meinen Namen drangepappt habe. Ich am Allerwenigsten!

Nun, das f*cking Alter, werde ich wunderlich. Ich habe das Bedürfnis, Rosenstöcke vor die Haustür zu stellen und ein selbstgetöpfertes Türschild anzubringen (Du lieber Himmel!). Ich möchte wurzeln. Ankommen und bleiben. Ich fürchte, demnächst finde ich auch noch Gefallen an der Farbe Beige und Besuchen im Möbelhaus. Mir graust.

Pieschen war für die letzten sechs Jahre unser Zuhause (Pieschen ist ein Stadtteil in Dresden, für die Neuen hier.). Pieschen ist, nun ja, was für Liebhaber. Ich war Liebhaber! Ich mag dieses Angeschlonzte, Verrotzte ja irgendwie. Aber für die Kinder wollte ich was anderes. Keine Spielplätze mit zerkloppten Bierflaschen im Sandkasten. Keine Kothaufen-Rallye auf den Fußwegen. Stattdessen Grün und Vögelgezwitscher. Elbnähe, und zwar auf der schöneren Seite der Elbe.

Aber mit dem Wünschen ist das ja so eine Sache. Die Anforderungen waren wohl zu unspezifisch, denn: Et voila! Wir wohnen nun in Elbnähe, inmitten von Ahörnern, Linden, Tannen und Robinien, Vögeln und efeuumwucherten Mäuerchen. Und Blasewitzern.

„Wer aus Pieschen wird verwiesen, zieht nach Blasewitz oder Striesen!“ (Pieschner Redensart)

Blasewitz („Blowjoke“, wie ein lieber Freund der Familie es titulierte) ist nicht witzig! Nein, eigentlich lacht darüber wirklich niemand in Dresden. Blasewitz ist elitär und wunderschön und kein bisschen witzig. Hier, vom Bombenhagel des letzten Weltkrieges verschont, stehen hochherrschaftliche Villen auf großzügigen Grundstücken mit altem Baumbestand. Keiner brüllt hier des Nächtens volltrunken irgendwelche Schmutzparolen durch die Straßen. Hier werden die Tore verschlossen, auch tagsüber. Nachts ist es still, nichts übertönt das Schnarchen des Bärtigen. Es ist wunderschön. Und still. Endlich Ruhe!

Dennoch habe ich einen Wurzelschaden. Ich komme nicht „an“.

Ich werde mich mit den kommenden Zeilen wohl auch nicht beliebter machen in Blowjoke, aber wer liest das denn schon! Hier lesen bestimmt eh alle nur die Wirtschaftswoche…

Die neue Nachbarin nennt mich manchmal „gnädige Frau“ und meint das durchaus nett. Wenn von anderen Nachbarn die Rede ist, wird die Berufsbezeichnung mit genannt („Der Musiker und die Anwältin…“; „Der Architekt und die Physikerin…“). Abends sieht man hier Herren mit Slippern an den Füßen, auf denen Quasten rumbaumeln und einem Kaschmirpulli leger um die Schultern geknotet. Die erste echte Frau mit aufgespritzen Lippen habe ich in Blasewitz gesehen und mit offenem Mund angestarrt. Ebenso Stiefel aus Schlangenleder, wobei ich mich damit wirklich nicht auskenne.

In Pieschen stehen auch am Wochenende Leute morgens vor der Trinkhalle. In Blasewitz ist man am Wochenende morgens auf dem Tennisplatz im Waldpark.

Man „trifft“ hier nicht einfach andere Mütter irgendwo. Wir wohnen jetzt seit einem halben Jahr hier vor uns hin, alleine. Gegenüber wohnt eine Familie mit vier Kindern, aber ich denke nicht, dass es gesellschaftlich etabliert ist, wenn ich dort klingeln würde mit den Worten: „Tach! Ich bin die Neue von gegenüber und das ist der Blondino. Wollt ihr nicht mal zum Spielen zu uns rüberkommen?“. In Pieschen wäre das kein Problem. In Blasewitz habe ich Ladehemmung. Jeder ist hier für sich in seinem Haus mit dem schönen großen Garten.  Mir fehlen meine früheren Nachbarinnen und ihre Kinder. Ich bin wohl ein bisschen einsam…

Vielleicht liegt das auch an meiner eigenen Aufzuchtphase.

Die frühen Jahre: Neustadtkind mit coolen Klamotten vor baufälliger Wohnsubstanz, circa 1973

Ich bin in der Dresdner Neustadt geboren. Zu einer Zeit, als die nicht hip war und keiner wusste, was ein Hipster ist. Wenn man damals die Tür zur „Erlenklause“ öffnete, guckten einen durch den obligaten gelben Nikotinschleier zehn Leute an mit zusammen hundert Zähnen in der Gusche und hundert Jahren Zuchthaus auf dem Buckel. Graue, dreckige Häuserschluchten mit erstem und zweitem Hinterhaus und kaum einem kümmerlichen Baum dazwischen. Das war die Neustadt! Also bevor die hip-pen jungen Leute kamen. Und vor ihnen der Helmut Kohl und die Wende…

Prießnitzstraße 48. Das Fenster über der Einfahrt war früher die Stube meiner Oma.

Die Kinder spielten in den Hinterhöfen oder in baufälligen Häusern (die eigentlich nie abgesperrt waren, also im Sinne von wirklich abgesperrt) oder Kellern oder einfach auf der Straße. Einen Garten vorm Haus hatte eigentlich niemand. Nein, nicht eigentlich. Niemand, den ich kannte, hatte einen Garten vorm Haus! Die meisten hatten noch nicht mal ein Auto vorm Haus. Später dann schon, nach vierzehn Jahren Sparen und Warten.

Als ich im zarten Alter von achtzehn Jahren wieder in die Neustadt zurückzog, sagte meine Mutter entrüstet: „Wir haben wirklich alles darangesetzt, dass wir dich aus dem Dreck rausholen können und du? Du ziehst freiwillig wieder dahin zurück?!“. Genau.

Heute bin ich nur noch selten da. Zu modern, zu voll, zu hip, zu… und dennoch. Ich erinnere mich an die Wohnung auf der Waldschlösschenstraße und die Badewanne

Letzte Woche war ich da und bin bewusst und alleine durch die Straßen geschlendert. Ich habe mich erinnert, wie (War es 1985? Später?) „Beat Street“ in der „Scheune“ aufgeführt wurde, rappelvoller Saal, alle hochemotional geladen. Wie sich immer mehr junge Leute mit bunten Haaren und verrückten Klamotten auf die Straße trauten, sich in der Neustadt die Hausbesetzer breitmachten und die ersten „Cafés“ einfach illegal eröffneten. Einige davon existieren noch heute, sogar unter ihrem ursprünglichen Namen.

In dem Hinterhäuschen wohnte die alte Frau Goldmann. Die hatte nur ein Zimmer mit Küche und kaum Zähne. Ich fürchtete mich sehr vor ihr! Einmal war meine Cousine Antje da und ich fühlte mich urst mutig, hab aus dem Küchenfenster gerufen: „Huhu, du alte Hexe!“. Leider hat meine Oma das gehört und ich musste runter zur Frau Goldmann, mich entschuldigen. Antje auch, obwohl die gar nichts gemacht hat. Und die alte Hexe? Hat uns eine Banane geschenkt. Eine BANANE!

Das linke Fenster mit dem Ast war das Zimmer, das meine Eltern mit mir bewohnt haben. Das Fenster rechts daneben gehörte zur Küche. Dort habe ich rausgeguckt und die arme Frau Goldmann… ihr wisst schon.

Ich erinnere mich an Konzerte. „Kaltfront“, „Die Freunde der italienischen Oper“. An zehn fremde Leute, die irgendwie bei mir auf dem Boden schliefen nach einem Konzertabend („Hey, haste ne Penne?!“, gängige Frage damals an jedem Wochenende). Ich erinnere mich auch an Abende, in denen ich ohne Kohle, ohne Fahrschein in einem Zug stand und nach Berlin fuhr. Auf irgendein Konzert. Und nein, es war nichts mit Geige oder Piano. Nie.

Heute wachsen Blumen vor Frau Goldmanns Häuschen. Das hätte ihr bestimmt gefallen. Mir jedenfalls gefällts.

Prießnitzstraße achtnfürtsch. Einen Steinwurf entfernt ist die Talstraße. Dort wohnte mein Schwiegervater, als er noch nicht mein Schwiegervater war und der in die gleiche Klassenstufe ging wie der Bruder meiner Mutter und irgendwann einen Sohn zeugte, der dann zwanzig Jahre später die Tochter der Schwester eines Schulkameraden… könnt ihr noch folgen? Genau, der Bärtige ist auch ein Neustadtkind. Der wurde aber erst geboren, als ich schon lange evakuiert war aus er dreckigen Neustadt und überhaupt habe ich mich damals noch nicht für Babies interessiert…

Früher habe ich manchmal scherzhaft gesagt, falls eines meiner Kinder so eine verrückte Jugend hinlegen sollte wie ich, sperre ich es ein. In einen Turm, einen hohen. Für so zehn, zwölf Jahre! Heute würde ich vermutlich dafür sorgen, dass er genug Kohle in der Tasche hat und meine Nummer abgespeichert. Und eine Bemmenbüchse in seinen Rucksack schmuggeln…

… Oder ihn einschließen!

Ich habe letzte Woche in der sauberen, freundlichen, schicken Neustadt gesessen und auf Mareice gewartet. Und ich mochte das dort. Es ist bunt, jung, laut. Ist die Neustadt authentisch? Pieschen ist echt. Pieschen ist das, was die Neustadt mal war. Wird dann Pieschen irgendwann die neue Neustadt? Hm. Gibt es bald gar keine drecksche Ecke mehr? Keine die aussieht wie „früher“?  Meine Mutter sagt: „Bloß gut!“, und: „…Dass du das alte verkommene Haus fotografiert hast! Nee, also wirklich, wie das aussieht!“. „Ja, aber genauso sah es damals doch aus!“, erwidere ich. „So haben wir doch gewohnt! Nur nicht so schön bunt. Man muss sich doch mal daran erinnern!“. Nein, muss man nicht, findet meine Mutter.

Doch, finde ich. Mir hilft das. So für die eigene Ortsbestimmung.

Mareice hätte auch überall sonst in Dresden lesen können, aber hierher hat sie allerdings besonders gepasst. In die Neustadt.

Als ich an dem Abend dann sehr spät mit dem Rad über die Albertbrücke auf die andere Elbseite fuhr und das „Blasewitz“-Schild passierte, hatte ich mich ein bisschen versöhnt. Blasewitz kann nichts dafür. Ich bin eben ein Neustadtkind. Sozialisiert zwar, aber dennoch.

Am Wochenende darauf saßen wir (Überraschung!) auf unserem Grundstück in Blasewitz rum, als von irgendwoher (zwei Grundstücke weiter die Straße runter, ich glaube, die Villa mit den roten Klinkern) Kindergelächter und Geschrei zu hören war. Und auf einmal ein kräftiges Niesen. Ich brüllte beherzt über alle Gartenzäune: „GESUUUUNDHEIT!“ (Voll peinlich, ey, als wären wir in Pieschen!).

Und wisst ihr was? Zurück kam ein: „DAAAANKE!““. Ich denke, ich werde dort mal klingeln.

„Tach! Ich bin die Neue aus der achtzehn. Ham sie neulich mal genießt im Garten? Und wolln sie mal zu uns zum Spielen rüberkommen? Sie oder die Kinder? Wir haben weder Titel noch Familienstammbaum oder Kaschmirpullover, dafür aber immer kaltes Bier. Also nicht für die Kinder! Wir könnten uns Blasewitze erzählen beim kalten Bier!“.

Ich arbeite noch an der Ansprache…

 

 

Ich liebe meinen Zahnarzt (-Tag)

Heute ist ein weltweiter Feiertag, darauf wurde ich via Facebook aufmerksam gemacht. Von der Zahnarzthelferin meines Vertrauens. Genau, heute ist „Ich liebe meinen Zahnarzt-Tag“!

Es gibt ja für alles einen Feiertag, warum also nicht für Zahnärzte? An diesem Tag, also heute, soll man seinem Zahnarzt (das schließt jetzt Dentisten aller Geschlechter ein) seine Dankbarkeit ausdrücken.

Als mich also die Empfangsfee meines bemundschutzten Mister Grey auf dieses Datum aufmerksam machte, konnte ich meine Begeisterung kaum im Zaum halten. Verständlich! Ich bin nämlich Angstpatientin und hole jetzt mal aus…

Als ich vor vielleicht zwanzig Jahren zum ersten Mal die Praxis am Dresdner Fetscherplatz besuchte hineingeschleift wurde , lebte ich bis dato bestimmt fünfzehn Jahre ein zahnarztfreies, glückliches Leben. Ich hatte auch nicht wirklich vor, daran etwas zu ändern, schlossen doch die Sitzungen auf der Folterbank des Grauens für mich unsagbare Schmerzen und hauptsächlich eine entsetzliche Angst vor unsagbaren Schmerzen ein. Geprägt durch DDR-Zahnarzt-Besuche ohne Schmerzmittelbehandlung, dafür mit gebrülltem Kommandoton: „Jetzt reißen sie sich gefälligst mal zusammen, Frollein!“, taten ihr übriges zu meiner Aversion.

Ihr wisst ja alle, wie das mit Zahnärzten ist. Keine mag sie, alle brauchen sie. Irgendwann.

Damals fand ich in dieser Praxis gegenüber dem Counter ein gerahmtes Bild mit einem Sinnspruch in Richtung Behandlung von Angstpatienten (ich weiß gar nicht, ob das dort noch immer hängt), ich hielt es für ein gutes Omen. War es.

Der Zahnarzt sah aus wie Jürgen von der Lippe und hatte ein geduldiges, liebevolles Auftreten. Dass ich immer erst fünf Minuten heulte, bevor er in meinen Mund gucken durfte, wurde unser Ritual. Er ließ mich gewähren, und ich ihn. Es wurde gut. Oder zumindest besser! Mein Zahnstatus und auch meine Angst. Zahnarztangst lässt sich tatsächlich nur mit Expositionstraining beheben, heißt, durch immer wiederkehrende Zahnarztbesuche in möglichst kurzen Abständen.

Dann, es muss so 2004 oder 2005 gewesen sein, teilt mir Jürgen von der Lippe mit, er wöllte sich zur Ruhe setzen. Ich war schockiert! „Was? Wie? Aber sie sind doch noch jung! Und was wird aus mir?! Kann ich zu ihnen nach Hause kommen? Sie werden doch bestimmt in der Garage auch noch ein paar Bohrer haben! Ich gehe nicht zu einem anderen Zahnarzt. Niemals! Ich komme zu ihnen nach Hause. Gibt die Schwester mir ihre Privatadresse? Nein?! Warum denn nicht! Doktorchen, bitte. Ich bin ein Notfall!“.

Er versuchte mich zu beruhigen mit den Worten, dass er einen wirklich würdigen und fähigen Nachfolger gefunden habe und sich absolut sicher sei, dass ich bedenkenlos weiterhin in diese Praxis gehen könnte. Pah! Von wegen. Würde ich nicht.

Doch, hab ich. Meine Zähne, die sich an die regelmäßige Zuwendung gewöhnt hatten, neigten nämlich ab sofort zu starken Verfallserscheinungen. Ich also hin, nichts Gutes ahnend. „Wenns wehtut, gehst du schon!“, stimmt leider in Bezug auf Zahnarztbesuche. Außer, man hält eine Schnaps-Ibu-Therapie mit anschließender Leberschädigung für erstrebenswert.

Ich erinnere mich sogar noch ganz genau an die erste Begegnung mit dem „Neuen“. Ich saß als Schmerzpatientin (was sonst) schon vor um acht im Wartezimmer, zitternd, und die Tür ging auf. Ein junger Mann mit Aktenkoffer kam rein und blickte nickend grüßend ins Wartezimmer. „Pharma-Fuzzi“, diagnostizierte ich. Zehn Minuten später schüttete der vermeintliche Pharmavertreter mir die Hand und zeigte auf die Liege mit der Aufforderung, Platz zu nehmen.

Der Neue sieht aus wie Eckart von Hirschhausen in attraktiv und hat Augen wie Milka Zartbitter Schokolade (Darf ich das hier schreiben? Der liest das doch nicht, oder?). Fifty Shades of grey war damals noch nicht geschrieben worden, aber mein Mister Grey trägt ein lila T-Shirt über weißer Hose und schwingt seit zwölf Jahren den Bohrer.

In den letzten Jahren haben wir auch schon einiges zusammen durchgemacht. Ich mit den Zähnen, er mit mir. Ich kam schon unbestellt mit Befunden morgens an, die wurzelbehandelt werden mussten und den kompletten Betrieb lahm legten. Heißt, die Schwester kam mehrmals rein um ihm mitzuteilen, die „Bestellten“würden langsam randalieren! Er ließ sich nie beirren. (Edit: Ich würde problemlos eine Wartezeit von zwei Stunden dort in Kauf nehmen, weil ich mir vorstelle, dass er in dem Moment ebenso einem „Notfall“ zu Biss verhilft.). Er hält meine Marotten aus. Morgens mehr als abends, weshalb ich immer früh komme (das ist für uns beide besser). Und ich sage euch, also so wie ich mich dort benehme…

„Frau Voigt, machen sie den Mund auf.“, „Aber nicht mit dem Haken kratzen! Nur kurz gucken.“. „Bitte weiter, ich kann doch gar nichts sehen!“. „Ich will aber nicht! Ich will lieber erst ne Spritze!“. „Aber ich gucke doch erst mal nur! Das tut nicht weh. Ich bin ganz vorsichtig.“. Ist er immer.

Ich will prinzipiell die doppelte Dosis an Betäubung und kreische dennoch drauflos, weil ich immer, immer, immer noch was merke! Er bleibt ruhig.

Ich weigere mich, die leider notwendige Paradontosebehandlung bei der dafür angestellten Fachkraft machen zu lassen. Er macht es selber.

Ich brauche Pausen in der Behandlung und ein unverfängliches Gespräch zur Nervenberuhigung. Bekomme ich beides, egal, was das Bestellbuch sagt.

Ich behaupte, dringend ein Veneer zu brauchen für meinen schiefen Schneidezahn. Er sieht sich das Dilemma an und konstatiert, dass das eigentlich gut zu mir passen würde. Das mit dem schiefen Zahn. Seitdem lächle ich mit offenem Mund. Trotz schiefem Schneidezahn!

Er ist die Nadel im Heuhaufen.

Im letzten Jahr war fünfzehn Mal „zu Gast“ in der Praxis und alle freuen sich immer sehr, mich zu sehen. Das kann nur daran liegen, dass ich gelegentlich Kuchen mitbringe. Oder manchmal Blumen. Als Patientin bin ich die Katastrophe schlechthin! Aber das macht wohl die Profis aus. Dass sie auch mit solchen Nervenbündeln wie mir gut zurechtkommen.

Ich bin zahnarztmonogam und das aus gutem Grund: Meiner ist einfach der Beste!

Im letzen Jahr hat er Urlaub gemacht (Note to myself: Ich muss meine Urlaubsplanung ab sofort mit ihm absprechen) und Schmerzen im Kiefer zwangen mich zu Vertretungen. Drei Ärzte innerhalb einer Woche rieten mir, gegen die augenscheinliche Entzündung im Zahnfleisch antibakteriell zu spülen, das würde schon wieder! Dann, endlich, war der Zahnarzturlaub vorbei und der abgestorbene Zahn wurde fachmännisch behandelt. Da hätte ich noch Jahre weitergespült ohne Besserung!

Seit geraumer Zeit machen ja auch Zahnsanierungsangebote im Ausland gut Geschäft und ich gebe zu, für manchen mag das verlockend klingen: Fährst in die Sonne und lässt während deines Urlaubs alles mit Vollnarkose in einem durchgestyltem Krankenhaus richten. Inklusive Bleeching! Zum halben Preis mit anschließender Genesung am Strand.

Ich sage euch was: Niemals nicht mit mir! Und selbst wenn ich die Behandlungen in der nicht top durchgestylten Praxis ab sofort aus der Tasche bar bezahlen müsste, dann wäre das der einzige Weg für mich! Es gibt auch nur den Einen für mich. Und sollte der irgendwann in Rente gehen wollen, hat er mich ab dann in seiner Garage sitzen…

Und das muss ja mal gesagt werden! Er macht einen großartigen Job unter teilweise widrigen Arbeitsbedingungen und ja, wir machen alle unseren Job. Aber Leute, geht ihr mit mir mit, wenn ich sage: Die einen machen es so und die anderen einfach besser? Überall, in jedem Job? Ich glaube schon, dass das so ist.

Und wenn ihr selber auch so ein Schätzchen gefunden habt, dem gegenüber ihr vertrauensvoll den Mund öffnen könnt ohne Angst haben zu müssen, dass die Seele entfleucht, dann sagt es ihm oder ihr!

Vielleicht ruft ihr mal an, einfach so. Heute zum Beispiel! Denn heute ist offizieller „ich liebe meinen Zahnarzt- Tag“. Aber nächste Woche ist auch ok. Ich glaube, dass jeder Mensch sich über Lob freut, auch diejenigen, die den ganzen Mund voll Arbeit haben. 🙂