Das wird mir fehlen!

In unserer Familie werden Ironie und Sarkasmus – bedingt durch die spezifische neurologische Datenverarbeitung der Früchtchen – nur von dem Bärtigen und mir verstanden. Das wiederum ermöglich uns zwei alten Silberrücken, auch vor den Kindern Bemerkungen zu machen, die nur wir zwei verstehen, also wirklich verstehen!

Ein nahezu geflügeltes Wort ist dabei geworden: „Das wird mir fehlen!“.

Hintergrund ist, dass wir zwei Alten in Momenten, bei denen uns die Laune und die Geduldsfäden in den Kniekehlen hängen, uns oft vorrechnen, wie lange noch, bis wir uns nur noch um uns kümmern müssen. Acht Jahre? Zehn? Zwanzig?! Und dann malen wir uns aus, wie schön unsere harmonischen Tage sein werden. Was wir alles tun werden, beziehungsweise nie wieder tun werden!

Neulich besprach der Bärtige abends beim Bier mit einem seiner Freunde die Gesamtlage der Nation und das Eheleben. Der Freund meinte etwas larmoyant, er wäre müde von diesem Familiending und schon seit zeeeeehn Jahren sei er jetzt in dem Game und ach. Mein Mann fiel fast vom Stuhl. Seit dreiundzwanzig Jahren hockt er auf Spielplätzen, im Schwimmbad, der Tobehalle, auf Elternabenden, „Ihr Kind hat…!“. Seit dreiundzwanzig Jahren Ärsche abputzen, die nicht sein eigener sind, Kinderarzt, Rummelplatz, geordnete Mahlzeiten nach festgelegtem Zeitplan, Ferienbespaßung. Nicht zu sprechen von den extra Haaren, die er unterwegs verloren hat, weil beide Söhne eine Schwerbehinderung haben und deswegen noch mal mehr Tamtam auf die Liste kommt. Die zerfledderte Liste, die wir irgendwann mal weglegen wollen. Uns nur um unsere Bedürfnisse kümmern wollen ohne überhaupt noch ein Gespür dafür zu haben, was das denn sein könnte. Uns inbrünstig den Tag herbeisehen, an dem die Kinder in die Welt marschieren und ihr Ding machen, einfach so. Ohne uns.

„Das wird mir fehlen!“, seufze ich meist bei den idyllischen Abendessen im Kreise meiner Familie. Man kennt das ja: Mama Miracoli sitzt mit Papa Miracoli und den süßen Absenkern der Miracoli-Familie am reichlich gedeckten Tisch, die güldene Abendsonne bescheint das friedliche Bild. Nur, dass bei uns alle durcheinanderreden, streiten, diskutieren, das mir die Ohren klingeln, Zeug umwerfen, Mama Miracoli permanent aufstehen muss um andere Löffel zu holen, weil Joghurt nur mit einem ganz bestimmten Plastiklöffelchen gegessen werden kann (der schmeckt sonst nicht, der Joghurt). Das wird mir fehlen!

Gemecker, Gemotze, schlaflose Nächte, Hintern abputzen, Kinderarztbesuche, Zoo, Jahrmarkt, Elternabende, Spielplätze, Schwimmbad. Das wird mir fehlen! Melonenkerne rauspulen, Zähne nachputzen, Knie flicken, Streit schlichten, das wird mir fehlen.

Ich freue mich auf Abendessen, bei denen ruhig und genüsslich gespeist wird und man sich gegenseitig wertschätzend von seinem Tag berichtet und das Essen lobt. Mehr nicht!

Immer, wenn mal der Großsohn aushäusig ist, merken wir, wie entzerrt solche anstrengenden Situation sind. Die Kinder befinden sich trotz des Altersunterschiedes von dreizehn Jahren in einem Wettstreit und Konkurrenzkampf. Ist das normal? Das ist nicht normal. „In seinem Alter durfte ich nicht so lange an den Gameboy!“, ist dabei nur ein Beispiel. „Ich musste immer alles probieren und meinen Teller aufessen!“, „Wenn ich so frech gewesen wäre wie du, hätte ich Riesenärger bekommen!“, „Das ist alles so ungerecht!“. Ja, Junge, deine Kindheit war die härteste überhaupt! Beim Essen habe ich Sheldon Cooper am Tisch sitzen, der bei jeder Erzählung seines kleinen Bruders: „Hä?! Das ist doch unlogisch!“, einwirft und Grundsatzdiskussionen beim Essen abhalten will.

In anderthalb bis zwei Jahren spätestens, so planen wir, wird der Große ausziehen. Er will, er muss, und wir werden das natürlich engmaschig betreuen, ihm assistieren und ansonsten auch nicht sehr weit weg sein. Ein paar Meter halt, aber immerhin! Ich freue mich darauf, wirklich. Ich liebe den jungen Mann wirklich und ich spüre nach wie vor die Verbundenheit zwischen uns, aber die Nabelschnur wird immer länger, und dünner.

Und das ist gut so! Für unsere Beziehung ist es immens wichtig, wenn wir etwas Raum zwischen uns bringen. Auch zwischen den Bärtigen und sein Erstlingswerk. Der weiß alles besser! Das kannst du dir nicht ausdenken, und ich lache auch gar nicht, wenn ich „The big bang theory“ schaue und Sheldon Cooper seinen Freunden die Nerven fiedelt, ich kenne das viel zu gut aus eigenem Erleben. „Das kann nicht sein! Das ist total unlogisch!“, viel gesprochene Sätze aus einem bestimmten Mund im Hause Nieselpriem. Außerdem weiß der junge Mann alles besser, das ist einfach so. Frag Sheldon Cooper, der versteht das!

Er war ein schrulliges und eigenartiges Kind, aber nun ist er ein schrulliger und eigenartiger junger Mann, und das muss er allein schaffen, sich damit der Welt zu stellen. Und seinen Eigenarten im allgemeinen Lebenskontext der Neurotypischen. Das schafft der, ich bin überzeugt davon. Mehr als wir das getan haben, kann man ein Kind im Spektrum nicht vorbereiten auf das Leben hinter der Glasscheibe. Er wird im Juli dreiundzwanzig Jahre alt, es wird Zeit für ihn. Und für mich. ich werde nie weiter weg sein als ein Anruf und ein: „Ich komme, kein Problem!“, und der Bärtige ebenso.

Allerdings wird mir neuerdings immer wieder klar, wie eingeschränkt er ist, der junge Mann. Bestimmte Plausibilitätschecks, die bei uns neurotypischen Menschen ab einem gewissen Alter ganz von alleine im Gehirn ablaufen, sind bei ihm systemisch nicht vorgesehen. Außerdem glaubt er (noch) immer, was ihm sein gegenüber sagt. Bedenkenlos. Lügen kann er nicht nur nicht, ihm scheint für Unwahrheit jegliches Grundverständnis zu fehlen. Und für Absurdes auch.

Beispiel gefällig? Seit einem Jahr lernt der Bubi für die Fahrschule. Diese dreitausend Fragen in einer App hat er bestimmt schon dreimal beantwortet. Er würde auch immer weiter immer wieder diese Fragen in dieser App beantworten und damit kein Ende finden und sich vermutlich niemals für die Prüfung anmelden, wenn wir Eltern nicht gesagt hätten, es reiche jetzt, er solle sich doch nun mal um einen Prüfungstermin kümmern! Das sagten wir dann nur noch circa vierundzwanzig Mal und erklärten, es reiche nicht, bei der Fahrschule anzurufen und dem Anrufbeantworter zu erzählen, er wöllte nun die Fahrschulprüfung absolvieren! Die rufen dich nicht zurück, Junge, du willst doch was von denen! Versteh doch…

Und nun, pass auf. Vorgestern kam der junge Mann – breit wie ein Kleiderschrank, fröhliches Kinderlachen im hübschen Kindergesicht – nach Hause und spricht: „Mutter, stell dir vor, ich habe einen Termin für die mündliche Prüfung! Übermorgen! In Osnabrück!“. „In…wo?!“, „In Osnabrück, das hat die Frau gesagt!“. „Ganz sicher hast du keinen Termin in Osnabrück! Weißt du überhaupt, wo das ist? Das ist am anderen Ende von Deutschland! Das kann doch nicht stimmen, du hast dich sicher verhört!“. „Nein, hab ich nicht. Und wenn die Frau sagt, ich habe fünfzehn Uhr dreißig am Mittwoch die Prüfung in Osnabrück, dann ist das auch so! Du kannst das doch gar nicht wissen, du warst nicht dabei!“.

Atmen, Rike, atmen. Mit einem auf unerklärliche Weise gefunden Rest an Engelsgeduld habe ich erwirken können, dass der junge Mann noch mal angerufen und nachgefragt hat, und: „Osnabrück“ entpuppte sich als: „Nossener Brücke“, in Dresden, wie von mir vermutet. Weil, da wohnen wir, in Dresden, da ist die Fahrschule, alles andere wäre unlogisch. Für mich zumindest! Nicht für meinen Sohn. Läppischer Unterschied von sechshundert Kilometern, aber wer guckt schon so genau. Schließlich hat die Frau am Telefon ja gesagt, die Prüfung wäre in Osnabrück!

Und überhaupt befinde ich mich seit über zwanzig Jahren in einem Dienstleistungsverhältnis, bei dessen Vertragsschluss ich wahrscheinlich mental umnachtet gewesen bin. Immer, wenn: „Mama!“, ertönt, eile ich herzu und frage, womit ich denn behilflich sein könne. Der Mann sagt, seit wann käme denn der Keks zum Krümel, und wenn irgendwer etwas wöllte, solle er es doch mit seiner Anfrage bitteschön bis zur Schwelle des Zimmers schaffen, wo der um Hilfe Ersuchte sich befindet. Nun, der Keks kommt zum Krümel, zumindest bei uns, denn ich bin der verdammte Keks.

Das wird mir fehlen. Oh, wie wird mir das fehlen!

Ich werde aus dem Fenster gucken nach meinen Söhnen, werde in Jogginghosen mit Telkoblazer obendrüber und Headset auf den zerzausten Haaren im Homeoffice aus dem Fenster starren. Ich werde an alten Schmusetüchern der Jungs schnüffeln, die Fotoalben vollheulen und mich verdächtig auf Spielplätzen rumdrücken um anderleuts Kindlein anzuschmachten. Weil mir das so fehlt! Mir ist einfach nicht zu helfen.

Dann kommt der Keks nicht mehr zum Krümel, dann kommt nur noch der Berg zum Prophet, nämlich, wenn anstatt: „Mama!“, „Rike!“, vom Bärtigen durchs leere Haus gebrüllt wird.

(C) Giphy

Update: Der Bubi hat die mündliche Fahrschulprüfung mit null Fehlern bestanden. Jetzt dauert es nur noch circa fünf bis zehn Jahre, bis er eventuell den Führerschein besitzt. Wir wissen ja, wie das bei Sheldon Cooper so läuft…

Leben und Lassen – im März 2023

Anfang März habe ich Quartier bezogen im Dresdner Josephstift. Vorher aber noch gab es einen Riesenalarm wegen der verdickten Halsschlagader, man wolle mich nicht operieren! Alarm! Rotes Ausrufezeichen an der Krankenakte. Gehen sie wieder! Klären sie das!

Ich ging und ließ klären. Nun ja, es sind Ablagerungen da, aber nein, man müsse da jetzt nicht sofort reagieren, man will beobachten. Stent? Nein. Medikamente? Nein. Also operieren? Ja.

Und so kam es. Ich will gar nicht weiter darüber schreiben. Schön ist anders.

Ich habe nach einer Woche dann das Bett gewechselt, und die Aussicht.

Und die Verpflegung!

Da ich außer Liegen nichts machen konnte, musste ich leider acht Staffeln „Castle“ gucken, das war unumgänglich. Außerdem habe ich mir einen mürrischen Geschmack angewöhnt. Ich war wie ein kleiner Marcel Reich Ranicky, dem man den Spruch nachsagt: „Ich kann nicht anders – ich muss nörgeln!“.

Mehrere hochgelobte Bücher habe ich knurrend und ungeduldig weglegen müssen und fühlte mich nicht nur nicht gut unterhalten, sondern regelrecht betrogen! Um Lesegenuss, mein Büchergeld und meine mir durch die knorrigen Hände rinnende Lebenszeit.

Auf der outtakes-Liste stehen hiermit neben John Burnsides: „So etwas wie Glück“, Simone Buchholz´: „Unsterblich sind nur die anderen“, Katja Lewinas: „Ex“.

Nicht nur Bücher wurden von mir Berufsliegerin gnadenlos verrissen, auch gegenüber Netflix und Co war ich der kleine Marcel. Ich fand so vieles so scheußlich, dass ich es mir unmöglich merken wollte (dass ich acht Staffeln „Castle“ am Stück weggeratzt habe, sagt dabei viel mehr über meine Konstitution aus). Die aktuelle Staffel: „working moms“, fand ich beliebig, und die lang ersehnte Serie: „Wellmania“, mit Celeste Barber, entsetzlich, jeder Anflug von Humor wurde in Vulgarität erstickt. Ich hab die erste Staffel nicht zu Ende geschaut.

Erlöst aus dieser Kulturverdrossenheit in Co-Einheit mit permanenter Bettlägerigkeit hat mich Isabell Bogdan mit ihrem Pfau. Ein wirklich wunderschönes Buch, mit schöner Sprache und bildgewaltig geschrieben. Herzlichen Dank dafür! Auch Nadine Lashuk mit: „Liebesgrüße aus Minsk“, fand ich unterhaltsam geschrieben.

Sebastian Fitzeks: „Elternabend“, liegt noch unangetastet auf dem Stapel, weil ich mich vor mir selbst fürchte. Aktuell, und auch ansonsten. Jetzt muss man wissen, Fitzeks Thriller nicht zu mögen, ist mir stets sehr leicht gefallen! Das ist schlicht weg Geschmacksache. Dann aber lernte ich ihn als Speaker kennen auf einer Blofamilia, und war innerhalb weniger Minuten schockverliebt! Unfassbar charismatisch, eloquent, witzig und klug, alles in einer einzigen Person! Wie kann ich da seine Bücher nicht mögen?! „Fische, die auf Bäume klettern“, war dann auch für mich wie Sebastian Fitzek beim Sprechen zuzuhören – ich hing gebannt an seinen Wörtern. Nun hat er mit: „Elternabend“ ein Buch herausgebracht, dass kein Krimi/Thriller ist, aber dennoch ein Roman und ich habe nur mal kurz aufgeschlagen und einen Absatz gelesen und habe das Buch jetzt erst mal zugedeckt. Ich lese es noch und ich will es mögen. Wie kann man Fitzeks Bücher nicht mögen, wie können sich Millionen lesende Konsumenten irren? Was stimmt nicht mit mir?!

Wo man allerdings auf gar keinen Fall etwas beim Bücherkauf falsch machen kann, ist Jan Weiler. Ein „Weiler“ enttäuscht nicht, ein „Weiler“ liefert ab! Das ist so klar wie die Tränenflüssigkeit, die mir beim Versuch, mit meinem maladen Körper länger als fünf Minuten auf einem Stuhl zu sitzen, aus den trüben Augen tropft.

Jetzt könnte manchereins behaupten, zwanzig Ocken für ein dünnes Büchlein, das sei doch unerhört! Nun, nein. Ich persönlich zahle lieber zwanzig Piepen für kurzen, aber garantierten Lesegenuss, als mehrmals zehn Euro für Paperbacks, die ich dann nicht mal in die zu-verschenken-Kiste vors Haus legen möchte, denn: Was sollen die Leute denken!

Also, „Älternzeit“, besingt das schöne Leben, das uns hoffentlich alle ereilt, wenn die Kinder flügge werden und es ist noch Restlebenszeit übrig. Das von Herrn Weiler zu lesen, macht nicht nur Spaß, sondern auch Mut. Wenn man Jan Weilers Romanfamilie aus vorherigen Büchern kennt, ist das sicher noch ein bisschen lustiger zu lesen, aber zwingend notwendig ist es nicht.

Das Thema „kommt“ und wenn es nicht der Weiler geschrieben hätte, hätte es eigentlich nur der „Hanne“ schreiben können, aber wer weiß, vielleicht hat unser aller Christian vom Familienbetrieb schon ein Büchlein mit ähnlichen Thema auf dem Tisch?! Ich würde mich darüber jedenfalls sehr freuen.

Ebenfalls gefreut habe ich mich, als ich Ende des Monats die Liegestatt für kurze Augenblicke und in nahezu aufrechter Haltung verlassen konnte. Auch meine Familie freut das. Und alle Menschen, die zwischen Buchrücken auf meinen Fensterbrettern liegen. 🙂

Lieblingsessen im März: Jennifer Anistons Lieblingssalat! Das behauptet zumindest das Internet. Es geht die Saga, dass Jen angeblich jeden Tag der Dreharbeiten zu „Friends“ eine Schüssel dieses Salates vertilgt hätte und dass auch ihre Schauspielkolleg:innen den gegessen hätten. Ich vermute, sie wollten ebenso das zarte Zwiebel-Odeur verströmen. Ob alle so furchtbar haben pupsen müssen wie ich, ist nicht überliefert (und Lisa Kudrow hat auf meine Anfrage bei Instagram nicht geantwortet), aber ich habe eine diffuse Idee, wie es am Set der Dreharbeiten gerochen haben muss. Und zwar danach:

1 Tasse Bulgur oder Quinoa nach Anleitung kochen und abgießen. Danach in einer Salatschüssel vermengen mit

1 Dose Kichererbsen, abgegossen (Abgießwasser zu veganer Mousse au Chocolat verarbeiten, wem das schmeckt)

1 Fetablock, klein gewürfelt

6 Babygurken oder 4 Bauerngurken, gewürfelt

2 Schalotten, kurz mit einem Schluck kochendem Wasser übergossen

1 große Handvoll Petersilie

1 Handvoll Minze (ohne mich)

Salz, Pfeffer, Olivenöl

Durchziehen lassen, schmecken lassen, wirken lassen…

Leben und Lassen – im Februar 2023

Das ist mein neuntausendsechshundertsechster Blogpost. Das wollte jetzt niemand so genau wissen, aber ich erzähle euch das trotzdem.

Ich sitze heute an einem herrlich sonnigen Frühlingstag unter blauem Himmel, es zwitschert, trillert, balzt und pfeift um mich herum, der Ahorn schmeißt seine Kinder in schieren Mengen herab, dass ich Eimer füllen könnte mit diesen klebrigen Samenhülsen, die wir uns früher als Kinder immer auf die Nasen geklebt haben.

Jedenfalls, es ist nicht ganz so leicht, gedanklich zurückzukehren zu Nass/Kalt/Grau, zumal – wie ihr alle wisst – dieser Winter gefühlt sechs Monate lang war und noch im April niemand recht glauben konnte, dass das jeeeemals aufhören würde. Tat es, tut es, es geht immer weiter. Immer!

Februar.

Im Februar waren Winterferien und ich hatte einen Urlaub für das Kleinchen und mich alleine gebucht. Ich wollte ihn ganz für mich, wollte Erlebnisse haben, die nur wir zwei würden haben werden, wollte etwas Exklusives.

Wir sind nach Sankt Peter Ording gefahren, das hatte ich euch ja im Januar schon angekündigt. Und: Es war toll! Alles war toll (das Wort „toll“ wird noch oft vorkommen, sehr toll oft). Ich hatte im Vorfeld unfassbar großen Bammel vor der Fahrt, ich bin noch nie alleine derart weit gefahren, Autobahnen machen mir Schiss, die blöde Verdickung an der Halsschlagader machte mir extra Schiss, ich hab’s gemacht, und es war toll (Seht ihr?)!

Wir hatten ein winziges Häusschen, das früher mal ein Schuppen gewesen sein musste, aber zauberhaft renoviert war und alles beherbergte, was anderthalb Urlauber so brauchen könnten.

oben
unten

Der Ort war verlassen bis auf die paar Einheimischen und Kurgäste. Im Februar ist sprichwörtlich tote Hose dort. Auf unserer Straße war in genau einem Häuschen Licht – unserem. Das war abends etwas gruselig, wenn wir spät nach Hause kamen, zumal der Nebel in Schwaden um die dunklen Häuser waberte.

Tagsüber war es einfach nur zauberhaft, oder um es mit den Worten des Blondinos zu sagen: „Hachgottchen!“. Und das lag zu einem großen Teil daran, dass wir das Örtchen für uns alleine hatten!

hübsch aber geschlossen, wie fast jede Lokalität
wenn du der einzige Mensch auf der Straße bist, kann selbst der schmalste Weg kurzerhand zum Sportplatz erkoren werden
Jede Menge Liebe

Ich hatte meine Freundin Silke Vorort, die zur gleichen Zeit Urlaub machte und die, da sie das schon seit fünfzig Jahren tut, als quasi Einheimische durchgeht. Das war super! Silke hat mir im Vorfeld unschätzbar wertvolle Ausflugtipps gegeben, und hat uns mit Duftkerze, Schietwettertee und Keksen begrüßt an unserem Häuschen.

Das war überhaupt das Allergrößte: Ich hätte angenommen, dass ich mich einsam fühlen würde, an einem weit entfernten Ort, außerhalb der Saison, nur mit dem Früchtchen. Aber es kam ganz anders. Meine Freundinnen, mein Mann, mein Großsohn, meine Mutter, meine Schwester, alle riefen mich regelmäßig an. Es gab Morgen, da sind wir kaum losgekommen zu einem geplanten Ausflug, weil ich stundenlang am Telefon hing! Davor kamen die zig whatsApp-Nachrichten, die ich täglich beantworten musste, und die alle stets die eine Frage hatten: „Und, wie geht’s euch heute?“.

Jetzt mag der Eine oder die Andere denken, so what, wat willse denn sagen damit?! Damit willse sagen, dass nichts davon irgendwie normal wäre! Weil, jeder Mensch, der mich ein bisschen besser kennt, weiß, ich hasssse telefonieren! Ja, vier S sind durchaus angebracht. Ich würde lieber Zettel an Tauben binden, SOS-e morsen oder sonstwas tun, ehe ich auf die Idee komme, jemanden anzurufen. Also privat. Dienstlich sieht das ganz anders aus. Aber privat? Nee. Und Menschen, die klingeln und dann am Telefon sagen: „Na du? Ich dachte, ich klingele mal durch. Es ist nichts, ich wollte nur mal deine Stimme hören und bisschen quatschen!“, zu denen würde ich sagen: „Was stimmt nicht mit dir? Hast du Fieber?! Ich telefoniere nicht! Schreib gefälligst WhatsApp wie normale Menschen! Oder schick mir ne Sprachnachricht, die kann ich mir anhören, wann ich das will. Danke. Gespräch vorbei!“.

fernmündliche Kommunikation á la Nieselpriem; Beispielkonversation

Sprachnachrichten retten mich ja seit Jahren vor der unliebsamen Telefoniererei. Mit meiner Freundin Fika habe ich das derart kultiviert, dass man sagen könnte, wir podcasten. Wir schicken uns gegenseitig Abrisse der jeweiligen Woche und teilen uns unsere Gedanken mit, also so, wie andere die Beste anrufen einmal pro Woche, so podcasten wir hin und her. Eigentlich ausschließlich. Außer wir treffen uns, das machen wir vorher natürlich auch per Podcast aus.

Gut, vielleicht bin ich seltsam, aber das ist ja nichts Neues. Jedenfalls war während des Urlaubs alles anders! Meine Leute haben komplett ignoriert, was sonst gilt und haben mich täglich angerufen, mich anvideotelefoniert, mich zugesimst. Ich war von so viel Liebe, Freundschaft und Gedanken der anderen umgeben, dass ich mich nicht nur niemals einsam, sondern im Gegenteil auch zu keiner Zeit allein gefühlt habe! Das war toll. Ich bin so dankbar für all die Liebe in meinem Leben und vor allem meine Freundinnen. <3Ihr seid allesamt ein Segen. Gut, mein Mann auch, aber der muss nett sein, der ist mit mir verheiratet.

Der Urlaub war so toll, dass das Kind mir das Versprechen abgenommen, hat, dass wir im nächste Februar wieder da sein werden. In Sankt Peter. Darüber freue ich mich jetzt schon.

Gut war beim Urlaub allein mit Kind für mich rückblickend, dass ich mir einen Plan gemacht habe und viel recherchiert. Normalerweise bin ich eine Person, die irgendwo ist und dann guckt, was da so los ist und wenn nichts weiter los ist, auch schön, dann kann man da ja sitzen und Käffchen trinken und Wetter angucken und Leute… mit Kind wäre das nicht gegangen. Da war es gut, dass ich mit Hilfe von Silke und dem Internet schon mal einen groben Wochenplan hatte.

Wir haben die Tage aufgeteilt und immer erst Dinge gemacht, die ich wollte (öde rumlatschen) und coole Dinge (Parks, Museen, Bad) im Anschluss als Motivation und damit ging das klar für uns! Blöderweise war die Dünentherme kurzerhand geschlossen worden, sodass meine „abends-gehen-wir-immer-baden- und- saunieren“-Planung kurzerhand vom Tisch war. Leider, aber dadurch bleibt noch etwas, auf dass ich mich für nächstes Jahr freuen kann.

Am ersten und auch am letzten Tag waren wir im Westküstenpark, der so toll ist, dass ich gar nicht viele Fotos gemacht habe, da ich mit Staunen und Freuen beschäftigt war. Die Seehunde hatten es uns angetan, sodass wir für den letzten Tag noch eine „Tierbegegnung“ gebucht haben, bei der wir hautnah am Becken stehen konnten, füttern und zuschauen und zuhören, was die Tierpflegerin uns erzählte und die Seehunde vorführten (sie spielen gern Ball wie Hunde, sind aber eher mit den Bären verwandt; sie haben Küsschen gegeben, für Futter machen die alles, das erinnert mich jetzt doch wieder an unsere Graue hier zu Hause…)

Wir sind nach Husum ins Bad gefahren, weil ohne Baden kein Urlaub stattgefunden hat, so will es das Familiengesetz.

… und wer Schwimmbad sagt, muss auch Mc Donalds sagen!

Wir waren natürlich bei Gosch an der Seebrücke essen.

Gosch-Version für das Kind, das nur Pommes mit Ketchup isst: Pommes mit Ketchup und Shrimps
… und sind abends durch die leeren Straßen gebummelt. Wenn mal kein Nebel da war, denn dann hat man wahrlich gar nichts gesehen außer den kleinen Lämpchen im Boden!

Wir haben dem Spielplatz Ponderosa einen Besuch abgestattet und selbst mein großes Kind (viiiel zu erwachsen für Spielplätze) hat direkt angefangen, rumzuklettern und zu spielen. Nicht ganz leicht zu finden gewesen, aber hübsch war es dort. Wir hatten heißen Tee und Knabberli dabei, der Spielplatz liegt mitten im Wald, da kann man gut einen halben Tag mit Klettern und Waldspaziergang rumbringen.

Wir sind oft einfach nur gelaufen. Sankt Peter Ording besteht aus drei Stadtteilen: Sankt Peter Dorf, Sankt Peter Böhl, Sankt Peter Bad und Ording und jeder Stadtteil hat seinen eigenen Strandabschnitt und wie ich finde, sein ganz eigenes Watt! Es sieht nirgends gleich aus und auch und die Gezeiten „malen“ die Landschaft jeden Tag neu. Ich fand es absolut faszinierend.

„Wetter“ als lebensbeeinflussendes Element wahrzunehmen, war auch beeindruckend für mich. Mit den Gezeiten änderte sich das Wetter, kam Nebel auf, Regen, Wind, Sturm, und verzog sich. Damit waren wir in all unseren Planungen für Unternehmungen draußen in der Natur sehr abhängig von den Gezeiten und dem Wetter. Ich fühlte mich durch diese Abhängigkeit in Kombination mit der Ruhe, die uns umgab, sehr geerdet und mit der Natur verbunden.

Die Strandpromenade ist herrlich und entgegen der Bebauung in anderen Küstenorten nicht mit Boutiquen gepflastert, sondern mit EU-Geldern zu einer Sport- und Flaniermeile ausgebaut.

Am allertollsten fand das Kind allerdings den Ausflug zum Multimar Wattforum in Tönning. Wir waren morgens um zehn Uhr die Ersten und hatten das absolut atemberaubende Museum eine ganze Stunde für uns alleine! Im Außenbereich gibt es noch einen schönen Spielplatz mit Turmrutsche und Sitzgelegenheiten, aber das konnten wir aufgrund von beißender Kälte und argem Wind nicht ausprobieren.

Isst keinen Fisch, guckt aber gern Fische an: Frau Nieselpriem

Für das nächste Jahr habe ich mir nicht nur vorgenommen, unbedingt in der Dünentherme zu rutschen und zu saunieren, sondern werde auf dem Hinweg in Friedrichskoog anhalten und mit dem Kind die Robbenauffangstation besuchen. Das wäre für einen Tagesausflug von SPO aus zu weit gewesen. Ansonsten machen wir auch kommendes Jahr exakt dieselben Ausflüge, so schön war das!

Wieder zu Hause haben das Kind und ich unseren Urlaub ausklingen lassen an einem unserer Lieblingsorte in Dresden, mit dem Lieblingshund.

graues Lieblingstier (kein Seehund)

Lieblingsessen im Februar: Die Kräppelchen (ursprünglich sollten es Churros werden) nach dem Rezept von Turkuazkitchen, deren Videos ich mir tagelang anschauen könnte, und das auch habe, nämlich im März. Denn im ganzen März konnte ich nicht viel anderes tun als Videos anschauen. Aber das erzähle ich ein andermal.

In der Mikrowelle geschmolzene Karamellcreme war der perfekte Konterpart zu den dicken Kräppelchen, die eigentlich hätten Churros werden sollen. Meinem Mund mit seinen Schmatzgeräuschen war das gänzlich Churro. Oder Wurst.