Nachfolgenden Text schreibe ich als Idee, um ihn eventuell irgendwann einmal bei einem poetry slam vorzutragen. Mit dieser Idee gehe ich schon jahrelang schwanger. Bislang – und vermutlich auch zukünftig – scheitert das an meinem unsäglichen Lampenfieber, weswegen ich noch nicht mal bei REWE an der Kasse arbeiten könnte, denn dann käme ich in die Situation, durch den Lautsprecher sprechen zu müssen: „Frau Möllemann, ein Storno an Kasse eins! Frau Möllemann, bitte Kasse eins!“, und: all eyes on me; Albtraum! Während ich das schreibe, spüre ich schon beim Gedanken daran das Aufwallen einer Panikattacke in Kombination mit heftigem Darmgrummeln. Aber da ich hier ja bekanntermaßen machen kann, was ich will, mach ich das auch und schreibe diesen Text schon mal runter. Feedback ausdrücklich erwünscht!
Sind Eltern anwesend? Wir sind ja leider dazu verdammt, unseren schutzbefohlenen Nachkömmlingen einen angemessenen Umgang mit Medien vorzuleben, um mit gutem Beispiel voranzugehen und somit der kindgerechten Aufzucht ohne „viereckige Augen“ (Sie kennen das) vorzubeugen. Mein Sohn tönt allerdings regelmäßig: „Soviel wie du ist wirklich niemand am Handy, Mama!“, und da hat er recht! Ich versuche es wirklich, allerdings sitze ich zwischen Baum und Borke. Aber hören sie selbst:
Sonntag, 7:59 Uhr: Werde geweckt durch einen Piepton. Karla schickt mir per WhatsApp ein GIF mit einer lächelnden Sonne, die mir einen guten Morgen nebst einem schönen Tag wünscht. Dasselbe GIF bekomme ich noch einmal von Antje und Sabine zugeschickt. Danke, euch auch.
8:30 Uhr: Meine Mutter ruft an, erregt, wie ich unschwer erkenne. „Henrike, hast du diesen Anrufbeantworter eingerichtet bei uns? Jutta und Benita haben versucht uns anzurufen, es klappt gar nicht! Uns kann gar niemand mehr anrufen! Sofort kommt diese Stimme, die sagt, wir sind nicht zu erreichen! Dabei sind wir doch immer zu erreichen!“. Nein, Mutter, ich war das nicht. Natürlich war ich das nicht. „Aber dann mach das wieder weg! Du arbeitest schließlich bei der Telekom!“. Ich glaube nicht, dass sie verstanden hat, dass nicht jeder der sechzigtausend Telekom-Beschäftigten einen magischen Remote-Zugang zu allen Telefonanschlüssen der Republik hat. Manche von uns haben rein gar nichts mit Telefonen zu tun, verrückt, ich weiß. Aber egal. Schicke meiner Freundin Jessica eine Sprachnachricht mit diesem frühmorgendlichen Bonmot. Sie – von Berufswegen Grafikerin beim Privatfernsehen – antwortet, sie würde auch immer aufgefordert, bei den Verwandten die TV-Sender einzustellen, denn schließlich arbeite sie ja beim Fernsehen! Logisch.
9:00 Uhr: Patricia schreibt in die WhatsApp Gruppe „Sundowner“: „Mädels! Wir müssen uns unbedingt mal wieder sehen! Wann? Ich kann nächste Woche Montag und Mittwoch!“. Kathrin antwortet: „Ich kann nur Dienstag.“. Silke: „Nächste Woche kann ich nicht.“.
9:10 Uhr: Patricia schreibt: „RIKE! DU ANTWORTEST GAR NICHT!“. Ich antworte gar nicht.
10:00 Uhr: Der Lebensgefährte meiner Mutter ruft an und fragt, seit wann mein jüngster Sohn im Kreuzchor singen würde. Ich antworte wahrheitsgemäß, dass keiner meiner Söhne im Chor singen würde. Daraufhin erklärt mir der Mann meiner Mutter, er hätte ein Foto in der Zeitung gesehen von diesem Chor und ja, da wäre mein Sohn drauf! Er würde doch unser Fritzchen erkennen! Er, so teilt er mir mit, schneide jedenfalls das Bild aus, damit ich dann selbst sehen könne, dass er recht hat. Ich widerspreche nicht.
10:10 Uhr: Karla schickt eine Sprachnachricht, in der sie mir mitteilt, sie würde jetzt mit Petra zu Rossmann fahren um dieses „Kollaaaaschenpulver“ kaufen, das sei gut für Bindegewebe und alles und so. Ob ich das schon mal gehört hätte? Nein, Karla, so habe ich das noch nie gehört.
14:00 Uhr: Ich öffne die Mail App. „Neue Nachrichten in ihrem Bankpostfach!“. „Spare noch heute!“. „Letzte Chance!“. „AW:FW:RE:RE:RE: Terminfindung Klassentreffen“. Ich schließe die App.

16:00 Uhr: Meine Cousine fragt via WhatsApp, ob bei uns auch so ein Unwetter tobt? Ja, Kerstin, ich lebe in derselben Stadt wie du, ich habe das gleiche Wetter.
16:05 Uhr: Kerstin sendet ein Foto von einem Regenbogen. Ich werde diesen Regenbogen abends bei drei weiteren Personen im WhatsApp Status wiedersehen.
17:00 Uhr: Meine Freundin Jessica schickt mir eine Sprachnachricht, in der sie mir mitteilt, einer ihrer Hunde hätte auf den Wohnzimmerteppich gekotet, während der Saugroboter lief. Kunstpause. Aber der Saugroboter wäre von Vorwerk, ob ich Tipps hätte? Ich brauche nach dieser Nachricht eine frische Unterhose, raten sie selbst, warum.
19:05 Uhr: Es klingelt. Meine Mutter sagt, es habe bei ihr geklingelt, ob ich das gewesen sei? Nein, Mutter, ich war das nicht. Wir legen beide auf.
20:00 Uhr: Der Bärtige fragt, wann ich denn gedenken würde, das Telefon beiseite zu legen? Schlimm sei das. Was für ein Vorbild ich abgeben würde. Gar keins, gar kein Vorbild, das ist ja mein Problem!
Frage: Hat noch jemand ein Nokia 7210 irgendwo in der Schublade?
Ich habe wirklich viel Fantasie, aber ich habe mir das gar nicht ausdenken müssen, das passiert einfach von selbst. Fürs Protokoll: Alle Namen sind geändert, außer Jessica, die heißt wirklich so und ich habe sie im Vorfeld gefragt. Und der Bärtige heißt auch wirklich so, Vorname: Bär, Nachname: Tiger. Also, was sagt ihr? Soll ich mich mal anmelden beim poetry slam? Dürfen dort Seniorinnen teilnehmen? Wer kommt mit und hält meine Hand?