Neues von der „Orr Menno!“-Pause

Zum Thema „Pausenraum“ habe ich ja ganz vergessen, ein update zu dem Pausenraum zu geben, in dem ich mich schon seit round about – wie wir so schön neudeutsch sagen – sieben Jahren befinde: Dem Wartezimmer zur Vorhölle, nein, dem fünften Kreis von Herrn Dante, nein nein, nämlich dem Menopausenraum, oder besser dem Wartezimmer zur: „Orr Menno!“-Pause.

Wen das Thema aufgrund seiner eigenen hormonellen Struktur und Testosteronlastigkeit nicht an den Eiern kratzt, oder wer keine Frau ist oder gar keine Frau kennt, die von der zweiten Pubertät betroffen ist, betroffen sein könnte oder möglicherweise irgendwann einmal betroffen sein wird, der darf hier gern abspringen. Zum Beispiel hierhin.

Es ist schon eine Weile her, dass ich euch mitgenommen, quasi hinuntergezogen habe in die Freuden der zweiten Pubertät. Es hat sich seitdem einiges verändert – und das ist gut so! Veränderung ist etwas, das Zeit braucht, das hört man schon am Wort. Ver-änder-ung, etwas wird anders, aber langsam, nicht abrupt. Und das kann man blöd finden, darf man blöd finden, klar. Oder man setzt sich auf eine Blumenwiese, atmet in die Vulva und findet, alles im Leben sei ein Geschenk, nur in unterschiedliche Geschenkpapiere verpackt, oder so.

Mir ist ja dergleichen klangschalentönernde Akzeptanz und Liebe zum Unausweichlichen leider nicht gegeben. Ich bin eher so der Typ Mensch, der die winzigen Fäuste ballt und fluchend in den Himmel boxt und die ganze Arschlochscheiße und alle furzenden Affenpimmel dieser Welt (Schimpfwort vom Blondino geklaut; wir werden dazu später mehr erfahren) beschimpft, weil es eben nun so ist, wie es ist. Und Geduld mit dem Prozess, also Geduld überhaupt, nun ja, kann ich prinzipiell relativ schlecht aufbringen, schon gar nicht mir selbst gegenüber. Mache Eier!, so bin ich eher.

Aber auch den Ungeduldigen und Hadernden passieren so unschuldige Sachen wie Altern oder Wechseljahre. Und mit all dem Scheiß, den man nicht gut findet (und das auch nicht muss), passieren tolle Sachen! Das zuerst: Es passieren ganz wunderbare Sachen mit Dir, mit mir, mit uns allen. Wir werden weicher, auch mit uns. Wir werden schöner. Wir werden differenzierter, dankbarer (bis auf die Motzrentner, die immer nach einer zweiten Kasse schreien, sobald du vor ihnen mehr als drei Artikel aufs Band legst), wir werden mehr zu dem Menschen, von dem wir immer dachten, wir seien dieser Mensch bereits. Runder irgendwie, das äußere Spiegelbild passt zum inneren Spiegelbild.

Warte. Bei „Spiegel“ halten wir mal den Phrasenzug kurz an.

Für mich sind diese Wechseljahre tatsächlich Jahres des Wechsels. Und nie zuvor war mir das so hart bewusst. Nie zuvor hatte ich die große Chance, das selbstbestimmt zu gestalten! Die Hormonachterbahn wirft mich permanent auf mich selbst zurück, immerzu muss ich für mich bewerten, was will ich noch, was will ich nicht mehr, wie will ich irgendwas, wann und wen. Und warum, auch das. Es fühlt sich an wie eine Halb-Lebens-Inventur, als käme KonMari zu Besuch und würde sich alles ansehen, was ich so angehäuft habe in meinem halben Menschenleben. Den Haufen an schlechten Gewohnheiten, Bequemlichkeiten und Menschen hin- und herdrehen und mich fragen, ob jedes einzelne Puzzleteil joy sparkelt. Und sich auch die Spuren ansehen von dem, was ich verloren habe auf dem Weg: Menschen, Talente, Leidenschaften. Und dann wird alles bewertet, ob ich will oder nicht, und manches muss ich loslassen um anderes wieder finden zu können.

Das alles passiert unbewusst, bewusst, permanent. Ich glaube, der Begriff „Metamorphose“ trifft es am besten. Von der Puppe zum Schmetterling und dann zum Falter. Alter Falter!

Ich finde, ähnlich wie bei der ersten Pubertät sollten wir gnädig sein mit uns, wohl wissend um die Aufruhr im Inneren, sich Fehler bei den Entscheidungen gönnen und bewusst Fehler machen, nie wieder werden die einem so verziehen! Hoffe ich.

Ich kann das nicht mit dem Rat geben, allenfalls so pschüschedelisch durch den Blumenstrauß. Neulich fragte mich eine Freundin zum Beispiel, ob sie wohl schon drin sei in den Wechseljahren?! Ich sagte nur, sie sei drin, wenn sie es wüsste. Ich kenne Frauen, die waren kaum vierzig und rasten bereits auf der Hormonachterbahn durchs Leben, unwissend, mit einem Kinderwunsch im Gepäck – Ha! Und ich kannte eine weißhaarige Dame, die felsenfest behauptete, sie sei noch zu jung für die Wechseljahre, das würde sie schließlich merken! Auch das stimmt. Wechseljahre, als Angebot für alle Wechselwilligen, sehr schöner Gedanke. Eine andere Freundin haderte neulich mit der Entscheidung, die dunklen Haare nun färben oder hoffen, sie würden sich wie bei Birgit Schrowange heiligenscheingleich irgendwann in glitzerndem Helmchen um das zarte Haupt legen. Probier´s aus!, mehr kann man dazu nicht sagen! Probier so viel wie möglich aus, das sollte man jeder Frau sagen. Alles, was du dich nicht getraut hast, alles, wofür du dich vor zwanzig Jahren geschämt hättest, alles, bei dem dir jetzt beim bloßen Gedanken der Fuß juckt: Wann, wenn nicht jetzt?

Viele Jahre hatte ich nur Freundinnen, die mindestens zehn Jahre jünger waren als ich. Ich hatte mir das nicht ausgesucht, das ergab sich einfach so. Ich fand mich zugehörig, wir hatten dieselben Themen. Nun haben ich vermehrt Frauen in meinem Umfeld, die so alt wie ich oder gar älter sind, und auch da fühle ich mich zugehörig! Sogar inspiriert. Ich bin so dankbar für die neuen, alten Freundinnen, Annett, Silke, ich bin froh, dass ich jetzt alt genug bin, um das Geschenk zu sehen, das ihr mir macht mit eurer Freundschaft. Und trotzdem liebe ich meine Mädels in den Dreißigern und Vierzigern, diese Freundschaften gibt es noch immer. Aber Inspiration ist so wichtig wie nie zuvor. Ich habe zum Beispiel die Geli unfassbar gefeiert, als sie antrat, um den HYROX zu bezwingen, ich habe sie angefeuert von der Couch aus. Das muss nicht mein Weg sein, und kann mich doch beflügeln! Wie so viele andere starke Frauenbeispiele. Sich nicht runterziehen lassen durch Menschen, die nichts bewegen und vor allem nicht sich selbst, die wichtigste Aufgabe. Netzwerke bilden, Frauenbündnisse stärken, das ist die Mission. Ein Teil der „neuen Alten“ werden, sein, aber anders sein als die „alten Alten“.

Sich auf der Stelle das Leben nehmen, im wahrsten Sinn des Wortes, das ist die wichtigste Aufgabe. Genieße, lebe, teile, freue, liebe. Es ist so einfach. Und so schwer zu schaffen gewesen in all den Jahren. Jetzt wird es leichter.

Ich habe fette Glaubenssätze im letzten Jahr über den Haufen geworfen und mir vorgenommen, den Platz nie wieder zu füllen mit neuem Stuss. Ich glaube ab jetzt klar und ohne Dogmen, oder gar nicht. Zum Beispiel glaubte ich lange, ich würde niemals Hormone nehmen (mit fettem Ausrufezeichen!)! Und ich würde mir niemals freiwillig irgendwas ins Gesicht spritzen lassen! Was müssten das für arme Menschen sein, gebeutelt von schwachem Selbstwertgefühl und unsicher und unwissend ob der Gefahren. Und überhaupt. Ich glaubte viel in Zeiten. als das jeweilige Thema gar nicht dran war für mich. Das ist ja oft so, dass Menschen gern eine ganz klare Meinung zu einer bestimmten Sache haben, die sie gar nicht betrifft.

Wenn ich zum Beispiel zu dem Drittel Frauen gehören würde, die keinerlei Probleme durch die Hormonumstellung haben, dann wäre eine Hormonersatztherapie für mich nie in Frage gekommen. Ich muss auch ehrlich sagen, dass ich relativ bockig darangegangen bin nach dem Motto: Hilft mir eh nicht und ich hasse es sowieso! Die Wahrheit ist: Ich liebe es! Ich habe meinen Körper zurück. Ich fühle mich wieder wie ich selbst! Für mich war es die richtige Entscheidung. Jede ist für sich selbst verantwortlich und viele Wege führen nach Rom, und ins Altersheim.

Und was die Spritzen im Gesicht angeht, ich erspare euch vorher-nachher-Fotos, aber auch da gilt: Ich habe nichts Gutes erwartet und habe beim ersten Mal zu dem Arzt gesagt, ich mache das nur, um danach wenigstens genau zu wissen, warum ich Botox und all das Gedöns so Scheiße finde, und siehe da, auch das fühlte sich in dem Rahmen überhaupt nicht Scheiße an! Entspannt, ich fühlte mich zum ersten Mal in meinem Leben entspannt! Was Meditation und Konsorten nie geschafft haben, hat Botox bewirkt. Vielleicht brauchte ich den Scheiß wirklich um mal zu fühlen, wie sich andere so fühlen, die nicht mit einem dauerverkrampften Gesicht herumlaufen. Außerdem habe ich seitdem keine Migräne mehr gehabt, eher eine zufällige Nebenwirkung, aber sehr willkommen. Ich habe im übrigen noch immer Falten, ich hatte nie das Ziel, mir meine Mimik wegzuspritzen oder mich zehn Jahre jünger aussehen zu lassen. Nur eben nicht zehn Jahre älter! Ich bin zu jung für Seniorenmenüs und die Apothekenumschau und will gefälligst auch nicht so aussehen, als sollte man mir das anbieten! Aber das ist meine Entscheidung, jetzt, hier, während meiner (!) Wechseljahre. Vielleicht finde ich das alles in fünf Jahren so Scheiße wie die Eine oder der Andere hier aktuell beim Lesen, kann schon sein. Aber Freiheit in allen Entscheidungen, das ist, was ich euch allen wünsche, für die Wechseljahre in jedem Jahrzehnt. Und Akzeptanz für die Entscheidungen der anderen, es sind nicht deine, du musst sie nicht tragen. Aber ich will auch nicht eine von denen sein, die behaupten, ihre glatte Haut sei nur fünf Litern Quellwasser und viel Schlaf zu verdanken. Für sowas habe ich keine Zeit mehr.

Und für die jungen hier: Was ihr seid, das waren wir. Was wir sind, das werdet ihr sein. Ich bin also gar nicht alt, ich bin nur schon länger da und muss somit in manche Büchse der Pandora eher hineinblicken als ihr. Aber irgendwann müsst auch ihr. Und niemand weiß vorher, was man da sieht.

„Aber auch den Ungeduldigen und Hadernden passieren so unschuldige Sachen wie Altern oder Wechseljahre“, schrieb ich eingangs, und am Ende muss ich das noch mal aufgreifen. Wir sind die Glücklichen, die wir uns über so unschuldige und harmlose Sachen Gedanken machen dürfen. Wir sind die Glückspilze, die schon so alt geworden sind und die sich übers Altern Gedanken machen dürfen! Deren Gedanken sich nicht um schwere Krankheiten drehen müssen. Oder um Trauer, um Existenzangst, um schwere Kost. Wenn du dich über die Scheißarschlochhormone aufregen kannst, bist du ein Glückskind! Das ist die Message. Und wenn du dich nicht ständig aufregen willst, tja, dafür gibts was von Ratiopharm. Bei Fragen zu Risiken oder Nebenwirkungen fragen sie ihren Arzt oder Apotheker. Oder die Heilpraktikerin, Astrologin, einen Guru, eine Schamanin, eine Influencerin, die Leute vom YOGA-Kurs, die Frau an der Kasse vom Netto. Glaubt mir, jeder hat eine Meinung! Zu allem und immer.

Und irgendwo zwischen all den anderen Meinungen findest du dann deine eigene.

Und alles wird gut. ❤ Tschakka.

Das Leben an sich im Frühjahr 2022

Der Bärtige hat neulich zum ersten Mal in seinem Leben eine Schere geschliffen und glaubt nun, er sei Edward mit den Scherenhänden! Schnipp-schnipp, ging er stolz durch den Garten und schändete mit der neuen alten scharfen Schere den Efeu, um zu beweisen, dass er es mal so richtig drauf hätte! Er, der Scherenschleifer! Nun hätte ich ja prinzipiell nichts dagegen, mit Jonny Depp, aka Edward, verheiratet zu sein, allerdings glaube ich, dass dieser eigentlich zu Vanessa und den Kids auf die Pirateninsel gehört und diese wirklich niemals hätte verlassen sollen, weil, dann wäre auch die unglückselige Geschichte mit Amber Heard nicht passiert, und überhaupt.

Wie auch immer, wenn hier mal jemand was zu schleifen hat, der Mann macht das. Einfach über mich Kontakt aufnehmen. Mir ist sehr daran gelegen, dass der kopfarbeitende Informatikerehemann eine adäquate Freizeitbeschäftigung erhält. Der guckt immer so Videos , wo Menschen altes Zeug reparieren und träumt von einer Hütte mit Drehbank und so weiter. Auf meinen nüchternen Kommentar hin, wir hätten jungfräulich verpackt im Keller allerlei Kisten mit der Aufschrift „HILTI“ oder „BOSCH“ und gefährlich wirkenden Werkzeugen im Inneren, diese könnten doch erst mal probiert werden, da winkt er nur ab, ich solle still schweigen, was wüsste ich denn schon! Also ich weiß, dass Handwerkeranfragen hier immer erst dann beantwortet werden, wenn ich androhe, es selbst zu machen, oder einen fremden Kerl ins Haus holen will.

Es ist mit den Männern wie mit den Kindern: Das Spielzeug, das da ist, ist langweilig! Andere Männer haben viel dolleres Spielzeug. Immer.

Die Graue hat noch immer ihre erste Hitze nicht gehabt, ergo wächst sie eventuell noch weiter und wird bald die größte Weimaranerin der Welt sein. Fun fact: Wir haben den letzten Welpen des Wurfes genommen, weil die meist (wer hat uns das erzählt, wenn ich das noch wüsste) am kleinsten und geduldigsten seien. Pah!

Außerdem hat das Pony eine Identitätskrise passend zum Eintritt in die Pubertät. Sie ist ein Jagdhund ohne jagdlichen Eifer, dafür mit Hütehundattitüde, heißt, sie rennt panisch in Kreisen um „ihr“ Rudel, sobald wir das Haus verlassen. „Alle zusammenbleiben! Alle zusammenbleiben!“, sowas eben. Außerdem liebt sie es, mit dem Massagegerät den Bauch massiert zu bekommen und wehe, du nimmst die elektrische Massagepistole weg, da greift sie mit den Vorderpfoten sofort danach! Macht das sonst auch noch ein Hund?! Sie singt, wenn man ihr die Schnauze streichelt und schmeißt sich sofort vor einen auf den Rücken, wenn irgendwo das Geräusch eines Föns erklingt – das ist das Schönste! Heiße Luft! Ansonsten ist sie ein etepete Luxushund, der nur selbst gekochtes Essen will, davon allerdings ein Kilo pro Tag, von jedem bisschen Stress Durchfall kriegt und schmollt bei jeder kleinsten Gelegenheit. Warte. Irgendwie kommt mir das bekannt vor…

Und da wären wir bei mir. Ich habe mir kürzlich den Daumen in der Autotür eingeklemmt und das war ein Spaß! Also so richtig mit Krankenwagen und Betäubung und Menschen mit grünen Häubchen, die mich fragten, ob sie mir den Daumen kleben oder nähen sollten. Und ich so: „Bin ich hier bei wünsch dir was? Woher soll ich das denn wissen! Das ist mein erstes Mal! Machense mal, oder ist das auch ihr erstes Mal?! Ich brauche Schnaps.“. Sie haben gemacht und jetzt, sieben Wochen später, ist es leider noch immer nicht schön. Wird es vermutlich auch nicht und meine Karriere als Daumendouble von Daniel Craig kann ich wohl an den Haken hängen. Das war ein Scheiß, sag ich euch. Ich hatte ja keine Ahnung, wozu man alles seinen rechten Daumen braucht. Zu allem! BH schließen, BH öffnen, Zopfgummi dranmachen, Schneiden mit der Schere, Schneiden mit einem Messer, etwas festhalten, Haare waschen, Tastaturschreiben, ich wusste es nicht. Der Daumen ist ab sofort mein Lieblingsfinger. Beim Röntgen kam dann auch raus, dass ich eine fortgeschrittene Arthrose hätte und „zu jung für diesen Befund sei“, als ob ich das nicht wüsste! Ich bin auch zu jung für meine schmerzende Hüfte, zu jung für meine Falten, zu jung für meine grauen Haare…

Neulich klingelte es an der Tür, davor stand eine mir gänzlich unbekannte Person und fragte: „Hamm sie ma ne Doledde?!“. Ich stellte die einzig mögliche Gegenfrage: „Wie bitte?“. Und die Person wieder: „Hamm sie manchmal ne Doledde?!“. Ich weiß, was der Bärtige geantwortet hätte (nämlich: „Ja doch, eigentlich sogar immer, nur keine öffentliche, auf Wiedersehen!“, Tür zu), aber ich bin anders und habe der notdürftigen Person den Weg zum Klo gewiesen. Danach habe ich alles gereinigt, desinfiziert und gewienert, als ob ein Leprakranker die Toilette benutzt hätte und fragte mich dabei, was nicht stimmt und vor allem, mit wem. Der fremden Person oder mir, und ja, die Antwort kenne ich. Aber Corona und diese verrückte Zeit, wo keiner einem Fremden einfach so die Tür öffnet, macht komische Sachen selbst mit Menschen mit den besten Absichten.

Außerdem wundere ich mich. Zum Beispiel, dass Harry Potter erst für Kinder ab zwölf Jahren geeignet ist, Pippi Langstrumpf aber schon für Kinder ab sechs! Also Pippi halte ich eindeutig für den schlechteren Umgang. Nach dem Konsum von Harry Potter konnte ich nur feststellen, dass das Kind auf mein Gemecker gerne antwortete: „Mama, machst du jetzt wieder die maulende Myrthe, oder was?!“, nach Pippi Langstrumpf demoliert der Blonde regelmäßig sein Zimmer, klettert auf dem Ofen und den Fensterbänken herum und möchte mit „Herr Nilson“ angesprochen werden, während er Zeug vom Tisch schmeißt und alles mit dem Mund allein essen möchte ohne Zutun der Hände – danke schön, Kinderfernsehen!

Wir waren auch immer wieder im Biergarten. Wir sind ja ganzjährige Biergartenbesucher. Das sind die härtesten, etwa wie ganzjährige Nudisten, nur mit Sachen an. Und Bier. Ich bin das hintere Frollein auf dem Bild, falls ihr nicht mehr wisst, wie ich aussehe. So sehe ich aus.

Außerdem sitze ich neuerdings wieder regelmäßig an der Nähmaschine. Nicht um hübsche Klamöttchen zu nähen, sondern um nicht mehr hübsche, durchgewetzte Hosen zu stopfen. Beim Großsohn ist der Arsch die Problemzone. Und beim Kleinen die Knie.

Diese Jeans hier habe ich für vier Euro fuffzig beim Lieblingssecondhandladen in Pieschen gekauft, gebraucht. Wenn ich jetzt die Arbeitszeit mit meinem Stundensatz multipliziere, haben wir hier nun im Kinderschrank ein Luxusbeinkleid, denn Stopfen und Auftrennen, Stoff annähen und Beine wieder zunähen dauert in etwa so lange wie die Fabrikation eines Oberteils. Mindestens. Ich will nicht das Vorhaben an sich in frage stellen (Nachhaltigkeit für alle und Entspannungsfaktor am Rattergerät für mich), sondern ich frage mich, warum die in der Schule nicht lernen, wie man sowas herstellt! Einfach mal selber machen schafft Respekt, glaube ich. Wie viele Schritte sind nötig, um eine Stoffbahn zu fabrizieren, dann Schnittmuster zeichnen, ausschneiden, vernähen. Möglicherweise wäre das für die nächste Generation nützlich. Ich mein ja nur. Keine Ahnung, wo das hier alles noch hinführt.

Außerdem frage ich mich natürlich, welches Kind eine Jeans trägt und die danach als neuwertig im Laden landen kann! Gibt es solche Sitz-Kinder, die nur in der Hose irgendwo sitzen? Also im Gegenteil zu meinem Kind, das sich ganz offensichtlich auf den Knien fortbewegt? Zum Glück ist jetzt kurze-Hose-Saison, da brauche ich die Nähmaschine nicht. Nur jede Menge Pflaster.

Grüße aus dem Pausenraum

Anfang des Jahres beschloss ich, wie so viele andere Menschen auch, irgendwas zu fasten. Irgendwas war schnell gefunden, mein social media Konsum sollte es sein! Permanent auf Instagram, jede aberwitzig belanglose Tagesbefindlichkeit hinter einem vermeintlich schnittigen Hashtag verballhornt – damit sollte Schluss sein! Also zumindest für ein paar Wochen. Und damit dies gelünge (?) gelingen mögte (?) zu gelingen eine Chance erhielte oder erhalten würde tun zu täten, versagte ich mir auch das Bloggen. Weil, wenn ich blogge, dann teile ich das der Welt auch gewöhnlich mit und dann muss ich leider auch immer gucken, ob das auch der Welt zur Kenntnis gelangte und wie die Welt denn nun darauf reagiert, dass die Nieselpriemerin das Netz beschmutzt hat mit ihren dünngeistigen Befindlichkeitsergüssen. Klick klick klick. Das wäre schlecht fürs Fastenziel, ergo, sie wissen schon, Nulldiät für mich.

Dann gingen ein paar Tage oder einzelne Wochen ins Land und dann kam Putin.

Und mit seiner Invasion überspülte er die friedlichen heimischen Kanäle nicht nur mit gelb-blauen Profilfotos, sondern auch mit wir-werden-alle-sterben-wo-soll-das-noch-hinführen-Attitüde zum Einen, und totalitärem Eskapismus auf der anderen Seite. Gepeinigt von frenetischer Sozialpanik und einen Klick davon entfernt dem achtunfünfzigstem Snackbrett, candyboard whatever, machte ich schnell wieder das tragbare Internet aus. Pause.

Draußen war ich allerdings mitnichten weg von alledem. Menschen riefen zu Hilfstransporten auf, verstopften mit ihren Kleinwagen voller getragener Klamotten und Duschgels die Autobahnen nach Polen und es wurde aufgefordert, Konserven, Kindernahrung und entbehrliche Badehandtücher (gewaschen) aus dem Hausgebrauch zu den Sammelstellen zu bringen, zum Beispiel zur Grundschule, die man sowieso täglich frequentiert. Dort wurde argwöhnisch beobachtet, wer sein Fortpflänzchen abholte und wer sein Fortpflänzchen abholt und vorher ein Glas E-Stoff-Bockwürste (Meica macht das Würstchen) oder abgelaufenes Dosenobst auf den Spendentisch stellte. Dabei wurde ja nie hinterfragt, ob die Person ohne Würstenspende nicht vielleicht schon jahrelang jeden Monat einen dreistelligen Betrag an die Flüchtlingshilfeorganisation spendet, und zwar für Flüchtlinge jedweder Hautfarbe und Fluchtmotivation, oder ob schon der komplette Speicher leergeräumt wurde für bedürftige Personen.

Ich fühlte mich unwohl, ich konnte nur verlieren. Was soll man da schon schreiben.

Die Pause wurde länger. Und was sollte ich auch schreiben? Dass mir die Zwei-Klassen-Flüchtlingspolitik nicht behagt, dass mich die Hamsterkäufer annerven? Mehl, also bitte! Als ob jetzt alle backen könnten nachdem sie jahrelang Coppenrattes auf der grünen Wiese Torte für den Sonntagskaffee eingekauft haben. Genauso absurd wie Hefe als Mangelware! Aber nein, der deutsche Konsument hört auf die Hiobsbotschaften. Milch soll bald fünf Euro kosten, los, alle bevorraten. Du verträgst gar keine Milch? Egal, trotzdem hamstern, kannste verkoofen. Neulich war Senf aus, ist das zu fassen? Also nicht eine einzelne Sorte, nein, das ganze Senfregal! Wir sind hier in Sachsen, wahrscheinlich wars die Thüringer Rostbratwurstunionsfraktion, die passend zum Grillauftakt ausrief, Senf könnte knapp werden, besser, man bevorratet! Backen ohne Mehl und Hefe, Braten mit Eigenfett, Toilettengang „indische Art“, das könnten beliebte Suchanfragen des frühen Jahres 2022 sein. Man könnte lachen, wenn es nicht so absurd wäre. PS: Wie man Senf selbst herstellt, steht zum Beispiel hier. Also bitte. Und den Po haben wir in den Siebzigern schon mit Zeitungspapier abgewischt, das war nicht schön, aber ging. Außerdem lesen doch die Kinder neuerdings zu wenig, hört man immer. Gut, dann bekommen sie alle ne BILD-Zeitung mit aufs Klo!

Nehmen sie doch süßen Senf!

Dann wurde die Pause noch länger. Weil, ich werde neuerdings verklagt. Alles, was sie im Internet verzapfen, kann und wird gegen sie verwendet werden!

Es geht um den Blog und auch vor meinem Instagramaccount wurde nicht Halt gemacht. Es gibt eine Anklageschrift und einen Gerichtstermin, in echt jetzt. Es gibt einen Richter und Anwälte. Das ist surreal und verletzend gleichermaßen. Das war auch genau so beabsichtigt. Ich habe überlegt, ob ich das hier hinschreibe, aber es nicht zu tun, hat mich verstummen lassen, einfach so weitermachen, als wäre nichts passiert, ist mir unmöglich.

(Siehste mal, Nieselnuss, hätteste doch lieber über Kuchenrezepte und Antifaltencremes geschrieben. Oder foodboards präsentiert!)

Wir werden sehen, wie das ausgeht. Näheres kann ich nicht dazu schreiben, bitte fragt oder mutmaßt nicht in den Kommentaren. Es lesen hier ab sofort ungebeten Personen mit, die sich nicht an meinem Geschwurbel erfreuen wollen, sondern beabsichtigen Munition zu finden, um mir zu schaden. Das ist so. Aber jetzt hier nie wieder zu schreiben, nur weil jemand darin rumpieksen könnte, ist wie sich aus Angst vor dem Tod das Leben zu nehmen. Also wenn man jetzt mal ganz dolle mit der Metaphernkeule ausholt.

Das Credo lautet fürderhin: Tanze, als würde niemand zusehen. Singe, als würde niemand zuhören… schreibe, als würde niemand mitlesen, oder so ähnlich. Das ist das Schwerste. Aber ich kann nicht für immer im Pausenraum sitzen bleiben, und ich will auch nicht.

Ich komm jetzt wieder raus.