Radikaler Rückschnitt

Frühjahr, Zeit, die Büsche und Bäume zurückzuschneiden. Aber nein, darum geht es nicht. Wir haben März zwanzig sechsundzwanzig und ich sag euch: Nach dreißig Jahren Internet ist dieses Experiment gescheitert.

Dabei ist das Internet an sich natürlich eine bahnbrechende, revolutionäre Entdeckung, Entwicklung, zweifelsohne. Was gescheitert ist, ist meiner Meinung nach der Versuch, das Internet mit all seinen Möglichkeiten allen Menschen zur Verfügung zu stellen. Die Menschheit ist dem nicht gewachsen.

Wir brauchen kein social media Verbot für Kinder, schaltet es einfach ab! Alles. Cybermobbing, Internetbetrug, deep fakes, Avatare, KI, die Menschen werden immer Möglichkeiten finden, einander zu schaden.

Ich weiß nicht, ob es ausreichen würde, bestimmte Auswüchse gleich Vergeilungstriebe eines Baumes zu kappen, oder ob dann nicht schnurstracks jemand daran herumfriemeln würde um bestimmte Funktionalitäten wieder herzustellen. Ob es reichen würde, das Netz auf ARPA Standard zurückzubauen. Ich glaube, nein.

Ich erinnere mich noch ganz genau an meine ersten Schritte in diesem Internet. Schlecker, eine der ersten eCommerce-Seiten, denen habe ich vor lauter Begeisterung fast die Hälfte meines Monatseinkommens überwiesen! Und die andere Hälfte an ebay. Gut, ich hatte einen Säugling zu Hause, brauchte Windeln, Waschmittel und gebrauchte Kindersachen. Aus den ersten ebay-Kontakten entwickelten sich auch tatsächlich die ersten Internetfreundschaften. So hatte ich fast zehn Jahre ein Brieffreundschaft mit einer Frankfurter Bankerin, der ich Sachen abgekauft hatte. Mittlerweile pflege ich ein, zwei sehr intensive WhatsApp- Freundschaften mit Internetbekanntschaften und unsere Sprachnachrichten sprengen – zumindest bei mir – alles, was an zwischenmenschlicher Kommunikation sonst so läuft. Freundschaft, Zusammengehörigkeitsgefühl, angenommen sein, all das hat mir das Internet geschenkt.

Gut, zur Wahrheit gehört dazu, dass ich auch vorher einen großen Bekanntenkreis hatte und es mir generell leicht fällt, Kontakte zu knüpfen und mich zu vernetzen. Würde ich das also vermissen? Jein. Wir würden Briefe schreiben, Pakete schicken, uns besuchen und telefonieren.

Onlineshopping ist da eine andere Hausnummer. Hundefutter, bestimmte Gewürzmischungen, glutenfreie Backwaren, die im friesischen Hinterland zusammengedengelt werden, neue Turnschuhe für das Jüngelchen, Essig in Großformat für die Wäsche und Saatkartoffeln für den Garten, all das bringt der Amazon Mann, ich gestehe. Könnte ich darauf verzichten? Und würde ich auch?

Ja! Nach allem, was ich höre, lese, beschleicht mich wirklich das Gefühl, das ist es alles nicht wert. Das hat die Menschheit einfach nicht verdient. Wir haben als Gesellschaft bewiesen, nicht gut mit diesen Errungenschaften umzugehen. Missbrauch ist derart eklatant und aufgrund von vorzeitlichen Gesetzeslagen und des Datenschutzes (es ist immer der Datenschutz), ist das Internet immer wieder ein rechtsfreier Raum. Kaum wird hinsichtlich eines bestimmten Strafbestandes eine Möglichkeit der Ahndung gefunden, spriest eine andere Abscheulichkeit, und Opfer und Gesellschaft stehen wieder betroffen (wir sind ja alle so betroffen, immer) davor.

 „Tatsache ist, dass das Internet und süchtig machende Apps in den Händen von Big Tech sind, die sich wenig um die Rechte des Einzelnen oder die Gesellschaft als Ganzes scheren“. (Geert Lovink, Professor an der Uni Amsterdam in seinem Essay „Extinction Internet“)

Wie wäre das dann, wenn das Internet abgeschaltet würde? Einige von euch kennen ja gar kein Leben ohne Internet. Nun, das „Stadtbild“ würde sich verändern, da sich Geschäfte ansiedeln würden. Waschmaschinen, Schuhe, Hundefutter, das alles käufte (Kaufte?) man dann im Fachgeschäft. Sollte eine neue Couch oder Leibwaren, Gewänder jedweder Art benötigt werden, holt man den Otto-Katalog hervor, so dick wie ein Telefonbuch (nein, warte, das kennt ihr ja auch nicht mehr) oder wie eine riesige Bibel, mit furchtbar kleingedruckter Schrift und blättert dann zu den Gardinen oder Couchen. Dann nimmt man die kleine Bestellkarte aus dem Katalog und schreibt die zwölfstellige Artikelnummer der Couch auf den Bestellschein, anschließend trägt man den Bestellschein zum Briefkasten. Und wartet dann. Wahrscheinlich kommt nach zwei Wochen eine Karte in deinem Briefkasten an, auf der steht, dass an dem und dem Tag die Couch geliefert würde, Bordsteinkante, weil Du nichts anderes beauftragen konntest auf dem Bestellschein. Tja.

Jede Person hätte einen Festnetzanschluss mit einer Städtevorwahl, keiner Netzbetreibervorwahl, und während man auf diesem Anschluss telefoniert, ist man auch nicht erreichbar für eine weitere Kontaktaufnahme. Alle schauen zwanzig Uhr fern, Streaming gibt es nicht. Endlich kann man mal wieder über das Fernsehprogramm meckern! Und sich ein Buch nehmen. Oder sich in der Kneipe verabreden, mit echten Menschen. Und: Der Tag wird sich länger anfühlen, jeder Tag.

Bürokratie wird sich nicht sonderlich ändern. Ich weiß von Kommunen, wo noch heute PDFs ausgedruckt, in eine Schreibmaschine gespannt, beschrieben, dann gelocht und abgeheftet werden. Das Internet hat die Behörden sowieso nicht vollumfänglich durchdrungen… also brauchen wir uns da kaum umstellen. Antrag mit drei Durchschlägen, Nummer ziehen, abgeben, warten, alles wie immer. [Hier gedanklich hysterisches Gelächter einfügen]

Wenn nicht jedes Bedürfnis durch drei Klicks von einem Internetdienst erfüllt werden kann, ohne dass Höflichkeitsfloskeln auch nur notwendig wären, dann formen sich vielleicht in unserer Gesellschaft wieder vermehrt zwischenmenschliche Skills. Die Gutmenschen werden nicht schlechter mit weniger Technologie, und den anderen wird einfach das Treiben erschwert.

Ich muss nur noch schnell eine Staffel „Person of interest“ zu Ende gucken, dann bestelle ich einen Festnetzanschluss und von mir aus schaltet es ab, das Internet.

Quelle: Knott Hamburg

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu “Radikaler Rückschnitt

  1. Liebe Rike, ich wäre da sofort dabei. Gibt ja scheinbar keine Lösung, den mißbräuchlichen Umgang mit den digitalen Errungenschaften zu verhindern und/oder ausreichend zu ahnden.
    Welch kluge Worte! Schön, dass Du wieder mal geschrieben hast. Ich habe deine pointierten Beiträge schon sehr vermisst.

    Like

Hinterlasse eine Antwort zu Eva Antwort abbrechen