Pieschen lädt ein

Pieschen lädt ein

„Sankt Pieschen. Weil Pieschen uns heilig ist!“. Vom 30.Mai bis 01.Juni zeigt sich unser Pieschen von seiner schönsten Seite. Dafür öffnen viele Künstler und Galeristen für Neugierige ihre Ateliers. Händler, Gewerbetreibende und Anwohner sorgen für drei erlebnisreiche Tage rund um den Konkordienplatz. Komm vorbei und „Give Pieschen a chance“, dein Herz zu erobern! Klick auf den Flyer um zum Programm zu gelangen. Und nach Pieschen bringen dich am Wochenende die Straßenbahnlinien 4, 9, 13. Vielleicht sehn wir uns?

sanktpieschen

Mein neues Projekt

Mein neues Projekt

So, der „Neue“ ist jetzt sechs Monate alt und es wird frühgefördert, was das Zeug hält! Ich will ja nicht, dass mir jemand das Jugendamt auf den Hals schickt.

Gut, das meiste wird in Personalunion durch mich frühgefördert, aber der gute Wille, Engagement und Einsatzbereitschaft sind vorhanden. Bei mir. Der Kurze findet eigentlich alles blöd, was nicht mit füttern oder rumtragen zu tun hat. Baden, singen, turnen quittiert er…mit Heulen.

Für das gesellschaftliche Leben des „Neuen“ habe ich schon vorgeburtlich gesorgt. So habe ich es praktischerweise eingerichtet, dass im Abstand von drei Monaten in unserem Haus drei Hosenscheißer das Licht der Welt erblickten. Das haben wir Mamis uns gut ausgedacht. Krabbelgruppe, Hausaufgabenbetreuung, Schuleinführungen, Jugendweihen… alles wird im Kollektiv abgefrühstückt. Nun gut, wenn ich das anbetungswürdige Produkt meiner Lenden auf eine beliebige Krabbeldecke im Haus lege, damit er sich mit seinen Kollegen austauscht und gegenseitig im Gesicht des anderen rumpopelt… heult er!

Hm.

Also recherchiere ich Krabbelgruppen. Irgendwie muss er ja in die Gesellschaft eingeführt werden. Und ganz klar: ich habe hohe Ansprüche! Also das Erstbeste kann es nicht werden! Ich drucke das gesamte Internet aus und mache eine Liste mit Krabbelgruppen, Konzepte, Termine, Lage. Synchronisiere den Familienkalender und erstelle einen Projektplan. Gelernt ist gelernt. Ich werde mich sukzessive von der Familienbehausung aus den Radius vergrößernd durch alle Krabbelgruppenangebote der Stadt mäandern. Und euch dann einen dezidierten Erfahrungsbericht liefern! Einer muss das ja mal machen.

Heute Morgen sind wir losgezogen. Nicht weit, Pieschen ist das neue Familienmekka. Kitas und Familienzentren an jeder Ecke. Wir könnten also praktisch das Testing in Hausschuhen absolvieren.

Wir kamen nur eine Stunde zu spät (Was ziehe ich an? Was zieht der Hosenscheißer an? Brauche ich Gläschen? Geld? Wechselwindeln? Nerven?).

Hach, das war nett! Nette Muttis, es duftete nach frisch gebackenen Vollkornbrötchen, nettes Frühstück auf dem Tisch, drei Räume mit allerlei Gedöns zum Spielen, sauber. Niemand hat mich gefragt, wie alt ich bin, ich wollte schon von alleine damit anfangen! Programm? Dreimal Krabbeln in der Woche, dienstags noch Basteln für die Muttis, damit die auch mal was zu tun kriegen für die Hände. Kindersachenbasare, Elternkurse, Kinderturnen am Donnerstag. Namentliche Diversifikation wurde nicht geboten: zwei Emmas, zwei Emils, zwei Karls (zumindest heute Morgen). Gesungen und mit Hölzchen im Takt geschlagen wird auch. Das hatten wir verpasst, wir waren noch auf der Suche nach Mutters Nerven…

Und der Kurze? Hat nicht geheult, sondern fröhlich auf den Tisch gehauen, getrillert und alle vollgesabbert.

Ich muss da am Donnerstag noch mal hin. Und am Freitag. Und wahrscheinlich nächste Woche auch.

Falls jemand immer schon mal einen gut recherchierten Erfahrungsbericht über Krabbelgruppen in Dresden machen wollte, ich hab da schon mal was vorbereitet und einen Projektplan in der Schublade.

Ich hab dafür jetzt leider keine Zeit mehr! Ich habe drei mal in der Woche Krabbeln!

Der Traum vom Eigenheim

…ist nicht meiner. Irgendwie wurde mir da ein Gendefekt vererbt, denn in meiner Familie ist das Häuserbauen, Baumpflanzen und Pfahlwurzelschlagen äußerst verbreitet. Alle gängigen Argumente gegen das Mietertum prallen an mir ab. Ich bin eher Nomaden-  als Wurzeltyp.

Da die meisten unserer Freunde und Bekannten nach und nach das Dresdner Umland besiedeln und Stein auf Stein setzen, kommt auch immer mal wieder beim besten Ehemann von allen das Gefühl auf, wir würden was verpassen.

Mein Standpunkt ist deutlich: Prinzipiell habe ich nichts gegen ein Häuschen in der Vorstadt, zwei Kriterien sollten allerdings erfüllt sein: Es liegt in der Wisteria Lane und Susan Delfino wird meine neue beste Freundin.

Am Wochenende meinte der Beste, wir müssten mal zum Lüften raus, das Baby sieht schon ganz fahl aus. Und immer an der Elbe lang… ach nö langweilig. Lass uns in die Peripherie fahren. Dresden liegt in einem Talkessel und wenn man der Smogglocke entfliehen möchte, braucht man nur in irgendeine Richtung zu fahren und schwupps! steht man in luftiger Höh´auf irgendeinem Hochland.

Strahlendblauer Himmel, Vorfrühlungswetter, wir lustwandeln.

„Ach Schatz, ist das schöööön hier! Kein Flugzeuglärm, keine Verkehrsgeräusche. Höre ich da Vögel?!“

„Keine Kreißsäge, kein Geplärre von irgendwelchen Blagen…“

„Und nirgends Hundekacke! Weib, du kannst den Blick heben, du musst nicht den Fußweg scannen. Es gibt keine Haufen hier. “

„Ob die hier ne eigene Straßen-und Fußwegreinigung haben? Die Straßen sind sauberer als unsere Küche!“

„Guck mal, wie hübsch. Das Haus dort!“

„Nee, das hat ja gar keine Fenster! Das sind Schießscharten. Sieht aus wie der Föhrerbonker, gleich kommt Blondi um die Ecke.“

„Oh Gott, was ist das?! Iiiih, ich krieg Augenkrebs. Dort! Ein quietschgelbes Fertigteilhaus mit blauen Fenstern! Ganz klar, die hatten einen Sponsorenvertrag mit einem schwedischen Möbelhaus.“

„Genau, das Haus wurde dann bestimmt auch mit ´nem Imbusschlüssel zusammengeschraubt!“

„Aber eine schöne Skulptur haben die im Garten.“

„Soll wahrscheinlich ein Wildschwein beim Kacken darstellen…“

„Und das Modell hier heißt bestimmt ´Biedermanns Träumchen´. Boah, ist das hässlich. Hier wöllte ich nicht tot überm Zaun hängen!“

„Weißt du, was ich mich frage? Wo sind denn die ganzen Leute? Niemand hier. Kein Kind draußen im Garten?! Seltsam.“

„Die stehen hinter ihren hässlichen Gardinen und beobachten uns. Die wissen bestimmt schon, dass wir hier rumschleichen!“

„Ach, hör auf! Aber gespenstig ist das schon. Du sag mal, brauchen wir noch Milch?“

„Hä?“

„Na dort hat jemand eine Kiste Milch zum Mitnehmen rausgestellt.“

„Also bitte, du bist hier nicht in Pieschen! Das ist nicht zum Mitnehmen, das hat wer vergessen reinzuräumen, als er die Einkäufe verstaut hat. Überhaupt, das stell ich mir schwierig vor…“

„Stimmt, kein Lidl um die Ecke, kein Späti, nicht mal ne Tankstelle!“

„Und keine Kneipe weit und breit. Hier trinkt jeder auf der Couch vorm Fernsehen. Oder im Bastelkeller des Nachbarn.“

„Das ist so still hier…unheimlich.“

„Naja, nicht gleich still! Deine Stimme ist laut und deutlich zu hören! Aber sonst, stimmt.“

„Hm.“

„Hm.“

„Also ich bin gelüftet, und du?“

„Ja, komm, lass uns heimfahren!“

„Na, sooooo schön war das hier wirklich nicht. Nächstes mal wieder Elbe?“

„Nu.“

 

Frei nach John Lennon: Give Pieschen a Chance!

Frei nach John Lennon: Give Pieschen a Chance!

Dass Dresden die schönste Stadt der Welt ist, daran besteht kein Zweifel. Zumindest bei den Dresdnern. Auch, was die Schönheit der einzelnen Stadtteile angeht. „Willst das Leben du genießen, zieh nach Loschwitz oder Striesen!“ ist ein bekanntes geflügeltes Wort. Wobei, Loschwitz ließe sich bestimmt auch durch Zschachwitz oder Blasewitz austauschen. Überhaupt scheint  jeder Stadtteil mit „witz“  im Namen als Lebens-und Niederlassungsstandort per se empfehlenswert zu sein. Darüber ist man sich einig.

Bla-se-witz, Klein-zschach-witz. Drei Silben, klangvoll und majestätisch. O-ber-losch-witz, sogar vier Silben! Dagegen Mickten, Pieschen… hört sich an wie ein Knacken im Ohr. Nur zwei Silben, die Vokale waren wohl alle, der letzte wird in Sachsen quasi stumm gesprochen. Doll ist das nicht.

„Wenn du so weitermachst, kommste irgendwann nach Altpieschen Neune!“ war bis in die Siebzigerjahre ein Ausspruch dafür, dass aus einem wohl rein gar nichts werden wird. Altpieschen Neun war in den Nachkriegsjahren eine Auffangstation für familienlose Kriegsheimkehrer und später Obdachlosenasyl. Wobei das Arial architektonisch sehr schön gestaltet wurde durch den Dresdner Stadtbaumeister Hans Erlwein und mittlerweile auch liebevoll saniert. Aber ein schlechter Ruf klebt eben wie Pech und Schwefel.

Nach Pieschen hat es uns aus einer Not heraus verschlagen. Der Wohnungsnot. In Striesen aufgewachsen und verwurzelt, bin auch ich der Meinung gewesen, nirgendwo anders könnte ich leben! Aber mit dieser Meinung stand ich nicht alleine da. Bei jedem Maklertelefonat sorgte ich für pure Erheiterung („WAS suchen sie?! Vier Zimmer, Wohnküche, Balkon oder Garten? In Striesen?! Hihihihihahahaha!“).

Und da sind wir nun. In Pieschen. Und würden für nichts auf der Welt wieder weg wollen!DSCN1336

Als meine Eltern vor einigen Jahren ihr Häuschen auf dem Dresdner Umland aus Altersgründen verkaufen wollten, ging es auf die Suche nach einer geeigneten Eigentumswohnung in der Stadt. Schön sollte es sein, zentral sollte es sein, grün und infrastrukturell ausgebaut. Idiotischerweise habe ich den Vorschlag gemacht, sie könnten doch in unserer Nähe suchen! „Wohin soll ich ziehen? Nach Pieschen?! Das kann nicht dein Ernst sein!“ höre ich meine Mutter noch heute. Und in der Tat wirken sie etwas deplatziert, wenn sie mit ihrem auf Hochglanz polierten weißen SUV – was man so braucht als rüstiger Rentner in der Großstadt – bei uns auf der Straße parken und zehn Meter laufen müssen („Warum habt ihr keinen Parkplatz auf dem Grundstück?!“, „Weil wir einen Garten haben!“). Ich sehe meine Mutter buchstäblich vor mir, wie sie adrett gekleidet mit einem Seidenschal um den schlanken Hals  und einer steifen Brise „Chantal No.5“ oder „Shakira No.6“  über dem feinsäuberlich ondulierten Kopf wehend durchs Gartentor kommt und schnattert: „Hier weißt du gar nicht, wo du laufen sollst! Überall dieses Hundekacke!“. Spricht´s und zieht ihren Cockerspaniel hinter sich her.

Naja, am Ende haben sie doch noch eine hübsche Wohnung gefunden, in der sie sich sehr wohl fühlen.

In Gorbitz.

(Schenkelklopfer! Den verstehen leider nur Dresdner.)