Dieser Weg wird kein weicher sein…

Dieser Weg wird kein weicher sein…

Laufen ist gesund. Fürs Herz-Kreislauf-System, die Durchblutung, die Figur zum Beispiel. Also auf Waldboden. Auf dem Asphalt ist es ungesund. Für die Gelenke und die Knie zum Beispiel. Sagt das Internet. Und Laufexperten.

Ich bin trotzdem ein Straßenläufer. Warum? Nun, ich stamme vom Rotkäppchen ab. Ziemlich sicher. Immer wenn ich den geraden Weg verlasse, verliere ich auch mein Ziel aus den Augen. Ich hoffe, ich habe keine Großmutter auf dem Gewissen und vorsichtshalber nehme ich auch nie Wein und Kuchen mit zum Laufen.

Ich renne also brav auf dem Elberadweg und schaue nicht nach links (oder rechts) runter zum Fluss, wo nur ein paar Meter weg von mir ein Ufer, ein Strand, ein weicher Trampelpfad lockt. Vor allem mit Ablenkung! Ich bin stark. Ich bleibe stark.

Ich kann nicht immer stark sein…

Und so fragt der Bärtige stets mit den Händen in den Hüften, wenn ich vom Laufen heimkomme: „Und? Warst du heute Sport machen oder hast du nur mit dem Handy rumgeknipst und Blumen gepflückt?“.

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…Die Dresdner Heide liegt ja auch nur einen Katzensprung entfernt von Pieschen und lockt mit ihren elastisch-saftigen Waldböden. Das ist leider keine Alternative für mich. Äste, Moos, Pilze, Beeren, Zapfen… ich denke, ihr könnt es euch vorstellen.

(K)ein stilles Örtchen

Bei uns ist immer Krach. Wir reden und rennen den ganzen Tag durcheinander und hintereinander her. Je mehr Leute anwesend sind, umso lauter ist es und umso mehr wünsche ich mir paar Minuten Stille…

…hoffnungslos.

Wenn ich durch die Wohnung laufe, grölt aus dem einen Kinderzimmer ein Typ namens Alligator, er sei „geistig behindert vor Liebe“, drei Meter weiter tönt ein Gitarrenbarde aus dem anderen Kinderzimmer „Zum Leben geboren, dem Glück anvertraut…“ und weiter hinten in der Küche plätschert das blöde Internetradio auf einem Kanal namens „Bay smooth Jazz“ irgendwas von „Sittin´on the beach und watching irgendwas, wahrscheinlich the Sonnenuntergang und the Wellen“. Arschloch.

Nichts davon will ich hören. Meine Mitbewohner stehen allerdings aus mir unerklärlichen Gründen auf Gedudel.

Wenn ich die Küche durchquere um auf dem Balkon Ruhe zu finden, wird’s ganz schlimm. Wir wohnen in direkter Nähe zu einem freikirchlichen Kinder-und Jugendhaus. Das ist an sich (und für die Kinder) eine super Sache. Für mich als Nachbar eher nicht. Es wohnen da junge Mädchen, die machen vielleicht ein freiwilliges christliches Jahr oder so. Sie wechseln jedenfalls. Diese Mädchen werden meiner Meinung nach aus der „Outtakes“-Schublade von Bohlens DSDS-Comedy Show rekrutiert. Ich kann es mir nicht anders erklären! Gemein ist nämlich allen, dass sie überhaupt nicht singen können, aber dies trotzdem den ganzen Tag tun. Und Gitarre spielen. Also so, wie es klingt, wenn ich mir eine Klampfe umhänge und einfach mit den Fingernägeln drüberschramme. So klingt das. Dazu ein schiefer Mädchengesang voller Misstöne:

„Und darum jubel ich dir zu. Jaja, der Schö-höpfer bist du-huhuhu. Oh yeah-hä!“. Schramm-schramm.

Die Gitarrenlady wurde jetzt ausgetauscht durch eine mit Keyboard. Leider lässt sich das auch auf die Dachterrasse hieven. Immerhin kann die Keyboard-Lady drei Töne.

„Vom Anfang bis zum Ende hält Gott seine Hände über mi-hisch und über di-hisch!“

Ich hab ja keine Ahnung, aber ich glaube, Gott hält seine Hände hauptsächlich weinend an die Ohren.

Wenn ich also mal auf dem Balkon sitze und eine Zigarette rauche, beschallt von den Gottesanbeterinnen (Darf ich das ausnahmsweise sagen?), dann denke ich: Stimmt, Rauchen ist schädlich. Man bekommt Ohrenschmerzen davon!

Bei den Freikirchlern ist auch so den ganzen Tag Trubel. Wenn der Gesang nicht durch jede Ritze quillt, dann das Geschreie der jugendlichen Gäste:

„Ey, du *piep*, komm rüber! Ich *piep* dich bis du *piep*!“

Unser Schlafzimmer liegt zur anderen Seite. Mein Lieblingsraum. Ich bin ja immer müde. Ich kann auch immer schlafen. Theoretisch! Praktisch ist es einfach nur laut! Irgendein Haus wird immer saniert, irgendeine Wohnung braucht neue Dielen. Irgendwelche Blätter müssen weggesaugt werden, Äste abgesägt oder Wände durchlöchert werden. Iiiiiieju Iiiiieju. Wenn ich mittags dort so liege, dauert es auch nicht lang, dann kommt der Auftritt der Müllmänner. Rörörörörörö. Laufender Motor vor unserem Haus. Rumpelrumpelrumpelrumpel. Die Tonnen. Knallknallknallknall. Die Tonnen ordentlich gegen das Auto rungsen. Ratterratterratterratter. Die Tonnen wieder zurück. Pfffffffffffft. Jetzt fährt er los. Drei Meter. Dann wieder: Rörörörörörör und alles von vorn.

Das dauert. Ich liege bittend wach, der Babylino möge nicht erwachen! Ich brauch doch mal ein bisschen Ruhe!

Kaum ist das Müllauto nicht mehr zu hören, Auftritt der Müllidioten. Also alle mülltonnenbeauftragten Nachbarn der umliegenden Häuser. Ratterratterratterratter. Die Tonnen müssen ja wieder zurück ins Grundstück! Ratterratterratterratter. Nein, das kann nicht warten bis Nachmittags! Ratterratterratterratter.

Noch nicht mal auf dem Klo hab ich Ruhe. Wenn ich irgendeine Tür vor dem Blondino zumache, quietscht der vor Verzweiflung in einer Tonlage, die an Fingernägeln auf Schultafel erinnert. Also muss er mit rein. Und er nimmt stets „seine“ Position am Ort des Geschehens ein: Frontal vor mir, die Händchen auf meine nackten Knie gepatscht, der Blick fest auf meine Augen gerichtet und dann Drückgeräusche nachahmen: Ah. Ah. Ah. Ah.

Also, ich kann so nicht!

Ich finde nirgendwo Trost und Mitgefühl. Gestern erzählte ich zum Beispiel dem Bärtigen, dass ich wohl nicht mehr lange hätte. Meine Beine würden schmerzen und Google diagnostiziert eine Trombose oder ein Herzleiden. Vermutlich hätte ich aber beides… Er schaut mich ernst an. Dann haut er mir auf den Schenkel und sagt, ich müsse nur mal oredentlich KACKEN gehen! Gröhl. Außerdem nimmt er meine chronische Obstipation zum Anlass, um sich vor der Tür in Position zu stellen, sobald ich auch nur drei Sekunden im Bad bin. Dann fragt er höhnisch, ob ich schön würsteln würde?! Und wie´s denn so läuft?! Und macht das Baby nach: Ah. Ah. Ah. Ah.

Wenn ihr mich also sehen solltet, wie ich mit einer Packung Trockenpflaumen und Ohropax bewaffnet irgendeine öffentliche Toilette ansteuere: Bitte nicht ansprechen! Nein, wirklich. Ich möchte nicht darüber reden!

Ich will doch nur mal fünf Minuten Ruhe!

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Pieschen lädt ein…

Pieschen lädt ein…

… zum Stadtteilfest „Sankt Pieschen“, seit einigen Jahren von Pieschnern als nichtkommerzielles Straßenfest und Pendant zum Pieschner Hafenfest organisiert.

Hier gehts zum Veranstaltungsflyer. Vielleicht wolltet ihr schon immer mal den Kirchturm der Markuskirche besteigen, mal wieder ein Puppentheaterstück besuchen oder überhaupt mal gucken, wie Pieschen sich so gemausert hat. Am kommenden Wochenende habt ihr dazu Gelegenheit!

Für Kinder allen Alters wird an verschiedenen Standorten jede Menge geboten: Pferdereiten, Spiele, Hüpfburg, Boulderwand, Schminken, Puppentheater…

Das ganze Festareal ist fußläufig sehr gut zu erkunden und vor allem mit den öffentlichen Verkehrsmitteln (Bahn Linien 4, 9 und 13 bis Oschatzer Straße) komfortabel an den Rest der Stadt angebunden.

Wenn ihr Tipps braucht für die Großen, ich würde mich beim Savoir Vivre blicken lassen auf der Bürgerstraße, beim Hackenberg auf der Oschatzer Straße einen selbstgekelterten Wein probieren und abends in der Torgauer Straße rumlümmeln, die Hausgemeinschaften dort habens am nettesten 🙂 Ach, und der Biergarten auf der Konkordienstraße im Hof der Autowerkstatt ist super! Leckerstes Essen und klasse Musik. Wer dann noch Taschengeld übrig hat, die Pieschner Ateliers öffnen ihre Türen und bieten Selbstgekünstlertes an. Unbedingt einkehren solltet ihr auch bei Dresdens allerbestem Eisladen, Nepple´s auf der Torgauer Straße! Egal, was ihr euch an Steaks und Würsten schon einverleibt habt, ihr könnt Pieschen nicht verlassen, ohne ein Nepple-Eis geschnabbert zu haben.

Ihr kommt doch vorbei, oder?

Ach, und einen Schwank zum Thema Stadtteilfest muss ich noch loswerden… die Schwiegermutter hatte uns vor einigen Jahren nach Johannstadt zum dortigen Stadtteilfest dringendst eingeladen. Weil, im Haus der Kulturen würden die Afrikaner Krebs zubereiten! Aha, dachten wir, das ist doch mal was anderes als die Wurschtbemme sonst. Aber nix da, keine Afrikaner und keine Krebse. Wirklich durchschnittliche ur-sächsische Dresdner standen da an einer Bude und bereiteten was? Genau, Crêpe! Dann doch lieber ne anständige Wurscht vom Grill in Pieschen, oder?

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Warum ich wirklich in Pieschen wohne…

Ich wohne gern in Pieschen. Meistens. Warum es mich hierher verschlagen hat, kann man hier nachlesen.

Aber vielleicht ist das ja gar nicht die ganze Wahrheit, wer weiß?

Folgende Begebenheit geriet uns die Tage wieder ins Gedächtnis und mittlerweile kann auch ich darüber lachen.

Zwei unschöne Dinge korrelierten, konglomerierten quasi und gipfelten in einer Situation, die mich damals in allergrößte Erklärungsnot brachte und möglicherweise dafür sorgte, dass wir weit weit weit weg von Dresden-Striesen eine neue Heimat suchten:

Zum Einen die Unart meines damals etwa neunjährigen Sohnes, spätnachts heimlich mein Bett zu entern. Und zum Anderen meine eigene Unart, nach dem fragwürdigen Genuss von Kochsendungen im Privatfernsehen vor der laufenden Glotze wegzuratzen.

Jedenfalls erklärte der Sohn eine Zeitlang allen Nachbarn, der Besitzerin des Getränkemarktes an der Ecke, der Bäckersfrau, seiner Lehrerin und jedem anderen Menschen, der mit uns irgendwie ins Gespräch kam:

„Meine Mama guckt jede Nacht schwule Frauen im Fernsehen! Die reiben ihre Brüste aneinander!“

Guten Morgen Pieschen!

Guten Morgen Pieschen!

Ich nehme Euch mit auf meinen Morgenlauf. Nur noch schnell die Schuhe anziehen…

Das ist doch alles Scheiße hier!

Das ist doch alles Scheiße hier!

Foto 2-23Pieschen ist dreckig. Foto 3-20

Überall Kacke. Ich nehme an, hauptsächlich von Hunden. Aber mit der Kacke ist das so eine Sache, mittlerweile sehe ich die gar nicht mehr. Die guckt sich irgendwie weg. Ich stelle mir vor, das ist, wie wenn der Beste behauptet, ich hätte keine Falten oder sagt: „Bauch? Du hast keinen Bauch. Ich seh nur Brüste!“. Die negativen Dinge verblassen bei dem Anblick von etwas Herzerwärmendem. Ich persönlich mag auch am liebsten Menschen, die auf den achten oder zwölften Blick schön sind und durch ihr Wesen immer schöner werden, je länger man sie kennt. Pieschen ist nichts für Touristen. Eher was für Liebhaber. Aber je länger ich bleibe, umso lieber habe ich das Viertel! Foto 3-12Während ich routiniert in Schlangenlinien den Fußweg-Parcours passiere, fällt mir auf, dass wir die vermutlich meisten Künstler-Ateliers in Dresden haben, im Umkreis von zweihundert Metern drei Thai-Massagesalons (manchmal mit echt thailändisch aussehenden Vietnamesinnen), wunderschöne Spielplätze, eine alte Streuobstwiese an der Bibliothek, einen Hafen. Ja, sogar einen Yachthafen hat Pieschen! Die schönste Fahrradbrücke Foto 2-27Dresdens. Eine türkische Bäckerei gegenüber eines

portugiesischen Lebensmittelladens, nachbarschaftlich zu einem französischen Feinkostgeschäft. Das allerbeste Puppentheater der Stadt, unzählige Kitas. Beim allerbesten Fleischer der Stadt gibts auch Bio-Gemüse und an Fasching selbstgebackene Pfannkuchen mit Pflaumenmusfüllung… und einmal im Jahr den allerbesten Gänsebraten mit schlesischen Klößen. Wir haben einen Gemeinschaftsgarten, eine Tanzschule. Wenn ich mit einer Handarbeit nicht weiterkomme, gehe ich (wenn es sich um was Wollenes handelt) auf die Oschatzer Straße und frage um Rat. Aktuell gibts dort Strick- und Nähkurse für Ferienkinder. Ist es was Genähtes, dann hilft man mir im schönsten Stoffladen der Stadt (Emily´s Nähstübchen) weiter. Exklusive Kinderklamotten gibts ebenso wie einen Herrenmaßschneider. Foto 5-7Vier Second-Hand-Läden fußläufig, leider (aktuell) kein Foto 3-21Schwimmbad (mehr), aber dafür eine Ayurveda-Praxis und einen Buchladen, in dem es nur drei Preise gibt: 0,50€, 1,00€, 1,50€. Und das sogar auf Neuware! Das allerbeste Eis der Stadt gibts auch in Pieschen (und den bestimmt originellsten Eisverkäufer der Welt gibts gratis dazu). Das beste Brauhaus der Stadt befindet sich…in Pieschen! Im Winter gibts beim Elbcenter am blauen Eiswagen dicke heiße Waffeln am Stiel, die soooo lecker sind, dass ich mir über die Wintersaison ein Waffelpolster anfresse. Egal, was ich brauche oder wohin ich will, alles ist fußläufig erreichbar und für Faule notfalls mit der Straßenbahn. Der Elberadweg ist einen

Text an einer Pieschner Haustür; unbekannter Autor

Text an einer Pieschner Haustür; unbekannter Autor

Steinwurf entfernt, ebenso die S-Bahn, die Autobahn, der Elbepark.

Manch einer sieht hier überall nur Kacke. Ich seh einen bunten Stadtteil mit ganz viel ❤ …und Hundekacke. Und ich passe hier super hin!Foto 4-7

 

Der Konzept-Supermarkt

Ich würde ja so gern im Bioladen einkaufen, beim Demeter-Bäcker und das artgerecht gezogene Gemüse den Häschen auf dem Bio-Hof unter den Schnuten wegklauen…

Ich wohne aber in Dresden-Pieschen. Ich müsste den Stadtteil verlassen und längere Anfahrtswege in Kauf nehmen, um derlei raffinierte Lebensmittelverkaufsstellen anzusteuern. Und dazu bin ich zu faul. Meistens.

Als Frischzugezogene hatte ich allerlei Probleme mit der Lebensmittelbeschaffung, war ich doch eine zweistöckige Kaufhalle (der Alt-Ossi geht auch nach fünfundzwanzig Jahren noch in die „Kaufhalle“) gewöhnt und mehrere Bioläden und Reformhäuser buhlten um meinen Geldbeutel. Dort drüben. Auf der anderen Seite der Elbe.

Wir wohnen jetzt in direkter Nähe zu einem Supermarkt, der in Pieschen mit einer Dichte von zwei pro Quadratkilometer quasi die Marktherrschaft an sich gerissen hat. Für Ortsunkundige wirkt das Ambiente etwas befremdlich, ist der Markt doch morgens, mittags und abends belagert von Menschen. Nein, sie stehen nicht in einer Schlage, das fände ich ja noch plausibel (Kaufhalle-Schlange-normal. Kennen wir ja von früher!). Diese Menschen sitzen und stehen mit Erfrischungsgetränken in der Hand ohne erkennbaren Grund vor dem Markteingang. Ich habe mich mit (ebenfalls zugezogenen) Freunden unterhalten, die in Sichtnähe zum Markt Nummer zwei wohnen: Jap, auch da das gleiche Bild.

Das brachte mich zu der Erkenntnis: Das gehört zum Konzept! Diese Leute müssen Mitarbeiter sein. Niemand steht doch freiwillig einfach so den ganzen Tag vor einem Supermarkt. Ihr etwa?

Ich sehe vor meinem inneren Auge die Stellenausschreibung:

„Wir suchen für die Neueröffnung unseres Marktes in Dresden-Pieschen zehn Außendienstmitarbeiter (Vollzeit) im Bereich Rumlungern Kundenakquise. Bevorzugt Bewerber mit Hund!“

Ich muss sagen, ich habe mich mittlerweile an den Konzept-Supermarkt gewöhnt. Und nicht nur das, der Unterhaltungswert des Einkaufserlebnisses übersteigt eine nachmittägliche real-life-Doku-Soap im Privatfernsehen um Längen!

Heute hatten zwei Rastafaris Dienst vor dem Markt. Beide barfuß, tanzten sie nach einer Musik, die nur sie hören konnten. Einer hatte eine Gitarre über den Rücken geschnallt, aber die Musikdarbietung hatte ich offensichtlich verpasst (ich muss mir merken, das nächste Mal nach dem Veranstaltungskalender zu fragen). Der andere hatte dafür sehr schöne und viele Taubenfedern in seinem Haarturban. Sie lachten fröhlich und tanzten zur Unterhaltung der Besucher. Außerdem waren noch mehrere Außendienstmitarbeiter da, die vermutlich Doppelschichten geschoben hatten und sehr müde wirkten. Ich vermisste etwas die bärtige Frau mit der „natural wet-look“-Frisur, vor der sich mein Sohn schrecklich fürchtet, aber die hatte wohl frei.

Neben der Schwingtür verlangte ein Plakat nach meiner Aufmerksamkeit. „Wir suchen dich!“, darunter eine fröhlich lächelnde junge Frau, die ein monströses Reinigungsfahrzeug vor sich herschiebt und (durch ein T-Shirt mit dem Marktlogo zu erkennen) auch irgendwann mal zum Team der Kaufhalle gehört zu haben schien. Mich machte das traurig. Wo ist sie? Und wie lange wird sie schon vermisst?

Beim Eintreten durch die Schwingtür und dem Blick auf den Boden wird mir klar: Schon länger… Bitte melde dich!

Im Markt selber das übliche Durcheinander in den viel zu engen Gängen. Ein fröhliches „Hallo alle miteinander!“ auf den Lippen stürzte ich mich mit meinem Kinderwagen ins Gedränge. Verkehrsregeln werden hier prinzipiell missachtet, wer von rechts kommt kommt von rechts und hälts Maul oder wir sehn uns draußen, mein Freund! Akkustisch erinnert es an eine wilde Party in einem Getränkemarkt. Gelächter, Gegröle, Geräusche von aneinanderstoßenden Glasflaschen. Auf dem Fließband an der Kasse schepperts in einer Tour! Ich knalle selbstverständlich und mit Schmackes auch mein Sonnenblumenöl und meine Essigflasche auf das Band, um meine Zugehörigkeit durch Flaschenklappern zu demonstrieren. Bin vollständig assimiliert!

Olfaktorisch und haptisch wird auch einiges geboten. Während man sich auf dem Weg zur einzigen geöffneten Kasse durch den gesamten Laden schlängelt, wird geschoben, gedrückt, hin- und hergeschubst, ausgedünstet und zwangsweise eingeatmet, was das Zeug hält. Das Schlangestehen in meinem Konzept-Supermarkt kann glatt als Angstexpositionstraining für Sozialphobiker durchgehen.

Auch Kontaktanbahnung ist Bestandteil des Konzeptes. Nähe zum Kunden wird nicht nur beim in-der-Schlage-Stehen großgeschrieben. Auch wird gern untereinander das Gespräch gesucht: „Machen Gopp zu, du bleeder Arsch!“, „Isch gomme glei rüber! Bass bloß off, du Vochel!“.

Aufpassen muss auch ich. Heute grabschte in der Schlange eine schwielige Hand mit Nageldesign im Grunge-Look in den Kinderwagen und mit den Worten: „Nu, du bist or ä sießer, gleener Scheißer!“ wollte jemand mein Baby anfummeln! Da habe ich interveniert:

„Don´t touch, sonst Klatsch!“

Hat er verstanden. War wahrscheinlich ein Mitarbeiter des supermarkteigenen Kinderanimationsclubs. Und wir wissen ja, die übertreiben manchmal ein wenig…